Mythen des Alltags

20.15 Uhr

Wie eine Uhrzeit unsere Medien-Gewohnheiten geprägt hat

Wer die­se Uhr­zeit liest, denkt ans Fern­se­hen. Wir kön­nen nicht anders, zumin­dest die­je­ni­gen nicht, die vor »Net­flix« und »You­tube« gebo­ren wur­den. 20.15 Uhr, da beginnt der »Tat­ort«. Spä­tes­tens da hat­te man als Kind aus dem Wohn­zim­mer ver­schwun­den zu sein, außer natür­lich am Sams­tag, wenn man frisch gewa­schen teil­ha­ben durf­te am Ereig­nis der Woche: der Sams­tag­abend-Show. Auf die­sen Moment war der All­tag getak­tet, das Abend­essen war erle­digt, das Geschirr weggeräumt.

Eigent­lich kuri­os, die­se unrun­de Zeit. Schuld an allem sind die 20-Uhr-Nach­rich­ten, die ihrer­seits ihren Beginn jahr­zehn­te­lang mit ticken­dem Zei­ger pünkt­lich auf die Sekun­de zele­briert haben. Den­noch: 20 Uhr ist nur eine Uhr­zeit, 20.15 Uhr ein deut­scher Fern­seh-Mythos, der die Fran­zo­sen einst bei der Grün­dung des gemein­sa­men Fern­seh­sen­ders »arte« sehr irri­tiert haben soll. Man kön­ne in Deutsch­land kei­nen Spiel­film um neun Uhr begin­nen las­sen, so das Argu­ment der deut­schen Redak­teu­re. Da sei das Publi­kum schon ver­ge­ben. Die Fran­zo­sen haben ver­ständ­nis­los die Köp­fe geschüt­telt und geschmun­zelt. Die­se Deut­schen. Schau­en sogar pünkt­lich fern. Sozio­lo­gen könn­ten ver­mut­lich unter­su­chen, wie sehr die­ser flä­chen­de­cken­de Beginn des Fern­seh-Haupt­pro­gramms deut­sche Gewohn­hei­ten und Ritua­le geprägt hat.

Doch der Mythos ver­schwin­det. Wer streamt, schaut, was er möch­te, wann er möch­te. Ver­schwin­den wer­den damit bis auf weni­ge Aus­nah­men auch jene gran­dio­sen kol­lek­ti­ven Fern­seh-Erin­ne­run­gen: stun­den­lan­ge Quiz­sen­dun­gen, unglaub­lich kit­schi­ge Weih­nachts­se­ri­en, Sport­er­eig­nis­se und natür­lich jener »Tat­ort«, letz­tes High­light im Wochen­en­de der Erwach­se­nen. Ja, das WM-Fina­le, das wer­den wir noch alle gleich­zei­tig anschau­en und zwar »public«, im gro­ßen Stil. Das meis­te ande­re eher nicht. Und unse­re Enkel wer­den mit die­ser Uhr­zeit ver­mut­lich nichts Beson­de­res mehr anzu­fan­gen wissen.

Dabei geht gleich­zei­tig ein wei­te­res Kurio­sum ver­lo­ren: die Illu­si­on einer Gemein­schaft, die allei­ne auf dem hei­mi­schen Sofa statt­fin­det. Älte­re ken­nen es viel­leicht, die­ses Gefühl, wenn man vom Fern­seh­pro­gramm auf ein Video wech­selt: nicht mehr »dabei« zu sein. Egal auf wel­chem Kanal, fern­se­hen, das fühlt sich irgend­wie ech­ter an, irgend­wie doch »live«. Und in weni­gen Aus­nah­me-Momen­ten war das ja auch so, näm­lich dann, wenn eine Nach­richt von so gro­ßer Wich­tig­keit war, dass alle Pro­gram­me ihret­we­gen unter­bro­chen wurden. 

Wer jeden­falls in einem Bus sitzt oder in einer U-Bahn oder tat­säch­lich im Wohn­zim­mer einer Durch­schnitts­fa­mi­lie und sieht, wie jedes Fami­li­en­mit­glied auf einen eige­nen klei­nen Bild­schirm starrt, in sich ver­sun­ken, ohne die ande­ren auch nur eines Bli­ckes zu wür­di­gen, dem wird der gemein­sa­me Beginn des Fern­seh­abends um 20.15 Uhr fast wie eine kul­tu­rel­le Errun­gen­schaft erschei­nen, ein sozia­les Eldo­ra­do: geteil­tes Pro­gramm, geteil­te Auf­merk­sam­keit, geteil­te Chips.

Mythen des Alltags

Paleo-Diät

Alles, was schmeckt, wird verboten

Die Stein­zeit­men­schen als kuli­na­ri­sches Vor­bild: Was im ers­ten Moment absurd klingt, ist auf den zwei­ten Blick der letz­te Schrei bei Diät­ver­fech­tern. Kei­ne Piz­za, kei­ne Pas­ta und kein Kuchen – je län­ger man den Spei­se­plan der Paleo-Diät stu­diert, umso kla­rer wird es: Alles, was schmeckt, ist hier ver­bo­ten. Wie auch sonst, Fami­lie Feu­er­stein speis­te eben noch nicht unbe­dingt auf dem kuli­na­ri­schen Niveau, auf dem wir uns heu­te bewegen.

Paleo (nach deut­scher Ortho­gra­phie eigent­lich Paläo) lei­tet sich von dem fach­sprach­li­chen Ter­mi­nus Paläo­li­thi­kum ab, was soviel heißt wie Alt­stein­zeit. Die soge­nann­te Stein­zeit­di­ät bedient sich der ver­mu­te­ten Ernäh­rungs­form unse­rer Urah­nen, die vor etwa 10 000 Jah­ren leb­ten. Das Grund­ge­rüst der Diät sieht fol­gen­der­ma­ßen aus: Es darf alles geges­sen wer­den, was schon unse­re an Mam­mut­kno­chen nagen­den Vor­fah­ren ver­schlun­gen haben. Lebens­mit­tel, die aus Getrei­de gewon­nen wer­den, sowie Zucker, Alko­hol und Milch­pro­duk­te sind nicht erlaubt. Adieu Käse­spätz­le und auf Wie­der­se­hen Kar­tof­fel­sa­lat: Für Paleo­aner ste­hen nur noch Gerich­te auf dem Spei­se­plan, die Jäger und Samm­ler vor tau­sen­den Jah­ren ver­zehr­ten. Selbst bei gro­ßen Tages­zei­tun­gen, wie der »New York Times« ist der Paleo-Trend ange­kom­men: Laut deren Ein­schät­zung arbei­tet der urba­ne Höh­len­mensch in der Krea­tiv­bran­che und spa­ziert in sei­ner Mit­tags­pau­se bar­fuß um den Häu­ser­block.[1]

Doch war­um soll­te man sich wie in der Stein­zeit ernäh­ren, als die Men­schen sowie­so nur maxi­mal 40 Jah­re alt wur­den? Dahin­ter steht der Gedan­ke, dass der mensch­li­che Kör­per gene­tisch nicht an die moder­ne Kost ange­passt sei, son­dern ledig­lich an stein­zeit­li­che Ernäh­rungs­for­men. Des­halb för­de­re die heu­ti­ge Zivi­li­sa­ti­ons­er­näh­rung ver­mehrt Erkran­kun­gen. De fac­to gibt es bei der Theo­rie mehr Hypo­the­sen als wis­sen­schaft­li­che Beweise.

Die wenigs­ten Anhän­ger der Diät dürf­ten die­se Ernäh­rungs­form wirk­lich als idea­lis­ti­sche Ansa­ge gegen die heu­ti­ge Indus­trie­kost sehen. Die meis­ten Paleo­aner gehö­ren der Kate­go­rie der diät­fa­na­ti­schen Möch­te­gern-Trend­set­ter an. Für die Indus­trie eröff­net sich ein wei­te­rer Nischen­markt, aus dem Geld gemacht wer­den kann. Letzt­lich ist die Paleo-Diät nur ein Bei­spiel dafür, wie beses­sen moder­ne Men­schen vom Abnehm-Wahn sind. Low-Carb, »Schlank im Schlaf« oder »Abneh­men, pas­send zur Blut­grup­pe«: Kei­ne noch so para­dox klin­gen­de Diät ist mehr unmög­lich. Men­schen, die nor­mal essen, wer­den grund­sätz­lich schief ange­se­hen. Du bist, was du isst – die alte Volks­weis­heit gewinnt an Bedeu­tung. Es ist ein Zei­chen unse­rer Zeit, sich auch über Ernäh­rung zu pro­fi­lie­ren. Essen wird immer mehr zum Instru­ment der Selbstverwirklichung.

Eines ist sicher: Abneh­men war frü­her kein Trend, und Men­schen in der Stein­zeit waren auch kei­ne Paleo-Diät-Ver­fech­ter. Sie hat­ten schlicht und ein­fach kei­ne ande­re Wahl.

Mythen des Alltags

Kleingeld

Münzen von geringem Wert: abschaffen oder einsacken?

Es zieht und zerrt, bei Schritt und Tritt. Ein läs­ti­ger Gesel­le. Vor allem schnel­les Gehen, gar Ren­nen oder Hüp­fen ist beschwer­lich. Es fühlt sich an wie eine Hand­voll Stei­ne in der Hosen­ta­sche. Wur­de der Gür­tel ver­ges­sen – unangenehm …

Klein­geld, das ist Bar­geld in Form von Mün­zen mit gerin­gem Wert. Ins­be­son­de­re wird es zum Bezah­len klei­ner Beträ­ge genutzt oder aber als Wech­sel­geld. Das Wort »Geld« hat sich aus dem alt­hoch­deut­schen Wort »gelt« abge­lei­tet, das glei­cher­ma­ßen Ein­kom­men, Wert, Ver­gel­tung oder Ver­gü­tung bedeu­tet. Geld, das steht für Macht – Klein­geld auch? Nun, dem Groß­müt­ter­chen, das an der Kas­se in aller See­len­ru­he die tief lie­gen­den, in der Dun­kel­heit ver­bor­ge­nen Gro­schen aus der Geld­bör­se kramt und dann aus lau­ter Ver­zweif­lung den gesam­ten Inhalt auf die Abla­ge ent­leert, wür­de man wohl kaum eine Macht­de­mons­tra­ti­on vor­wer­fen. Die Macht des Klein­gel­des sei dahin­ge­stellt. Über den Wert des Klein­gel­des kann jedoch prä­zi­se gespro­chen wer­den. Es ist wohl wenig über­ra­schend, dass die Ein-Cent-Mün­ze auf den Cent genau einen Cent wert ist. Und was lässt sich Gutes damit erwer­ben? Nichts. 

Die Nie­der­län­der haben dar­aus die ver­meint­lich logi­sche Kon­se­quenz gezo­gen und die Ein-Cent-Mün­ze mit­samt der Zwei-Cent-Mün­ze aus ihrem Leben ver­bannt. Zu teu­er sei­en Her­stel­lung, Trans­port und Bear­bei­tung der Kup­fer­ber­ge. Auch die Bilanz­kom­mis­si­on der Abge­ord­ne­ten­kam­mer in Rom hat das Kleinst-Geld als über­flüs­sig ein­ge­stuft. So wur­de beschlos­sen, dass ab dem 1. Janu­ar 2018 in Ita­li­en kei­ne Ein- und Zwei-Cent-Mün­zen mehr her­ge­stellt werden. 

Gut 57 Pro­zent der Deut­schen wür­de das unnö­ti­ge Klein­geld auch nicht feh­len. Immer mehr Men­schen beschwe­ren sich über die läs­ti­gen Mini­mün­zen. Soll­ten sie auch in Deutsch­land abge­schafft wer­den? Tat­säch­lich hat ein klei­nes, ver­schla­fe­nes Nest in Nord­rhein-West­fa­len es den Nie­der­län­dern gleich­ge­tan. In der Klein­stadt Kle­ve wird auf den nächs­ten Fünf-Cent-Betrag ent­we­der auf- oder abgerundet. 

Soll­te das Bei­spiel Schu­le machen, wer­den wir uns von eini­gen Ritua­len ver­ab­schie­den müs­sen. Die Wor­te »Auf­run­den, bit­te!« beim Bäcker gehö­ren dann wohl bald der Ver­gan­gen­heit an. Aktio­nen wie »Deutsch­land run­det auf – gemein­sam gegen Kin­der­ar­mut« wer­den auf der Stre­cke blei­ben. Eben­so zahl­rei­che Schwei­ne. Denn die Abschaf­fung des Klein­gelds wird ein vehe­men­tes Mas­sen­ster­ben der Spar­schwei­ne mit sich brin­gen. Schließ­lich soll­te auch für Ein-Cent-, Zwei-Cent- und Fünf-Cent-Mün­zen gel­ten: Klein­vieh macht doch auch Mist, oder?

Essay

Böse Objekte oder böses Bauhaus?

Über Mythen, Moral und Merchandising

Bald ist es soweit. Es steht vor der Tür. Das gro­ße Jubi­lä­um. 2019. 100 Jah­re Bau­haus. Zwei­fel­los ist dies ein pas­sen­der Anlass für zusam­men­fas­sen­de Rück­schau­en. Im Fol­gen­den soll jedoch nicht zusam­men­ge­fasst, son­dern viel­mehr auf­ge­drö­selt und dif­fe­ren­ziert wer­den. Das »gute Bau­haus« wird gegen die »bösen Din­ge« aus­ge­spielt und im Zuge des­sen am Funk­tio­na­lis­mus-Begriff gerüttelt.

In Bewun­de­rung vereint

Ken­ner der Bau­haus-Geschich­te dürf­te die ein­stim­mi­ge Vor­freu­de anläss­lich des anste­hen­den Jubi­lä­ums ver­wun­dern: Aus­ge­rech­net die Kunst­schu­le, die wäh­rend ihrer Exis­tenz von 1919 bis 1933 angeb­lich die Mei­nun­gen in beson­de­rem Maße spal­te­te, wird heu­te ein­ver­nehm­lich beju­belt. Wäh­rend das his­to­ri­sche Bau­haus vor allem kon­ser­va­ti­ve Poli­ti­ker, Gestal­ter und Jour­na­lis­ten zu wort­ge­wal­ti­gen Anfein­dun­gen ver­an­lass­te, bean­sprucht heu­te die FDP, eben­so in der Tra­di­ti­on des Bau­hau­ses zu ste­hen, wie Grü­ne, SPD und CDU.[1] Post­mo­der­ne Gestal­ter bezie­hen sich eben­so auf das Bau­haus wie moder­ne, und kri­ti­sche Pres­se­stim­men wer­den von der ste­tig wach­sen­den Grup­pe der Bau­haus-Anhän­ger als Aus­druck fahr­läs­si­ger Unwis­sen­heit diskreditiert.

Der Name »Bau­haus« ist längst nicht mehr nur in Archi­tek­ten- und Desi­gner­krei­sen ein geflü­gel­tes Wort. Neben Möbel­lä­den und Fer­tig­haus-Anbie­tern bezie­hen sich in ihrer Namens­ge­bung auch Cafés, Buch­lä­den, Fri­seu­re, diver­se, meist asia­ti­sche Mode­la­bel, eine Rock­band, eine Braue­rei, eine Invest­ment­bank sowie ein Solar­kon­gress auf das Bau­haus. Letz­te­rer recht­fer­tigt die Namens­an­eig­nung über die pro­gres­si­ve Hal­tung gegen­über inno­va­ti­ven Tech­no­lo­gien, die Bau­haus und Solar­ener­gie­bran­che ver­bin­de. Die bri­ti­sche Rock­band »Bau­haus« rekur­riert nach eige­ner Aus­sa­ge mit der Namens­ge­bung auf die kol­lek­ti­ve Arbeits­wei­se am Bau­haus. Das japa­ni­sche Mode­la­bel gibt an, die Jugend­lich­keit der Bau­häus­ler sei aus­schlag­ge­bend für die Namens­über­nah­me gewesen.

Eben­so breit gefä­chert ist die Grup­pe der­je­ni­gen, die sich auf die Ästhe­tik des Bau­hau­ses bezieht und am Bau­haus ent­wor­fe­ne und »ori­gi­nal­ge­treu« re-edi­tier­te Pro­duk­te erwirbt.[2] Hedo­nis­ti­sche Ber­lin-Mit­te-Hips­ter koket­tie­ren auf Frei­schwin­gern lüm­melnd mit ihren von geo­me­tri­schen For­men gezier­ten Jute-Beu­teln, T-Shirts und ent­spre­chend täto­wier­ten Ober- und Unter­ar­men, wäh­rend in der Tra­di­ti­on des Bil­dungs­bür­ger­tum ste­hen­de Gym­na­si­al­leh­rer ihre Ver­bun­den­heit mit dem Bau­haus durch den Erwerb der soge­nann­ten Bau­haus-Leuch­te mani­fes­tie­ren und die­se unter abs­trak­ten Male­rei­en renom­mier­ter Bau­häus­ler plat­zie­ren. In der Bezug­nah­me auf das Bau­haus sind dis­pa­ra­te, teils wider­sprüch­li­che Posi­tio­nen vereint.

Wur­zeln der Vielfalt

Wahr­haft ver­sier­te Bau­haus-Ken­ner wer­den die­sen bei ober­fläch­li­cher Betrach­tung frap­pie­ren­den Umstand mit Hin­weis auf die his­to­ri­sche Aus­gangs­la­ge selbst­re­dend leicht auf­klä­ren kön­nen: Die Grund­la­ge für die viel­sei­ti­ge Aneig­nung und Aus­deu­tung ist die ästhe­ti­sche und vor allem pro­gram­ma­ti­sche Viel­falt des his­to­ri­schen Bau­hau­ses. Wal­ter Gro­pi­us, der ers­te Direk­tor des Bau­hau­ses, hat Ver­tre­ter viel­fäl­ti­ger Sti­le und Posi­tio­nen ans Bau­haus geholt. Expres­sio­nis­ten, Kon­struk­ti­vis­ten, Neo­plas­ti­zis­ten, jeder Ismus durf­te unter Gro­pi­us’ Füh­rung auf sei­ne Zukunfts­taug­lich­keit hin erprobt wer­den. Er war bemüht, einen Ort zu schaf­fen, an dem vie­le, teils unver­ein­ba­re Posi­tio­nen neben­ein­an­der exis­tie­ren konn­ten. In einer Woche sprach Otto Neu­r­a­th über das demo­kra­ti­sie­ren­de und auf­klä­re­ri­sche Poten­ti­al uni­ver­sell ver­ständ­li­cher Bild­spra­chen, in der nächs­ten Johan­nes Wei­den­mül­ler über Wer­be­psy­cho­lo­gie und das Poten­ti­al Ratio­na­li­tät unter­lau­fen­der Sug­ges­ti­on. Ver­tre­ter der Nor­mung sta­pel­ten DIN-For­ma­te auf den Schreib­ti­schen wäh­rend auf der Dach­ter­ras­se indi­vi­du­ell geat­met und Emo­ti­on in Aus­drucks­tanz über­setzt wur­de. Yoga und Eso­te­rik gehö­ren eben­so zum Bau­haus wie Ratio­na­li­tät und Klein­schrei­bung.[3] Die­se Viel­falt der am Bau­haus ver­tre­ten­den Posi­tio­nen ermög­licht es, dass heu­te sehr unter­schied­li­che Men­schen eine Bezie­hung zum Bau­haus her­stel­len kön­nen. Schwarz­t­ra­gen­de Rocker eben­so wie Trä­ger oran­ge­far­be­ner Filz­schu­he, Lieb­ha­ber poe­tisch-viel­schich­ti­ger Klee-Zeich­nun­gen eben­so wie Anhän­ger radi­kal redu­zier­ter geo­me­tri­scher Kom­po­si­tio­nen. Neo­li­be­ra­le eben­so wie Sozi­al- und Christdemokraten.

Ent­spre­chend groß wird das Bau­haus-Jubi­lä­um 2019 gefei­ert wer­den. Kei­ne der drei samm­lungs­füh­ren­den Insti­tu­tio­nen in Ber­lin, Des­sau und Wei­mar hat es ver­säumt, die Auf­merk­sam­keit anläss­lich des Jubi­lä­ums zu nut­zen, um Gel­der für Neu­bau­ten ein­zu­wer­ben. Etli­che Publi­ka­tio­nen zum The­ma »Bau­haus« wer­den schon jetzt akri­bisch und von lan­ger Hand vor­be­rei­tet, dar­über hin­aus Aus­stel­lun­gen, Sym­po­si­en, Fern­seh­bei­trä­ge und Vortragsreihen.

Illustrationen

Stunden auf der Reeperbahn

Die Sprache einer Straße, aufgeschrieben mit dem Zeichenstift

  • 21:52 Uhr
    21:52 Uhr
  • 22:30 Uhr
    22:30 Uhr
  • 23:56 Uhr
    23:56 Uhr
  • Mitternacht
    Mit­ter­nacht
  • 1:05 Uhr
    1:05 Uhr
  • 2:22 Uhr
    2:22 Uhr
  • 3:29 Uhr
    3:29 Uhr
  • 4:56 Uhr
    4:56 Uhr
  • 5:12 Uhr
    5:12 Uhr
  • 6:00 Uhr
    6:00 Uhr
  • Mittag
    Mit­tag

Ein Illus­tra­tor läuft mit dem Stift in der Hand durch die berühm­tes­te Stra­ße sei­ner Stadt: Sebas­ti­an Rether tat das in Ham­burg und sam­mel­te Ein­drü­cke von der Reeperbahn.

Buchbesprechung

»Wir alle sind klüger als jeder Einzelne von uns«

Tim Brown: »Design Thinking« verändert Unternehmen

Wie ent­steht Inno­va­ti­on? Ersin­nen ein­sa­me Genies im stil­len Käm­mer­chen die Pro­duk­te von mor­gen? Muss man ins Blaue for­schen bis der tech­ni­sche Fort­schritt das »Next Big Thing« hervorbringt?

Tim Brown möch­te mit »Chan­ge by Design. Wie Design Thin­king Orga­ni­sa­tio­nen ver­än­dert und zu mehr Inno­va­tio­nen führt« das pas­sen­de Hand­werks­zeug für einen »leis­tungs­star­ken, effek­ti­ven und all­ge­mein zugäng­li­chen Inno­va­ti­ons­an­satz« (S. 4) bie­ten. Als CEO von »Ideo«, einer füh­ren­den Design- und Bera­tungs­agen­tur, greift er auf einen gro­ßen Erfah­rungs­schatz mit vie­len Erfolgs­ge­schich­ten zurück. »Ideo« wur­de 1991 als Zusam­men­schluss der Design­bü­ros von David Kel­ley, Bill Mog­gridge und Mike Nut­tall gegrün­det. Sie waren schon zuvor an weg­wei­sen­den Design­pro­jek­ten, wie der Ent­wick­lung der ers­ten Com­pu­ter­maus für Apple, betei­ligt. Im Zen­trum jedes »Ideo«-Projekts steht nach wie vor der Design-Thin­king-Pro­zess, der in Tim Browns Werk auf 196 Sei­ten auf­ge­schlüs­selt wird. »Chan­ge by Design« wur­de 2009 ver­öf­fent­licht und ist seit 2016 auch auf deutsch erhältlich.

Teil I, über­schrie­ben mit »Was ist Design Thin­king?«, lie­fert eine Über­sicht dar­über, wie krea­ti­ve Pro­zes­se funk­tio­nie­ren und wo die Design-Thin­king-Metho­de ange­wandt wer­den kann. In sechs Kapi­teln wer­den dem Leser die Grund­prin­zi­pi­en des Design Thin­king nahe­ge­bracht. So beschreibt Kapi­tel 2 »Bedürf­nis­se in Nach­fra­ge umwan­deln, oder die Men­schen an die ers­te Stel­le set­zen« (S. 31), wie wich­tig Human-Cen­te­red-Design für den Design-Thin­king-Pro­zess ist. Brown ermun­tert dazu, den Ver­brau­cher nicht als rei­nes »Ana­ly­se­ob­jekt« (S. 47) zu betrach­ten, denn mit »emo­tio­na­lem Ver­ständ­nis […], kön­nen Unter­neh­men aus ihren Kun­den nicht Geg­ner, son­dern Für­spre­cher machen« (S. 44). Das nächs­te Kapi­tel ana­ly­siert, wel­che Art Unter­neh­mens­kul­tur inno­va­ti­ven Pro­zes­sen zuträg­lich ist. Als posi­ti­ves Bei­spiel nennt Brown das Unter­neh­men »Who­le Foods Mar­ket«: Die Mit­ar­bei­ter des Natur­kost­händ­lers wer­den expli­zit dazu auf­ge­for­dert, mit neu­en Mög­lich­kei­ten in der Kun­den­be­treu­ung zu expe­ri­men­tie­ren. Die bes­ten Ideen sol­len die Mana­ger wei­ter­ge­ben, sodass das gan­ze Unter­neh­men von ihnen pro­fi­tiert. Raum für Expe­ri­men­te ist für Brown ein wesent­li­cher Bestand­teil von Design Thin­king, denn: »Je frü­her man die Feh­ler macht, des­to eher stellt sich der Erfolg ein.« (S. 16)

Teil II wirft einen Blick in die Zukunft und fragt: »Wie geht es wei­ter?« (S. 123) Hier wer­den Anre­gun­gen gege­ben, wie die Design-Thin­king-Metho­de wei­ter­ge­ge­ben wer­den kann, sodass Kun­den von der Metho­de pro­fi­tie­ren kön­nen, auch nach­dem die Zusam­men­ar­beit mit der Inno­va­ti­ons­agen­tur abge­schlos­sen ist. »Gebt ihnen das Netz«, for­dert Kapi­tel 7 (S. 134). Denn um nach­hal­tig ein inno­va­ti­ves Umfeld zu schaf­fen, reicht es nicht, »klei­ne Zel­len von Ver­schwo­re­nen mit Design­kennt­nis­sen« (S. 135) in Work­shops aus­zu­bil­den. Inno­va­ti­on »muss in die DNA eines Unter­neh­mens ein­ge­fügt wer­den« (S. 135). Dabei geht Brown wie­der von kon­kre­ten Pro­jek­ten aus, die sei­ne Kol­le­gen, sei­ne Agen­tur und er selbst umge­setzt haben: So schlug »Ideo« vor, anstatt inter­ne Desi­gner anzu­stel­len, die gesam­te Beleg­schaft eines Kran­ken­hau­ses in Design-Thin­king-Prin­zi­pi­en zu schu­len – mit Erfolg: Dut­zen­de neue Ideen zur Ver­bes­se­rung der Pfle­ge waren das Ergeb­nis der Schu­lung. Vor allem sorg­te die­se Metho­de aber für ein »nie dage­we­se­nes Enga­ge­ment« (S. 137) aller Beteiligten.

Brown zeigt auch, wie Design Thin­king in Zukunft einen »posi­ti­ve impact through design«, ganz im Sin­ne von »Ideo« haben kann. In sei­nen Bei­spie­len streift er The­men der Desi­gn­ethik, indem er auf die Vor­tei­le eines offe­nen und nach­hal­ti­gen Design­pro­zes­ses ein­geht. Brown for­dert Desi­gner dazu auf, sich auch mit gro­ßen The­men wie glo­ba­ler Armut zu beschäf­ti­gen. Dabei geht es ihm vor allem um Nach­hal­tig­keit: Was nut­ze eine mit Füßen betrie­be­ne Tie­fen­was­ser­pum­pe, »die mehr als 80 000 ost­afri­ka­ni­schen Klein­bau­ern zur Grün­dung von Klein­be­trie­ben« ver­hel­fen könn­te, ohne »eine loka­le Infra­struk­tur mit Mar­ke­ting, Ver­trieb und Ser­vice« (S. 162)?

»Chan­ge by Design« ist nicht nur für Desi­gner als inspi­rie­ren­de Lek­tü­re zu emp­feh­len, son­dern rich­tet sich an alle, die sich einen grund­le­gen­den Über­blick über Design Thin­king ver­schaf­fen möch­ten. Brown ver­steht es, durch die vie­len Bei­spie­le und Anek­do­ten Lust auf Inno­va­ti­on und krea­ti­ve Arbeit zu machen. Durch die gute Struk­tu­rie­rung ist »Chan­ge by Design« auch als Nach­schla­ge­werk und zum Quer­le­sen geeig­net. So wer­den Design-Thin­king-Metho­den nicht nur Desi­gnern zugäng­lich gemacht – ganz nach dem »Ideo«-Grundsatz: »Wir alle sind klü­ger, als jeder Ein­zel­ne von uns.« Das Werk des »Ideo«-Chefs ent­hält selbst­ver­ständ­lich auch eine gute Por­ti­on Eigen­wer­bung. Letzt­lich beinhal­tet aber jedes Bei­spiel aus dem eige­nen Hau­se wich­ti­ge Aspek­te des Design Thin­king, sodass die Metho­de klar im Zen­trum des Buches steht.

Buchbesprechung

»Es wird Zeit, dass Design sich einmischt«

Florian Pfeffer fragt nach der neuen Rolle des Designs

Es heißt, heu­te kön­ne jeder gestal­ten. Was bedeu­tet dann noch »Design«? Ist es über­all gegen­wär­tig, oder löst sich das Pos­tu­lat »Design löst Pro­ble­me« gänz­lich auf? Im klei­nen Kreis tau­schen sich Prak­ti­zie­ren­de und Sach­kun­di­ge aus, die sich für Design­theo­rie inter­es­sie­ren. Sie wol­len ihre eige­ne Dis­zi­plin kon­kre­ti­sie­ren und ein neu­es Selbst­ver­ständ­nis erzie­len. Sie ver­su­chen Strö­mun­gen aus­zu­ma­chen und stel­len sich die Fra­ge, ob es über­haupt kon­kre­te Bewe­gun­gen in eine Rich­tung gibt oder ob Design­trends ein­fach nur her­um­schwir­ren und nicht zu fas­sen sind. Wel­che neu­en Funk­tio­nen erfüllt Design heute?

Flo­ri­an Pfef­fer hat in sei­nem Buch »To Do: Die neue Rol­le der Gestal­tung in einer ver­än­der­ten Welt« alle die­se Fra­gen gestellt. Aller­dings betont er schon ein­lei­tend, dass die Ant­wor­ten von den Gestal­tern selbst erar­bei­tet wer­den müss­ten. Der Autor und Pro­fes­sor für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign an der Hoch­schu­le für Gestal­tung in Karls­ru­he möch­te eher sam­meln – »ohne zu urtei­len« (S. 10).

Dabei hat er nicht nur eine Bewe­gung in der Gesell­schaft aus­ge­macht, son­dern er benennt auch vie­le klei­ne und gro­ße Aktio­nen, Stra­te­gien und Phä­no­me­ne, die es wert sind, gebün­delt fest­ge­hal­ten zu wer­den. Das Buch »To Do« soll dadurch etwas Bestimm­tes ver­deut­li­chen: Die Bewe­gung in der Gesell­schaft ist da, alles ist im Wan­del. Um sich mit­rei­ßen zu las­sen in einer solch fle­xi­blen, schnell flie­ßen­den Strö­mung, muss man erst auf die Revo­lu­ti­on auf­merk­sam wer­den, die in der sich ste­tig ver­än­dern­den Welt ent­steht, frei nach Fran­cis Pica­bi­as bekann­tem Zitat: »Der Kopf ist rund, damit das Den­ken sei­ne Rich­tung ändern kann.«

In sei­nem Buch wagt Flo­ri­an Pfef­fer einen Blick aus der Vogel­per­spek­ti­ve auf die gesam­te krea­ti­ve Indus­trie, um alter­na­ti­ve Mög­lich­kei­ten zum tra­di­tio­nel­lem Design zu fin­den. Das Buch berührt vie­le Sujets, fast wie ein Nach­schla­ge­werk, das die aktu­el­le Lage beschreibt, in der sich Gestal­tung befin­det. Vor­der­grün­dig wünscht sich der Leser oft­mals, mehr zu einem The­ma zu erfah­ren. Was sich aber genau auf­grund die­ser por­tio­nier­ten Men­ge an Infor­ma­tio­nen ein­stellt – als ob der Text einem Din­ge vor­ent­hal­ten wür­de –, könn­te auch als Text­stra­te­gie ver­stan­den wer­den. Durch den Wunsch, mehr zu erfah­ren, die ein­zel­nen The­men stär­ker aus­zu­ar­bei­ten, stellt sich eine Moti­va­ti­on ein, selbst Ent­wick­ler von Stra­te­gien zu wer­den, in Akti­on zu tre­ten und Teil des Hier und Jetzt zu werden. 

Die Lay­out­struk­tur des Wer­kes unter­stützt die­se impli­zi­te Auf­for­de­rung. Die wei­ßen Sei­ten stel­len Phä­no­me­ne, Pro­jek­te und Stand­punk­te eines neu­en Ter­rains vor und die ver­kürz­ten hell­grü­nen Sei­ten zei­gen die pas­sen­den Wege auf, denen man fol­gen kann, um die­se neu­en Ter­rains der Gestal­tung zu betre­ten. Neue Begrif­fe wer­den aus­führ­lich erläu­tert und aus Zita­ten, die Pfef­fers Stra­te­gien unter­ma­len, resul­tiert eine lan­ge Lis­te an »To-Read«-Literatur, die er kom­men­tiert auf­führt, um sei­ne Emp­feh­lung auszusprechen. 

Auf­grund des locke­ren Schreib­stils wirkt das Buch trotz sei­ner kom­ple­xen Inhal­te wie ein Plausch unter Freun­den. Als wür­de Pfef­fer fra­gen: »Was möch­test du zu die­ser Ent­wick­lung bei­tra­gen?« Das macht einer­seits eupho­risch, ande­rer­seits wir­ken die vie­len Pro­jek­te mit »Welt­ver­bes­se­rungs­an­spruch« in der­art geball­ter Ladung doch sehr ein­schüch­ternd. Aber man muss auch nicht alle der dar­ge­bo­te­nen Wege gleich­zei­tig beschrei­ten. Fazit bleibt: »Es wird Zeit, dass Design sich ein­mischt und sich die Fin­ger schmut­zig macht.« (S. 29)

Buchbesprechung

»Nicht mehr als sieben Worte«

Jo Wickert gibt praktische Tipps zum »Creative Brief«

Bedie­nungs­an­lei­tun­gen funk­tio­nie­ren nur dann, wenn sie prä­zi­se sind und eine Sache Schritt für Schritt erläu­tern. Jo Wickerts Buch »Der Crea­ti­ve Brief« leis­tet genau das. Der Agen­tur­chef und Design­pro­fes­sor mit jah­re­lan­ger Erfah­rung sagt ganz kon­kret und nach­voll­zieh­bar, wie er es macht. Er greift dabei eine Schwach­stel­le in vie­len Büros auf: das Kun­den­brie­fing. Oft genug wird Zeit und Geld ver­schwen­det, weil Kun­de und Krea­ti­ve sich am Anfang der Zusam­men­ar­beit nicht gut genug zuhö­ren, nicht prä­zi­se genug Zie­le und Auf­ga­ben fest­le­gen. Weil der Krea­ti­ve inner­lich schon los­legt, bevor er über­haupt genau weiß, wor­um es dem Kun­den geht. Oder weil der Kun­de sich zu wenig Zeit nimmt für das Gespräch mit der Agentur.

Jo Wickerts »Crea­ti­ve Brief« erläu­tert in 15 Schrit­ten und vie­len Bei­spie­len, wie es bes­ser geht, ohne dass das Pen­del in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung aus­schlägt. Schließ­lich geht es »nur« um eine gemein­sa­me Basis für das krea­ti­ve Kon­zept, nicht um eine Dok­tor­ar­beit. Wickert stra­pa­ziert die Zeit des Lesers nicht über Gebühr, die gut 80 Sei­ten sind locker gesetzt und flott gele­sen. Aber sie beinhal­ten das Wesent­li­che, von der »Aus­gangs­la­ge« bis zum »Team«. Gera­de jun­gen Gestal­tern, die ihre eige­nen Rou­ti­nen noch nicht gefun­den haben, wür­de man es ger­ne auf den Schreib­tisch legen und sagen: »Wenn Du Dich dar­an hältst, dann kann nichts schief gehen.«

Wickert beschreibt, war­um es sinn­voll ist, zwi­schen Auf­ga­be und Ziel sau­ber zu unter­schei­den, war­um manch­mal eine Visua­li­sie­rung Din­ge schnel­ler auf den Punkt bringt, als Wor­te es tun könn­ten, er gibt kon­kre­te Emp­feh­lun­gen: »Ein Slo­gan soll­te nicht mehr als sie­ben Wor­te beinhal­ten« (S. 54) – und er scheut sich nicht, so wich­ti­ge Din­ge wie das Wort »Rech­nung« zu benennen. 

Denn schließ­lich ist ein »Crea­ti­ve Brief« letzt­lich genau das: die ver­schrift­lich­te inhalt­li­che Grund­la­ge für einen Auf­trag, das, wor­auf man sich beru­fen kann, wenn das Geschäft schließ­lich abge­rech­net wird, und was man dem Kun­den zur Not auch unter die Nase hal­ten kann, wenn er oder sie es sich unter­wegs anders über­legt. Ein gelun­ge­ner »Crea­ti­ve Brief« schlägt auf das Wesent­li­che durch: Nur, wer ein Pro­dukt und einen Kun­den gut ver­stan­den hat, wird die bes­te Idee für die­sen Kun­den haben. So ist der Band auch ein Plä­doy­er für eine kom­ple­xe kom­mu­ni­ka­ti­ve Leis­tung, die vor der eigent­li­chen Krea­ti­on steht und die man kurz und banal mit dem Begriff »Ser­vice« fas­sen könn­te. Im Dis­kurs der Krea­ti­ven kommt die­se nur ver­meint­lich bie­de­re Kate­go­rie meist zu kurz – in Wickerts Band gibt sie die Grund­ton­art vor. 

Die Bei­spie­le zu den Kapi­teln stam­men aus Wickerts eige­ner Agen­tur »wmd«, die in Ber­lin und Meers­burg ange­sie­delt ist. Sie ver­an­schau­li­chen die jewei­li­gen Inhal­te grif­fig – und doch wür­de man den Autor bis­wei­len ger­ne fra­gen, wie er mit weni­ger grif­fi­gen Bei­spie­len umgeht: Dass Sicher­heit ein guter »Reason Why« für einen Her­stel­ler von Stahl­sei­len ist, ist leicht nach­voll­zieh­bar. Aber was, wenn es um ein aus­tausch­ba­re­res Pro­dukt geht? Inso­fern wür­de man sich fast einen zwei­ten Band wün­schen, in dem Wickert im Sin­ne einer »best prac­ti­se« ver­schie­de­ne Pro­duk­te durch­spielt. Fürs Ers­te sei das nun vor­lie­gen­de Büch­lein emp­foh­len, das von Han­nah Frey mit offe­ner Faden­bin­dung, schö­nen Foto­stre­cken und luf­ti­gem Satz gestal­tet wur­de. Erhält­lich direkt beim Autor (wickert@htwg-konstanz.de) oder über »Ama­zon«.

Essay

Zur Rhetorik der Technik

Aufriss eines Forschungsgebietes

Der nach­fol­gen­de Essay stammt aus dem dem­nächst im Franz Stei­ner Ver­lag, Stutt­gart, erschei­nen­den Band:
Fried­rich, Vol­ker (Hg.): Tech­nik den­ken. Phi­lo­so­phi­sche Annä­he­run­gen. Fest­schrift für Klaus Korn­wachs zum 70. Geburts­tag. Stutt­gart 2018.
Die Vor­ab-Ver­öf­fent­li­chung erfolgt mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Verlages.

»Haben wir die Tech­nik, die wir brau­chen, und brau­chen wir die Tech­nik, die wir haben?« Mit die­sen Fra­gen umreißt Klaus Korn­wachs zen­tra­le Aspek­te der Tech­nik­phi­lo­so­phie.[1] Aus der Sicht eines Rhe­to­ri­kers könn­te eine Anschluss­fra­ge gestellt wer­den: Haben wir das Wis­sen über eine Rhe­to­rik der Tech­nik, das uns dabei unter­stütz­te, die Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen zu for­mu­lie­ren? In die­ser Anschluss­fra­ge wäre ein­ge­schlos­sen, dass es so etwas wie eine »Rhe­to­rik der Tech­nik« gäbe oder man sie bear­bei­ten könn­te. Der Beob­ach­tung des Autors die­ser Zei­len nach wird im deutsch­spra­chi­gen Raum einer Rhe­to­rik der Tech­nik nur ein­ge­schränkt nach­ge­gan­gen. Sicher gibt es aus der Tech­nik­phi­lo­so­phie her­aus bereits eine Beschäf­ti­gung mit dem Ver­hält­nis der Spra­che zur Tech­nik. Gleich­wohl sei die Fra­ge auf­ge­wor­fen, wie aus der spe­zi­fi­schen War­te der Rhe­to­rik dazu ein Bei­trag geleis­tet wer­den kann und somit Berühr­punk­te zwi­schen Rhe­to­rik und Tech­nik­phi­lo­so­phie behan­delt wer­den könn­ten. Lie­ße sich in solch einem For­schungs­ge­biet eine Zusam­men­ar­beit zwi­schen Phi­lo­so­phen, Rhe­to­ri­kern, Tech­ni­kern, Inge­nieu­ren und Natur­wis­sen­schaft­lern auf den Weg brin­gen? Die­ses For­schungs­ge­biet wird in fol­gen­dem Auf­riss bruch­stück­haft skizziert.

Mit­tels Tech­nik orga­ni­siert der Mensch die Wirk­lich­keit, und er schafft mit­tels neu­er Tech­nik neue Wirk­lich­kei­ten. Dadurch, dass er dar­über spricht (und schreibt), orga­ni­siert er die Ver­mitt­lung der tech­nisch gepräg­ten Wirk­lich­kei­ten. Dies wie­der­um wirkt letzt­lich auch zurück auf Tech­nik selbst. Tech­nik und Rhe­to­rik der Tech­nik ste­hen in einer Wech­sel­wir­kung, die zu betrach­ten einer der Gegen­stän­de einer Rhe­to­rik der Tech­nik wäre: Tech­nik arti­ku­liert sich, und Tech­nik wird arti­ku­liert. Wie spricht Tech­nik zu uns, wie spre­chen die Tech­ni­ker über Tech­nik, wie die Nicht­tech­ni­ker? Kön­nen wir Tech­nik – nicht allein, aber eben auch – als rhe­to­ri­sches Phä­no­men, als Rhe­to­rik begrei­fen? Kön­nen wir Rhe­to­rik nut­zen, um Tech­nik zu begreifen?

Tech­nik­phi­lo­so­phen grei­fen Fra­gen nach der Wech­sel­wir­kung von Spra­che und Tech­nik durch­aus auf, man­che sehen Tech­nik selbst als Medi­um an.[2] In die­ser Skiz­ze soll es um einen ergän­zen­den Aspekt gehen, näm­lich den Dis­kurs, den die Rhe­to­rik dazu bei­steu­ern könnte.

Einen Ein­trag zu den Begrif­fen »Tech­nik« oder »Tech­nik­rhe­to­rik« sucht man im begriffs­ge­schicht­li­chen Stan­dard­werk »His­to­ri­sches Wör­ter­buch der Rhe­to­rik« ver­geb­lich; zu fin­den ist aller­dings eine Defi­ni­ti­on des Stich­wor­tes »Wis­sen­schafts­rhe­to­rik«: »Der Aus­druck ›W.‹ bezeich­net: (1) die bewuss­te kom­mu­ni­ka­ti­ve Ver­mitt­lung wis­sen­schaft­li­chen Wis­sens, und zwar sowohl (1a) inner­halb der sci­en­ti­fic com­mu­ni­ty als auch (1b) nach außen, in popu­la­ri­sie­ren­der Form auf ein wis­sen­schaft­lich nicht vor­ge­bil­de­tes Publi­kum abzie­lend; (2) die wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chung und The­ma­ti­sie­rung der rhe­to­ri­schen Ver­mitt­lung von Wis­sen auf einer Meta­ebe­ne. Zwei Leit­fra­gen die­nen des­halb im Fol­gen­den zur Ori­en­tie­rung – ›Wie wur­de und wird Wis­sen rhe­to­risch ver­mit­telt?‹ (Wis­sen­schaft als Rhe­to­rik) und ›Wie wur­de und wird die rhe­to­ri­sche Ver­mitt­lung von Wis­sen theo­re­tisch erschlos­sen und dar­ge­stellt?‹ (Rhe­to­rik als Wis­sen­schaft).«[3]

Nach einer Ana­lo­gie­bil­dung, die in der obi­gen Defi­ni­ti­on »Wis­sen« durch »Tech­nik«, »wis­sen­schaft­lich« durch »tech­nisch« ersetz­te, bezeich­ne­te der Begriff »Tech­nik­rhe­to­rik«: (1) die bewuss­te kom­mu­ni­ka­ti­ve Ver­mitt­lung tech­ni­schen Wis­sens, und zwar sowohl (1a) inner­halb der Gemein­schaft der Tech­ni­ker, Inge­nieu­re, Natur­wis­sen­schaft­ler etc. als auch (1b) nach außen, in popu­la­ri­sie­ren­der Form auf ein tech­nisch nicht vor­ge­bil­de­tes Publi­kum abzie­lend; (2) die wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chung und The­ma­ti­sie­rung der rhe­to­ri­schen Ver­mitt­lung von Tech­nik auf einer Meta­ebe­ne. Ori­en­tie­rung wäre dem­zu­fol­ge für die Tech­nik­rhe­to­rik zu gewin­nen mit Fra­gen wie: Wie wur­de und wird Tech­nik rhe­to­risch ver­mit­telt? Wie wur­de und wird eine rhe­to­ri­sche Ver­mitt­lung von Tech­nik theo­re­tisch erschlos­sen und dar­ge­stellt?[4]

Essay

Schöne neue Welt?

Chancen und Herausforderungen der virtuellen Realität

Irgend­wann zwi­schen Pla­tons Höh­len­gleich­nis und dem iko­ni­schen Holo­deck aus Gene Rod­den­ber­rys Sci­ence-Fic­tion-Epos »Star Trek« muss uns klar gewor­den sein, dass es nur eine Fra­ge der Zeit sein wür­de, bis man selbst in eine ande­re, vir­tu­el­le Rea­li­tät abtau­chen kann. Und nun ist es end­lich soweit, zumin­dest zum Teil. Nach Jahr­zehn­ten der For­schung und Ent­wick­lung ist die vir­tu­el­le Rea­li­tät mehr oder weni­ger real gewor­den. Und auch wenn wir noch ein gan­zes Stück davon ent­fernt sind, mit allen Sin­nen in eine alter­na­ti­ve Wirk­lich­keit ein­tau­chen zu kön­nen, ist der Grund­stein gelegt, und das Ergeb­nis als sol­ches ist beeindruckend. 

Laut Bernd Stei­ni­cke, Pro­fes­sor für Mensch-Com­pu­ter Bezie­hun­gen an der Uni­ver­si­tät Ham­burg, sind immer­hin welt­weit rund 10 Mil­lio­nen Men­schen im Besitz irgend­ei­ner Art von 3D-Bril­le.[1] Wäh­rend sich auf dem Con­su­mer­markt bis jetzt eher die ver­hält­nis­mäs­sig unspek­ta­ku­lä­ren, jedoch kos­ten­güns­ti­gen Smart­phone-VR-Bril­len um die Gunst des Kun­den strei­ten, deren momen­ta­ner Erfolg wohl am ehes­ten auf den Reiz des Neu­en und die aggres­si­ve Ver­mark­tung zurück­zu­füh­ren ist und die im End­ef­fekt nicht mehr sind als eine Han­dy­hal­te­rung mit pas­sen­der Appli­ka­ti­on, sind bei den Enthu­si­as­ten die deut­lich höher­prei­si­gen VR-/MR-Bril­len der Fir­men Ocu­lus, Micro­soft und HTC gefragt. Auf den Trend, der durch die Ankün­di­gun­gen der ers­ten Pro­to­ty­pen im Jahr 2013 einen regel­rech­ten Hype aus­lös­te und damit sei­nen Anfang nahm, folgt jedoch wie­der ein wenig Ernüch­te­rung – zu begrenzt sind die Ein­satz­mög­lich­kei­ten der teu­ren Hard­ware, zu wenig Soft­ware ist momen­tan dafür vor­han­den. Den­noch las­sen die Her­stel­ler nichts unver­sucht. Vir­tu­al- und Mixed-Rea­li­ty sol­len Bestand­teil unse­res All­tags wer­den, dar­über ist sich die Bran­che einig. Bemerk­bar macht sich dies vor allem durch die ver­mehr­ten Pro­dukt­an­kün­di­gun­gen von güns­ti­ge­ren Dritt­her­stel­lern sowie Sub­ven­tio­nen durch Fir­men und sogar durch öffent­li­che Einrichtungen.

Inter­es­sant ist aber vor allem der zukünf­ti­ge Umgang mit dem neu­en Medi­um abseits der offen­sicht­li­chen Anwen­dungs­zwe­cke wie in etwa Com­pu­ter­spie­len, denn durch die­se tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung wird dem Nut­zer auch eine neue Art der Inter­ak­ti­on mit dem PC erlaubt. 

Gera­de im Bezug auf Bar­rie­re­frei­heit hal­ten VR-Bril­len eine Men­ge Poten­ti­al bereit. So kann der Cur­sor mit­tels der in der Bril­le ver­bau­ten Gyro­sen­so­ren schon mit den leich­tes­ten Kopf­be­we­gun­gen gesteu­ert wer­den und so Ein­ga­be­me­tho­den durch Tas­ta­tur und Maus obso­let wer­den las­sen. In Kom­bi­na­ti­on mit einer pas­sen­den Eye-Track­ing-Peri­phe­rie sind zudem nicht ein­mal mehr Kopf­be­we­gun­gen nötig, um die Bril­le zu steu­ern; die Soft­ware inter­pre­tiert anhand der Blick­rich­tung wohin der Benut­zer gera­de schaut. Die Vor­tei­le die­ser tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung lie­gen dabei auf der Hand, erleich­tern sie Per­so­nen mit ein­ge­schränk­tem Inter­ak­ti­ons­ver­mö­gen nicht nur die Bedie­nung, son­dern erlau­ben ihnen auch alle erdenk­li­chen Arten von Inter­ak­ti­on, vom vir­tu­el­len Auto­rennen bis zum Über­flie­gen der Erde. Der Phan­ta­sie sind hier nur durch unse­re tech­ni­schen Ein­schrän­kun­gen im Soft­ware­be­reich Gren­zen gesetzt - und derer sind nicht viele.