Hördatei
»Wir müssen lernen, dass Wissen Geld kostet«
Chefredakteurin Gabriele Fischer über guten Journalismus
»Die Zeiten, um Magazine zu gründen, sind immer schlecht«, stellt Gabriele Fischer fest. Die Chefredakteurin erläutert, welche Merkmale das von ihr gegründete Wirtschaftsmagazins »brand eins« auszeichnen und wie verständlich über ökonomische Themen berichtet werden kann: »Wir brauchen keine Wirtschaftsjournalisten, wir brauchen gute Journalisten.«
Illustrationen
»Wie wir überhaupt etwas verstehen«
Zwölf Arbeiten des Künstlers Olaf Probst
Der in München lebende Künstler Olaf Probst hat in den 1980er Jahren an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Kunsterziehung und intermediales Gestalten studiert. In zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen waren seine Arbeiten im In- und Ausland zu sehen.
Sein Künstlerkollege Stefan Schessl hält über ihn fest: »Olaf Probsts Anliegen kreist um die Frage, wie wir überhaupt etwas verstehen, ob wir Bilder lesen oder Bilder textlich wahrnehmen, und ob ›verstehen‹ selbst nicht vielmehr ein Fehler ist, gespeist von der Vermutung, hinter dem Erfassten müsse sich zwangsläufig etwas anderes verbergen. Er zeigt monochrome Flächen, deren Grauwert sich bei naher Betrachtung z. B. aus der repetitiven Typografie des Beinahe-Palindroms ›meinsniedeinsnie‹ zusammensetzt oder er zeigt Pinselspuren, die aus der Nähe betrachtet aus fein geschriebenen Palindromschleifen bestehen.«
Weitere Beispiele seines Schaffens und ausführliche Informationen über Olaf Probst können abgerufen werden unter: www.olafprobst.net.
Mythen des Alltags
Navigationssysteme
»Wenn möglich, bitte wenden und das Ziel überdenken!«
Ein paar Schritte in eine Richtung, am Absatz kehrt und wieder zurück. Er bewegt sich nicht, der blaue Punkt. Keine Verbindung zum Internet. Keine Orientierung. Ohne mobile Daten bleibt auch der Mensch immobil. Dann endlich ein Signal. Und er bewegt sich doch! Ein Klick auf den Start-Button und es geht los. »Auf der Stumpergasse Richtung Nordosten, dann rechts abbiegen in die Schmalzhofgasse«, meldet sich der Google Assistent zu Wort — oder folgt man lieber den Anweisungen der sympathischen Google Assistentin? Den Blick auf den Screen geheftet geht es sicheren Schrittes die gepunktete Linie entlang tief hinein in Häuserschluchten. Gleich einer Figur in einem Videospiel, ferngesteuert von Satelliten, die auf fixen Bahnen um die Erde kreisen. Fußgänger passieren ohne zu touchieren. Wie ein Eisbrecher bahnt sich der GPS-Navigierte den Weg durch die samstäglichen Shopping-Massen. »200 Meter dem Straßenverlauf folgen, dann links abbiegen, nach 100 Metern halb rechts abbiegen« — Ob das der kürzeste Weg ist? Unbeirrt wird der Irrgang fortgesetzt.
Die physische Präsenz des Fußgängers ist nicht mehr notwendig, meist kann ein Ort virtuell via Google Earth abgelaufen werden. Eine Fotografin in London erkundet Orte über Google Street View und bringt Screenshots als Souvenirs von ihren Spaziergängen in der virtuellen Welt mit.[1] Neue technische Gadgets wie Google Glass oder Head-up-Displays lösen die Grenzen zwischen Realität und Kartographie auf.[2] Im Bond-Film »Goldfinger« ist das Armaturenbrett des Aston Martin bereits mit einem Navigationssystem ausgestattet. Was im Jahr 1964 noch als futuristischer Filmgag galt, dem Geheimagenten 007 vorbehalten, ist heute längst Standard.
Der GPS-gepeilte (oder GPS-gepeinigte?) Mensch von heute steht dem »verpeilten« Flaneur des 19. Jahrhunderts gegenüber. Letzterer kennt keine Uhr und keine Stadtpläne. Diese wären bei »der Lektüre der Straße«, wie Franz Hessel das Flanieren beschreibt, nur hinderlich.[3] Orientierungslosigkeit ist ein wesentliches Merkmal des Flaneurs. Er will verloren gehen, um Unbekanntes zu entdecken und neues Terrain zu erkunden. Die moderne Stadt, in der die Verkehrsökonomie Vorrang hat, erscheint als ein lebensfeindlicher Raum für den Flaneur, der sich seine Umwelt im natürlich entschleunigten Gang auf zwei Beinen erschließt. Er wird vom Fortschritt in der Mobilität überholt und wegrationalisiert. Eine Stadt muss funktionieren, es bleibt kein Raum zum Flanieren. Der moderne, effiziente Mensch fühlt sich in ihr hingegen äußerst wohl. »Möglichst schnell ans Ziel, in möglichst kurzer Zeit«, lautet sein Credo. Alles muss vorhersehbar und berechenbar sein: die Wegzeit und Strecke zum Zielort, die Verkehrslage und Wartezeiten. Wer »per pedes« unterwegs ist, hat am Smartphone den Schrittzähler mitlaufen und lässt sich parallel noch den Kalorienverbrauch berechnen. Der neue, optimierte Fußgänger vermeidet den Umweg, aus Angst am Ende auf den Holzweg zu geraten. Er verlässt sich stattdessen auf die Technik, die, weil von Menschenhirn erdacht und maschinell gemacht, leider auch nicht unfehlbar ist. Das Navi schaltet sich ein, der Verstand aus. Besonders pessimistische Stimmen meinen sogar, dass unser Orientierungssinn verloren ginge. Doch es gibt Rettung: Einer Londoner Studie zufolge ist die Orientierungsfähigkeit trainierbar. So sind die entsprechenden Hirnbereiche von Vögeln im Winter größer, weil sie in den kalten Monaten zu ihren Futtervorräten zurückfinden müssen.[4] Und Londoner Taxifahrer sollen mit einem größeren Hippocampus ausgestattet sein, da das komplexe Straßennetz die Orientierung schwieriger macht, als beispielsweise im schachbrettartigen Manhattan. Wer also blind dem Diktat seines Navis folgt, der verfällt »in kognitive Trägheit«.[5]
Wenn das smarte Phone irrt und der Mensch dem GPS folgt, kann es schon mal passieren, dass er vom rechten Weg falsch abbiegt und im Nirgendwo landet. Lost in Navigation? In der Zeitung folgt dann die Schlagzeile: »Plagne statt La Plagne: Navi-Trottel fährt 1.200 km Umweg«. [6] Halb so schlimm, denn schließlich ist »der Weg das Ziel«, wusste schon Konfuzius. Irren ist menschlich, herumirren folglich auch. Und Umwege können manchmal zielführender sein als der direkte Weg. Daher: Wenn möglich, bitte wenden und die Routenführung beenden! Das Ziel liegt vor Ihnen.
- [1] http://www.theagoraphobictraveller.com, Stand 23.6.2021.
- [2] http://www.zeit.de/digital/internet/2014-05/kathrin-passig-gps-navigationssystem, Stand 23.6.2021.
- [3] Hessel, Franz: Ein Flaneur in Berlin. Berlin 2011
- [4] https://www.zeit.de/zeit-wissen/2015/02/orientierung-verlust-navigationsgeraete, Stand: 23.6.2021
- [5] ebda.
- [6] https://www.spiegel.de/reise/europa/navi-irrtum-busfahrer-faehrt-1200-kilometer-umweg, Stand: 11.2.2020
Buchbesprechung
»Jeden Tag einen Schlag ins Gesicht«
Bérengère Viennot über die Sprache des Donald Trump
»Wie kann man sich von einer Ohrfeige wegducken, wenn ihr Urheber so viele Arme zu haben scheint, wie die Medusa Schlangen auf dem Haupt?« (S. 40), fragt Bérengère Viennot und meint damit die Reden, Auftritte und Tweets des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.
Viennot, die seit zwanzig Jahren in der französischen Presselandschaft als Übersetzerin heimisch ist, möchte sich gar nicht mehr vor diesem Staccato an verbalen Hieben in Sicherheit bringen, im Gegenteil: Man müsse sich trauen, Trump zu übersetzen (vgl. S. 20), sei er doch nicht weniger als »Ursache und Wirkung eines neuen Amerika« (S.13). Nicht zuletzt dieser drastischen Einschätzung wegen legte Viennot mit »Die Sprache des Donald Trump« eine persönliche Deutung vor, die vor der Abwahl Trumps erschienen ist.
Die Autorin umreißt einleitend ihre Profession: »Übersetzen bedeutet, eine Botschaft aus der einen in die andere Sprache zu übertragen« (S. 15) und dennoch sei die Art des Sprechens ebenso wichtig, wie die Botschaft des Textes (vgl. S. 32). Verfügt die Übersetzerin also über kontextuelles Wissen, beispielsweise zum Umfeld der sprechenden (oder schreibenden) Person und zu den Unterschieden zwischen Ursprungs- und Zielkultur des Textes, dann endlich kann guten Gewissens mit der Arbeit begonnen werden. Kurzum: Man ist beim Transfer zwischen den Sprachen auf der Suche nach einem semantischen und syntaktischen Gleichgewicht.
Was aber tun, wenn die zu übersetzende Person einerseits das mächtigste Amt der jüngeren Menschheitsgeschichte innehat und andererseits mit dem »Wortschatz eines Sechstklässlers« (S. 38) hantiert? »Je präziser, gelehrter und zugespitzter die Begriffe, desto klarer ihre Bedeutung, während Vielzweckwörter meist unspezifischer, manchmal geradezu sinnentleert wirken« (S. 33), bringt Viennot ihre handwerklichen Probleme mit Trumps Äußerungen auf den Punkt.
Soweit die Grenzen der Sprache die Grenzen der eigenen Welt abstecken, wie der Philosoph Ludwig Wittgenstein schrieb, dürfte sich der amerikanische Präsident recht beengt fühlen: Ein redundantes »Great!«, »Sad« oder »Wow!«, das syntaktische Brachland Trumps öffentlicher Reden und die gebetsmühlenartige Revidierung der prädidiale Aussagen im Nachhinein, sei es durch ihn selbst oder mittels seiner Berater und Pressesprecher – all dies nötigt die Übersetzerin Viennot, ihre »Arbeitsweise radikal umzustellen« (S. 12).
Wenngleich die so eröffnete Perspektive – die der Spracharbeiterin nämlich – eine tiefere Analyse in Aussicht stellt, so zerfasert das Buch doch in vage zusammenhängende Essays, die den amerikanischen Ex-Präsidenten mehr als Ausgangs-, denn Mittelpunkt der dargebrachten Überlegungen begreifen.
Der Abschnitt zu Melania Trump etwa, der mit der Beteuerung beginnt, dass es kein Kapitel über die First Lady geben werde (S. 52), endet bereits fünf Seiten später dank der Einsicht, dass deren Kommunikationsstil mit Wörtern nichts zu tun habe und sich die Autorin deshalb außer Stande sehe, darüber zu schreiben.
Ebenfalls ein ganzes Kapitel widmet Viennot einer von ihr vermuteten Legasthenie des amerikanischen Präsidenten und versieht diesen Text an immerhin vier Stellen mit einem Hinweis darauf, dass sie sich hierbei außerhalb ihrer Profession bewegt und ihre Einschätzung demnach mit Vorsicht zu genießen ist – »Küchenpsychologie« (S. 92) eben.
Dennoch gewähren die geschulten Augen der Presseübersetzerin an mancher Stelle einen durchaus klaren Blick auf Trumps rhetorische Waffenkammer. Für sie steht fest, dass seine Sprache eine Form der Gewaltausübung, die Festigung seiner inhärent dominanten Position darstellt. Die Parallele zur momentane Lage der US-amerikanischen Gesellschaft offenbart sich da schon fast von selbst. Überhaupt seziert Viennot Trumps Amerika pointiert, wenngleich ihre Sicht eine sehr französische, also die einer Außenstehenden bleibt.
Essay
Ethics into Design
On the Struggle for the Right and the Good
Ethics constitutes an attempt to articulate and reflect on guidelines for human activity and conduct. Logic is the attempt to articulate and reflect on guidelines for human thought. Both ethics and logic further develop theories about the most general principles and foundations of their respective guidelines. But what is it that articulates and reflects on guidelines for that intermediary between thought and action called design?[1]
As an English word, “design” is a modern derivate of the Latin designare, to mark or point out, delineate, contrive, by way of the French désigner, to indicate or designate, and can be defined as planning for action or miniature action.[2] It is remarkable, however, that neither Greek nor Latin contains any word that exactly corresponds to the modern word “design.” The closest Greek comes to a word for “design” in the modern sense is perhaps hupographein—to write out. Much more common are simply ennoein (en,in + noein, to think) and dianoein (dia, through + noein, to think).
For the Greeks, human conduct can be ordered toward the production of material artifacts or nonmaterial goods, through ποίησις (poiesis, making), activity with an extrinsic end, or it can be taken up with πραξις (praxis, doing), activity with an intrinsic end. The pursuit of what is fitting in the domain of making is discovered through τέχνη (techne); in the domain of doing, through φρόνησῐς (phronesis). In a narrow sense phronesis is only one among many virtues; more broadly, it is the foundation of all virtue and thus coextensive with ethics.
Beyond the Greeks, planned making or doing—as distinct from simply intending to act, consideration of the ideals reflected or intended by different makings and doings, or the development of skills (technai) through practice—involves the systematic anticipatory analysis of human action. With regard to making, especially, such systematic anticipatory analysis entails miniature or modeled trial-and-error or experimental activity. In the modern context, this planning for making or rationally anticipatory miniature making, which was once severely restricted by both traditional frameworks and methodological limitations, has become the well-developed and dynamic activity of designing or design. The latter term can refer as well to the formal characteristics of the articulated plan or the static composition of the product brought forth by the scaled-up process that emerges from what has also been called “active contemplation.”[3] An alternative might be “contemplative (theoretical) action.”
The modern attempt to reflect on designing or design has engendered primarily studies of the social or aesthetic quality of designed products and analyses of the logic or methodology of design processes. The thesis here is that both aesthetic criticism and the logic of design must be complemented by the introduction of ethics into design studies, in order to contribute to the development of a genuinely comprehensive philosophy of design.
- [1] For a different but related notion of the intermediary character of design, see Mills, C. Wright (1963), Man in the Middle: The Designer. In Horowitz, ed., Power, Politics, and People: The Collected Essays of C. Wright Mills, New York: Oxford Universtity Press, pp. 374—86.
- [2] Aspects of this definition are previously developed in Mitcham, Carl (1978), Types of Technology, Research in Philosophy and Technology, vol. 1, pp. 245—48; (1991), Engineering as Productive Activity: Philosophical Remarks. In Durbin, ed., Critical Perspectives on Non-Ascademic Science and Engineering, Bethlehem, PA: Lehigh University Press, pp. 96 ff.; and (1994), Thinking through Technology: The Path between Engineering and Philosophy. Chicago, IL: University Of Chicago Press, pp. 220 ff.
- [3] Buchanan, Richard (1989), Declaration by Design: Rhetoric, Argument, and Demonstration in Design Practice. In Margolin, ed., Design Discourse: History, Theory, Criticism. Chicago, IL: University of Chicago Press, pp. 98,103.
Buchbesprechung
»Die Erde ist ein Trümmerhaufen vergangener Zukunft«
Judith Schalansky über den Reiz der Leerstelle
»Die Untrennbarkeit von Träger und Inhalt (…) ist für mich der Grund, warum ich Bücher nicht nur schreiben, sondern auch gestalten will« (S. 26), sagt Judith Schalansky und bringt damit die Besonderheit ihrer Bücher als Gesamtkonzept auf den Punkt. Die gelernte Kommunikationsdesignerin und Autorin aus Greifswald schafft durch ihren bewussten Einsatz von Gestaltungsdetails eine noch intensivere Erfahrbarkeit des Inhaltes und zeigt damit auf, welche Kraft in der Verknüpfung von geschriebenem Wort und transportiertem Inhalt möglich ist. In ihrem zuletzt erschienen Buch »Verzeichnis einiger Verluste« begibt sich die Autorin auf die Suche nach Geschichten, die das Aussterben einer Art, den Untergang einer Religion oder den Reiz der Leerstelle behandeln. Dabei nimmt Schalansky historische Ereignisse oft als Grundgerüst und verpackt sie für den Leser in eine detaillierte Beschreibung der Zeit, der Umstände und der Menschen.
In zwölf Kurzgeschichten führt sie einen Exkurs in verschiedene Zeitalter und Länder und wechselt dabei Protagonisten und Erzählstil. Die inhaltliche Gemeinsamkeit der Geschichten liegt stets im Aufzeigen von »Strategien, Vergangenes festzuhalten und dem Vergessen Einhalt zu gebieten« (S. 14). Dabei fungieren die Kapitel selbst als Medium, Geschehenes einzufangen und bereits vergessene Ereignisse wieder aufblühen zu lassen und in Erinnerung zu behalten. Denn bei den geschichtlichen Hintergründen, die separat am Anfang eines jeden Kapitels aufgeführt sind, handelt es sich um tatsächlich ereignete, erstaunliche Begebenheiten. Schalansky wählt also das Schreiben als Methode, ist sich jedoch bewusst, dass nichts »im Schreiben zurückgeholt werden, aber alles erfahrbar werden« (S. 26) kann. Schon der Einstieg in das Buch verrät die abstrakte, reflektierende Herangehensweise der Autorin und zeigt ihre Faszination für das Thema. Sie listet Ereignisse auf, bei denen etwas verloren, verschwunden, beendet oder gestorben ist, während sie an dem Buch arbeitete.
Im Vorwort geht Sie näher auf den Umgang des Menschen mit der Vergänglichkeit ein. Kulturen, Religionen und Wissenschaft hätten sich schon immer mit der Frage beschäftigt, was passiert, wenn Menschen sterben. Eine interessante Betrachtungsweise ist, dass es für den einen tröstlicher sein kann, zu wissen, dass alles ein Ende haben wird, während sich ein anderer Ewigkeit erhofft (S. 13).
Von außen lockt »Verzeichnis einiger Verluste« durch das elegante, schlanke Format und die silberne Schrift auf dem düsteren Cover. Die Grafik erinnert an das Bitmap einer Wolke, an Bruchstücke, an Zersetzung, ohne dabei abstoßend zu wirken. Das matte Einbandpapier des Buches fühlt sich angenehm an und kommt ganz ohne zusätzlichen Umschlag aus. Betrachtet man den Schnitt von außen, verrät dieser bereits eine weitere Besonderheit der Buchgestaltung. Schwarze Seiten trennen die Kurzgeschichten in gleich breite Abschnitte. Schlägt man das Buch auf und lässt die Seiten durch die Finger blättern, erkennt man erst auf den zweiten Blick, dass es sich um Farbtafeln handelt. Grafiken, welche die jeweilige Kurzgeschichte einleiten, wurden mit schwarzer Tinte auf das schwarze Papier gedruckt. Die Betrachtung der schwarzen Seiten erinnert an die Betrachtung alter Bücher, bei denen Papier und Schrift durch die Zersetzung mit der Zeit verschmelzen. Nur dem Leser, der diese Seiten bei richtiger Beleuchtung betrachtet, offenbart das Buch Zusatzinformationen.
Ähnlich geht es dem Leser womöglich mit dem Inhalt des Buches. Anfangs erscheinen die Zusammenhänge der Geschichten nicht ganz schlüssig und auch der Klappentext klingt zwar anziehend abstrakt, verrät jedoch nichts über die Form und den Aufbau des Buches. Je mehr Kurzgeschichten man liest, umso verständlicher erscheint die Methode der Autorin. Durch das Sammeln von Geschichten versucht Sie das Thema der Vergänglichkeit für sich und für den Leser begreifbarer zu machen. Dabei wirkt das Aufschreiben der Geschichten wie eine Verarbeitungsmethode, ebenso wie eine Enzyklopädie. Schalanskys persönlicher Bezug wird immer wieder sichtbar, wie beispielsweise das Kapitel »Das Schloss von Behr« zeigt. Aus den Augen ihres kindlichen Ichs betrachtet sie den Tod als eines von vielen Rätseln, dessen Frage sie nicht richtig verstanden hat. Die eigene Nahtod-Erfahrung aus naiver Neugier erklärt sie sich so: »Den Tod kannte ich noch nicht. Dass Menschen sterben, dass ich selbst eines Tages sterben würde, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft.« (S.139)
In den meisten Kurzgeschichten erinnert der Schreibstil der Kommunikationsdesignerin an Fotografien. Hinter jeder Sequenz verbergen sich bei genauerer Betrachtung zahlreiche Details. Schalansky schafft es, durch ihre Sprache Klänge, Farben, Gerüche oder Materialien zu Leben zu erwecken und den Leser so trotz extrem unterschiedlicher Szenarien abzuholen.
»Verzeichnis einiger Verluste« ist ein Buch, das durch seine unkonventionelle Art sowohl in der Gestaltung als auch inhaltlich im Gedächtnis bleibt. Vielleicht ist es gerade die Perspektive einer Gestalterin, der die Wortwahl mit Liebe für Details formt, und die einer Schriftstellerin, die sich für eine Gleichberechtigung von Form und Inhalt ausspricht, die das Buch so attraktiv machen. Sowohl optisch als auch literarisch ist »Verzeichnis einiger Verluste« eine Empfehlung für jeden, der sich für Buchgestaltung und originelle Herangehensweisen an ein Thema interessiert.
Essay
Künstliche Intelligenz und Mythen
Übernimmt KI irgendwann die Macht?
Die menschliche Welt ist ohne Algorithmen nicht mehr zu denken. Zugleich überhöht der Mensch jedoch seine eigenen Erfindungen – und verzweifelt darob fast. Die Digitalisierung erobert die Welt. Das beruht zwar zum einen auf ihren unbestritten erstaunlichen Leistungen. Zum anderen aber auch auf ihren Weggefährten: den sie machtvoll begleitenden Mythen.
Mythen sind tiefsitzende, im Sinne von C. G. Jung archetypische Erzählungen, mit denen wir Menschen uns dem »Absolutismus der Wirklichkeit« (Blumenberg) dadurch zu entziehen versuchen, dass wir ihm einen tieferen Sinn geben.
Mythos 1: künstliche Intelligenz
Ein prominentes Beispiel dafür ist der Mythos der denkenden Maschine. Vor dem Hintergrund der antiken Utopie automatisierter Arbeit (Aristoteles) und der neuzeitlichen Konzeption des Menschen als einer Maschine (La Mettrie) wird im Kontext der Entwicklung der ersten Computer im 20. Jahrhundert die Vorstellung von Denkmaschinen aufgegriffen, in der Formulierung von Pamela McCorduck: “Machines Who Think.”
Und der legendäre Alan Turing scheint schon 1950 im Titel seines epochemachenden Aufsatzes »Computing Machinery and Intelligence« die Verbindung zu einem weiteren heute dominierenden Mythos herzustellen: dem der künstlichen Intelligenz (KI). Allerdings avant la lettre. Die Bezeichnung »künstliche Intelligenz« (»artificial intelligence«) taucht nämlich erst 1955 auf: Eine Gruppe junger Wilder um den noch nicht ganz 28-jährigen John McCarthy, damals Assistenzprofessor für Mathematik, verwendet ihn prominent in ihrem Antrag auf Förderung einer Konferenz, die dann, von der Rockefeller Foundation finanziert, im Sommer 1956 am Dartmouth College stattfand. Ein häufig vernachlässigter Aspekt im Gründungsmythos der KI ist jedoch, dass McCarthy diesen Begriff bewusst wählte, um die Bezeichnungen »Automatentheorie« und »Kybernetik« zu vermeiden und so die Koryphäe Norbert Wiener nicht einladen zu müssen.
Dass die aus dieser »Dartmouth-Verschwörung« entstandene Namengebung derart erfolgreich war, lag sicher zum einen daran, dass die jungen Wilden die Mehrdeutigkeit des Begriffs »Intelligenz« nicht nur in Kauf nahmen, sondern geradezu zu einem Markenzeichen machten. »Artificial intelligence« bedeutet nämlich im Englischen auch etwas so Unspektakuläres wie »technische Informationsverarbeitung«, und allein daraus hätte kein Mythos entstehen können. Zum anderen aber überlebte der Digitalisierungsmythos der denkenden Maschine und der künstlichen Intelligenz die zwei als »KI-Winter« bekannt gewordenen herben Rückschläge nicht zuletzt deswegen, weil sich zu Beginn unseres Jahrhunderts zwei stützende Mythen um sie herum zu ranken anfingen.
Mythen des Alltags
Rot werden
Wenn’s einem ins Gesicht geschrieben steht
»Mein Gegenüber ist nackt, mein Gegenüber ist nackt, mein Gegenüber ist nackt.« Dieses Mantra soll man sich immer und immer wieder vorsagen und vorstellen. Das soll helfen, nicht rot zu werden, so verspricht es zumindest das top-gerankte YouTube-Video: »nicht rot werden - zwei psychologische Tricks die SOFORT helfen!«. Funktioniert: nicht. Wie auch? Eine derartige Vorstellung von seinem Gegenüber ist schließlich die perfekte Vorlage für ein purpurfarbenes Gesicht. Soforthilfe durch ein Versprechen, das genau das Gegenteil bewirkt – danke, YouTube.
Ein leichtes Kribbeln macht sich auf der Nase breit, zieht sich immer weiter nach links und rechts über die Wangenknochen bis hoch an den Haaransatz – oder sogar noch weiter? Kann die Kopfhaut rot werden? Wie ein Pelz überzieht es das komplette Gesicht. Ein starker Wille hilft jetzt auch nicht mehr. Die Blutgefäße erweitern sich. Das Gesicht pocht. Die Schamröte kommt zu ihrem Höhepunkt … Wäre das nicht schon unangenehm genug, hat man nun auch noch den Faden verloren. Und das alles vom ganzen »Bloß-nicht-rot-werden-Gedenke«. Den Satz jetzt bloß irgendwie zu Ende bringen und dann erstmal still sein. Rückzug, runterfahren, Blut aus dem Kopf fließen lassen.
Jetzt hilft auch kein »ach, das ist doch total charmant, wenn Sie rot werden«, das wäre vergleichbar tröstlich, wie gesagt zu bekommen, dass der fette Eiterpickel knapp über dem Mund, tagelang malträtiert, blutig gekratzt, und mit zu dunklem Make-up zu gespachtelt, Ähnlichkeiten mit einem Schönheitsfleck habe.
Darwin war der Auffassung, dass das Erröten die wohl »charakteristischste und menschlichste aller Ausdrucksformen«[1] sei. So galt es Ende des 19. Jahrhunderts sogar als schick, zu erröten. Einem roten Schädel wurde innerer Anstand, menschliche Würde und Moralempfinden[2] beigemessen. Schön.
Auch schön, dass wir laut Wissenschaftlern heute noch Menschen, die erröten, sehr viel nachsichtiger behandeln, sie für freundlicher, sympathischer und besonders vertrauenswürdig halten, selbst dann, wenn sie schon mal unzuverlässig waren.[3] Doch all diese Erkenntnisse können den Moment des Grauens, die feuerroten Wangen und das Sich-dessen-bewusst-werden nicht beschönigen.
So gerne teilen wir Emotionen mit der weiten Welt. Das vorteilhafte Selfie: nett lächeln, verführerisch inszenieren, heldenhaft posieren, komisch dreinschauen oder melancholisch in die Ferne blicken. Alle Ausdrucksformen haben eines gemein: die Möglichkeit der Kontrolle. Mit dem Rot-Werden ist das anders, das passiert einfach. Zack – das Sinnbild für Unsicherheit und Scham steht einem heiß ins Gesicht geschrieben. Und das lässt sich eben nicht so einfach mit einem Filter endsättigen.
Man kann das Blatt nun drehen und wenden wie man will, es bleiben drei Optionen: keine Interaktion mit anderen Menschen, eine Maske tragen, oder Darwin glauben schenken und damit leben lernen.
- [1] Darwin, Charles: The Expression of the Emotions in Man and Animals. London 1872. S. 310. Übersetzung: Theresa Haugg.
- [2] https://www.businessinsider.de/warum-erroeten-manche-menschen-2019-5, Stand: 23.6.2021.
- [3] https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/koerpersignale-die-sprache-der-haut-1.1666124-2, Stand: 23.6.2021.
Hördatei
»Das Bild ohne Text ist hoch missverständlich«
Der Kurator Andres Janser über die Qualität der Knappheit
Wieviel Text können wir heute noch in einer Ausstellung vertragen? Wie lassen sich Informationen einem breiten Publikum auch in Zukunft am besten vermitteln? Und wie kann man sich vor der Manipulation durch Bilder schützen? Über Risiken und Nebenwirkungen von Bildern spricht Andres Janser, der Kurator des Museums für Gestaltung Zürich.
Er stellt zudem dar, wie man eine Ausstellung konzipiert, welche Schwierigkeiten dabei bestehen und welche Momente in seiner Arbeit einen besonderen Eindruck hinterlassen haben.
[Redaktioneller Hinweis: Im Interview wird mehrfach Bezug genommen auf die von Andres Janser konzipierte Ausstellung »Wissen in Bildern – Informationsdesign heute«; sie war im Museum für Gestaltung Zürich zu sehen.]
Mythen des Alltags
Grillen
Über die Selbstverwirklichung am Rost
Wenn man beim ersten warmen Wetter im Frühling durch die Straßen läuft, kann man es mit sämtlichen Sinnen erfahren: Die Grillsaison ist eröffnet. Zu Rauchschwaden klingt gute Laune und Geselligkeit aus den Gärten. Aus allen Richtungen fliegen einen Gerüche an, die Lust auf das machen, was dort zubereitet wird.
Dabei ist Grillen nicht einfach nur Grillen. Grillen könnte zwar ganz einfach gestaltet werden – mit einer Wurst auf einem zugespitzten Holzstab über dem Lagerfeuer –, muss es aber nicht. Egal ob Grillgut, Grill, Beilagen oder Getränke – inzwischen gehört es beinahe zum guten Ruf, seine eigene Persönlichkeit beim Grillen zu entfalten. Dabei landet das Rindersteak noch relativ klassisch auf dem Rost, aber Rindersteak ist nicht gleich Rindersteak. Es gibt verschiedene Cuts wie das in Frankreich beliebte Entrecôte oder das in der USA beliebte T-Bone-Steak, und man kann das Steak »rare«, »medium« oder »well done« garen.
Ähnlich, nur noch viel komplizierter, stellt sich das Ganze bei Gemüse dar. Man kann die Zucchini als Scheiben in Kräuter und Olivenöl mariniert oder mit einer leckeren Frischkäsefüllung grillen. Womit wir schon beim Thema wären: Der Vegetarier bringt seinen Grillkäse mit, egal ob Halloumi oder Camembert – Hauptsache, er kommt nicht mit dem Fleisch in Kontakt, und alle Nicht-Vegetarier dürfen nachher auch noch probieren. Da der Grillrost für all diese individuellen Wünsche schon jetzt viel zu klein ist, wird zur weiteren Darstellung des eigenen »lifestyle« auf die Salattheke zurückgegriffen. Wer einen klassischen Nudel- oder Kartoffelsalat mitbringt, lässt diesen meist noch von Mama oder Oma machen, denn nur dann schmeckt er so richtig lecker. Ansonsten finden sich außergewöhnliche Kombinationen aus Avocado, Quinoa und Kichererbsen mit noch außergewöhnlicheren Limetten-Honig-Dressings auf Walnussöl-Basis.
Aber warum lieben wir alle das Grillen so sehr? Es geht dabei – auch wenn dies die selbsternannten Experten am Grill sicherlich nicht gerne hören – nicht nur um das saftige Steak oder die krosse Zucchini. Nein, das gute Essen ist nur einer der Genüsse, der aus Grillen ein soziales Event der Freude macht. Neben den zugegeben leckeren Speisen und der ab und zu vielleicht zu gut gemeinten Zutatenschlacht und Selbstinszinierung treffen wir Freunde, unsere Familie oder Nachbarn. Dabei erleben wir gemeinsam tolle Stunden und führen interessante Unterhaltungen bei bestem Wetter und einem leckeren Glas Rotwein oder selbstgemachter Limonade. Es ist egal, ob es sich um das deutsche Grillen, das amerikanische Barbecue oder das südafrikanische Braai dreht – auf der ganzen Welt lassen wir den Alltag hinter uns und genießen einige Stunden Urlaub und legen unseren Fokus auf das Wichtige: das Essen.











