Essay

Das Verhältnis von Politik und Design

Die Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm: 1953—1968

Zuerst ein paar Hin­wei­se zur begriff­li­chen Klä­rung. Wir müs­sen vor­sich­tig sein mit dem Begriff Design, wenn wir über die HfG Ulm reden. Denn der Design­be­griff ist gera­de im Deut­schen äußerst pro­ble­ma­tisch. Er hat die Wir­kung einer rosa­far­be­nen Wol­ke: Wir füh­len uns mög­li­cher­wei­se fröh­lich und unbe­schwert, ein wenig ein­ge­lullt, wenn wir von Design reden. Zugleich mer­ken wir nicht, wie wir ein­ge­ne­belt sind und tat­säch­lich anein­an­der vor­bei­re­den. Dem Design­be­griff fehlt weit­ge­hend die signi­fi­kan­te Trenn­schär­fe und Klar­heit, die wir brau­chen, wenn wir uns über Qua­li­tä­ten sach­lich aus­tau­schen wollen.

Der moder­ne Design­be­griff wird nach aktu­el­lem Stand erst­mals von Wil­liam Addi­son Dwig­gins im anglo­ame­ri­ka­ni­schen Kon­text für die Bezeich­nung einer beruf­li­chen Tätig­keit ver­wen­det, die genau die Cha­rak­te­ris­ti­ka ver­eint, die wir auch heu­te noch mit Design ver­bin­den: Mit die­ser – ver­mut­lich von ihm selbst geschaf­fe­nen Bezeich­nung des Gra­phic Desi­gners – will er 1922 sei­ne eige­ne viel­sei­ti­ge Arbeit bei der Gestal­tung von Büchern (z. B. Typo­gra­phie, Lay­out, Illus­tra­ti­on) auf
einen Begriff bringen.

Der ers­te schrift­li­che Beleg für die Ver­wen­dung des Wor­tes »Design« in der deut­schen Spra­che stammt von Mart Stam: In sei­ner Antritts­re­de als Rek­tor der Aka­de­mie der Küns­te und der Hoch­schu­le für Werk­kunst in Dres­den im Dezem­ber 1948. Er spricht wört­lich vom »Indus­tri­al Desi­gner« als Über­set­zung für: »Ent­wer­fer für die Industrie«.

Gestal­tung hin­ge­gen hat sei­ne Wur­zel als pro­gram­ma­ti­scher Reform­be­griff. Er befand sich im Mit­tel­punkt viel­fäl­ti­ger Bemü­hun­gen um inte­gra­ti­ve, ganz­heit­li­che Wahr­neh­mung (»Gestalt­theo­rie«). Der Unter­ti­tel des Des­sau­er Bau­haus lau­te­te: »Hoch­schu­le für Gestal­tung.« Der holis­ti­sche Anspruch, der mit der Rede von Gestal­tung zum Aus­druck gebracht wer­den soll, ist dem Design zu eigen, seit die­ses Phä­no­men der Moder­ne (nach Luh­mann könn­te Design auch als Medi­um bezeich­net wer­den) in Erschei­nung tritt: Es sei nicht nur ein ein­zel­ner Aspekt in Form zu brin­gen, also nur die Karos­se­rie eines Autos oder nur sei­ne Far­be, son­dern es sei­en sämt­li­che Aspek­te in Betracht zu zie­hen. Nicht nur die for­mal-ästhe­ti­schen, sinn­lich wahr­nehm­ba­ren, son­dern auch die sozia­len, tech­ni­schen, wirt­schaft­li­chen und kulturellen.

Die Grün­der der HfG Ulm haben sich für den Titel ent­schie­den: Hoch­schu­le für Gestal­tung. Sie haben ihre Insti­tu­ti­on nicht auf den Namen getauft: Hoch­schu­le für Design.

Foto: Hans G. Conrad

Foto: Hans G. Conrad

Mit Design ist nun ein spe­zi­fi­scher Bestand­teil der Moder­ne gemeint, der sich durch vier Kenn­zei­chen defi­nie­ren lässt. Design begeg­net uns als Phä­no­men der Gestal­tung im (1) arbeits­tei­li­gen, (2) kom­mer­zi­el­len und (3) indus­tri­el­len Pro­zess zur Her­vor­brin­gung von (4) Seri­en­pro­duk­ten. Durch die­se Cha­rak­te­ris­ti­ka lässt sich das Design ins­be­son­de­re in sei­ner Bezie­hung zur Kunst und zum Hand­werk identifizieren.

Essay

Wie kommuniziert Gewalt?

Zur visuellen Rhetorik des Terrorismus

1 Ter­ro­ris­mus als Kom­mu­ni­ka­ti­on[1]

Das Phä­no­men des Ter­ro­ris­mus erfährt in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eine neue Auf­merk­sam­keit. Zuvor unbe­kann­te ter­ro­ris­ti­sche Ver­ei­ni­gun­gen betre­ten die Welt­büh­ne, beglei­tet von der Ver­brei­tung ihrer Pro­pa­gan­da und einer glo­ba­len Bericht­erstat­tung über ihre Taten im Inter­net – mit dem Ergeb­nis, dass die Angst vor Ter­ro­ris­mus auch in Kul­tur­räu­men zunimmt, die von die­ser Gewalt empi­risch betrach­tet nur mar­gi­nal bedroht sind, wie etwa in der »west­li­chen Welt«. Von welt­weit 25673 Opfern ter­ro­ris­ti­scher Anschlä­ge 2016 stam­men nur 265 aus OSZE-Län­dern – hin­ge­gen 75 % der Opfer ent­stam­men aktu­el­len Kri­sen­her­den und Bür­ger­kriegs­schau­plät­zen wie Afgha­ni­stan, Nige­ria, Syri­en, Paki­stan und dem Irak.[2] Gleich­wohl befin­den sich unter den Tätern nicht weni­ge, die sich »im Wes­ten« radi­ka­li­sie­ren – sei­en es Jiha­dis­ten, die in den syri­schen Bür­ger­krieg zie­hen oder gewalt­be­rei­te Neo­na­zis, die vor Ort aktiv wer­den – und gleich­wohl leuch­tet ein, dass man die­se Per­so­nen bereits vor Ort durch Gegen­maß­nah­men von ihren Taten abhal­ten will.

Das Gefäl­le in unse­rer Gesell­schaft zwi­schen der »gefühl­ten« und der »empi­ri­schen« Gefahr durch Ter­ro­ris­mus macht aller­dings auch deut­lich, dass es sich beim Ter­ro­ris­mus eben nicht nur um das fak­ti­sche Phä­no­men ter­ro­ris­ti­scher Taten han­delt. Viel­mehr erfüllt eine ter­ro­ris­ti­sche Tat zuvor­derst eine eige­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­funk­ti­on: Der ter­ro­ris­ti­sche Anschlag zielt nur in Tei­len dar­auf ab, tat­säch­li­chen Sach- und Per­so­nen-Scha­den anzu­rich­ten – sein Ziel ist es vor allem, Angst zu ver­brei­ten, Mit­strei­ter zu rekru­tie­ren, Feind­bil­der zu erzeu­gen. Ter­ro­ris­mus lässt sich in die­sem Sin­ne also ganz all­ge­mein (auch) als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ak­ti­vi­tät ver­ste­hen, durch die star­ke Gefüh­le geweckt wer­den: Angst, Begeis­te­rung, Hass, Abscheu, Hoch­mut etc. Man könn­te sagen: Ter­ro­ris­mus trägt mit rhe­to­ri­schen Mit­teln des pathos zur poli­ti­schen Mei­nungs­bil­dung bei.

Es leuch­tet daher ein, dass Gegen­maß­nah­men, die Per­so­nen davon abhal­ten wol­len, sich gewalt­be­reit zu extre­mi­sie­ren oder die bereits gewalt­be­rei­te Extre­mis­ten zum Aus­stieg auf­ru­fen wol­len, nicht allein an die Ver­nunft – den logos – appel­lie­ren soll­ten. Coun­ter-Nar­ra­ti­ves in den Berei­chen Coun­tering und Pre­ven­ting Vio­lent Extre­mism (CVE und PVE, so die Fach­be­grif­fe im zeit­ge­nös­si­schen Dis­kurs), tun also gut dar­an, die Affek­te zu stu­die­ren, die den Ter­ro­ris­mus für sei­ne Anhän­ger so attrak­tiv machen, wenn sie die­se Ziel­grup­pe auch affek­tiv errei­chen wol­len. Aber wie »kom­mu­ni­ziert« eine ter­ro­ris­ti­sche Tat nun genau? Was zeich­net das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign einer ter­ro­ris­ti­schen Grup­pe aus, bei­spiels­wei­se des soge­nann­ten »IS«? Und wie kann man ange­mes­sen – um einen wei­te­ren Kern­be­griff der Rhe­to­rik zu ver­wen­den – dar­auf reagie­ren, ohne auf Gewalt(bilder) mit Gewalt(bildern) zu reagieren?

Die Rhe­to­rik stellt zur Klä­rung die­ser Fra­gen einen guten Werk­zeug­kas­ten zur Ver­fü­gung, mit des­sen Hil­fe sich eine kon­zep­tio­nel­le, modell­haf­te Makro-Per­spek­ti­ve und eine prak­ti­sche, ana­ly­ti­sche Mikro-Per­spek­ti­ve ver­bin­den las­sen. Mit­hil­fe des Kon­zepts der rhe­to­ri­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on[3] lässt sich theo­re­tisch beschrei­ben, wie die ter­ro­ris­ti­sche Tat als Mit­tel der Kom­mu­ni­ka­ti­on instru­men­ta­li­siert wird. Und mit­hil­fe der Rhe­to­ri­schen Design­ana­ly­se[4] las­sen sich ganz kon­kret gestal­te­te Erzeug­nis­se, wie etwa Web­sites, Pro­pa­gan­da-Maga­zi­ne oder Memes, auf ihre Zie­le hin untersuchen.

Essay

Verletzende Bilder und Worte

Beispiele für diskriminierende Rede im Internet

Sel­ten wird sicht­bar, wel­che Wun­den ent­ste­hen, wenn Men­schen durch Bil­der oder Wor­te ver­letzt wer­den, wenn also etwas Wir­kung hat wie ein Schlag ins Gesicht. Ali­cia Som­mer­feld, die 2016 in einer her­vor­ra­gen­den Bache­lor­ar­beit unter­sucht hat, was Ver­let­zung durch Wor­te mei­nen kann, hat mich auf den Foto­es­say des Foto­gra­fen Richard John­so­nin auf­merk­sam gemacht, der die sprach­li­che Gewalt mit Hil­fe eines beson­de­ren Make-Ups auf Gesich­tern zu zei­gen ver­such­te. Frau Som­mer­feld gehört zu dem Kreis der Stu­die­ren­den, mit denen ich das The­ma »Ver­let­zen­de Wor­te« seit lan­ger Zeit bear­bei­te, wes­halb ich ger­ne auf Ergeb­nis­se aus Semi­na­ren und von mir betreu­ten stu­den­ti­schen Arbei­ten zurück­grei­fe. Ohne die Arbeit mei­ner Stu­die­ren­den wäre mir die Fül­le der The­ma­tik nicht so prä­sent, da wir die Struk­tu­ren an vie­len Bei­spie­len ana­ly­siert haben. Im Fol­gen­den sol­len vor­ran­gig die Ergeb­nis­se die­ser Ana­ly­sen vor­ge­stellt werden.

1 Ein­lei­tung: Spra­che als Waf­fe – ein legi­ti­mes Werkzeug?

Auch wenn die Spra­che uns als Mit­tel der Ver­stän­di­gung dient, kann sie doch auch zu einem Medi­um der Gewalt­aus­übung wer­den, denn: »von der indi­rek­ten Takt­lo­sig­keit bis zur dis­kri­mi­nie­ren­den hate speech kann Spra­che als Gewalt wir­ken«[1] sagen die Her­aus­ge­ber eines Ban­des über die Gram­ma­tik sprach­li­cher Miss­ach­tung. So kann dis­kri­mi­nie­ren­de Rede durch­aus zu psy­chi­schen und phy­si­schen Schä­den füh­ren. For­men der Kom­mu­ni­ka­ti­on sind nicht per se ein Mit­tel der fried­li­chen Ver­stän­di­gung, auch wenn ein ver­ba­ler Schlag­aus­tausch nicht unbe­dingt sicht­ba­re Wun­den hin­ter­lässt. Gera­de die­se feh­len­de Sicht­bar­keit der Wun­den führt zu Ver­su­chen, die­se Form der Gewalt mit den Mit­teln der Kunst sicht­bar zu machen, sei es als Foto­es­say oder auch als Kin­der­vers, der uns bild­lich vor Augen führt, was gemeint sein könn­te: Stock und Stein bre­chen mein Gebein, doch auch Wor­te brin­gen Pein.

Es geht mir im Fol­gen­den ganz expli­zit um die Gewalt durch Spra­che und nicht um die Gewalt der Spra­che. Ich stel­le nicht in Fra­ge, dass die Spra­che schon vor jeg­li­chem Spre­chen struk­tu­rel­le Gewalt aus­übt, da sie frei­lich den Rah­men des mög­lich Denk­ba­ren setzt. Mir aber geht es um die mit Hil­fe der Spra­che mög­li­chen ver­let­zen­den Akte und zwar bezo­gen auf Wort und Bild und dies mit einem Schwer­punkt auf unse­re heu­ti­gen Netzwelten.

Wobei mit Petra Geh­ring[2] gefragt wer­den muss, ob Gewalt tat­säch­lich der pas­sen­de Aus­druck ist, wir nicht eher sagen müss­ten, dass Spra­che phy­si­sche Kraft ent­wi­ckeln kann, die auf unse­ren Kör­per wirkt, eben auch ver­let­zend, aber nicht nur. Spra­che kann zur Waf­fe wer­den, eine, mit der um Über­zeu­gun­gen gekämpft wer­den kann, eine, mit der ver­führt wer­den kann, die also ero­ti­sche Wir­kung ent­fal­tet, und eine, die belei­digt und damit ver­letzt. Und gera­de die­se Kraft, genutzt als rhe­to­ri­sches Mit­tel, zeigt, wie sehr sie in Spra­che selbst ange­legt ist und ihr nicht als etwas Äußer­li­ches zukommt.

Auf rhe­to­ri­sche Mit­tel wie Iro­nie, Sati­re oder auch Pole­mik wol­len wir nicht ver­zich­ten, sehen sie als Weg, eine unmit­tel­ba­re Prä­senz erst zu schaf­fen und Lesen­de, Hören­de und Schau­en­de qua­si zu zwin­gen, eine pas­si­ve Teil­nahms­lo­sig­keit auf­zu­ge­ben und Stel­lung zu bezie­hen. Ob wir von dis­kri­mi­nie­ren­der Rhe­to­rik oder gelun­ge­ner Iro­nie oder auch per­so­nal­sa­ti­ri­scher Pole­mik spre­chen – also von uns bewun­der­ten rhe­to­ri­schen Mit­teln –, ist immer abhän­gig von Ort, Zeit und Situation.

Wor­te und Bil­der auch als Waf­fe zu benut­zen, ist Teil unse­rer Kul­tur, und die­se Waf­fe ist eine, die wir im fai­ren Mit­ein­an­der durch­aus schät­zen. Dabei ist uns bewusst, dass sati­risch Gemein­tes auf den Ein­zel­nen durch­aus ver­let­zend wir­ken kann, denn Sati­re über­schrei­tet bewusst Gren­zen. Was darf Sati­re? Alles, sagt zumin­dest Kurt Tucholsky.

Aber Tuchol­sky hat sein Zitat 1932 ergänzt und gesagt: »Sati­re hat eine Gren­ze nach oben: Bud­dha ent­zieht sich ihr. Sati­re hat auch eine Gren­ze nach unten. In Deutsch­land etwa der herr­schen­den faschis­ti­schen Mäch­te. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schie­ßen.«[3]

Auf­fäl­lig – auch hier bleibt es iro­nisch, macht deut­lich, dass der Faschis­mus ein Niveau hat, dem man sati­risch nicht mehr begeg­nen kann. Also nicht nur Ort, Zeit, Situa­ti­on, son­dern auch alles eine Fra­ge des Niveaus?

Essay

»Postfaktisch« – Rhetorik und Ästhetik des Wahlkampfs

Zum Design der Politik: Grundlagen und Details

Laut dem deut­schen Phi­lo­so­phen Georg Wil­helm Fried­rich Hegel erfasst Phi­lo­so­phie ihre Zeit in Gedan­ken[1], und gemeint ist damit das »Wis­sen des Sub­stan­ti­el­len ihrer Zeit«[2] Hegels Ansprü­chen wird das Fol­gen­de sicher nicht gerecht, ich wer­de nicht mehr als eine knap­pe Zeit­dia­gno­se abzu­ge­ben versuchen.

1 Über Fak­ten und Wahrheit

Zum Ein­stieg in die­se Zeit­dia­gno­se betrach­te­te ich in einem mit »›Post­fak­tisch‹ – Rhe­to­rik und Ästhe­tik des Wahl­kampfs« über­schrie­be­nen Vor­trag bei einer Tagung in Ingel­heim über »Design der Poli­tik – Poli­tik des Designs« gemein­sam mit dem Publi­kum eine Mel­dung, die in einer Zei­tung zu lesen war:

Spra­che
»Post­fak­tisch« ist Wort des Jahres
Die Oxford Dic­tio­n­a­ries haben das Wort »post-truth« (post­fak­tisch) zum inter­na­tio­na­len Wort des Jah­res 2016 gewählt. Das teil­te der Ver­lag am Mitt­woch auf sei­ner Web­sei­te mit.
Das Adjek­tiv beschrei­be Umstän­de, in denen die öffent­li­che Mei­nung weni­ger durch objek­ti­ve Tat­sa­chen als durch das Her­vor­ru­fen von Gefüh­len und per­sön­li­chen Über­zeu­gun­gen beein­flusst wer­de, heißt es in einem Aus­zug aus dem Wör­ter­buch. »Ange­trie­ben von dem Auf­stieg der Sozia­len Medi­en als Nach­rich­ten­quel­le und einem wach­sen­den Miss­trau­en gegen­über Fak­ten, die vom Estab­lish­ment ange­bo­ten wer­den«, habe das Kon­zept des Post­fak­ti­schen seit eini­ger Zeit an Boden gewon­nen, sag­te Oxford-Dic­tio­n­a­ries-Chef Cas­per Grathwohl.
Unter­su­chun­gen hät­ten erge­ben, dass sich der Gebrauch des Wor­tes »post­fak­tisch« im Jahr 2016 im Ver­gleich zum Jahr davor dras­tisch erhöht habe, hieß es wei­ter. Vor allem im Zusam­men­hang mit dem Refe­ren­dum über einen Aus­tritt Groß­bri­tan­ni­ens aus der EU und den Prä­si­dent­schafts­wah­len in den USA habe der Begriff einen Höhe­punkt erlebt.
Oxford Dic­tio­n­a­ries ist in sei­ner Bedeu­tung für die eng­li­sche Spra­che ver­gleich­bar mit dem Duden.

Was konn­ten die Hörer des Vor­tra­ges nach dem Anhö­ren die­ser Mel­dung sagen? Das eine ist, dass sie die Inhal­te, zumin­dest zum Teil, wie­der­ge­ben konn­ten, die sie gera­de gehört hat­ten. Sie konn­ten aber mehr sagen: In der Fri­dt­jof-Nan­sen-Aka­de­mie für poli­ti­sche Bil­dung im Wei­ter­bil­dungs­zen­trum in Ingel­heim stand ein Refe­rent namens Vol­ker Fried­rich, sei­nes Zei­chens Pro­fes­sor für Schrei­ben und Rhe­to­rik – so wur­de er zumin­dest vor­ge­stellt, man müss­te die­se Anga­ben prü­fen –, der behaup­te­te, dass in einer Zei­tung eine Mel­dung gestan­den habe, die er gera­de zu Gehör gebracht hat­te. Ist dem so, stand in einer Zei­tung tat­säch­lich die­se Mel­dung? Konn­ten die Vor­trags­hö­rer das sicher wis­sen? Der Refe­rent stell­te ja eine Tat­sa­chen­be­haup­tung auf: In einer Zei­tung habe eine Mel­dung gestan­den … Viel­leicht hat der Mann das ein­fach erfun­den? Bei der gerin­gen Prä­zi­si­on, die der Refe­rent bei sei­nen Behaup­tun­gen gebo­ten hat­te, war das sehr schwer nach­zu­prü­fen. Mit­tels heu­ti­ger Medi­en lässt sich das zwar etwas leich­ter nach­prü­fen als frü­her, aber so ganz ohne wäre eine Nach­prü­fung in die­sem Fal­le nicht.

Was hät­te der Refe­rent also tun müs­sen, um den Hörern die­se Nach­prü­fung zu erleich­tern? Er konn­te zum Bei­spiel mit­tei­len: »Die­se Mel­dung war am 17. Novem­ber 2016 zu lesen.« Damit bekä­men die Hörer eine wei­te­re Tat­sa­chen­be­haup­tung, mit der sie schon etwas mehr nach­prü­fen könn­ten. Sie hät­ten viel­leicht noch mehr damit anfan­gen kön­nen, wenn der Refe­rent gesagt hät­te, die­se Mel­dung habe in der »Stutt­gar­ter Zei­tung« vom 17.11.2016 stan­den. Viel­leicht wür­de er noch genau­er und wür­de sagen, die Mel­dung habe in der »Stutt­gar­ter Zei­tung« vom 17.11.2016 gestan­den und zwar auf der Sei­te 31. Viel­leicht sag­te er noch mehr und sag­te es noch genau­er, näm­lich die Mel­dung habe in der »Stutt­gar­ter Zei­tung« vom 17.11.2016 gestan­den, im Kul­tur­teil, auf der Sei­te 31, und zwar in der rech­ten Spal­te, die zwei­te Mel­dung von oben sei es gewesen.

Der Refe­rent sag­te das tat­säch­lich, und nun hat­ten sei­ne Zuhö­rer eine sehr prä­zi­se Anga­be, die sie rela­tiv leicht prü­fen könn­ten, sie hät­ten sich nur die »Stutt­gar­ter Zei­tung« von jenem Tag besor­gen müs­sen. Mit­tels elek­tro­ni­scher Medi­en wäre wohl auch recher­chier­bar, ob die »Stutt­gar­ter Zei­tung« tat­säch­lich solch eine Mel­dung ver­öf­fent­licht hat – die genaue Posi­ti­on der Mel­dung in der Druck­aus­ga­be aber eher nicht.

Viel­leicht sag­te der Refe­rent auch noch, dass es eine Mel­dung der »Deut­schen Pres­se­agen­tur« (dpa) war. In dem Fall könn­ten sei­ne Zuhö­rer auch bei der »Deut­schen Pres­se­agen­tur« nach­zu­prü­fen ver­su­chen, ob das stim­me, ob der Refe­rent die Wahr­heit gesagt habe und etwas behaup­te, das den Tat­sa­chen ent­spricht – oder eben nicht. All das lie­ße sich mit die­sen genaue­ren Anga­ben überprüfen.

»Fried­rich hat nicht gelo­gen, das stimmt, was er sagt, das haben wir über­prüft, er sagt die Wahr­heit« – soll­te das Vor­trags­pu­bli­kum zu die­sem Schluss gekom­men sein, dann hat es ein Kon­zept von Wahr­heit akzep­tiert, das für die Dis­kus­si­on über das »Post­fak­ti­sche« wich­tig ist. War­um das für die­se Dis­kus­si­on wich­tig ist, wird spä­ter noch mit­tels eini­ger phi­lo­so­phi­scher Über­le­gun­gen erläutert.

Buchbesprechung

»An etwas Bedeutungsvolles anknüpfen«

Monika Heimann und Michael Schütz über Designwirkungen

Was für eine Fleiß­ar­beit. 600 Sei­ten umfasst die­ses Kom­pen­di­um zur Wir­kung von Gestal­tung, und es gibt eigent­lich kei­nen Aspekt, den die bei­den Autoren dar­in nicht anspre­chen wür­den. Wahr­neh­mungs­theo­rien, Farb­wir­kung, For­men­wir­kung, Bild­auf­tei­lung, Stil­kun­de, nein, man kann nicht alles auf­zäh­len, was die­ses Buch ent­hält, ohne eine Bespre­chung zur rei­nen Auf­zäh­lung wer­den zu las­sen. Kei­ne Fra­ge, Moni­ka Heimann und Micha­el Schütz waren unge­heu­er flei­ßig, und auch der Leser muss ein biss­chen flei­ßig sein, wenn er etwas von ihrer Arbeit haben möch­te. Denn »Wie Design wirkt« ist weni­ger Gute­nacht­lek­tü­re als eine zwi­schen zwei Buch­de­ckeln gepress­te Ein­füh­rungs­ver­an­stal­tung in die Wir­kungs­me­cha­nis­men visu­el­ler Phä­no­me­ne. Und genau so soll­te man vor­ge­hen: ein Semes­ter lang jede Woche drei Stun­den lesen und die ent­spre­chen­den Übun­gen machen.

Damit ist auch gleich vor­ge­zeich­net, wem man die­ses Buch emp­feh­len wür­de: jun­gen Gestal­tern näm­lich, die ihre Hand­schrift suchen und ein Regel­werk schät­zen, dass sie nicht im gestal­te­risch Unge­fäh­ren lässt, son­dern in dem man gege­be­nen­falls auch noch­mal nach­schla­gen kann, wie das eigent­lich funk­tio­niert mit der Wir­kung ganz kon­kre­ter For­men. Denn den bei­den Autoren ist weni­ger an einer wis­sen­schaft­li­chen Unter­su­chung psy­cho­lo­gi­scher Abläu­fe gele­gen als an einer mög­lichst umfas­sen­den Hil­fe­stel­lung für Krea­ti­ve. Das beinhal­tet auch man­che bana­le Infor­ma­ti­on nach dem Mot­to: run­de For­men wir­ken wei­cher als Ecki­ge, Rot steht für Lei­den­schaft, und eine Dia­go­na­le im Bild erzeugt Span­nung. Wer sich in die­sen Fel­dern bereits ein biss­chen aus­kennt, der wird vie­le Sei­ten über­blät­tern müs­sen – um dann aber immer noch viel Inter­es­san­tes zu fin­den. Denn das Spek­trum des Ban­des »Wie Design wirkt« reicht von der mensch­li­chen Wahr­neh­mung bis zu Aus­flü­gen in die Kunst­ge­schich­te, von der Gestalt­psy­cho­lo­gie bis zum Design Thinking.

Ver­bin­den­de Klam­mer ist der Rezi­pi­ent, der Kun­de, die Ziel­per­son oder wie auch immer man es nen­nen möch­te. »Wir­kung ist, wenn ein Design Asso­zia­tio­nen beim Betrach­ter aus­löst, die an etwas für ihn Bedeu­tungs­vol­les anknüp­fen.« Die­ser Merk­satz taucht gleich mehr­fach auf (S. 51.; S. 567). Dass zusätz­lich zwi­schen den Begrif­fen »Auf­merk­sam­keit« und »Wir­kung« sau­ber unter­schie­den wird, macht die Arbeit der Autoren sehr sym­pa­thisch. Denn soviel Kri­tik muss die Wer­be­welt aus­hal­ten kön­nen: Auf­merk­sam­keit und Klicks allei­ne rei­chen nicht, um etwas zu errei­chen – und oft genug ist die wir­kungs­volls­te Kam­pa­gne nicht die­je­ni­ge, die gestal­te­risch am anspruchs­volls­ten daherkommt.

Dass das Autoren­duo die­se Span­nung benennt, reflek­tiert und zu erklä­ren ver­sucht, ist – abge­se­hen von der unge­heu­ren Sorg­falt, auch ja kei­nen Wir­kungs­aspekt am Weges­rand lie­gen zu las­sen – eine der gro­ßen Stär­ken des Buches. Letzt­lich folgt es einem der beschrie­be­nen Leit­sät­ze aus der Gestalt­psy­cho­lo­gie: »Das Gan­ze ist mehr als die Sum­me sei­ner Tei­le.« Denn wirk­lich gutes Design, so die Autoren, sei eben nicht aus dem Wir­kungs­bau­kas­ten zu haben. Aus­schlag­ge­ben­der Fak­tor sei letzt­lich immer der Desi­gner selbst als »Wir­kungs­ma­cher«.

Mythen des Alltags

Das Fitnessstudio

Glücklichsein im Abo

Tre­ten Sie ein und machen Sie etwas aus sich! Die mit Leder­ses­seln ein­ge­rich­te­te Sky-Bun­de­li­ga-Ecke ziert den Ein­gangs­be­reich eben­so wie das gebleach­te Lächeln des son­nen­ge­bräun­ten Per­so­nals. Nur dem­je­ni­gen, der sei­ne Mem­ber­ship Card dabei hat, wird Ein­tritt gewährt. Er begibt sich in fach­män­ni­sche Hän­de. Um den Kopf nach der stres­si­gen Arbeit im Office frei zu bekom­men, lässt er sich nun als Aus­gleich zur kör­per­li­chen Akti­vi­tät dril­len. Stress­ab­bau bis der Schweiß tropft.

Das Hand­tuch aus der Flat­rate mit­neh­men, ein ioni­sier­tes Sport­ge­tränk holen, Umklei­de- und Well­ness­be­reich pas­sie­ren. Neben der Vor­mit­tags­zeit, die haupt­säch­lich von Senio­ren, Stu­den­ten oder Mut­tis über­nom­men wird, ist die After-Work-Pha­se belieb­te Trai­nings­zeit der Sport-Oase. Voll besetz­te Gerä­te: Spin­ning­rä­der sur­ren, Gewich­te knal­len, Füße don­nern auf Lauf­bän­dern. Vie­le feuch­te Hän­de grei­fen mit der Han­tel nach ihrem Ide­al und nach dem, was das Pro­be-Abo oder die gol­de­ne Mit­glied­schaft ver­spre­chen. Fit und gesund sein, das sind nicht nur die Gym-Tugen­den der heu­ti­gen Zeit. Auch Aris­to­te­les hat sich in sei­nem Werk die »Niko­ma­chi­sche Ethik« [1] mit der Fra­ge nach der best­mög­li­chen indi­vi­du­el­len und kol­lek­ti­ven Lebens­füh­rung aus­ein­an­der­ge­setzt. Das schloss schon damals das kör­per­li­che und das geis­ti­ge Wohl­be­fin­den durch sport­li­che Akti­vi­tät ein. Das wur­de wie­der­ent­deckt und wei­ter­ge­tra­gen von den Phi­lo­so­phen der Renais­sance durch den »uomo uni­ver­sa­le« [2], der das Ide­al­bild des dama­li­gen Men­schen ver­kör­per­te, bis hin zu den Stu­di­en des 19. Jahrhunderts.

Gym­nas­tik wur­de zu der Zeit für medi­zi­ni­sche und erzie­he­ri­sche Zwe­cke genutzt, aber auch zur Stär­kung des Ver­tei­di­gungs­po­ten­zi­als prak­ti­ziert. Die sport­li­che Bewe­gung wan­del­te sich bald zu einem mili­tä­ri­schen Wett­be­werb. Das alles mün­det in die heu­ti­ge Zeit, in der die Gesund­heits- und Fit­ness­re­vo­lu­ti­on ihren bis­he­ri­gen Höhe­punkt nimmt. Ange­mes­se­ne Ernäh­rung, Sport und Balan­ce sind die Grund­la­ge eines gesun­den Lebens – pre­digt jeden­falls die Gesundheitsindustrie.

Das all­seits belieb­te Fit­ness­cen­ter ist heu­te der fleisch­ge­wor­de­ne Traum aller Eiweiß­prin­zes­sin­nen und Mus­kel­prot­ze, der Traum mani­fes­tiert sich in einem acht­wö­chi­gen Trai­nings­plan. Aus­ge­rüs­tet mit dyna­mi­scher Acti­ve­wear in knal­li­gen Neon­far­ben wird der hoch­in­di­vi­dua­li­sier­te Trai­nings­plan Sta­ti­on für Sta­ti­on und Gerät für Gerät abge­ar­bei­tet. Mehr Gewicht, mehr Wie­der­ho­lun­gen. Zwi­schen den Sät­zen setzt man sich zuein­an­der und pflegt das Netz­werk. Denn der sozia­le Aus­tausch, das Kom­mu­ni­zie­ren mit Gleich­ge­sinn­ten und auch das Posie­ren vor Publi­kum, ist neben der sport­li­chen Akti­vi­tät ein wei­te­rer Nut­zen der Kör­per­form­fa­brik. Aus­dau­er- und Kraft­trai­ning sind Vor­wand und auch Mit­tel zum Zweck. Vor­der­grün­dig mögen die abge­bau­ten Kalo­rien und die auf­ge­bau­te Mus­kel­mas­se zäh­len. Dahin­ter steckt das Rundum­pa­ket des ver­meint­lich glück­li­chen Lebens.

Denn das Mit­glied braucht den Zau­ber der ange­lei­te­ten Stoff­wech­sel­ku­ren, um sich auf der siche­ren Sei­te zu wäh­nen. Ana­mne­se mit Body­m­es­sun­gen, Kör­per­fett­ana­ly­se, Car­di­os­can. Mit die­sem umfang­rei­chen Ange­bot gelangt der Nut­zer zu sei­nem Traum­kör­per sowie zu mehr Ener­gie, Lebens­freu­de, Wohl­be­fin­den und natür­lich zu einem gestärk­ten Immun­sys­tem. Und wäh­rend im Hin­ter­grund das Geschnau­fe und Gestöh­ne aus der Eisen­höl­le vor­dringt, kann er sich selbst im raum­um­fas­sen­den Wand­spie­gel begut­ach­ten und mehr oder min­der heim­lich schon mal den Umfang des Bizeps oder des Qua­dri­zeps überprüfen.

Vier­zehn, fünf­zehn, drit­ter Satz und Rota­ti­on been­det. Zum Aus­klang das Kurs­an­ge­bot im Stu­dio prü­fen. Da ist mit 100 Akti­vi­tä­ten in der Woche für jedes noch so indi­vi­du­el­le Bedürf­nis das Rich­ti­ge dabei. Hot Yoga, Best Age, Body Com­bat, Deep­work oder Dance Work­out, auto­ge­nes Trai­ning, Fatb­ur­ner und Taba­ta. An für sich egal – denn wenn man doch nicht genau weiß, was sich im Ein­zel­nen hin­ter die­sen anre­gen­den Wort­schöp­fun­gen ver­birgt, so ist ganz bestimmt klar: Die­se Kur­se wer­den den Teil­neh­mer moti­vie­ren, her­aus­for­dern und quä­len und sei­nen Kör­per dadurch form-ästhe­tisch voll­enden. Dar­auf kommt es schließ­lich an.

Frei­ge­setz­te Glücks­hor­mo­ne und Mus­kel­schmerz sind die Beloh­nung eines Trai­nings. Die kos­tet der Sport­be­geis­ter­te zusam­men mit dem Fair-Trade-Kaf­fee, dem Vanil­le-Chi­a­sa­men-Goji­bee­ren-Vital-Pro­te­in­shake oder dem Basen-Flamm­ku­chen voll­ends aus. Dem Traum­kör­per wie­der ein Stück näher, ver­lässt er dann die Mucki­bu­de, wirft die schweiß­ge­tränk­ten Hand­tü­cher zurück in das Sam­mel­be­hält­nis und macht sich davon.

Buchbesprechung

»Die Botschaft ist das, was beim Adressaten ankommt«

Frank Wagner über die Wirkung und den Wert von Design

»Sehen Sie sich um. Sie wer­den fest­stel­len – außer Sie befin­den sich gera­de in der Natur –, Sie bli­cken in eine durch und durch gestal­te­te Welt« (S. 6). Sei es der Stuhl auf man sitzt oder der Rech­ner auf dem Schreib­tisch – wir sind umge­ben von Pro­duk­ten, die uns einer­seits einen emo­tio­na­len oder funk­tio­na­len Nut­zen ver­schaf­fen und uns ande­rer­seits bewusst oder unbe­wusst beein­flus­sen. In »The Value of Design« for­dert Frank Wag­ner, dass Desi­gner sich die­ses Wir­kungs­zu­sam­men­han­ges sowie der dar­aus fol­gen­den Kon­se­quen­zen bewusst wer­den und ver­ant­wor­tungs­voll han­deln. Dabei beschäf­tigt er sich mit nichts Gerin­ge­rem als der Auf­ga­be des Desi­gners in Gegen­wart und Zukunft.

Das Kom­pen­di­um, erschie­nen 2015 im Her­mann Schmidt Ver­lag, wid­met sich den Ver­än­de­run­gen, der sich Gesell­schaft und Desi­gner stel­len müs­sen. Frank Wag­ner ist geschäfts­füh­ren­der Inha­ber von »hwde­sign«, einer renom­mier­ten und inter­na­tio­nal viel­fach aus­ge­zeich­ne­ten Mar­ken- und Design­agen­tur in Mün­chen und beschäf­tigt sich seit mehr als 25 Jah­ren mit Design. »The Value of Design« soll in fünf Kapi­teln zei­gen, wie wert­voll Design für eine sich im Wan­del befind­li­che Gesell­schaft sein kann. Dabei streift das Werk über ein wei­tes Feld unter­schied­lichs­ter Aspek­te und greift phi­lo­so­phi­sche The­men der Ethik und Ästhe­tik auf. Begin­nend mit einer geschicht­li­chen Ein­ord­nung führt Wag­ner den Leser an die Ent­ste­hung und Funk­ti­on von Design heran.

Im ers­ten Kapi­tel wid­met sich Wag­ner der noch rela­tiv jun­gen Dis­zi­plin »Design« im Kon­text ihrer Funk­ti­on. Zu Beginn der Design-Ent­wick­lung war vor allem die Not­wen­dig­keit einer Funk­ti­on bestim­mend für die Form. Heu­te dik­tie­ren die Her­stel­lungs­mög­lich­kei­ten maß­geb­lich die­se Form­ge­bung. Sei­ne The­se: »Auch wenn Design nicht nur Form­ge­bung ist, so ist Form­ge­bung immer Design« (S. 17). Wag­ner sieht dabei Desi­gner nicht als Urhe­ber, son­dern als Über­set­zer von Ver­än­de­run­gen. Der Autor erhebt jedoch den Vor­wurf, dass mit Design in der heu­ti­gen Zeit alles bezeich­net wird, was eine ästhe­ti­sche Auf­wer­tung zum Ziel hat.

Anschlie­ßend geht Wag­ner im zwei­ten und aus­führ­lichs­ten Kapi­tel »Die Syn­tax des Designs« auf die Wir­kungs­zu­sam­men­hän­ge und die Grund­la­gen der Ästhe­tik ein. Mit knap­pen phi­lo­so­phi­schen Bezü­gen zu Kant und kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­re­ti­schen Grund­la­gen von Paul Watz­la­wik hebt er die Bedeu­tung von Design als Trans­mit­ter her­vor. Der Desi­gner »macht die Bot­schaf­ten durch Design zugäng­lich« (S. 87), redu­ziert dabei die Inhal­te auf das Wesent­li­che und gibt ihnen eine wahr­nehm­ba­re Form. Aus die­ser Prio­ri­sie­rung von Inhal­ten resul­tiert für den Autor eine Mit­ver­ant­wor­tung, die jeder ein­zel­ner Desi­gner zu tra­gen hat.

Nach­fol­gend befasst sich Wag­ner mit den krea­tiv kogni­ti­ven Fähig­kei­ten von Desi­gnern, ver­schie­de­nen krea­ti­ven Pro­zes­sen sowie dem Stre­ben von Design nach einem Ide­al. Er setzt sich kri­tisch mit der Design­leh­re aus­ein­an­der und bringt dem Leser Ver­mitt­lungs­me­tho­den von bekann­ten Denk­mus­tern, wie z. B. Design Thin­king, nahe. Wag­ner the­ma­ti­siert und hin­ter­fragt nicht nur Wert­vor­stel­lun­gen von Design und Desi­gnern, er plä­diert für ein über­grei­fen­des, gesell­schaft­li­ches Ide­al als Anspruch in einer Gestaltungsaufgabe.

Mit einer Beschrei­bung von ver­schie­de­nen Her­aus­for­de­run­gen, mit denen Design und eine Ethik des Design kon­fron­tiert ist, ver­sucht Wag­ner im Kapi­tel »Die Ethik des Designs« dem Leser die Not­wen­dig­keit eines erwei­ter­ten Wer­te­ka­nons zu ver­mit­teln. Er ist davon über­zeugt, dass Design in der Gestal­tung unse­rer Lebens­welt eine maß­geb­li­che Rol­le spielt, doch damit »Design als ver­ant­wor­tungs­vol­ler Gestal­ter unse­rer Lebens­welt akzep­tiert wer­den« kann, »braucht es ein all­ge­mein akzep­tier­tes Ide­al, nach­dem es strebt« (S. 139). Der Autor stellt dem Leser einen Kanon ethi­scher Kri­te­ri­en vor – der »Codex Design« –, in dem sich unter­schied­li­che gesell­schaft­li­che Bedürf­nis­se wiederfinden.

Das Buch rich­tet sich vor­nehm­lich an Desi­gner und Design­stu­den­ten, die sich abseits von klas­si­scher Fach­li­te­ra­tur mit den all­täg­li­chen und zukünf­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen von Design aus­ein­an­der­set­zen möch­ten. Dank ein­fa­cher Satz­kon­struk­tio­nen und dem Ver­zicht auf über­trie­ben aka­de­mi­sche Spra­che ist der Band ange­nehm zu lesen. Die Kapi­tel sind stets ähn­lich auf­ge­baut und beinhal­ten eine Art Maxi­me zu Beginn. Essen­zi­el­le Fra­gen rund um die Aspek­te des Designs bil­den häu­fig den Abschluss eines Textes.

Frank Wag­ner schreibt nicht nur über die Wir­kungs­zu­sam­men­hän­ge und den Wert von Design, er räumt mit gän­gi­gen Vor­ur­tei­len auf und geht dabei mit den Desi­gnern selbst ins Gericht. Er scheut sich dabei nicht, die nega­ti­ven Aspek­te von Design anzu­spre­chen, und möch­te eine kri­ti­sche Dis­kus­si­ons­kul­tur anre­gen. Sei­ne Aus­füh­run­gen wer­den stets von gro­ßen Fra­gen beglei­tet, auf die der Autor jedoch meist kei­ne kon­kre­te Ant­wort hat. Zuwei­len scheint das lei­den­schaft­li­che Plä­doy­er für ein neu­es Selbst­ver­ständ­nis des Desi­gners in eine per­sön­li­che Revi­si­on abzu­glei­ten. Den­noch ist das Buch inter­es­sant sowie lehr­reich und lädt den Leser zu einer Refle­xi­on über die eige­ne Desi­gner­tä­tig­keit ein. »Die Bot­schaft ist das, was beim Adres­sa­ten ankommt« (S. 91), und nach dem Lesen die­ses Buches bleibt fol­gen­de Erkennt­nis: Unter Vor­aus­set­zung eines neu­en Selbst­ver­ständ­nis der Desi­gner wird Design ein wich­ti­ger Bestand­teil unse­rer Gesell­schaft bleiben.

Illustration

Mehr als »Vater und Sohn«

Die Werkausgabe zeigt einen großen Künstler

  • Ohser-Werkausgabe: Witzbild – Karamboulage
© Erich Ohser – e.o.plauen Stiftung.
    Ohser-Werk­aus­ga­be: Witz­bild – Karam­bou­la­ge © Erich Ohser – e.o.plauen Stiftung.
  • Ohser-Werkausgabe: Weiblicher Akt.
© Erich Ohser – e.o.plauen Stiftung.
    Ohser-Werk­aus­ga­be: Weib­li­cher Akt. © Erich Ohser – e.o.plauen Stiftung.
  • Ohser-Werkausgabe: Pariser Kaffeehausszene
© Erich Ohser – e.o.plauen Stiftung.
    Ohser-Werk­aus­ga­be: Pari­ser Kaf­fee­haus­sze­ne © Erich Ohser – e.o.plauen Stiftung.
  • Vater und Sohn: Das größte Abenteuer.
    Vater und Sohn: Das größ­te Abenteuer.
  • Ohser-Werkausgabe: Der Zeichenkünstler
Foto: © e.o.plauen-Gesellschaft e.V.
    Ohser-Werk­aus­ga­be: Der Zei­chen­künst­ler Foto: © e.o.plauen-Gesellschaft e.V.

Eine groß­for­ma­ti­ge Werk­aus­ga­be zeigt, wie umfang­reich und viel­sei­tig das Schaf­fen des Zeich­ners, Illus­tra­tors und Kari­ka­tu­ris­ten Erich Ohser war.
 
 

Essay

Über Arbeit und die Diskriminierung Arbeitsloser

Eine alltagsästhetische Betrachtung

Was zei­gen wir, wenn wir von Arbeit reden? Wen zei­gen wir, wenn wir von Arbeits­lo­sig­keit reden? Im Sin­ne der Rhe­to­rik gefragt: Wie wird der Logos der Not­wen­dig­keit (des Arbei­tens) mora­lisch-emo­tio­nal gestützt?

Bei­de – Rhe­to­rik und All­tags­äs­the­tik – haben es mit einem ganz spe­zi­fi­schen Ver­ständ­nis von Not­wen­dig­keit zu tun. Im Fal­le der All­tags­äs­the­tik rührt die­ses Ver­ständ­nis von Not­wen­dig­keit aus dem Bezug zum all­täg­li­chen Dasein selbst. Der All­tag ist fest mit Nor­ma­ti­vi­tät ver­bun­den, mit den Vor­stel­lun­gen von dem, was die Norm ist oder sein soll. Die­se Nor­ma­ti­vi­tät des All­tags rührt in wei­ten Tei­len von der Not­wen­dig­keit des All­täg­li­chen her, denn zunächst kon­fron­tiert uns das Leben selbst mit den Not­wen­dig­kei­ten des Lebens­er­halts. Der Kreis­lauf des Lebens, das Beschaf­fen von Nah­rung, die Ein­ver­lei­bung und die neu­er­li­che Beschaf­fung, aber eben­so die Kon­sum­ti­on von Klei­dung, Wohn­raum und vie­lem mehr, hat einen zwin­gen­den Cha­rak­ter. Han­nah Are­ndt ord­net die­sen Tat­be­stand in den Lebens­zu­sam­men­hang der Natur, wenn sie schreibt: »Das Leben ist ein Vor­gang, der über­all das Bestän­di­ge auf­braucht, es abträgt und ver­schwin­den lässt, bis schließ­lich tote Mate­rie, das Abfall­pro­dukt ver­ein­zel­ter, klei­ner, krei­sen­der Lebens­pro­zes­se, zurück­fin­det in den alles umfas­sen­den unge­heu­ren Kreis­lauf der Natur selbst, die Anfang und Ende nicht kennt und in der alle natür­li­chen Din­ge schwin­gen in unwan­del­ba­rer, tot­lo­ser Wie­der­kehr.«[1] »Leben« ist in die­ser Wei­se nicht als das In-der-Welt-Sein des Sub­jek­tes ver­stan­den, son­dern als die all­ge­mei­ne Kate­go­rie natür­li­cher Pro­zes­se und kennt als sol­ches weder Tod noch Geburt, weder Sinn noch Frei­heit. Mensch­li­che Tätig­kei­ten, so Are­ndt, ent­sprin­gen der Not­wen­dig­keit, die­sen natür­li­chen Pro­zes­sen zu wider­ste­hen, und sind doch selbst in den Kreis­lauf der Natur gebun­den.[2] Das all­täg­li­che Dasein, das auch für ande­re Theo­re­ti­ker des All­tags wie Mar­tin Heid­eg­ger[3] und Agnes Hel­ler [4] durch die Sor­ge gekenn­zeich­net ist, durch das Besor­gen, wie durch die Für­sor­ge, erscheint bei Are­ndt durch die natür­lichs­ten Tätig­kei­ten des Men­schen am deut­lichs­ten: Dem Arbei­ten und Kon­su­mie­ren. Was die­se so »natür­lich« macht, ist gera­de ihr zwin­gen­der Cha­rak­ter und die end­lo­se Wie­der­ho­lung, in der sie das arbei­tend Her­vor­ge­brach­te nahe­zu umge­hend kon­su­mie­rend ver­brau­chen müs­sen. Ich zitie­re eine län­ge­re Pas­sa­ge aus der Vita Acti­va, weil Are­ndt hier­in auch zu einer Poin­te fin­det, die tref­fend das Grund­pro­blem vor Augen stellt:

»Nicht nur die Erhal­tung des Kör­pers, son­dern auch die Erhal­tung der Welt erfor­dert die mühe­vol­le, ein­tö­ni­ge Ver­rich­tung täg­lich sich wie­der­ho­len­der Arbei­ten. Obwohl die­ser Arbeits­kampf […] viel­leicht noch ›unpro­duk­ti­ver‹ ist als der ein­fa­che Stoff­wech­sel des Men­schen mit der Natur [den Marx als Arbeit bezeich­net], steht er doch in einem erheb­lich enge­ren Bezug zu der Welt, deren Bestand er gegen die Natur ver­tei­digt. Von ihm hören wir oft in Sagen und Mythen als wun­der­ba­ren hel­den­haf­ten Taten, wie etwa in den Geschich­ten von Her­ku­les, zu des­sen zwölf ›Arbei­ten‹ bekannt­lich auch die Rei­ni­gung des Augi­as­stalls gehör­te. […] Von sol­chen Hel­den­ta­ten ist aller­dings fak­tisch in dem täg­li­chen Klein­kampf, den der mensch­li­che Kör­per um die Erhal­tung und Rein­hal­tung der Welt zu füh­ren hat, wenig zu spü­ren; die Aus­dau­er, deren es bedarf, um jeden Tag von neu­em auf­zu­räu­men, was der gest­ri­ge Tag in Unord­nung gebracht hat, ist nicht Mut, und es ist nicht Gefahr, was die­se Anstren­gung so mühe­voll macht, son­dern ihre end­lo­se Wie­der­ho­lung. Die ›Arbei­ten‹ des Her­ku­les haben mit allen Hel­den­ta­ten gemein, dass sie ein­ma­lig sind; lei­der hat nur der Augi­as­stall die wun­der­ba­re Eigen­schaft, sau­ber zu blei­ben, wenn er ein­mal gesäu­bert ist.«[5]

Eben in die­sem Sin­ne wirkt auch die Heroi­sie­rung der Arbeit auf dem Pla­kat der Neu­en West­fä­li­schen, die hier­mit Zei­tungs­zu­stel­ler sucht, wie eine bis­si­ge Sati­re (Abb. 1).

Abb. 1: Helden der Arbeit im Niedriglohnsektor, Foto: Pierre Smolarski, 12.1.2017 in Bielefeld

Abb. 1: Hel­den der Arbeit im Nied­rig­lohn­sek­tor, Foto: Pierre Smo­lar­ski, 12.1.2017 in Bielefeld

Hördatei

»Das kann ich mit der Kamera genauso gut andeuten«

Huan Vu über die Verfilmung von Literatur

Von Philipp Herrmann, Tanja Reiff und Yannik Groß


Will ein Schrift­stel­ler Grau­en aus­lö­sen, muss er die Vor­stel­lungs­kraft des Lesers kit­zeln – aber wie kit­zelt ein Fil­me­ma­cher sei­ne Zuschau­er? Huan Vu weiß, wie sich Hor­ror von einem Medi­um auf das ande­re über­tra­gen lässt: Sein mehr­fach preis­ge­krön­ter Film »Die Far­be« basiert auf der Kurz­ge­schich­te »The Colour out of Space« des stil­prä­gen­den Hor­ror-Schrift­stel­lers H. P. Love­craft – und wird von Kri­ti­kern als eine der bes­ten Love­craft-Ver­fil­mun­gen aller Zei­ten gehandelt. 

Im Inter­view spricht er über Unter­schie­de zwi­schen Buch und Film, die Erwar­tungs­hal­tung der Zuschau­er und wie Far­be zu einem erzäh­le­ri­schen Ele­ment wer­den kann.

 

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