Gleichwohl ist der Dichter nicht verpflichtet für die Wahrheit einzustehen, wie dies für Wissenschaftler und nicht nur für diese gilt, wenn sie Behauptungen aufstellen. Zwar werden Dichterinnen und Dichter nach ihren Lesungen schon mal danach gefragt, was ihre Aussage oder auch ›Botschaft‹ sei, normalerweise werden sie jedoch nicht aufgefordert, zu begründen, was sie gesagt haben. Derlei geschieht allenfalls bei Schlüsselromanen, Romanen über historische Persönlichkeiten oder historischen Romanen, die allerdings regelmäßig Diskussionen über das angemessene Verhältnis zwischen dichterischer Freiheit und historischer Faktentreue auslösen. Ein jüngeres Beispiel ist Daniel Kehlmanns fiktionale Doppelbiographie Die Vermessung der Welt über die historischen Figuren Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß.
Versucht Nietzsche, den Wahrheitsanspruch der Wissenschaft fiktionalistisch zu unterlaufen, so gibt es auch in umgekehrter Richtung das Bemühen, Literatur und Literaturwissenschaft wissenschaftlich heimzuholen. Angeführt wird insbesondere die Entdeckung der so genannten Spiegelneuronen. Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die im Betrachter einer Handlung dasselbe Aktivitätsmuster aufweisen, das bei der tatsächlichen Ausführung der Handlung erkennbar ist. Dieser Sachverhalt wird herangezogen, um das menschliche »Wohlgefallen an der Nachahmung« durch Literatur und Kunst kausal zu erklären.[5]
Gegen solche Erklärungsversuche ist zunächst gar nichts einzuwenden, erhielten wir so immerhin den Nachweis, dass das Interesse an Nachahmung eine anthropologische Konstante, sozusagen eine Naturanlage des Menschen ist. Die ganze Nachahmungsdebatte, die uns seit Platon und Aristoteles bis heute in der Literatur- und Kunsttheorie beschäftigt, erhielte damit ihre Berechtigung, weil man dem Menschen seine Naturanlage nicht austreiben kann. So würde die Neurophysiologie eine Bestätigung der Aristotelischen Auffassung liefern, dass »das Nachahmen unserer Natur gemäß ist«[6]. Allerdings ist durch eine solche naturalistische Erklärung der Nachahmungstrieb noch nicht gerechtfertigt; denn Menschen haben mancherlei Triebe, die sie besser nicht hätten. Zumindest bestimmt das Vorhandensein eines Triebes noch nicht, wieweit ihm nachzugeben ist. Vor allem folgt aus einer solchen Erklärung nichts für den angemessenen Umgang mit Literatur. Der These, eine wissenschaftliche Theorie der Interpretation müsse »die Erkenntnis der Entwicklungspsychologie, Evolutionstheorie und der Kognitionswissenschaften« voraussetzen,[7] ist entgegenzuhalten: Um literarische Texte zu verstehen, brauche ich über Spiegelneuronen gar nichts zu wissen.
Ist man in Teilen der gegenwärtigen Literaturtheorie bemüht, sich einer naturwissenschaftlichen Grundlage zu vergewissern, so gibt es umgekehrt in der so genannten Postmoderne im Anschluss an Nietzsche auch die Tendenz, die Wissenschaftlichkeit der Historie fiktionalistisch aufzulösen. So wurde der eher harmlose Titel des einflussreichen Buches Tropics of Discourse von Hayden White tendenziös als Auch Klio dichtet übersetzt. Klio ist die Muse der Historiker. Damit auch jeder die Konsequenzen für die Geschichtswissenschaft versteht, wenn deren Muse Klio dichtet, heißt es im Titel weiter: oder Die Fiktion des Faktischen.[8] Tendenziös ist diese Übersetzung, weil White sich vom Fiktionalismus dadurch unterscheidet, dass er am Wahrheitsanspruch der Geschichtswissenschaft festhält. Dabei gibt es durchaus eine Gemeinsamkeit zwischen Roman und Historie, nämlich in der Darstellungsform der Narration. Diese Gemeinsamkeit hebt aber nicht die Differenz zwischen Fakten und Fiktionen auf. Insofern ist das gegenwärtige Gerede von so genannten »Narrativen« abwegig. Es unterstellt, dass es keine Fakten gebe, so dass jeder seine eigene Erzählung habe. Da wundert es nicht, dass man von »alternativen Fakten« spricht, die tatsächlich Fiktionen – oder genauer – Lügen sind.
Die Orientierung des Historikers an Fakten findet im »Vetorecht der Quellen« (Reinhart Koselleck) ihren Ausdruck. So macht die Fiktion einer historischen Quelle den Erkenntniswert einer historischen Darstellung zunichte. Wenn dagegen Christoph Martin Wieland in seiner Geschichte des Agathon mit der Fiktion eines historischen Dokuments – der angeblichen »Abschrift« einer »Art Tagebuch« des Helden – ironisch spielt, so beeinträchtigt dies den Erkenntniswert des Romans nicht im geringsten. Die fingierte »Überlieferungsgeschichte« erhöht ganz im Gegenteil die Komplexität der Erzählstruktur und trägt damit zum literarischen Erkenntniswert des Romans bei.
Wielands Berufung »auf die Eingebung der Musen« legt die Fiktion der historischen Quelle offen. Ausgespielt wird so die Freiheit des »Poeten« gegenüber der Bindung des »Geschichtsschreibers« an die »historische Wahrheit«. Im Hintergrund steht dabei die aristotelische Auffassung, dass der Geschichtsschreiber »erzählt, was geschehen ist« und der Dichter, »was geschehen könnte«.[9] Die dichterische Freiheit ermöglicht es, insbesondere Innenansichten der Personen (Figuren) vorzustellen. Der an äußeren Einzelfakten gebundenen Geschichtswissenschaft, die in methodologischer Hinsicht behavioristisch vorzugehen hat, bleibt diese Möglichkeit weitgehend versagt. Damit gelingt es der Dichtung, psychologisch differenzierter zu sein als die Historie.
- [5] Vgl. Lauer, Gerhard: Spiegelneuronen. Über den Grund des Wohlgefallens an der Nachahmung. In: Eibl, Karl; Mellmann, Katja; Zymner, Rüdiger (Hg.): Im Rücken der Kulturen. Paderborn 2007. S. 137—163.
- [6] Aristoteles: Poetik, Abschnitt 4. Dt. Übers. von O. Gigon. Stuttgart 1974. S. 27.
- [7] Lauer, a. a. O., S. 157.
- [8] White, Hayden: Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen. Studien zur Tropologie des historischen Diskurses. Stuttgart 1986.
- [9] Aristoteles: Poetik, Abschnitt 9, a. a. O., S. 36.
