Doppelausgabe Nr. 8 und 9, Herbst 2016: Vortrag

»Alle Architekten sind Verbrecher«

Der Moralist Adolf Loos und das moderne Bauen

Von Immo Boyken


Die­ser Vor­trag wur­de im Stu­di­um gene­ra­le der Hoch­schu­le Kon­stanz gehal­ten in der Rei­he »Außen­sei­ter – Zukunfts­wei­ser«, die sich mit Köp­fen, die ihrer Zeit vor­aus waren, mit Visio­nä­ren in Wis­sen­schaft, Tech­nik, Phi­lo­so­phie, Kul­tur und Poli­tik. Die Loos-Zita­te sind zum Teil – sinn­ent­spre­chend – gekürzt und zusam­men­ge­faßt wiedergegeben.

Über Loos zu spre­chen fällt mir schwer, weil ich ihn – unge­schminkt gesagt – nicht mag: Loos als Per­son nicht (die­ses schein­bar dan­dy­haft Eli­tä­re) und sei­ne (auf den ers­ten Blick) sprö­de Archi­tek­tur auch nicht (so sehr). Dass ich mich trotz­dem mit ihm befas­se (das The­ma ist mir ja nicht vor­ge­ge­ben wor­den, son­dern ich habe es mir selbst gewählt) hat sei­nen Grund dar­in, dass ich von sei­ner über­ra­gen­den und blei­ben­den Bedeu­tung für die Wege zur moder­nen Archi­tek­tur über­zeugt bin, und weil eine sub­jek­ti­ve Abnei­gung (die ja auch gewis­ser­ma­ßen den Reiz des Ver­bo­te­nen in sich birgt) eine objek­ti­ve Betrach­tung nicht über­la­gern darf.

Erst spät in mei­nem Leben bin ich an Loos her­an­ge­kom­men. In mei­nem Stu­di­um an der Tech­ni­schen Hoch­schu­le in Karls­ru­he in den sech­zi­ger Jah­ren spiel­te er kaum eine Rol­le (eher gar kei­ne), und dass er bei uns zuhau­se (einer aus­ge­präg­ten Archi­tek­ten­fa­mi­lie) je genannt wor­den ist, dar­an kann ich mich nicht erin­nern, anders als an ande­re Namen der soge­nann­ten klas­si­schen Moder­ne wie Le Cor­bu­si­er, Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright, Bonatz, Gro­pi­us, Tes­senow oder Hans Scharoun, die durch die abon­nier­ten Zeit­schrif­ten (»Bau­welt«, »Bau­meis­ter«, »Bau­kunst und Werk­form«) hin­durch­geis­ter­ten und genü­gend The­men für elter­li­che und von mir mit­ge­hör­te Gesprä­che boten, allein: von Loos kei­ne Spur.

Erst am Ende mei­ne Stu­di­ums tauch­te er auf, rein zufäl­lig: »Bau­ge­schich­te II«, ein Fach, das für mich etwa gleich­be­deu­tend war wie »Dar­stel­len­de Geo­me­trie«, »Haus­tech­nik«, »Bau­recht« – mit­hin ent­behr­lich (aus mei­ner dama­li­gen Sicht). Aber eine Semi­nar­ar­beit muß­te trotz­dem gemacht wer­den: Schin­kel, Ber­lin, Altes Muse­um. Und in dem mäch­ti­gen Bücher­berg, der sich in der Lehr­stuhl­bi­blio­thek vor mir auf­türm­te, fand ich eine lie­gen­ge­blie­be­ne Kopie mit einer Grund­riss-Skiz­ze dar­auf und der Notiz: Loos, Hotel­ent­wurf, Wien – ein Grund­riss, der dem des Alten Muse­ums ver­wandt schien. Ein äußerst prak­ti­scher Zufall; das ließ sich ver­wer­ten: »Schin­kel und der Ein­fluß auf die Wie­ner Moder­ne«, »Loos und die Bedeu­tung der preu­ßi­schen Tra­di­ti­on unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung von irgend­et­was« oder so ähn­lich hoch­tra­gend, aber unter dem Hoch­tra­gen­den blieb doch ein unüber­seh­ba­rer Glanz des Adolf Loos’ im Gedächt­nis hängen.

Und außer­dem waren zu die­ser Zeit Juli­us Posen­ers »Vor­le­sun­gen zur Geschich­te der neu­en Archi­tek­tur« bei »arch+« (sei­ner­zeit eine pro­gres­si­ve Bau­zeit­schrift, so mehr oder weni­ger gegen den Strich, die von allen Stu­den­ten durch­ge­se­hen wur­de), in fünf Hef­ten her­aus­ge­kom­men (eine wah­re Fund­gru­be für die Erschlie­ßung des neu­en Bau­ens, der auch mein Vor­trag heu­te viel ver­dankt), die durch ihren locke­ren Ton die Wir­kung nicht ver­fehl­ten, und in die­sen Hef­ten war Loos allein mit drei Vor­le­sun­gen ver­tre­ten; und wenn ich auch die Tex­te wohl mehr über­flo­gen als wirk­lich gele­sen hat­te, so war Loos doch wie­der da.

Der ent­schei­den­de Impuls für das Nicht­ver­ges­sen war dann aber (ich glau­be, ich war schon Assis­tent am Karls­ru­her Insti­tut für Bau­ge­schich­te) ein Auf­tritt von Gre­te Schüt­te-Lihotz­ky, die mit weit über 90 Jah­ren einen von Geist, Humor und Esprit gera­de­zu sprü­hen­den Vor­trag über ihr Leben hielt und über Men­schen berich­te­te, die für uns damals längst unnah­bar im Pro­mi­nen­ten­him­mel ent­schwun­den waren – über den Archi­tek­ten Josef Hoff­mann, Oskar Kokosch­ka, Arnold Schön­berg, Karl Kraus – und eben auch über Adolf Loos, in des­sen Büro sie gear­bei­tet hat­te und den sie eben­so gut kann­te wie die ande­ren; Loos, der mir plötz­lich sehr lebens­nah wur­de (sozu­sa­gen vom Archi­tek­ten-Olymp auf den Erd­bo­den zurück­ge­holt), und der sich mir jetzt ganz anders dar­stell­te, als wenn man sich auf einen Bücher-Tro­cken­kurs beschrän­ken muß, und dar­um eben schein­bar dan­dy­haft eli­tär und schein­bar sprö­de Architektur.

Soweit mei­ne ganz per­sön­li­che Annä­he­rung an Loos, an sei­ne Archi­tek­tur und an sein Den­ken – die­ser Loos, der 1870 in Brünn gebo­ren wur­de, der also der­sel­ben Gene­ra­ti­on ange­hör­te wie Peter Beh­rens, Hans Poel­zig, sein Intim­feind Josef Hoff­mann, Hein­rich Tes­senow oder Frank Lloyd Wright – die­ser Loos, der die Ent­wick­lung der moder­nen Archi­tek­tur beson­ders durch sein Raum­plan-Kon­zept bis auf den heu­ti­gen Tag viel­leicht am nach­hal­tigs­ten vor­an­ge­trie­ben hat, von dem immer noch vie­le Archi­tek­tur-Ideen pro­fi­tie­ren (immer noch, wenn man bedenkt, dass Loos’ wich­tigs­te Bau­ten in den zwan­zi­ger Jah­ren des letz­te Jahr­hun­derts ent­stan­den sind), auch wenn sich man­che Archi­tek­ten der wah­ren Urhe­ber­schaft ihrer Gedan­ken viel­leicht gar nicht mehr bewusst sind.

Die Fol­gen die­ser Loos’schen Idee des Raum­pla­nes sind aus der neue­ren und auch aus der gegen­wär­ti­gen Archi­tek­tur nicht mehr weg­zu­den­ken, und so ist die­ser Raum­plan unter Archi­tek­ten (zumin­dest als Begriff) weit­ge­hend geläu­fig. Merk­wür­dig ist nur, dass der Urhe­ber die­ses Raum­pla­nes, dass der Name Loos weit­ge­hend geläu­fig ist (volks­tüm­lich sozu­sa­gen) aus ganz ande­ren Grün­den, und das ist eigent­lich gro­tesk. Volks­tüm­lich (und am meis­ten zitiert) ist eine schein­bar lächer­li­che Arbeit, man möch­te sie, wenn sie nicht so ernst gemeint gewe­sen wäre, fast absurd nen­nen, näm­lich sei­ne gera­de­zu post­kar­ten­be­kann­te dori­sche Säu­le (fast dorisch, denn der Sockel gehört ja zum Kanon des Dori­schen nicht dazu) – die dori­sche Säu­le, die Loos Anfang der zwan­zi­ger Jah­re als Wett­be­werbs­bei­trag für das Ver­wal­tungs­ge­bäu­de der »Chi­ca­go Tri­bu­ne« einreichte.

Und zum ande­ren ist er volks­tüm­lich gewor­den durch sei­ne äußerst aggres­si­ven und äußerst geist­rei­chen Schrif­ten. Und es ist wie­der­um eigent­lich gro­tesk, dass die am meis­ten zitier­te, »Orna­ment und Ver­bre­chen«, von fast kei­nem wirk­lich gele­sen wor­den ist und so häu­fig schon vom Titel her falsch zitiert wird, näm­lich: »Orna­ment ist Ver­bre­chen«, was zwar oft so schön in den Kram passt, aber von Loos so eben nicht gemeint ist.


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