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»Rhetorik ist immer und überall«

Für Bernd Steinbrink hat die Redekunst umfassende Gültigkeit

Von Elisa Schwarz und Shayenna Misko


Bernd Stein­brink sieht in der Rhe­to­rik eine umfas­sen­de Dis­zi­plin, um in jeder Hin­sicht und in jedem Medi­um zu kom­mu­ni­zie­ren. Im Gespräch erläu­tert der Kie­ler Pro­fes­sor, war­um die jahr­tau­sen­de­al­te Wis­sen­schaft auch auf neu­es­te Medi­en anwend­bar ist und wie es um die Rhe­to­rik­leh­re in Deutsch­land bestellt ist.

Gera­de für das Ver­ständ­nis der Wech­sel­wir­kung von Text und Bild bie­te die Rhe­to­rik wert­vol­le Ansät­ze, so Stein­brink, der ger­ne ein­mal ein Buch dar­über schrei­ben wür­de, wie sich die Sta­tus­leh­re auf moder­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on anwen­den lässt.

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»Die Schwelle zwischen Defekt und Effekt«

Viktoria Kirjuchina verknüpft Design- und Hirnforschung

Von Alexandra Haase und Nenia Tiemeier


Als Teil der For­schungs­grup­pe TRACE (Trans­mis­si­ons in Rhe­to­rics, Arts and Cul­tu­ral Evo­lu­ti­on) schreibt die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gne­rin Vik­to­ria Kir­juchi­na an ihrer Pro­mo­ti­on. Im Inter­view legt sie ihre Moti­ve dar, im Design­be­reich zu pro­mo­vie­ren. Die Grund­la­gen der Rhe­to­rik böten ihr dafür eine Anschluss­mög­lich­keit an unter­schied­li­che Wis­sens­ge­bie­te und ver­ein­fach­ten inter­dis­zi­pli­nä­res Arbei­ten. So sei mehr zu erfah­ren über die Wir­kung von Design, man kön­ne »tie­fer in die Köp­fe der Men­schen zu sehen«.

Kir­juchi­na betont, dass Design­for­schung nicht dar­auf abzie­le, den Design­pro­zess auf eine For­mel zu redu­zie­ren, aber hel­fen kön­ne, effek­ti­ver zu arbei­ten. »Die Regeln sind Ziel­set­zun­gen, die einem hel­fen, den Krea­tiv­pro­zess in die rich­ti­gen Bah­nen zu lenken.«

 

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»Als Designer ist man schneller getaktet«

Julia Meer über Gestaltung und Wissenschaft

Von Maximilian Sturm und Christina Müller


Julia Meer spricht über die Her­aus­for­de­run­gen, die das Zusam­men­spiel und der Wech­sel zwi­schen Design­tä­tig­kei­ten und wis­sen­schaft­li­chem Arbei­ten mit sich brin­gen. Am Exzel­lenz-Clus­ter »Bild – Wis­sen – Gestal­tung« der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin geht sie der Fra­ge »Was macht das Bau­haus so aktu­ell?« nach.

Im Inter­view reflek­tiert Julia Meer ihre eige­ne Arbeits­wei­se und »die Aus­ein­an­der­set­zung mit der eige­nen Profession«.

Buchbesprechung

»Es gibt nichts dazwischen«

Reins, Classen und Czopf sagen: »Text sells«

Ein wah­res Kom­pen­di­um legt der Main­zer Her­mann Schmidt Ver­lag da vor: Lese­stre­cken, sehr vie­le Inter­views, stra­te­gi­sche Anlei­tung, Übun­gen, das alles ent­hält das 2015 erschie­ne­ne Buch »Text sells« der drei Autoren Armin Reins, Vero­ni­ka Clas­sen und Géza Czopf. Und es sieht auch noch gut aus, glänzt mit edlem Papier, Lese­bänd­chen und gol­de­nen Seiten. 

Die Autoren gehen in drei Tei­len vor: »Wie Spra­che ihr Ziel erreicht«, »Elf Cor­po­ra­te Lan­guage Cases« und »Spra­che, die wirkt«. Sie las­sen Mar­ke­ting-Chefs und erfolg­rei­che Grün­der zu Wort kom­men, geben ver­schwen­de­risch eige­ne Erfah­run­gen wei­ter – sie alle sind renom­mier­te Pro­fis –, spre­chen aber auch mit Tele­fon­seel­sor­ge­rin­nen, Alt-Rocker Udo Lin­den­berg und Box­trai­ner Ulli Weg­ner. Allen ist gemein­sam, ihr Geld mit Spra­che zu ver­die­nen oder dank eines ganz bestimm­ten Sprach­stils Bekannt­heit erlangt zu haben. Und dar­in unter­schei­det sich der Wäl­zer von vie­len ande­ren Rat­ge­bern zum bes­se­ren Tex­ten: Er reißt ein Fens­ter auf, blickt über Gen­re­gren­zen, erfasst sehr vie­les von dem, was in Unter­neh­men (und auch sonst) gespro­chen und geschrie­ben wird, von der Email bis zum Cla­im, vom Dia­log im Schnell­im­biss (»Ket­chup oder Majo?«) bis zur Abwesenheitsnotiz. 

Es geht um eine »gemein­sa­me Spra­che« als Hal­tung jedes Mit­ar­bei­ters in einer Orga­ni­sa­ti­on. Die ist bei »Ikea« anders als beim Soft­ware-Her­stel­ler »Lex­wa­re«. Es gehört zu den Stär­ken des Buches, nichts auf eine Linie brin­gen zu wol­len. Viel­mehr gehe es dar­um, eine eige­ne Spra­che zu fin­den und die kon­se­quent durch­zu­hal­ten. Die­se Quint­essenz überzeugt.

Und den­noch gibt es Grund­re­geln, die in der schrei­ben­den Zunft aber eher zu den alten Bekann­ten gehö­ren: Ver­ständ­lich, bild­haft, kurz – das sind die gol­de­nen drei Begrif­fe, um die sich nicht erst seit der Erfin­dung der »Cor­po­ra­te Lan­guage« alles im pro­fes­sio­nel­len Schrei­ben dreht. Hin­zu kommt eine Erkennt­nis aus den Büros der Mar­ke­ting­ex­per­ten: Nicht das Pro­dukt habe in Zei­ten sozia­ler Medi­en im Zen­trum der gelun­ge­nen Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on zu ste­hen, son­dern der Mensch, der Kun­de, die »Ziel­grup­pe«. Auch das hat man schon andern­orts gelesen.

Andern­orts ist man aber weni­ger gründ­lich und weni­ger unter­halt­sam. Reins, Clas­sen und Czopf machen sich nicht nur die Mühe, Abs­trakt­heit anzu­pran­gern, sie lie­fern gleich zuhauf kor­ri­gier­te Pres­se­mit­tei­lun­gen und Mai­lings. Sie zei­gen an den Kam­pa­gnen ihrer Inter­view­part­ner, wie pfif­fig Wer­bung wir­ken kann, wenn die Bot­schaft stimmt – und nicht zuletzt schrei­ben sie selbst so elo­quent wie leicht les­bar. Man­che Über­ra­schung ist inklu­si­ve, zum Bei­spiel das Geständ­nis des Abtei­lungs­lei­ters »Brand Design« bei der Fir­ma »Phil­ips«. Mark Church­man berich­tet, man habe in Test­rei­hen her­aus­ge­fun­den, dass Frau­en bei der Wahl von Haar­trock­nern weni­ger auf das Ver­spre­chen, geschmei­di­ges Haar zu bekom­men, geben als auf die simp­le tech­ni­sche Infor­ma­ti­on »2100 Watt« (s. S. 191): »… bei nähe­rer Betrach­tung hat­ten wir gemerkt, dass unse­re Ziel­grup­pe für die­se Haar­trock­ner­ka­te­go­rie eine Art ›Code‹ ver­wen­det.« (ebd.) Auch die­se Leh­re lässt sich aus der Publi­ka­ti­on und aus den Ant­wor­ten der Gesprächs­part­ner zie­hen: An der Markt­for­schung kom­men auch Tex­ter nicht vor­bei. Der Kun­de ist immer für eine Über­ra­schung gut.

In den meis­ten Grund­po­si­tio­nen sind sich die Gesprächs­part­ner der Autoren einig und bis­wei­len schei­nen sie auch das Sprach­rohr für das zu sein, was die Inter­view­er am liebs­ten selbst sagen wür­den. Das beru­higt einer­seits, scheint es doch ver­läss­li­che Erfolgs­re­zep­te zu geben, sorgt aber auch für Län­gen und Wie­der­ho­lun­gen. Para­do­xer­wei­se stellt der Band näm­lich genau jene Mischung dar, die es laut Armin Reins in sei­nem Arti­kel über das Lese­ver­hal­ten unbe­dingt zu ver­mei­den gilt: »Es gibt ent­we­der Tex­te für Infor­ma­ti­ons­le­ser oder Erleb­nis­le­ser. Ich wage die Behaup­tung: Es gibt nichts dazwi­schen.« (S. 47)

Nega­tiv betrach­tet könn­te das dem Buch zum Vor­wurf gerei­chen: Für die einen ist zuviel Inter­view-Bei­werk ent­hal­ten, für die ande­ren zu vie­le Anlei­tungs- und Übungs­tex­te. Man könn­te aber auch den Schluss zie­hen, dass gera­de die­se Mischung »Text sells« zu einer unter­halt­sa­men Lek­tü­re und fach­li­chen Beson­der­heit macht.

Rede

Worauf es ankommt

Über die durchaus politische Rolle der Gestalter

An der Hoch­schu­le Kon­stanz hielt der im All­gäu arbei­ten­de Gestal­ter Andre­as Koop eine Rede an die Absol­ven­ten der Stu­di­en­gän­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign, in der er grund­sätz­li­che Fra­gen über die Rol­le der Gest­la­tung in unse­rer Gesell­schaft auf­wirft. »Spra­che für die Form« ver­öf­fent­licht im Fol­gen­den das Manu­skript die­ser Rede.

Trotz aller »par­ti­el­len Beschau­lich­keit«: Es ver­än­dert sich etwas auf die­ser Welt. Und wir als Gestal­ter wer­den dar­in unse­re Rol­le fin­den müs­sen. Viel­leicht ist es ja ein wenig gemein und ket­ze­risch zu fra­gen: Was wäre eigent­lich, wenn es gar kein Design gäbe? Die eige­ne Rol­le, der Ein­fluss, Wert, Nut­zen, Sinn – all das kann man ganz gut abse­hen und abschät­zen, wenn man es ein­mal genau anders­her­um ver­sucht zu sehen. Wäre die Welt wirk­lich so viel ärmer?

So lan­ge gibt es uns als Gestal­ter und unse­re Pro­fes­si­on ja noch nicht. »Beruf« mag man gar nicht sagen, in solch einer »ambu­lan­ten Bran­che«, die wenig »Stän­di­sches« hat, wenig Gemein­sa­mes oder Über­grei­fen­des – und für die meis­ten im »gemei­nen Volk« ohne­hin auch wenig Greifbares.

Schau­en wir auf unse­re Kol­le­gen von der Archi­tek­tur. Die Archi­tek­tur hat eine län­ge­re Geschich­te, reflek­tiert sich über die Archi­tek­tur­theo­rie auch schon seit län­ge­rem selbst, hat ein kla­rer umris­se­nes Feld und einen nach­voll­zieh­ba­re­ren und auch geschütz­te­ren Sta­tus, ob das jetzt immer gut ist oder nicht, steht nicht zur Dis­kus­si­on – jeden­falls kann nicht jeder einen Bau­an­trag ein­rei­chen, aber alle lus­tig eine Datei in Druck geben. Also: Was wäre die Welt ohne Archi­tek­tur? Der Blick auf unse­re Städ­te, aufs Land, auf Indus­trie- oder Neu­bau­ge­bie­te lässt zwei­feln. War­um füh­len wir uns in his­to­ri­schen Alt­städ­ten aber so wohl? Hier gab es sicher kei­nen Flä­chen­nut­zungs­plan, kei­ne Bau­sat­zung und kei­nen Bebau­ungs­plan. Woher kommt der Charme? War­um wol­len alle in Alt­bau-Woh­nun­gen leben? Liegt es gar am Imper­fek­ten, dem wir ansons­ten über­all ver­su­chen, den Gar­aus zu machen? Sicher­lich sind die Auf­ga­ben heu­te kom­ple­xer, der Raum weni­ger, die Men­schen mehr und ihre Wün­sche erst recht.

Ob mit oder ohne Archi­tek­ten und Desi­gner auf der Welt – eines scheint es schon immer zu geben: ein Bedürf­nis nach dem Schö­nen, dem Ästhe­ti­schen. Und die­ses Bedürf­nis gibt es ver­mut­lich schon so lan­ge wie die Men­schen selbst. Das ist legi­tim, wich­tig, ernst­zu­neh­men – und für Gestal­ter eine Chan­ce. Unser Büro hat kürz­lich für das UNESCO-Welt­kul­tur­er­be »Prä­his­to­ri­sche Pfahl­bau­ten um die Alpen« gear­bei­tet und für die ver­schie­de­nen Pro­jek­te und ein­zel­nen Orte das Erschei­nungs­bild und die ver­schie­de­nen not­wen­di­gen Anwen­dun­gen erar­bei­tet. Da wur­de nicht nur mir bei einer der zahl­rei­chen Abbil­dun­gen von Fun­den aus der Bron­ze­zeit wie­der ein­mal bewusst, seit wann es bereits Gestal­tung, also Design, gibt.

Da war eine ganz bestimm­te Axt, ihre grund­sätz­li­che Form ist wie bei prak­tisch allen aus die­ser Zeit – und doch war sie ent­schei­dend anders. Ihr Stil war ver­ziert – und zwar wirk­lich groß­ar­tig! Um das Holz war eine Bir­ken­rin­de ange­bracht, die ein fei­nes geo­me­tri­sches Mus­ter mit zahl­lo­sen Aus­st­an­zun­gen hat­te. Die Ver­zie­run­gen waren äußerst klein­tei­lig und schu­fen mit den zwei unter­schied­li­chen, kon­tras­tie­ren­den Ebe­nen, ja, man kann es kaum anders nen­nen, ein groß­ar­ti­ges Design. Auch wenn man bezwei­feln mag, dass die­se Axt oft zum Baum­fäl­len benutzt wur­de – ver­mut­lich wäre ihr Griff sogar funk­tio­nal gewe­sen, da er rutsch­fes­ter war. Irgend­wie ja auch kein Wun­der, dass man so ein »Werk­zeug« in der Schweiz gefun­den hat …

Bemer­kens­wert ist an der Bron­ze­zeit auch, dass hier bereits die Spe­zia­li­sie­rung Fahrt auf­nahm. Eine Arbeits­tei­lig­keit ent­stand, man ver­such­te die Pro­duk­ti­vi­tät zu erhö­hen. Die einen schmie­de­ten, die ande­ren töp­fer­ten. Und, über­aus fas­zi­nie­rend, die ver­schie­de­nen Beru­fe und Tätig­kei­ten hat­ten schon einen unter­schied­li­chen Wert. Die Zeit des Töp­ferns war also nicht gleich bewer­tet wie die des Schmie­dens. Spä­tes­tens dabei ent­steht die Grund­la­ge für Dif­fe­renz, für Dif­fe­ren­zie­rung – und folg­lich Distink­ti­on. Pierre Bour­dieu ist wahr­lich rele­vant für uns alle; und das schon lange.

Jetzt kann man sich natür­lich fra­gen, und da ist die­se Axt wie­der kein schlech­tes Bei­spiel, wel­che Rol­le hat Gestal­tung eigent­lich? Dient sie dazu, im Geis­te von Werk­bund und Bau­haus, dass jeder Mensch die Mög­lich­keit haben soll­te, gute, also for­mal gute und auch funk­tio­nal gute Din­ge zu haben und sich leis­ten zu kön­nen? Oder geht es dar­um, eine fein abge­stuf­te Form der Distink­ti­on – ein­her­ge­hend mit der ent­spre­chen­den Wert­schöp­fung – zu gestal­ten, die ja auch im Sozio­lo­gi­schen ihre Bedeu­tung und Funk­ti­on hat, wie auch immer man sie aus ande­rer Per­spek­ti­ve beur­tei­len mag. Oder ist es an sich schon red­lich, gut und sinn­voll, wenn etwas, das in die Welt kom­men soll, zumin­dest auch gut aus­sieht (gut les­bar ist, leicht ver­stan­den wird und so wei­ter). Also in die­sem Sin­ne ist schö­ner ja bereits schon bes­ser, aber, und dazu kom­men wir noch: Bes­ser ist schö­ner!

Essay

Szenografie als rhetorische Disziplin

Ausstellungsgestaltung arbeitet mit persuasiven Strategien

Immer häu­fi­ger fin­den sich in der aktu­el­len Kul­tur­land­schaft Aus­stel­lun­gen, die in ihrer Aus­ge­stal­tung nicht nur infor­mie­ren und beleh­ren, son­dern vor allem unter­hal­ten wol­len. Die recht jun­ge Dis­zi­plin der Szen­o­gra­fie[1] hat sich dar­auf ver­schrie­ben, durch mul­ti­mo­da­le Insze­nie­run­gen Umge­bun­gen zu schaf­fen, die dem Besu­cher die zu ver­mit­teln­den The­men nicht nur dar­stel­len, son­dern sie durch ein durch­kom­po­nier­tes »Sto­rytel­ling« erzäh­len. Sowohl inhalt­li­che Kon­zep­ti­on als auch die kom­mer­zi­el­le Reich­wei­te vie­ler Aus­stel­lun­gen las­sen hier­bei jedoch ver­mu­ten, dass es nicht aus­schließ­lich dar­um geht, einen Inhalt durch nar­ra­ti­ve Ein­bet­tung zugäng­li­cher zu ver­mit­teln. Der deut­li­che Ein­fluss wer­be­psy­cho­lo­gi­scher Mit­tel sowie das immer grö­ßer wer­den­de Ange­bot an kom­mer­zi­el­len Begleit­pro­duk­ten zei­gen, dass eine der­ar­ti­ge Kon­zep­ti­on die Absicht ver­folgt, den Besu­cher nicht nur von der Aus­stel­lung an sich, son­dern auch von der dahin­ter ste­hen­den Mar­ke zu über­zeu­gen. Die Annah­me liegt also nahe, die in Pla­nung und Aus­for­mung fest­ge­leg­te Erschei­nungs­wei­se einer Aus­stel­lung als eine Form der Per­sua­si­on anzu­neh­men, was beson­ders durch die zuneh­mend zu beob­ach­ten­de gestal­te­ri­sche Absicht einer emo­tio­na­len Sti­mu­lie­rung des Besu­chers deut­lich wird.

Um Miss­ver­ständ­nis­sen vor­zu­beu­gen, muss gesagt wer­den, dass die­se Per­spek­ti­ve in kei­ner Wei­se den kura­to­ri­schen und künst­le­ri­schen Eigen­wert einer Aus­stel­lung her­ab­set­zen möch­te, sich jedoch die Fra­ge stellt, mit wel­chen Mit­teln die Szen­o­gra­fie Stra­te­gien beför­dern kann, die einer rhe­to­ri­schen Betrach­tung stand­hal­ten und auf wel­che Wei­se die­se per­sua­siv funk­tio­nie­ren können.

Wie Räu­me Geschich­ten erzählen

Dass mitt­ler­wei­le selbst grund­sätz­lich kunst­fer­ne Ein­rich­tun­gen wie Volks­hoch­schu­len, Ein­kaufs­zen­tren, Ban­ken oder Ver­ei­ne Aus­stel­lun­gen her­vor­brin­gen, zeigt, wie sehr sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ein höchst kom­mu­ni­ka­ti­ves und pres­ti­ge­för­dern­des Poten­zi­al die­ses Medi­ums her­aus­ge­bil­det hat. Somit inves­tie­ren beson­ders gro­ße Kon­zer­ne und Wirt­schafts­un­ter­neh­men, aber auch kapi­tal­star­ke Muse­en immer mehr in Aus­stel­lun­gen, die den Besu­cher durch eine ein­dring­li­che Insze­nie­rung bewe­gen und prä­gen sol­len. Im Gegen­satz zur klas­si­schen, beson­ders noch im Kunst­mu­se­um zu fin­den­den Gestal­tung, die vor­ran­gig mit der unmit­tel­ba­ren Dar­bie­tung von Ori­gi­na­len ope­riert, geht es der Szen­o­gra­fie um die Her­vor­brin­gung einer illu­si­ons­er­zeu­gen­den Erleb­nis­welt zur Ver­mitt­lung einer spe­zi­el­len Bot­schaft. Wäh­rend es im ers­ten Fall also beson­ders um eine ange­mes­se­ne und wir­kungs­vol­le Prä­sen­ta­ti­on der Objek­te geht, küm­mert sich die Szen­o­gra­fie expli­zit um den Raum und des­sen Inszenierung.

Dabei geht es vor allem dar­um, die Eigen­stän­dig­keit der Din­ge auf­zu­lö­sen und sie in ein über­ge­ord­ne­tes Kon­zept ein­zu­brin­gen. Eben dies führt zu dem Kon­zept des »Sto­rytel­ling«, eine Metho­de, die das »Ate­lier Brück­ner«, eine der inter­na­tio­nal füh­ren­den Agen­tu­ren für Szen­o­gra­fie, als ihr Kre­do for­mu­liert. In der Absicht, »Objek­te zum Spre­chen zu brin­gen«, wer­den Expo­na­te und räum­li­che Gestal­tungs­ele­men­te vom Szen­o­gra­fen als »Erzäh­ler« und »Dich­ter«[2] arran­giert und in einen neu­en Kon­text gebracht, den sich der Betrach­ter im Raum dia­lo­gisch erschlie­ßen kann. Das grund­sätz­lich vor­han­de­ne nar­ra­ti­ve Poten­zi­al einer Aus­stel­lung ist dabei durch die beson­de­re Wahr­neh­mung des Besu­chers im Raum bestimmt, die nicht allei­ne durch die Objek­te und deren Insze­nie­rung, son­dern eben­so von den raum-zeit­li­chen Umstän­den ihrer Erkun­dung geprägt wird. Dem »Ate­lier Brück­ner« zufol­ge spricht eine in Erzähl­form gestal­te­te Aus­stel­lung eine »archai­sche (…), tief im mensch­li­chen Urbe­dürf­nis wur­zeln­de«[3] Nei­gung zur Wei­ter­rei­chung von Geschichte(n) und Wis­sen an, die umso wir­kungs­vol­ler ist, als der Adres­sat durch einen per­for­ma­ti­ven Akt in eine Geschich­te inte­griert und somit selbst Teil die­ser Geschich­te wird.

Das Beson­de­re an der Aus­stel­lungs­nar­ra­ti­on ist, im Ver­gleich zu ande­ren nar­ra­ti­ven For­men, der stän­di­ge Anspruch auf Authen­ti­zi­tät sowie auf einen ver­läss­li­chen Wahr­heits­ge­halt des Dar­ge­stell­ten. Zwar kann dabei zum Zwe­cke der nach­hal­ti­gen Ver­mitt­lung ein gewis­ser, an unter­hal­ten­de oder emo­tio­na­li­sie­ren­de Ele­men­te gebun­de­ner, geis­ti­ger Trans­fer vom Besu­cher gefor­dert wer­den, den­noch steht dahin­ter in der Regel eine auf akri­bisch recher­chier­ten Fak­ten beru­hen­de Bot­schaft. Auf die­se Wei­se erlan­gen die dar­ge­stell­ten Geschich­ten einen beson­de­ren Reiz, da der Besu­cher stän­dig oszil­liert zwi­schen Unter­hal­ten­wer­den durch infor­ma­ti­ons- und nar­ra­ti­ons­be­glei­ten­de Insze­nie­rungs­maß­nah­men und dem suk­zes­si­ven Erfah­ren von Fak­ten­wis­sen durch Tex­te und Exponate.

Bei einem Blick in die aktu­el­le Aus­stel­lungs­land­schaft zeigt sich jedoch sowohl in kunst- als auch the­men­be­zo­ge­nen Aus­stel­lun­gen rela­tiv ein­deu­tig, dass der Sinn und Zweck hin­ter den immer popu­lä­rer wer­den­den nar­ra­ti­ven Gestal­tungs­wei­sen nicht allei­ne dar­in bestehen kann, die Besu­cher mit Geschich­ten zu unter­hal­ten. Bestä­tigt wird dies, wenn in Fach­bü­chern über Aus­stel­lungs­ge­stal­tung vom Besu­cher als »Ver­brau­cher« gespro­chen wird, der am Ort des Gesche­hens mög­lichst lan­ge auf­ge­hal­ten wer­den soll, oder zum Ein­satz wer­be­psy­cho­lo­gi­scher Mit­tel gera­ten wird[4]. Die zen­tra­le Moti­va­ti­on der Szen­o­gra­fie besteht somit dar­in, Wege und gestal­te­ri­sche Metho­den zu fin­den, die den Besu­cher nicht nur affek­tie­ren, son­dern nach­hal­tig prä­gen. Mit den Wor­ten von Aris­to­te­les lie­ße sich somit sagen, es gehe den Szen­o­gra­fen dar­um, »bei jedem Gegen­stand das mög­li­cher­wei­se Glau­bens­er­we­cken­de zu erken­nen«[5] und ent­spre­chend gestal­te­risch herauszuarbeiten.

Tagungsankündigung

»text | text | text« – Tagung über Interdisziplinarität

Im Juni 2016 wird in Konstanz über das Schreiben debattiert

Wer schreibt, bezieht sich in der Regel auf ande­re Tex­te. Wo aber ver­lau­fen die Gren­zen zwi­schen Zitat und Pla­gi­at? Sol­chen und ähn­li­chen Fra­gen will die Tagung »text | text | text – Zitat, Refe­renz, Pla­gi­at und ande­re For­men der Inter­tex­tua­li­tät« nach­ge­hen. Sie fin­det am 10. und 11. Juni 2016 an der Hoch­schu­le Kon­stanz statt und wird vom dor­ti­gen »Insti­tut für pro­fes­sio­nel­les Schrei­ben« gemein­sam mit dem Schwei­zer »Forum wis­sen­schaft­li­ches Schrei­ben« veranstaltet.

Vie­le Pla­gi­ats­af­fä­ren haben für Auf­merk­sam­keit und Rück­trit­te gesorgt. Auch die Hoch­schu­len sind alar­miert, prü­fen die Tex­te ihrer Stu­den­ten mit Pla­gi­ats-Soft­ware und rin­gen um den seriö­sen Ruf der Wis­sen­schaf­ten. Schrei­ben aller­dings – und gera­de wis­sen­schaft­li­ches Schrei­ben – ist ohne Refe­ren­zen und Zita­te kaum mög­lich und auch nicht wün­schens­wert. Schließ­lich gehört der Rück­griff auf das bereits Erreich­te zu den Grund­vor­aus­set­zun­gen aktu­el­ler For­schung. Es ist täg­li­ches Geschäft von Autoren, die Argu­men­te ande­rer her­an­zu­zie­hen, abzu­wä­gen und zu bewer­ten. Denn Posi­ti­on bezie­hen kann nur, wer die ande­ren zur Kennt­nis nimmt. Tex­te sind so gleich­zei­tig Inspi­ra­ti­ons­quel­le und Vor­bild für ande­re Schreiber.

Die Kon­stan­zer Tagung beleuch­tet das Feld der Inter­tex­tua­li­tät in Aus­bil­dung und Beruf unter einem wis­sen­schaft­li­chen und einem didak­ti­schen Blick­win­kel. Sie rich­tet sich an For­scher, die sich täg­lich in wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­sen aus­tau­schen, an Stu­den­ten, aber vor allem auch an Dozen­ten und Bera­ter, die kor­rek­tes wis­sen­schaft­li­ches Arbei­ten und Schrei­ben vermitteln.

Vier Ple­nar­red­ner wer­den Schwer­punkt­re­fe­ra­te hal­ten, in denen sie das The­ma »Inter­tex­tua­li­tät« aus ihrer Sicht beleuch­ten: Prof. Dr. Gert Ueding, eme­ri­tier­ter Ordi­na­ri­us für all­ge­mei­ne Rhe­to­rik an der Uni­ver­si­tät Tübin­gen und Her­aus­ge­ber des »His­to­ri­schen Wör­ter­buchs der Rhe­to­rik«; Prof. Dr. Mar­tin Lug­in­bühl, ab Früh­jahr 2016 Pro­fes­sor für ger­ma­nis­ti­sche Lin­gu­is­tik an der Uni­ver­si­tät Basel, bis dahin Inha­ber des Lehr­stuhls für deut­sche Sprach­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­té de Neu­châ­tel; Prof. Dr. Mar­tin Hiel­scher, Pro­gramm­lei­ter für Lite­ra­tur im Ver­lag C. H. Beck in Mün­chen und Hono­rar­pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Bam­berg; Prof. Dr. Vol­ker Fried­rich, Pro­fes­sor für Schrei­ben und Rhe­to­rik an der Hoch­schu­le Kon­stanz sowie Direk­tor des »Insti­tu­tes für pro­fes­sio­nel­les Schrei­ben« (IPS), das gemein­sam mit dem »Forum wis­sen­schaft­li­ches Schrei­ben« (FWS) Gast­ge­ber der Tagung im L-Gebäu­de der Hoch­schu­le Kon­stanz ist und das ist in die­sem Jahr zehn­jäh­ri­ges Bestehen feiert.

Neben den gro­ßen Vor­trä­gen gibt es für Teil­neh­mer die Mög­lich­keit, ihre eige­ne Arbeit zu prä­sen­tie­ren oder Dis­kus­si­ons­run­den zu lei­ten. Bereits am Vor­tag, am Don­ners­tag, 9. Juni 2016, fin­det ein Pre-Con­fe­rence-Work­shop für Pro­mo­ven­den statt.

Wei­te­re Infor­ma­ti­on und Anmel­dung unter fol­gen­der Inter­net­sei­te: http://www.htwg-konstanz.de/Tagung-Intertextualitaet-2016.7556.0.html

Tagung 2016 Intertextualität

»Spra­che für die Form« wird – vor­aus­sicht­lich in der Herbst­aus­ga­be 2016 – über die Tagung berichten.

Frage und Antwort

»Doch was macht man dann mit der freien Zeit?«

Theo Wehner blickt auf die Zukunft der Arbeit

Von Robin Auer


Seit 1989 beschäf­tigt sich Prof. Dr. Theo Weh­ner in sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Arbeit mit psy­cho­lo­gi­scher Feh­ler­for­schung, dem Ver­hält­nis von Erfah­rung und Wis­sen, koope­ra­ti­vem Han­del und psy­cho­lo­gi­scher Sicher­heits­for­schung. In Weh­ners For­schung ist sowohl quan­ti­ta­ti­ves als auch qua­li­ta­ti­ves empi­ri­sches Vor­ge­hen zen­tral. Da er Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer in den Blick nimmt, sind sein For­schungs­er­geb­nis­se rele­vant für die all­täg­li­che, betrieb­li­che Lebens­welt – auch in der Kreativwirtschaft.

Gegen­über ver­gan­ge­nen Ver­hält­nis­sen wer­de unse­re täg­li­che Arbeits­zeit immer kür­zer, gleich­zei­tig fin­de eine inhalt­li­che Ver­dich­tung statt. Wir ent­wi­ckeln uns, so Weh­ner, immer mehr von einer Arbeits­ge­sell­schaft hin zu einer Tätig­keits­ge­sell­schaft und begin­nen mehr und mehr unser eige­nes Tun zu hin­ter­fra­gen. Wie kor­re­spon­diert die all­täg­li­che Arbeit mit »den eige­nen Wer­ten«? Die­ser Fra­ge stellt sich Theo Weh­ner im Inter­view und kommt zu der Ansicht, dass Arbeit nicht »Malo­che« sein muss, son­dern zu einem Sinn erfül­len­den »Tätig-Sein« wer­den kann.

Wie wer­den wir in Zukunft arbeiten?

Die Zukunft ist unbe­kannt. Danach muss man einen Punkt machen. Wir sind nicht fähig, in die Zukunft zu schau­en. Niklas Luh­mann hat einen schö­nen Text geschrie­ben über den Nut­zen der unbe­kann­ten Zukunft, und Dirk Bae­cker inter­pre­tiert den Sach­ver­halt beson­ders anschau­lich. War­um sind wir evo­lu­tio­när nicht aus­ge­stat­tet, die Zukunft zu sehen? Dass wir die Zukunft nicht wahr­neh­men kön­nen, ist eine Schutz­funk­ti­on. In der jüdi­schen Mys­tik sagt man, die Ver­gan­gen­heit liegt vor und die Zukunft hin­ter einem, denn wir kön­nen sie ja nicht sehen. Wenn ich also über die Zukunft nach­den­ke, die hin­ter mir liegt, brin­ge ich die Ver­gan­gen­heit in die Gegen­wart. Gün­ter Grass mach­te eine schö­ne Wort­schöp­fung, er sprach von der »Ver­ge­gen­kunft«. Er ver­gleich­zei­tig­te also Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft. Man kann also zurück in die Zukunft schau­en, in dem wir das, was wir hin­ter uns haben, vor uns legen und dann zum Bei­spiel fra­gen: Wie ändern sich unse­re Arbeitsplätze?

Die ers­te Ant­wort ist ein­fach: Arbeit und Arbeits­plät­ze haben sich immer ver­än­dert und wer­den auch in Zukunft nicht kon­stant blei­ben. Doch kei­ne Ver­än­de­rung bestand jemals nur aus qua­li­ta­ti­ven Sprün­gen, son­dern eher aus quan­ti­ta­ti­ven Zuwäch­sen: Schritt für Schritt. Maschi­nen wur­den nicht von Göt­tern erschaf­fen und waren plötz­lich da. Der Drang nach Auto­ma­ti­sie­rung begann bereits in archai­schen Kul­tu­ren und damit deut­lich frü­her, als die Visio­nen der Jetzt­zeit dies zu sug­ge­rie­ren ver­su­chen. Die Ver­gan­gen­heit hat gezeigt, dass Ver­än­de­run­gen eher inkre­men­tell anstatt radi­kal, dis­rup­tiv erfol­gen. In den 90er Jah­ren ent­stan­den Fan­ta­sien von der men­schen­lee­ren Fabrik. Tech­nisch wäre es mach­bar gewe­sen, war­um hat man es dann nicht rea­li­siert? Das liegt dar­an, dass eine men­schen­lee­re Fabrik ein ganz ande­res Pro­blem zu lösen hät­te. Wel­cher Bezug besteht dann noch zum Pro­dukt, zu einem Auto­mo­bil etwa? Schnell wur­de klar, es gibt Tei­le in der Mon­ta­ge, die wird man nie auto­ma­ti­sie­ren kön­nen, und es gibt ande­re, die müs­sen schleu­nigst auto­ma­ti­siert werden.

Was sich gra­du­ell ändern wird, ist die Arbeits­zeit. Wir wer­den weni­ger Arbei­ten und das ganz deut­lich. Wir könn­ten bereits heu­te weni­ger arbei­ten, doch was macht man dann mit der frei­en Zeit? Die Ver­spre­chen der Frei­zeit­in­dus­trie haben sich nicht bewahr­hei­tet. Heu­te ist klar, dass die Stres­so­ren in der Frei­zeit min­des­tens so gesund­heits­schäd­lich sind wie die am Arbeits­platz. Refu­gi­en zu schaf­fen, reicht also nicht aus. Einen qua­li­ta­ti­ven Sprung sehe ich in der Ent­wick­lung von einer Arbeits­ge­sell­schaft hin zu einer Tätig­keits­ge­sell­schaft. Die Erwerbs­tä­tig­keit ist nur eine Form des Tätig­seins, es gibt aber dut­zend wei­te­re. Die Arbeits­tä­tig­keit ist für uns die zen­tra­le, die exis­tenz­si­chern­de Tätig­keit. Dabei sind Ein­kom­men und Arbeit viel­leicht zu eng mit­ein­an­der ver­bun­den. Die­se Zwangs­kopp­lung wird sich immer stär­ker lockern, es wird sich ein Stück weit ent­flech­ten, so dass wir ler­nen, wie wir auch über ande­re For­men ein Aus­kom­men gene­rie­ren kön­nen. Viel­leicht wird es etwas wie ein Grund­ein­kom­men, unter Umstän­den gar ein bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men geben, denn dann kom­men Men­schen in die Situa­ti­on, dass sie intrin­sisch moti­vier­ten Beschäf­ti­gun­gen nach­ge­hen und dabei Gestal­tungs­au­to­no­mie haben. Der Anspruch, eige­ne, sub­jek­ti­ve Ideen in den Arbeits­pro­zess ein­flie­ßen zu las­sen, wird zuneh­men; das zeich­net sich bereits heu­te ab und wird unter dem Begriff der Sub­jek­ti­vie­rung von Arbeit zusammengefasst.

Mythen des Alltags

Der James Bond in mir?

Für fünf Minuten Superheld, das geht: im Kino

Die­ser Text ist laut­ge­dreht und geht unter die Haut, wie im Kino, Sound­ef­fek­te gepaart mit Bil­dern, mit pas­sen­den, unter­stüt­zen­den Bil­dern. Ange­spro­chen wer­den die bei­den wich­tigs­ten Sin­nes­or­ga­ne, die Fern­sin­ne. Das war nicht immer so. Wenn man auf die Anfän­ge des Kinos blickt, auf die Vor­füh­run­gen der Gebrü­der Lumiè­re mit ihren Cine­ma­to­gra­phen, feh­len sämt­li­che, für uns heu­te uner­läss­li­che Dinge.

Plötz­lich sprin­gen alle Zuschau­er auf und ver­las­sen flucht­ar­tig und panisch den Vor­führ­raum. Die Sze­ne, in der die Lumiè­re Brü­der ihre Fami­lie am Bahn­hof filmt, bei der Ankunft eines Zuges, kennt wohl jeder, der sich ein wenig mit dem The­ma »Film« aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Bei der ers­ten Vor­füh­rung waren die Zuschau­er durch die rea­lis­ti­sche Dar­stel­lung und Unwis­sen­heit über die­ses neue Medi­um so in den Bann gezo­gen, dass sie tat­säch­lich Angst hat­ten, der Zug kön­ne sie erfas­sen. Sie haben den Film als Rea­li­tät ver­stan­den, doch Ende des 19. Jahr­hun­derts kann­te die Mehr­heit der Men­schen die­ses Medi­um nicht. Heu­te hin­ge­gen ist jeder damit ver­traut und war schon im Kino. Das lässt ver­mu­ten, dass die­ses Phä­no­men ver­blasst ist. Doch nichts der­glei­chen: Durch spek­ta­ku­lä­re 3-D-Ani­ma­tio­nen und die Laut­stär­ke kommt der Film immer näher an den Zuschau­er her­an, zieht ihn mit­ten ins Gesche­hen, als einen agie­ren­den Teil, jemand der mit­ten in der Sze­ne steht und jemand der zurück­weicht, wenn eine Faust in die Kame­ra schnellt. Sie sind wäh­rend des Films mit auf der Büh­ne! Die­ser Zuschau­er baut aller­dings nicht gemein­sam mit ande­ren Akteu­ren eine Rol­le auf [1], son­dern spielt sie ganz allein. Wenn der Film endet, kommt es jedoch zur Inter­ak­ti­on mit ande­ren Kino­gän­gern. Im Kino gibt es also eine Platt­form für die Kom­mu­ni­ka­ti­on unter­ein­an­der. Alle Besu­cher haben den glei­chen Film gese­hen und ver­las­sen danach das Kino, wo auch immer es hin­geht. Es wird, ganz nach Luh­mann, der beob­ach­ten­de Beob­ach­ter beob­ach­tet [2], es wird ver­sucht Reak­tio­nen bei ande­ren abzu­le­sen und abzu­glei­chen mit sich selbst. Dar­um ver­hält es sich mit dem Film, den man im Kino sieht anders als mit dem Film, den man allein zu Hau­se sieht – das Beob­ach­ten fällt weg.

Im Kino: das Licht geht lang­sam an, die letz­te Sequenz wird abge­blen­det. Nun herrscht eine gewis­se Ruhe im gesam­ten Saal, kei­ner ver­mag so recht zu spre­chen — vor dem Film war von die­ser Wort­karg­heit nichts zu spü­ren. Nach dem James Bond fühlt man sich, als kön­ne man selbst auch die Welt ret­ten, beherrsch­te sämt­li­che Nah­kampf­tech­ni­ken und füh­re mit einem Motor­rad not­falls auch über bren­nen­den Asphalt. Die »Action« des Super­hel­den aus dem Film hat man noch eine Zeit lang im Blut, man hat das glei­che durch­lebt, wie 007. Das Gefühl hell­wach zu sein, für alles, was sich regt, emp­find­sam, nur man selbst fühlt so. Es wird zu einem per­sön­li­chen, eide­ti­schen Erleb­nis. 
Doch dies ist bloß ein Gefühl, was dadurch ent­steht, dass man die ande­ren Kino­be­su­cher nur »von außen« sieht, sie sehen ganz »nor­mal« aus, nicht wie Super­hel­den. Man selbst sieht sich nicht, son­dern fühlt nur, daher ist es mög­lich, James Bond zu sein. Dabei ver­gisst man wohl, dass man nicht nur beob­ach­ten­der Beob­ach­ter, son­dern auch beob­ach­te­ter Beob­ach­ter ist; allen ande­ren könn­te es genau­so gehen …

Jedoch, ein Bedürf­nis, mit ande­ren zu spre­chen, gibt es nicht. Man ist noch in sei­ner Rol­le. Doch nur solan­ge bis man auf der Toi­let­te sei­nem völ­lig unver­än­der­ten Spie­gel­bild gegen­über steht oder mit jeman­dem spricht. Dann näm­lich sind die fünf Minu­ten (Ver­län­ge­rung) Super­held vor­bei und die Rea­li­tät hat einen wieder.

Mythen des Alltags

Das Schlüsselloch

Ein Blick darauf, anstatt hindurch

Ein ein­sa­mer Raum, Lan­ge­wei­le, wäh­rend des War­tens. Ein­zig das gro­ße Schlüs­sel­loch an der Tür sorgt für Abwechs­lung. Groß genug, dass bequem ein Fin­ger hin­durch­pass­te, gewährt es den Blick auf die Außen­welt, auf die Licht­spie­le an den Wän­den, ab und an sind Men­schen im Vor­bei­ge­hen zu erken­nen. Doch was genau auf der ande­ren Sei­te der Türe pas­siert, bleibt dem War­ten­den ver­bor­gen, denn trotz des außer­ge­wöhn­lich gro­ßen Schlüs­sel­lochs sieht man nicht alles. Ein Gedan­ke wie­der­holt sich: »Wie groß der Schlüs­sel für die­ses Schlüs­sel­loch sein muss …«

Dem all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch nach wird der Begriff »Schlüs­sel­loch« als Bezeich­nung für ein mecha­ni­sches Schloss ver­wen­det, obwohl es eigent­lich nur das Loch für den Schlüs­sel im mecha­ni­schen Schloss ist. Schlüs­sel­lö­cher gibt es in allen Grö­ßen und For­men, in Türen, Schub­la­den, Schrän­ken, Tru­hen und in Schlös­sern. Zu jedem Schlüs­sel­loch gibt es den pas­sen­den Schlüs­sel. Es wird in Ver­bin­dung gebracht mit dem Öff­nen und Ver­schlie­ßen von Tru­hen und Türen, mit der Sicher­heit, die ein ver­schlos­se­nes Schloss mit sich bringt. 

Schon immer barg das Schlüs­sel­loch für Men­schen eine gewis­se Fas­zi­na­ti­on. Das Schlüs­sel­loch offen­bart Geheim­nis­se für den, der heim­lich den Blick hin­durch wagt. Im Kin­des­al­ter schaut man, obwohl es ver­bo­ten ist, durch das Schlüs­sel­loch, um zu sehen, ob das Christ­kind kommt. Für den War­ten­den ist der Blick durch das Schlüs­sel­loch die Abwechs­lung und die ein­zi­ge Ver­bin­dung zu einer Außen­welt. Gibt man »Schlüs­sel­loch« in eine Inter­net­such­ma­schi­ne ein, erschei­nen schnell zahl­rei­che Ergeb­nis­se mit ero­ti­schem Kon­text. Das Schlüs­sel­loch sym­bo­li­siert also auch voy­eu­ris­ti­sche Gedan­ken und Spio­nie­rerei. Die eng­li­schen Über­set­zung »key­ho­le« ver­weist auf US-ame­ri­ka­ni­sche Spio­na­ge­sa­tel­li­ten; der Name bezieht sich auf die Geheim­hal­tung der Satellitenbilder.

Das Schlüs­sel­loch taucht häu­fig in der Lite­ra­tur auf und wird dort meta­pho­risch ein­ge­setzt. Auch Fil­me­ma­cher grei­fen auf das Schlüs­sel­loch in Kame­ra­ein­stel­lun­gen zurück, um dem Zuschau­er den exklu­si­ven Blick auf eine Sze­ne zu gewähren.

Es ist also völ­lig gleich­gül­tig, ob Häu­ser oder Autos zuneh­mend mit elek­tro­ni­schen Ver­rie­ge­lun­gen aus­ge­stat­tet wer­den, bei denen es kei­ner Schlüs­sel­lö­cher bedarf: Das Schlüs­sel­loch wird wei­ter­hin als Meta­pher für mys­te­riö­se und geheim­nis­vol­le Din­ge Ver­wen­dung finden.

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