Tagungsbericht

Von den alten Griechen bis zum Game Design

Über das erste Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik

Von Bettina Schröm


Kön­nen Bil­der argu­men­tie­ren? Was kann man sich bei den Sophis­ten abschau­en? Und lässt sich die Rhe­to­rik als Basis­theo­rie in den Gestal­tungs­un­ter­richt an Schu­len imple­men­tie­ren? Sol­chen Fra­gen stell­ten sich die Teil­neh­mer des »ers­ten Ber­ner Arbeits­tref­fens zur visu­el­len Rhe­to­rik«. Prof. Dr. phil. Arne Scheu­er­mann, Lei­ter des For­schungs­schwer­punkts Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign an der Hoch­schu­le der Küns­te Bern, und sei­ne Kol­le­gin Anni­na Schnel­ler hat­ten 13 Rhe­to­rik­spe­zia­lis­ten in die Schwei­zer Haupt­stadt gebe­ten – mit dem Ziel, For­scher und Dozen­ten zu ver­net­zen (s. Scheu­er­manns und Schnel­ler Ein­füh­rung zur Tagung). Zwei Tage lang ging man in Klau­sur – und ver­ab­schie­de­te sich schließ­lich um vie­le Aspek­te berei­chert. Wie kraft­voll die Rhe­to­rik über Jahr­hun­der­te zum einen den Schaf­fens­pro­zess und zum ande­ren die Rezep­ti­on von Kunst beein­flusst und beschrie­ben hat, wur­de in der Viel­stim­mig­keit der Bei­trä­ge deut­lich. Deut­lich wur­de aber auch, dass für eine wei­te­re und enge­re Ver­bin­dung von Theo­rie und gestal­te­ri­scher Pra­xis noch man­che Hür­de genom­men wer­den muss – und dass es rhe­to­ri­scher Kom­pe­ten­zen bedarf, um mit den kom­ple­xen Ver­zah­nun­gen von Bild und Text in moder­nen Medi­en und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men umge­hen zu kön­nen.

Einen Vor­trags­tag und einen Work­sh­op­tag hat­ten die Ver­an­stal­ter vor­ge­se­hen und den Haupt­re­fe­ren­ten jeweils einen Co-Refe­ren­ten zur Sei­te gestellt. In Rede und Gegen­re­de eröff­ne­ten sich so von Beginn an inspi­rie­ren­de Span­nungs­fel­der.

[Die Namen der Refe­ren­ten sind im fol­gen­den Bericht unter den Kapi­tel­über­schrif­ten ange­führt und kur­siv gesetzt; soweit sie ihren Vor­trag für »Spra­che für die Form« zu einem Essay aus­ge­ar­bei­tet haben, sind die­se Essays mit einem Klick auf den Namen und selbst­ver­ständ­lich auch in der Rubrik »Essays« abruf­bar.]

1 Grund­pro­ble­me

1.1 Die Evi­denz des Visu­el­len als Argu­ment?
Prof. Dr. phil. Vol­ker Fried­rich, Hoch­schu­le Kon­stanz
Sil­ke Vet­ter-Schult­heiß, M. A., Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Darm­stadt

»Taugt die Evi­denz des Visu­el­len als Argu­ment?«, das war die Aus­gangs­fra­ge von Dr. Vol­ker Fried­rich von der Hoch­schu­le Kon­stanz, eine bild­rhe­to­ri­sche Gret­chen­fra­ge sozu­sa­gen, die der Pro­fes­sor für Schrei­ben und Rhe­to­rik vor den Hin­ter­grund eines Zwei­fels dar­an stell­te, dass Bil­der unkom­men­tiert als Begrün­dung im Zuge einer Argu­men­ta­ti­on her­an­ge­zo­gen wer­den könn­ten. Viel­mehr ver­stär­ke das Visu­el­le die sprach­li­che Aus­sa­ge und umge­kehrt. Die Wir­kung bei­der sei aber unter­schied­lich: »Das Visu­el­le appel­liert nicht pri­mär an den Logos, wohl aber an Ethos und Pathos«, so Fried­rich. Der Her­aus­ge­ber von »Spra­che für die Form« sprach sich letzt­lich für eine gründ­li­che­re Unter­su­chung der Wech­sel­wir­kung von Bild und Text aus.

Fried­richs Co-Refe­ren­tin Sil­ke Vet­ter-Schult­heiß von der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Darm­stadt demons­trier­te an den ers­ten Auf­nah­men der Erde vom Welt­all aus, wie Bil­der ihrer Ansicht nach in Argu­men­ta­tio­nen funk­tio­nie­ren kön­nen – näm­lich als »Beweis«, als »Kon­struk­ti­on von Wirk­lich­keit«, letzt­lich als Hand­lungs­an­reiz. »Bil­der zei­gen etwas«, so Vet­ter-Schult­heiß im Hin­blick auf die Evi­denz-Fra­ge – und gege­be­nen­falls ver­ste­he das der Betrach­ter auch ohne Wor­te.