Essay

Die Frage nach der Wahrheit im Kriege

Über die philosophischen Wurzeln aktueller Fragen

Von Klaus Kornwachs


1 Ein­lei­tung

1.1 Wahr­heit als Opfer?

Die Wahr­heit sei das ers­te Opfer im Krieg – so die gän­gi­ge For­mel all derer, die sich in der Vor­pha­se des Aus­bruchs eines Krie­ges für sei­ne Ver­hin­de­rung aus­spre­chen. Die Fra­ge nach der Wahr­heit im Krie­ge zu stel­len, scheint nach die­sem Dik­tum ver­geb­li­che Mühe zu sein, denn sie bleibt wohl schon im Vor­feld der vor­be­rei­ten­den Pro­pa­gan­da auf der Stre­cke. War­um also die­se Fra­ge noch­mals stellen?

Phi­lo­so­phie heißt – nach C. F. von Weiz­sä­cker – wei­ter­fra­gen; hart­nä­ckig wei­ter­fra­gen, möch­te ich hin­zu­fü­gen. Genau die­ses Wei­ter­fra­gen deckt bei Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, gera­de, wenn sie mora­lisch daher­kom­men, über­ra­schen­de Unklar­hei­ten auf und das Klä­ren von Begrif­fen ist ja das Geschäft der Philosophie.

Begin­nen wir mit dem erwähn­ten, mora­lisch gemein­ten Satz, dass die Wahr­heit das ers­te Opfer des Krie­ges sei. Die­se Rede­wei­se bemüht die unfrag­li­che Ver­wen­dung des Begriffs »Opfer«. Neben den Kriegs­op­fern ken­nen wir Unfall- und Kata­stro­phen­op­fer, Opfer einer wirt­schaft­li­chen oder poli­ti­schen Ent­wick­lung, wir reden von sinn­lo­sen Opfern, und benut­zen den Begriff auch als Verb: es sei­en völ­lig unnö­tig gan­ze Arme­en geop­fert worden.

Bei die­ser Ver­wen­dung des Opfer­be­grif­fes fällt sofort eine Ungleich­zei­tig­keit auf, der wir uns eher fra­gend nähern: Gibt es sinn­vol­le Opfer, z. B. aus mili­tä­ri­scher Sicht? Sind Opfer immer unschul­dig? Wer opfert und was wird geop­fert? Wie wird ein Mensch zum Opfer? Wer­den wir also kurz ana­ly­tisch und etymologisch.

»Opfern« ist ein drei­stel­li­ges[1] Verb. Irgend­ei­ne Per­son opfert einer ande­ren Enti­tät, die meist als Sub­jekt ange­se­hen wer­den kann, irgend etwas. Die­ses Etwas, der Gegen­stand des Opferns, das eigent­li­che Opfer, geht in die Ver­fü­gungs­ge­walt des Emp­fän­gers über, zu sei­nem Gebrauch, Genuss oder wie auch immer. Der Opfern­de gibt als Ver­zichts­leis­tung das Opfer aus sei­nem Ver­fü­gungs- oder Schutz­be­reich dahin. Für die­sen Akt wird der Opfern­de sei­ne Grün­de haben – frü­her woll­te man Göt­ter, Tyran­nen und Mäch­ti­ge besänf­ti­gen und für die eige­nen Zwe­cke gnä­dig stim­men. Die­se ver­ein­fach­te Vor­stel­lung des Opfers stimmt in etwa mit dem all­täg­li­chen Begriff über­ein; Dif­fe­ren­zen erge­ben sich im Lau­fe der Begriffs­ge­schich­te frei­lich bei der Funk­ti­on des Opferns und der Moti­va­ti­on, über­haupt zu opfern.[2]

Nun ist das Erstel­len, Kom­pi­lie­ren und Benut­zen von Mythen eine ers­te, wenn­gleich nar­ra­ti­ve Form von ratio­na­li­sie­ren­der Rekon­struk­ti­on natur­ge­bun­de­ner wie sozia­ler Erfah­run­gen – der Mythos ist die not­wen­di­ge Vor­stu­fe des Logos. In der Wis­sen­schaft gibt es nie­man­den, dem man opfern könn­te. Es gibt nur noch schlech­te Meta­phern wie: man habe sein Leben oder sei­ne Frei­zeit oder sein Pri­vat­le­ben für die Wis­sen­schaft geop­fert. Was geop­fert wird, das Opfer, ist also etwas, was ungern, nur zu einem eben ande­ren Preis her­ge­ge­ben wird und es bedeu­tet für den Opfern­den immer einen spür­ba­ren Ver­lust – sonst wäre es eben kein Opfer. Die Gegen­leis­tung bleibt ein offe­nes Ver­spre­chen – trifft sie nicht ein, spricht man von einem ver­geb­li­chen, ja sinn­lo­sen Opfer. Ein gewis­ser Tausch­cha­rak­ter, auch wenn die­ser Tausch ande­ren Regeln fol­gen mag als beim Tausch auf dem Markt, ist in der nicht-mytho­lo­gi­schen Meta­pher doch noch erkennbar.