Eine regu­la­ti­ve Unterscheidung

Was die Unter­schei­dung zwi­schen Fak­ten und Fik­tio­nen anbe­langt, so ist deren Ver­wi­schung, vor allem unter dem Titel »Das Leben ein Traum« (Cal­derón, Hof­manns­thal und Lewis Car­roll), selbst The­ma der Welt­li­te­ra­tur; aber auch die­se The­ma­ti­sie­rung funk­tio­niert nur auf der Grund­la­ge einer zuvor vor­aus­ge­setz­ten Unter­schei­dung zwi­schen Fak­ten und Fik­tio­nen. Und bie­ten nicht Cer­van­tes’ Don Qui­jo­te und Wie­lands deutsch­spra­chi­ges Pen­dant Don Syl­vio von Rosal­va die bes­ten Bei­spie­le einer lite­ra­ri­schen Ver­ge­gen­wär­ti­gung der ver­hee­ren­den Fol­gen, die der Ver­lust die­ser Unter­schei­dung mit sich bringt?

Es ist zwar rich­tig, dass man nicht in allen Fäl­len fak­tisch zwi­schen Fak­ten und Fik­tio­nen unter­schei­den kann. Natür­lich kön­nen wir uns in Ein­zel­fäl­len täu­schen. Regu­la­tiv bleibt die­se Unter­schei­dung aber in Kraft. Sie bil­det die Grund­la­ge für unse­re all­täg­li­che Ori­en­tie­rung in der Welt. Wenn jemand berich­tet, dass ihm ein Erleb­nis wie ein böser Traum vor­ge­kom­men sei, so ist dies zwar ein Anzei­chen dafür, dass sei­ne See­le auf Distanz zur Wirk­lich­keit gegan­gen ist, dies aber nicht des­halb, weil die­se Wirk­lich­keit eine Fik­ti­on war, son­dern ganz im Gegen­teil, weil sie in ihrem gan­zen Aus­maß nur so erträg­lich wurde.

Zu wider­spre­chen ist also sowohl dem Ver­such des Fik­tio­na­lis­mus, die Gren­zen zwi­schen Fak­ten und Fik­tio­nen auf­zu­he­ben, als auch dem Ver­such, den Umgang mit Lite­ra­tur auf eine natur­wis­sen­schaft­li­che Grund­la­ge zu stel­len. Im Sin­ne des Kom­ple­men­ta­ris­mus plä­die­re ich für die Unter­schei­dung zwi­schen wis­sen­schaft­li­chen Fak­ten und lite­ra­ri­schen Fik­tio­nen auch des­halb, weil gera­de die Unter­schie­de den eigen­tüm­li­chen Erkennt­nis­wert der Dich­tung deut­lich wer­den lassen.

Zu beto­nen ist, dass die Bestim­mun­gen des Fik­tio­na­len und des Lite­ra­ri­schen grund­sätz­lich unab­hän­gig von­ein­an­der zu hal­ten sind: Es gibt Fik­tio­nen, die nicht lite­ra­risch sind, und es gibt Lite­ra­tur, die nicht fik­tio­nal ist. Dich­tung ver­steht sich hier als Ver­bin­dung bei­der Bestim­mun­gen zu fik­tio­na­ler Lite­ra­tur und unter­schei­det sich damit von blo­ßer Erdich­tung.

Wie kann, so möch­ten nicht nur Natur­wis­sen­schaft­ler fra­gen, Dich­tung einen Erkennt­nis­wert haben, obwohl sie doch fik­tio­nal ist. Wenn die Dich­tung gar nicht behaup­tet, so ist sie zwar von den For­de­run­gen, denen behaup­ten­de Rede zu genü­gen hat, befreit. Ande­rer­seits scheint dann aber auch ihr Wahr­heits­an­spruch dahin zu sein, denn die­ser wird gera­de in Behaup­tun­gen erho­ben. Man hat die Dich­tung daher auch von dem Anspruch auf Wahr­heit zu ent­bin­den ver­sucht und ihr statt eines Erkennt­nis­wer­tes einen emo­ti­ven Wert zuge­spro­chen, näm­lich auf die Gefüh­le der Leser zu wir­ken. Der Wahr­heits­be­griff wird daher durch den Begriff der wahr­haf­ti­gen, näm­lich authen­ti­schen »Expres­si­on« ersetzt. Die Wahr­heit, die dabei abge­lehnt wird, ist die pro­po­si­tio­na­le Wahr­heit der Wis­sen­schaf­ten als Wahr­heit von Aus­sa­gen, Behaup­tun­gen oder Urtei­len in der logi­schen Tra­di­ti­on von Aris­to­te­les über Kant bis zu Fre­ge. Dass sol­che Wahr­heit nicht gera­de das Ziel der Dich­tung ist, dem kann man zustim­men. Aller­dings ist zu beden­ken, dass ein sol­cher Wahr­heits­be­griff zu eng und die Wahr­heit der Dich­tung von ganz ande­rer Art ist; aber von wel­cher Art?

Ich wer­de einen ver­mit­teln­den Weg ein­schla­gen, der eine Erwei­te­rung des Erkennt­nis­be­griffs über den Wahr­heits­be­griff hin­aus vor­nimmt, um so der Dich­tung einen Erkennt­nis­wert zu sichern, unab­hän­gig davon, wie­weit außer­dem sinn­voll von Wahr­heit gespro­chen wer­den kann. Ohne dabei der Dich­tung ihren emo­ti­ven Wert bestrei­ten zu wol­len, geht es dar­um, der Ver­ab­schie­dung ihres Erkennt­nis­werts zu wider­spre­chen. Ange­sagt ist nicht eine All­aus­sa­ge über Dich­tung, son­dern die Begrün­dung einer Exis­tenz­aus­sa­ge: Es gibt rele­van­te Dich­tung, ver­stan­den als fik­tio­na­le Lite­ra­tur, die einen Erkennt­nis­wert besitzt. Die­sen Erkennt­nis­wert gilt es nun im Ver­gleich mit dem­je­ni­gen der Wis­sen­schaf­ten zu bestimmen.