Wissens-wie und Wissen-dass
Um den Unterschied des nicht-propositionalen Wissens-wie zum propositionalen Wissen-dass deutlich zu machen, verweise ich vergleichend auf die so genannte Qualia-Debatte in der Wahrnehmungstheorie. Zu wissen, dass etwas rot ist, ist etwas anderes als zu wissen, wie es ist, eine Rotwahrnehmung zu haben. Ein Farbenblinder kann ersteres Wissen mit Hilfe von Apparaturen, die ihm die Wellenlänge des Lichts angeben, erwerben, letzteres Wissen bleibt ihm aber versagt. Der Farbenblinde mag ein Wissen durch physikalische Beschreibung (knowledge by description) der Farben besitzen, er kann aber kein Wissen durch Bekanntschaft (knowledge by acquaintance) erwerben.
Die angesprochene Differenz ist nicht nur wahrnehmungstheoretisch, sondern auch ästhetisch relevant. So wird in den monochromen Gemälden moderner Künstler, wie Barnett Newman und Yves Klein, das kontemplative Moment der Farbwahrnehmung nicht nur vergegenwärtigt, sondern wirklich gegenwärtig und bis zum Gefühl der Erhabenheit gesteigert. (Hier sieht man übrigens, dass Gefühl und Erkenntnis nicht unbedingt Gegensätze bilden müssen.) Eine solche gegenwärtige Bekanntschaft als Präsenzerfahrung kann Literatur nicht erzeugen. Sie beläßt es bei einer imaginativen Vergegenwärtigung. Andererseits bleibt uns eine unmittelbare Bekanntschaft auch erspart. Denn wer wollte all das selbst erfahren, woran uns Literatur teilnehmen läßt. Die adäquate literarische Vergegenwärtigung einer Situation, einer Stimmung, einer Befindlichkeit, eines Gefühls usw. ermöglicht es dem Leser, sich in diese Situation, Stimmung usw. imaginativ hinein zu versetzen, ohne sich darin real vorzufinden. Sich in die Gefühlswelt einer literarischen Figur zu versetzen, heißt nicht, deren Gefühle selbst zu haben. Bei der Lektüre von Kafka geht es nicht darum, in mir das Gefühl der Entfremdung zu erzeugen, sondern zu verstehen, was Entfremdung ist.
Kognitive Empathie mit einer literarischen Figur führt nicht dazu, dass man wirklich weiß, wie es ist, sich in einer bestimmten Situation zu befinden. Wie es ist, entfremdet zu sein, weiß wohl nur derjenige, der selbst in einer solchen Situation gewesen ist, nämlich die Entfremdung am eigenen Leibe erlebt und in der eigenen Seele gespürt hat. Dann erst kennt man sie wirklich. Auf der anderen Seite fehlt uns in der Situation der wirklichen Bekanntschaft die reflexive Distanz, diese zu begreifen. Dazu verhilft uns erst die imaginative Vergegenwärtigung der Situation eines anderen, in der wir unsere eigene Situation möglicherweise wiedererkennen. Festzuhalten bleibt, dass die Art der Betroffenheit in den Fällen realer Gegenwart und imaginativer Vergegenwärtigung wesentlich verschieden ist. Aus diesem Grunde dürfte es mit Blick auf die Literatur angemessener sein, statt von einem Wissen-wie-es-ist von einem Erkennen-wie-es-ist zu sprechen.
Ich möchte noch einmal betonen, dass die möglichen Arten der Erkenntnis nicht auf die hier betrachteten Erkenntnisformen der Wissenschaften und der Dichtung beschränkt sind. Im Sinne der Komplementaritätsthese darf fürs erste immerhin festgehalten werden: Es gibt zwei einander ergänzende Formen der Erkenntnis, die propositionale wissenschaftliche Beschreibung der Faktenwirklichkeit und die nicht-propositionale dichterische Vergegenwärtigung der Lebenswirklichkeit.
Abschließend möchte ich meine Lieblingsunterscheidung zwischen wissenschaftlicher Präzision und ästhetischer Prägnanz ergänzend ins Spiel bringen. Prägnanz ist wie Präzision eine Form der Genauigkeit. ›Genauigkeit‹ ist der Oberbegriff zu ›Prägnanz‹ und ›Präzision‹. Wie abwegig es wäre, ästhetische Prägnanz in wissenschaftliche Präzision überführen zu wollen, mag folgendes Beispiel veranschaulichen.[11] Ich zitiere Mörikes Gedicht „Septembermorgen“:
Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst Du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.[12]
Wollten wir diese wunderschöne prägnante Vergegenwärtigung einer Herbststimmung in ihrem propositionalen Gehalt präzise fassen, so käme etwa Folgendes heraus:
Zunächst noch verbreitet Morgennebel,
besonders in den Niederungen.
Später aufklarend und sonnig
bei warmen Herbsttemperaturen.
Ein Wetterbericht! – Um so etwas zu verhindern, habe ich versucht, die Möglichkeit ästhetischer Erkenntnis am Beispiel der Dichtung aufzuzeigen. Die Grundlage meiner Überlegungen bildet der Begriff der Vergegenwärtigung, der seinerseits auf den Begriff der ästhetischen Prägnanz zurückgeht. Der Erkenntniswert der Literatur besteht dementsprechend in prägnanter Vergegenwärtigung.
Nachdem ich Nietzsche wegen seines Fiktionalismus so eingehend kritisiert habe, möchte ich doch versöhnlich darauf verweisen, dass sich auch bei ihm der Gedanke einer Komplementarität der Erkenntnisformen angedeutet findet. In der Geburt der Tragödie heißt es: „Vielleicht gibt es ein Reich der Weisheit, aus dem der Logiker verbannt ist? Vielleicht ist die Kunst sogar ein notwendiges Korrelativum und Supplement der Wissenschaft?“ Genau so ist es; aber diese Einsicht erreicht man nicht durch Gleichmacherei, sondern durch Unterscheidung, die uns die wechselseitige Ergänzungsbedürftigkeit, die Komplementarität der Bereiche verdeutlicht. In diesem Sinne hoffe ich, das Bemühen um einen bereichsübergreifenden Dialog bestärkt zu haben. Es versteht sich, dass es in den Zeiten unvermeidlicher Spezialisierung nicht mehr darum gehen kann, sich in allen Bereichen auszukennen. Georg Christoph Lichtenberg, der wie kein anderer die Kluft zwischen den Kulturen zu überbrücken verstand, indem er transdisziplinär gleichermaßen Physiker, Philosoph, Literat und vieles andere mehr war, gibt uns immerhin zu bedenken: „Wer nichts als Chemie versteht, versteht auch die nicht recht.“[13] Um keine Missverständnisse auf Seiten der Naturwissenschaften aufkommen zu lassen, betone ich, dass hier statt der Chemie auch jede andere Disziplin angeführt werden könnte.
- [11] Dieses Beispiel verdanke ich Franz Koppe, Grundbegriffe der Ästhetik, Frankfurt a. M. 1983, S. 129.
- [12] Mörike, Eduard: Septembermorgen. In: ders.: Sämtliche Gedichte in einem Band. Frankfurt am Main, Leipzig 2001. S. 121.
- [13] Lichtenberg, Georg Christoph: Schriften und Briefe. Erster Band: Sudelbücher I. Frankfurt am Main 1994(3). S. 772 (Nr. 860).
