Für meinen Vergleich der Erkenntnisformen gehe ich von der Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen Fakten und dichterischen Fiktionen aus. Diese Unterscheidung, die für Naturwissenschaftler selbstverständlich sein dürfte, ist in unseren postmodernen Zeiten gerade von Kulturwissenschaftlern vielfach in Frage gestellt worden, vor allem im Anschluss an Nietzsches einflussreiche Jugendschrift Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn. Für Nietzsche beginnt die Fiktion bereits mit der Begriffsbildung, weil in ihr »an sich« verschiedene Einzeldinge durch Abstraktion gleichgesetzt würden.[2] Nun mag man zugestehen, dass Begriffsbildungen Konstruktionen des erkennenden Verstandes sind, gleichwohl erfolgen sie nicht willkürlich, sondern orientieren sich an Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen zwischen den Dingen und haben insofern Adäquatheitsbedingungen zu genügen. Unsere Begriffssysteme sind wie Netze, die wir als Erkenntnisfischer auswerfen, um die Dinge erkennend einzufangen,[3] und natürlich ist unser Fang davon abhängig, wie diese Netze geknüpft sind; aber eines ist sicher: Ohne Netze, mit bloßer Hand – also ohne Begriffe in der bloßen Anschauung – fangen wir allenfalls Einzeldinge und können keine Theorien ausbilden.
Da unser Zugang zu den Dingen stets begrifflich vermittelt ist, können wir zustimmen, dass dieser Zugang kein unmittelbarer ist, so dass wir der Dinge ›an sich‹, der darstellungsfreien ›nackten Tatsachen‹ nicht ansichtig werden. Die Welt als Erscheinung (im Sinne Kants) mit ihren Fakten kann uns innerweltlich aber auch genügen. Jedenfalls ist Erscheinung kein bloßer Schein, keine Fiktion. Damit Nietzsche überhaupt eine Ungleichheit der Dinge behaupten kann, die mehr besagt als numerische Verschiedenheit, muss er feststellen können, worin die Ungleichheit besteht, in welchen Hinsichten die Dinge verschieden sind, und das kann er nur, wenn er bereits über entsprechende Begriffe verfügt, die ihm ein Wiedererkennen der Verschiedenheit an den Einzeldingen erlaubt.
Das Motiv von Nietzsches Fiktionalismus ist letztlich, den alten intoleranten Vorwurf des Logos gegen den Mythos, dass die Dichter lügen, gewissermaßen umzudrehen, indem er erklärt: »Bevor ›gedacht‹ wird, muß schon ›gedichtet‹ worden sein.«[4] Die Dichtung (im Sinne der Fiktion) geht danach dem Denken voraus. Nun richtet sich der Vorwurf der Lüge, der gemeinhin Platon zugesprochen wird, bei diesem weniger gegen die fiktionale Erzählform als solche, sondern vielmehr gegen deren Inhalte, vor allem gegen die Geschichten, die bestimmte Autoren den Göttern ›angedichtet‹ haben. Der Vorwurf der Lüge kann sich schon aus sprechakttheoretischen Gründen gar nicht gegen ›die‹ Dichter, also gegen die Dichtung als solche, richten. Sind Lügen doch nach üblichem Verständnis wissentlich falsche Behauptungen. Dichter behaupten aber gar nicht und können daher auch nicht lügen. Mit diesem treffenden Einwand hat schon Philip Sidney in seiner im Jahre 1595 erschienenen Schrift A Defence of Poetry die Dichtung verteidigt, und der Logiker Gottlob Frege hat diese Auffassung dreihundert Jahre später bestätigt, indem er dichterische Rede als nicht-behauptend bestimmt.
Als ob …
Platon könnte den Mythos auch gar nicht generell verurteilen, greift er doch selbst in seinen Dialogen auf ihn zurück und bedient sich zudem gezielt der fiktionalen Rede. So wird in seinen Dialogen so getan, als ob sich bestimmte Personen zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort getroffen und bestimmte Argumente vorgetragen hätten. Aber auch wenn diese Dialoge einen realen Hintergrund haben mögen und ihre Figuren historischen Personen nachgebildet sind, so stellen sie doch keine Aufzeichnungen historischer Dialoge, sondern fiktionale Inszenierungen mit literarischem Anspruch dar.
Nietzsche befürchtet anscheinend, dass der poetische Mythos wegen seines fiktionalen Charakters gegenüber dem behauptenden Logos abgewertet wird. Dies geschieht mitunter auch, wenn zum Beispiel dichterische Texte als ›Märchen für Erwachsene‹ bezeichnet werden. Das habe ich selbst schon gehört. Die angemessene Strategie, dieser Intoleranz zu begegnen, kann aber nicht darin bestehen, den Unterschied zwischen Fakten und Fiktionen aufzulösen.
Ein solcher Fiktionalismus übersieht, dass die Befreiung von den Verpflichtungen, denen das Behaupten unterliegt, der Dichtung Möglichkeiten eröffnet, die dem behauptenden Diskurs versagt bleiben. Die so genannte dichterische Freiheit wird zwar mitunter auch ironisch aufgerufen, um anzudeuten, dass man jemanden mit seinen Aussagen nicht ernst zu nehmen brauche, weil er geflunkert habe. Tatsächlich handelt es sich aber um wirkliche Freiheit. Der Dichter ist nämlich frei in der Bildung seiner Figuren und der Gestaltung seiner Erzählung. Dabei ist diese Freiheit keineswegs schrankenlose phantastische Willkür; denn wir erwarten auch von fiktionalen Texten eine gewisse Konsistenz und Glaubwürdigkeit der Figuren und ihrer Handlungen.
- [2] Nietzsche, Friedrich: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn; in: Ders.: Werke in drei Bänden, hg. von K. Schlechta. Bd. 3. München 1966. S. 309—322, hier S. 312 f.
- [3] Vgl. was Karl R. Popper (Novalis zitierend) als Motto seiner Logik der Forschung (Tübingen 1971(4), S. XI) voranstellt: »Hypothesen sind Netze: nur der wird fangen, der auswirft.«
- [4] Nietzsche, Friedrich: Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre, a. a. O., S. 476.
