Symposion »Affekte und ihre Wirkung« | Essay

Vorstellungsbilder und Affektwirkungen

Ihre Funktionsweise – neurophysiologisch beschrieben

Von Viktoria Schneider-Kirjuchina


Im Rah­men des Sym­po­si­ons »Affek­te und ihre Wir­kung«, das an der Fach­hoch­schu­le Kiel am 1. Mai 2015 ver­an­stal­tet wur­de, hielt Vik­to­ria Kir­ju­ch­i­na einen Vor­tag auf der Basis des fol­gen­den Essays.

Affekt­tech­ni­ken die­nen zur Ver­stär­kung der Über­zeu­gungs­kraft von Argu­men­ten. Als emo­ti­ons­er­we­cken­de und dadurch bemer­kens­wer­te Höhe­punk­te in einem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess ver­lei­hen Affekt­tech­ni­ken nicht nur den Aus­sa­gen Nach­druck, sie sind das mäch­tigs­te Über­zeu­gungs­mit­tel schlecht­hin. Der Begriff »Affekt« kann hier als Über­be­griff für diver­se Emo­ti­ons­phä­no­me­ne ver­stan­den wer­den. Aus der Neu­ro­phy­sio­lo­gie wis­sen wir, das Emo­tio­nen unser Ver­hal­ten auf beträcht­li­che Wei­se steu­ern und bei Ent­schei­dungs­pro­zes­sen eine zen­tra­le Rol­le spie­len.

Laut den Emp­feh­lun­gen der Rhe­to­rik[1] scheint das Evo­zie­ren von inne­ren Bil­dern beim Publi­kum ein Schlüs­sel­ele­ment von Affekt­tech­ni­ken zu sein. Wel­cher Zusam­men­hang besteht zwi­schen dem Ein­satz von inne­ren Vor­stel­lungs­bil­dern und der Emo­tio­nen erwe­cken­den Wir­kung? Wor­aus bezie­hen die­se Pro­zes­se, die ein Ver­stär­ken des Argu­ments und das Umstim­men eines Publi­kums bewir­ken kön­nen, ihre Wirk­kraft?

Affekt­tech­ni­ken und die Neu­ro­phy­sio­lo­gie

Das Vor­stel­lungs­bild wird im mensch­li­chen Gehirn im prä­fron­ta­len Cor­tex[2] evo­ziert. Im frü­hen visu­el­len Cor­tex[3] kommt es zur Wie­der­ho­lung der Ent­la­dungs­mus­ter, die beim tat­säch­li­chen Sehen eines Gegen­stan­des ent­stan­den sind, wenn wir uns den­sel­ben Gegen­stand ima­gi­nie­ren. Nur wird ein Sach­ver­halt nicht im dekla­ra­ti­ven Sin­ne klar vor Augen gese­hen, es ist eher eine appro­xi­ma­ti­ve Reprä­sen­ta­ti­on des vor­ge­stell­ten Gegen­stan­des, die durch Kom­bi­na­tio­nen von unter­schied­li­chen Objek­ten und Umstän­den sur­rea­le Sujets mög­lich macht.[4] Wel­che Rol­le spie­len hier­bei die Emo­tio­nen? Kön­nen die­se durch inne­re Bil­der akti­viert wer­den?

In den dar­stel­len­den Küns­ten ist der Zusam­men­hang zwi­schen der Arbeit mit inne­ren Bil­dern und dem Aus­lö­sen von Gefüh­len beim Publi­kum durch den Ein­satz der Sta­nis­law­ski-Stras­berg-Tech­nik gege­ben. Die Tech­nik ver­mit­telt ein In-Kon­takt-tre­ten mit eige­nen Emo­tio­nen über die Ima­gi­na­ti­on von Vor­stel­lun­gen. Unver­öf­fent­lich­te neu­ro­phy­sio­lo­gi­sche Unter­su­chun­gen der For­scher­grup­pe TRACE (Trans­mis­si­ons in Rhe­to­rics, Arts and Cul­tu­ral Evo­lu­ti­on) in den Jah­ren 2002 bis 2007 haben erge­ben, dass Schau­spie­ler, die die Sta­nis­law­ski-Stras­berg-Tech­nik anwen­den, die Emo­tio­nen nicht spie­len, son­dern wirk­lich erle­ben. Die Akti­vie­rung des orbito­fron­ta­len Cor­tex[5] zeigt das an. Die Amyg­da­la[6] ist, als aus­füh­ren­des Organ, eben­falls aktiv.

Emo­tio­nen steu­ern unser Ver­hal­ten, zum einen über ein evo­lu­tiv rudi­men­tä­res Sys­tem, das allen Säu­gern zuei­gen ist. Die­ses erlaubt uns, ohne das Hin­zu­schal­ten der Bewusstseins­pro­zes­se, mit über­le­bens­si­chern­dem Ver­hal­ten auf unse­re Umwelt zu reagie­ren.

Bezeich­nend für das mensch­li­che Gehirn ist ein zwei­tes, wesent­lich kom­ple­xer auf­ge­bau­tes Sys­tem der Emo­ti­ons­ver­ar­bei­tung, das wie ein zwei­tes Stock­werk auf dem ers­te­ren auf­ge­baut ist. Emo­tio­nen wer­den als Emp­fin­dun­gen kör­per­lich erlebt. Nur durch Kör­per­emp­fin­dun­gen, wie bei­spiels­wei­se einem flau­en Gefühl in der Bauch­ge­gend, einem Zusam­men­zie­hen der Keh­le oder Gän­se­haut, wird einem Indi­vi­du­um klar, wel­che Emo­tio­nen gera­de durch­lebt wer­den. Das ermög­licht eine bewuss­te Ver­ar­bei­tung von Emo­tio­nen und das Hin­zu­zie­hen von Kogni­ti­ons­pro­zes­sen, d. h. die Mög­lich­keit über unse­re emo­tio­na­len Reak­tio­nen zu reflek­tie­ren und gege­be­nen­falls die­se intel­lek­tu­ell zu über­den­ken.[7] Der orbito­fron­ta­le Cor­tex ist für die­sen Pro­zess von zen­tra­ler Bedeu­tung.

  1. [1] Quin­ti­lia­nus, Mar­cus Fabi­us: Aus­bil­dung des Red­ners. Zwölf Bücher. Darm­stadt: WBG (Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft), 2011. 6. Buch, 2. Ein­tei­lung und Erre­gung der Gefühls­wir­kun­gen. S. 697—714
  2. [2] Der prä­fron­ta­le Cor­tex ist ein der Teil des Front­al­lap­pens der Groß­hirn­rin­de, der sich an der Stirn­sei­te des Gehirns befin­det. Er emp­fängt sen­so­ri­sche Signa­le und ver­ar­bei­tet die­se unter Ein­be­zie­hung der Gedächt­nis­in­hal­te und der Berück­sich­ti­gung ihrer emo­tio­na­len Bewer­tung. Das bil­det die Grund­la­ge für den Zusam­men­hang zwi­schen prä­fron­ta­ler Hirn­ak­ti­vi­tät und der Hand­lungs­pla­nung. Die Funk­tio­nen prä­fron­ta­ler Hirn­struk­tu­ren sind maß­geb­lich für situa­ti­ons­an­ge­mes­se­ne Hand­lungs­kon­trol­le und der Ver­ar­bei­tung emo­tio­na­ler Pro­zes­se.
  3. [3] Der visu­el­le Cor­tex befin­det sich im hin­ters­ten Teil des Groß­hirns. Im pri­mä­ren visu­el­len Cor­tex wer­den die visu­el­len Infor­ma­tio­nen aus­schließ­lich abge­bil­det. Für das Inter­pre­tie­ren und Erken­nen des Gese­he­nen sind dann die höhe­ren visu­el­len Zen­tren zustän­dig.
  4. [4] Dama­sio, Anto­nio: Des­car­tes’ Irr­tum. Füh­len, Den­ken und das mensch­li­che Gehirn. Mün­chen: dtv, 1997. S. 140—152
  5. [5] Der orbito­fron­ta­le Cor­tex, der vor­de­re Teil des prä­fron­ta­len Cor­tex, zählt zu den am wenigs­ten ver­stan­de­nen Hirn­re­gio­nen. Der orbito­fron­ta­le Cor­tex ist betei­ligt an Pro­zes­sen, wie der Reprä­sen­ta­ti­on unse­rer Hal­tung zu Wahr­ge­nom­me­nem, der Ent­schei­dungs­fin­dung und der Ver­ar­bei­tung von Erwartungshaltungen.(siehe: Krin­gel­bach, Mor­ten L.: The human orbito­fron­tal cor­tex: lin­king reward to hedo­nic expe­ri­ence. Natu­re Reviews | Neu­ro­sci­ence Vol. 6, 2005.
  6. [6] Im rech­ten als auch im lin­ken Schlä­fen­lap­pen ist der Sitz der Amyg­da­la, die zum lim­bi­schen Sys­tem gezählt wird. Sie ist wesent­lich an der emo­tio­na­len Bewer­tung und Wie­der­erken­nung von Situa­tio­nen, spe­zi­ell der Detek­ti­on von Gefah­ren betei­ligt. Durch sie wer­den Wahr­neh­mun­gen der Umwelt ver­ar­bei­tet und eine vege­ta­ti­ve Reak­ti­on auf die­se ein­ge­lei­tet.
  7. [7] Dama­sio, Anto­nio: Des­car­tes’ Irr­tum. Füh­len, Den­ken und das mensch­li­che Gehirn. Mün­chen: dtv, 1997. S. 183ff.