Essay

Die Schnittstellen

Rhetorik und Eidolopoietik im klassischen System

Von Nadia J. Koch


1 Vor­über­le­gun­gen

Als Tübin­ger For­scher um Gert Ueding in den 1990er Jah­ren began­nen, das moder­ne Wis­sen zur rhe­to­ri­schen Dis­zi­plin im »His­to­ri­schen Wör­ter­buch der Rhe­to­rik« (1992–2012) zu bün­deln, ver­stan­den sie sich vor allem als Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler. Lem­ma­ta, die Brü­cken von der Rhe­to­rik zu den Bild­me­di­en schla­gen, nahm das »His­to­ri­sche Wör­ter­buch« daher nur weni­ge auf. So zeigt etwa der im zwei­ten Band erschie­ne­ne Arti­kel »Bild, Bild­lich­keit« exem­pla­risch, wie bei einem zen­tra­len Begriff der Ide­en- und Kul­tur­ge­schich­te kaum mehr als eine knap­pe Begriffs­ge­schich­te, in die­sem Fall von eikon und ima­go, mit eini­gen rhe­to­ri­schen Text­be­le­gen gebo­ten wird.[1] Es ist offen­sicht­lich, dass sich so kaum struk­tu­rel­le Gemein­sam­kei­ten zwi­schen Rhe­to­rik und den Küns­ten auf­de­cken lie­ßen, son­dern dass nur eini­ge weni­ge Bild­kon­zep­te in den Blick tra­ten, die mit rhe­to­ri­schen Aspek­ten auf­war­ten kön­nen. Wenn die Autoren sich zum Bei­spiel mit dem wich­ti­gen Male­rei­trak­tat Leon Bat­tis­ta Alber­tis befas­sen, so suchen sie nur nach rhe­to­ri­schen Ein­flüs­sen auf Ein­zel­pas­sa­gen anstatt sich mit der Rhe­to­ri­zi­tät von Alber­tis Bild­be­griff aus­ein­an­der­zu­set­zen.[2]

20 Jah­re spä­ter kon­zi­piert der­sel­be Her­aus­ge­ber für den­sel­ben Ver­lag eine neue Rei­he von »Hand­bü­chern zur Rhe­to­rik«, die nun sys­te­ma­tisch ange­legt sind.– Und die zuvor ver­nach­läs­sig­te Ver­bin­dung zwi­schen Rhe­to­rik und Kunst gewinnt beträcht­lich an Ter­rain: Die Bän­de zur Rhe­to­rik der Anti­ke und der Medi­en geben mehr­fach auch den Küns­ten Raum, ganz zu schwei­gen vom Ein­zel­band »Rhe­to­rik und Bil­den­de Kunst«, der eben­die­ser Ver­bin­dung eine his­to­ri­sche Per­spek­ti­ve von der Anti­ke bis in die Moder­ne eröff­net.[3] Was war in der Zwi­schen­zeit gesche­hen? Nach der Fall­stu­die des Semio­lo­gen Roland Bar­t­hes »Rhé­to­ri­que de l’image«[4] wur­de das The­ma erst­mals in Tübin­gen im Jahr 2002 inter­dis­zi­pli­när ange­gan­gen. Das ers­te und vor­erst letz­te Mal ver­such­ten Kunst­wis­sen­schaft­ler, Phi­lo­so­phen, Rhe­to­ri­ker und Phi­lo­lo­gen ihre Wege zur Bild­rhe­to­rik im inter­dis­zi­pli­nä­ren Dia­log zusam­men­zu­füh­ren.[5] Rück­bli­ckend kann man kon­sta­tie­ren, dass die­ser Auf­bruch zur Bild­rhe­to­rik zwi­schen­zeit­lich von einer ande­ren geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Wel­le über­rollt wur­de, näm­lich dem »ico­nic turn«. Die­je­ni­gen, die zuvor an der Rhe­to­ri­zi­tät des Bil­des wie an der bil­der­zeu­gen­den Kraft der Rede ein For­schungs­in­ter­es­se gezeigt hat­ten, wand­ten sich nun ganz dem Bild zu. Die­se Bewe­gung ging so weit, dass ein genu­in rhe­to­ri­sches Phä­no­men wie der Sprech­akt nun auch für den Bild­dis­kurs rekla­miert wird – ich spre­che von Horst Bre­de­kamps »Bild­akt«.[6]

2 Das anti­ke Tech­ne-Kon­zept

Was kann die klas­si­sche Rhe­to­rik zu unse­ren moder­nen Fra­gen an das Bild bei­tra­gen? Zur Unter­su­chung die­ser Fra­ge möch­te ich in der Sophis­tik des 5. Jahr­hun­derts anset­zen und einen uni­ver­sel­len Denk­an­satz in den Blick neh­men, der mir als Aus­gangs­punkt einer visu­el­len Rhe­to­rik frucht­bar erscheint. Dort ist ein Kon­zept zu loka­li­sie­ren, dem sowohl die Rede- wie auch die Kunst­pro­duk­ti­on fol­gen, die soge­nann­te »vor­pla­to­ni­sche Theo­rie von der Tech­ne«.[7] Die von Felix Hei­ni­mann erschlos­se­ne Theo­rie ist nicht auf die Klas­sik beschränkt, son­dern wur­de in ver­schie­de­nen Pha­sen der Anti­ke immer wie­der aktua­li­siert, nicht zuletzt in der Zwei­ten Sophis­tik der Kai­ser­zeit. Über­lie­fe­rungs­ge­schicht­lich ist die Zwei­te Sophis­tik wie­der­um das Nade­l­ör, durch das, um im Bild zu blei­ben, die Kame­le der anti­ken Kunst­theo­rie und der Rhe­to­rik in die Neu­zeit trans­fe­riert wor­den sind.

Hei­ni­mann hat­te sei­ner­zeit, 1961, vier Kenn­zei­chen her­aus­ge­ar­bei­tet, die die Tech­ne in der Sophis­tik zu erfül­len hat:[8]
1. sie hat das Ziel, Nütz­li­ches zu schaf­fen;
2. sie hat eine spe­zi­fi­sche Leis­tung, ergon (z. B. Medi­zin: Gesund­heit);
3. das Wis­sen ihres Sach­ver­stän­di­gen dient nur dem ergon;
4. sie ist lehr­bar.

Wen­den wir die­se Kri­te­ri­en auf die Rhe­to­rik und die Küns­te an, so wäre davon aus­zu­ge­hen, dass Reden und Bil­der von all­ge­mei­nem Nut­zen sind.