Mythen des Alltags
20.15 Uhr
Wie eine Uhrzeit unsere Medien-Gewohnheiten geprägt hat
Wer diese Uhrzeit liest, denkt ans Fernsehen. Wir können nicht anders, zumindest diejenigen nicht, die vor »Netflix« und »Youtube« geboren wurden. 20.15 Uhr, da beginnt der »Tatort«. Spätestens da hatte man als Kind aus dem Wohnzimmer verschwunden zu sein, außer natürlich am Samstag, wenn man frisch gewaschen teilhaben durfte am Ereignis der Woche: der Samstagabend-Show. Auf diesen Moment war der Alltag getaktet, das Abendessen war erledigt, das Geschirr weggeräumt.
Eigentlich kurios, diese unrunde Zeit. Schuld an allem sind die 20-Uhr-Nachrichten, die ihrerseits ihren Beginn jahrzehntelang mit tickendem Zeiger pünktlich auf die Sekunde zelebriert haben. Dennoch: 20 Uhr ist nur eine Uhrzeit, 20.15 Uhr ein deutscher Fernseh-Mythos, der die Franzosen einst bei der Gründung des gemeinsamen Fernsehsenders »arte« sehr irritiert haben soll. Man könne in Deutschland keinen Spielfilm um neun Uhr beginnen lassen, so das Argument der deutschen Redakteure. Da sei das Publikum schon vergeben. Die Franzosen haben verständnislos die Köpfe geschüttelt und geschmunzelt. Diese Deutschen. Schauen sogar pünktlich fern. Soziologen könnten vermutlich untersuchen, wie sehr dieser flächendeckende Beginn des Fernseh-Hauptprogramms deutsche Gewohnheiten und Rituale geprägt hat.
Doch der Mythos verschwindet. Wer streamt, schaut, was er möchte, wann er möchte. Verschwinden werden damit bis auf wenige Ausnahmen auch jene grandiosen kollektiven Fernseh-Erinnerungen: stundenlange Quizsendungen, unglaublich kitschige Weihnachtsserien, Sportereignisse und natürlich jener »Tatort«, letztes Highlight im Wochenende der Erwachsenen. Ja, das WM-Finale, das werden wir noch alle gleichzeitig anschauen und zwar »public«, im großen Stil. Das meiste andere eher nicht. Und unsere Enkel werden mit dieser Uhrzeit vermutlich nichts Besonderes mehr anzufangen wissen.
Dabei geht gleichzeitig ein weiteres Kuriosum verloren: die Illusion einer Gemeinschaft, die alleine auf dem heimischen Sofa stattfindet. Ältere kennen es vielleicht, dieses Gefühl, wenn man vom Fernsehprogramm auf ein Video wechselt: nicht mehr »dabei« zu sein. Egal auf welchem Kanal, fernsehen, das fühlt sich irgendwie echter an, irgendwie doch »live«. Und in wenigen Ausnahme-Momenten war das ja auch so, nämlich dann, wenn eine Nachricht von so großer Wichtigkeit war, dass alle Programme ihretwegen unterbrochen wurden.
Wer jedenfalls in einem Bus sitzt oder in einer U-Bahn oder tatsächlich im Wohnzimmer einer Durchschnittsfamilie und sieht, wie jedes Familienmitglied auf einen eigenen kleinen Bildschirm starrt, in sich versunken, ohne die anderen auch nur eines Blickes zu würdigen, dem wird der gemeinsame Beginn des Fernsehabends um 20.15 Uhr fast wie eine kulturelle Errungenschaft erscheinen, ein soziales Eldorado: geteiltes Programm, geteilte Aufmerksamkeit, geteilte Chips.
Mythen des Alltags
Paleo-Diät
Alles, was schmeckt, wird verboten
Die Steinzeitmenschen als kulinarisches Vorbild: Was im ersten Moment absurd klingt, ist auf den zweiten Blick der letzte Schrei bei Diätverfechtern. Keine Pizza, keine Pasta und kein Kuchen – je länger man den Speiseplan der Paleo-Diät studiert, umso klarer wird es: Alles, was schmeckt, ist hier verboten. Wie auch sonst, Familie Feuerstein speiste eben noch nicht unbedingt auf dem kulinarischen Niveau, auf dem wir uns heute bewegen.
Paleo (nach deutscher Orthographie eigentlich Paläo) leitet sich von dem fachsprachlichen Terminus Paläolithikum ab, was soviel heißt wie Altsteinzeit. Die sogenannte Steinzeitdiät bedient sich der vermuteten Ernährungsform unserer Urahnen, die vor etwa 10 000 Jahren lebten. Das Grundgerüst der Diät sieht folgendermaßen aus: Es darf alles gegessen werden, was schon unsere an Mammutknochen nagenden Vorfahren verschlungen haben. Lebensmittel, die aus Getreide gewonnen werden, sowie Zucker, Alkohol und Milchprodukte sind nicht erlaubt. Adieu Käsespätzle und auf Wiedersehen Kartoffelsalat: Für Paleoaner stehen nur noch Gerichte auf dem Speiseplan, die Jäger und Sammler vor tausenden Jahren verzehrten. Selbst bei großen Tageszeitungen, wie der »New York Times« ist der Paleo-Trend angekommen: Laut deren Einschätzung arbeitet der urbane Höhlenmensch in der Kreativbranche und spaziert in seiner Mittagspause barfuß um den Häuserblock.[1]
Doch warum sollte man sich wie in der Steinzeit ernähren, als die Menschen sowieso nur maximal 40 Jahre alt wurden? Dahinter steht der Gedanke, dass der menschliche Körper genetisch nicht an die moderne Kost angepasst sei, sondern lediglich an steinzeitliche Ernährungsformen. Deshalb fördere die heutige Zivilisationsernährung vermehrt Erkrankungen. De facto gibt es bei der Theorie mehr Hypothesen als wissenschaftliche Beweise.
Die wenigsten Anhänger der Diät dürften diese Ernährungsform wirklich als idealistische Ansage gegen die heutige Industriekost sehen. Die meisten Paleoaner gehören der Kategorie der diätfanatischen Möchtegern-Trendsetter an. Für die Industrie eröffnet sich ein weiterer Nischenmarkt, aus dem Geld gemacht werden kann. Letztlich ist die Paleo-Diät nur ein Beispiel dafür, wie besessen moderne Menschen vom Abnehm-Wahn sind. Low-Carb, »Schlank im Schlaf« oder »Abnehmen, passend zur Blutgruppe«: Keine noch so paradox klingende Diät ist mehr unmöglich. Menschen, die normal essen, werden grundsätzlich schief angesehen. Du bist, was du isst – die alte Volksweisheit gewinnt an Bedeutung. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, sich auch über Ernährung zu profilieren. Essen wird immer mehr zum Instrument der Selbstverwirklichung.
Eines ist sicher: Abnehmen war früher kein Trend, und Menschen in der Steinzeit waren auch keine Paleo-Diät-Verfechter. Sie hatten schlicht und einfach keine andere Wahl.
Mythen des Alltags
Kleingeld
Münzen von geringem Wert: abschaffen oder einsacken?
Es zieht und zerrt, bei Schritt und Tritt. Ein lästiger Geselle. Vor allem schnelles Gehen, gar Rennen oder Hüpfen ist beschwerlich. Es fühlt sich an wie eine Handvoll Steine in der Hosentasche. Wurde der Gürtel vergessen – unangenehm …
Kleingeld, das ist Bargeld in Form von Münzen mit geringem Wert. Insbesondere wird es zum Bezahlen kleiner Beträge genutzt oder aber als Wechselgeld. Das Wort »Geld« hat sich aus dem althochdeutschen Wort »gelt« abgeleitet, das gleichermaßen Einkommen, Wert, Vergeltung oder Vergütung bedeutet. Geld, das steht für Macht – Kleingeld auch? Nun, dem Großmütterchen, das an der Kasse in aller Seelenruhe die tief liegenden, in der Dunkelheit verborgenen Groschen aus der Geldbörse kramt und dann aus lauter Verzweiflung den gesamten Inhalt auf die Ablage entleert, würde man wohl kaum eine Machtdemonstration vorwerfen. Die Macht des Kleingeldes sei dahingestellt. Über den Wert des Kleingeldes kann jedoch präzise gesprochen werden. Es ist wohl wenig überraschend, dass die Ein-Cent-Münze auf den Cent genau einen Cent wert ist. Und was lässt sich Gutes damit erwerben? Nichts.
Die Niederländer haben daraus die vermeintlich logische Konsequenz gezogen und die Ein-Cent-Münze mitsamt der Zwei-Cent-Münze aus ihrem Leben verbannt. Zu teuer seien Herstellung, Transport und Bearbeitung der Kupferberge. Auch die Bilanzkommission der Abgeordnetenkammer in Rom hat das Kleinst-Geld als überflüssig eingestuft. So wurde beschlossen, dass ab dem 1. Januar 2018 in Italien keine Ein- und Zwei-Cent-Münzen mehr hergestellt werden.
Gut 57 Prozent der Deutschen würde das unnötige Kleingeld auch nicht fehlen. Immer mehr Menschen beschweren sich über die lästigen Minimünzen. Sollten sie auch in Deutschland abgeschafft werden? Tatsächlich hat ein kleines, verschlafenes Nest in Nordrhein-Westfalen es den Niederländern gleichgetan. In der Kleinstadt Kleve wird auf den nächsten Fünf-Cent-Betrag entweder auf- oder abgerundet.
Sollte das Beispiel Schule machen, werden wir uns von einigen Ritualen verabschieden müssen. Die Worte »Aufrunden, bitte!« beim Bäcker gehören dann wohl bald der Vergangenheit an. Aktionen wie »Deutschland rundet auf – gemeinsam gegen Kinderarmut« werden auf der Strecke bleiben. Ebenso zahlreiche Schweine. Denn die Abschaffung des Kleingelds wird ein vehementes Massensterben der Sparschweine mit sich bringen. Schließlich sollte auch für Ein-Cent-, Zwei-Cent- und Fünf-Cent-Münzen gelten: Kleinvieh macht doch auch Mist, oder?
Essay
Böse Objekte oder böses Bauhaus?
Über Mythen, Moral und Merchandising
Bald ist es soweit. Es steht vor der Tür. Das große Jubiläum. 2019. 100 Jahre Bauhaus. Zweifellos ist dies ein passender Anlass für zusammenfassende Rückschauen. Im Folgenden soll jedoch nicht zusammengefasst, sondern vielmehr aufgedröselt und differenziert werden. Das »gute Bauhaus« wird gegen die »bösen Dinge« ausgespielt und im Zuge dessen am Funktionalismus-Begriff gerüttelt.
In Bewunderung vereint
Kenner der Bauhaus-Geschichte dürfte die einstimmige Vorfreude anlässlich des anstehenden Jubiläums verwundern: Ausgerechnet die Kunstschule, die während ihrer Existenz von 1919 bis 1933 angeblich die Meinungen in besonderem Maße spaltete, wird heute einvernehmlich bejubelt. Während das historische Bauhaus vor allem konservative Politiker, Gestalter und Journalisten zu wortgewaltigen Anfeindungen veranlasste, beansprucht heute die FDP, ebenso in der Tradition des Bauhauses zu stehen, wie Grüne, SPD und CDU.[1] Postmoderne Gestalter beziehen sich ebenso auf das Bauhaus wie moderne, und kritische Pressestimmen werden von der stetig wachsenden Gruppe der Bauhaus-Anhänger als Ausdruck fahrlässiger Unwissenheit diskreditiert.
Der Name »Bauhaus« ist längst nicht mehr nur in Architekten- und Designerkreisen ein geflügeltes Wort. Neben Möbelläden und Fertighaus-Anbietern beziehen sich in ihrer Namensgebung auch Cafés, Buchläden, Friseure, diverse, meist asiatische Modelabel, eine Rockband, eine Brauerei, eine Investmentbank sowie ein Solarkongress auf das Bauhaus. Letzterer rechtfertigt die Namensaneignung über die progressive Haltung gegenüber innovativen Technologien, die Bauhaus und Solarenergiebranche verbinde. Die britische Rockband »Bauhaus« rekurriert nach eigener Aussage mit der Namensgebung auf die kollektive Arbeitsweise am Bauhaus. Das japanische Modelabel gibt an, die Jugendlichkeit der Bauhäusler sei ausschlaggebend für die Namensübernahme gewesen.
Ebenso breit gefächert ist die Gruppe derjenigen, die sich auf die Ästhetik des Bauhauses bezieht und am Bauhaus entworfene und »originalgetreu« re-editierte Produkte erwirbt.[2] Hedonistische Berlin-Mitte-Hipster kokettieren auf Freischwingern lümmelnd mit ihren von geometrischen Formen gezierten Jute-Beuteln, T-Shirts und entsprechend tätowierten Ober- und Unterarmen, während in der Tradition des Bildungsbürgertum stehende Gymnasiallehrer ihre Verbundenheit mit dem Bauhaus durch den Erwerb der sogenannten Bauhaus-Leuchte manifestieren und diese unter abstrakten Malereien renommierter Bauhäusler platzieren. In der Bezugnahme auf das Bauhaus sind disparate, teils widersprüchliche Positionen vereint.
Wurzeln der Vielfalt
Wahrhaft versierte Bauhaus-Kenner werden diesen bei oberflächlicher Betrachtung frappierenden Umstand mit Hinweis auf die historische Ausgangslage selbstredend leicht aufklären können: Die Grundlage für die vielseitige Aneignung und Ausdeutung ist die ästhetische und vor allem programmatische Vielfalt des historischen Bauhauses. Walter Gropius, der erste Direktor des Bauhauses, hat Vertreter vielfältiger Stile und Positionen ans Bauhaus geholt. Expressionisten, Konstruktivisten, Neoplastizisten, jeder Ismus durfte unter Gropius’ Führung auf seine Zukunftstauglichkeit hin erprobt werden. Er war bemüht, einen Ort zu schaffen, an dem viele, teils unvereinbare Positionen nebeneinander existieren konnten. In einer Woche sprach Otto Neurath über das demokratisierende und aufklärerische Potential universell verständlicher Bildsprachen, in der nächsten Johannes Weidenmüller über Werbepsychologie und das Potential Rationalität unterlaufender Suggestion. Vertreter der Normung stapelten DIN-Formate auf den Schreibtischen während auf der Dachterrasse individuell geatmet und Emotion in Ausdruckstanz übersetzt wurde. Yoga und Esoterik gehören ebenso zum Bauhaus wie Rationalität und Kleinschreibung.[3] Diese Vielfalt der am Bauhaus vertretenden Positionen ermöglicht es, dass heute sehr unterschiedliche Menschen eine Beziehung zum Bauhaus herstellen können. Schwarztragende Rocker ebenso wie Träger orangefarbener Filzschuhe, Liebhaber poetisch-vielschichtiger Klee-Zeichnungen ebenso wie Anhänger radikal reduzierter geometrischer Kompositionen. Neoliberale ebenso wie Sozial- und Christdemokraten.
Entsprechend groß wird das Bauhaus-Jubiläum 2019 gefeiert werden. Keine der drei sammlungsführenden Institutionen in Berlin, Dessau und Weimar hat es versäumt, die Aufmerksamkeit anlässlich des Jubiläums zu nutzen, um Gelder für Neubauten einzuwerben. Etliche Publikationen zum Thema »Bauhaus« werden schon jetzt akribisch und von langer Hand vorbereitet, darüber hinaus Ausstellungen, Symposien, Fernsehbeiträge und Vortragsreihen.
- [1] vgl. Stenografischer Bericht der Bundestagsdebatte vom 15.1.2015, Plenarprotokoll 18⁄79.
- [2] Das Bauhaus-Archiv vergibt zusammen mit der Lizenz zur Re-Edition Plaketten, auf denen »Original Modell Bauhaus« zu lesen ist.
- [3] vgl. Wagner, Christoph (Hg.): Esoterik am Bauhaus – eine Revision der Moderne? Regensburg 2009.
Illustrationen
Stunden auf der Reeperbahn
Die Sprache einer Straße, aufgeschrieben mit dem Zeichenstift
Ein Illustrator läuft mit dem Stift in der Hand durch die berühmteste Straße seiner Stadt: Sebastian Rether tat das in Hamburg und sammelte Eindrücke von der Reeperbahn.
Buchbesprechung
»Wir alle sind klüger als jeder Einzelne von uns«
Tim Brown: »Design Thinking« verändert Unternehmen
Wie entsteht Innovation? Ersinnen einsame Genies im stillen Kämmerchen die Produkte von morgen? Muss man ins Blaue forschen bis der technische Fortschritt das »Next Big Thing« hervorbringt?
Tim Brown möchte mit »Change by Design. Wie Design Thinking Organisationen verändert und zu mehr Innovationen führt« das passende Handwerkszeug für einen »leistungsstarken, effektiven und allgemein zugänglichen Innovationsansatz« (S. 4) bieten. Als CEO von »Ideo«, einer führenden Design- und Beratungsagentur, greift er auf einen großen Erfahrungsschatz mit vielen Erfolgsgeschichten zurück. »Ideo« wurde 1991 als Zusammenschluss der Designbüros von David Kelley, Bill Moggridge und Mike Nuttall gegründet. Sie waren schon zuvor an wegweisenden Designprojekten, wie der Entwicklung der ersten Computermaus für Apple, beteiligt. Im Zentrum jedes »Ideo«-Projekts steht nach wie vor der Design-Thinking-Prozess, der in Tim Browns Werk auf 196 Seiten aufgeschlüsselt wird. »Change by Design« wurde 2009 veröffentlicht und ist seit 2016 auch auf deutsch erhältlich.
Teil I, überschrieben mit »Was ist Design Thinking?«, liefert eine Übersicht darüber, wie kreative Prozesse funktionieren und wo die Design-Thinking-Methode angewandt werden kann. In sechs Kapiteln werden dem Leser die Grundprinzipien des Design Thinking nahegebracht. So beschreibt Kapitel 2 »Bedürfnisse in Nachfrage umwandeln, oder die Menschen an die erste Stelle setzen« (S. 31), wie wichtig Human-Centered-Design für den Design-Thinking-Prozess ist. Brown ermuntert dazu, den Verbraucher nicht als reines »Analyseobjekt« (S. 47) zu betrachten, denn mit »emotionalem Verständnis […], können Unternehmen aus ihren Kunden nicht Gegner, sondern Fürsprecher machen« (S. 44). Das nächste Kapitel analysiert, welche Art Unternehmenskultur innovativen Prozessen zuträglich ist. Als positives Beispiel nennt Brown das Unternehmen »Whole Foods Market«: Die Mitarbeiter des Naturkosthändlers werden explizit dazu aufgefordert, mit neuen Möglichkeiten in der Kundenbetreuung zu experimentieren. Die besten Ideen sollen die Manager weitergeben, sodass das ganze Unternehmen von ihnen profitiert. Raum für Experimente ist für Brown ein wesentlicher Bestandteil von Design Thinking, denn: »Je früher man die Fehler macht, desto eher stellt sich der Erfolg ein.« (S. 16)
Teil II wirft einen Blick in die Zukunft und fragt: »Wie geht es weiter?« (S. 123) Hier werden Anregungen gegeben, wie die Design-Thinking-Methode weitergegeben werden kann, sodass Kunden von der Methode profitieren können, auch nachdem die Zusammenarbeit mit der Innovationsagentur abgeschlossen ist. »Gebt ihnen das Netz«, fordert Kapitel 7 (S. 134). Denn um nachhaltig ein innovatives Umfeld zu schaffen, reicht es nicht, »kleine Zellen von Verschworenen mit Designkenntnissen« (S. 135) in Workshops auszubilden. Innovation »muss in die DNA eines Unternehmens eingefügt werden« (S. 135). Dabei geht Brown wieder von konkreten Projekten aus, die seine Kollegen, seine Agentur und er selbst umgesetzt haben: So schlug »Ideo« vor, anstatt interne Designer anzustellen, die gesamte Belegschaft eines Krankenhauses in Design-Thinking-Prinzipien zu schulen – mit Erfolg: Dutzende neue Ideen zur Verbesserung der Pflege waren das Ergebnis der Schulung. Vor allem sorgte diese Methode aber für ein »nie dagewesenes Engagement« (S. 137) aller Beteiligten.
Brown zeigt auch, wie Design Thinking in Zukunft einen »positive impact through design«, ganz im Sinne von »Ideo« haben kann. In seinen Beispielen streift er Themen der Designethik, indem er auf die Vorteile eines offenen und nachhaltigen Designprozesses eingeht. Brown fordert Designer dazu auf, sich auch mit großen Themen wie globaler Armut zu beschäftigen. Dabei geht es ihm vor allem um Nachhaltigkeit: Was nutze eine mit Füßen betriebene Tiefenwasserpumpe, »die mehr als 80 000 ostafrikanischen Kleinbauern zur Gründung von Kleinbetrieben« verhelfen könnte, ohne »eine lokale Infrastruktur mit Marketing, Vertrieb und Service« (S. 162)?
»Change by Design« ist nicht nur für Designer als inspirierende Lektüre zu empfehlen, sondern richtet sich an alle, die sich einen grundlegenden Überblick über Design Thinking verschaffen möchten. Brown versteht es, durch die vielen Beispiele und Anekdoten Lust auf Innovation und kreative Arbeit zu machen. Durch die gute Strukturierung ist »Change by Design« auch als Nachschlagewerk und zum Querlesen geeignet. So werden Design-Thinking-Methoden nicht nur Designern zugänglich gemacht – ganz nach dem »Ideo«-Grundsatz: »Wir alle sind klüger, als jeder Einzelne von uns.« Das Werk des »Ideo«-Chefs enthält selbstverständlich auch eine gute Portion Eigenwerbung. Letztlich beinhaltet aber jedes Beispiel aus dem eigenen Hause wichtige Aspekte des Design Thinking, sodass die Methode klar im Zentrum des Buches steht.
Buchbesprechung
»Es wird Zeit, dass Design sich einmischt«
Florian Pfeffer fragt nach der neuen Rolle des Designs
Es heißt, heute könne jeder gestalten. Was bedeutet dann noch »Design«? Ist es überall gegenwärtig, oder löst sich das Postulat »Design löst Probleme« gänzlich auf? Im kleinen Kreis tauschen sich Praktizierende und Sachkundige aus, die sich für Designtheorie interessieren. Sie wollen ihre eigene Disziplin konkretisieren und ein neues Selbstverständnis erzielen. Sie versuchen Strömungen auszumachen und stellen sich die Frage, ob es überhaupt konkrete Bewegungen in eine Richtung gibt oder ob Designtrends einfach nur herumschwirren und nicht zu fassen sind. Welche neuen Funktionen erfüllt Design heute?
Florian Pfeffer hat in seinem Buch »To Do: Die neue Rolle der Gestaltung in einer veränderten Welt« alle diese Fragen gestellt. Allerdings betont er schon einleitend, dass die Antworten von den Gestaltern selbst erarbeitet werden müssten. Der Autor und Professor für Kommunikationsdesign an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe möchte eher sammeln – »ohne zu urteilen« (S. 10).
Dabei hat er nicht nur eine Bewegung in der Gesellschaft ausgemacht, sondern er benennt auch viele kleine und große Aktionen, Strategien und Phänomene, die es wert sind, gebündelt festgehalten zu werden. Das Buch »To Do« soll dadurch etwas Bestimmtes verdeutlichen: Die Bewegung in der Gesellschaft ist da, alles ist im Wandel. Um sich mitreißen zu lassen in einer solch flexiblen, schnell fließenden Strömung, muss man erst auf die Revolution aufmerksam werden, die in der sich stetig verändernden Welt entsteht, frei nach Francis Picabias bekanntem Zitat: »Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann.«
In seinem Buch wagt Florian Pfeffer einen Blick aus der Vogelperspektive auf die gesamte kreative Industrie, um alternative Möglichkeiten zum traditionellem Design zu finden. Das Buch berührt viele Sujets, fast wie ein Nachschlagewerk, das die aktuelle Lage beschreibt, in der sich Gestaltung befindet. Vordergründig wünscht sich der Leser oftmals, mehr zu einem Thema zu erfahren. Was sich aber genau aufgrund dieser portionierten Menge an Informationen einstellt – als ob der Text einem Dinge vorenthalten würde –, könnte auch als Textstrategie verstanden werden. Durch den Wunsch, mehr zu erfahren, die einzelnen Themen stärker auszuarbeiten, stellt sich eine Motivation ein, selbst Entwickler von Strategien zu werden, in Aktion zu treten und Teil des Hier und Jetzt zu werden.
Die Layoutstruktur des Werkes unterstützt diese implizite Aufforderung. Die weißen Seiten stellen Phänomene, Projekte und Standpunkte eines neuen Terrains vor und die verkürzten hellgrünen Seiten zeigen die passenden Wege auf, denen man folgen kann, um diese neuen Terrains der Gestaltung zu betreten. Neue Begriffe werden ausführlich erläutert und aus Zitaten, die Pfeffers Strategien untermalen, resultiert eine lange Liste an »To-Read«-Literatur, die er kommentiert aufführt, um seine Empfehlung auszusprechen.
Aufgrund des lockeren Schreibstils wirkt das Buch trotz seiner komplexen Inhalte wie ein Plausch unter Freunden. Als würde Pfeffer fragen: »Was möchtest du zu dieser Entwicklung beitragen?« Das macht einerseits euphorisch, andererseits wirken die vielen Projekte mit »Weltverbesserungsanspruch« in derart geballter Ladung doch sehr einschüchternd. Aber man muss auch nicht alle der dargebotenen Wege gleichzeitig beschreiten. Fazit bleibt: »Es wird Zeit, dass Design sich einmischt und sich die Finger schmutzig macht.« (S. 29)
Buchbesprechung
»Nicht mehr als sieben Worte«
Jo Wickert gibt praktische Tipps zum »Creative Brief«
Bedienungsanleitungen funktionieren nur dann, wenn sie präzise sind und eine Sache Schritt für Schritt erläutern. Jo Wickerts Buch »Der Creative Brief« leistet genau das. Der Agenturchef und Designprofessor mit jahrelanger Erfahrung sagt ganz konkret und nachvollziehbar, wie er es macht. Er greift dabei eine Schwachstelle in vielen Büros auf: das Kundenbriefing. Oft genug wird Zeit und Geld verschwendet, weil Kunde und Kreative sich am Anfang der Zusammenarbeit nicht gut genug zuhören, nicht präzise genug Ziele und Aufgaben festlegen. Weil der Kreative innerlich schon loslegt, bevor er überhaupt genau weiß, worum es dem Kunden geht. Oder weil der Kunde sich zu wenig Zeit nimmt für das Gespräch mit der Agentur.
Jo Wickerts »Creative Brief« erläutert in 15 Schritten und vielen Beispielen, wie es besser geht, ohne dass das Pendel in die entgegengesetzte Richtung ausschlägt. Schließlich geht es »nur« um eine gemeinsame Basis für das kreative Konzept, nicht um eine Doktorarbeit. Wickert strapaziert die Zeit des Lesers nicht über Gebühr, die gut 80 Seiten sind locker gesetzt und flott gelesen. Aber sie beinhalten das Wesentliche, von der »Ausgangslage« bis zum »Team«. Gerade jungen Gestaltern, die ihre eigenen Routinen noch nicht gefunden haben, würde man es gerne auf den Schreibtisch legen und sagen: »Wenn Du Dich daran hältst, dann kann nichts schief gehen.«
Wickert beschreibt, warum es sinnvoll ist, zwischen Aufgabe und Ziel sauber zu unterscheiden, warum manchmal eine Visualisierung Dinge schneller auf den Punkt bringt, als Worte es tun könnten, er gibt konkrete Empfehlungen: »Ein Slogan sollte nicht mehr als sieben Worte beinhalten« (S. 54) – und er scheut sich nicht, so wichtige Dinge wie das Wort »Rechnung« zu benennen.
Denn schließlich ist ein »Creative Brief« letztlich genau das: die verschriftlichte inhaltliche Grundlage für einen Auftrag, das, worauf man sich berufen kann, wenn das Geschäft schließlich abgerechnet wird, und was man dem Kunden zur Not auch unter die Nase halten kann, wenn er oder sie es sich unterwegs anders überlegt. Ein gelungener »Creative Brief« schlägt auf das Wesentliche durch: Nur, wer ein Produkt und einen Kunden gut verstanden hat, wird die beste Idee für diesen Kunden haben. So ist der Band auch ein Plädoyer für eine komplexe kommunikative Leistung, die vor der eigentlichen Kreation steht und die man kurz und banal mit dem Begriff »Service« fassen könnte. Im Diskurs der Kreativen kommt diese nur vermeintlich biedere Kategorie meist zu kurz – in Wickerts Band gibt sie die Grundtonart vor.
Die Beispiele zu den Kapiteln stammen aus Wickerts eigener Agentur »wmd«, die in Berlin und Meersburg angesiedelt ist. Sie veranschaulichen die jeweiligen Inhalte griffig – und doch würde man den Autor bisweilen gerne fragen, wie er mit weniger griffigen Beispielen umgeht: Dass Sicherheit ein guter »Reason Why« für einen Hersteller von Stahlseilen ist, ist leicht nachvollziehbar. Aber was, wenn es um ein austauschbareres Produkt geht? Insofern würde man sich fast einen zweiten Band wünschen, in dem Wickert im Sinne einer »best practise« verschiedene Produkte durchspielt. Fürs Erste sei das nun vorliegende Büchlein empfohlen, das von Hannah Frey mit offener Fadenbindung, schönen Fotostrecken und luftigem Satz gestaltet wurde. Erhältlich direkt beim Autor (wickert@htwg-konstanz.de) oder über »Amazon«.
Essay
Zur Rhetorik der Technik
Aufriss eines Forschungsgebietes
Der nachfolgende Essay stammt aus dem demnächst im Franz Steiner Verlag, Stuttgart, erscheinenden Band:
Friedrich, Volker (Hg.): Technik denken. Philosophische Annäherungen. Festschrift für Klaus Kornwachs zum 70. Geburtstag. Stuttgart 2018.
Die Vorab-Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
»Haben wir die Technik, die wir brauchen, und brauchen wir die Technik, die wir haben?« Mit diesen Fragen umreißt Klaus Kornwachs zentrale Aspekte der Technikphilosophie.[1] Aus der Sicht eines Rhetorikers könnte eine Anschlussfrage gestellt werden: Haben wir das Wissen über eine Rhetorik der Technik, das uns dabei unterstützte, die Antworten auf diese Fragen zu formulieren? In dieser Anschlussfrage wäre eingeschlossen, dass es so etwas wie eine »Rhetorik der Technik« gäbe oder man sie bearbeiten könnte. Der Beobachtung des Autors dieser Zeilen nach wird im deutschsprachigen Raum einer Rhetorik der Technik nur eingeschränkt nachgegangen. Sicher gibt es aus der Technikphilosophie heraus bereits eine Beschäftigung mit dem Verhältnis der Sprache zur Technik. Gleichwohl sei die Frage aufgeworfen, wie aus der spezifischen Warte der Rhetorik dazu ein Beitrag geleistet werden kann und somit Berührpunkte zwischen Rhetorik und Technikphilosophie behandelt werden könnten. Ließe sich in solch einem Forschungsgebiet eine Zusammenarbeit zwischen Philosophen, Rhetorikern, Technikern, Ingenieuren und Naturwissenschaftlern auf den Weg bringen? Dieses Forschungsgebiet wird in folgendem Aufriss bruchstückhaft skizziert.
Mittels Technik organisiert der Mensch die Wirklichkeit, und er schafft mittels neuer Technik neue Wirklichkeiten. Dadurch, dass er darüber spricht (und schreibt), organisiert er die Vermittlung der technisch geprägten Wirklichkeiten. Dies wiederum wirkt letztlich auch zurück auf Technik selbst. Technik und Rhetorik der Technik stehen in einer Wechselwirkung, die zu betrachten einer der Gegenstände einer Rhetorik der Technik wäre: Technik artikuliert sich, und Technik wird artikuliert. Wie spricht Technik zu uns, wie sprechen die Techniker über Technik, wie die Nichttechniker? Können wir Technik – nicht allein, aber eben auch – als rhetorisches Phänomen, als Rhetorik begreifen? Können wir Rhetorik nutzen, um Technik zu begreifen?
Technikphilosophen greifen Fragen nach der Wechselwirkung von Sprache und Technik durchaus auf, manche sehen Technik selbst als Medium an.[2] In dieser Skizze soll es um einen ergänzenden Aspekt gehen, nämlich den Diskurs, den die Rhetorik dazu beisteuern könnte.
Einen Eintrag zu den Begriffen »Technik« oder »Technikrhetorik« sucht man im begriffsgeschichtlichen Standardwerk »Historisches Wörterbuch der Rhetorik« vergeblich; zu finden ist allerdings eine Definition des Stichwortes »Wissenschaftsrhetorik«: »Der Ausdruck ›W.‹ bezeichnet: (1) die bewusste kommunikative Vermittlung wissenschaftlichen Wissens, und zwar sowohl (1a) innerhalb der scientific community als auch (1b) nach außen, in popularisierender Form auf ein wissenschaftlich nicht vorgebildetes Publikum abzielend; (2) die wissenschaftliche Untersuchung und Thematisierung der rhetorischen Vermittlung von Wissen auf einer Metaebene. Zwei Leitfragen dienen deshalb im Folgenden zur Orientierung – ›Wie wurde und wird Wissen rhetorisch vermittelt?‹ (Wissenschaft als Rhetorik) und ›Wie wurde und wird die rhetorische Vermittlung von Wissen theoretisch erschlossen und dargestellt?‹ (Rhetorik als Wissenschaft).«[3]
Nach einer Analogiebildung, die in der obigen Definition »Wissen« durch »Technik«, »wissenschaftlich« durch »technisch« ersetzte, bezeichnete der Begriff »Technikrhetorik«: (1) die bewusste kommunikative Vermittlung technischen Wissens, und zwar sowohl (1a) innerhalb der Gemeinschaft der Techniker, Ingenieure, Naturwissenschaftler etc. als auch (1b) nach außen, in popularisierender Form auf ein technisch nicht vorgebildetes Publikum abzielend; (2) die wissenschaftliche Untersuchung und Thematisierung der rhetorischen Vermittlung von Technik auf einer Metaebene. Orientierung wäre demzufolge für die Technikrhetorik zu gewinnen mit Fragen wie: Wie wurde und wird Technik rhetorisch vermittelt? Wie wurde und wird eine rhetorische Vermittlung von Technik theoretisch erschlossen und dargestellt?[4]
- [1] So etwa zu finden in seiner Einführung in die Philosophie der Technik (Kornwachs, Klaus: Philosophie der Technik. Eine Einführung. München 2013. S. 121.) oder in den Geleitworten zu der von ihm herausgegebenen Reihe »Technikphilosophie« (exemplarisch sei der erste Band dieser Reihe angeführt: Kornwachs, Klaus: Geleitwort des Herausgebers. In: ders.: Das Prinzip der Bedingungserhaltung. Eine ethische Studie. Münster 2000. S. V.).
- [2] vgl. Hubig, Christoph: Technik als Medium. In: Grunwald, Armin (Hg.): Handbuch Technikethik. Darmstadt 2013. S. 118—123.
- [3] Klüsener, Bea; Grzega, Joachim: Wissenschaftsrhetorik. In: Ueding, Gert (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 10: Nachträge. Tübingen 2012. Sp. 1486.
- [4] Die beim Begriff »Wissenschaftsrhetorik« vorgenommene Unterscheidung zwischen »Wissenschaft als Rhetorik« und »Rhetorik als Wissenschaft« lässt sich für »Technikrhetorik« nicht sinnvoll übertragen; »Rhetorik als Technik« hätte den Bezug zum griechischen »rhetorike techne«, also der ursprünglich aristotelischen Bezeichnung für Rhetorik als eine lehrbare Disziplin (vgl. Kalivoda, Gregor; Zinsmaier, Thomas: Rhetorik. In: Ueding, a. a. O., Bd. 7, Sp. 1423.).
Essay
Schöne neue Welt?
Chancen und Herausforderungen der virtuellen Realität
Irgendwann zwischen Platons Höhlengleichnis und dem ikonischen Holodeck aus Gene Roddenberrys Science-Fiction-Epos »Star Trek« muss uns klar geworden sein, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis man selbst in eine andere, virtuelle Realität abtauchen kann. Und nun ist es endlich soweit, zumindest zum Teil. Nach Jahrzehnten der Forschung und Entwicklung ist die virtuelle Realität mehr oder weniger real geworden. Und auch wenn wir noch ein ganzes Stück davon entfernt sind, mit allen Sinnen in eine alternative Wirklichkeit eintauchen zu können, ist der Grundstein gelegt, und das Ergebnis als solches ist beeindruckend.
Laut Bernd Steinicke, Professor für Mensch-Computer Beziehungen an der Universität Hamburg, sind immerhin weltweit rund 10 Millionen Menschen im Besitz irgendeiner Art von 3D-Brille.[1] Während sich auf dem Consumermarkt bis jetzt eher die verhältnismässig unspektakulären, jedoch kostengünstigen Smartphone-VR-Brillen um die Gunst des Kunden streiten, deren momentaner Erfolg wohl am ehesten auf den Reiz des Neuen und die aggressive Vermarktung zurückzuführen ist und die im Endeffekt nicht mehr sind als eine Handyhalterung mit passender Applikation, sind bei den Enthusiasten die deutlich höherpreisigen VR-/MR-Brillen der Firmen Oculus, Microsoft und HTC gefragt. Auf den Trend, der durch die Ankündigungen der ersten Prototypen im Jahr 2013 einen regelrechten Hype auslöste und damit seinen Anfang nahm, folgt jedoch wieder ein wenig Ernüchterung – zu begrenzt sind die Einsatzmöglichkeiten der teuren Hardware, zu wenig Software ist momentan dafür vorhanden. Dennoch lassen die Hersteller nichts unversucht. Virtual- und Mixed-Reality sollen Bestandteil unseres Alltags werden, darüber ist sich die Branche einig. Bemerkbar macht sich dies vor allem durch die vermehrten Produktankündigungen von günstigeren Drittherstellern sowie Subventionen durch Firmen und sogar durch öffentliche Einrichtungen.
Interessant ist aber vor allem der zukünftige Umgang mit dem neuen Medium abseits der offensichtlichen Anwendungszwecke wie in etwa Computerspielen, denn durch diese technologische Entwicklung wird dem Nutzer auch eine neue Art der Interaktion mit dem PC erlaubt.
Gerade im Bezug auf Barrierefreiheit halten VR-Brillen eine Menge Potential bereit. So kann der Cursor mittels der in der Brille verbauten Gyrosensoren schon mit den leichtesten Kopfbewegungen gesteuert werden und so Eingabemethoden durch Tastatur und Maus obsolet werden lassen. In Kombination mit einer passenden Eye-Tracking-Peripherie sind zudem nicht einmal mehr Kopfbewegungen nötig, um die Brille zu steuern; die Software interpretiert anhand der Blickrichtung wohin der Benutzer gerade schaut. Die Vorteile dieser technologischen Entwicklung liegen dabei auf der Hand, erleichtern sie Personen mit eingeschränktem Interaktionsvermögen nicht nur die Bedienung, sondern erlauben ihnen auch alle erdenklichen Arten von Interaktion, vom virtuellen Autorennen bis zum Überfliegen der Erde. Der Phantasie sind hier nur durch unsere technischen Einschränkungen im Softwarebereich Grenzen gesetzt - und derer sind nicht viele.










