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»Rhetorik ist immer und überall«
Für Bernd Steinbrink hat die Redekunst umfassende Gültigkeit
Bernd Steinbrink sieht in der Rhetorik eine umfassende Disziplin, um in jeder Hinsicht und in jedem Medium zu kommunizieren. Im Gespräch erläutert der Kieler Professor, warum die jahrtausendealte Wissenschaft auch auf neueste Medien anwendbar ist und wie es um die Rhetoriklehre in Deutschland bestellt ist.
Gerade für das Verständnis der Wechselwirkung von Text und Bild biete die Rhetorik wertvolle Ansätze, so Steinbrink, der gerne einmal ein Buch darüber schreiben würde, wie sich die Statuslehre auf moderne Kommunikation anwenden lässt.
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»Die Schwelle zwischen Defekt und Effekt«
Viktoria Kirjuchina verknüpft Design- und Hirnforschung
Als Teil der Forschungsgruppe TRACE (Transmissions in Rhetorics, Arts and Cultural Evolution) schreibt die Kommunikationsdesignerin Viktoria Kirjuchina an ihrer Promotion. Im Interview legt sie ihre Motive dar, im Designbereich zu promovieren. Die Grundlagen der Rhetorik böten ihr dafür eine Anschlussmöglichkeit an unterschiedliche Wissensgebiete und vereinfachten interdisziplinäres Arbeiten. So sei mehr zu erfahren über die Wirkung von Design, man könne »tiefer in die Köpfe der Menschen zu sehen«.
Kirjuchina betont, dass Designforschung nicht darauf abziele, den Designprozess auf eine Formel zu reduzieren, aber helfen könne, effektiver zu arbeiten. »Die Regeln sind Zielsetzungen, die einem helfen, den Kreativprozess in die richtigen Bahnen zu lenken.«
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»Als Designer ist man schneller getaktet«
Julia Meer über Gestaltung und Wissenschaft
Julia Meer spricht über die Herausforderungen, die das Zusammenspiel und der Wechsel zwischen Designtätigkeiten und wissenschaftlichem Arbeiten mit sich bringen. Am Exzellenz-Cluster »Bild – Wissen – Gestaltung« der Humboldt-Universität zu Berlin geht sie der Frage »Was macht das Bauhaus so aktuell?« nach.
Im Interview reflektiert Julia Meer ihre eigene Arbeitsweise und »die Auseinandersetzung mit der eigenen Profession«.
Buchbesprechung
»Es gibt nichts dazwischen«
Reins, Classen und Czopf sagen: »Text sells«
Ein wahres Kompendium legt der Mainzer Hermann Schmidt Verlag da vor: Lesestrecken, sehr viele Interviews, strategische Anleitung, Übungen, das alles enthält das 2015 erschienene Buch »Text sells« der drei Autoren Armin Reins, Veronika Classen und Géza Czopf. Und es sieht auch noch gut aus, glänzt mit edlem Papier, Lesebändchen und goldenen Seiten.
Die Autoren gehen in drei Teilen vor: »Wie Sprache ihr Ziel erreicht«, »Elf Corporate Language Cases« und »Sprache, die wirkt«. Sie lassen Marketing-Chefs und erfolgreiche Gründer zu Wort kommen, geben verschwenderisch eigene Erfahrungen weiter – sie alle sind renommierte Profis –, sprechen aber auch mit Telefonseelsorgerinnen, Alt-Rocker Udo Lindenberg und Boxtrainer Ulli Wegner. Allen ist gemeinsam, ihr Geld mit Sprache zu verdienen oder dank eines ganz bestimmten Sprachstils Bekanntheit erlangt zu haben. Und darin unterscheidet sich der Wälzer von vielen anderen Ratgebern zum besseren Texten: Er reißt ein Fenster auf, blickt über Genregrenzen, erfasst sehr vieles von dem, was in Unternehmen (und auch sonst) gesprochen und geschrieben wird, von der Email bis zum Claim, vom Dialog im Schnellimbiss (»Ketchup oder Majo?«) bis zur Abwesenheitsnotiz.
Es geht um eine »gemeinsame Sprache« als Haltung jedes Mitarbeiters in einer Organisation. Die ist bei »Ikea« anders als beim Software-Hersteller »Lexware«. Es gehört zu den Stärken des Buches, nichts auf eine Linie bringen zu wollen. Vielmehr gehe es darum, eine eigene Sprache zu finden und die konsequent durchzuhalten. Diese Quintessenz überzeugt.
Und dennoch gibt es Grundregeln, die in der schreibenden Zunft aber eher zu den alten Bekannten gehören: Verständlich, bildhaft, kurz – das sind die goldenen drei Begriffe, um die sich nicht erst seit der Erfindung der »Corporate Language« alles im professionellen Schreiben dreht. Hinzu kommt eine Erkenntnis aus den Büros der Marketingexperten: Nicht das Produkt habe in Zeiten sozialer Medien im Zentrum der gelungenen Unternehmenskommunikation zu stehen, sondern der Mensch, der Kunde, die »Zielgruppe«. Auch das hat man schon andernorts gelesen.
Andernorts ist man aber weniger gründlich und weniger unterhaltsam. Reins, Classen und Czopf machen sich nicht nur die Mühe, Abstraktheit anzuprangern, sie liefern gleich zuhauf korrigierte Pressemitteilungen und Mailings. Sie zeigen an den Kampagnen ihrer Interviewpartner, wie pfiffig Werbung wirken kann, wenn die Botschaft stimmt – und nicht zuletzt schreiben sie selbst so eloquent wie leicht lesbar. Manche Überraschung ist inklusive, zum Beispiel das Geständnis des Abteilungsleiters »Brand Design« bei der Firma »Philips«. Mark Churchman berichtet, man habe in Testreihen herausgefunden, dass Frauen bei der Wahl von Haartrocknern weniger auf das Versprechen, geschmeidiges Haar zu bekommen, geben als auf die simple technische Information »2100 Watt« (s. S. 191): »… bei näherer Betrachtung hatten wir gemerkt, dass unsere Zielgruppe für diese Haartrocknerkategorie eine Art ›Code‹ verwendet.« (ebd.) Auch diese Lehre lässt sich aus der Publikation und aus den Antworten der Gesprächspartner ziehen: An der Marktforschung kommen auch Texter nicht vorbei. Der Kunde ist immer für eine Überraschung gut.
In den meisten Grundpositionen sind sich die Gesprächspartner der Autoren einig und bisweilen scheinen sie auch das Sprachrohr für das zu sein, was die Interviewer am liebsten selbst sagen würden. Das beruhigt einerseits, scheint es doch verlässliche Erfolgsrezepte zu geben, sorgt aber auch für Längen und Wiederholungen. Paradoxerweise stellt der Band nämlich genau jene Mischung dar, die es laut Armin Reins in seinem Artikel über das Leseverhalten unbedingt zu vermeiden gilt: »Es gibt entweder Texte für Informationsleser oder Erlebnisleser. Ich wage die Behauptung: Es gibt nichts dazwischen.« (S. 47)
Negativ betrachtet könnte das dem Buch zum Vorwurf gereichen: Für die einen ist zuviel Interview-Beiwerk enthalten, für die anderen zu viele Anleitungs- und Übungstexte. Man könnte aber auch den Schluss ziehen, dass gerade diese Mischung »Text sells« zu einer unterhaltsamen Lektüre und fachlichen Besonderheit macht.
Rede
Worauf es ankommt
Über die durchaus politische Rolle der Gestalter
An der Hochschule Konstanz hielt der im Allgäu arbeitende Gestalter Andreas Koop eine Rede an die Absolventen der Studiengänge Kommunikationsdesign, in der er grundsätzliche Fragen über die Rolle der Gestlatung in unserer Gesellschaft aufwirft. »Sprache für die Form« veröffentlicht im Folgenden das Manuskript dieser Rede.
Trotz aller »partiellen Beschaulichkeit«: Es verändert sich etwas auf dieser Welt. Und wir als Gestalter werden darin unsere Rolle finden müssen. Vielleicht ist es ja ein wenig gemein und ketzerisch zu fragen: Was wäre eigentlich, wenn es gar kein Design gäbe? Die eigene Rolle, der Einfluss, Wert, Nutzen, Sinn – all das kann man ganz gut absehen und abschätzen, wenn man es einmal genau andersherum versucht zu sehen. Wäre die Welt wirklich so viel ärmer?
So lange gibt es uns als Gestalter und unsere Profession ja noch nicht. »Beruf« mag man gar nicht sagen, in solch einer »ambulanten Branche«, die wenig »Ständisches« hat, wenig Gemeinsames oder Übergreifendes – und für die meisten im »gemeinen Volk« ohnehin auch wenig Greifbares.
Schauen wir auf unsere Kollegen von der Architektur. Die Architektur hat eine längere Geschichte, reflektiert sich über die Architekturtheorie auch schon seit längerem selbst, hat ein klarer umrissenes Feld und einen nachvollziehbareren und auch geschützteren Status, ob das jetzt immer gut ist oder nicht, steht nicht zur Diskussion – jedenfalls kann nicht jeder einen Bauantrag einreichen, aber alle lustig eine Datei in Druck geben. Also: Was wäre die Welt ohne Architektur? Der Blick auf unsere Städte, aufs Land, auf Industrie- oder Neubaugebiete lässt zweifeln. Warum fühlen wir uns in historischen Altstädten aber so wohl? Hier gab es sicher keinen Flächennutzungsplan, keine Bausatzung und keinen Bebauungsplan. Woher kommt der Charme? Warum wollen alle in Altbau-Wohnungen leben? Liegt es gar am Imperfekten, dem wir ansonsten überall versuchen, den Garaus zu machen? Sicherlich sind die Aufgaben heute komplexer, der Raum weniger, die Menschen mehr und ihre Wünsche erst recht.
Ob mit oder ohne Architekten und Designer auf der Welt – eines scheint es schon immer zu geben: ein Bedürfnis nach dem Schönen, dem Ästhetischen. Und dieses Bedürfnis gibt es vermutlich schon so lange wie die Menschen selbst. Das ist legitim, wichtig, ernstzunehmen – und für Gestalter eine Chance. Unser Büro hat kürzlich für das UNESCO-Weltkulturerbe »Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen« gearbeitet und für die verschiedenen Projekte und einzelnen Orte das Erscheinungsbild und die verschiedenen notwendigen Anwendungen erarbeitet. Da wurde nicht nur mir bei einer der zahlreichen Abbildungen von Funden aus der Bronzezeit wieder einmal bewusst, seit wann es bereits Gestaltung, also Design, gibt.
Da war eine ganz bestimmte Axt, ihre grundsätzliche Form ist wie bei praktisch allen aus dieser Zeit – und doch war sie entscheidend anders. Ihr Stil war verziert – und zwar wirklich großartig! Um das Holz war eine Birkenrinde angebracht, die ein feines geometrisches Muster mit zahllosen Ausstanzungen hatte. Die Verzierungen waren äußerst kleinteilig und schufen mit den zwei unterschiedlichen, kontrastierenden Ebenen, ja, man kann es kaum anders nennen, ein großartiges Design. Auch wenn man bezweifeln mag, dass diese Axt oft zum Baumfällen benutzt wurde – vermutlich wäre ihr Griff sogar funktional gewesen, da er rutschfester war. Irgendwie ja auch kein Wunder, dass man so ein »Werkzeug« in der Schweiz gefunden hat …
Bemerkenswert ist an der Bronzezeit auch, dass hier bereits die Spezialisierung Fahrt aufnahm. Eine Arbeitsteiligkeit entstand, man versuchte die Produktivität zu erhöhen. Die einen schmiedeten, die anderen töpferten. Und, überaus faszinierend, die verschiedenen Berufe und Tätigkeiten hatten schon einen unterschiedlichen Wert. Die Zeit des Töpferns war also nicht gleich bewertet wie die des Schmiedens. Spätestens dabei entsteht die Grundlage für Differenz, für Differenzierung – und folglich Distinktion. Pierre Bourdieu ist wahrlich relevant für uns alle; und das schon lange.
Jetzt kann man sich natürlich fragen, und da ist diese Axt wieder kein schlechtes Beispiel, welche Rolle hat Gestaltung eigentlich? Dient sie dazu, im Geiste von Werkbund und Bauhaus, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben sollte, gute, also formal gute und auch funktional gute Dinge zu haben und sich leisten zu können? Oder geht es darum, eine fein abgestufte Form der Distinktion – einhergehend mit der entsprechenden Wertschöpfung – zu gestalten, die ja auch im Soziologischen ihre Bedeutung und Funktion hat, wie auch immer man sie aus anderer Perspektive beurteilen mag. Oder ist es an sich schon redlich, gut und sinnvoll, wenn etwas, das in die Welt kommen soll, zumindest auch gut aussieht (gut lesbar ist, leicht verstanden wird und so weiter). Also in diesem Sinne ist schöner ja bereits schon besser, aber, und dazu kommen wir noch: Besser ist schöner!
Essay
Szenografie als rhetorische Disziplin
Ausstellungsgestaltung arbeitet mit persuasiven Strategien
Immer häufiger finden sich in der aktuellen Kulturlandschaft Ausstellungen, die in ihrer Ausgestaltung nicht nur informieren und belehren, sondern vor allem unterhalten wollen. Die recht junge Disziplin der Szenografie[1] hat sich darauf verschrieben, durch multimodale Inszenierungen Umgebungen zu schaffen, die dem Besucher die zu vermittelnden Themen nicht nur darstellen, sondern sie durch ein durchkomponiertes »Storytelling« erzählen. Sowohl inhaltliche Konzeption als auch die kommerzielle Reichweite vieler Ausstellungen lassen hierbei jedoch vermuten, dass es nicht ausschließlich darum geht, einen Inhalt durch narrative Einbettung zugänglicher zu vermitteln. Der deutliche Einfluss werbepsychologischer Mittel sowie das immer größer werdende Angebot an kommerziellen Begleitprodukten zeigen, dass eine derartige Konzeption die Absicht verfolgt, den Besucher nicht nur von der Ausstellung an sich, sondern auch von der dahinter stehenden Marke zu überzeugen. Die Annahme liegt also nahe, die in Planung und Ausformung festgelegte Erscheinungsweise einer Ausstellung als eine Form der Persuasion anzunehmen, was besonders durch die zunehmend zu beobachtende gestalterische Absicht einer emotionalen Stimulierung des Besuchers deutlich wird.
Um Missverständnissen vorzubeugen, muss gesagt werden, dass diese Perspektive in keiner Weise den kuratorischen und künstlerischen Eigenwert einer Ausstellung herabsetzen möchte, sich jedoch die Frage stellt, mit welchen Mitteln die Szenografie Strategien befördern kann, die einer rhetorischen Betrachtung standhalten und auf welche Weise diese persuasiv funktionieren können.
Wie Räume Geschichten erzählen
Dass mittlerweile selbst grundsätzlich kunstferne Einrichtungen wie Volkshochschulen, Einkaufszentren, Banken oder Vereine Ausstellungen hervorbringen, zeigt, wie sehr sich in den vergangenen Jahrzehnten ein höchst kommunikatives und prestigeförderndes Potenzial dieses Mediums herausgebildet hat. Somit investieren besonders große Konzerne und Wirtschaftsunternehmen, aber auch kapitalstarke Museen immer mehr in Ausstellungen, die den Besucher durch eine eindringliche Inszenierung bewegen und prägen sollen. Im Gegensatz zur klassischen, besonders noch im Kunstmuseum zu findenden Gestaltung, die vorrangig mit der unmittelbaren Darbietung von Originalen operiert, geht es der Szenografie um die Hervorbringung einer illusionserzeugenden Erlebniswelt zur Vermittlung einer speziellen Botschaft. Während es im ersten Fall also besonders um eine angemessene und wirkungsvolle Präsentation der Objekte geht, kümmert sich die Szenografie explizit um den Raum und dessen Inszenierung.
Dabei geht es vor allem darum, die Eigenständigkeit der Dinge aufzulösen und sie in ein übergeordnetes Konzept einzubringen. Eben dies führt zu dem Konzept des »Storytelling«, eine Methode, die das »Atelier Brückner«, eine der international führenden Agenturen für Szenografie, als ihr Kredo formuliert. In der Absicht, »Objekte zum Sprechen zu bringen«, werden Exponate und räumliche Gestaltungselemente vom Szenografen als »Erzähler« und »Dichter«[2] arrangiert und in einen neuen Kontext gebracht, den sich der Betrachter im Raum dialogisch erschließen kann. Das grundsätzlich vorhandene narrative Potenzial einer Ausstellung ist dabei durch die besondere Wahrnehmung des Besuchers im Raum bestimmt, die nicht alleine durch die Objekte und deren Inszenierung, sondern ebenso von den raum-zeitlichen Umständen ihrer Erkundung geprägt wird. Dem »Atelier Brückner« zufolge spricht eine in Erzählform gestaltete Ausstellung eine »archaische (…), tief im menschlichen Urbedürfnis wurzelnde«[3] Neigung zur Weiterreichung von Geschichte(n) und Wissen an, die umso wirkungsvoller ist, als der Adressat durch einen performativen Akt in eine Geschichte integriert und somit selbst Teil dieser Geschichte wird.
Das Besondere an der Ausstellungsnarration ist, im Vergleich zu anderen narrativen Formen, der ständige Anspruch auf Authentizität sowie auf einen verlässlichen Wahrheitsgehalt des Dargestellten. Zwar kann dabei zum Zwecke der nachhaltigen Vermittlung ein gewisser, an unterhaltende oder emotionalisierende Elemente gebundener, geistiger Transfer vom Besucher gefordert werden, dennoch steht dahinter in der Regel eine auf akribisch recherchierten Fakten beruhende Botschaft. Auf diese Weise erlangen die dargestellten Geschichten einen besonderen Reiz, da der Besucher ständig oszilliert zwischen Unterhaltenwerden durch informations- und narrationsbegleitende Inszenierungsmaßnahmen und dem sukzessiven Erfahren von Faktenwissen durch Texte und Exponate.
Bei einem Blick in die aktuelle Ausstellungslandschaft zeigt sich jedoch sowohl in kunst- als auch themenbezogenen Ausstellungen relativ eindeutig, dass der Sinn und Zweck hinter den immer populärer werdenden narrativen Gestaltungsweisen nicht alleine darin bestehen kann, die Besucher mit Geschichten zu unterhalten. Bestätigt wird dies, wenn in Fachbüchern über Ausstellungsgestaltung vom Besucher als »Verbraucher« gesprochen wird, der am Ort des Geschehens möglichst lange aufgehalten werden soll, oder zum Einsatz werbepsychologischer Mittel geraten wird[4]. Die zentrale Motivation der Szenografie besteht somit darin, Wege und gestalterische Methoden zu finden, die den Besucher nicht nur affektieren, sondern nachhaltig prägen. Mit den Worten von Aristoteles ließe sich somit sagen, es gehe den Szenografen darum, »bei jedem Gegenstand das möglicherweise Glaubenserweckende zu erkennen«[5] und entsprechend gestalterisch herauszuarbeiten.
- [1] vgl. Barthelmes, Christian; den Oudsten, Frank: Szenografie. Atelier Brückner 2002—2010: Narrative Räume. Ludwigsburg 2011.
- [2] a. a. O., S. 68.
- [3] ebd.
- [4] Dernie, David: Ausstellungsgestaltung: Konzepte und Techniken. Ludwigsburg 2008. S. 23 sowie S. 11.
- [5] Aristoteles: Rhetorik. 5. Auflage. München 1995. S. 12.
Tagungsankündigung
»text | text | text« – Tagung über Interdisziplinarität
Im Juni 2016 wird in Konstanz über das Schreiben debattiert
Wer schreibt, bezieht sich in der Regel auf andere Texte. Wo aber verlaufen die Grenzen zwischen Zitat und Plagiat? Solchen und ähnlichen Fragen will die Tagung »text | text | text – Zitat, Referenz, Plagiat und andere Formen der Intertextualität« nachgehen. Sie findet am 10. und 11. Juni 2016 an der Hochschule Konstanz statt und wird vom dortigen »Institut für professionelles Schreiben« gemeinsam mit dem Schweizer »Forum wissenschaftliches Schreiben« veranstaltet.
Viele Plagiatsaffären haben für Aufmerksamkeit und Rücktritte gesorgt. Auch die Hochschulen sind alarmiert, prüfen die Texte ihrer Studenten mit Plagiats-Software und ringen um den seriösen Ruf der Wissenschaften. Schreiben allerdings – und gerade wissenschaftliches Schreiben – ist ohne Referenzen und Zitate kaum möglich und auch nicht wünschenswert. Schließlich gehört der Rückgriff auf das bereits Erreichte zu den Grundvoraussetzungen aktueller Forschung. Es ist tägliches Geschäft von Autoren, die Argumente anderer heranzuziehen, abzuwägen und zu bewerten. Denn Position beziehen kann nur, wer die anderen zur Kenntnis nimmt. Texte sind so gleichzeitig Inspirationsquelle und Vorbild für andere Schreiber.
Die Konstanzer Tagung beleuchtet das Feld der Intertextualität in Ausbildung und Beruf unter einem wissenschaftlichen und einem didaktischen Blickwinkel. Sie richtet sich an Forscher, die sich täglich in wissenschaftlichen Diskursen austauschen, an Studenten, aber vor allem auch an Dozenten und Berater, die korrektes wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben vermitteln.
Vier Plenarredner werden Schwerpunktreferate halten, in denen sie das Thema »Intertextualität« aus ihrer Sicht beleuchten: Prof. Dr. Gert Ueding, emeritierter Ordinarius für allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen und Herausgeber des »Historischen Wörterbuchs der Rhetorik«; Prof. Dr. Martin Luginbühl, ab Frühjahr 2016 Professor für germanistische Linguistik an der Universität Basel, bis dahin Inhaber des Lehrstuhls für deutsche Sprachwissenschaft an der Université de Neuchâtel; Prof. Dr. Martin Hielscher, Programmleiter für Literatur im Verlag C. H. Beck in München und Honorarprofessor an der Universität Bamberg; Prof. Dr. Volker Friedrich, Professor für Schreiben und Rhetorik an der Hochschule Konstanz sowie Direktor des »Institutes für professionelles Schreiben« (IPS), das gemeinsam mit dem »Forum wissenschaftliches Schreiben« (FWS) Gastgeber der Tagung im L-Gebäude der Hochschule Konstanz ist und das ist in diesem Jahr zehnjähriges Bestehen feiert.
Neben den großen Vorträgen gibt es für Teilnehmer die Möglichkeit, ihre eigene Arbeit zu präsentieren oder Diskussionsrunden zu leiten. Bereits am Vortag, am Donnerstag, 9. Juni 2016, findet ein Pre-Conference-Workshop für Promovenden statt.
Weitere Information und Anmeldung unter folgender Internetseite: http://www.htwg-konstanz.de/Tagung-Intertextualitaet-2016.7556.0.html
»Sprache für die Form« wird – voraussichtlich in der Herbstausgabe 2016 – über die Tagung berichten.
Frage und Antwort
»Doch was macht man dann mit der freien Zeit?«
Theo Wehner blickt auf die Zukunft der Arbeit
Seit 1989 beschäftigt sich Prof. Dr. Theo Wehner in seiner wissenschaftlichen Arbeit mit psychologischer Fehlerforschung, dem Verhältnis von Erfahrung und Wissen, kooperativem Handel und psychologischer Sicherheitsforschung. In Wehners Forschung ist sowohl quantitatives als auch qualitatives empirisches Vorgehen zentral. Da er Arbeitgeber und Arbeitnehmer in den Blick nimmt, sind sein Forschungsergebnisse relevant für die alltägliche, betriebliche Lebenswelt – auch in der Kreativwirtschaft.
Gegenüber vergangenen Verhältnissen werde unsere tägliche Arbeitszeit immer kürzer, gleichzeitig finde eine inhaltliche Verdichtung statt. Wir entwickeln uns, so Wehner, immer mehr von einer Arbeitsgesellschaft hin zu einer Tätigkeitsgesellschaft und beginnen mehr und mehr unser eigenes Tun zu hinterfragen. Wie korrespondiert die alltägliche Arbeit mit »den eigenen Werten«? Dieser Frage stellt sich Theo Wehner im Interview und kommt zu der Ansicht, dass Arbeit nicht »Maloche« sein muss, sondern zu einem Sinn erfüllenden »Tätig-Sein« werden kann.
Wie werden wir in Zukunft arbeiten?
Die Zukunft ist unbekannt. Danach muss man einen Punkt machen. Wir sind nicht fähig, in die Zukunft zu schauen. Niklas Luhmann hat einen schönen Text geschrieben über den Nutzen der unbekannten Zukunft, und Dirk Baecker interpretiert den Sachverhalt besonders anschaulich. Warum sind wir evolutionär nicht ausgestattet, die Zukunft zu sehen? Dass wir die Zukunft nicht wahrnehmen können, ist eine Schutzfunktion. In der jüdischen Mystik sagt man, die Vergangenheit liegt vor und die Zukunft hinter einem, denn wir können sie ja nicht sehen. Wenn ich also über die Zukunft nachdenke, die hinter mir liegt, bringe ich die Vergangenheit in die Gegenwart. Günter Grass machte eine schöne Wortschöpfung, er sprach von der »Vergegenkunft«. Er vergleichzeitigte also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Man kann also zurück in die Zukunft schauen, in dem wir das, was wir hinter uns haben, vor uns legen und dann zum Beispiel fragen: Wie ändern sich unsere Arbeitsplätze?
Die erste Antwort ist einfach: Arbeit und Arbeitsplätze haben sich immer verändert und werden auch in Zukunft nicht konstant bleiben. Doch keine Veränderung bestand jemals nur aus qualitativen Sprüngen, sondern eher aus quantitativen Zuwächsen: Schritt für Schritt. Maschinen wurden nicht von Göttern erschaffen und waren plötzlich da. Der Drang nach Automatisierung begann bereits in archaischen Kulturen und damit deutlich früher, als die Visionen der Jetztzeit dies zu suggerieren versuchen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Veränderungen eher inkrementell anstatt radikal, disruptiv erfolgen. In den 90er Jahren entstanden Fantasien von der menschenleeren Fabrik. Technisch wäre es machbar gewesen, warum hat man es dann nicht realisiert? Das liegt daran, dass eine menschenleere Fabrik ein ganz anderes Problem zu lösen hätte. Welcher Bezug besteht dann noch zum Produkt, zu einem Automobil etwa? Schnell wurde klar, es gibt Teile in der Montage, die wird man nie automatisieren können, und es gibt andere, die müssen schleunigst automatisiert werden.
Was sich graduell ändern wird, ist die Arbeitszeit. Wir werden weniger Arbeiten und das ganz deutlich. Wir könnten bereits heute weniger arbeiten, doch was macht man dann mit der freien Zeit? Die Versprechen der Freizeitindustrie haben sich nicht bewahrheitet. Heute ist klar, dass die Stressoren in der Freizeit mindestens so gesundheitsschädlich sind wie die am Arbeitsplatz. Refugien zu schaffen, reicht also nicht aus. Einen qualitativen Sprung sehe ich in der Entwicklung von einer Arbeitsgesellschaft hin zu einer Tätigkeitsgesellschaft. Die Erwerbstätigkeit ist nur eine Form des Tätigseins, es gibt aber dutzend weitere. Die Arbeitstätigkeit ist für uns die zentrale, die existenzsichernde Tätigkeit. Dabei sind Einkommen und Arbeit vielleicht zu eng miteinander verbunden. Diese Zwangskopplung wird sich immer stärker lockern, es wird sich ein Stück weit entflechten, so dass wir lernen, wie wir auch über andere Formen ein Auskommen generieren können. Vielleicht wird es etwas wie ein Grundeinkommen, unter Umständen gar ein bedingungsloses Grundeinkommen geben, denn dann kommen Menschen in die Situation, dass sie intrinsisch motivierten Beschäftigungen nachgehen und dabei Gestaltungsautonomie haben. Der Anspruch, eigene, subjektive Ideen in den Arbeitsprozess einfließen zu lassen, wird zunehmen; das zeichnet sich bereits heute ab und wird unter dem Begriff der Subjektivierung von Arbeit zusammengefasst.
Mythen des Alltags
Der James Bond in mir?
Für fünf Minuten Superheld, das geht: im Kino
Dieser Text ist lautgedreht und geht unter die Haut, wie im Kino, Soundeffekte gepaart mit Bildern, mit passenden, unterstützenden Bildern. Angesprochen werden die beiden wichtigsten Sinnesorgane, die Fernsinne. Das war nicht immer so. Wenn man auf die Anfänge des Kinos blickt, auf die Vorführungen der Gebrüder Lumière mit ihren Cinematographen, fehlen sämtliche, für uns heute unerlässliche Dinge.
Plötzlich springen alle Zuschauer auf und verlassen fluchtartig und panisch den Vorführraum. Die Szene, in der die Lumière Brüder ihre Familie am Bahnhof filmt, bei der Ankunft eines Zuges, kennt wohl jeder, der sich ein wenig mit dem Thema »Film« auseinandergesetzt hat. Bei der ersten Vorführung waren die Zuschauer durch die realistische Darstellung und Unwissenheit über dieses neue Medium so in den Bann gezogen, dass sie tatsächlich Angst hatten, der Zug könne sie erfassen. Sie haben den Film als Realität verstanden, doch Ende des 19. Jahrhunderts kannte die Mehrheit der Menschen dieses Medium nicht. Heute hingegen ist jeder damit vertraut und war schon im Kino. Das lässt vermuten, dass dieses Phänomen verblasst ist. Doch nichts dergleichen: Durch spektakuläre 3-D-Animationen und die Lautstärke kommt der Film immer näher an den Zuschauer heran, zieht ihn mitten ins Geschehen, als einen agierenden Teil, jemand der mitten in der Szene steht und jemand der zurückweicht, wenn eine Faust in die Kamera schnellt. Sie sind während des Films mit auf der Bühne! Dieser Zuschauer baut allerdings nicht gemeinsam mit anderen Akteuren eine Rolle auf [1], sondern spielt sie ganz allein. Wenn der Film endet, kommt es jedoch zur Interaktion mit anderen Kinogängern. Im Kino gibt es also eine Plattform für die Kommunikation untereinander. Alle Besucher haben den gleichen Film gesehen und verlassen danach das Kino, wo auch immer es hingeht. Es wird, ganz nach Luhmann, der beobachtende Beobachter beobachtet [2], es wird versucht Reaktionen bei anderen abzulesen und abzugleichen mit sich selbst. Darum verhält es sich mit dem Film, den man im Kino sieht anders als mit dem Film, den man allein zu Hause sieht – das Beobachten fällt weg.
Im Kino: das Licht geht langsam an, die letzte Sequenz wird abgeblendet. Nun herrscht eine gewisse Ruhe im gesamten Saal, keiner vermag so recht zu sprechen — vor dem Film war von dieser Wortkargheit nichts zu spüren. Nach dem James Bond fühlt man sich, als könne man selbst auch die Welt retten, beherrschte sämtliche Nahkampftechniken und führe mit einem Motorrad notfalls auch über brennenden Asphalt. Die »Action« des Superhelden aus dem Film hat man noch eine Zeit lang im Blut, man hat das gleiche durchlebt, wie 007. Das Gefühl hellwach zu sein, für alles, was sich regt, empfindsam, nur man selbst fühlt so. Es wird zu einem persönlichen, eidetischen Erlebnis. Doch dies ist bloß ein Gefühl, was dadurch entsteht, dass man die anderen Kinobesucher nur »von außen« sieht, sie sehen ganz »normal« aus, nicht wie Superhelden. Man selbst sieht sich nicht, sondern fühlt nur, daher ist es möglich, James Bond zu sein. Dabei vergisst man wohl, dass man nicht nur beobachtender Beobachter, sondern auch beobachteter Beobachter ist; allen anderen könnte es genauso gehen …
Jedoch, ein Bedürfnis, mit anderen zu sprechen, gibt es nicht. Man ist noch in seiner Rolle. Doch nur solange bis man auf der Toilette seinem völlig unveränderten Spiegelbild gegenüber steht oder mit jemandem spricht. Dann nämlich sind die fünf Minuten (Verlängerung) Superheld vorbei und die Realität hat einen wieder.
Mythen des Alltags
Das Schlüsselloch
Ein Blick darauf, anstatt hindurch
Ein einsamer Raum, Langeweile, während des Wartens. Einzig das große Schlüsselloch an der Tür sorgt für Abwechslung. Groß genug, dass bequem ein Finger hindurchpasste, gewährt es den Blick auf die Außenwelt, auf die Lichtspiele an den Wänden, ab und an sind Menschen im Vorbeigehen zu erkennen. Doch was genau auf der anderen Seite der Türe passiert, bleibt dem Wartenden verborgen, denn trotz des außergewöhnlich großen Schlüssellochs sieht man nicht alles. Ein Gedanke wiederholt sich: »Wie groß der Schlüssel für dieses Schlüsselloch sein muss …«
Dem allgemeinen Sprachgebrauch nach wird der Begriff »Schlüsselloch« als Bezeichnung für ein mechanisches Schloss verwendet, obwohl es eigentlich nur das Loch für den Schlüssel im mechanischen Schloss ist. Schlüssellöcher gibt es in allen Größen und Formen, in Türen, Schubladen, Schränken, Truhen und in Schlössern. Zu jedem Schlüsselloch gibt es den passenden Schlüssel. Es wird in Verbindung gebracht mit dem Öffnen und Verschließen von Truhen und Türen, mit der Sicherheit, die ein verschlossenes Schloss mit sich bringt.
Schon immer barg das Schlüsselloch für Menschen eine gewisse Faszination. Das Schlüsselloch offenbart Geheimnisse für den, der heimlich den Blick hindurch wagt. Im Kindesalter schaut man, obwohl es verboten ist, durch das Schlüsselloch, um zu sehen, ob das Christkind kommt. Für den Wartenden ist der Blick durch das Schlüsselloch die Abwechslung und die einzige Verbindung zu einer Außenwelt. Gibt man »Schlüsselloch« in eine Internetsuchmaschine ein, erscheinen schnell zahlreiche Ergebnisse mit erotischem Kontext. Das Schlüsselloch symbolisiert also auch voyeuristische Gedanken und Spioniererei. Die englischen Übersetzung »keyhole« verweist auf US-amerikanische Spionagesatelliten; der Name bezieht sich auf die Geheimhaltung der Satellitenbilder.
Das Schlüsselloch taucht häufig in der Literatur auf und wird dort metaphorisch eingesetzt. Auch Filmemacher greifen auf das Schlüsselloch in Kameraeinstellungen zurück, um dem Zuschauer den exklusiven Blick auf eine Szene zu gewähren.
Es ist also völlig gleichgültig, ob Häuser oder Autos zunehmend mit elektronischen Verriegelungen ausgestattet werden, bei denen es keiner Schlüssellöcher bedarf: Das Schlüsselloch wird weiterhin als Metapher für mysteriöse und geheimnisvolle Dinge Verwendung finden.