Strich für Strich

Die Gestalter und die Worte

Illustrationen zu einer besonderen Liaison

Wie gehen Gestal­ter mit  Wor­ten um? Wel­che Bezie­hung pfle­gen sie zur Spra­che? Über die­se beson­de­re Liai­son hat sich Thi­lo Roth­acker so sei­ne Gedan­ken gemacht – in sei­ner Spra­che, der Illustration.

Essay

Zur Rhetorik der visuellen Kommunikation

Plädoyer für einen historischen Zugang

Wenn wir nach der Rhe­to­rik der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on fra­gen, müs­sen wir ver­schie­de­ne Zugän­ge unterscheiden:

a) Wo spricht die klas­si­sche Rhe­to­rik bereits vom Visuellen?
– Wel­che Rol­le spie­len bei­spiels­wei­se Bil­der in der Kunst der Ein­prä­gung (memo­ria)?

b) Wie sehen his­to­ri­sche Posi­tio­nen einer visu­el­len Rhe­to­rik aus?
– Wie ver­han­deln die anti­ken Kunst­theo­rien (téch­ne) die visu­el­le Kommunikation?
– Was schrei­ben Autoren der frü­hen Neu­zeit wie Alber­ti bereits zur Rhe­to­rik des Bildes?

c) Wie lässt sich die (nicht-visu­el­le) Rhe­to­rik auf die visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on übertragen?
– Lässt sich eine Figu­ren­leh­re (elo­cu­tio) für die visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on finden?

Vie­le Arbei­ten zur visu­el­len Rhe­to­rik ste­hen in der Tra­di­ti­on von Bon­sie­pes ers­ten Ana­ly­sen Mit­te der 1960er Jah­re: Sie unter­neh­men den drit­ten Schritt ohne die ers­ten bei­den Schrit­te gegan­gen zu sein. Auf die­se Wei­se stel­len Autoren wie Ehses und Lehn zwar durch­dach­te und durch­aus anwend­ba­re Pro­gram­me zur visu­el­len Figu­ren­leh­re vor – in der Regel am Bei­spiel von Wer­be­an­zei­gen –, ver­pas­sen jedoch, das Erfah­rungs­wis­sen frü­he­rer Kon­zep­tio­nen mit­zu­den­ken. Aus mei­ner Sicht tut es des­halb Not, in den nächs­ten For­schungs­ar­bei­ten sol­che noch nicht offen geleg­ten his­to­ri­schen Zusam­men­hän­ge aufzudecken.

Über den Rah­men einer sol­chen Erkun­dung habe ich an ande­rer Stel­le[1] bereits fol­gen­des festgehalten:

Die klas­si­sche Rhe­to­rik stand für mehr als 2000 Jah­re im Kern des wis­sen­schaft­li­chen Kanons in der west­li­chen Welt. Die in ihr ver­sam­mel­ten Teil­wis­sen­schaf­ten ver­han­deln die Pro­duk­ti­on und Ästhe­tik von Tex­ten, Bil­dern, Musik und Archi­tek­tur. Der Groß­teil der uns bekann­ten Kunst­wer­ke vor 1800, ins­be­son­de­re aber Auf­trags­kunst (also Design avant la lett­re) wie die Aus­ma­lung der Six­ti­ni­schen Kapel­le oder die Kan­ta­ten Johann Sebas­ti­an Bachs sind (auch) nach rhe­to­ri­schen Regeln ver­fasst.  Doch die Rhe­to­rik stirbt, bevor sie eine moder­ne wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­plin wer­den kann: Als um 1800 die idea­lis­ti­sche Ästhe­tik ihren Sie­ges­zug antritt, wen­det sich die west­li­che Kul­tur von den Lehr- und Regel­wer­ken der Rhe­to­rik ab – und damit von ihrer mehr als 2000-jäh­ri­gen Pra­xis. Man will sich befrei­en von den all­zu star­ren Anwei­sungs­äs­the­ti­ken und Figu­ren­bü­chern, man will unge­bun­den und dem eige­nen Geni­us ver­pflich­tet Kunst trei­ben. Im Über­schwang die­ses Befrei­ungs­schla­ges ver­schwin­det das Fach­wis­sen der Rhe­to­rik von den Lehr­plä­nen und aus dem geis­ti­gen Leben Mit­tel­eu­ro­pas für etwas mehr als 150 Jah­re. Der Begriff »Rhe­to­rik« ver­liert sei­ne wis­sen­schaft­li­che Bedeu­tung und ver­küm­mert zu einem all­tags­sprach­li­chen Schimpf­wort, mit dem man unlau­te­re »Über­re­dung« meint. Erst Mit­te des 20. Jahr­hun­derts erwacht das Inter­es­se an der Rhe­to­rik von neu­em. Nun aller­dings steht nicht mehr die Pro­duk­ti­on, son­dern die Ana­ly­se von Medi­en im Zen­trum des Inter­es­ses. Die Rhe­to­rik wird im fol­gen­den des­halb auch nicht mehr als leben­di­ges Regel­wis­sen gelehrt, son­dern als Ana­ly­se­werk­zeug. Sie ist nun aka­de­mi­siert, hat aber an Brei­te und Umfang erheb­lich verloren.

Die »Geburt des Designs« in sei­ner heu­ti­gen Kon­zep­ti­on fällt in die oben genann­ten 150 Jah­re, also in eine Pha­se der Geschich­te, in der die Rhe­to­rik als Pro­duk­ti­ons- und Anwei­sungs­äs­the­tik kei­ne gro­ße Rol­le mehr spielt. Die Indus­tria­li­sie­rung und das Auf­kom­men der Mas­sen­fer­ti­gung, die Debat­te um die »gute Form«, die ers­ten Ver­su­che am Bau­haus und spä­ter an der Hoch­schu­le für Gestal­tung Ulm die Gestal­tung zu ver­wis­sen­schaft­li­chen –  alle die­se Land­mar­ken der neue­ren Design­ge­schich­te fin­den in einem Umfeld statt, das die Rhe­to­rik schlicht­weg nicht gut genug kennt, um dem Design einen gesamt­haft rhe­to­ri­schen Cha­rak­ter zu attes­tie­ren. Die ers­ten rele­van­ten Ver­su­che, über die Rhe­to­rik des Designs zu spre­chen – wie der von Gui Bon­sie­pe Mit­te der 1960er Jah­re an der Hoch­schu­le für Gestal­tung Ulm – neh­men dann auch den Umweg über die Figu­ren­leh­re, einen heu­te aus­schließ­lich ana­ly­tisch genutz­ten Teil­be­reich der Rhe­to­rik, und es dau­ert bis zu den 1980er Jah­ren, dass Autoren wie bei­spiels­wei­se Richard Buchanan es wagen, Design selbst rhe­to­risch zu nen­nen und auf die all­ge­mei­nen Ähn­lich­kei­ten zwi­schen Design und Rhe­to­rik hin­zu­wei­sen. Gleich­zei­tig erwa­chen auch in der Kunst­ge­schich­te das Bewusst­sein von der Rhe­to­rik his­to­ri­scher Bil­der, in der Musik­theo­rie das Inter­es­se an den rhe­to­ri­schen Regeln der Barock­mu­sik und in der Archi­tek­tur­theo­rie das Bedürf­nis der Rück­bin­dung neue­re Theo­rien an rhe­to­ri­sche Architekturtraktate.

Vor die­sem Hin­ter­grund leuch­tet ein, dass eine Rhe­to­rik der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht am Begriff des Designs fest­ge­macht wer­den darf, son­dern sich der ande­ren Dis­zi­pli­nen und Gat­tun­gen bedie­nen muss, in denen visu­ell kom­mu­ni­ziert wur­de und wird: Wand­bild, Kir­chen­fens­ter, Altar­bild, Tep­pich­ge­stal­tung, Tafel­bild, Büh­nen­bild, Buch­druck, Gra­fik usw. Erst wenn wir die Geburts­stun­de des Gra­fik­de­signs nicht mehr an das Auf­kom­men der gedruck­ten Gra­fik, die Litho­gra­fie oder die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Pla­kat­ge­stal­ter knüp­fen, son­dern wei­ter zurück­ver­fol­gen, kön­nen wir in den Vor­stu­fen und Pro­to­theo­rien der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on, in ihren Erzeug­nis­sen und Arte­fak­ten, in ihren Prak­ti­ken und Poe­ti­ken fün­dig wer­den und die Spu­ren einer seit der frü­hen Neu­zeit umfas­send wirk­sa­men Rhe­to­rik auf­fin­den und für die heu­ti­ge Theo­rie­bil­dung frucht­bar machen.

Essay

Erforschung: Textdesign untersuchen*

Wie Gestaltung und Wirkung zusammenspielen

“ … at all levels of lan­guage varia­bi­li­ty, peo­p­le are respon­ding pri­ma­ri­ly to other peo­p­le. Spea­k­ers are desig­ning their style for their audience.”
Allan Bell

Was den­ken sich Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten, wenn sie Tex­te desi­gnen und damit unter ande­rem auf eine beab­sich­tig­te Text­wir­kung hin gestal­ten? – Die­ser Auf­satz fragt nach dem Zusam­men­hang von Text­de­sign und Text­wir­kung, und zwar aus der Pro­duk­ti­ons­per­spek­ti­ve. Zu zei­gen ist, wie bei Medi­en­schaf­fen­den Stra­te­gien des Text­de­signs und Vor­stel­lun­gen mög­li­cher Text­wir­kung zusam­men­spie­len. Der Auf­satz situ­iert die Kern­be­grif­fe und die Fra­ge­stel­lung, erklärt die Metho­dik, zeigt Befun­de aus einer Fall­stu­die, erör­tert mög­li­chen Wis­sens­trans­fer in die Text­pro­duk­ti­ons­pra­xis und bilan­ziert: Es gibt guten Grund zur Annah­me, dass erfah­re­ne Medi­en­schaf­fen­de über aus­ge­bau­te­re und fle­xi­ble­re Reper­toires an Stra­te­gien funk­tio­na­len Text­de­signs ver­fü­gen, und es gibt eben­falls guten Grund zur Annah­me, dass Infor­ma­ti­ons­de­si­gner aus Ana­ly­sen ler­nen kön­nen, mit wel­chen Stra­te­gien erfah­re­ne Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen Tex­te designen.

Fragestellung: Wie und wozu Journalisten Texte designen

Unter Text­de­sign ver­ste­he ich hier, im Zusam­men­hang mit publi­zis­ti­schen Medi­en, die Gestal­tung eines jour­na­lis­ti­schen Bei­trags im Sin­ne pro­duk­ti­ons-, dis­tri­bu­ti­ons- und rezep­ti­ons­ge­rich­te­ter Vor­stel­lun­gen: Man gibt dem Text die Gestalt, von der man annimmt, sie erleich­te­re die Her­stel­lung, den Ver­trieb und die Nut­zung eines Kommunikationsangebots.

Text­de­sign in die­sem pro­duk­ti­ons­per­spek­ti­vi­schen Ver­ständ­nis ist also eine kogni­tiv und sozi­al ver­an­ker­te Prak­tik Medi­en­schaf­fen­der. Eine Prak­tik aber lässt sich nicht am ein­zel­nen fer­ti­gen Text allein beschrei­ben (vgl. Cal­derón 2001; Per­rin 2005; Ste­gu 2001).

Soll in Aus­schnit­ten erkenn­bar wer­den, was Medi­en­schaf­fen­de beim Gestal­ten ihrer Tex­te tun, muss eine Ana­ly­se auf wei­te­re Daten zugrei­fen. In Fra­ge kom­men Ver­glei­che mit wei­te­ren Tex­ten: Ein Ver­gleich mit vor­aus­ge­hen­den Text­fas­sun­gen in inter­tex­tu­el­len Ket­ten etwa kann zei­gen, wel­che Text­ge­stalt­merk­ma­le ein Jour­na­list ver­än­dert hat (›Ver­sio­nen­ana­ly­se‹ – vgl. Van Dijk 1988; Per­rin 2006, S. 50–56). Ein exem­pla­ri­scher oder sta­tis­tisch aus­sa­ge­kräf­ti­ger Ver­gleich mit Tex­ten ande­rer Jour­na­lis­ten, Redak­tio­nen oder Medi­en kann typi­sche Merk­ma­le auf­zei­gen (›Varia­ti­ons­ana­ly­se‹ – vgl. Bell, 1991; Per­rin 2006, S. 63–70).

Soll über­dies in Aus­schnit­ten erkenn­bar wer­den, war­um Medi­en­schaf­fen­de beim Gestal­ten tun, was sie tun, muss eine Ana­ly­se auf Daten zu Über­le­gun­gen der Medi­en­schaf­fen­den zu(rück)greifen. In Fra­ge kom­men sprach­re­fle­xi­ve und pro­duk­ti­ons­re­fle­xi­ve Äuße­run­gen aus vor- und nach­ge­la­ger­ten redak­tio­nel­len Dis­kur­sen, etwa aus Redak­ti­ons­kon­fe­ren­zen oder Leit­bild­dis­kus­sio­nen (›Meta­dis­kurs­ana­ly­se‹ – vgl. Per­rin 2006, S. 71–78; Spitz­mül­ler 2005). In Fra­ge kom­men aber auch refle­xi­ve Äuße­run­gen Medi­en­schaf­fen­der zu Nor­men, Rou­ti­nen, Stra­te­gien in kon­kre­ten Pro­duk­ti­ons­pro­zes­sen (›Pro­gres­si­ons­ana­ly­se‹ – vgl. Per­rin 2006, 57–62; Pri­or 2004; Sleurs et al. 2003). Um sol­che Pro­zes­se und Äuße­run­gen geht es hier.

[*]  Der Bei­trag basiert auf einem Kapi­tel des Autors in:
Kers­ten Sven Roth, Jür­gen Spitz­mül­ler (Hrsg.) Text­de­sign und Text­wir­kung in der mas­sen­me­dia­len Kom­mu­ni­ka­ti­on, UVK Ver­lags­ge­sell­schaft mbH, 2007. Autor und Her­aus­ge­ber dan­ken für das Recht zum Wiederabdruck.

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»Design muss sich als Disziplin positionieren«

Volker Albus hebt die Bedeutung des Schreibens hervor

Von Romina Maidel und Jakob Behrends


Vol­ker Albus hält die Spra­che für essen­ti­ell, um Design zu ver­mit­teln. Durch genau­es for­mu­lie­ren sei man gezwun­gen über Design nach­zu­den­ken und sich inten­siv mit einem Ent­wurf zu beschäf­ti­gen. Durch »In-Wor­te-fas­sen« ver­än­de­re sich die Bezie­hung zu einem Gegen­stand. Albus erklärt, wie er sich mit­tels Spra­che Din­ge, Ent­wür­fe aneig­net, inten­siv lernt und ana­ly­siert und wie sich so eine Grund­la­ge für künf­ti­ges Design bil­den kann. Er sieht des­halb eine Ver­bin­dung von Design und Rhe­to­rik als eine sinn­vol­le Partnerschaft.

Albus spricht über die Defi­zi­te, die es in der Gestal­tungs­dis­zi­plin dies­be­züg­lich noch gibt, und erklärt, wor­an das liegt. Er geht in die­sem Zusam­men­hang auch auf die Leh­re ein und erklärt, war­um man­che Stu­den­ten Begeis­te­rung aus­lö­sen und auf wel­che Qua­li­tä­ten er bei Bewer­bun­gen achtet.

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»Ist die Grafik nicht auch eine Krücke?«

Harald Kirchner über Nachrichtenbeiträge

Von Benjamin Voßhans


»Mein Bei­trag ist dann gut, wenn er ver­stan­den wird«, so Harald Kirch­ner über die Kri­te­ri­en einer Nach­rich­ten­sen­dung. Im Inter­view erklärt er, wie Bei­trä­ge für elek­tro­ni­sche Medi­en ent­ste­hen und wo all­täg­li­che Schwie­rig­kei­ten im  Pro­duk­ti­ons­pro­zess lau­ern. Ein gro­ßes The­ma der Bran­che ist der Ein­satz von gra­fi­schen Mit­teln, die die Attrak­ti­vi­tät poli­ti­scher Bei­trä­ge erhö­hen sollen.

Harald Kirch­ner ist zwar der Mei­nung, dass man sich die­sem Trend nicht ent­zie­hen kann, blickt jedoch kri­tisch auf die Ver­än­de­run­gen und fragt: »Ist die Gra­fik nicht manch­mal auch eine Krü­cke? Greift man zur Gra­fik, weil einem sprach­lich kein Mit­tel ein­fällt, um etwas dar­zu­stel­len?« Harald Kirch­ner möch­te sein Publi­kum ernst neh­men. Dazu gehört für ihn, sein Publi­kum zu fordern.

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»Design muss einen Zauber haben«

Mario Lombardo warnt vor einer Banalisierung des Designs

Von Romina Maidel


Mario Lom­bar­do erklärt, wie er zu Ideen kommt und wor­an man schlech­te Ideen erkennt. Er spricht über sei­ne Arbeit mit dem Kun­den, um sich klar zu wer­den, was er erzie­len muss: »Ich set­ze die Mit­tel ein, die ich brau­che.« Die Ange­mes­sen­heit einer Lösung an das Pro­blem sei »alles, wor­um es geht«. Den per­sön­li­chen Geschmack müs­se man dabei außen vor las­sen können.

Er sieht aller­dings Schwie­rig­kei­ten in einer ein­heit­li­chen Spra­che für Design: »Es ist nicht schwarz oder weiß, es gibt immer ganz vie­le Grau­stu­fen.« Es gebe kei­ne For­mel, es zu machen, und kei­ne For­mel, dar­über zu reden. Außer­dem bestehe die Gefahr der Bana­li­sie­rung. Design müs­se immer einen Zau­ber haben, und die­sen kön­ne es ver­lie­ren, wenn es zu sehr for­ma­li­siert werde.

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»Was wir von der Rhetorik lernen können«

Arne Scheuermann sieht Design als Leitwissenschaft

Von Romina Maidel


Wel­che Rol­le spielt Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign in der Wis­sen­schaft? Wie ver­hält sich Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign als Wis­sen­schaft? Was könn­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign als Wis­sen­schaft leis­ten? Die­se Fra­gen wirft Arne Scheu­er­mann im Inter­view auf und erläu­tert die Chan­ce des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­signs, zu einer Leit­wis­sen­schaft zu werden.

Des Wei­te­ren geht Arne Scheu­er­mann auf die Bezie­hung zwi­schen Rhe­to­rik und Gestal­tung ein. Dabei sieht er die Funk­ti­on der Rhe­to­rik in der Bereit­stel­lung medi­en­wis­sen­schaft­li­cher Wis­sens­be­stän­de. Die­se könn­ten hel­fen, Fra­gen des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­signs zu klä­ren. »Was wir von der Rhe­to­rik ler­nen kön­nen, ist, dass Theo­rie und Pra­xis auf­ein­an­der bezo­gen sind.«

Eine Frage des Stils

Von Produktqualität und Design überzeugen

Im BMW-Museum wird an Ethos und Logos appelliert

Auf­ga­be: BMW AG, Muse­ums­ge­stal­tung, 10.000 qm Gesamt­flä­che, Jahr 2008 – die Besu­cher des Muse­ums sol­len für die Mar­ke BMW und ihre Pro­duk­te ein­ge­nom­men wer­den. Ziel der Aus­stel­lung ist es, die Mar­ken­bin­dung vor­han­de­ner Kun­den zu stär­ken und neue Kun­den zu gewin­nen. Das Muse­um ist also pri­mär ein Instru­ment der Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on und des Mar­ke­tings. Es rich­tet sich an eine brei­te Ziel­grup­pe und expli­zit auch an nicht Auto­mo­bil-affi­ne Men­schen, deren mög­li­che Kauf­ent­schei­dung nicht von rein ratio­na­len oder tech­ni­schen Para­me­tern geprägt ist. Letzt­lich soll der Besuch Freu­de berei­ten und die Besu­cher mit einem posi­ti­ven Gefühl ent­las­sen – ein Gefühl, das sie dann bewusst oder unbe­wusst mit der Mar­ke BMW in Ver­bin­dung bringen.

1 | BMW-Museum, Außenansicht

1 | BMW-Muse­um, Außenansicht

BMW ist eine dyna­mi­sche Mar­ke mit her­aus­ra­gen­den Pro­duk­ten. Pro­duk­te, die einen sehr hohen Anspruch an Tech­no­lo­gie und Design haben. Die Besu­cher des Muse­ums sol­len von die­sen Pro­dukt­qua­li­tä­ten über­zeugt wer­den. Dabei wird zunächst an Ihre Emo­tio­na­li­tät, dann aber auch an Ihre Ratio­na­li­tät appel­liert. Durch die Gestal­tung des Muse­ums wird ein Ver­spre­chen gege­ben, wel­ches durch die aus­ge­stell­te Pro­dukt­sub­stanz ein­ge­löst und somit glaub­haft gemacht wird.

2 | BMW-Museum, Innen­raum –
Stra­ßen und Plätze im umbau­ten Raum

2 | BMW-Muse­um, Innen­raum – Stra­ßen und Plät­ze im umbau­ten Raum

Da das Muse­um als Insti­tu­ti­on per se eine sehr hohe Glaub­wür­dig­keit hat, wur­de es gezielt als Medi­um der Ver­mitt­lung die­ser Wer­te gewählt.

 

 

3 | Mediale Bespielung der Platzfassaden –
Dynamisierung des Raumes

3 | Media­le Bespie­lung der Platz­fas­sa­den – Dyna­mi­sie­rung des Raumes

Die Kon­zep­ti­on des Muse­ums arbei­tet zunächst mit den Mit­teln von Über­ra­schung und Emo­tio­na­li­sie­rung der Besu­cher (Pathos-Appell). Es ist kei­ne klas­si­sche Innen­raum­si­tua­ti­on, die den Besu­cher emp­fängt, son­dern durch die Gestal­tung des Muse­ums­raums mit Ram­pen und glä­ser­nen Kuben, die meta­pho­risch für Stra­ßen und Plät­zen inner­halb eines umbau­ten Rau­mes ste­hen, ent­steht eine urba­ne, außen­räum­li­che Situa­ti­on im Innern des Gebäu­des. Durch eine media­le Bespie­lung der Platz­fas­sa­den wird die­se Wir­kung noch zusätz­lich unter­stützt. Es ent­steht eine neu­ar­ti­ge Raum­er­fah­rung und zudem eine dyna­mi­sier­te Raum­si­tua­ti­on, die die aus­ge­stell­ten Fahr­zeu­ge schein­bar in Bewe­gung versetzt.

4 | Haus Design – kine­ti­sche Skulptur

4 | Haus Design – kine­ti­sche Skulptur

In der Fol­ge wech­seln sich inner­halb des Par­cours fak­tisch tech­ni­sche Räu­me (Logos-Appell) und stark emo­tio­nal auf­ge­la­de­ne Räu­me ab und stel­len so zum einen die tech­ni­sche Pro­dukt­sub­stanz der Mar­ke, zum ande­ren ihre Geschich­te und Tra­di­ti­on anschau­lich und glaub­haft unter Beweis.

5 | Haus Tech­nik – Leichtbau

5 | Haus Tech­nik – Leichtbau

Am Anfang des Par­cours wird nicht etwa ein beson­de­res Fahr­zeug aus­ge­stellt, son­dern eine kine­ti­sche Skulp­tur ver­an­schau­licht auf poe­ti­sche Art und Wei­se den Design­pro­zess des Unter­neh­mens. Ein stark emo­tio­na­li­sie­ren­der Moment inner­halb des Muse­ums bil­det somit den Auf­takt und schafft die Basis für die nun fol­gen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschich­te des Unter­neh­mens, sei­nen Pro­duk­ten und tech­ni­schen Inno­va­tio­nen, die die beson­de­re Qua­li­tät der Pro­duk­te untermauern.

6 | Haus Renn­sport – Mille Miglia

6 | Haus Renn­sport – Mil­le Miglia

Die ins­ge­samt hoch­wer­ti­ge, auch im kleins­ten Detail tech­nisch durch­dach­te und nach kla­ren wie­der­erkenn­ba­ren Prin­zi­pi­en auf­ge­bau­te, aber trotz­dem zurück­hal­ten­de Gestal­tung des Muse­ums unter­streicht einer­seits den hohen Anspruch an Tech­no­lo­gie und Design der Mar­ke BMW, lässt aber ande­rer­seits den aus­ge­stell­ten Pro­duk­ten aus­rei­chend Raum, zu den eigent­li­chen Stars der Aus­stel­lung zu wer­den und somit die defi­nier­ten Zie­le der Kom­mu­ni­ka­ti­on zu unter­stüt­zen (Ethos-Appell).

7 | Haus Unter­neh­mens­ge­schichte – Inter­ak­tive Bücher

7 | Haus Unter­neh­mens­ge­schichte – Inter­ak­tive Bücher

8 | Haus Renn­sport – Tourenwagen

8 | Haus Renn­sport – Tourenwagen

9 | Haus Marke: Kult­fahr­zeuge – BMW Isetta

9 | Haus Mar­ke: Kult­fahr­zeuge – BMW Isetta

10 | BMW-Museum: Innen­raum Schüssel

10 | BMW-Muse­um: Innen­raum Schüssel 

11 | Haus Bau­rei­hen – Luxuslimousinen

11 | Haus Bau­rei­hen – Luxuslimousinen

Mythen des Alltags

Die Gardine

Unser (Vor)Hang zur Privatsphäre

Wer ein Zim­mer in einem obe­ren Stock­werk bewohnt, ohne direkt gegen­über­lie­gen­de Behau­sung glei­cher Höhe, emp­fin­det es viel­leicht nicht als not­wen­dig, eine zu besit­zen. Den­noch: Ist es nicht fas­zi­nie­rend, wie sich die­ses Deko­ra­ti­ons- und Wohn­ob­jekt durch alle Gesell­schafts­schich­ten zieht und in wel­cher Viel­falt sie auf­taucht, obgleich ihre Funk­ti­on immer die­sel­be ist: ver­ste­cken. Der Duden berei­chert unse­re All­ge­mein­bil­dung mit dem Wis­sen, dass das Wort ursprüng­lich aus dem Nie­der­deut­schen bezie­hungs­wei­se Nie­der­län­di­schen stammt (gor­di­jn) und ursprüng­lich einen Bett­vor­hang beschrieb.

Mög­lichst weiß, mög­lichst auf­wen­dig, mög­lichst blick­dicht und trotz­dem licht­durch­läs­sig – das waren die Kri­te­ri­en vor etwa 40 Jah­ren, als die Gar­di­ne ihre Hoch­zeit hat­te und in jede gut­bür­ger­li­che Woh­nung gehör­te. Die Intim­sphä­re war das höchs­te Gut. Doch die rück­läu­fi­gen Geschäfts­zah­len ein­schlä­gi­ger Gar­di­nen­her­stel­ler wie Ado (»Die mit der Gold­kan­te«) zei­gen, dass der Son­nen­ein­strah­lung­dämp­fer auf dem Rück­zug ist. Dabei ist er so viel mehr als das!

Wer schon ein­mal in einem mehr­stö­cki­gen Wohn­haus sei­ne Zeit gefris­tet hat, weiß, dass schein­bar im Grund­ge­setz ver­an­kert ist, eine ergrau­te und mephis­to­be­schuh­te Dame im Erd­ge­schoss beher­ber­gen zu müs­sen, deren Inter­es­se aus­schließ­lich in den Gewohn­hei­ten ande­rer Haus­par­tei­en liegt. Die Anwe­sen­heit die­ser Dame ist meist nur durch das leich­te Wehen jener Baum­woll­wol­ken zu erken­nen. Sie hat wohl nur die geblüm­te Tee­tas­se zurück auf die eben­so geblüm­te Unter­tas­se gestellt und ansons­ten seit mor­gens um acht ihre exzel­len­te Obser­va­ti­ons­po­si­ti­on nicht ver­las­sen. Sie weiß, wann die Bewoh­ner zur Arbeit gehen, in wel­chem Super­markt sie ein­kau­fen, ob die Kra­wat­te sorg­fäl­tig gebun­den ist und wen sie wann und in wel­chem Zustand mit nach Hau­se brin­gen. Und das alles kann sie nur, weil sie sich in ihrer Pri­vat­sphä­re nicht gestört füh­len muss. Sie hat an ihren Schei­ben jene Blick­ver­hin­de­rer, die ihr tages­fül­len­des Hob­by unsicht­bar wer­den lassen.

Wer sein Domi­zil mit Gar­di­nen aus­ge­stat­tet hat, kommt wenigs­tens ein­mal im Jahr nicht umhin, sei­nen Früh­jahrs­putz auch auf die­se aus­zu­deh­nen und sie zu waschen. Die größ­te Her­aus­for­de­rung ist dabei, die Gar­di­nen unfall­frei ab- und spä­ter mög­lichst knit­ter­frei wie­der auf­zu­hän­gen. Dabei gibt es unter­schied­li­che Schwie­rig­keits­stu­fen, je nach Auf­hän­gung der Gar­di­ne. Han­delt es sich um eine Stoff­bahn, die nur die unte­re Hälf­te des glä­ser­nen Licht­ein­las­ses bedeckt, ist die Unfall­ge­fahr recht gering. Die Fall­hö­he beträgt nicht mehr als die eige­ne Kör­per­grö­ße und auf den eige­nen Füßen steht es sich doch recht sicher. Hier trägt die Auf­hän­gung eher zum Unmut bei, da die Haft­kraft der Kle­be­strei­fen durch unter­schied­lichs­te Umwelt­fak­to­ren nach­lässt und oft­mals ein simp­les Ent­fer­nen der schma­len, mit wei­ßem Kunst­stoff über­zo­ge­nen Gar­di­nen­stan­ge schon ein Ablö­sen bedingt, das auch mit erneu­tem, kräf­ti­gen Andrü­cken nicht mehr rück­gän­gig zu machen ist. Hier hilft nur eines: Sekun­den­kle­ber. Oder der nächs­te Bau­markt, der zu fin­den ist.

Soll­te es sich um eine Gar­di­ne han­deln, die an der Decke ihren Ursprung nimmt, so ist hier beson­de­re Vor­sicht gebo­ten. Wer nur über einen han­dels­üb­li­chen Ehe­mann, Sohn, Schwa­ger, Enkel, Schwie­ger­sohn oder Nach­barn ver­fügt, der nicht geschätz­te Zwei­me­ter­zehn groß ist, muss auf eben­so han­dels­üb­li­che Hilfs­mit­tel wie die Lei­ter zurück­grei­fen. Hier ist Vor­sicht gebo­ten! Je nach Kom­ple­xi­tät der Auf­hän­gung sind gro­ßes Fin­ger­spit­zen­ge­fühl und Kon­zen­tra­ti­on von Nöten, die oft den unsi­che­ren Stand einen Meter ober­halb des frisch geboh­ner­ten Par­kett­bo­dens ver­ges­sen las­sen. Hier gibt es zum einen die klas­si­sche Gar­di­nen­stan­ge aus unbe­han­del­ter Fich­te, über die, mit hei­me­li­gem Klap­pern, die höl­zer­nen Rin­ge rut­schen. Zum Abneh­men der Stoff­wol­ken muss meist eine Schrau­be gelöst wer­den, die dann her­aus­fällt und in den unend­li­chen Win­dun­gen des sich dar­un­ter befin­den­den Heiz­kör­pers ver­schwin­det, um sich zu den ande­ren Schrau­ben mit dem glei­chen Schick­sal zu gesel­len. Auch in so einem Fall scheint der sicher unmit­tel­bar in der Nähe lie­gen­de Bau­markt die bes­te Anlauf­stel­le zu sein. Zwei­te, moto­risch wesent­lich anspruchs­vol­le­re Vari­an­te sind die Plas­tik­vor­hang­ha­ken, die in das ein­ge­näh­te Vor­hang­band fein säu­ber­lich, in gleich­mä­ßi­gen Abstän­den ein­ge­fä­delt wer­den. Genau­so kunst­voll wer­den die Haken dann mit ihren Roll­füß­chen in der drei­läu­fi­gen Vor­hang­schie­ne ein­ge­glie­dert, die mit einem gerif­fel­ten Kunst­stoff­kor­ken sorg­fäl­tig ver­schlos­sen wird, um unbe­ab­sich­tig­tes Her­aus­glei­ten der Häk­chen zu verhindern.

Die Krux dabei ist, die Auf­hän­ge­uten­si­li­en mit genü­gend Druck zu öff­nen, ohne dabei einen Teil des fili­gra­nen Füß­chens abzu­bre­chen. Ein Vor­ha­ben, das nicht gelin­gen wird und der Bau­markt des Ver­trau­ens freut sich über einen Besuch, denn schließ­lich gibt es immer was zu tun. Als Nächs­tes sicher­lich, die noch nicht voll­stän­dig getrock­ne­ten Gar­di­nen wie­der an ihren Ursprungs­ort zu hän­gen, wobei hier für die Nut­zung der Lei­ter erneut Vor­sicht gilt. Bügeln ist nicht zwin­gend not­wen­dig, da das 2004 von Ste­fa­an Joos und Dani­el Stein­ke paten­tier­te Gar­di­nen­ab­schluss­band am unte­ren Saum die noch feuch­ten Stoff­bah­nen knit­ter­frei trock­nen lassen.

»Beson­ders bevor­zugt erfolgt eine Her­stel­lung der erfin­dungs­ge­mä­ßen Gar­di­nen­ab­schluss­bän­der auf der Grund­la­ge eines Trä­ger­fa­dens. Auf die­sen Trä­ger­fa­den wer­den ein­zel­ne Beton­ele­men­te in einer Kugel­form oder beson­ders bevor­zugt in einer Ellip­soid­form kon­zen­trisch um den Faden auf­ge­bracht. […] Durch den Trä­ger­fa­den wer­den sie wie auf einer Per­len­ket­te zusam­men­ge­hal­ten und stel­len damit die Bieg­bar­keit und Fle­xi­bi­li­tät zur Ver­fü­gung, die auch bei den her­kömm­li­chen Blei­bän­dern geschätzt und benö­tigt wird.«[1]

Von den Unzu­läng­lich­kei­ten der Rei­ni­gung sol­cher ehe­ma­li­ger Bett­vor­hän­ge abge­se­hen, ist die Gar­di­ne in ihrer Funk­ti­on doch recht klar zu defi­nie­ren. Sie soll der Pri­vat­sphä­re inner­halb der eige­nen vier Wän­de die­nen und uner­wünsch­ten Bli­cken vor­beu­gen. Außer­dem scheint die Gar­di­ne, nicht nur auf­grund ihres Arti­kels, zutiefst weib­lich zu sein. Das weib­li­che Geschlecht hat in Sachen Woh­nungs­ein­rich­tung wohl gene­rell die Nase vorn und damit auch bei der Gar­di­nen­wahl. Auch die Gar­di­nen­pre­digt ist auf weib­li­chem Mist gewach­sen und wur­de schon im Mit­tel­al­ter als Begriff für eine Stand­pau­ke der wer­ten Gat­tin unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit ver­wen­det. Wer, ob männ­lich oder weib­lich, sei­ne Fens­ter­be­klei­dung in jenem skan­di­na­vi­schen Möbel­haus mit den vier gro­ßen Buch­sta­ben kau­fen möch­te, soll­te beden­ken, dass er oder sie in Zukunft hin­ter schwe­di­schen Gar­di­nen sein Dasein ver­brin­gen wird. Auch wenn sie heut­zu­ta­ge nicht mehr aus schwe­di­schem Eisen geschmie­det sind, wie die sprich­wört­li­che Vari­an­te. Den­noch zeigt die­ser Ver­gleich, dass nicht nur die Sicht in den pri­va­ten Bereich, son­dern auch umkehrt aus der Pri­vat­sphä­re in die rest­li­che Welt behin­dert wird. Womög­lich schafft sich der gar­di­nen­af­fi­ne Mensch frei­wil­lig sei­ne eige­ne Gefäng­nis­zel­le, in der er sich erstaun­lich wohl­fühlt. Ist das der Grund für den Rück­gang der wei­ßen Pseu­do­vor­hän­ge? Sind die bereits beschrie­be­nen rück­läu­fi­gen Ver­kaufs­zah­len ein Indiz für das Abneh­men des Bedürf­nis­ses nach Privatsphäre?

Ist die Dis­kus­si­on über Face­book und sei­ne Öffent­lich­keit gar eine Aus­ein­an­der­set­zung über die höchst eige­ne Fens­ter­ver­klei­dung? Soll­te folg­lich Gar­di­nen­be­sit­zern gar der Log-in bei Web­an­ge­bo­ten die­ser Art ver­bo­ten werden?

Die alte Dame im Erd­ge­schoss hat sicher kei­nen Face­book-Account. Sie bevor­zugt ihre »gehei­men« Beob­ach­tun­gen und nicht die so frei­wil­lig in das gar­di­nen­freie World Wide Web posaun­ten Kako­fo­nien. Weder gegen das eine noch das ande­re kön­nen wir uns in Zukunft weh­ren. Alte Damen und das Inter­net wer­den wohl nicht so schnell aus­ster­ben, wobei die alten Damen wesent­lich län­ge­re Über­le­bens­er­fah­run­gen haben. Die­se Insti­tu­tio­nen blei­ben uns erhal­ten, bis der letz­te Vor­hang fällt.

Buchbesprechung

»Die Pflicht, zu lernen, als Pflicht, zu lesen«

Ivan Illich entfaltet die Geschichte des Lesens

Just als die Zei­tun­gen das Ende der Buch­kul­tur vor­aus­sa­gen, erscheint 1991 Ivan Illichs Buch »Im Wein­berg des Tex­tes«. Illich beschäf­tigt sich dar­in mit den Anfän­gen der biblio­phi­len Epo­che, deren Ende gera­de ver­kün­det wird.

Ivan Illich wur­de 1926 in Wien gebo­ren. Er stu­dier­te Natur­wis­sen­schaf­ten, Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie. Bekannt ist er vor allem durch sei­ne zivi­li­sa­ti­ons­kri­ti­schen Bücher und Essays, die in vie­le Spra­chen über­setzt wur­den.  Das Buch »Im Wein­berg des Tex­tes« bezieht sich auf ein Werk von Hugo von St. Vik­tor aus dem frü­hen 12. Jahr­hun­dert, dem »Didas­ca­li­con de stu­dio legen­di« (frei über­setzt: Didak­tik des Lesens«). Hugo von St. Vik­tor war ein Theo­lo­ge des Mit­tel­al­ters. Sein »Didas­ca­li­con« ist laut Illich das ers­te Buch, das über die Kunst des Lesens geschrie­ben wur­de. Illich kom­men­tiert Hugos Nie­der­schrift mit dem Ziel, den Blick für die Gegen­wart zu schär­fen. »Ich hof­fe, dass der von mir gese­he­ne Über­gang uns den Umbruch, des­sen Zeu­gen wir heu­te sind, noch deut­li­cher sehen lässt.«

Hugos »Didas­ca­li­con« beschreibt einen Wen­de­punkt in der Geschich­te – den Über­gang vom mur­meln­den, medi­ta­ti­ven zum schweig­sa­men, wis­sen­schaft­li­chen Lesen. »Um 1140 wird ein Blatt gewen­det. In der Buch­kul­tur wird die monas­ti­sche Sei­te zu- und die scho­las­ti­sche Sei­te auf­ge­schla­gen.« Illich ver­gleicht das monas­ti­sche Lesen mit einem Spa­zier­gang durch den Wein­berg. »Wenn Hugo liest, ern­tet er; pflückt er Bee­ren von den Zei­len.« In Kapi­teln wie »Weis­heit – Ziel des Lesens« oder »Ord­nung, Gedächt­nis und Geschich­te« gibt Illich wie­der, wie Hugo den Leser sei­ner Zeit beschreibt. Dazu gehört bei­spiels­wei­se die Gedächt­nis­übung. Für Hugo war die­se eine Vor­aus­set­zung für das Lesen. Sei­ne Schü­ler for­der­te er auf, ihre Merk­fä­hig­keit zu ver­fei­nern und dazu einen soge­nann­te »Gedächtnispalast«zu ent­wi­ckeln. Sie soll­ten sich einen Raum im eige­nen Inne­ren vor­stel­len und in die­sem Inhal­te able­gen. In die­ser mne­mo­tech­ni­schen Aus­bil­dung wur­den die Schü­ler trai­niert, sich in ihrem Gedächt­nis­la­by­rinth zu bewe­gen und Inhal­te wiederzufinden.

Zu Beginn des 12. Jahr­hun­derts voll­zieht sich dann ein Wan­del. Der tech­ni­sche Durch­bruch des Alpha­bets bedeu­tet das Ende des medi­ta­ti­ven Lesens. Von nun an wird das Buch nicht mehr als »Wein­berg«, son­dern viel­mehr als »Vor­rats­kam­mer« betrach­tet – als »unter­such­ba­rer Text«. Das scho­las­ti­sche Lesen ist ein indi­vi­du­el­les Lesen mit dem Ziel, Wis­sen zu  gene­rie­ren. Illich beschreibt die­se Ver­än­de­rung: »… aus der Par­ti­tur für from­me Murm­ler wur­de der optisch plan­mä­ßig gebau­te Text für logisch Den­ken­de.« Da die Tex­te nun Argu­men­te ent­hal­ten und man sich Gedan­ken über Glie­de­rung und Dif­fe­ren­zie­rung macht, wer­den mit dem scho­las­ti­schen Lesen  auch visu­el­le Hil­fen von Bedeu­tung. Num­me­rie­run­gen, Zwi­schen­über­schrif­ten, Fuß­no­ten und Regis­ter ver­än­dern das Lay­out. Illich geht dar­auf ein, wie das Buch dem uns bekann­ten Gebil­de immer ähn­li­cher wird.

Im letz­ten Kapi­tel »Vom Buch zum Text« greift Ivan Illich den Wan­del in unse­rer Zeit auf. Er befürch­tet, dass das Buch für vie­le sei­ne Legi­ti­ma­ti­on nur noch dar­in hat, dass es allen­falls als Meta­pher taugt, die auf »Infor­ma­ti­on« ver­weist. »Statt des Buches wird jetzt der Text zum Gegen­stand, in dem Gedan­ken gesam­melt und gespie­gelt werden.«

Illichs Text ist aktu­ell von gro­ßer Bedeu­tung, da wir uns mit­ten in dem von ihm beschrie­be­nen Umbruch befin­den: Das Buch ver­liert immer mehr an Stel­len­wert und wird vom Bild­schirm abge­löst. Durch den Blick auf die Ver­gan­gen­heit zeigt Illich, wie sich die Ver­än­de­run­gen damals voll­zo­gen und wie weit­rei­chend die Aus­wir­kun­gen bis heu­te sind. The­men wie Schrift, Illus­tra­ti­on, Lay­out und Autoren­schaft sind über­trag­bar. Denn wie ver­än­dert sich zum Bei­spiel ein Lay­out, wenn man den Inhalt eines Buches auf ein E-Book über­trägt? Oder was pas­siert mit Urhe­ber­rech­ten, wenn sich alles im Inter­net pro­blem­los verbreitet?

Gera­de Medi­en­schaf­fen­de soll­ten sich dem Wan­del durch digi­ta­le Medi­en und des­sen Aus­wir­kun­gen bewusst sein. Mit sei­nem Essay gibt Illich einen Anstoß, über die eige­nen Lese­ge­wohn­hei­ten und den Umgang mit Text nach­zu­den­ken. »Im Wein­berg des Tex­tes« soll­te des­halb auf der Lek­tür­elis­te aller Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gner stehen.