Dabei wird um Inter­es­sen und nicht nur um Iden­ti­tä­ten gekämpft, um Macht­ver­hält­nis­se und nicht um Insti­tu­tio­nen, es geht um Zugang zu Res­sour­cen, Märk­ten und finan­zi­el­len Ein­fluss­sphä­ren und nicht um Hei­mat, Volk oder Vater­land.[14] Die letz­te­ren der Begrif­fe in der genann­ten Auf­zäh­lung kön­nen daher als täu­schen­des emo­tio­na­les oder pro­pa­gan­dis­ti­sches Bei­werk auch weg­ge­las­sen wer­den. Wir kön­nen uns – gera­de in moder­nen Kri­sen, die man im Zeit­al­ter der Glo­ba­li­sie­rung als loka­le Welt­bür­ger­krie­ge bezeich­nen könn­te – auf die Fra­ge kon­zen­trie­ren, war­um in sol­chen, näher aus­zu­dif­fe­ren­zie­ren­den ant­ago­nis­ti­schen Situa­tio­nen die Wahr­heit auf der Stre­cke bleibt. Ist dies der Fall auf­grund der abgrund­tie­fen Bös­ar­tig­keit des Men­schen, oder gibt es viel­leicht imma­nen­te Grün­de, wes­halb es für alle Betei­lig­ten in sol­chen Situa­tio­nen rat­sam ist, mit der Wahr­heit nicht all­zu frei­zü­gig umzu­ge­hen? Mei­ne Ver­mu­tung wird sein, dass die Tech­nik bei der Beant­wor­tung die­ser Fra­gen eine wich­ti­ge Rol­le spie­len könnte.

Seit dem Ers­ten Welt­krieg spricht man von Mate­ri­al­schlach­ten – dies deu­tet einen Sprung in der Tech­ni­sie­rung der Krie­ges­füh­rung an. Den Schrit­ten der Benut­zung von Kraft­ma­schi­nen (von der Faust zum Schwert oder zur archi­me­di­schen Schleu­der) folgt über die Mecha­ni­sie­rung durch die Benut­zung exter­ner Ener­gie (Geweh­re, Kano­nen, Geschüt­ze, Bom­ben etc.) die Auto­ma­ti­sie­rung (Kyber­ne­tik der Ziel­fin­dung). Nun geht der Schritt zur Infor­ma­ti­sie­rung: Nicht nur der Com­pu­ter hält Ein­zug in die Mili­tär­tech­nik (deren Kind er ja teil­wei­se ist), son­dern Infor­ma­ti­on selbst wird zur Waf­fe. Com­mand, Com­mu­ni­ca­ti­on and Con­trol sind nun die ent­schei­den­den Grö­ßen. Der schon sicht­ba­re Schritt der Bio­lo­gi­sie­rung der Tech­nik (z. B. in der Nano-Tech­nik) hat schon einen Namen in der Kriegs­tech­nik: Bio-Waf­fen. Das sind nicht nur lebens­ver­nich­ten­de Gift­stof­fe, Bak­te­ri­en und Viren, son­dern auch mög­li­cher­wei­se in Zukunft Stof­fe und Orga­nis­men, die das Ver­hal­ten des Geg­ners bis hin zur gene­ti­schen Aus­stat­tung als sei­ner Lebens­ba­sis zu ver­än­dern ver­mö­gen. Auch die Psy­cho­lo­gi­sie­rung deu­tet sich an, näm­lich Mit­tel und Wege zu fin­den, die Moti­va­ti­on des Geg­ners zu Angriff oder Ver­tei­di­gung anzu­grei­fen und zu ver­än­dern, indem man sei­ne psy­chi­sche Aus­stat­tung mani­pu­liert oder gar verändert.

Spä­tes­tens beim Schritt der Infor­ma­ti­sie­rung wird man die Fra­ge nach der Wahr­heit im Krieg nicht mehr im Begriffs­ras­ter der Opfer­me­tapher stel­len können.

2 Exkurs über die Wahrheit

Wenn wir über Krieg, Tech­nik und Wahr­heit reden, dann kann die Phi­lo­so­phie aus der Geschich­te die­ses Begrif­fes wohl etwas bei­tra­gen. Die Fra­ge nach der Wahr­heit ist nicht nur als Fra­ge zu ver­ste­hen, was nun wirk­lich der Fall ist, son­dern nach dem, was die Bedin­gun­gen dafür sind, dass Sät­ze oder men­ta­le Vor­stel­lun­gen wahr sein kön­nen. Der Begriff wur­de immer auch empha­tisch gefasst – die wah­re Kunst, das wah­re Glück, der wah­re Jakob – die­se Bedeu­tung las­sen wir hier bei­sei­te. Wir zei­gen nur zwei haupt­säch­li­che Ver­tre­ter der Wahr­heits­theo­rien, soweit dies für unse­re Zwe­cke aus­reicht.[15]

2.1 Theo­re­ti­sche Bestim­mung: Kohä­renz und Korrespondenz

Die gän­gigs­te Bestim­mung der Wahr­heit ist eine Rela­ti­on: Sie bezeich­net eine Bezie­hung zwi­schen Satz und Tatsache.

Im Grie­chi­schen wird Wahr­heit als Unver­bor­gen­heit (ἀλήθεια) gedacht – d. h., es gibt etwas, auf das sich die Aus­sa­ge bezieht, und der Gegen­stand der Aus­sa­ge ist letzt­lich – pla­to­nisch gedacht – ein Abbild einer Idee. Die Teil­ha­be an die­ser Idee, durch die erst die Ein­sicht in das Wesen des Gegen­stan­des mög­lich ist, ermög­licht es dem Spre­chen­den, einen wah­ren Satz über die­sen Gegen­stand zu sagen.

Mehr an der Pra­xis ori­en­tiert sich der byzan­ti­ni­sche Wahr­heits­be­griff: Es ist die Wahr­heit, die nützt und der Situa­ti­on ange­mes­sen ist. Dies fin­det sich wie­der in den zwei rus­si­schen Begrif­fen Praw­da (правда) und Isti­na (истина).[16]

Die moder­nen Wahr­heits­theo­rien unter­schei­den heu­te zwi­schen der Kor­re­spon­denz­theo­rie und der Kohä­renz­theo­rie. Wahr­heit ist die Über­ein­stim­mung von gedank­li­chem Inhalt und der Tat­sa­che – adae­qua­tio intel­lec­tus et rei. Sie stammt aus dem Mit­te­al­ter von Tho­mas von Aquin[17] und meint damit, dass man eine Tat­sa­che erken­nen und die­se Erkennt­nis mit dem Inhalt eines Sat­zes über­prü­fen kann, der die­se Tat­sa­che aus­drückt. Die Kri­tik an die­sem Wahr­heits­be­griff ist so alt wie der Vor­schlag von Tho­mas von Aquin selbst.

Die Kohä­renz­theo­rie geht davon aus, dass wir immer nur über men­ta­le Reprä­sen­ta­tio­nen von Tat­sa­chen ver­fü­gen, die wir im All­ge­mei­nen durch Sät­ze aus­drü­cken. Somit stellt ein Ver­gleich von Erfah­rung und Satz letzt­lich immer ein Ver­gleich von Erfah­rungs­sät­zen unter­ein­an­der und mit ande­ren Sät­zen dar. Wahr ist dann ein Satz, wenn er sich kohä­rent mit den ande­ren Sät­zen zusam­men­fü­gen lässt – also eine Über­ein­stim­mung eines Sat­zes über einen Sach­ver­halt in der Welt mit sei­nem theo­re­ti­schen Kon­text, der eben­falls durch Sät­ze aus­ge­drückt wird.

2.2 Die Lüge

Harald Wein­rich hat in sei­nem Buch aus den 50er Jah­ren »Zur Lin­gu­is­tik der Lüge«[18] die Lüge als den Betrug mit sprach­li­chen Mit­teln bezeich­net. Im Hin­blick auf die ver­schie­de­nen Wahr­heits­be­grif­fe, wie sie oben erwähnt wur­den, erhält man auch ent­spre­chend kor­re­spon­die­ren­de Begrif­fe der Lüge (sie­he Tabel­le 2).

Tabelle 2: Lüge und Wahrheit

Tabel­le 2: Lüge und Wahrheit

Aus der Tabel­le 2 ist ersicht­lich, dass die Lüge im Sin­ne eines absicht­li­chen Ver­mei­dens der Wahr­heit immer durch einen Gegen­satz bestimmt ist, welch Wahr­heits­be­griff auch immer ver­wen­det wird. Den Lügen­be­griff von Harald Wein­rich kann man erwei­tern im Sin­ne einer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­rie. Die Lüge im Krieg besteht dann in der Täu­schung über die Wahr­heit, also dar­über, was vor­han­den ist, was nütz­lich sein könn­te und wie es wirk­lich ist. Die kom­mu­ni­ka­ti­ven Mit­tel wer­den so gewählt, dass sie der Inten­ti­on der Täu­schung dien­lich sind. Dazu gehö­ren die bewuss­te Abwahl des Kon­tex­te durch bewuss­tes Indu­zie­ren fal­scher Inter­pre­ta­ti­ons­vor­aus­set­zun­gen bis hin zur schlich­ten Behaup­tung der Unwahr­heit im repe­ti­ti­ven Modus.[19]

Kon­sti­tu­ie­rend für die Lüge, und das macht die­sen Begriff auch für die mora­li­sie­ren­de Bewer­tung zugäng­lich, ist die Inten­ti­on der Täu­schung. Unbe­ab­sich­tig­te Täu­schun­gen sol­len hier nicht betrach­tet werden.

Gibt es ein Recht zu lügen? Kant ver­nein­te die­se Fra­ge in sei­nem berühm­ten Auf­satz[20], Scho­pen­hau­er bejah­te dage­gen dezidiert:

»In allen Fäl­len, wo ich ein Zwangs­recht, ein voll­kom­me­nes Recht habe, Gewalt gegen Ande­re zu gebrau­chen, kann ich, nach Maß­ga­be der Umstän­de, eben so wohl der frem­den Gewalt auch die List ent­ge­gen­stel­len, ohne Unrecht zu thun, und habe folg­lich ein wirk­li­ches Recht zur Lüge, gera­de so weit, wie ich es zum Zwan­ge habe.«[21]

Es ist auch ein for­ma­ler, und damit im Bereich der Infor­ma­tik ange­sie­del­ter Ver­such zu nen­nen – der Logik der Aus­nah­men (Default-Logik) gelingt es, auch die Lüge zu for­ma­li­sie­ren.[22]

  1. [14] Damit ist auch die pla­to­ni­sche Unter­schei­dung von Krieg und Zwist hin­fäl­lig. »Mir scheint, daß Krieg und Zwist, wie sie die­se zwei­er­lei Benen­nun­gen haben, so auch zwei­er­lei Begrif­fe sind und zwei­er­lei Arten von Streit bedeu­ten; ich mei­ne näm­lich die bei­den, einer­seits das Zusam­men­ge­hö­ri­ge und Ver­wand­te, ande­rer­seits das Aus­wär­ti­ge und Fremd­län­di­sche: Feind­schaft von Zusam­men­ge­hö­ri­gem nennt man Zwist, die des Aus­wär­ti­gen aber Krieg.« Pla­ton: Der Staat, 5. Buch, 470 b. Zit. nach Digi­ta­le Biblio­thek Band 2: Phi­lo­so­phie, S. 674 f. resp. nach Pla­ton-SW Bd. 2, S. 189—190.
  2. [15] Einen Über­blick über Wahr­heits­theo­rien geben Pun­tel (1983, 1987). Skir­beck (1977).
  3. [16] Es gibt im Rus­si­schen zwei Begrif­fe für Wahr­heit: Praw­da (правда) bezeich­net zum einen die ehe­mals kom­mu­nis­ti­sche Tages­zei­tung und den Wahr­heits­be­griff, der eher dem Kor­re­spon­denz­prin­zip zuge­hört, also die Über­ein­stim­mung von Satz und Tat­sa­che, wobei im kom­mu­nis­ti­schen Regime das, was Tat­sa­che ist, eben das ist, was Tat­sa­che zu sein hat. Isti­na (истина) bezeich­net eher den Wahr­heits­be­griff im Sin­ne einer Kohä­renz­theo­rie, d. h., ob das Gesag­te mit den Zie­len des Daseins und Gemein­we­sens im Gan­zen über­ein­stimmt. Wenn der Begriff der Tat­sa­che auf das Gewoll­te redu­ziert wird, fal­len bei­den Begrif­fe mehr oder weni­ger zusam­men. Sar­k­a­s­yans (1955).
  4. [17] Tho­mas von Aquin: De veri­ta­te (1986).
  5. [18] Wein­rich (1966).
  6. [19] Aus­sa­ge eines Poli­ti­kers in einer Live­dis­kus­si­on »Und ich sage Ihnen als Poli­ti­ker, das ist ein­fach nicht wahr« zu einer Behaup­tung eines Dis­kus­si­ons­teil­neh­mers, die er auch durch mit­ge­brach­te Unter­la­gen stüt­zen kann. 
  7. [20] Kant (1838).
  8. [21] Scho­pen­hau­er (1977): Die Welt als Wil­le und Vor­stel­lung, S. 695. Digi­ta­le Biblio­thek, Band 2: Phi­lo­so­phie, S. 23876; Scho­pen­hau­er-ZA Bd. 2, S. 424. 
  9. [22] Ent­schei­det ist dabei die Annah­me über das Wis­sen eines Beob­ach­ters, bevor eine bestimm­te Äuße­rung erfolgt. Die Default-Logik macht des­halb die Annah­men über das Sze­na­rio zur Vor­aus­set­zung. Bei­spiel: Falls A glaubt, dass B einen Inhalt, sagen wir g glaubt und g ist kon­sis­tent mit dem Wis­sen von A, dann glaubt A auch g. (A glaubt, dass g gilt, wenn B g äußert.) Man kann die Default-Theo­rie erwei­tern durch die Aus­sa­ge, dass über­haupt eine Äuße­rung gemacht wur­de, oder um Meta­aus­sa­gen dar­über, wer wen beob­ach­tet. Mit der Default-Theo­rie kön­nen Lügen model­liert wer­den, z. B. B äußert g, wor­an er nicht glaubt, A ist jedoch nicht in der Lage, die­se Lüge zu ent­de­cken, indem er g nicht nach­prü­fen kann oder will (Per­rault (1990).