Essay
Das Verhältnis von Politik und Design
Die Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm: 1953—1968
Zuerst ein paar Hinweise zur begrifflichen Klärung. Wir müssen vorsichtig sein mit dem Begriff Design, wenn wir über die HfG Ulm reden. Denn der Designbegriff ist gerade im Deutschen äußerst problematisch. Er hat die Wirkung einer rosafarbenen Wolke: Wir fühlen uns möglicherweise fröhlich und unbeschwert, ein wenig eingelullt, wenn wir von Design reden. Zugleich merken wir nicht, wie wir eingenebelt sind und tatsächlich aneinander vorbeireden. Dem Designbegriff fehlt weitgehend die signifikante Trennschärfe und Klarheit, die wir brauchen, wenn wir uns über Qualitäten sachlich austauschen wollen.
Der moderne Designbegriff wird nach aktuellem Stand erstmals von William Addison Dwiggins im angloamerikanischen Kontext für die Bezeichnung einer beruflichen Tätigkeit verwendet, die genau die Charakteristika vereint, die wir auch heute noch mit Design verbinden: Mit dieser – vermutlich von ihm selbst geschaffenen Bezeichnung des Graphic Designers – will er 1922 seine eigene vielseitige Arbeit bei der Gestaltung von Büchern (z. B. Typographie, Layout, Illustration) auf
einen Begriff bringen.
Der erste schriftliche Beleg für die Verwendung des Wortes »Design« in der deutschen Sprache stammt von Mart Stam: In seiner Antrittsrede als Rektor der Akademie der Künste und der Hochschule für Werkkunst in Dresden im Dezember 1948. Er spricht wörtlich vom »Industrial Designer« als Übersetzung für: »Entwerfer für die Industrie«.
Gestaltung hingegen hat seine Wurzel als programmatischer Reformbegriff. Er befand sich im Mittelpunkt vielfältiger Bemühungen um integrative, ganzheitliche Wahrnehmung (»Gestalttheorie«). Der Untertitel des Dessauer Bauhaus lautete: »Hochschule für Gestaltung.« Der holistische Anspruch, der mit der Rede von Gestaltung zum Ausdruck gebracht werden soll, ist dem Design zu eigen, seit dieses Phänomen der Moderne (nach Luhmann könnte Design auch als Medium bezeichnet werden) in Erscheinung tritt: Es sei nicht nur ein einzelner Aspekt in Form zu bringen, also nur die Karosserie eines Autos oder nur seine Farbe, sondern es seien sämtliche Aspekte in Betracht zu ziehen. Nicht nur die formal-ästhetischen, sinnlich wahrnehmbaren, sondern auch die sozialen, technischen, wirtschaftlichen und kulturellen.
Die Gründer der HfG Ulm haben sich für den Titel entschieden: Hochschule für Gestaltung. Sie haben ihre Institution nicht auf den Namen getauft: Hochschule für Design.
Mit Design ist nun ein spezifischer Bestandteil der Moderne gemeint, der sich durch vier Kennzeichen definieren lässt. Design begegnet uns als Phänomen der Gestaltung im (1) arbeitsteiligen, (2) kommerziellen und (3) industriellen Prozess zur Hervorbringung von (4) Serienprodukten. Durch diese Charakteristika lässt sich das Design insbesondere in seiner Beziehung zur Kunst und zum Handwerk identifizieren.
Essay
Wie kommuniziert Gewalt?
Zur visuellen Rhetorik des Terrorismus
1 Terrorismus als Kommunikation[1]
Das Phänomen des Terrorismus erfährt in den vergangenen Jahren eine neue Aufmerksamkeit. Zuvor unbekannte terroristische Vereinigungen betreten die Weltbühne, begleitet von der Verbreitung ihrer Propaganda und einer globalen Berichterstattung über ihre Taten im Internet – mit dem Ergebnis, dass die Angst vor Terrorismus auch in Kulturräumen zunimmt, die von dieser Gewalt empirisch betrachtet nur marginal bedroht sind, wie etwa in der »westlichen Welt«. Von weltweit 25673 Opfern terroristischer Anschläge 2016 stammen nur 265 aus OSZE-Ländern – hingegen 75 % der Opfer entstammen aktuellen Krisenherden und Bürgerkriegsschauplätzen wie Afghanistan, Nigeria, Syrien, Pakistan und dem Irak.[2] Gleichwohl befinden sich unter den Tätern nicht wenige, die sich »im Westen« radikalisieren – seien es Jihadisten, die in den syrischen Bürgerkrieg ziehen oder gewaltbereite Neonazis, die vor Ort aktiv werden – und gleichwohl leuchtet ein, dass man diese Personen bereits vor Ort durch Gegenmaßnahmen von ihren Taten abhalten will.
Das Gefälle in unserer Gesellschaft zwischen der »gefühlten« und der »empirischen« Gefahr durch Terrorismus macht allerdings auch deutlich, dass es sich beim Terrorismus eben nicht nur um das faktische Phänomen terroristischer Taten handelt. Vielmehr erfüllt eine terroristische Tat zuvorderst eine eigene Kommunikationsfunktion: Der terroristische Anschlag zielt nur in Teilen darauf ab, tatsächlichen Sach- und Personen-Schaden anzurichten – sein Ziel ist es vor allem, Angst zu verbreiten, Mitstreiter zu rekrutieren, Feindbilder zu erzeugen. Terrorismus lässt sich in diesem Sinne also ganz allgemein (auch) als Kommunikationsaktivität verstehen, durch die starke Gefühle geweckt werden: Angst, Begeisterung, Hass, Abscheu, Hochmut etc. Man könnte sagen: Terrorismus trägt mit rhetorischen Mitteln des pathos zur politischen Meinungsbildung bei.
Es leuchtet daher ein, dass Gegenmaßnahmen, die Personen davon abhalten wollen, sich gewaltbereit zu extremisieren oder die bereits gewaltbereite Extremisten zum Ausstieg aufrufen wollen, nicht allein an die Vernunft – den logos – appellieren sollten. Counter-Narratives in den Bereichen Countering und Preventing Violent Extremism (CVE und PVE, so die Fachbegriffe im zeitgenössischen Diskurs), tun also gut daran, die Affekte zu studieren, die den Terrorismus für seine Anhänger so attraktiv machen, wenn sie diese Zielgruppe auch affektiv erreichen wollen. Aber wie »kommuniziert« eine terroristische Tat nun genau? Was zeichnet das Kommunikationsdesign einer terroristischen Gruppe aus, beispielsweise des sogenannten »IS«? Und wie kann man angemessen – um einen weiteren Kernbegriff der Rhetorik zu verwenden – darauf reagieren, ohne auf Gewalt(bilder) mit Gewalt(bildern) zu reagieren?
Die Rhetorik stellt zur Klärung dieser Fragen einen guten Werkzeugkasten zur Verfügung, mit dessen Hilfe sich eine konzeptionelle, modellhafte Makro-Perspektive und eine praktische, analytische Mikro-Perspektive verbinden lassen. Mithilfe des Konzepts der rhetorischen Kommunikation[3] lässt sich theoretisch beschreiben, wie die terroristische Tat als Mittel der Kommunikation instrumentalisiert wird. Und mithilfe der Rhetorischen Designanalyse[4] lassen sich ganz konkret gestaltete Erzeugnisse, wie etwa Websites, Propaganda-Magazine oder Memes, auf ihre Ziele hin untersuchen.
- [1] vgl. hierzu auch die Übersicht in: Weissermel, Philip: Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Ein Vergleich der Roten Armee Fraktion und des Islamischen Staates. Baden-Baden 2017.
- [2] vgl. Institute for Economics & Peace: Sydney Global Terrorism Index 2017. http://economicsandpeace.org/reports/, Stand 23.3.2018.
- [3] vgl Scheuermann, Arne: Zur Theorie des Filmemachens. Flugzeugabstürze, Affekttechniken, Film als rhetorisches Design. München 2008.
- [4] vgl. Scheuermann, Arne: Die rhetorische Designanalyse und Buchanans »Design-Argument« – am Beispiel des Lego Star Wars AT-AT Walker 4483. in: Vidal, Francesca (Hg.): Rhetorik. Ein internationales Jahrbuch. Berlin, Boston 2017. S. 109—127.
Essay
Verletzende Bilder und Worte
Beispiele für diskriminierende Rede im Internet
Selten wird sichtbar, welche Wunden entstehen, wenn Menschen durch Bilder oder Worte verletzt werden, wenn also etwas Wirkung hat wie ein Schlag ins Gesicht. Alicia Sommerfeld, die 2016 in einer hervorragenden Bachelorarbeit untersucht hat, was Verletzung durch Worte meinen kann, hat mich auf den Fotoessay des Fotografen Richard Johnsonin aufmerksam gemacht, der die sprachliche Gewalt mit Hilfe eines besonderen Make-Ups auf Gesichtern zu zeigen versuchte. Frau Sommerfeld gehört zu dem Kreis der Studierenden, mit denen ich das Thema »Verletzende Worte« seit langer Zeit bearbeite, weshalb ich gerne auf Ergebnisse aus Seminaren und von mir betreuten studentischen Arbeiten zurückgreife. Ohne die Arbeit meiner Studierenden wäre mir die Fülle der Thematik nicht so präsent, da wir die Strukturen an vielen Beispielen analysiert haben. Im Folgenden sollen vorrangig die Ergebnisse dieser Analysen vorgestellt werden.
1 Einleitung: Sprache als Waffe – ein legitimes Werkzeug?
Auch wenn die Sprache uns als Mittel der Verständigung dient, kann sie doch auch zu einem Medium der Gewaltausübung werden, denn: »von der indirekten Taktlosigkeit bis zur diskriminierenden hate speech kann Sprache als Gewalt wirken«[1] sagen die Herausgeber eines Bandes über die Grammatik sprachlicher Missachtung. So kann diskriminierende Rede durchaus zu psychischen und physischen Schäden führen. Formen der Kommunikation sind nicht per se ein Mittel der friedlichen Verständigung, auch wenn ein verbaler Schlagaustausch nicht unbedingt sichtbare Wunden hinterlässt. Gerade diese fehlende Sichtbarkeit der Wunden führt zu Versuchen, diese Form der Gewalt mit den Mitteln der Kunst sichtbar zu machen, sei es als Fotoessay oder auch als Kindervers, der uns bildlich vor Augen führt, was gemeint sein könnte: Stock und Stein brechen mein Gebein, doch auch Worte bringen Pein.
Es geht mir im Folgenden ganz explizit um die Gewalt durch Sprache und nicht um die Gewalt der Sprache. Ich stelle nicht in Frage, dass die Sprache schon vor jeglichem Sprechen strukturelle Gewalt ausübt, da sie freilich den Rahmen des möglich Denkbaren setzt. Mir aber geht es um die mit Hilfe der Sprache möglichen verletzenden Akte und zwar bezogen auf Wort und Bild und dies mit einem Schwerpunkt auf unsere heutigen Netzwelten.
Wobei mit Petra Gehring[2] gefragt werden muss, ob Gewalt tatsächlich der passende Ausdruck ist, wir nicht eher sagen müssten, dass Sprache physische Kraft entwickeln kann, die auf unseren Körper wirkt, eben auch verletzend, aber nicht nur. Sprache kann zur Waffe werden, eine, mit der um Überzeugungen gekämpft werden kann, eine, mit der verführt werden kann, die also erotische Wirkung entfaltet, und eine, die beleidigt und damit verletzt. Und gerade diese Kraft, genutzt als rhetorisches Mittel, zeigt, wie sehr sie in Sprache selbst angelegt ist und ihr nicht als etwas Äußerliches zukommt.
Auf rhetorische Mittel wie Ironie, Satire oder auch Polemik wollen wir nicht verzichten, sehen sie als Weg, eine unmittelbare Präsenz erst zu schaffen und Lesende, Hörende und Schauende quasi zu zwingen, eine passive Teilnahmslosigkeit aufzugeben und Stellung zu beziehen. Ob wir von diskriminierender Rhetorik oder gelungener Ironie oder auch personalsatirischer Polemik sprechen – also von uns bewunderten rhetorischen Mitteln –, ist immer abhängig von Ort, Zeit und Situation.
Worte und Bilder auch als Waffe zu benutzen, ist Teil unserer Kultur, und diese Waffe ist eine, die wir im fairen Miteinander durchaus schätzen. Dabei ist uns bewusst, dass satirisch Gemeintes auf den Einzelnen durchaus verletzend wirken kann, denn Satire überschreitet bewusst Grenzen. Was darf Satire? Alles, sagt zumindest Kurt Tucholsky.
Aber Tucholsky hat sein Zitat 1932 ergänzt und gesagt: »Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa der herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen.«[3]
Auffällig – auch hier bleibt es ironisch, macht deutlich, dass der Faschismus ein Niveau hat, dem man satirisch nicht mehr begegnen kann. Also nicht nur Ort, Zeit, Situation, sondern auch alles eine Frage des Niveaus?
- [1] Herrmann, Steffen K.; Krämer, Sybille; Kuch, Hannes (Hg.): Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Missachtung. Bielefeld 2007. S. 7.
- [2] Gehring, Petra: Über die Körperkraft von Sprache. In: Herrmann, Krämer, Kuch (Hg.), a. a. O., S. 211—228.
- [3] Tucholsky, Kurt: Schnipsel. Reinbek bei Hamburg 1973. S. 119.
Essay
»Postfaktisch« – Rhetorik und Ästhetik des Wahlkampfs
Zum Design der Politik: Grundlagen und Details
Laut dem deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel erfasst Philosophie ihre Zeit in Gedanken[1], und gemeint ist damit das »Wissen des Substantiellen ihrer Zeit«[2] Hegels Ansprüchen wird das Folgende sicher nicht gerecht, ich werde nicht mehr als eine knappe Zeitdiagnose abzugeben versuchen.
1 Über Fakten und Wahrheit
Zum Einstieg in diese Zeitdiagnose betrachtete ich in einem mit »›Postfaktisch‹ – Rhetorik und Ästhetik des Wahlkampfs« überschriebenen Vortrag bei einer Tagung in Ingelheim über »Design der Politik – Politik des Designs« gemeinsam mit dem Publikum eine Meldung, die in einer Zeitung zu lesen war:
Sprache
»Postfaktisch« ist Wort des Jahres
Die Oxford Dictionaries haben das Wort »post-truth« (postfaktisch) zum internationalen Wort des Jahres 2016 gewählt. Das teilte der Verlag am Mittwoch auf seiner Webseite mit.
Das Adjektiv beschreibe Umstände, in denen die öffentliche Meinung weniger durch objektive Tatsachen als durch das Hervorrufen von Gefühlen und persönlichen Überzeugungen beeinflusst werde, heißt es in einem Auszug aus dem Wörterbuch. »Angetrieben von dem Aufstieg der Sozialen Medien als Nachrichtenquelle und einem wachsenden Misstrauen gegenüber Fakten, die vom Establishment angeboten werden«, habe das Konzept des Postfaktischen seit einiger Zeit an Boden gewonnen, sagte Oxford-Dictionaries-Chef Casper Grathwohl.
Untersuchungen hätten ergeben, dass sich der Gebrauch des Wortes »postfaktisch« im Jahr 2016 im Vergleich zum Jahr davor drastisch erhöht habe, hieß es weiter. Vor allem im Zusammenhang mit dem Referendum über einen Austritt Großbritanniens aus der EU und den Präsidentschaftswahlen in den USA habe der Begriff einen Höhepunkt erlebt.
Oxford Dictionaries ist in seiner Bedeutung für die englische Sprache vergleichbar mit dem Duden.
Was konnten die Hörer des Vortrages nach dem Anhören dieser Meldung sagen? Das eine ist, dass sie die Inhalte, zumindest zum Teil, wiedergeben konnten, die sie gerade gehört hatten. Sie konnten aber mehr sagen: In der Fridtjof-Nansen-Akademie für politische Bildung im Weiterbildungszentrum in Ingelheim stand ein Referent namens Volker Friedrich, seines Zeichens Professor für Schreiben und Rhetorik – so wurde er zumindest vorgestellt, man müsste diese Angaben prüfen –, der behauptete, dass in einer Zeitung eine Meldung gestanden habe, die er gerade zu Gehör gebracht hatte. Ist dem so, stand in einer Zeitung tatsächlich diese Meldung? Konnten die Vortragshörer das sicher wissen? Der Referent stellte ja eine Tatsachenbehauptung auf: In einer Zeitung habe eine Meldung gestanden … Vielleicht hat der Mann das einfach erfunden? Bei der geringen Präzision, die der Referent bei seinen Behauptungen geboten hatte, war das sehr schwer nachzuprüfen. Mittels heutiger Medien lässt sich das zwar etwas leichter nachprüfen als früher, aber so ganz ohne wäre eine Nachprüfung in diesem Falle nicht.
Was hätte der Referent also tun müssen, um den Hörern diese Nachprüfung zu erleichtern? Er konnte zum Beispiel mitteilen: »Diese Meldung war am 17. November 2016 zu lesen.« Damit bekämen die Hörer eine weitere Tatsachenbehauptung, mit der sie schon etwas mehr nachprüfen könnten. Sie hätten vielleicht noch mehr damit anfangen können, wenn der Referent gesagt hätte, diese Meldung habe in der »Stuttgarter Zeitung« vom 17.11.2016 standen. Vielleicht würde er noch genauer und würde sagen, die Meldung habe in der »Stuttgarter Zeitung« vom 17.11.2016 gestanden und zwar auf der Seite 31. Vielleicht sagte er noch mehr und sagte es noch genauer, nämlich die Meldung habe in der »Stuttgarter Zeitung« vom 17.11.2016 gestanden, im Kulturteil, auf der Seite 31, und zwar in der rechten Spalte, die zweite Meldung von oben sei es gewesen.
Der Referent sagte das tatsächlich, und nun hatten seine Zuhörer eine sehr präzise Angabe, die sie relativ leicht prüfen könnten, sie hätten sich nur die »Stuttgarter Zeitung« von jenem Tag besorgen müssen. Mittels elektronischer Medien wäre wohl auch recherchierbar, ob die »Stuttgarter Zeitung« tatsächlich solch eine Meldung veröffentlicht hat – die genaue Position der Meldung in der Druckausgabe aber eher nicht.
Vielleicht sagte der Referent auch noch, dass es eine Meldung der »Deutschen Presseagentur« (dpa) war. In dem Fall könnten seine Zuhörer auch bei der »Deutschen Presseagentur« nachzuprüfen versuchen, ob das stimme, ob der Referent die Wahrheit gesagt habe und etwas behaupte, das den Tatsachen entspricht – oder eben nicht. All das ließe sich mit diesen genaueren Angaben überprüfen.
»Friedrich hat nicht gelogen, das stimmt, was er sagt, das haben wir überprüft, er sagt die Wahrheit« – sollte das Vortragspublikum zu diesem Schluss gekommen sein, dann hat es ein Konzept von Wahrheit akzeptiert, das für die Diskussion über das »Postfaktische« wichtig ist. Warum das für diese Diskussion wichtig ist, wird später noch mittels einiger philosophischer Überlegungen erläutert.
Buchbesprechung
»An etwas Bedeutungsvolles anknüpfen«
Monika Heimann und Michael Schütz über Designwirkungen
Was für eine Fleißarbeit. 600 Seiten umfasst dieses Kompendium zur Wirkung von Gestaltung, und es gibt eigentlich keinen Aspekt, den die beiden Autoren darin nicht ansprechen würden. Wahrnehmungstheorien, Farbwirkung, Formenwirkung, Bildaufteilung, Stilkunde, nein, man kann nicht alles aufzählen, was dieses Buch enthält, ohne eine Besprechung zur reinen Aufzählung werden zu lassen. Keine Frage, Monika Heimann und Michael Schütz waren ungeheuer fleißig, und auch der Leser muss ein bisschen fleißig sein, wenn er etwas von ihrer Arbeit haben möchte. Denn »Wie Design wirkt« ist weniger Gutenachtlektüre als eine zwischen zwei Buchdeckeln gepresste Einführungsveranstaltung in die Wirkungsmechanismen visueller Phänomene. Und genau so sollte man vorgehen: ein Semester lang jede Woche drei Stunden lesen und die entsprechenden Übungen machen.
Damit ist auch gleich vorgezeichnet, wem man dieses Buch empfehlen würde: jungen Gestaltern nämlich, die ihre Handschrift suchen und ein Regelwerk schätzen, dass sie nicht im gestalterisch Ungefähren lässt, sondern in dem man gegebenenfalls auch nochmal nachschlagen kann, wie das eigentlich funktioniert mit der Wirkung ganz konkreter Formen. Denn den beiden Autoren ist weniger an einer wissenschaftlichen Untersuchung psychologischer Abläufe gelegen als an einer möglichst umfassenden Hilfestellung für Kreative. Das beinhaltet auch manche banale Information nach dem Motto: runde Formen wirken weicher als Eckige, Rot steht für Leidenschaft, und eine Diagonale im Bild erzeugt Spannung. Wer sich in diesen Feldern bereits ein bisschen auskennt, der wird viele Seiten überblättern müssen – um dann aber immer noch viel Interessantes zu finden. Denn das Spektrum des Bandes »Wie Design wirkt« reicht von der menschlichen Wahrnehmung bis zu Ausflügen in die Kunstgeschichte, von der Gestaltpsychologie bis zum Design Thinking.
Verbindende Klammer ist der Rezipient, der Kunde, die Zielperson oder wie auch immer man es nennen möchte. »Wirkung ist, wenn ein Design Assoziationen beim Betrachter auslöst, die an etwas für ihn Bedeutungsvolles anknüpfen.« Dieser Merksatz taucht gleich mehrfach auf (S. 51.; S. 567). Dass zusätzlich zwischen den Begriffen »Aufmerksamkeit« und »Wirkung« sauber unterschieden wird, macht die Arbeit der Autoren sehr sympathisch. Denn soviel Kritik muss die Werbewelt aushalten können: Aufmerksamkeit und Klicks alleine reichen nicht, um etwas zu erreichen – und oft genug ist die wirkungsvollste Kampagne nicht diejenige, die gestalterisch am anspruchsvollsten daherkommt.
Dass das Autorenduo diese Spannung benennt, reflektiert und zu erklären versucht, ist – abgesehen von der ungeheuren Sorgfalt, auch ja keinen Wirkungsaspekt am Wegesrand liegen zu lassen – eine der großen Stärken des Buches. Letztlich folgt es einem der beschriebenen Leitsätze aus der Gestaltpsychologie: »Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.« Denn wirklich gutes Design, so die Autoren, sei eben nicht aus dem Wirkungsbaukasten zu haben. Ausschlaggebender Faktor sei letztlich immer der Designer selbst als »Wirkungsmacher«.
Mythen des Alltags
Das Fitnessstudio
Glücklichsein im Abo
Treten Sie ein und machen Sie etwas aus sich! Die mit Ledersesseln eingerichtete Sky-Bundeliga-Ecke ziert den Eingangsbereich ebenso wie das gebleachte Lächeln des sonnengebräunten Personals. Nur demjenigen, der seine Membership Card dabei hat, wird Eintritt gewährt. Er begibt sich in fachmännische Hände. Um den Kopf nach der stressigen Arbeit im Office frei zu bekommen, lässt er sich nun als Ausgleich zur körperlichen Aktivität drillen. Stressabbau bis der Schweiß tropft.
Das Handtuch aus der Flatrate mitnehmen, ein ionisiertes Sportgetränk holen, Umkleide- und Wellnessbereich passieren. Neben der Vormittagszeit, die hauptsächlich von Senioren, Studenten oder Muttis übernommen wird, ist die After-Work-Phase beliebte Trainingszeit der Sport-Oase. Voll besetzte Geräte: Spinningräder surren, Gewichte knallen, Füße donnern auf Laufbändern. Viele feuchte Hände greifen mit der Hantel nach ihrem Ideal und nach dem, was das Probe-Abo oder die goldene Mitgliedschaft versprechen. Fit und gesund sein, das sind nicht nur die Gym-Tugenden der heutigen Zeit. Auch Aristoteles hat sich in seinem Werk die »Nikomachische Ethik« [1] mit der Frage nach der bestmöglichen individuellen und kollektiven Lebensführung auseinandergesetzt. Das schloss schon damals das körperliche und das geistige Wohlbefinden durch sportliche Aktivität ein. Das wurde wiederentdeckt und weitergetragen von den Philosophen der Renaissance durch den »uomo universale« [2], der das Idealbild des damaligen Menschen verkörperte, bis hin zu den Studien des 19. Jahrhunderts.
Gymnastik wurde zu der Zeit für medizinische und erzieherische Zwecke genutzt, aber auch zur Stärkung des Verteidigungspotenzials praktiziert. Die sportliche Bewegung wandelte sich bald zu einem militärischen Wettbewerb. Das alles mündet in die heutige Zeit, in der die Gesundheits- und Fitnessrevolution ihren bisherigen Höhepunkt nimmt. Angemessene Ernährung, Sport und Balance sind die Grundlage eines gesunden Lebens – predigt jedenfalls die Gesundheitsindustrie.
Das allseits beliebte Fitnesscenter ist heute der fleischgewordene Traum aller Eiweißprinzessinnen und Muskelprotze, der Traum manifestiert sich in einem achtwöchigen Trainingsplan. Ausgerüstet mit dynamischer Activewear in knalligen Neonfarben wird der hochindividualisierte Trainingsplan Station für Station und Gerät für Gerät abgearbeitet. Mehr Gewicht, mehr Wiederholungen. Zwischen den Sätzen setzt man sich zueinander und pflegt das Netzwerk. Denn der soziale Austausch, das Kommunizieren mit Gleichgesinnten und auch das Posieren vor Publikum, ist neben der sportlichen Aktivität ein weiterer Nutzen der Körperformfabrik. Ausdauer- und Krafttraining sind Vorwand und auch Mittel zum Zweck. Vordergründig mögen die abgebauten Kalorien und die aufgebaute Muskelmasse zählen. Dahinter steckt das Rundumpaket des vermeintlich glücklichen Lebens.
Denn das Mitglied braucht den Zauber der angeleiteten Stoffwechselkuren, um sich auf der sicheren Seite zu wähnen. Anamnese mit Bodymessungen, Körperfettanalyse, Cardioscan. Mit diesem umfangreichen Angebot gelangt der Nutzer zu seinem Traumkörper sowie zu mehr Energie, Lebensfreude, Wohlbefinden und natürlich zu einem gestärkten Immunsystem. Und während im Hintergrund das Geschnaufe und Gestöhne aus der Eisenhölle vordringt, kann er sich selbst im raumumfassenden Wandspiegel begutachten und mehr oder minder heimlich schon mal den Umfang des Bizeps oder des Quadrizeps überprüfen.
Vierzehn, fünfzehn, dritter Satz und Rotation beendet. Zum Ausklang das Kursangebot im Studio prüfen. Da ist mit 100 Aktivitäten in der Woche für jedes noch so individuelle Bedürfnis das Richtige dabei. Hot Yoga, Best Age, Body Combat, Deepwork oder Dance Workout, autogenes Training, Fatburner und Tabata. An für sich egal – denn wenn man doch nicht genau weiß, was sich im Einzelnen hinter diesen anregenden Wortschöpfungen verbirgt, so ist ganz bestimmt klar: Diese Kurse werden den Teilnehmer motivieren, herausfordern und quälen und seinen Körper dadurch form-ästhetisch vollenden. Darauf kommt es schließlich an.
Freigesetzte Glückshormone und Muskelschmerz sind die Belohnung eines Trainings. Die kostet der Sportbegeisterte zusammen mit dem Fair-Trade-Kaffee, dem Vanille-Chiasamen-Gojibeeren-Vital-Proteinshake oder dem Basen-Flammkuchen vollends aus. Dem Traumkörper wieder ein Stück näher, verlässt er dann die Muckibude, wirft die schweißgetränkten Handtücher zurück in das Sammelbehältnis und macht sich davon.
Buchbesprechung
»Die Botschaft ist das, was beim Adressaten ankommt«
Frank Wagner über die Wirkung und den Wert von Design
»Sehen Sie sich um. Sie werden feststellen – außer Sie befinden sich gerade in der Natur –, Sie blicken in eine durch und durch gestaltete Welt« (S. 6). Sei es der Stuhl auf man sitzt oder der Rechner auf dem Schreibtisch – wir sind umgeben von Produkten, die uns einerseits einen emotionalen oder funktionalen Nutzen verschaffen und uns andererseits bewusst oder unbewusst beeinflussen. In »The Value of Design« fordert Frank Wagner, dass Designer sich dieses Wirkungszusammenhanges sowie der daraus folgenden Konsequenzen bewusst werden und verantwortungsvoll handeln. Dabei beschäftigt er sich mit nichts Geringerem als der Aufgabe des Designers in Gegenwart und Zukunft.
Das Kompendium, erschienen 2015 im Hermann Schmidt Verlag, widmet sich den Veränderungen, der sich Gesellschaft und Designer stellen müssen. Frank Wagner ist geschäftsführender Inhaber von »hwdesign«, einer renommierten und international vielfach ausgezeichneten Marken- und Designagentur in München und beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit Design. »The Value of Design« soll in fünf Kapiteln zeigen, wie wertvoll Design für eine sich im Wandel befindliche Gesellschaft sein kann. Dabei streift das Werk über ein weites Feld unterschiedlichster Aspekte und greift philosophische Themen der Ethik und Ästhetik auf. Beginnend mit einer geschichtlichen Einordnung führt Wagner den Leser an die Entstehung und Funktion von Design heran.
Im ersten Kapitel widmet sich Wagner der noch relativ jungen Disziplin »Design« im Kontext ihrer Funktion. Zu Beginn der Design-Entwicklung war vor allem die Notwendigkeit einer Funktion bestimmend für die Form. Heute diktieren die Herstellungsmöglichkeiten maßgeblich diese Formgebung. Seine These: »Auch wenn Design nicht nur Formgebung ist, so ist Formgebung immer Design« (S. 17). Wagner sieht dabei Designer nicht als Urheber, sondern als Übersetzer von Veränderungen. Der Autor erhebt jedoch den Vorwurf, dass mit Design in der heutigen Zeit alles bezeichnet wird, was eine ästhetische Aufwertung zum Ziel hat.
Anschließend geht Wagner im zweiten und ausführlichsten Kapitel »Die Syntax des Designs« auf die Wirkungszusammenhänge und die Grundlagen der Ästhetik ein. Mit knappen philosophischen Bezügen zu Kant und kommunikationstheoretischen Grundlagen von Paul Watzlawik hebt er die Bedeutung von Design als Transmitter hervor. Der Designer »macht die Botschaften durch Design zugänglich« (S. 87), reduziert dabei die Inhalte auf das Wesentliche und gibt ihnen eine wahrnehmbare Form. Aus dieser Priorisierung von Inhalten resultiert für den Autor eine Mitverantwortung, die jeder einzelner Designer zu tragen hat.
Nachfolgend befasst sich Wagner mit den kreativ kognitiven Fähigkeiten von Designern, verschiedenen kreativen Prozessen sowie dem Streben von Design nach einem Ideal. Er setzt sich kritisch mit der Designlehre auseinander und bringt dem Leser Vermittlungsmethoden von bekannten Denkmustern, wie z. B. Design Thinking, nahe. Wagner thematisiert und hinterfragt nicht nur Wertvorstellungen von Design und Designern, er plädiert für ein übergreifendes, gesellschaftliches Ideal als Anspruch in einer Gestaltungsaufgabe.
Mit einer Beschreibung von verschiedenen Herausforderungen, mit denen Design und eine Ethik des Design konfrontiert ist, versucht Wagner im Kapitel »Die Ethik des Designs« dem Leser die Notwendigkeit eines erweiterten Wertekanons zu vermitteln. Er ist davon überzeugt, dass Design in der Gestaltung unserer Lebenswelt eine maßgebliche Rolle spielt, doch damit »Design als verantwortungsvoller Gestalter unserer Lebenswelt akzeptiert werden« kann, »braucht es ein allgemein akzeptiertes Ideal, nachdem es strebt« (S. 139). Der Autor stellt dem Leser einen Kanon ethischer Kriterien vor – der »Codex Design« –, in dem sich unterschiedliche gesellschaftliche Bedürfnisse wiederfinden.
Das Buch richtet sich vornehmlich an Designer und Designstudenten, die sich abseits von klassischer Fachliteratur mit den alltäglichen und zukünftigen Herausforderungen von Design auseinandersetzen möchten. Dank einfacher Satzkonstruktionen und dem Verzicht auf übertrieben akademische Sprache ist der Band angenehm zu lesen. Die Kapitel sind stets ähnlich aufgebaut und beinhalten eine Art Maxime zu Beginn. Essenzielle Fragen rund um die Aspekte des Designs bilden häufig den Abschluss eines Textes.
Frank Wagner schreibt nicht nur über die Wirkungszusammenhänge und den Wert von Design, er räumt mit gängigen Vorurteilen auf und geht dabei mit den Designern selbst ins Gericht. Er scheut sich dabei nicht, die negativen Aspekte von Design anzusprechen, und möchte eine kritische Diskussionskultur anregen. Seine Ausführungen werden stets von großen Fragen begleitet, auf die der Autor jedoch meist keine konkrete Antwort hat. Zuweilen scheint das leidenschaftliche Plädoyer für ein neues Selbstverständnis des Designers in eine persönliche Revision abzugleiten. Dennoch ist das Buch interessant sowie lehrreich und lädt den Leser zu einer Reflexion über die eigene Designertätigkeit ein. »Die Botschaft ist das, was beim Adressaten ankommt« (S. 91), und nach dem Lesen dieses Buches bleibt folgende Erkenntnis: Unter Voraussetzung eines neuen Selbstverständnis der Designer wird Design ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft bleiben.
Illustration
Mehr als »Vater und Sohn«
Die Werkausgabe zeigt einen großen Künstler
Eine großformatige Werkausgabe zeigt, wie umfangreich und vielseitig das Schaffen des Zeichners, Illustrators und Karikaturisten Erich Ohser war.
Essay
Über Arbeit und die Diskriminierung Arbeitsloser
Eine alltagsästhetische Betrachtung
Was zeigen wir, wenn wir von Arbeit reden? Wen zeigen wir, wenn wir von Arbeitslosigkeit reden? Im Sinne der Rhetorik gefragt: Wie wird der Logos der Notwendigkeit (des Arbeitens) moralisch-emotional gestützt?
Beide – Rhetorik und Alltagsästhetik – haben es mit einem ganz spezifischen Verständnis von Notwendigkeit zu tun. Im Falle der Alltagsästhetik rührt dieses Verständnis von Notwendigkeit aus dem Bezug zum alltäglichen Dasein selbst. Der Alltag ist fest mit Normativität verbunden, mit den Vorstellungen von dem, was die Norm ist oder sein soll. Diese Normativität des Alltags rührt in weiten Teilen von der Notwendigkeit des Alltäglichen her, denn zunächst konfrontiert uns das Leben selbst mit den Notwendigkeiten des Lebenserhalts. Der Kreislauf des Lebens, das Beschaffen von Nahrung, die Einverleibung und die neuerliche Beschaffung, aber ebenso die Konsumtion von Kleidung, Wohnraum und vielem mehr, hat einen zwingenden Charakter. Hannah Arendt ordnet diesen Tatbestand in den Lebenszusammenhang der Natur, wenn sie schreibt: »Das Leben ist ein Vorgang, der überall das Beständige aufbraucht, es abträgt und verschwinden lässt, bis schließlich tote Materie, das Abfallprodukt vereinzelter, kleiner, kreisender Lebensprozesse, zurückfindet in den alles umfassenden ungeheuren Kreislauf der Natur selbst, die Anfang und Ende nicht kennt und in der alle natürlichen Dinge schwingen in unwandelbarer, totloser Wiederkehr.«[1] »Leben« ist in dieser Weise nicht als das In-der-Welt-Sein des Subjektes verstanden, sondern als die allgemeine Kategorie natürlicher Prozesse und kennt als solches weder Tod noch Geburt, weder Sinn noch Freiheit. Menschliche Tätigkeiten, so Arendt, entspringen der Notwendigkeit, diesen natürlichen Prozessen zu widerstehen, und sind doch selbst in den Kreislauf der Natur gebunden.[2] Das alltägliche Dasein, das auch für andere Theoretiker des Alltags wie Martin Heidegger[3] und Agnes Heller [4] durch die Sorge gekennzeichnet ist, durch das Besorgen, wie durch die Fürsorge, erscheint bei Arendt durch die natürlichsten Tätigkeiten des Menschen am deutlichsten: Dem Arbeiten und Konsumieren. Was diese so »natürlich« macht, ist gerade ihr zwingender Charakter und die endlose Wiederholung, in der sie das arbeitend Hervorgebrachte nahezu umgehend konsumierend verbrauchen müssen. Ich zitiere eine längere Passage aus der Vita Activa, weil Arendt hierin auch zu einer Pointe findet, die treffend das Grundproblem vor Augen stellt:
»Nicht nur die Erhaltung des Körpers, sondern auch die Erhaltung der Welt erfordert die mühevolle, eintönige Verrichtung täglich sich wiederholender Arbeiten. Obwohl dieser Arbeitskampf […] vielleicht noch ›unproduktiver‹ ist als der einfache Stoffwechsel des Menschen mit der Natur [den Marx als Arbeit bezeichnet], steht er doch in einem erheblich engeren Bezug zu der Welt, deren Bestand er gegen die Natur verteidigt. Von ihm hören wir oft in Sagen und Mythen als wunderbaren heldenhaften Taten, wie etwa in den Geschichten von Herkules, zu dessen zwölf ›Arbeiten‹ bekanntlich auch die Reinigung des Augiasstalls gehörte. […] Von solchen Heldentaten ist allerdings faktisch in dem täglichen Kleinkampf, den der menschliche Körper um die Erhaltung und Reinhaltung der Welt zu führen hat, wenig zu spüren; die Ausdauer, deren es bedarf, um jeden Tag von neuem aufzuräumen, was der gestrige Tag in Unordnung gebracht hat, ist nicht Mut, und es ist nicht Gefahr, was diese Anstrengung so mühevoll macht, sondern ihre endlose Wiederholung. Die ›Arbeiten‹ des Herkules haben mit allen Heldentaten gemein, dass sie einmalig sind; leider hat nur der Augiasstall die wunderbare Eigenschaft, sauber zu bleiben, wenn er einmal gesäubert ist.«[5]
Eben in diesem Sinne wirkt auch die Heroisierung der Arbeit auf dem Plakat der Neuen Westfälischen, die hiermit Zeitungszusteller sucht, wie eine bissige Satire (Abb. 1).

Abb. 1: Helden der Arbeit im Niedriglohnsektor, Foto: Pierre Smolarski, 12.1.2017 in Bielefeld
- [1] Arendt, Hannah: Vita Activa oder vom tätigen Leben. 16. Aufl. München 2015. S. 115.
- [2] vgl. a. a. O., S. 117.
- [3] vgl. Heidegger, Martin: Sein und Zeit. Nachdruck der 15. Aufl. Tübingen 2006.
- [4] vgl. Heller, Agnes: Das Alltagsleben. Versuch einer Erklärung der individuellen Reproduktion. Frankfurt am Main 2015(2).
- [5] Arendt 2015, S. 118f.
Hördatei
»Das kann ich mit der Kamera genauso gut andeuten«
Huan Vu über die Verfilmung von Literatur
Will ein Schriftsteller Grauen auslösen, muss er die Vorstellungskraft des Lesers kitzeln – aber wie kitzelt ein Filmemacher seine Zuschauer? Huan Vu weiß, wie sich Horror von einem Medium auf das andere übertragen lässt: Sein mehrfach preisgekrönter Film »Die Farbe« basiert auf der Kurzgeschichte »The Colour out of Space« des stilprägenden Horror-Schriftstellers H. P. Lovecraft – und wird von Kritikern als eine der besten Lovecraft-Verfilmungen aller Zeiten gehandelt.
Im Interview spricht er über Unterschiede zwischen Buch und Film, die Erwartungshaltung der Zuschauer und wie Farbe zu einem erzählerischen Element werden kann.





