Essay

Über die Vielfalt der Erkenntnisformen

Für einen toleranten Pluralismus

Von Gottfried Gabriel


Charles Per­cy Snow hat (1959) die The­se vom Gegen­satz zwi­schen geis­tes­wis­sen­schaft­lich-lite­ra­ri­scher Kul­tur und natur­wis­sen­schaft­lich-tech­ni­scher Kul­tur ver­tre­ten. Snow zufol­ge haben die­se bei­den Kul­tu­ren so unter­schied­li­che Denk­wei­sen ent­wi­ckelt, dass eine Ver­stän­di­gung zwi­schen ihnen nicht mehr mög­lich sei.[1] Die von Snow beschrie­be­ne und beklag­te Kluft hat teil­wei­se zu einer wech­sel­sei­ti­gen Into­le­ranz geführt. Ich erin­ne­re mich an Dis­kus­sio­nen, in den­en­die einen als »geist­los« und die ande­ren als »nutz­los« klas­si­fi­ziert wur­den. Ich selbst stand schon als Stu­dent zwi­schen den Fron­ten, da ich an der Uni­ver­si­tät Müns­ter nicht nur Phi­lo­so­phie und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft stu­dier­te, son­dern auch Vor­le­sun­gen zur mathe­ma­ti­schen Logik besuch­te. Der Gang vom Ger­ma­nis­ti­schen Insti­tut im Süden von Müns­ter zum Insti­tut für mathe­ma­ti­sche Logik und Grund­la­gen­for­schung im Nor­den von Müns­ter kam mir wie das Über­schrei­ten einer Sprach­gren­ze vor. Wie kön­nen wir mit sol­chen Gren­zen umge­hen? Sie las­sen sich jeden­falls nicht dadurch über­win­den, dass man eine Ein­heits­wis­sen­schaft pro­pa­giert und alle Gebie­te über den­sel­ben metho­di­schen Leis­ten schlägt. Die unter­schied­li­chen Erkennt­nis­for­men, die sich in unter­schied­li­chen Dar­stel­lungs­for­men nie­der­schla­gen, sind schließ­lich in der Sache begrün­det. Den Kon­flikt zwi­schen den bei­den Kul­tu­ren habe ich auch in mir selbst aus­ge­tra­gen. Zuge­spitzt hat er sich für mich in dem Gegen­satz zwi­schen logi­scher Prä­zi­si­on und lite­ra­ri­scher Prä­gnanz als zwei unter­schied­li­chen For­men der Genauigkeit.

Die­ses Vor­trags­ma­nu­skript wird ver­su­chen, die ange­spro­che­ne Kluft zu über­brü­cken und die mit die­ser Kluft ein­her­ge­hen­de Into­le­ranz im Rah­men eines Plu­ra­lis­mus unter­schied­li­cher Erkennt­nis­for­men zu über­win­den. Der wesent­li­che Schritt dabei ist der Nach­weis, dass Erkennt­nis­leis­tun­gen nicht auf die Wis­sen­schaf­ten beschränkt blei­ben, son­dern auch in ande­ren Gebie­ten erbracht wer­den. Ins­be­son­de­re Lite­ra­tur und Kunst haben eige­ne Erkennt­nis­for­men ent­wi­ckelt. Der hier ver­tre­te­ne tole­ran­te Plu­ra­lis­mus ver­steht sich nicht als Rela­ti­vis­mus, son­dern als Kom­ple­men­ta­ris­mus in dem Sin­ne, dass die unter­schied­li­chen Wei­sen der Erkennt­nis sich wech­sel­sei­tig ergän­zen. Exem­pla­risch ent­wi­ckeln wer­de ich die­sen Gedan­ken anhand eines Ver­gleichs zwi­schen wis­sen­schaft­li­cher und dich­te­ri­scher Erkenntnis.

Eine Kluft zwi­schen den bei­den Kulturen?

Vor­aus­zu­schi­cken ist, dass die beklag­te Kluft zwi­schen den zwei Kul­tu­ren – zumin­dest im Deut­schen – nicht recht auf­geht, ist doch die Mathe­ma­tik im Grun­de eine Wis­sen­schaft des Geis­tes schlecht­hin und ist ande­rer­seits die Psy­cho­lo­gie, die es ihrer Bezeich­nung nach mit dem Geist zu tun hat, auf dem bes­ten Wege, zu einer mathe­ma­ti­schen Natur­wis­sen­schaft zu wer­den. Die angel­säch­si­sche Gegen­über­stel­lung von huma­ni­ties und sci­en­ces erscheint da schon sinn­vol­ler. Eine Geis­teswis­sen­schaft – mit Beto­nung auf »Wis­sen­schaft« – ist im angel­säch­si­schen Sprach­raum schon aus ter­mi­no­lo­gi­schen Grün­den nicht vor­ge­se­hen. Mein Uni­ver­si­täts­leh­rer in neue­rer deut­scher Lite­ra­tur­ge­schich­te, Wolf­gang Prei­sen­danz, gab die­ser Sicht inso­fern Recht, als er metho­do­lo­gi­schen Dis­kus­sio­nen um den Wis­sen­schafts­an­spruch der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft aus­wich, indem er erklär­te, sein Fach­ge­biet sei nicht Lite­ra­turwis­sen­schaft, son­dern Lite­ra­turkun­de. Nun, wie weit oder wie eng wir den Begriff der Wis­sen­schaft auch fas­sen mögen, nicht zu über­se­hen ist, dass es unter­schied­li­che Kul­tu­ren der Dar­stel­lung gibt.

Aus­zu­ge­hen ist nicht von streng getrenn­ten, also dis­junk­ten Dar­stel­lungs- und ent­spre­chen­den Erkennt­nis­for­men. Viel­mehr gibt es – wie im Farb­kreis zwi­schen den Kom­ple­men­tär­far­ben (zum Bei­spiel Gelb und Blau) – durch­aus Über­gän­ge und damit Misch­for­men. Gera­de in mei­nem eige­nen Gebiet, der Phi­lo­so­phie, tut sich eine gro­ße Span­ne zwi­schen logi­schen und lite­ra­ri­schen Dar­stel­lungs­for­men auf. So ist Robert Musils Der Mann ohne Eigen­schaf­ten sei­ner Form nach ein lite­ra­ri­sches Werk, steht aber mit sei­nen inhalt­li­chen Refle­xio­nen auf der Schwel­le zur Phi­lo­so­phie, und Lud­wig Witt­gen­steins Trac­ta­tus logi­co-phi­lo­so­phi­cus ist sei­nem Inhalt nach vor allem ein logi­sches Werk, bedient sich aber gezielt der lite­ra­ri­schen Form des Aphorismus.

Das gan­ze Spek­trum mög­li­cher Dar­stel­lungs­for­men abzu­schrei­ten, ist hier nicht der Raum. Wie bereits ange­kün­digt, beschrän­ke ich mich auf einen Ver­gleich der am wei­tes­ten aus­ein­an­der lie­gen­den For­men der Erkennt­nis – der wis­sen­schaft­li­chen und der dich­te­ri­schen. Um den Ver­gleich nicht zu schwie­rig zu gestal­ten, belas­se ich es bei der Gegen­über­stel­lung von wis­sen­schaft­lich-behaup­ten­der und fik­tio­nal-erzäh­len­der Rede, also bei dem klas­si­schen Gegen­satz zwi­schen Logos und Mythos. Was am Bei­spiel der erzäh­len­den Lite­ra­tur erkun­det wird, lässt sich aber auch ana­log auf die lyri­sche und dra­ma­ti­sche Lite­ra­tur übertragen.