Mythen des Alltags
Cornern
Über das Leben an Ecken
»Bitte NICHT wild pinkeln! Behindert NICHT den Verkehr! Bitte seid lieb!« Neben Katzenvermissten-Meldungen und Babysitter-Gesuchen klebt dieser Zettel an einer Straßenecke in Hamburg. Fein säuberlich laminiert, richtet er sich vor allem an diejenigen, die hier zu Hunderten in St. Pauli »cornern«. Von der Ecke zur »Corner« wurde die Kreuzung zwischen »Grüner Jäger« und »Thadenstraße« vor elf Jahren. Der zentrale Kiosk, die Tabak-Börse, musste damals, wegen Sanierungsarbeiten am Gebäude, auf die Grünfläche gegenüber in einen Container ausweichen. Seitdem trifft man sich hier zum kollektiven Herumsitzen und Herumstehen an der Ecke. Wer sich durch die Ansammlung quatschender und qualmender Eckensteher kämpft, gelangt zu ebenjener »Tabak-Börse«, liebevoll auch »Ta-Bö« genannt, die sich inzwischen wieder im alten Gebäude befindet und rund um die Uhr Getränke und Zigaretten bereit stellt. Dort spricht nichts dagegen, ein oder mehr Biere um die Ecke zu bringen.
Eine magische Anziehungskraft scheint von Bushaltestellen, Spielplätzen, Brücken, Treppen oder eben Ecken auszugehen. Schon im Jahr 1943 hat William Foote Whytes das Phänomen in der Fallstudie »The Street Corner Society« eingehend untersucht. Der US-amerikanische Soziologe verbrachte für seine Feldforschung einige Jahre im Bostoner Stadtteil North End und teilte die jüngeren Bewohner in zwei Hauptkategorien ein: Die »corner boys« und die »college boys«.[1] In den 1970er und 1980ern Jahren konnten ähnliche Vorgänge auch in New York beobachtet werden. “The corner was our magic, our music, our politics, […]”[2] beschreiben die Last Poets in einem Song des US-amerikanischen Rappers Common das Leben in der Bronx. Dort trafen sich Breakdancer und Hip-Hopper an den Straßenecken, um gegeneinander anzutreten. Entstanden ist daraus eine Mischung aus Kunst, Kultur und Protestbewegung, auch um der Gewalt rivalisierender Straßengangs etwas entgegenzusetzen.
Heute »cornern« nicht nur die »corner boys«. Inzwischen halten sich auch die privilegierten »college boys« und »college girls« am liebsten unter freiem Himmel auf. Dabei dürfen sie sich bei permanenter Frischluftzufuhr und Boom-Box-Beschallung rebellisch und unangepasst fühlen. Nicht alle sind jedoch glücklich über diese kulturelle Bewegung, die lautstark durch das Nachtleben zieht und eine Spur der Vermüllung hinterlässt. Die Gastronomie beklagt Umsatzeinbußen, Anwohner sind genervt, und Politiker fürchten um den Kiez in seiner bisherigen Form. Aber machen nicht gerade diese scheinbaren Störfaktoren eine Stadt lebendig und reizvoll? Was wäre der Kiez also ohne ein bisschen Schmutz, den Duft der Straßenreinigung, Biergeruch im nebligen Morgendunst, die steife Zwiebel- und Fritteusen-Fett-Brise oder die blass-grünen Schnapsgesichter auf dem Nachhauseweg?
Es bleibt das abzuwarten, ob sich die Gemüter wieder beruhigen, sobald die nächste laue Sommernacht vom »Schietwetter« in Hamburg abgelöst wird, Regenschirme oder Friesennerze das Stadtbild bestimmen und sich abends wieder in die Kneipe um die Ecke statt an die Ecke gesetzt wird.
Hördatei
»Dann werden Sie keinen Erfolg haben …«
Gert Ueding über Gestaltung und Rhetorik
Was hat Gestaltung mit Rhetorik zu tun? Gestalter bedienen sich rhetorischer Mittel – sei es beim Entwurf von Plakaten, kernigen Sprüchen oder der Erklärung ihres Designs. Insofern ist es für angehende und etablierte Kommunikationsdesigner essentiell, Grundlagen der Rhetorik kennen zu lernen.
Gert Ueding spricht im Interview über die Verbindung von Gestaltung und Rhetorik und über Kompetenzen, die sich Kommunikationsdesigner von Rhetorikern abschauen können. Weiterhin denkt er über die Bedeutung von Neuschöpfungen in der Gestaltung nach und gibt Ratschläge, was Designer tun können, um sich in die gesellschaftliche Kommunikation einzubringen.
Buchbesprechung
»… in den Gewändern der offenen Gesellschaft«
Daniel Hornuff über das Design der Neuen Rechten
»Martin Seller hört Hip-Hop und hasst den Islam. Er postet Selfies bei Instagram und will Ausländer rauswerfen. Er war mal Neonazi, jetzt hat er ein neues Projekt: Rechtsradikalismus hip machen«.[1]
Der selbsternannte intellektuelle Kopf der »Identitären Bewegung« macht keinen Hehl um seine Absichten. Der Aufschwung neurechter Initiativen scheint europaweit offene Gesellschaften anzugreifen. Aber was ist das Neue an den Neuen Rechten?
Nicht die Ideologie sei es, sondern deren Design und Erscheinung in der Öffentlichkeit, so Daniel Hornuff. Der Kulturwissenschaftler und Universitätsprofessor an der Kunsthochschule in Kassel untersucht die Designstrategien neurechter Bewegungen. Ihre Methoden werden in seinem Buch »Die Neue Rechte und ihr Design. Vom ästhetischen Angriff auf die offene Gesellschaft« analysiert und entschlüsselt.
Ein präzises Studium der ästhetischen Praktiken sei, so Hornuff, demnach unumgänglich und nicht zu vernachlässigen, wenn man den Erfolg neurechter Organisationen besser einordnen und verstehen wolle. Paradoxerweise werde gerade durch die Angleichung an ästhetische Praktiken pluralistischer Gesellschaften Rassismus gesellschaftsfähig gemacht. »Die Feinde der offenen Gesellschaft erscheinen in den Gewändern der offenen Gesellschaft.« Sneaker statt Springerstiefel, völkische Parolen in modernem Look: So erreichten die Neuen Rechten eine breite Masse in Magazinen, Chats, Social Media und Online Videos, wo sie um Unterstützung werben. Ihre Vertreter präsentierten sich hier zunächst als Gewalt-ablehnende Intellektuelle oder auch harmlose Hipster von nebenan. Dabei sind sie das keinesfalls, denn die geschickte Verbreitung von rechten Verschwörungstheorien, wie z. B. das Narrativ des »großen Austausches« legitimierten erst Gewalt und rechtsextremistisch motivierte Terroranschläge.
Um einen objektiven Ton bemüht, werden in Hornuffs Buch ausgewählte ästhetische Phänomene in zehn gut strukturierten Themenkapiteln untersucht. Durch visuelle Fallbeispiele wird dem Leser die Wirkungsweise und Methodik neurechter Designstrategien verständlich erklärt und zugänglich gemacht. Deren Erfolg kann das Buch vielleicht nicht mindern – nach einer Handlungsanweisung für Kommunikationsdesigner oder konkreten Gegenmaßnahmen sucht man in dieser Lektüre vergeblich. Vielmehr werden Gestalter dazu angeregt »Designkompetenz auszubilden und zu lernen«, um die politische Designstrategie der Neuen Rechten kritisch und selbstreflektiert bewerten zu können. In der Neigung zur Selbstüberhöhung doch »auf der richtigen Seite zu stehen«, laufe man sonst Gefahr, sich den Selbstbildern mancher Vertreter neurechter Bewegungen anzugleichen. Vielleicht wäre es in diesem Zusammenhang auch interessant gewesen, wie Hornuff die Strategien und Initiativen gegen rechts auslegen würde.
Somit bleibt eines zu tun: die Gestaltung einer offenen und vielfältigen Gemeinschaft, in der sich möglichst viele wiederfinden können – Demokratie also. Hornuff plädiert dafür, genauer hinzuhören und vor allem hinzusehen. Er zeigt uns optimistisch, dass es sich lohnt den Blick auf scheinbar triviale, kulturelle Gesellschaftsphänomene zu schärfen.
Essay
Markenmärchen
Die Erzählung im Dienste der Unternehmenskommunikation
Philips trägt ein Licht in die Welt[1], Coca Cola sieht Liebe statt Hass[2], und Amazon betet für Akzeptanz[3].

Abb. 1: Die Sequenz aus dem Coca Cola Werbespot »Was uns zusammenbringt« inszeniert die Marke als kulturellen Botschafter.
Immer mehr Marken nutzen Erzählungen, um unternehmensbezogene Inhalte zu kommunizieren und – was noch wichtiger scheint – um sich zu profilieren.
Schmackhafte Köder: Die Anziehungskraft der Erzählung
Schon immer versammelte sich die Gesellschaft einer Cocktailparty um jene Gäste, die es verstanden, eine gute Geschichte zu erzählen. Unternehmenskommunikation funktioniert im Grunde ähnlich: Jede Marke will der Star der Party sein. Denn diesen Auserwählten wird eine zentrale sowie soziale Währung zu Teil: Aufmerksamkeit! Und Erzählungen scheinen genau das Mittel zu sein, um sich diese begrenzte Ressource zu sichern. Aber wieso üben Erzählungen diese magische Anziehungskraft auf uns aus?
Eine mögliche Erklärung dafür sieht die Psychologie im »Eskapismus«. Demnach lesen, schauen oder hören wir Erzählungen, um uns von eigenen Problemen abzulenken und um dem Alltag zu entfliehen. Auch der Kommunikationswissenschaftler Jonathan Cohen argumentiert, dass der Wunsch, in die erzählte Welt einzutauchen (neben einer starken Identifikation mit dem Protagonisten), der zentrale Grund dafür sei, dass wir einige Bücher immer wieder lesen, einige Filme immer wieder schauen.[4]
Wir betreten eine uns fremde, konstruierte Realität, in der Hoffnung, dort eine heile Welt vorzufinden. Es scheint, dass wir nur all zu gern dem weißen Kaninchen folgen. Doch schon Alices Aufenthalt im Wunderland artete ziemlich bald in Stress aus, und uns als Rezipient ergeht es nicht anders. Nicht nur Lewis Carroll lässt durchblicken, dass das mit der heilen Welt so eine Sache ist. Auch Literaturwissenschaftler Jonathan Gottschall zweifelt daran, dass bloßer Eskapismus der Grund für unsere waghalsigen, gedanklichen Ausflüge ist: »Consider the plotlines found in children’s playtime, daydreams and novels. The narratives can‘t be explained away as escapism to a more blissful reality. If that were their purpose, they would contain more pleasure. Instead they‘re horrorscapes. They bubble with conflict and struggle.«[5] Wir stellen fest: Eine erzählte Welt ist keine heile Welt. Umso mehr stellt sich die Frage, warum wir in diese Parallelwelten eintauchen wollen, wenn unsere Probleme uns dorthin folgen, sich dort sogar neue für uns auftun.
»Entertainment!«, echot es da neudeutsch aus der Medienecke; wie überhaupt alles in einer postfaktischen Gesellschaft im Zeichen des »Entertainment« zu stehen scheint. Und ganz von der Hand zu weisen ist es nicht. Doch wie so oft steckt der Teufel im Detail, in diesem Fall in der Definition des Begriffes. Eine solche liefert der Drehbuchautor Robert McKee in seinem Standardwerk: »Unterhaltung ist, im Dunkeln zu sitzen, auf die Leinwand zu blicken und enorme Konzentration und Energie in das zu investieren, was so hofft man, eine befriedigende, bedeutsame emotionale Erfahrung sein wird.«[6] Diese Definition lässt erahnen, dass Unterhaltung nicht mit Spaß gleichzusetzen ist. Im Gegenteil. Auch eine tragische Geschichte kann uns unterhalten – sprich: uns eine emotionale Erfahrung machen lassen.
Tatsächlich bestätigt die Psychologie das Sammeln von Erfahrungen als einen zentralen Nutzen von Erzählungen für das Individuum. Sie fand heraus, dass wir, beim Rezipieren einer Geschichte, unterbewusst einen »Erfahrungsabgleich« starten. Zum einen gleichen wir das Geschehen einer Erzählung mit unseren persönlichen Erfahrungen ab. Zum anderen eröffnen sich uns alternative Handlungsoptionen. Wir lernen durch das Handeln des Protagonisten neue Verhaltensmuster kennen und werden gleichzeitig auf Handlungsalternativen aufmerksam gemacht. Wir müssen also nicht alle Fehler selbst begehen, um aus ihnen zu lernen. Die Psychologie spricht in diesem Zusammenhang passender Weise vom »Stellvertreterlernen«. Ein dritter psychologischer Prozess, der beim Erleben einer Geschichte abläuft, wird »Kontextualisierung« genannt. Er beschreibt die Fähigkeit, aus Erzählungen Erkenntnisse über unsere persönlichen Bedürfnisse, Ziele etc. abzuleiten.[7] Sie zu konsumieren, egal in welcher Form, fördert die Selbst-Reflexion und unsere persönliche Entwicklung. Anhand von Geschichten lernen wir uns demnach selbst besser kennen.
- [1] Philips – Helping people wake up naturally in northern Norway | Produktspot 2010: https://www.youtube.com/watch?v=jMm4TXXTpIg (Stand 2.1.2019).
- [2] Coca Cola – Was uns zusammenbringt | Weihnachtsspot TV 2018: https://www.youtube.com/watch?v=UXuhYzLyhFw (Stand 2.1.2019).
- [3] Amazon Prime – Titel unbekannt | Weihnachtsspot TV 2016: https://www.youtube.com/watch?v=hKEzqGHS2hw (Stand 2.1.2019).
- [4] vgl. Sammer, Petra: Storytelling. Die Zukunft von PR und Marketing. Köln 2014. S. 142.
- [5] Eagleman, David: The Moral of the Story. ‘The Storytelling Animal’, by Jonathan Gottschall. In: New York Times, 2012. URL: http://www.nytimes.com/2012/08/05/books/review/
the-storytelling-animal-by-jonathan-gottschall.html (2.5.2017). - [6] McKee, Robert: Story. Die Prinzipien des Drehbuchschreibens. Berlin 2016(10). S. 150.
- [7] vgl. Sammer, Petra: Storytelling. Die Zukunft von PR und Marketing. Köln 2014. S. 28 f.
Hördatei
»Wir haben eine wunderbare Muttersprache«
Jochen Malmsheimer über Freude am Spiel mit Sprache
Der Kabarettist und Sprachvirtuose Jochen Malmsheimer macht deutlich, dass er nichts von Kategorisierungen hält, versucht dennoch eine Einordnung und erklärt, warum seine Kabarettform »episch« ist. Malmsheimer spricht über die Vielfältigkeit der deutschen Sprache, ihren stetigen Wandel und wie man sie »artgerecht« benutzt um sich selbst und anderen Freude zu bereiten.
Jochen Malmsheimer nennt das Grimmsche Wörterbuch seinen größten Schatz, in dem er »liest wie in einem Roman« und »untertaucht wie in einem Schwimmbecken«. Malmsheimer liebt Vielschichtigkeit und Doppelbödigkeit in der Sprache und ist sich sicher: »Derjenige, der ein bisschen mehr Kenntnisse besitzt, hat noch ein bisschen mehr Freude.«
Essay
Die Rhetorik der Technik als Motor der Utopie
Über Kurd Laßwitz' Science-fiction »Auf zwei Planeten«
1 Utopien und die Rhetorik der Technik
Utopien zeichnen »neue« und »Un«-Orte[1] häufig so, dass sie mit technischen Versprechen verknüpft werden, sei es, dass Technik als Vehikel den Weg zu den »Un«-Orten, den Noch-nicht-Orten ermöglicht, oder sei es, dass Technik die Utopie zu sich selbst bringt. Das aber legt nahe, dass in Utopien technische Beschreibungen nicht einen Selbstzweck haben und nicht allein als äußere Attribute oder gattungsgemäßes Ornament einer anderen Welt dienen, sondern eine konstitutive Funktion für die Utopie und das Erzählen der Utopie besitzen – dass also die technischen Beschreibungen in utopischen Texten in umfassender Weise rhetorisch sind oder sein können. Im Science-fiction, im wissenschaftlichen Märchen und der phantastischen Erzählung treibt oft Technik selbst die Erzählung voran, erlaubt gar erst, bestimmte dramaturgische Wendungen einzuleiten und vorzunehmen; somit bekommt Technik eine dramaturgische, rhetorische Funktion. Technik ist demnach nicht »nur« Ornament des Noch-nicht-Ortes, der Utopie, sondern Triebkraft der Erzählung (und wohl auch des Erzählens). Sie bekommt – zumindest in den anspruchsvollen Beispielen dieser Genre – eine weitere Funktion, nämlich eine argumentative: Technik selbst wird zum Argument für die Möglichkeit des Un-Ortes, zur Bedingung der Möglichkeit eines utopischen Strebens, der Suche nach einer anderen, besseren Welt. Wenn die Darstellung der Technik in diesen Gattungen illustrativen, dramaturgischen und argumentativen Zwecken dient oder dienen kann, dann lassen sich anhand dieser Fiktionen auch Fragen einer Rhetorik der Technik[2] entwickeln und diskutieren, insbesondere Aspekte einer Metaphorologie[3] und einer Narratologie[4] der Technik.
Diese Thesen sollen im Folgenden belegt oder zumindest illustriert werden am Beispiel des Romans »Auf zwei Planeten«, den Kurd Laßwitz 1897 veröffentlichte.[5]
2 Kurd Laßwitz und sein Roman
Kurd Laßwitz[6] wurde 1848 in Breslau geboren, sein Vater war Kaufmann und demokratischer Abgeordneter im preußischen Landtag. Kurd Laßwitz studierte Mathematik und Physik und promovierte zum Doktor der Philosophie. Er hatte einen Beruf, als Gymnasialprofessor lehrte er in Gotha am Gymnasium »Ernestinum« Physik, Mathematik und philosophische Propädeutik; und er hatte zwei Berufungen, als Schriftsteller veröffentlichte er wissenschaftliche Märchen und Erzählungen, Science-fiction, Humoresken; als Naturwissenschaftler und Philosoph arbeitete er insbesondere über Immanuel Kant und Gustav Theodor Fechner. Sein zweibändiges wissenschaftliches Hauptwerk »Geschichte der Atomistik vom Mittelalter bis Newton« fand in Fachkreisen Anerkennung, ebenso seine zahlreichen Aufsätze zu philosophischen und naturwissenschaftlichen Themen; doch der Ruf auf eine Professur blieb ihm verwehrt, obgleich ihn immerhin Wilhelm Dilthey dafür empfohlen hatte[7]. Seine erzählerischen Texte wurden in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften sowie in Büchern gedruckt; sein Erfolgsroman »Auf zwei Planeten« wurde mehrfach aufgelegt, bevor ihn die Nazis verboten und er in Vergessenheit geriet. Laßwitz starb 1910 in Gotha.
Ein »Haschisch-Buch«[8] nannte Bertha von Suttner, die spätere Friedensnobelpreisträgerin (1905), ein Jahr nach dessen Erscheinen Laßwitz’ Roman; dieses »wissenschaftliche Märchen«[9] wecke »Empfindungen und Vorstellungen, die berauschend sind und die man nie zuvor gekostet hat«[10] – ganz ohne Drogen … Der weltanschauliche Gehalt des Romans brachte die einen zum Schwärmen, Laßwitz’ Lust am Extrapolieren wissenschaftlicher und technischer Ideen die anderen. So befand der Raketeningenieur und Raumfahrtpionier Wernher von Braun, die »technische Phantasie des Verfassers, dem Funkverkehr, Auto und Flugzeug noch völlig fremd sind, ist überraschend und geradezu visionär«[11], die Raumstation über dem Nordpol sei, so Rudi Schweikert, für Wernher von Braun »mit Auslöser für sein Projekt eines ›Weltraumbahnhofs‹. Von Brauns Raumstation gleicht von der äußeren Gestalt (wenn auch nicht von den Ausmaßen her) derjenigen von Laßwitz fast bis aufs Haar. Ein Phänomen, rar genug: Literatur beeinflußt Wissenschaft.«[12]
Kurd Laßwitz wird zurecht zu »den hellsichtigsten Wegbereitern«[13] der Science-fiction gezählt. Es ging ihm nicht allein darum, »naturwissenschaftlich informierte(n) Leute(n) Geschichten (zu) erzählen«[14], das ist sicher nur ein Teil seines und seiner Leser Vergnügen. Abenteuerroman ebenso wie philosophischer Roman, Liebes- wie Emanzipationsgeschichte, Science-fiction, wissenschaftliches Märchen oder Phantastik ebenso wie politische, pazifistische und philosophische Utopie – all das kann in Laßwitz’ »Auf zwei Planeten« gefunden werden.[15] Um so erstaunlicher, wo überall man nichts über diesen Roman findet, kaum eine Literaturgeschichte kennt ihn, auch »Kindlers Literaturlexikon« lässt ihn links liegen. Er ist anscheinend etwas für den Blick aufs Entlegene; den warf Arno Schmidt gern in die literarische Welt. Folgt man Rudi Schweikert, einem Kenner der Werke Arno Schmidts, so war Schmidt von »Auf zwei Planeten« tief beeindruckt und beeinflußt und bewunderte diesen Roman.[16] Als Beleg für Schmidts Laßwitz-Begeisterung führt Schweikert unter anderem an, dass in »Zettel’s Traum« gleich das erste längere Zitat aus Laßwitz’ Roman stammt.[17]
- [1] »Das Wort ist eine Bildung zu griechisch ou ›nicht‹ und griechisch tópos ›Ort, Stelle, Land‹ und bedeutet demnach eigentlich ›Nichtland, Nirgendwo‹.« Aus: Duden – 12 Bde., Bd. 7: Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Die Geschichte der deutschen Wörter bis zur Gegenwart. Mannheim 2001(3). S. 885. Der Begriff »Utopia« taucht erstmals 1516 mit Thomas Morus’ gleichnamigen Werk auf. Zur Begriffsgeschichte vgl. Dierse, Ulrich: Utopie. In: Ritter, Joachim; Gründer, Karlfried; Gabriel, Gottfried (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie.Bd.11, U—V. Basel 2001. Sp. 510—526; sowie Otto, Dirk: Utopie. In: Ueding, Gert (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 9: St—Z. Tübingen 2009. Sp.982—997.
- [2] vgl. zu diesem Begriff und zu den Forschungsgegenständen einer Rhetorik der Technik: Friedrich, Volker: Zur Rhetorik der Technik. Aufriss eines Forschungsgebietes. In: ders. (Hg.): Technik denken. Philosophische Annäherungen. Stuttgart 2018. S. 249—259; auch abrufbar unter: ders. (Hg.): Sprache für die Form – Forum für Design und Rhetorik. Ausgabe Nr. 11, Herbst 2017. https://www.designrhetorik.de/zur-rhetorik-der-technik/ (Permalink).
- [3] a. a. O., 2018, S. 256.
- [4] a. a. O., S. 257 f.
- [5] Der Roman wurde immer wieder aufgelegt, häufig mit Kürzungen und Bearbeitungen versehen. Ungekürzt wurde er zuletzt im Rahmen der »Kollektion Laßwitz. Neuausgaben der Schriften von Kurd Laßwitz in der Fassung der Texte letzter Hand« im Verlag Dieter von Reeken herausgegeben: Laßwitz, Kurd: Auf zwei Planeten. Lüneburg 2020(2). 607 Seiten.
- [6] Diese biografischen Angaben stützen sich auf: Reeken, Dieter von: Kurd Laßwitz – Lebensdaten. In: ders. (Hg.): Über Kurd Laßwitz. Tagebuch 1876–1883, Bilder, Aufsätze. Lüneburg 2018(2) sowie auf: Laßwitz, Kurd: Lebenslauf. a. a. O., S. 15—17.
- [7] s. Laßwitz, Kurd: Tagebuch. a. a. O., S. 41.
- [8] Suttner, Bertha von: Die Numenheit. a. a. O., S. 123.
- [9] ebd.
- [10] ebd.
- [11] Zitiert nach: Rottensteiner, Franz: Ordnungsliebend im Weltraum – Kurd Laßwitz. In: Reeken, Dieter von (Hg.) Über Kurd Laßwitz. a. a. O., S. 134.
- [12] Schweikert, Rudi: Von Martiern und Menschen oder Die Welt, durch Vernunft dividiert, geht nicht auf. Hinweise zum Verständnis von »Auf zwei Planeten«. In: Laßwitz, Kurd: Auf zwei Planeten. Frankfurt am Main 1984(2). S. 950 f.
- [13] Dath, Dietmar: Niegeschichte. Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine. Berlin 2019. S. 175.
- [14] a. a. O., S. 687.
- [15] Literaturwissenschaftliche Definitionen dieser Gattungen und ihre Abgrenzungen voneinander (vgl. Frenschkowski, Marco: Phantastik. In: Ueding, Gert (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 10: Nachträge. Tübingen 2012. Sp. 886—900.) spielen für meine Überlegungen in diesem Artikel keine Rolle.
- [16] s. Schweikert, a. a. O., S. 959—964.
- [17] Das Zitat greift eine Szene auf, in der Isma, die Frau des Nordpol-Expeditionsleiters Torm, auf dem Mars eine ungewöhnliche Ausstellung über »Tastkunst« besucht (s. Schmidt, Arno: Zettel’s Traum. i. Buch. Berlin 2010. S. 14.).
Buchbesprechung
»Merkwürdig und zugleich wundervoll«
Stephen Fry erzählt griechische Mythen neu
Am Anfang war das Chaos – doch dann kam Stephen Fry und räumte auf. Wie kam das Leid in die Welt? Und wieso konnte Hera die Göttin Athene nie so richtig leiden? Stephen Fry tischt in seinem neuesten Buch »Mythos. Was uns die Götter heute sagen« (Originaltitel: Mythos. A Retelling of the Myths of Ancient Greece) all die komplexen Erzählungen rund um die griechischen Götter auf. Das Buch erschien 2018 im Aufbau-Verlag, Berlin.
»Der Anfang ist genau der Punkt, an dem ich anfangen sollte« (S.134). Auf knapp 450 Seiten wird auch ein Leser ohne spezifisches Vorwissen begeistert in die Welt der Götter getragen. Stephen Fry erzählt ausgewählte griechische Mythen auf äußerst unterhaltsame, humorvolle und lebendige Art. Mit Witz und Einfühlungsvermögen haucht er den angestaubten, in Vergessenheit geratenen Geschichten und ihren Protagonisten Leben ein – ähnlich wie es Athene bei der Schöpfung des anthropos tat. Er lässt sie tatsächlich »zu Wort kommen« und die Bilder zu den Erzählungen ploppen im Geiste beinahe unvermeidbar auf. Man sieht regelrecht den gerade geborenen Hermes durch die Höhle hüpfen und kieksen: »Diese knallenge, kleine Kammer verursacht mir kolossale Klaustrophobie« (S.118) – eine astreine Alliteration.
Fry kommentiert einige Passagen seiner Erzählung in zahlreichen Fußnoten mit teils persönlichen, teils trockenen, teils weiterführenden informativen Einschüben. Dabei gerät der Lesefluss jedoch nie ins Stocken. Vielmehr beherrscht Fry die Kunst, den Text durch diese Einschübe noch lebendiger und dadurch einprägsamer zu gestalten. Die zunehmend komplexeren Verwandtschaftsverhältnisse sind, soweit es überhaupt möglich ist, immer wieder erläutert, und so gewinnt man als Leser einen gewissen Überblick des Geschehens.
Ein spannender Teil von Frys Arbeit ist seine im Untertitel des Buches versprochene Leistung, die Geschichten in unser Heute zu transportieren. Was hat es mit diesem seltsamen, von Schlangen umwundenen Stab auf sich, den wir alle von Krankenwagen kennen? Welchen Ursprung haben unsere heutigen Wörter Elektrizität und Elektron? Doch die Mythen können mehr, als etymologische Zusammenhänge auffächern. Ihnen allen liegt ein tief demokratisches Verständnis zugrunde, ein Gefühl der Gemeinsamkeit und der Verbundenheit mit diesen so menschlichen Göttern, deren Erlebnisse wir so gut unseren menschlichen Erfahrungen beimessen können. In ihren jahrtausendelangen Entstehungsprozessen sind diese, anfangs nur mündlichen, Erzählungen absolut auf den Punkt gebracht. Nur die besten und einprägsamsten haben es bis in unsere Zeit geschafft und sind so als eine Art geschliffener Diamant einer rhetorischen Kultur anzusehen. Der Mythos, als ein ideenreiches und symbolisches Konstrukt liefert in seinen menschlichen Aspekten auch heute noch Aktualität und Inspiration – auch das zeigt Frys Buch.
Schade ist eigentlich nur, dass das Buch dann doch irgendwann endet. Was ausbleibt, ist zum Beispiel Stephen Frys Erzählung zur Odyssee oder der im Text sogar schon angedeutete Kampf um Troja. Aber wer weiß, vielleicht darf man auf einen weiteren Wälzer voll von belustigenden, erhellenden und grausamen Mythen der griechischen Welt hoffen. Erschöpft ist das Thema jedenfalls noch nicht, und ein solches Chaos braucht schließlich immer jemanden, der es aufzuräumen weiß.
Mythen des Alltags
Tätowierungen
Motive, die unter die Haut gehen
Kreise, Punkte, Linien, Ornamente, Sprüche, Fratzen – all das und noch viel mehr, räkelt sich auf Körpern an deutschen Stränden. Die Rede ist von Tattoos.
Das Wort »Tattoo« kommt aus dem Englischen und beschreibt ein Motiv, das durch Nadeln mit Tinte oder Pigment in die zweite Hautschicht gestochen wird. Dabei sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Größe, Form und Farbe werden ganz auf die Wünsche der Kunden angepasst. Mit solch einem »Stichwerk« unter der Haut kann man heutzutage keine Menschenseele mehr schockieren. Nein, viel mehr ist es »en vogue«, ein Tattoo zu besitzen. Nicht zuletzt aus dem Grund, dass auch immer mehr Personen des öffentlichen Lebens ihren Körper mit Bemalungen schmücken. Man denke an Schauspieler, Spitzensportler, Moderatoren oder gar Vertreter von Königshäusern.
Unser Körper ist im 21. Jahrhundert regelrecht zum Ausdrucksmittel und zur Präsentationsfläche mutiert. Traut man den Aussagen der »Süddeutschen Zeitung« von April 2018, ist mittlerweile fast jeder fünfte Deutsche tätowiert, darunter sogar rund die Hälfte aller Frauen zwischen 25 bis 34 Jahren[1]. Aber Vorsicht! Wer jetzt den Verdacht schöpft, Tattoos seien eine neumodische Erfindung, der irrt. Körperschmuck dieser Art gibt es schon seit eh und je. Das beweist die 5300 Jahre alte Gletschermumie Ötzi. Seinen Körper zierten über 60 Tätowierungen geometrischer Gestalt, jedoch wahrscheinlich eher aus medizinischen Gründen als aus ästhetischem Schick. Die Striche und Punkte auf Ötzis Körper waren an typischen Stellen der chinesischen Akupunktur angebracht und dienten in seinem Falle der Schmerzlinderung von Rheuma und Verstauchungen[2].
Im weiteren Verlauf der Zeitgeschichte kristallisierte sich eine Tätowierung als ein Zeichen für Zugehörigkeit heraus. Einzelne Gruppen nutzten sie zum Zwecke der Identifikation. So zierten prachtvolle Anker die muskulösen Oberarme von Seefahrern, und die Anhänger der japanischen Yakuza verliehen ihren Körpern durch farbenfrohe Blumenmotive das gewisse Etwas. Zuhälter kennzeichneten ihre Prostituierten mit einer Art Tattoolabel für die Ewigkeit, und bei Insassen von Gefängnissen prangte eine fette Nummer auf dem Unterarm[3]. Vor allem die letzten beiden Gesichtspunkte spiegeln negative Beispiele wider und machen deutlich, warum die Gesellschaft noch vor einigen Jahren Tattoos verpönte.
Größer, bunter, verrückter lautet die Devise für ein Tattoo. Zu viel des Guten oder ein sich wandelnder Geschmack sorgen nun aber dafür, dass sich neben dem florierenden Job des Tätowierers ein ganz neuartiger Berufszweig entwickelt hat. Endlich wieder weg mit den alten Sünden! Eine Laserbehandlung soll es richten und in einigen schmerzhaften Sitzungen für teures Geld das entfernen, was einst dringlich unter die Haut gebracht werden sollte.
Es bleibt festzuhalten: Die Anzahl der »Tintlinge« in unserer Bevölkerung steigt, und bald sorgt es wahrscheinlich noch nicht einmal mehr für Aufruhr, wenn Claus Kleber, verziert mit dem Porträt von Gundula Gause auf dem Unterarm, zum »heute journal« grüßt. Ein Tattoo muss es also sein, um sich von der breiten Masse abzuheben. Jedoch stellt sich da langsam die Frage, mit welcher Art von Tattoo man sich überhaupt noch abheben kann? Vielleicht dreht man den Spieß einfach um und sagt: Das schönste Tattoo ist »kein Tattoo«. Damit könnte man bald eine echte Rarität in der Gattung Mensch sein.
- [1] Freiberger, Harald: Tattoos sind kein Tabu mehr. Süddeutsche: https://www.sueddeutsche.de/karriere/taetowierungen-keine-tattoos-am-hals-1.4088625, Stand 19.6.2019.
- [2] Angler, Martin: Der älteste Tintling der Welt: Warum hatte Ötzi so viel Tätowierungen? Vice: https://www.vice.com/de/article/vv7wkj/der-aelteste-tintling-der-welt-warum-hatte-oetzi-so-viele-ttowierungen-394, Stand 2.7.2019.
- [3] Von Kalben, Beatrix: Tätowierungen. Planet Wissen: https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/mode/taetowierungen_schoenheit_die_unter_die_haut_geht/index.html, Stand 19.6.2019.
Buchbesprechung
»… engagiert und authentisch wirken …«
18 Essays verknüpfen serielle und individuelle Gestaltung
Die Begriffe »Handwerk« und »Design« stehen in einem ambivalenten Verhältnis zueinander. Beides sind Begriffe, deren Bedeutung und Definition sich nicht einfach in einen kompakten Satz pressen lassen. Dennoch – man spürt, dass beide Begriffe irgendwie miteinander verwoben sind. Dieses Spannungsverhältnis besser einordnen zu können, das verspricht man sich durch das Buch »seriell – individuell. Handwerkliches im Design«, herausgegeben von Gerda Breuer und Christopher Oestereich. 18 Essays verschiedener Autoren werden in dem Sammelband zusammengebunden, sie geben einen Überblick zur Entwicklung von Handwerk und Design und setzen diese Begriffe in einen gesellschaftlichen Zusammenhang.
Der Sammelband startet mit dem Aufsatz »Das Handwerk als Produktions- und Arbeitsstil. Widerstand, Koexistenz und Konvergenz zur Industriekultur« von Dagmar Steffen. Die Entwicklung von Handwerk und seinem Gegenspieler, der Industrie, wird hier unter dem Designaspekt historisch eingeordnet – von der Arts-and-Crafts-Bewegung bis hin zu den aktuellen Digital Crafts.
Auch die folgenden Texte im Themenblock »Handwerk und Design – Die Entwicklung« bemühen sich um die Einordnung und Eingrenzung der Begrifflichkeiten.
Der Aufsatz von Verena Kuni »Gib mir fünf. Begriffe zu Handwerk, Design und DIY« kommt mit fünf Begriffen aus dem angesprochenen Spannungsverhältnis daher: Analogital, Instruktion, Nachhaltigkeit, Open Source und Zusammenarbeit. Verena Kuni schafft es, den Raum zwischen Design und Handwerk zu definieren, und schildert inspirierende Beobachtungen, in denen man sich als Gestalter oft wiederfindet. Besonders die Fokussierung auf einen Prozess und nicht auf ein »Endprodukt« ist ein spannendes und vielversprechendes Konzept für junge Gestalter. Neben den theoretischen Gedankengängen von Kuni klingen konkrete Methoden und Ideen für einen neuen, anderen Gestaltungsprozess an.
Auch der darauf folgende Essay von Mònica Gaspar »Craft in its Gaseous State« ist für jungen Gestalter sehr aufschlussreich. Gaspar beschäftigt sich ebenfalls mit der Fokussierung auf den Prozess und vermittelt Handwerk als eine Perspektive für Designer: »Handwerk dient Designern dabei auch als rhetorisches Werkzeug der Aneignung, mit dessen Hilfe sie individuelle und kollektive Handlungen ausloten.« (S. 129) Der Aspekt der Rollenfindung ist dabei zentral, da durch den Prozess einer Recherche der Ausdruck und eine kritische Reflexion aufeinandertreffen.
Die weiteren Essays des Themenfeldes »Positionen – Handwerkliches im Design heute« befassen sich mit dem Handwerk als Experimentierfeld, mit Materialität, Methoden und interdisziplinären Arbeiten in unterschiedlichen Designdisziplinen. Der Themenblock schließt mit einem Essay von Annina Schneller, »Die Rhetorik des Selbstgemachten im Grafikdesign« versucht die Anziehungskraft von handgemachten Kommunikationsmittel zu greifen und zu erklären; damit meint Schneller, ambivalent zum Handwerk, das Laienhafte. Sie unterscheidet dabei Handwerklichkeit, im Sinne von handwerklichem Können, von Amateurgestaltung. Dabei stellt Schneller die These in den Raum, dass Amateurgestaltung nicht zwingend schlechter sein muss – »sie kann durch ihre selbstgemachte Erscheinung engagiert und authentisch wirken und gerade hierdurch ihren Zweck erfüllen« (S. 194). Eine Aussage, von der man sich zunächst provoziert, beinahe angegriffen fühlt. Jedoch werden imperfekte Stilmittel im Grafikdesign tatsächlich oft genutzt, um ein persönliches oder authentisches Design zu erhalten.
Das nächste Kapitel Handwerk, Design und Gesellschaft« beschäftigt sich in drei Essays mit dem DIY-Trend (Do it yourself), mit Konsumkritik und Nachhaltigkeit. Besonders der Essay von Dirk Hohnsträter hilft zu verstehen, warum wir uns von handwerklich hergestellten Produkten angezogen fühlen und was das mit Individualität zu tun hat.
Durch die vielen Autoren wird in dem Buch ein großes Spektrum an Gedanken, Erkenntnissen und Beobachtungen übermittelt. Das Lesen und Einordnen der Informationen wird durch die verschiedenen Auffassungen von Design und Handwerk der Autoren erschwert. Dadurch sind die Abgrenzungen unklar, und es ist erforderlich, zwischen den Zeilen zu lesen. Die Kurzbiografien der Autoren, die hinten im Buch gesammelt zu finden sind, können jedoch dabei helfen. Will ein Kommunikationsdesigner die Erkenntnisse des Buches auf seine Disziplin anwenden, muss er umdenken. Viele Autoren beziehen sich auf Produktdesign, die Erkenntnisse lassen sich aber auch auf Kommunikationsdesign übertragen. Die vielfältige Lektüre lohnt sich jedoch auf jeden Fall, auch wenn einige lose Fäden zurückbleiben. Wer Interesse an Prozessen und Methoden hat, dem bietet das Buch interessante Antworten, es wirft spannende Fragen auf.
Frage und Antwort
»Rockstar der Elektriker-Innung«
Stefan Sagmeister über die Überraschung des Ungewöhnlichen
Manche halten Sie für einen Popstar des Designs. Können Sie sich darin wiederfinden?
Heutzutage gibt es in jeder Branche einen Rock- bzw. Popstar, der Rockstar des Direktmarektings, der Rockstar der Elektriker-Innung. Die Einzigen, die keine Rockstars sind, sind die Rockstars selber. Die glauben, sie sind Brands.
Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?
Ich habe über viele Jahre hinweg versucht, die beste Arbeit, die ich machen kann, zu machen. Das funktionierte manchmal besser, und manchmal weniger gut.
Warum lassen Sie sich nackt fotografieren?
Als Österreicher habe ich vor der Nacktheit keine große Angst, alle unsere Wiener Badestrände zur Studentenzeit waren Nacktbadestrände. Da mir klar war, dass die Nacktheit - zumindest im Designzusammenhang - hier in Amerika sehr ungewöhnlich ist, habe ich diese Ungewöhnlichkeit ausgenutzt. Als Kommunikationsdesigner funktioniert die Überraschung des Ungewöhnlichen als Strategie ausgezeichnet.
Sind Sie an einem Punkt Ihrer Karriere, an dem Sie nur noch Design für Designer machen können?
Design für Designer hat mich nie interessiert, da kommen oft langweilige, interne, für einen kleinen Kreis bestimmte Projekte heraus. Aber ich bin an einem Punkt meines Lebens angelangt, an dem ich mir es leisten kann, nur noch Projekte, die mich wirklich interessieren, zu machen.
Warum nehmen Sie nur noch »non-commercial«-Aufträge an?
Weil ich schon genügend kommerzielle in meinem Leben fertiggestellt habe. Da macht mich jetzt etwas Neues, von mir noch Unerprobtes mehr an.
Wie wecken Sie mit Ihrer Gestaltung das Entzücken beim Betrachter?
Manchmal, in dem wir versuchen, etwas besonders Schönes zu gestalten. Oder etwas besonders Persönliches. Oft erreichen wir es nicht.
Wann ist der formale Ausdruck einer Idee wichtiger als die Idee selbst?
Ich würde beide als gleichwichtig betrachten.
»Stets muss die Praxis auf guter Theorie beruhen«, sagte Leonardo da Vinci – gilt das für Sie ebenfalls?
Nicht unbedingt: Es gibt durchaus die Möglichkeit, etwas aus dem Bauch heraus zu gestalten, das ohne Theorie zu einem guten Ergebnis führen kann.
Welche (Design)-Methoden benutzen Sie innerhalb Ihrer Kreativarbeit?
In der Vergangenheit habe ich oft sehr genaue Skizzen gefertigt (ich besitze 25 großformatige, meist penibel geführte Skizzenbücher), die dann so getreu wie möglich umgesetzt wurden; ein Design war dann fertig, wenn es die Skizze so exakt wie möglich duplizierte, eine high-res-Version derselben.
Diese Arbeitsmethode wurde mit den Jahren ein wenig eingleisig, und so probieren wir allerlei andere Möglichkeiten aus, z. B: statt Skizzen Zeitbeschränkung. Wir haben dies bei einem Auftrag zur Gestaltung einer Serie von fünf Plakatwänden für die Stadt Paris ausprobiert: Wir sind samt einer gemieteten high-res-Kamera nach Arizona geflogen, morgens jeden Tag um 6 Uhr aufgestanden, sind ohne Skizze in die Wüste und haben mit den dort gefundenen Materialien pro Tag ein Design gestaltet, insgesamt fünf Plakatwände in fünf Tagen. Wir mussten täglich spätestens um 17 Uhr fertig sein da um 18 Uhr die Sonne unterging und wir keine Blitzanlage mitgebracht hatten.
Wo sehen Sie sich und den Beruf des Designers in zehn Jahren?
Ich bin ein schlechter Wahrsager. Dem Beruf wird es sehr wahrscheinlich gut gehen, denn selbst wenn AI einiges unserer Arbeit übernehmen wird, wird es für flexible Designer immer viele Gestaltungsmöglichkeiten geben, ob in VR, AR oder AI. Ich selber hoffe, dass ich in 10 Jahren immer noch ein winziges Designstudio in NYC leiten werde.