Vortrag

»Alle Architekten sind Verbrecher«

Der Moralist Adolf Loos und das moderne Bauen

Von Immo Boyken


Dieser Vortrag wurde im Studium generale der Hochschule Konstanz gehalten in der Reihe »Außenseiter – Zukunftsweiser«, die sich mit Köpfen, die ihrer Zeit voraus waren, mit Visionären in Wissenschaft, Technik, Philosophie, Kultur und Politik. Die Loos-Zitate sind zum Teil – sinnentsprechend – gekürzt und zusammengefaßt wiedergegeben.

Über Loos zu sprechen fällt mir schwer, weil ich ihn – ungeschminkt gesagt – nicht mag: Loos als Person nicht (dieses scheinbar dandyhaft Elitäre) und seine (auf den ersten Blick) spröde Architektur auch nicht (so sehr). Dass ich mich trotzdem mit ihm befasse (das Thema ist mir ja nicht vorgegeben worden, sondern ich habe es mir selbst gewählt) hat seinen Grund darin, dass ich von seiner überragenden und bleibenden Bedeutung für die Wege zur modernen Architektur überzeugt bin, und weil eine subjektive Abneigung (die ja auch gewissermaßen den Reiz des Verbotenen in sich birgt) eine objektive Betrachtung nicht überlagern darf.

Erst spät in meinem Leben bin ich an Loos herangekommen. In meinem Studium an der Technischen Hochschule in Karlsruhe in den sechziger Jahren spielte er kaum eine Rolle (eher gar keine), und dass er bei uns zuhause (einer ausgeprägten Architektenfamilie) je genannt worden ist, daran kann ich mich nicht erinnern, anders als an andere Namen der sogenannten klassischen Moderne wie Le Corbusier, Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright, Bonatz, Gropius, Tessenow oder Hans Scharoun, die durch die abonnierten Zeitschriften (»Bauwelt«, »Baumeister«, »Baukunst und Werkform«) hindurchgeisterten und genügend Themen für elterliche und von mir mitgehörte Gespräche boten, allein: von Loos keine Spur.

Erst am Ende meine Studiums tauchte er auf, rein zufällig: »Baugeschichte II«, ein Fach, das für mich etwa gleichbedeutend war wie »Darstellende Geometrie«, »Haustechnik«, »Baurecht« – mithin entbehrlich (aus meiner damaligen Sicht). Aber eine Seminararbeit mußte trotzdem gemacht werden: Schinkel, Berlin, Altes Museum. Und in dem mächtigen Bücherberg, der sich in der Lehrstuhlbibliothek vor mir auftürmte, fand ich eine liegengebliebene Kopie mit einer Grundriss-Skizze darauf und der Notiz: Loos, Hotelentwurf, Wien – ein Grundriss, der dem des Alten Museums verwandt schien. Ein äußerst praktischer Zufall; das ließ sich verwerten: »Schinkel und der Einfluß auf die Wiener Moderne«, »Loos und die Bedeutung der preußischen Tradition unter besonderer Berücksichtigung von irgendetwas« oder so ähnlich hochtragend, aber unter dem Hochtragenden blieb doch ein unübersehbarer Glanz des Adolf Loos’ im Gedächtnis hängen.

Und außerdem waren zu dieser Zeit Julius Poseners »Vorlesungen zur Geschichte der neuen Architektur« bei »arch+« (seinerzeit eine progressive Bauzeitschrift, so mehr oder weniger gegen den Strich, die von allen Studenten durchgesehen wurde), in fünf Heften herausgekommen (eine wahre Fundgrube für die Erschließung des neuen Bauens, der auch mein Vortrag heute viel verdankt), die durch ihren lockeren Ton die Wirkung nicht verfehlten, und in diesen Heften war Loos allein mit drei Vorlesungen vertreten; und wenn ich auch die Texte wohl mehr überflogen als wirklich gelesen hatte, so war Loos doch wieder da.

Der entscheidende Impuls für das Nichtvergessen war dann aber (ich glaube, ich war schon Assistent am Karlsruher Institut für Baugeschichte) ein Auftritt von Grete Schütte-Lihotzky, die mit weit über 90 Jahren einen von Geist, Humor und Esprit geradezu sprühenden Vortrag über ihr Leben hielt und über Menschen berichtete, die für uns damals längst unnahbar im Prominentenhimmel entschwunden waren – über den Architekten Josef Hoffmann, Oskar Kokoschka, Arnold Schönberg, Karl Kraus – und eben auch über Adolf Loos, in dessen Büro sie gearbeitet hatte und den sie ebenso gut kannte wie die anderen; Loos, der mir plötzlich sehr lebensnah wurde (sozusagen vom Architekten-Olymp auf den Erdboden zurückgeholt), und der sich mir jetzt ganz anders darstellte, als wenn man sich auf einen Bücher-Trockenkurs beschränken muß, und darum eben scheinbar dandyhaft elitär und scheinbar spröde Architektur.

Soweit meine ganz persönliche Annäherung an Loos, an seine Architektur und an sein Denken – dieser Loos, der 1870 in Brünn geboren wurde, der also derselben Generation angehörte wie Peter Behrens, Hans Poelzig, sein Intimfeind Josef Hoffmann, Heinrich Tessenow oder Frank Lloyd Wright – dieser Loos, der die Entwicklung der modernen Architektur besonders durch sein Raumplan-Konzept bis auf den heutigen Tag vielleicht am nachhaltigsten vorangetrieben hat, von dem immer noch viele Architektur-Ideen profitieren (immer noch, wenn man bedenkt, dass Loos’ wichtigste Bauten in den zwanziger Jahren des letzte Jahrhunderts entstanden sind), auch wenn sich manche Architekten der wahren Urheberschaft ihrer Gedanken vielleicht gar nicht mehr bewusst sind.

Die Folgen dieser Loos’schen Idee des Raumplanes sind aus der neueren und auch aus der gegenwärtigen Architektur nicht mehr wegzudenken, und so ist dieser Raumplan unter Architekten (zumindest als Begriff) weitgehend geläufig. Merkwürdig ist nur, dass der Urheber dieses Raumplanes, dass der Name Loos weitgehend geläufig ist (volkstümlich sozusagen) aus ganz anderen Gründen, und das ist eigentlich grotesk. Volkstümlich (und am meisten zitiert) ist eine scheinbar lächerliche Arbeit, man möchte sie, wenn sie nicht so ernst gemeint gewesen wäre, fast absurd nennen, nämlich seine geradezu postkartenbekannte dorische Säule (fast dorisch, denn der Sockel gehört ja zum Kanon des Dorischen nicht dazu) – die dorische Säule, die Loos Anfang der zwanziger Jahre als Wettbewerbsbeitrag für das Verwaltungsgebäude der »Chicago Tribune« einreichte.

Und zum anderen ist er volkstümlich geworden durch seine äußerst aggressiven und äußerst geistreichen Schriften. Und es ist wiederum eigentlich grotesk, dass die am meisten zitierte, »Ornament und Verbrechen«, von fast keinem wirklich gelesen worden ist und so häufig schon vom Titel her falsch zitiert wird, nämlich: »Ornament ist Verbrechen«, was zwar oft so schön in den Kram passt, aber von Loos so eben nicht gemeint ist.