Mythen des Alltags
Die Tastatur
Eine elektronische Klaviatur der Sprache
Die Computertastatur wird definiert als ein elektronisches Gerät zur Eingabe von Daten oder zum Auslösen bestimmter Funktionen. Ein flaches Brett auf dem, in mehreren übereinanderliegenden Reihen, eine variable Anzahl an Tasten angeordnet sind. 29 dieser beschrifteten Tasten sind den Buchstaben des Alphabetes vorbehalten: 21 Konsonanten, fünf Vokale, drei Umlaute. Einige Tasten sind durch hohes Frequentieren blank gebohnert, während die übrigen von einem dünnen Schmutzfilm bedeckt sind. Letzteres betrifft tendentiell die am Rande angeordneten, etwas abgelegeneren, mit Ziffern, Zeichen der Interpunktion und mit Funktionen belegte Tasten, denen die fleißigen Finger seltener einen Besuch abstatten.
Im Vergleich zu ihrer Vorgängerin, der Schreibmaschine, ist die Tastatur mit der technischen Neuerung ausgestattet, dass keine Eingabe endgültig ist: Einzelne Buchstaben oder sogar ganze Absätze können – ohne Zuhilfenahme von Tipp-Ex – entfernt werden. Befehle können, anders als im richtigen Leben, einfach rückgängig gemacht werden. »Strg« und »Z« sind die Zauberformeln der modernen Welt.
Die Tastatur ist ein Sprachbaukasten. Mit ihrem Tastenangebot lassen sich alle denkbaren Themen behandeln, und jeder Buchstabe ist beliebig oft verfügbar. Mit eingeübten Bewegungen fliegen die Hände über die Tasten hinweg, erzeugen eine Melodie aus »Klicken« und »Klacken«. Stets am unteren Rand des Blickfeldes, wird sie höchstens mit flüchtigen Blicken bedacht, damit die Finger, auch bei hoher Geschwindigkeit, präzise herabschnellen und zustoßen. Wer beim Schreiben aber noch nach den richtigen Worten sucht, der wird vielleicht bedächtig über die glatten Plättchen streichen, mit den Fingerkuppen für einen Moment auf ihnen verweilen, sie testhalber antippen, oder mit den Fingern beschwörende Bewegungen über ihnen ausführen. Haben die Hände einmal die schwebende Position über dem Eingabegerät eingenommen, verlieren die übrigen Objekte auf dem Schreibtisch unweigerlich an Aufmerksamkeit. So ist der – wohlwissend – in Sicht- und Reichweite platzierte Kaffee beim nächsten Schluck längst erkaltet.
Seit dem Vormarsch der Computer gehört die Tastatur zum täglichen Leben. Kaum einmal legt sich eine dünne Staubschicht über sie, lassen wir sie unter dieser Decke der Untätigkeit friedlich schlummern. Das Arbeiten an einem Computer ist ohne Tastatur schwer vorstellbar, momentan noch vorwiegend Hardware, wird sie womöglich schon bald durch Touch-Screen-Tastaturen abgelöst. Doch auch wenn sie ihre Materialität verliert und Platz auf dem Schreibtisch macht, dürfte die Tastatur als solche Bestand haben, solange es zwei Dinge gibt: den Computer und das geschriebene Wort.
Mythen des Alltags
Im Wartezimmer
Wo Minute um Minute verstreicht
Ein herzhaftes Schniefen aus der einen Ecke, ein gluckerndes Husten aus der anderen. Bloß nicht anstecken. Das Zimmer riecht desinfiziert, die Wartenden krank. Die Uhr an der Wand tickt vor sich hin. Minute um Minute verstreicht. Das Telefon klingelt. »Nein! 18 Uhr ist keine Sprechstunde mehr.« Gespannte Stille. Blickkontakt wird vermieden, Worte werden nicht gewechselt. Geht ja auch niemanden etwas an, warum man da ist. Die Stille wird nur ab und an unterbrochen, wenn ein neuer Eindringling die Praxis betritt. »Hallo«, »Guten Tag«, Nicken - dann fällt der Blick wieder auf die zerfledderte Illustrierte, die man sich vom Stapel gefischt hat. Minute um Minute verstreicht.
»Herr Woyj… wie auch immer«. Bitte wer? Gespannte Stille. »Woyje…ctez …« Ein anderer. Der Blick schweift ab von der Illustrierten und begutachtet den Raum. »Wer seinen Partner liebt, schickt ihn zur Darmkrebsvorsorge.« Daneben gerahmte Kunstdrucke. Nett. Ein Kunstkalender. Auch nett. Informationen über die Grippeimpfung von fies aussehenden Influenzaviren. Im Herbst vielleicht. Minute um Minute verstreicht. Der nächste Patient wird aufgerufen. Noch einmal die Illustrierte umblättern – durchgekaut. Ein paar Stühle weiter ein Uhrgucker mit finsterer Miene. Er atmet schwer aus und drückt sich auf dem Stuhl hin und her. Auf vereinzelten Stühlen liegen zerknautschte Kissen. Auf meinem nicht. Auf seinem wohl auch nicht. Der nackte Plastikstuhl unter dem Hintern zwickt. Dauert das noch lange? Minute um Minute verstreicht.
Eine Frau steht auf und holt sich etwas zu trinken. Manche schauen verwundert auf, als würde sie aus einer anderen Welt kommen. Ein Störenfried der Stille. Was nun? Erneut ein Blick auf die Uhr. Minute um Minute verstreicht. Links von mir tippeln schicke Ledertreter. Die Gesundheitsschuhe rechts haben sich die letzten dreißig Minuten nicht gerührt. Die Uhr an der Wand tickt vor sich hin. Endlich: der erlösende Satz.
Tagung »text | text | text«
Tagung zur Intertextualität mit internationalem Publikum
In Konstanz trafen sich Schreibdidaktiker und Autoren
Das Schweizer »Forum wissenschaftliches Schreiben« und das »Institut für professionelles Schreiben« der Hochschule Konstanz hatten gemeinsam zur Debatte um unterschiedliche Bezüge von Texten geladen. In den Vorträgen und Workshops der aus aller Welt angereisten Besucher ging es um unterschiedlichste Inhalte und Formen, vom literarischen Text zur Aktienanalyse, von der didaktischen Übung zum journalistischen Beitrag. Und natürlich ging es um Plagiate, schließlich ist abschreiben streng verboten. Das gilt vor allem in der Welt der Wissenschaften. Doch müssen sich Texte aufeinander beziehen, um überhaupt einen wissenschaftlichen oder wie auch immer gearteten Diskurs zu ermöglichen. Die Teilnehmer haben sich auf die Spuren dieser Bezüge gemacht und zwei Tage lang über Texte diskutiert – und darüber, wie man dem wissenschaftlichen Nachwuchs einen korrekten Umgang mit Zitaten und Bezügen nahebringen kann.
Viele der Tagungsgäste beschäftigen sich in ihrem beruflichen Alltag genau damit: Sie beraten Studenten und geben Seminare in wissenschaftlichem Schreiben. Organisatoren des Treffens waren so die Schreibberater aus dem »Institut für professionelles Schreiben« der Hochschule Konstanz, und schreibdidaktische Themen standen im Zentrum zahlreicher Kurzreferate und Diskussionsrunden. Auch da waren Spektrum und Besonderheiten weit gesteckt, was am Beispiel eines Gastes aus Uganda deutlich wird, der schilderte, wie er Heinrich Bölls »Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral« zum Ausgangspunkt nimmt, um seine Schüler Fortsetzungen schreiben zu lassen – die dann wiederum deutlich afrikanische Prägungen erhalten.
Von Wilhelm Busch zu Aristoteles
Doch Intertextualität ist mehr als eine Frage der wissenschaftlichen Correctness. Ohne die Kenntnis anderer Texte und die Bezüge zu anderen Texten wären Schreiben und Lektüre sehr langweilige Tätigkeiten. Der Austausch erst ermöglicht die Weiterentwicklung, oder wie der Rhetorikprofessor Dr. Gert Ueding es in seinem Vortrag zur Nachahmung und Variation mit Wilhelm Busch sagte: »Gebraucht sind die Gedankensachen schon alle, seit die Welt besteht.«
Ueding war einer von vier Plenarrednern, die mit ihren Vorträgen die Ankerpunkte des Programms bildeten. Durch die Geistesgeschichte schritt der einstige Nachfolger von Walter Jens an der Tübinger Universität dabei so leichtfüßig wie unterhaltsam, von Busch zur Antike, ins 18. Jahrhundert und zurück. Prof. Dr. Volker Friedrich, der als Leiter des Konstanzer Instituts und Gastgeber die Tagung eröffnete, sprach darüber, wie Bezugnahmen gelingen – oder scheitern können. Der Schweizer Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Martin Luginbühl referierte über Intertextualität in Massenmedien und der Prof. Dr. Martin Hielscher, Programmleiter beim C. H. Beck Verlag, spazierte in seinem Vortrag »Was ist hybride Literatur?« aus Europa hinaus in die weite Welt, zu fremden Kontinenten und zeigte wie unterschiedliche Einflüsse sich in neuen Formen des Romans wiederfinden.
Uwe Timm – »ein leidenschaftlicher Wegwerfer«
Literarisch auch der Abschluss: Der Schriftsteller Uwe Timm bezieht sich als Autor nicht nur auf Werke anderer Autoren, sondern hat auch die eigenen Geschichten immer wieder intertextuell verwoben. In der Aula der Konstanzer Hochschule gab Timm nicht nur Kostproben aus »Montaignes Turm« und »Vogelweide«, sondern im Gespräch mit Volker Friedrich und Martin Hielscher auch Einblicke in seinen Schreibprozess: »Ich bin ein leidenschaftlicher Wegwerfer.«
Tagung »text | text | text« | Vortrag
Zwischen den Zeilen, zwischen den Texten
Wechselwirkungen, Vielstimmigkeiten, Bezüge und Bildung
Im Rahmen der Tagung »text | text | text – Zitat, Referenz, Plagiat und andere Formen der Intertextualität« trug Volker Friedrich am 10. Juni 2016 das untenstehende Manuskript als Eröffnungsvortrag vor.
Verehrte Damen, werte Herren,
wenn man in solch einem Begrüßungsreigen der letzte ist, dann hat man es mit der Situation zu tun, die Karl Valentin auf den Punkt gebracht hat: »Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem.« Als Direktor des Institutes für professionelles Schreiben an der Hochschule Konstanz, kurz IPS, heiße auch ich Sie herzlich willkommen zu unserer Tagung »text | text | text – Zitat, Referenz, Plagiat und andere Formen der Intertextualität«.
Nachdem wir vom IPS 2009 mit den Schweizer Kollegen aus Winterthur gemeinsam eine Tagung hier in Konstanz organisiert hatten, wollten wir gern die Zusammenarbeit über die nahe Grenzlinie hinweg fortsetzen und fanden im »Forum wissenschaftliches Schreiben« dafür gute Partner. Für die gute Zusammenarbeit an dieser Stelle schon einmal besten Dank.
(…)
Wenn man den Auftakt-Vortrag zu einer Tagung hält, dann hat man inhaltlich nicht mit dem Satz von Karl Valentin zu kämpfen, noch ist noch nicht alles gesagt – welch große Freiheit wird mir zuteil. In diesem Zustand größtmöglicher Freiheit lief ich über Monate herum und schrieb mir zuerst einmal einen möglichst freien Titel über den Vortrag, den ich nun halte, nämlich: »Zwischen den Zeilen, zwischen den Texten. Über Wechselwirkungen, Vielstimmigkeiten, Bezüge und Bildung.« Das machte keinen geringen Eindruck auf mich, und auch im Ankündigungstext schrieb ich freiweg das eine und andere Versprechen hinein. Und nun stehe ich hier, alle Freiheit ist dahin, ich sollte halten, was ich versprach. Ich hoffe, in Ihnen gute Kantianer zu finden, meinte doch Immanuel Kant, allein der gute Wille zähle. Den, das bitte ich Sie mir zu glauben, habe ich.
Wenn Sie gestatten, werde ich mich weniger zu Details der Schreibforschung äußern, sondern von zweien meiner Bezugspunkten her, der Philosophie und der Rhetorik, einige Gedanken, Gedankensplitter Ihnen zu Gehör bringen, alles eher vom Mut zum Fragmentarischen getragen, als vom Willen zur strengen Systematik.
Es ist schon recht kühn oder recht naiv, über solch eine Tagung einfach »text | text | text« zu schreiben, wenn man sich klarmacht, welche Diskussionen allein dieses eine Wort »Text« ausgelöst hat. Nun wollen wir an diesen beiden Tagen aber auch »Zitat, Referenz, Plagiat und andere Formen der Intertextualität« behandeln. Ob wir es schaffen, alles zu sagen?
In den ersten 45 Minuten lässt sich nur weniges davon andeuten, nur streifen. Oder in ein paar Bilder fassen. Machen wir uns also ein Bild von der
Welt als Text
Stellen Sie sich vor, eines Nachts brechen Sie auf zu einer gewagten Expedition. Sie schnallen sich eine Stirnlampe um und verschaffen sich Zutritt zu einer riesigen, schönen, alten Bibliothek. In ihr können Sie alle Bücher und Texte der Welt finden, aus allen Zeiten, von allen Autoren, in allen Sprachen und Versionen. Sie sind der einzige Mensch dort, und aus Respekt schreiten Sie ganz leise durch die Säle und Regale, streifen manchmal ehrfürchtig mit der Zeigefingerkuppe über einen Buchrücken, können sich gar nicht entscheiden, welchen Folianten, welchen Band Sie zuerst herausnehmen und lesen mögen, es sind so viele. Und so setzen Sie sich nach einer langen Wanderung erschöpft, ohne Buch, an einen Leseplatz, schnaufen durch und kommen allmählich zur Ruhe. Und dann hören Sie es, erst ganz leise, kaum vernehmlich, aber Sie schärfen Ihren Hörsinn, folgen diesem Geräusch so lange, bis Sie es zuordnen, bis Sie es entschlüsseln können: Sie hören ein Gemurmel, vielstimmig, tiefe alte, weise Stimmen mischen sich mit jungen, rotzfrechen; Männerbässe werden von weiblichen Altstimmen umrankt; noch fällt es Ihnen schwer, Genaues zu vernehmen, aber mit der Zeit können Sie einzelne Worte ausmachen, Sätze, Zusammenhänge, und Sie beginnen zu verstehen: Sie lauschen dem Gespräch, dass die Bücher, die Texte untereinander führen. Sie stellen fest, dass sich Gruppen zum Austausch zusammengefunden haben, manche unterhalten sich in trauter Zweisamkeit, manche führen ein leises, manche ein klagendes Selbstgespräch. Bald schwirrt Ihnen der Kopf vor lauter Worten, Gesprächen, Austausch, Wechselreden, Abwägungen, Vorwürfen und Anklagen, Lobgesängen und Artigkeiten, Spöttereien und Boshaftigkeiten, Anspielungen, Verweisen, Umschreibungen, Zuschreibungen, Abschreibungen, Vor- und Nachschriften, Kopien und Anleihen, Fälschungen und Inspirationen, vorgetragen in Monologen, Dialogen, Polylogen.
Tagung »text | text | text« | Vortrag
Was ist hybride Literatur?
Über Erkenntnisformen und Herrschaftskritik
Im Rahmen der Tagung »text | text | text – Zitat, Referenz, Plagiat und andere Formen der Intertextualität« trug Martin Hielscher am 11. Juni 2016 das untenstehende Manuskript vor.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich möchte im Folgenden den Begriff der hybriden Literatur, der vor allem aus der Theorie des Postkolonialismus stammt und unterschiedliche Definitionen kennt, als eine Art regulative Idee nutzen, um bestimmte Phänomene in der Geschichte des Romans zu betrachten. Ausgehend von einigen Werken und Autoren der internationalen Gegenwartsliteratur und älteren Autoren möchte ich den Blick auf die deutschsprachige Gegenwartsliteratur lenken. Schließlich möchte ich auf die Anfänge des modernen Romans zurückschauen. Dabei geht es mir um die folgenden Punkte: Hybridität als »dritter Raum«, in dem verschiedene Codes, Sprachen, Identitäten, Diskurse und Themen miteinander in Verbindung treten, ohne sich restlos zu vermischen oder zu amalgamieren. Hybridität als Subversion und implizite Kritik an Reinheits- und Identitätsmodellen und -konzepten. Hybridität als Herrschaftskritik. Hybridität als ein Ingrediens, das dem Roman womöglich schon früh innewohnt – allerdings nur bestimmten Werken. Schließlich geht es mir um Literatur als Erkenntnisform.
Der indische Literaturwissenschaftler und Theoretiker des Postkolonialismus Homi Bhabha verwendet den Begriff der Hybridität an verschiedenen Stellen seines Werkes »The Location of Culture«[1] Er definiert und verwendet diesen Begriff letztlich in einem politischen Kontext, als Kategorie für eine Art fundamentaler Verschiebung beim Zusammenprall des Herrschaft ausübenden Verwaltungsapparates der Kolonialmacht mit den zu beherrschenden Subjekten und ihren eigenen Strukturen. In der Konsequenz bedeutet diese Verschiebung, dass selbst dort, wo sich der Kolonisierte die Sprache der Kolonisatoren und ihr Wissen, ihren Apparat, ihre Denkformen und kulturellen Codes aneignet, was durchaus auch als ein Akt der Befreiung und Emanzipation gesehen werden kann, er sie nicht »rein« und bruchlos verwenden wollen und können wird. Denn seine eigene Sprache, Geschichte und Kultur waren in diesem Code nicht mitgedacht. Es wird immer eine Differenz, einen Riss, eine Umformung und Vermischung geben, die aber nicht einfach in einem neuen Code, einer neuen Sprache, einem neuen kulturellen Produkt verschwindet, sondern als Verschiebung und Entstellung sichtbar bleibt.
Auf der sprachlichen Ebene wird der Begriff »hybrid« oder »Hybridität« im Zusammenhang mit Übersetzungen verwendet, und in der Literatur kann man sich die Entstehung hybrider Werke unter anderem auch als einen Vorgang der Übersetzung erschließen. Besonders deutlich wird, was gemeint ist, an der englischen Literatur des Commonwealth, etwa aus Indien, oder an den frankophonen oder Englisch schreibenden Autorinnen und Autoren Afrikas, inzwischen immer klarer überall dort, wo Migrantenautoren schreiben, wo eine nomadische Weltliteratur entsteht.
Es geht um einen Gegenentwurf zum Machtanspruch der Kolonialherrschaft mit ihrer Sprache bzw. der Hegemonialsprache, den Formen der Gewaltausübung, Ausbeutung, Züchtigung, Strafe und Verwaltung. Dieser Gegenentwurf, eher ein Text, ein Narrativ, ganz gleich, welcher Form, des Kolonisierten, wird selbst dort, wo die Unterwerfung unter die Herrschaftssprache beabsichtigt war, wie gesagt, nicht vollständig gelingen. Sondern etwas Drittes, gewissermaßen ein Ausschreiten jenes »dritten Raums«, wird entstehen, weder der alte Raum der Herrschaft, noch der der Befreiung – die gibt es noch nicht, weil man schon unterworfen, gezeichnet worden ist und selbst als unabhängig gewordener Ex-Kolonisierter die Zeichen der Unterwerfung in der Form der erlernten Sprache der anderen in sich und mit sich trägt. Man muss sich den anderen verständlich machen; und wenn man in ihrer Welt, einer Welt der Weltsprachen und Weltwährungen, bestehen will, lernt man ihre Sprache, aber damit lernt man auch eine Geschichte, eine Historie und eine Story, die nicht von einem selbst gemacht worden ist. Hybride Texte sind auch nicht Sklavensprache, sondern man hat den Raum der Herrschaft betreten, zu einem Teil in Besitz genommen, man spricht ihre Sprache. Und doch mischt sich in diese Sprache, wie gesagt, eine andere, eine Verformung, eine Differenz, die nicht vollständig mit der angenommenen Sprache der Herrschenden verschmilzt, sondern als Spur des Anderen sichtbar bleibt. Es geht also nicht um ein bruchlos harmonisches Drittes, sondern um eine Mischung, in der durch eine Art Spannung zwischen den ursprünglichen Ordnungen, Sprachen, Modellen und Machtstrukturen eine neue Bedeutung entsteht.
Tagung »text | text | text« | Vortrag
»Gebraucht sind die Gedankensachen schon alle«
Über Originalität und Nachahmung
Im Rahmen der Tagung »text | text | text – Zitat, Referenz, Plagiat und andere Formen der Intertextualität« trug Gert Ueding am 11. Juni 2016 das untenstehende Manuskript vor.
Sehr geehrte Damen und Herren,
die passionierten Wilhelm-Busch-Leser unter Ihnen haben die beiden Titel-Verse meines Vortrags längst erkannt. Sie bilden den Schluss eines Gedichtes, das Busch in dem späten schmalen, 1904 erschienen Bändchen »Zu guter letzt« aufgenommen hat – sein Titel: »Erneuerung«. Es berichtet von einer resoluten Mutter, die aus einem alten Kleiderschrank einen abgetragenen »Schwalbenschwanz«, einen Frack also, herausholt: »Ihn trägt sie klug und überlegt / Dahin, wo sie zu schneidern pflegt, / und trennt und wendet, näht und mißt, / Bis daß das Werk vollendet ist. // Auf die Art aus des Vaters Fracke / kriegt Fritzchen eine neue Jacke. // Grad so behilft sich der Poet. / Du liebe Zeit, was soll er machen? / Gebraucht sind die Gedankensachen / Schon alle, seit die Welt besteht.«
Das sind in schönster Busch-Art gereimte »bummlige Verse«, die nicht nur das eigene poetische Verfahren verschmitzt karikieren, sondern weit darüber hinaus reichen, weiter, als der immer noch als deutscher Haushumorist verkannte Dichter und zu seiner Zeit avantgardistische Maler wohl selber beabsichtigt hat. Das älteste uns bekannte Zeugnis solchen Denkens stammt aus Ägypten, und zwar, man kann es sich kaum vorstellen, aus dem 2. Jahrtausend vor Christus. »Oh, daß ich unbekannte Sätze hätte, seltsame Aussprüche, / neue Rede, die noch nicht vorgekommen ist, / frei von Wiederholungen, / keine überlieferten Sprüche, die die Vorfahren gesagt haben./ Ich wringe meinen Leib aus und was in ihm ist / und befreie ihn von allen meinen Worten. / Denn was gesagt wurde, ist Wiederholung / und gesagt wird nur, was (schon) gesagt wurde.«
Der anonyme Autor dieser Zeilen hat ersichtlich den Weg noch nicht entdeckt, den Wilhelm Buschs Erneuerungskünstlerin weist. Es ist aber derselbe Topos, dem wir in beiden Fällen begegnen, er wandert durch die Jahrtausende, seine Spuren finden wir überall. Bei Goethe, wenn er provozierend fragt: »was können wir denn unser Eigenes nennen, als die Energie, die Kraft, das Wollen!« Oder in Ionescos Worten, bei dem wir das sicher nicht erwartet hätten: »Das Theater hat sich im Grunde (seit der Antike) nicht entwickelt.« Und es ist durchaus nicht nur die Literatur, die diese Überzeugung mit nur kurzen Unterbrechungen bis heute kontinuierlich konstatiert oder beklagt. Zum geflügelten Wort wurde etwa Alfred Whiteheads Diktum: »Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, daß sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.«
Die Streiflichter mögen uns genügen. Die mehr oder weniger resignative Diagnose bewegt sich immer in dem topischen Feld, das schon der ägyptische Autor vor über 4000 Jahren abgesteckt hat. Umso mehr überrascht es, wenn erst ziemlich spät, soweit wir für ein solches Urteil hinreichen unterrichtet sind, nämlich im 5. Jahrhundert vor Christus, und zwar auf einer kleinen Landzunge des asiatischen Kontinents, man als Antidot gegen solche meist niederdrückenden Erfahrungen von Rednern, Dichtern, Philosophen eine Kunstlehre entwickelt, die dem alten Problem eine für uns überraschende Wendung gibt, auch wenn sie natürlich auf lang geübter Praxis beruhen wird. Denn weder beläßt sie es bei der Klage über die fatale Abhängigkeit von den unvermeidlichen Vorgängern, noch negiert sie, wie das spätere Epochen versuchen und der ägyptische Anonymus es sich wünscht, die unlösbare Verquickung jeder geistigen Produktivität in das von alters her immer schon Überlieferte. Die neue Doktrin gewinnt aus dem »Gebrauchten« (um noch in Buschs Terminologie zu bleiben) die Elemente zu neuem Werk und etabliert ein theoretisches Prinzip, eine neue künstlerische Spielregel, ohne die jene Diskussion über das Verhältnis des Neuen zum Alten seither nicht mehr geführt werden kann. Das geschah unter dem Druck umwälzender historischer Veränderungen, die aber wohl nötig waren.
Eine kurze Skizze möge uns das klar machen. Die Familienherrschaft, die der Tyrannis in Griechenland voraus ging, hatte ein elementares Interesse an Brauch und Sitte, am Festhalten des Altvertrauten an der Wiederholung und Verstetigung immer derselben familiären Machtverhältnisse. Die ihr folgende Tyrannis praktizierte dann schon Politik als »methodisches politisches Handeln« (Alfred Heuss), als planvolles, sachliches staatliches Agieren, in dem die Rücksicht auf die jeweils aktuellen sozialen und ideologischen Geschehnisse auch einen Wandel im Verhältnis zum Überlieferten einschloss: Dies verlor seine allesbestimmende Macht, hatte sich also unter neuen Anforderungen zu bewähren und konnte nicht einfach fortgeschrieben werden.
Tagung »text | text | text« | Essay
Schreiben durch Lesen in der Fremdsprache
Zeitgenössische Literatur als Schreib-Anlass
Zeitgenössische Literatur ist eine Inspirationsquelle für Gespräche mit fortgeschrittenen Deutsch-Lernern, aber auch für deren Schreiben. Monika Schumacher hat ihre Kursteilnehmer gebeten, auf der Basis einer aktuellen literarischen Vorlage einen eigenen Text zu schreiben. Es gab dabei keinerlei Vorgaben zu Textsorte oder Umfang, jedoch sollte das Geschriebene eine Verbindung zum Ausgangstext aufweisen. Welche Formen der Intertextualität haben die Studenten gewählt: Wortschatz, ihnen wenig geläufige Begriffe, ganze Sätze oder Passagen, Wiederkehrendes oder Inhaltliches und Bezüge zur eigenen (Lern-)Biografie? Das wird im Folgenden anhand einiger Beispiele gezeigt.
1 Entscheidungen zu Form und Funktion von Entlehnungen
In 20 Texten von Studenten ist eine große Vielfalt an Formen der Intertextualität zusammengekommen. Die Texte enthalten generell auf mehr als einer Stufe Bezüge zum Ausgangstext, wobei häufig die eigene (Sprach-)Geschichte eine Rolle spielt.
1.1 Texte kritisieren, Wortschatz und Strukturen übernehmen
Die Studentin I. aus der Ukraine schreibt, sie habe: »[…]die Gelegenheit, das Buch vom Schweizer Autor Lukas Bärfuss ›Stil und Moral‹zu bewerten […]. Am Ende des Essays greift er auch das Thema der ›eigenen Ecke in der Gesellschaft‹ auf, indem er zeigt, dass eine wohlhabende Person alles verlässt und in ein afrikanisches Flüchtlingslager geht, wo gerade die Cholera ausgebrochen ist. Trotz der Schreie und des Todes der Menschen sitzt sie in einer Ecke und liest ›Sonette an Orpheus‹.«
Bärfuss schreibt: »Und Sie müssen auch zugeben, dass im Grunde wir alle in einer etwas ruhigen Ecke eines Flüchtlingslagers leben.« [1] I. fragt sich zum Schluss ihres Textes: »[…], ob ich diesen Essay weiterempfehlen würde. Auf mich wirkt er wie ein Gedankenfluss, während dem L. Barfuss von einem Thema zu einem anderen springt und sich nicht ganz in das Erzählte vertieft. Hier spricht er vom Elend, dort von der Wirkung der Lektüre auf das Bewusstsein und am Ende beschäftigt er sich mit der philosophischen Frage der ›eigenen Ecke in der Gesellschaft‹. Im Grossen und Ganzen finde ich dieses Werk aber gelungen.«
1.2 Bezüge zur eigenen Biographie schaffen
Barbara Honigmann berichtet im in sich geschlossenen Eingangskapitel ihres letzten Buches, wie sich ihre Familie in Straßburg in einer Straße außerhalb des berühmten Zentrums niedergelassen hat: »Wenn wir sagen, dass wir in der Rue Edel wohnen, antwortet man uns meistens, ach ja, da haben wir am Anfang auch gewohnt. Unsere Straße scheint also eine Straße des Anfangs und des Ankommens zu sein, bevor man nämlich in die besseren Viertel umzieht,[…]« [2]
Dieser Einstieg wurde von den Strukturen her parallel und inhaltlich abgewandelt auf die eigene Straße von mehreren Studenten übernommen. M. aus Frankreich schreibt: »Wenn ich sage, dass ich am Klosterweg lebe, bekomme ich meistens keine Reaktion. Wenn ich sage, dass ich beim Zoo-Eingang wohne, sagen die Leute dann:›Oh wie schön!‹«. Auch R. aus Japan beginnt wie die Autorin des Ausgangstextes: »Wenn ich sage, dass die schönste Straße meines Lebens mein Schulweg zur Primarschule ist, zeigt sich auf den meisten Gesichtern der Wohnviertel-Kenner großes Erstaunen.« A. aus Brasilien sinniert darüber, was eine Straße letztlich ausmacht: »Die Straßen, meine, die von Barbara oder von irgendjemandem, könnten chic, schön, mit Parks, Geschäften, Restaurants und noch mehr sein. Wenn die Einwohner nicht nett, hilfsbereit, freundlich, verständnisvoll sind, wird die Straße auch unelegant sein […]. Eine gute Nachbarschaft verschönert die Straße, das Quartier und sogar die Stadt.«
1.3 Literarische Formen und Themen übernehmen
Angela Kraus’ Text bewegt sich mit Kindheitsfotos illustriert und von diesen inspiriert an der Schnittstelle zwischen Lyrik und Prosa [3]. Der Satz: »Ich bin ein Kind, aber nicht dieses. Ich bin das andere, das mich bewohnt« lässt Z. aus der Tschechischen Republik sinnieren: »Wochentage: Der Montag ist ein Telefon, das an der Wand hängt - grau. Der Dienstag muss wohl ein Kinderwagen sein - bordeaux. Am Mittwoch sehe ich die Kirschen, genauso, wie die in einem Buch gezeichnet waren - zum Fressen schön![…] - Ich habe schon als Kind bildlich überlegt; komisch, dass die Bilder immer noch da sind.«
Z. aus Kroatien überlegt sich, wer sie als Kind war und nun als Erwachsene ist: »Es ist schwierig, zu sagen, wer ich bin. […] Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass ich mich nicht so gut an meine Vergangenheit, besonders meine Kindheit erinnern kann. Ich habe gelesen, die Zellen des menschlichen Körpers verändern sich ständig und das ganze System, das heißt, der Körper, wird völlig anders alle paar Jahre. Ist es dann nicht verständlich, dass ich fast keine Beziehung zu meinem vergangenen Ich finde?«
M. aus Frankreich hört im »bewohnt« von Kraus: einen »[…] obertonreichen Hall. Der lange Vokal ›O‹ erfüllt mich angenehm. Das Foto strahlt etwas Positives aus. Das Mädchen ist dabei, einen Schritt auf die Straße machen zu wollen. Die Straße ist voll besonnt.«
1.4 Die Erzählperspektive verändern
In der Erzählung »Mein Herz ist betrübt« [4] befinden sich zwei über Achtzigjährige in einem veritablen Rosenkrieg. Die Autorin lässt den Mann dabei Folgendes äußern:
»Je öfter er sie zwanghaft anstarrte, umso beunruhigter, angewiderter wurde er. So wie sie würde er in wenigen Jahren sein, eine vegetierende Mumie, ein wackliges Knochengerüst.«
Z. aus der Tschechischen Republik liefert eine Nacherzählung aus der Perspektive der Frau:
»Sie heiratete ihn wegen seiner Schönheit. Von dieser war allerdings schon lange nichts mehr übrig. Sein verrunzeltes Gesicht, seine langsamen Bewegungen und seine krummen Beine. Nichts war schön an ihm. Seine Schönheit verblasste, sie hatte nur die Fotos und vage Erinnerungen an frühere Tage.«
Meiers männlicher Protagonist sieht im Geld den Grund für den gegenseitigen Hass: »Das Einzige, was sie noch interessierte, war Geld.« P. aus Peru schreibt dazu: »Hermine war immer wohlhabend und ist immer noch sehr an Geld interessiert.[…] Er kümmert sich um den Haushalt und ist eine Art ›Hausbeamter‹ zu Hause geworden. […] Der Höhepunkt ist, wo Hermine eine schwere Verletzung vortäuscht und ihr Mann sie ignoriert und schlafen geht. Die Geschichte über Alter, Krankheit und Tod bietet kein Happy End. Sie beschreibt metaphorisch das Eheleben von vielen Paaren.«
2 Abschließende Bemerkungen
Jedes Stück Prosa bietet den Lernenden andere Möglichkeiten, Bezügen zu suchen - die vorgestellten Beispiele sind daher eine sehr kleine Auswahl. Das experimentelle Schreiben hat bei keiner Studentin/keinem Studenten zur Frage »Was schreibe ich denn?« geführt. Im Gegenteil: In den Schreibateliers, in deren Rahmen die Texte entstanden, wurde motiviert gearbeitet. Ausgehend von den Texten der Studenten kann im Unterricht wunderbar diskutiert werden; über die literarischen Texte, die eigenen und die geschaffenen Verbindungen zwischen beidem. Das individuelle Lesen und Sehen bietet so einen echten Beitrag zur allseits propagierten Inter- bzw. Transkulturalität.
Tagung »text | text | text« | Essay
Intertextualität in Haus- und Abschlussarbeiten
Empirische Befunde in Texten von Studenten
Ein maßgebender Faktor bei der Beurteilung der Qualität von schriftlichen Studienleistungen und Abschlussarbeiten ist – wie auch in der Wissenschaft – die Güte und textuelle Integration von verwendeter und referenzierter Literatur. Vor dem Hintergrund eines Verständnisses von Schreibentwicklung als Einbettungs- und Adaptionsverhalten in eine »sozial geprägte, vorfindliche Ordnung« (Steinhoff 2007: 134) und als fortwährenden transformatorischen und aufgabengebundenen Prozess (ebd.: 418) ist daher anzunehmen, dass sich eine solche Entwicklung auch im Kontext von Literaturverwendung widerspiegelt. Als Begleitforschung zu einer umfassenden Textkorpusanalyse im Rahmen des IQF-Projekts »Plagiatsprävention / reFAIRrenz« wurde dies näher untersucht, wobei im Vortrag wesentliche Unterschiede zwischen studentischen Haus- und Abschlussarbeiten kontrastiv gezeigt wurden. Dies wurde anhand einer näheren Betrachtung der Literaturverwendung, der Einbettungsstrategie von Inhalten, der Persistenz von Quellen sowie der Verwendung grauer oder strittiger Quellenformate dargelegt. Die Auswertung erfolgte dabei exemplarisch an studentischen Haus- und Abschlussarbeiten der Pädagogischen Hochschule Freiburg.
Einleitung
Im Rahmen des IQF-finanzierten Projektes »Plagiatsprävention« (Laufzeit 01.2014 - 12.2016) wurde eine umfangreiche Studie zur Typologisierung von intertextuellen Fehlern durchgeführt. Ziel des Projektes ist es, Plagiatspräventionsstrategien und didaktische Konzepte für alle im Land vertretenen Hochschultypen sowie Studiendisziplinen zu entwickeln und zu etablieren. Zu diesem Zweck wurden an der PH Freiburg in Kooperation mit den Projektpartnern Universität Konstanz und HTWG Konstanz studentische Haus- und Abschlussarbeiten hinsichtlich ihrer intertextuellen Fehlerhaftigkeit sowie dem allgemeinen Verlauf der Schreibentwicklung in diachroner als auch fachkulturabhängiger Perspektive untersucht. Die Ergebnisse zeigen dabei nicht nur die Vielfältigkeit von intertextuellen Fehlern, sondern erlauben auch eine empirisch fundierte Entwicklung von didaktischen Materialien, welche den spezifischen Bedürfnissen der verschiedenen Hochschultypen Baden-Württembergs Rechnung tragen. Im Folgenden sollen einige an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg herausgearbeiteten Aspekte der Schreibentwicklung gezeigt werden.
1 Methoden und Korpus
Das methodische Konzept umfasst eine kategoriengeleitete Dokumentenanalyse anhand eines linguistischen Korpus mit einem im Schwerpunkt qualitativ typologisierendem (nach Mayring 2002; Kuckartz 2010 und weitere) sowie ergänzend quantitativ beschreibendem Charakter. Die hier vorgestellten Ergebnisse stellen dabei Begleitforschung zu einer deskriptiven Typologie intertextueller Fehler dar, mit dem Ziel das Problemfeld »Plagiarismus« und intertextuelle Fehler zu strukturieren und theoriebildend im Entwicklungskontext von Schreibkompetenzen zu verorten.
Abbildung 1: Zusammensetzung Textkorpus [1]
Das Kernkorpus untersuchter studentischer Texte umfasst derzeit 455 Arbeiten sowie 96 Inhalte im erweiterten Korpus. Dieses bildet einen Querschnitt sowohl der unterschiedlichen Hochschultypen Baden-Württembergs (Pädagogische Hochschulen, Universitäten und Fachhochschulen) ab, als auch eine Zusammenstellung über Studienverläufe und Studienfächergruppen. Somit ist eine Datenmenge vorhanden, die einen induktiven Zugriff auf ein vielschichtiges Gesamtaggregat zulässt. Im hier betrachteten »PH-Korpus« sind 71 Texte aus dem Lehramtsstudium der Pädagogischen Hochschule Freiburg enthalten. Die Texte stammen aus den Fachbereichen Erziehungswissenschaft, Mathematik und Deutsch. Alle Texte wurden anonymisiert und beigefügtes Forschungsmaterial (Anhänge, Transkripte, Arbeitsdokumentationen) entfernt. Die Grundgesamtheit der Zufallsstichprobe bilden dabei studentische Haus- sowie Abschlussarbeiten in den Lehramstsstudiengängen im Einreichungszeitraum 2010 bis 2013. Neben intertextueller Fehlerhaftigkeit wurden insgesamt acht Untersuchungsdimensionen in die Analyse eingebunden. So wurden funktionale Aspekte von Intertextualität erfasst, Umfang und Quantität direkter intertextueller Bezüge, die Verwendung von Verweisungsabkürzungen, Fremdsprachigkeit von Quellen, Diversität der Quellenverzeichnisse, Onlineverfügbarkeit und Formen von Quellenformaten.
Abbildung 2: Statistische Daten des PH Korpus
Für das PH-Korpus wurden studentische Hausarbeiten aus der Frühphase des Studiums, aus der fortgeschrittenen Phase des Studiums sowie Abschlussarbeiten erhoben, operationalisiert über die Modulstruktur des Lehramtsstudiums, mit dem Zweck eine Entwicklung im Schreibprozess zu untersuchen.
Tagung »text | text | text« | Essay
Intertextualität beim Schreiben in der Fremdsprache
Eine longitudinale Fallstudie
Die Studie beleuchtet den Umgang eines Studenten mit Quellen in der Zweitsprache Englisch über einen Zeitraum von fünf Semestern hinweg. Die analysierten Hausarbeiten zeigen eine deutliche Veränderung im Umgang mit und dem Einsatz von Quellen, die unter anderem auf dem positiven Einfluss von schreibintensiven Seminaren beruht.
1 Zur Ausgangssituation
Der richtige Umgang mit Quellen, also die Nutzbarmachung von Intertextualität, gehört zu den Kernkompetenzen, die Studenten erwerben sollen und ist damit essentieller Bestandteil der Sozialisation im Fach. Durch die Publikation von Informationsmaterialien und die Behandlung dieses Themenkomplexes in Lehrveranstaltungen versuchen Universitäten, den korrekten Gebrauch von Quellen zu fördern, oft vor allem mit dem Ziel, Plagiate zu verhindern.
Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass diese Maßnahmen allerdings nur begrenzt wirksam sind: So kennen Studenten zwar die Regeln des korrekten Quellengebrauchs und wissen, wie an ihren Universitäten mit Plagiaten verfahren wird. Die Umsetzung dieses theoretischen Wissens ist in der Praxis jedoch nicht immer erfolgreich. Tatsächlich sind studentische Texte häufig von unangemessener Zitation und patchwriting gekennzeichnet (Li & Casanave 2012). Auch Plagiate treten häufig auf, wobei eine Täuschungsabsicht nur in einem geringen Teil der Fälle nachzuweisen ist und es sich bei einem Großteil um unbeabsichtigte Plagiate handelt (Pecorari 2003, 2006). Die Ursachen für diesen problematischen Umgang mit Quellen sind vielfältig. Sie können in kulturellen Unterschieden begründet sein (Matalene 1985, Pennycook 1996, Pecorari 2003), aber auch in Unterschieden zwischen dem Quellengebrauch in verschiedenen Disziplinen (Hyland 1999, Bouville 2008, Pecorari 2006). Auch fehlende Sprachkenntnis in der L2 kann zu fehlerhaftem Quellengebrauch beitragen oder diesen sogar verursachen (Petrić 2012); ein wichtiger Faktor sind hier fehlendes Selbstvertrauen und mangelnde Kenntnisse beim Paraphrasieren des Quellentextes (Yamada 2003, Abasi & Akbari 2008, Li & Casanave 2012, Shi 2012, Keck 2014). Eine zentrale Erkenntnis, die sich aus diesen Studien ableitet, ist, dass Studenten intensives Feedback zu ihrem Quellengebrauch benötigen, damit es zu einer Verbesserung kommen kann (Pecorari 2006).
Die vorliegende Studie möchte die bisherige Forschung um eine Fallstudienbeobachtung ergänzen, indem sie untersucht, wie ein Bachelor-Student der Anglistik, Germanistik und Philosophie Intertextualität in seinen Textprodukten schafft. Zugrunde liegt ihr ein Textkorpus, das aus fünf Hausarbeiten besteht, die über einen Zeitraum von fünf Semestern hinweg verfasst wurden. Der Verfasser, Ben (ein Pseudonym), schreibt in seiner Zweitsprache Englisch zu Themen aus dem Bereich der englischen Literatur- und Kulturwissenschaft und Linguistik. Um das Entstehen von Intertextualität über diesen Zeitraum verfolgen zu können, wurden die Seminararbeiten in MAXQDA einer qualitativen und quantitativen Analyse unterzogen. Hierzu wurden alle Vorkommnisse von direkten Zitaten und Paraphrasen von Quellen kodiert und ihre Verwendung analysiert. Im Folgenden sollen primär die Ergebnisse der qualitativen Untersuchung dargestellt werden.
2 Ergebnisse
Die Inhaltsanalyse zeigt, dass in den ersten drei Seminararbeiten Intertextualität vor allem durch das Einfügen von einzelnen Wörtern in den Textfluss des Verfassers erzeugt wird. Paraphrasen und Zusammenfassungen von längeren Passagen aus der Sekundärliteratur finden sich nicht. Auch werden die Zitate weder eingeleitet noch kommentiert, und so auch nicht mit dem sie umgebenden Text verknüpft.
Das folgende Beispiel illustriert dies sehr anschaulich:
Since the human being can be referred to as »storytelling animal« (Gottschall 2012), it is story, our »human universal« (Gottschall 2012: 30), which we use to think about ourselves and, consequently, to shape our selves and our life. We are so accustomed to this »automatic and swift […] process of constructing reality that we are often blind to it – and rediscover it with a shock of recognition« (Bruner 2003: 8). (Seminararbeit 1: 1)
Ein besonderes Merkmal dieser ersten Seminararbeit ist, dass Quellen nur in Einleitung und Theorieteil herangezogen werden. Der Hauptteil der Arbeit – die eigentliche Interpretation des Films Memento – enthält kein einziges Zitat und keinen einzigen Quellenverweis. Eine Plagiatsprüfung ergab, dass er nur aus der Eigeninterpretation des Verfassers besteht. Da zahlreiche, leicht auffindbare Quellen zu diesem Thema existieren, liegt die Vermutung nah, dass Ben sich bewusst gegen deren Hinzuziehung entschied; möglicherweise, weil er es nicht für erforderlich hielt, da er die Interpretation eigenständig leisten konnte. Auch Rückbezüge zu den in den vorangegangenen Kapiteln verwendeten Quellen lassen sich nicht ausmachen. Es zeigt sich somit, dass Ben zu Beginn seines Studiums Intertextualität nicht gewinnbringend einsetzen kann. Quellen dienen ausschließlich dem Zweck der Information, dem Beisteuern von Wissen, über das der Verfasser selbst nicht verfügt. Obwohl kein Plagiat und kein unwissenschaftlicher Umgang mit den verwendeten Quellen festzustellen ist, ist dieser Umgang mit Quellenmaterial durchaus als problematisch zu bezeichnen, da eine aktive Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Diskurs nicht stattfindet. Ein identischer Umgang mit Quellen ist in den zwei folgenden Seminararbeiten zu verzeichnen; eine Weiterentwicklung ist nicht zu erkennen. Dies ist umso bemerkenswerter, als Ben regelmäßig die Schreibberatung des Schreibzentrums aufsuchte, die ihn auf diesen problematischen Quelleneinsatz hätte aufmerksam machen müssen.
Tagung »text | text | text« | Essay
Ein schreibdidaktisches Konzept für Innenarchitekten
EinBlick in eine Schreibwerkstatt an der Hochschule Coburg
Einleitung
Die Auseinandersetzung mit dem fachlichen Gegenstand über das Medium Text wird aus zwei Gründen von den Studenten in künstlerisch-gestalterischen Disziplinen als eine besondere Herausforderung erlebt:
1. Texte schreiben erfordert zum einen fachliche Kompetenzen, wie z. B. das Wissen um die materiellen, ästhetischen, gesellschaftlichen und kulturellen Funktionen von Räumen, die gerade erst erworben werden.[1]
2. Texte schreiben erfordert zum anderen überfachliche Kompetenzen, wie beispielsweise das Wissen um die spezifischen Merkmale einer Textsorte, der Entwurf eines Textdesigns, die Entwicklung eines Storyboards, die Fähigkeit des Wechselns von der Schreibenden- in die Leserperspektive, Überarbeitungstechniken und vor allem ein Thema zu denken und zu gestalten.[2]
Im Folgenden möchte ich zuerst erläutern, inwiefern das Sprechen über Bilder und Texte den Schreibprozess in künstlerisch-gestalterischen Disziplinen beeinflussen kann. In einem zweiten und dritten Schritt zeige ich am Beispiel der Schreibwerkstatt »Bilder – Texte – Sprache« (Wahlpflichtfach: Innenarchitektur/Architektur, 6. Semester), welche Schlüsselfunktion das akademische Schreiben bei der Beschreibung eines Raumes im Kontext der Fachkommunikation einnehmen kann. Ein abschließendes Fazit resümiert meine Gedanken zur Implementierung schreibintensiver Lehre im Studiengang Innenarchitektur.
1 Bilder – Texte – Sprache
»Schreiben repräsentiert unsere Gedanken in einzigartiger Weise. Wir sehen etwas vorher. Wir erproben. Wir entscheiden. Unser Denken materialisiert sich auf dem Papier. Dies ist alles richtig und greift dennoch zu kurz. Denn zwischen Außenwelt und menschlicher Wahrnehmung gibt es einen Raum, den wir Interpretation nennen. Er beschreibt die menschliche Art, Informationen und Empfindungen zu verarbeiten. Wörter sind nicht neutral. Selbst wenn alle Wörter neutral wären, wäre die persönliche Erfahrung des Einzelnen doch immer wieder eine andere.«[3]
Schreibende in künstlerisch-gestalterischen Disziplinen erleben ihren Schreibprozess als einen komplexen Prozess des Gestaltens einer textuellen Wirklichkeit über das Skizzieren und Planen, das Finden und Abgleichen geeigneter Texthandlungen und Textprozeduren. In diesem Punkt unterscheidet sich das akademische Schreiben in der Innenarchitektur vom Wissen generierenden oder problemlösenden Schreiben in den Fachdisziplinen.[4] Ein schreibdidaktisches Konzept muss demzufolge Lernziele formulieren, welche die interdisziplinäre Verknüpfung von fachlichen und überfachlichen Aufgaben in einem situativen Rahmen herstellen und dem Sprechen über die Genese eines Textes Raum geben:
1. Das Wissen um die Bedeutung des Evozierens innerer Bilder beim Leser über die Medien Bild und Text vermitteln, d. h. die Schreibarrangements ermöglichen den Schreibern kreatives Problemlösen über das »Suchen und Finden auf dem Feld unzähliger Anschlussmöglichkeiten«[5].
2. Das Wissen um die relevanten Merkmale fach- und berufsspezifscher Textsorten und die Relevanz impliziten Wissens für die Gestaltung fach- und domänenspezifische Texthandlungen, dies beinhaltet die bewusste Verwendung adäquater Textprozeduren und ein umfassendes Repertoire an geeigneten Prozedurenausdrücken.[6]
3. Das Wissen um die Funktion des Sprechens über Bilder und Texte für den eigenen Schreibprozess, wie beispielsweise durch das Peer-Feedback bei der Überarbeitung der Texte hinsichtlich des Einnehmens einer kritisch-distanzierten Haltung zum eigenen Text.
2 Das didaktische Konzept
Ein Schreibarrangement soll die Schreiber dazu anleiten, fachspezifische Texte (z. B. Fachartikel) über Entwürfe (Textformen) – unter Berücksichtigung intertextueller Bezüge (Referenzen aus der Fachliteratur, Bildmaterialien – zu verfassen, gestalterische Phänomene in Texten abzubilden und über das Sprechen über den Bild-Text-Kombinationen mögliche Leserperspektiven auszuloten. Fachliche Schreibkompetenz wird zum einen über die steigende Komplexität der Aufgaben und zum anderen durch die Erweiterung des Repertoires an Textsortenmustern, Texthandlungen und Textprozeduren sowie das gezielte Einnehmen zielgruppenspezifischer Leserperspektiven aufgebaut.[7]
Abbildung 1: Texthandlung Einen Raum beschreiben
Das im nächsten Abschnitt stark verkürzt dargestellte Schreibarrangement zeigt am Beispiel der Texthandlung »Einen Raum beschreiben«, wie der Schreibprozess mit dem gestalterischen Entwurfsprozess verbunden werden und das Schreiben im Fachstudium zur »Routine als eine Art des Handelns«[8] reifen kann.
3 Das Schreibarrangement[9]
Das Schreibarrangement ist in den situativen Kontext »Einen Fachartikel schreiben« eingebettet und übersetzt die Wahrnehmung eines Raumes über das Medium Bild in verbale Sprache.
Schritt 1
(Es wird das Bild des Raumes an die Wand projiziert.)
Notieren Sie alle Worte, die sie in diesem Raum visuell verankert finden, und ordnen Sie diese dann in einer Mind-Map grafisch. Die Worte sollen einen der folgenden Aspekte fokussieren:
• Funktionen des Raumes (Form und Ausstattung, Zielgruppe und Nutzung)
• Wirkungen des Raumes (sinnliche Wirkung: optisch, haptisch, akustisch)
• Eigenschaften des Raumes (u. a. Farben, Oberflächen, Materialien, Gestaltungsrhythmen, Proportionen, Belichtung)
Schritt 2
Erstellen Sie die Rohfassung der Beschreibung eines der aufgeführten Aspektes.
Schritt 3
Tauschen Sie Ihre Textentwürfe untereinander aus. Lesen und kommentieren Sie die Entwürfe Ihrer Peers.
Anschließend folgt – in Abgleich mit dem Bild – eine intensive Diskussion der einzelnen Textentwürfe. Die Schreiber überarbeiten die Rohfassung ihrer Texte und verfassen eine Raumbeschreibung, welche die anderen Aspekte berücksichtigt. Eine Diskussion der Texte im Plenum rundet dieses Schreibarrangement ab.
3 Fazit
Das schreibdidaktische Konzept versteht sich ein Baustein für curriculare Überlegungen und bedarf der Ergänzung durch weitere Evaluation.
- [1] s. das interdisziplinäre Projekt PLANwerk. Merkur.de: »Erleuchtung garantiert.« http://www.merkur.de/leben/wohnen/heim-handwerk-2015-erleuchtung-garantiert-5752565.html (Stand: 30.8.2016).
- [2] Weber, Wibke (2013): Strukturierungsmuster: Schreiben als Designprozess. In: Stücheli-Herlach, Peter; Perrin, Daniel (Hg.): Schreiben mit System. PR-Texte planen, entwerfen und verbessern. Wiesbaden 2013. S. 191—21.
- [3] Berning, Johannes (2015): Schauen –Wahrnehmen – Notieren: Wie das Schreiben den Blick dehnt. In: Schmölzer-Eibinger, Sabine.; Thürmann, Eike (Hg.): Schreiben als Medium des Lernens. Kompetenzentwicklung durch Schreiben im Fachunterricht. Münster, New York 2015. S. 219.
- [4] ebd.
- [5] ebd.
- [6] Feilke, Helmut (2015): Text und Lernen – Perspektivenwechsel in der Schreibforschung. In: Schmölzer-Eibinger, Sabine; Thürmann, Eike(Hg.): Schreiben als Medium des Lernens. Kompetenzentwicklung durch Schreiben im Fachunterricht. Münster, New York 2015. S. 61—65.
- [7] Vgl. auch Rotter, Daniela; Schmölzer-Eibinger, Sabine (2015): Schreiben als Medium des Lernens in der Zweitsprache. In: Schmölzer-Eibinger, Sabine; Thürmann, Eike (Hg.): Schreiben als Medium des Lernens. Kompetenzentwicklung durch Schreiben im Fachunter-richt. Münster, New York 2015. S.81—83.)
- [8] Weisberg, Jan (2012): Schreibflüssigkeit und Schreibroutinen. In: Feilke, H.; Lehnen, K.(Hg.): Schreib- und Textroutinen. Frankfurt am Main 2012. S. 158.
- [9] Das Schreibarrangement wurde gemeinsam mit Michael Heinrich; seit 2006 Professur an der Hochschule Coburg (Entwurf, Darstellung; Wahrnehmungs- und Gestaltungsgrundlagen; Raum- und Architekturgeschichte; Bühnenbild, Concept Art) entwickelt.