Essay

Elemente, Paradigmen, Medien

Bausteine für ein Nachdenken über Technik

Von Michael Kuhn


In die­sem Bei­trag soll für eine spe­zi­fi­sche Betrach­tungs­wei­se der Tech­nik gewor­ben wer­den. Es geht um die Fra­ge: Wie kann Tech­nik gedacht und über Tech­nik nach­ge­dacht wer­den? Und natür­lich damit ver­bun­den: Wie kann über Tech­nik gespro­chen wer­den?[1] Dabei geht es mir nicht um ein mög­lichst all­ge­mei­nes Tech­nik­ver­ständ­nis, etwa im Sin­ne eines umfas­sen­den sozio­tech­ni­schen Sys­tems[2], son­dern um Tech­nik, wie sie in ein­zel­nen Arte­fak­ten und Pro­zes­sen rea­li­siert ist[3]; allein in die­sem Sin­ne wird im Fol­gen­den der Begriff »Tech­nik« gebraucht. Dies ist eine bewuss­te Ein­schrän­kung. Ich möch­te nicht bestrei­ten, dass ein­zel­ne Tech­ni­ken immer in grö­ße­re sys­te­mi­sche Zusam­men­hän­ge ein­ge­bun­den sind und mit diver­sen öko­no­mi­schen, poli­ti­schen und sozia­len Fak­to­ren wech­sel­wir­ken. Ent­spre­chend wird im wei­te­ren Ver­lauf die­se Wech­sel­wir­kung unwei­ger­lich am Ran­de berührt.

Für die ange­streb­te Betrach­tungs­wei­se wer­den ver­schie­de­ne Theo­rie-Bau­stei­ne zusam­men­ge­tra­gen. Die­se Bau­stei­ne sind – je mit Blick auf die Tech­nik – »Auf­bau aus Ele­men­ten«, »Prä­gung durch Para­dig­men« und »Gestal­tung in Medi­en«. Die genann­ten Bau­stei­ne sind selbst nicht neu und an diver­sen Stel­len in der Lite­ra­tur zu fin­den, wie ich exem­pla­risch zei­gen wer­de. Aller­dings wer­den die­se Aspek­te meist ein­sei­tig ins Feld geführt, was die resul­tie­ren­den Tech­nik­kon­zep­tio­nen min­des­tens unvoll­stän­dig macht. Im Fol­gen­den wer­den die genann­ten Bau­stei­ne nach­ein­an­der vor­ge­stellt und kri­tisch dis­ku­tiert sowie am Ende zu einem Gesamt­bild zusam­men­ge­führt. Zuletzt wird dafür argu­men­tiert, dass das Den­ken in der genann­ten Tri­as diver­se theo­re­ti­sche und prak­ti­sche Vor­tei­le mit sich bringt.

Bau­stein 1: Auf­bau aus Ele­men­ten

Kon­kre­te tech­ni­sche Arte­fak­te und Pro­zes­se sind immer aus ver­schie­de­nen Ele­men­ten auf­ge­baut. Betrach­ten wir zuerst ein­fa­che tech­ni­sche Gegen­stän­de in der Form mecha­ni­scher Vor­rich­tun­gen. Bereits anti­ke Autoren stell­ten fest, dass sich ihre mecha­ni­schen Tech­ni­ken auf »ein­fa­che Maschi­nen« oder »Basis­me­cha­nis­men« zurück­füh­ren las­sen[4]. Je nach Quel­le sind die­se ein­fa­chen Maschi­nen z. B. Seil bzw. Stab (ändert den Angriffs­punkt einer Kraft), Rol­le (Ändert die Rich­tung einer Kraft) und schie­fe Ebe­ne bzw. Keil (ändert Betrag und Rich­tung einer Kraft). Eine Schrau­be ent­stün­de damit aus der Kom­bi­na­ti­on aus einem Stab und einer schie­fen Ebe­ne, wobei die schie­fe Ebe­ne als um den Stab gewi­ckelt ver­stan­den wer­den kann. Die Idee von ein­zel­nen Basis­me­cha­nis­men spiel­te über die Jahr­hun­der­te eine wich­ti­ge Rol­le in der Leh­re der Tech­nik­wis­sen­schaf­ten. So wur­de z. B. im 19. Jahr­hun­dert Chris­to­pher Pol­hems Modell­samm­lung und sei­ne Idee eines damit dar­ge­stell­ten »mecha­ni­schen Alpha­bets« bekannt[5]. Noch heu­te hören alle Maschi­nen­bau­stu­den­ten Vor­le­sun­gen zum The­ma »Maschi­nen­ele­men­te«[6], ein Feld in dem die ent­spre­chen­den mate­ri­el­len Ele­men­te wie auch die zuge­hö­ri­gen Berech­nungs- und Aus­le­gungs­me­tho­den gelehrt wer­den. Ein Stan­dard­werk in der Ver­fah­rens­tech­nik trägt den Titel Ele­men­te des Appa­ra­te­bau­es[7]. Auch ver­fü­gen aktu­el­le CAD-Pro­gram­me[8] fast aus­nahms­los über einen part- und einen assem­bly-Modus, wobei im ers­ten Ein­zel­tei­le kon­stru­iert und im zwei­ten Modus die­se zu einer Gesamt­kon­struk­ti­on zusam­men­ge­setzt wer­den.

Inter­es­san­ter­wei­se lässt sich die­se Auf­tei­lung in Ele­men­te auf unter­schied­li­chen Ebe­nen durch­füh­ren. Eine Pum­pe zum För­dern von Flüs­sig­kei­ten ist bspw. aus Gehäu­se­tei­len, Schrau­ben, Dich­tun­gen, einer Wel­le und einem Rotor auf­ge­baut. Die­se Pum­pe kann ihrer­seits jedoch wie­der Teil einer tech­ni­schen Anla­ge sein, z. B. im Rah­men eines ver­fah­rens­tech­ni­schen Pro­zes­ses, in dem sie mit Rohr­lei­tun­gen und Kes­seln – also wei­te­ren Ele­men­ten – kom­bi­niert wird. Die betref­fen­de Anla­ge kann aber­mals Teil eines grö­ße­ren Zusam­men­hangs sein, etwa eines Anla­gen­ver­bun­des[9].

Wei­ter­hin ist zu beach­ten, dass neue tech­ni­sche Arte­fak­te nicht nur im Bereich des Mecha­ni­schen aus vor­her bereits exis­tie­ren­den Ele­men­ten zusam­men­ge­setzt sind; dies gilt eben­so für elek­tro­ni­sche Tech­ni­ken. Die Ele­men­te hier­bei sind bspw. Lei­ter­bah­nen, Wider­stän­de, Tran­sis­to­ren und Dioden. Jedoch nicht immer lie­gen die betei­lig­ten Ele­men­te in einer solch dis­kre­ten, klar abgrenz­ba­ren Form vor. Ich wür­de etwa auch bei phar­ma­zeu­ti­schen Pro­duk­ten von tech­ni­schen Arte­fak­ten spre­chen[10]. Denkt man an eine Kopf­schmerz-Tablet­te, lie­fern die Inhalts­stof­fe eine mög­li­che Ein­tei­lung in Ele­men­te, also z. B. der Wirk­stoff Aspi­rin (che­misch Ace­tyl­sa­li­cyl­säu­re) wie auch wei­te­re Hilfs­stof­fe (z. B. Cel­lu­lo­se, Lac­to­se oder Stär­ke), die zusam­men zu einer Tablet­te ver­presst wer­den. Für man­che Pro­dukt­grup­pen sind sogar die zuläs­si­gen Ele­men­te gesetz­lich vor­ge­schrie­ben. Typisch hier­für ist das deut­sche Rein­heits­ge­bot, wel­ches die Zuta­ten fest­legt, die beim Bier­brau­en zum Ein­satz kom­men dür­fen.