Illustrationen

Eisige Bilder

Ausstellung in Köln und Paris zur Eishockey-WM

  • Confrontation – Gary Taxali
    Con­fron­ta­ti­on – Gary Taxali
  • Player of the year photo – Gary Taxali
    Play­er of the year pho­to – Gary Taxali
  • Puck's photo – Gary Taxali
    Puck’s pho­to – Gary Taxali
  • Eishockey 1 – Pierre Ferrero
    Eis­ho­ckey 1 – Pierre Ferrero
  • Eishockey 2 – Pierre Ferrero
    Eis­ho­ckey 2 – Pierre Ferrero
  • Eishockey 3 – Pierre Ferrero
    Eis­ho­ckey 3 – Pierre Ferrero
  • A puck is born – Thomas Fuchs
    A puck is born – Tho­mas Fuchs
  • Auf dem Puck – Thomas Fuchs
    Auf dem Puck – Tho­mas Fuchs
  • Pucktooth – Thomas Fuchs
    Puck­tooth – Tho­mas Fuchs
  • Eishockey 1 – Thilo Rothacker
    Eis­ho­ckey 1 – Thi­lo Rothacker
  • Eishockey 2 – Thilo Rothacker
    Eis­ho­ckey 2 – Thi­lo Rothacker
  • Eishockey 3 – Thilo Rothacker
    Eis­ho­ckey 3 – Thi­lo Rothacker

Die Eis­ho­ckey-Welt­meis­ter­schaft fin­det vom 5. bis zum 21. Mai statt, die Spie­le wer­den in Köln und Paris aus­ge­tra­gen. Vier Illus­tra­to­ren gin­gen aufs Eis, ohne Schlä­ger, aber mit dem Stift, und schau­ten dem Puck hin­ter­her. Was dem Kana­di­er Gary Tax­a­li, dem Fran­zo­sen Pierre Fer­re­ro, dem Deut­schen Tho­mas Fuchs und dem Deutsch­fran­zo­sen Thi­lo Roth­acker dabei ein­fiel, wird an den Spiel­or­ten aus­ge­stellt: im Deut­schen Sport- und Olym­pia­mu­se­um in Köln und im Palais Omni­sports de Paris-Ber­cy. Jeweils drei Illus­tra­tio­nen haben die Künst­ler »Spra­che für die Form« zur Ver­fü­gung gestellt, mehr zu sehen gibt es in den Ausstellungen.

Filmbesprechung

»Die Zeit für Gerechtigkeit ist immer!«

»The Great Debaters« – ein Film über die Kraft der Argumente

Mar­shall, Texas 1935. Am Wiley Col­lege grün­det Pro­fes­sor Mel­vin B. Tol­son, gespielt von Den­zel Washing­ton, einen Debat­tier­club, für den er vier Stu­den­ten aus­wählt. Zum Team gehö­ren: der bereits debat­tier-erfah­re­ne Hamil­ton Bur­gess (Jer­main Wil­liams), der erst 14-Jäh­ri­ge Pas­to­ren­sohn James Far­mer Juni­or (Den­zel Whita­ker), Drauf­gän­ger Hen­ry Lowe (Nate Par­ker) sowie die ers­te Frau auf die­sem Gebiet, Saman­tha Boo­ke. Sie alle ver­bin­det ihre schwar­ze Haut­far­be und ihre Lei­den­schaft für Wor­te. Unter der Regie von Tol­son schaf­fen es die vier, meh­re­re Debat­tier­wett­be­wer­be gegen ande­re far­bi­ge Col­lege­teams zu gewin­nen. Als sie schließ­lich gegen das ers­te wei­ße Debat­tier­team antre­ten sol­len, scheint alles möglich. 

Doch das Dop­pel­le­ben ihres Pro­fes­sors soll der Grup­pe zum Ver­häng­nis wer­den. Tol­son enga­giert sich gegen die Ras­sen­tren­nung und vor allem gegen den Ras­sen­hass. Die­se poli­ti­schen Umtrie­be brin­gen nicht nur ihn, son­dern auch sein Debat­tier­team in Gefahr. Bur­gess ver­lässt auf­grund Tol­sons poli­ti­scher Ansich­ten die Grup­pe. Auch die Staats­macht bedrängt ihn zuse­hends. Als er fest­ge­nom­men wird, hal­ten er und die drei übri­gen Stu­den­ten zwar zusam­men, doch von die­sem Moment an hagelt es Duell­ab­sa­gen von zahl­rei­chen Wett­be­wer­bern. Trotz­dem geben sie nicht auf. Nicht umsonst meint Tol­son: »Debat­tie­ren ist ein kno­chen­har­ter Sport, ein Wett­kampf.« [1] Die Stu­den­ten stei­gern sich von Wett­be­werb zu Wett­be­werb und set­zen ihre Argu­men­te immer geziel­ter ein. Schließ­lich kommt es zum fina­len Duell: Wiley Col­lege gegen Harvard.

Den­zel Washing­ton spiel­te nicht nur eine der Haupt­rol­len, son­dern führ­te bei dem US-ame­ri­ka­ni­schen Film­dra­ma »The Gre­at Deba­ters – Die Macht der Wor­te« aus dem Jahr 2007 auch Regie. Das Dreh­buch schrieb Robert Eise­le. Es beruht auf einer wah­ren Bege­ben­heit. Die bei­den erzäh­len die Geschich­te vor allem aus der Per­spek­ti­ve des Jüngs­ten, James Far­mer Juni­or. Durch ihn erlebt der Zuschau­er Höhe­punk­te und Tief­schlä­ge. Eine gewis­se Distanz bleibt jedoch und ver­hin­dert, dass der Film zu pathe­tisch wird. Denn es geht um nicht weni­ger als die gro­ßen The­men Mensch­lich­keit und Gerechtigkeit. 

Die »Sto­ry« ist durch­aus mit einem Sport­dra­ma um den unaus­weich­li­chen Auf­stieg eines Under­dog­teams zu ver­glei­chen. Die Prot­ago­nis­ten müs­sen Ras­sen­vor­ur­tei­le über­win­den und ihren Glau­ben an sich und das Team ent­wi­ckeln und stär­ken. Dabei wird deut­lich, dass ein­drucks­vol­le Zie­le kla­re Bot­schaf­ten brau­chen. Das Wiley-Team darf bei­spiels­wei­se immer die poli­tisch kor­rek­ten Argu­men­ta­tio­nen aus­füh­ren (zivi­ler Unge­hor­sam, Segre­ga­ti­on an Bil­dungs­ein­rich­tun­gen). Trotz­dem ver­sinkt Den­zel Washing­ton nicht in Kli­schees, son­dern plä­diert ein­drucks­voll für Gerech­tig­keit, Gleich­heit, Mensch­lich­keit und Bil­dung. Zu Beginn des Films lässt er den Geist­li­chen Dr. James Far­mer die­se Hal­tung zusam­men­fas­sen: »Ich glau­be, wir haben in die­sem Land ein gro­ßes Pri­vi­leg, denn wir haben die wich­tigs­te Auf­ga­be in Ame­ri­ka: die Bil­dung unse­rer Jugend. […] Bil­dung ist der ein­zi­ge Weg. Der ein­zi­ge Weg aus der Unwis­sen­heit […].« [2] Musi­ka­lisch unter­legt wird die Hand­lung mit atmo­sphä­ri­schem Blues, Jazz und Gos­pel. Auch akus­tisch bleibt der Film also in sei­ner Zeit.

Abge­se­hen von den erwähn­ten Klei­nig­kei­ten, hat es die­se mit­rei­ßen­de und glaub­wür­di­ge Geschichts­ver­ar­bei­tung der Ras­sen­tren­nung und -dis­kri­mi­nie­rung in den USA ver­dient, welt­weit in den Kinos gezeigt zu wer­den. Wer hier­zu­lan­de mit­fie­bern möch­te, kann sich den Film aller­dings nur auf DVD und Blu-Ray ansehen. 

Abschlie­ßend lässt sich die Bot­schaft des Fil­mes am bes­ten durch ein Zitat von Saman­tha Boo­ke zusam­men­fas­sen: »[…] [M]ein Kon­tra­hent sagt, heu­te ist noch nicht der Tag für Wei­ße und Far­bi­ge auf’s glei­che Col­lege zu gehen, den glei­chen Cam­pus zu tei­len, im sel­ben Klas­sen­zim­mer zu sit­zen. Wür­den Sie mir freund­li­cher­wei­se mit­tei­len wann die­ser Tag kom­men wird? Kommt er schon mor­gen? Oder erst nächs­te Woche? In 100 Jah­ren? Nie?! Nein, die Zeit für Gerech­tig­keit, die Zeit für Frei­heit und die Zeit für Gleich­heit ist immer! Ist immer, genau jetzt!« [3]

Essay

Pluralismus ja – aber wie kann man mit Terroristen reden?

Eine Analyse von Werten und Argumenten

Cum prin­ci­pia negan­te non est dis­pu­t­an­dum[1]

1 Vor­re­de

Wird über »Wer­te« dis­ku­tiert, hören wir die­sen Begriff zusam­men mit Spe­zi­fi­ka­tio­nen wie: »unse­re Wer­te«, »west­li­che Wer­te«, »Wer­te einer euro­päi­schen Leit­kul­tur« oder gar »christ­li­che Wer­te« etc. Die­ser spe­zi­fi­zie­ren­de Gebrauch unter­stellt, dass es auch noch ande­re Wer­te, also nicht-euro­päi­sche, nicht-christ­li­che, nicht-west­li­che Wer­te gebe und sich die »Ande­ren«, wer immer sie auch sein mögen, nicht an unser Wer­te, son­dern an ande­re Wer­te hal­ten würden.

Wenn man danach fragt, wel­ches denn die­se Wer­te expli­zit sind, dann beginnt das Stot­tern, und oft wird nach einem gewis­sen Zögern das genannt, was eigent­lich Tugen­den sind, also ver­hal­tens­steu­ern­de Vor­stel­lun­gen für bestimm­te Handlungsweisen.

An die­ser Stel­le soll kei­ne Ethik­ein­füh­rung erfol­gen, aber Tugen­den und Wer­te muss man schon aus­ein­an­der hal­ten. Fleiß, Pünkt­lich­keit, Sau­ber­keit, Ordent­lich­keit sind höchs­tens Tugen­den, viel­leicht sogar typisch deut­sche, aber noch kei­ne Wer­te. Man spricht gele­gent­lich sogar von Sekun­där­tu­gen­den. Aris­to­te­les hat in sei­ner »Niko­ma­chi­schen Ethik« den Tugen­den viel Raum in sei­nem Den­ken gege­ben, er begriff Tugen­den als Hal­tun­gen, die sich in der Mit­te zwi­schen zwei extre­men Hal­tun­gen oder Hand­lungs­wei­sen anord­nen las­sen. So liegt die Tap­fer­keit zwi­schen Toll­kühn­heit und Feig­heit, die Mäßi­gung ist die Mit­te zwi­schen Wol­lust und Stumpf­heit, und der Groß­zü­gi­ge ist weder ein Ver­schwen­der noch ein Geiz­hals.[2]

Indi­vi­dua­li­tät, Wis­sen, Reli­gi­on, Bil­dung, Iden­ti­tät, Pres­se­frei­heit, Scham, sozia­les Enga­ge­ment, Wür­de, Auto­no­mie, Sub­si­dia­ri­tät, Frei­heit, Plu­ra­lis­mus, Asyl­recht und offe­ne Gesell­schaft – sind das nun Wer­te oder Tugenden?

Wir spre­chen über Wer­te. Die klas­si­sche Quel­le der Ent­ste­hung von Wer­te­vor­stel­lun­gen sind: Erfah­rung von Bedürf­nis­sen, reli­gi­ös offen­bar­ten Vor­stel­lun­gen, Bestim­mun­gen einer phi­lo­so­phi­schen Anthro­po­lo­gie, Theo­rien über Evo­lu­ti­on und Gesell­schaft, Geschich­te und Poli­tik und seit der moder­nen Ethik im 20. Jahr­hun­dert Ein­sich­ten, die sich in Dis­kur­sen als zustim­mungs­fä­hig erwei­sen. Aus der Viel­falt die­ser Quel­len lässt sich auch die Viel­falt der Begrün­dun­gen für Wer­te erschlie­ßen. Sie sind so viel­fäl­tig wie die Phi­lo­so­phie selbst.

Es geht um Plu­ra­lis­mus. Wenn der Begriff »Plu­ra­lis­mus« als ein Wert begrif­fen wer­den soll, muss er in ein Sys­tem von Wer­ten ein­ge­ord­net wer­den kön­nen. Nun kann man expli­zi­te Wer­te­sys­te­me nicht all­zu häu­fig in der Lite­ra­tur fin­den, weil eine »mate­ria­le Wert­ethik«[3], wie Max Sche­ler sie nann­te, auf mas­si­ve Kri­tik in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts gesto­ßen ist und sich danach kaum mehr ein Phi­lo­soph getraut hat, Wer­te­sys­te­me vorzuschlagen.

Es muss­ten schon die inter­dis­zi­pli­nä­ren Her­aus­for­de­run­gen des phi­lo­so­phi­schen Nach­den­kens über Tech­nik sein, dass sich ein Gre­mi­um aus Phi­lo­so­phen und Inge­nieu­ren ermu­tigt sah, zum Zwe­cke der Tech­nik­be­wer­tung ein Wer­te­sys­tem vor­zu­schla­gen, das als Wer­teok­to­gon in die Lite­ra­tur ein­ge­gan­gen ist. Es sind dies expli­zit (kur­siv gesetzt, in nicht wer­ten­der Rei­hen­fol­ge):[4]

Wirt­schaft­lich­keit – dies impli­ziert Vor­stel­lun­gen von Gewinn, Wachs­tum und Eigentum,
Gemein­wohl umfasst sowohl öffent­li­che und wirt­schaft­li­che Wohl­fahrt wie Rechtsstaatlichkeit,
Qua­li­tät des gesell­schaft­li­chen Lebens impli­ziert die Wer­te Frei­heit, Gleich­heit, Soli­da­ri­tät, Men­schen­rech­te, welt­an­schau­li­che Neu­tra­li­tät und damit Pluralismus,
Zuver­läs­sig­keit von Tech­nik, Orga­ni­sa­ti­on und Struk­tu­ren ermög­li­chen die Wer­te der sitt­li­chen Kon­ven­tio­na­li­tät und Solidarität,
Sicher­heit[5] impli­ziert Unversehrtheit,
Gesund­heit umfasst Anrech­te auf Hil­fe und Ver­sor­gung und ermög­licht eine ent­spre­chen­de Solidargemeinschaft,
Umwelt­schutz als Wert kon­kre­ti­siert sich im Wert der Nachhaltigkeit,
Ent­fal­tung per­sön­li­cher Lebens­qua­li­tät impli­ziert bür­ger­li­che Frei­hei­ten und Rech­te, sowie die bekann­ten kom­sum­ti­ven Frei­hei­ten und Rechte.

Hin­zu kamen in einer spä­te­ren Dis­kus­si­on[6]
Feh­ler­freund­lich­keit ermög­licht die Rever­si­bi­li­tät von Ent­schei­dun­gen, von Novel­lie­rung von Geset­zen, Rück­nah­me von Tech­no­lo­gien bis hin zum Gedan­ken der Resozialisierung,
Sta­bi­li­tät der Bedin­gun­gen des Han­delns ver­weist gesell­schaft­lich auf demo­kra­ti­sche Ver­fas­sung, Gewal­ten­tei­lung und Gewalt­mo­no­pol des Staates.

Die Dis­kus­sio­nen dre­hen sich meist nicht um die­se Wer­te, die als erstre­bens­wer­te Leit­vor­stel­lun­gen all­ge­mein als zustim­mungs­fä­hig ange­se­hen wer­den, son­dern um die Prio­ri­tä­ten: Wel­cher die­ser Wert steht in einem Wer­te­sys­tem an obers­ter Stel­le? Alle die genann­ten Wer­te[7] ste­hen in kon­flik­tä­rem Ver­hält­nis zuein­an­der – die gleich­zei­ti­ge Erfül­lung aller Anfor­de­run­gen, die sich aus den Wer­ten erge­ben, ist nicht mög­lich. Also muss man Prio­ri­tä­re set­zen – wie es so schön heißt. Die Fra­ge ist jedoch, ob die­se Prio­ri­tä­ten­set­zung kon­stant blei­ben muss. Die per­sön­li­che Lebens­er­fah­rung legt nahe, dass man mit 20 Jah­ren ande­re Prio­ri­tä­ten in sei­nem Wer­te­sys­tem setzt als dies mit 60 Jah­ren der Fall ist.

Der Wert Plu­ra­lis­mus bezieht sich, wenn man ihn gesell­schaft­lich deu­tet, auf die fried­lich geleb­te Koexis­tenz ver­schie­de­ner Lebens­sti­le, Bekennt­nis­se und kul­tu­rel­ler Spe­zi­fi­ka in ein und der­sel­ben Gesell­schaft. Eine sol­che Gesell­schaft könn­te man auch offe­ne Gesell­schaft nen­nen. Walt­her Zim­mer­li hat mit sei­nem »Dis­sen­ser­mög­li­chungs-plu­ra­lis­mus«, einen etwas sper­ri­gen Begriff ein­ge­führt, der sich dar­auf bezieht, dass man sich nur dann einig sein kann, uneins zu sein, wenn man das Sich-nicht-einig-sein gegen­sei­tig aus­hal­ten kann. Damit wird die­ser Plu­ra­lis­mus, der Ver­schie­den­heit bewusst macht, eine der not­wen­di­gen Bedin­gun­gen, um in offe­nen Gesell­schaf­ten kom­mu­ni­zie­ren ver­ant­wort­lich han­deln zu kön­nen (Zim­mer­li 1994). Unnö­tig zu sagen, dass die­se Bedin­gung im poli­ti­sche Tages­ge­schäft zuwei­len schwie­rig zu erfül­len ist. Noch unnö­ti­ger zusa­gen, dass der Begriff des Plu­ra­lis­mus an sei­ne Gren­zen stößt bei der mitt­ler­wei­le all­täg­li­chen Bedro­hung durch den Ter­ro­ris­mus als einer Form der glo­ba­len poli­ti­schen, reli­giö­sen und zwei­fels­oh­ne auch wirt­schaft­li­chen Auseinandersetzung.

So trau­rig das The­ma auch sein mag – Phi­lo­so­phie hat die Auf­ga­be, sol­che Gren­zen aus­zu­lo­ten. Dies soll als Anre­gung ver­sucht wer­den. Der Titel unter­stellt, dass es viel­leicht zwin­gen­de Argu­men­te gegen­über Ter­ro­ris­ten und damit – ange­nom­me­ner Wei­se – gegen fun­da­men­ta­lis­ti­sches Den­ken geben könn­te.[8] Wir könn­ten auch fra­gen, ob Argu­men­te über­haupt Ter­ro­ris­ten zu beein­dru­cken ver­mö­gen. Die all­ge­mei­ne Ansicht dürf­te lau­ten: Nein.[9]

Das The­ma soll in drei Schrit­ten ent­fal­tet wer­den. Ers­tens müs­sen wir uns fra­gen, wie wir Plu­ra­lis­mus als mög­lich den­ken kön­nen, wenn man unse­re »Inter­es­sen« betrach­tet, also die der Bewoh­ner eines Indus­trie­staa­tes. Dann ana­ly­sie­ren wir die rela­ti­vie­ren­de Paro­le: »Dein Ter­ro­rist – mein Frei­heits­kämp­fer.« Sie wird sich als falsch erwei­sen, beson­ders dann, wenn wir die Grün­de des Ter­ro­ris­mus von den Grün­den der Ter­ro­ris­ten als Per­so­nen unter­schei­den. Unter Grün­den sind hier nicht die Ursa­chen, son­dern die Begrün­dungs­fi­gu­ren und Moti­ve gemeint, die von den ter­ro­ris­ti­schen Grup­pen einer­seits und den Ter­ro­ris­ten als Ein­zel­per­son ver­wen­det wer­den. Drit­tens wer­den an die­sen Grün­den mög­li­che Argu­men­te anset­zen müs­sen – es geht letzt­lich um die Bedin­gun­gen, unter denen eine Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Ter­ro­ris­ten in Gang kom­men könnte.

  1. [1] »Mit jeman­den, der kei­ne Prin­zi­pi­en hat, kann man nicht dis­ku­tie­ren.« Scho­las­ti­scher Merk­spruch, der sinn­ge­mäß auf Tho­mas von Aquin zurück­geht; vgl. Tho­mas von Aquin: Sum­ma Theo­lo­giae, I. Ques­tio 1, art 8, 1; in Tho­mas (1985), S. 15. 
  2. [2] vgl. Aris­to­te­les: Niko­ma­chi­sche Ethik, II Buch, 1107a ff. Wei­ter Dis­kus­si­on in Buch III. Vgl. Aris­to­te­les (1983), S.46 und 54 ff. Soge­nann­te heu­ti­ge bür­ger­li­che Tugen­den sind bei­spiels­wei­se: Ord­nung, Spar­sam­keit, Rein­lich­keit, Pünkt­lich­keit, Höf­lich­keit, Fleiß. Phi­lo­so­phi­sche Tugen­den sind eher: Fleiß, Tap­fer­keit, Beson­nen­heit, Gelas­sen­heit, Beschei­den­heit, Wahr­haf­tig­keit, Treue, Ver­trau­en, Gerech­tig­keit. »Unbür­ger­li­che« Tugen­den, die seit den 68er Jah­ren eine gewis­se Wert­schät­zung erlangt haben, sind z. B. Unmit­tel­bar­keit, Ursprüng­lich­keit, Leben­dig­keit, Unbe­dingt­heit, ggf. Spon­ta­nei­tät etc. 
  3. [3] Max Sche­ler (1954) unter­schied zwi­schen Wert­krei­sen des Ange­neh­men, des Edlen, der Schön­heit, des Rechts, der Erkennt­nis der Wahr­heit und des Hei­li­gen. Für Sche­ler war die Emo­tio­na­li­tät vor­gän­gig. Nach Sche­ler kann die hier­ar­chi­sche Ord­nung der Wer­te als Prio­ri­täts­re­la­ti­on auf den Wer­ten a prio­ri erkannt wer­den (cf. Sche­ler 1954, Vol. 2, p. 10). 
  4. [4] gl. VDI-Richt­li­nie »Tech­nik­be­wer­tung« (1991).
  5. [5] Wobei der deut­sche Begriff »Sicher­heit« den angel­säch­si­schen Unter­schied von »secu­ri­ty« (Bemü­hen um Scha­dens­frei­hei­ten durch äuße­re Ein­flüs­se) und »safe­ty« als Schutz vor einem zu iso­lie­ren­den, schä­di­gen Objekt oder Ereig­nis) nicht expli­zit wiedergibt. 
  6. [6] vgl. Korn­wachs, Nie­mei­er (1991)
  7. [7] denen man durch­aus noch ande­re hin­zu­ge­sel­len könn­te wie: Leben, Ehre, Ruhm, Wahr­heit, Lie­be, Ver­trau­en, Schönheit. 
  8. [8] Schlei­chert (2001) hat schon früh den Ver­such unter­nom­men, fun­da­men­ta­lis­ti­sche Argu­men­ta­ti­ons­wei­sen zu typi­sie­ren und geht dabei von der klas­si­schen Rhe­to­rik­leh­re aus. Der vor­lie­gen­de Bei­trag konn­te Schlei­cherts Buch lei­der nicht mehr berücksichtigen. 
  9. [9] Die Grund­la­ge zu die­sem Bei­trag ent­stand noch vor der Ter­ror­at­ta­cke in Paris am 13. Novem­ber 2015. Sie geht auf einen Vor­trag zurück, der auf einem Fest­kol­lo­qui­um zu Ehren von Prof. Walt­her Ch. Zim­mer­li am 5. Mai 2015 an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät gehal­ten wur­de. Der vor­lie­gen­de Text ist eine Über­ar­bei­tung und ori­en­tiert sich an einem Vor­trag in Kon­stanz vom 13. Juni 2016. 

2. Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik | Überblick

Rhetorische Zugänge zum Terror

Tagung über die Wirkungsdimensionen des Schreckens

Zunächst schei­nen sich die Idee und die Kon­zep­te der Rhe­to­rik und ihrer Legi­ti­ma­ti­on auf der einen Sei­te und die Wirk­lich­keit des Ter­rors auf der ande­ren Sei­te dia­me­tral ent­ge­gen­zu­ste­hen. Von der Rhe­to­rik als anti­ker tech­ne spre­chen wir in Kon­tex­ten des Über­zeu­gens und damit ins­be­son­de­re von der Argu­men­ta­ti­on auf der Ebe­ne des Logos, vom Ide­al des vir bonus[1] auf der Ebe­ne des Ethos und von einer ange­mes­se­nen Affekt­er­zeu­gung auf der Ebe­ne des Pathos. Die Rhe­to­rik als Kunst, in allem das mög­lich­wei­se Über­zeu­gen­de zu ent­de­cken[2], zu for­mu­lie­ren und im Inter­es­se der ver­tre­te­nen Stand­punk­te zu nut­zen, befasst sich des­halb auch und vor allem mit den Mög­lich­kei­ten und Stra­te­gien der Iden­ti­fi­ka­ti­on[3] eines Red­ners mit sei­nem Publi­kum. Aus­ge­hend von dem, was der Hörer schon weiß und will[4], wird er im Sin­ne der rhe­to­ri­schen Inter­ven­ti­on für die Sicht­wei­sen und Mei­nun­gen des Red­ners geöff­net und idea­ler­wei­se von die­sen auch lang­an­hal­tend über­zeugt. Gewalt, sei sie nun tat­säch­lich aus­ge­übt oder nur ange­droht, steht in die­ser Bestim­mung den rhe­to­ri­schen Kate­go­rien eben­so ent­ge­gen wie jede Macht, die den mit­un­ter müh­sa­men Weg rhe­to­ri­scher Über­win­dung[5] nicht gehen muss, weil sie schon selbst evi­dent ist. Wer mit Gewalt oder Macht sei­ne Inter­es­sen durch­set­zen kann, der bedarf kei­ner stra­te­gi­schen Pla­nung eines Rhe­tors. Bleibt also die Fra­ge: Was am Ter­ror, an der geziel­ten Ver­brei­tung von Schre­cken zur Durch­set­zung eige­ner poli­ti­scher Zie­le, ist eigent­lich dann rhe­to­risch? Und eng mit die­ser Fra­ge ist die Fra­ge ver­bun­den, ob man dem Ter­ror, wenn er denn rhe­to­risch fun­diert sein soll­te, nicht auch gezielt rhe­to­risch begeg­nen kann; eine Fra­ge, die ange­sichts der heu­ti­gen ter­ro­ris­ti­schen Bedro­hungs­la­ge in vie­len Tei­len der Welt an Bedeu­tung gewinnt.

Stel­len wir also zunächst die Fra­ge nach den rhe­to­ri­schen Bedin­gun­gen der Mög­lich­keit von Ter­ror. Führt man sich vor Augen, dass Ter­ror nicht allein eine Ereig­nis­ka­te­go­rie dar­stellt, also bei­spiels­wei­se eine Rei­he kon­kre­ter Ereig­nis­se wie Anschlä­ge umfasst, son­dern eher als eine Wir­kungs­di­men­si­on auf­zu­fas­sen ist, eben als der geziel­te Ein­satz von Schre­cken, Angst oder gar Panik, so wird klar: Auch eine sol­che Wir­kung kann mehr oder weni­ger über­zeu­gend her­vor­ge­bracht wer­den. Zuge­spitzt ist der Anschlag, wenn­gleich eine Tra­gö­die, womög­lich nicht der Kern der ter­ro­ris­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on, son­dern erst die durch den Anschlag und sei­ne media­le Ver­brei­tung, Bewer­tung und ins­be­son­de­re auch Bebil­de­rung her­vor­ge­ru­fe­ne Bedro­hungs­la­ge.[6] Von die­ser War­te aus ergibt es Sinn, nach der visu­el­len Rhe­to­rik des Ter­rors zu fra­gen, denn die­ser Schre­cken ist immer auch ein media­les und damit ein rhe­to­ri­sches Erzeugnis.

Das »2. Ber­ner Arbeits­tref­fen zur visu­el­len Rhe­to­rik« wid­met sich dem The­ma »Ter­ror und Legi­ti­ma­ti­on« von drei Sei­ten. Zum einen wird ver­sucht, die rhe­to­ri­schen Dimen­sio­nen des Ter­rors zunächst los­ge­löst von einem kon­kre­ten, aktu­el­len Bezug auf­zu­zei­gen. So unter­sucht Nad­ja J. Koch mit ihrem Vor­trag »Das tota­le Bild« Stra­te­gien der visu­el­len Über­wäl­ti­gung in der Anti­ke. Sie stellt Gewalt­sze­nen vor, die nicht sel­ten den man­nig­fal­ti­gen Kämp­fen der Hero­en, Gigan­ten und Göt­ter ent­spran­gen, und ent­wi­ckelt hier­aus Fra­gen zum Ethos, zu pathe­ti­schen Über­zeu­gungs­mit­teln und zur Weckung von Auf­merk­sam­keit. Bernd Stein­brink setzt mit sei­nem Bei­trag eben­so in der Anti­ke an und ana­ly­siert die »Rhe­to­rik des Ter­rors« in sprach­li­chem Bezug.

Ein zwei­ter The­men­be­reich wen­det sich der kon­kre­ten Aus­ein­an­der­set­zung mit rhe­to­ri­schen Aspek­ten des zeit­ge­nös­si­schen jiha­dis­ti­schen Ter­ro­ris­mus zu. Dass auch die Rhe­to­rik des Ter­rors auf Authen­ti­zi­tät ange­wie­sen ist – eine durch­aus über­ein­stim­men­de Hal­tung der Teil­neh­men­den des Arbeits­krei­ses – the­ma­ti­siert Anni­na Schnel­ler in Bezug zu einem kon­kre­ten Mit­tel der Authen­ti­zi­täts­er­zeu­gung, der Ästhe­tik des Selbst­ge­mach­ten und auch Unpro­fes­sio­nel­len. Unter die­sem Blick­win­kel wer­den in ihrem Vor­trag »Imper­fek­ti­on als rhe­to­ri­sches Mit­tel der Authen­ti­zi­täts­er­zeu­gung« auch Han­dy­vi­de­os, die für den IS wer­ben sol­len, unter­sucht, und sie kann zei­gen, dass gera­de für deren rhe­to­ri­scher Erfolg, die Ästhe­tik der Imper­fek­ti­on ent­schei­dend ist. Sophie Heins unter­sucht in ihrem Bei­trag die »Visu­el­le Legi­ti­ma­ti­on des Natio­nal Coun­ter­ter­ro­rism Cen­ter« in den USA. Sie ana­ly­siert hier­für die Web­site, das Video »Insi­de NCTC«, den »Coun­ter­ter­ro­rism Calen­der« und den »Coun­ter­ter­ro­rism Gui­de« des NCTC hin­sicht­lich der Fra­ge nach der rhe­to­ri­schen Situa­ti­on, dem Ziel­pu­bli­kum und in die­sem Hin­blick eben auch und beson­ders der Aus­ge­stal­tung die­ser Sei­ten. Ein ähn­li­ches Feld bear­bei­tet auch Mat­thi­as Tratz, der sich in sei­nem Bei­trag visu­el­len Gemein­sam­kei­ten von ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gun­gen und den Insti­tu­tio­nen zu ihrer Bekämp­fung wid­met. Im Neben­ein­an­der affekt­star­ker Bil­der wird deut­lich, dass die Fra­ge nach der bild­haf­ten Erwi­de­rung auf Ter­ro­ris­mus mehr­schich­tig ist: Will man in der­sel­ben visu­el­len Rhe­to­rik ant­wor­ten wie die Grup­pen, die man bekämp­fen will? Schließ­lich neh­men Arne Scheu­er­mann und Arthur Bei­fuss das Maga­zin Dabiq unter die Lupe. In ihrem Vor­trag Zur Visu­el­len Rhe­to­rik des soge­nann­ten IS – das Maga­zin Dabiq pro­ble­ma­ti­sie­ren sie die Rol­le die­ses Maga­zins als Teil der Rekru­tie­rungs­kom­mu­ni­ka­ti­on, Medi­en­ar­beit und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik des IS. Durch eine rhe­to­ri­sche Design­ana­ly­se des Edi­to­ri­al Designs ermit­teln sie, wel­che ver­mu­te­ten Wirk­zie­le sich in der Gestal­tung des Maga­zins rea­li­sie­ren und wel­che kon­train­ten­tio­na­len Gestal­tungs­ele­men­te aus­zu­ma­chen sind. Im wei­te­re Kon­text der Fra­ge­stel­lung gehen sie aber­mals auch der Fra­ge nach den impli­zi­ten Ziel­grup­pen der Publi­ka­tio­nen nach.

Eine drit­te Grup­pe von Vor­trä­gen lie­ße sich womög­lich unter der Rubrik Ter­ror und Ästhe­ti­sie­rung zusam­men­fas­sen. Tho­mas Sus­an­ka wid­me­te sei­nen Vor­trag »Ter­ror zwi­schen Ästhe­ti­sie­rung und visu­el­ler Elo­quenz bei James Nachtwey« eben dem Kriegs­fo­to­gra­fen, der in sei­nen Bil­dern Ter­ror und Schre­cken aus inter­na­tio­na­len Kriegs- und Kri­sen­ge­bie­ten zeigt. Die künst­le­ri­sche Qua­li­tät sei­ner Bil­der wird Nachtwey dabei von außen auch zum Vor­wurf gemacht, steht die for­ma­l­äs­the­ti­sche Aus­ge­stal­tung sei­ner Bil­der (ins­be­son­de­re in der Kom­po­si­ti­on) doch im kras­sen Wider­spruch zu den schreck­li­chen Inhal­ten. Sol­che »Ver­stö­ße« gegen das Decorum, gegen die Gren­ze der Ange­mes­sen­heit, sind dabei zugleich auch Teil des Rei­zes sei­ner Bil­der und mit Sicher­heit wohl auch ein Grund für die die­sen Bil­dern ent­ge­gen­ge­brach­te Auf­merk­sam­keit. In durch­aus ver­gleich­ba­rer Wei­se geht es auch im Bei­trag von Pierre Smo­lar­ski um die Gren­zen der Ange­mes­sen­heit. Er unter­sucht in »Popu­lär­kul­tur und Wirt­schafts­ter­ro­ris­mus – der Fall Varou­fa­kis« die media­le Bericht­erstat­tung in der Ban­ken-, Finanz- und Grie­chen­land­kri­se 2015. Ins­be­son­de­re zeigt sich in der mas­sen­me­dia­len Aus­ein­an­der­set­zung und Zuspit­zung von Inter­net-Memen ein Aspekt, der dann in der pop­kul­tu­rel­len Über­trei­bung visu­el­le Blü­ten treibt: Die Finanz­kri­se erscheint als Duell zwi­schen Super­hel­den und Super­schur­ken zuge­spitzt auf ein »Death-Match« der Finanz­mi­nis­ter Varou­fa­kis und Schäub­le. Tho­mas Nehr­lich schließt mit »Dunk­ler Rit­ter oder strah­len­der Ret­ter. Die Visua­li­tät von Super­hel­den zwi­schen Ter­ror und Anti­ter­ror« glei­cher­ma­ßen an das Super­hel­den­the­ma an, wie er auch die Grund­la­ge für einen Bezug zum ers­ten Vor­trag von Nad­ja Koch über die anti­ken Hero­en her­stellt. Nehr­lich arbei­tet dabei her­aus, dass das Erschei­nungs­bild von Super­hel­den (Kos­tüm, Mas­ke, Sta­tur, Haar­far­be, Tier­sym­bo­li­ken etc.) grund­sätz­lich einer Legi­ti­ma­ti­ons­lo­gik folgt, die auf der unter­schied­li­chen Ziel­set­zung des jewei­li­gen Hel­den beruht. Die Gestalt der­je­ni­gen Super­hel­den, die sich als Beschüt­zer der zivi­len Bevöl­ke­rung und Wah­rer des Guten ver­ste­hen, will Ver­trau­en erwe­cken und Schutz signa­li­sie­ren (z. B. Super­man, Cap­tain Ame­ri­ca). Es han­delt sich um ethos­fo­kus­sier­te Gestal­tung. Super­hel­den hin­ge­gen, die sich mit dem Kampf gegen das Böse und die Ver­bre­cher­jagd iden­ti­fi­zie­ren, wol­len mit ihrem Aus­se­hen Furcht und Schre­cken ver­brei­ten (z.B. Bat­man, Beast, Black Pan­ther, Black Widow, Bla­de). Ihre Gestal­tung ist pathos­fo­kus­siert. Auf der Ebe­ne des Logos zie­len ers­te­re auf Sicht­bar­keit, Les­bar­keit und Ein­deu­tig­keit ab, letz­te­re auf Ver­mum­mung, Rät­sel­haf­tig­keit und Uneindeutigkeit.

Das 2. Ber­ner Arbeits­tref­fen zur visu­el­len Rhe­to­rik hat gezeigt, dass die Per­spek­ti­ve der Rhe­to­rik gut geeig­net ist, Phä­no­me­nen und Wirk­wei­sen des Ter­rors und sei­nen Legi­ti­ma­tio­nen nach­zu­ge­hen – auf eine Art, die sich nicht mit vor­schnel­len Bewer­tun­gen zufrie­den gibt. Über die visu­el­len Erschei­nungs­wei­sen, Ver­hand­lungs- und Ver­brei­tungs­mo­di von Ter­ro­ris­mus und Ter­ror hin­aus kann der Ter­ror selbst als rhe­to­risch wirk­sa­mer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­akt ver­stan­den wer­den. Mit die­sem Ergeb­nis scheint uns ein wich­ti­ges For­schungs­feld geöff­net, das hof­fent­lich in sei­ner wei­te­ren Bear­bei­tung nicht nur im Befund ver­bleibt, son­dern auch Mög­lich­kei­ten auf­zeigt, sich klug und rhe­to­risch infor­miert dem Ter­ror entgegenzustellen.

[Anmer­kung der Redak­ti­on: Eini­ge der oben ange­führ­ten Vor­trä­ge wur­den für vor­lie­gen­de 10. Aus­ga­be von »Spra­che für die Form« zu Essays ausgearbeitet.]

2. Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik | Essay

Propaganda des Terrors – missbrauchte Rhetorik

Über ideologische Wirklichkeitswahrnehmung

Han­nah Are­ndt kom­men­tier­te 1961 den Pro­zess gegen Adolf Eich­mann in Jeru­sa­lem. Ihre Berich­te ver­öf­fent­lich­te sie sodann in ihrem Buch »Eich­mann in Jeru­sa­lem«, das den Unter­ti­tel die »Bana­li­tät des Bösen« [1] trug. Wäh­rend des Pro­zes­ses hat­te sich Eich­mann stets dar­auf beru­fen, dass er nur ein Räd­chen im Getrie­be des Natio­nal­so­zia­lis­mus gewe­sen sei, Befeh­le von oben aus­ge­führt und geset­zes­treu ent­spre­chend den dama­li­gen Umstän­den gehan­delt habe. Er war der Buch­hal­ter des Grau­ens und des Ter­rors, der Befeh­le aus­führ­te, bei dem sich Grau­en in Zah­len ver­wan­del­te, der sich kei­ner Schuld bewusst wur­de und sich selbst hin­ter der Pflicht­er­fül­lung vor­ge­ge­be­ner Zie­le ver­barg. Nun kann das Böse nie banal sein, es kann sich aber, und das ist wohl von Han­nah Ahrendt gemeint, hin­ter der Mas­ke des Selbst­ver­ständ­li­chen und des als nor­mal Emp­fun­de­nen verbergen.

Wenn wir eine »Rhe­to­rik« des Ter­rors unter­su­chen wol­len, so darf sich die­se nicht allein auf eine sprach­li­che Ana­ly­se bezie­hen, denn die äuße­ren Umstän­de prä­gen den seman­ti­schen Gehalt der Wor­te, prä­gen das Kon­no­tat, das sich nicht vom Deno­tat tren­nen lässt, aber durch das äuße­re Aptum wesent­lich bestimmt ist. Auch ist zu beach­ten, dass wir, ähn­lich wie Man­fred Fuhr­mann zur natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­gan­da bemerk­te, wohl bes­ser von »soge­nann­ter Rhe­to­rik«[2] spre­chen soll­ten. Dolf Stern­ber­ger bemerkt in sei­nem »Wör­ter­buch des Unmen­schen«: »Wör­ter sind nicht unschul­dig, kön­nen es nicht sein, son­dern die Schuld der Spre­cher wächst der Spra­che sel­ber zu, fleischt sich ihr gleich­sam ein.«[3] Ter­ror und Grau­en muss sich nicht in einer affekt­rei­chen Spra­che aus­drü­cken, son­dern kann sich sehr wohl hin­ter harm­lo­sen, fast bana­len erschei­nen­den Wor­ten, ja auch hin­ter unver­däch­ti­gen Zah­len ver­ber­gen. Mit­tel der Affekt­er­re­gung, des Ethos und des Pathos, aus emo­tio­nal auf­ge­la­de­nen Wör­tern kön­nen sich mit einer schein­bar ratio­na­len Argu­men­ta­ti­on verbinden.

Das Erfolgs­re­zept der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­gan­da lag nicht unwe­sent­lich dar­in, dass gezielt auf eine ideo­lo­gi­sche Wirk­lich­keits­wahr­neh­mung hin­ge­ar­bei­tet wur­de. Schon die Bezeich­nun­gen »tau­send­jäh­ri­ges« und »drit­tes« Reich impli­zie­ren chi­li­as­ti­sche Erlö­sungs­vor­stel­lun­gen, die his­to­risch zumin­dest bis zum wir­kungs­mäch­ti­gen Joa­chim di Fio­re zurück­zu­füh­ren sind. Wobei auch reli­giö­se Impli­ka­tio­nen wirk­sam wer­den, die sich auch in qua­si lit­ur­gisch durch­ge­führ­ten Pro­pa­gan­da-Ver­an­stal­tun­gen doku­men­tie­ren, bei­spiels­wei­se in Goeb­bels bekann­ter Rede zum tota­len Krieg.
Qua­si­re­li­giö­se Erlö­sungs­vor­stel­lun­gen vom tau­send­jäh­ri­gen Reich zie­len auf die Ver­nich­tung der Bedro­hung eines ver­meint­li­chen Fein­des, der zugleich für das Unheil in der Welt ver­ant­wort­lich gemacht wer­den kann – in die­sem Fall die unter­stell­te jüdi­sche Welt­ver­schwö­rung, auch unter­stützt durch gefälsch­te Doku­men­te, wie die »Pro­to­kol­le der Wei­sen von Zion«, die selbst heu­te noch in rechts­ra­di­ka­len Krei­sen, mos­le­mi­schen Län­dern und bei Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern als echt ange­se­hen wer­den, obwohl die Fäl­schung viel­fach wis­sen­schaft­lich erwie­sen ist.

Das so geschaf­fe­ne Feind­bild hat die Funk­ti­on der Iden­ti­täts­stif­tung, Soli­da­ri­sie­rung, Emo­tio­na­li­sie­rung und Legi­ti­ma­ti­on. Es führt wie­der­um zu einem dua­lis­ti­schen Welt­bild, das streng zwi­schen Gut und Böse unter­schei­det, dem »Wir« der Volks­ge­nos­sen und dem außer­halb ste­hen­den Feind, bei den Nazis auf der einen Sei­te dem Ari­er und auf der ande­ren dem ras­sisch angeb­lich Min­der­wer­ti­gen. Das »Wir« wird durch einen Bezugs­punkt ver­tre­ten, im Natio­nal­so­zi­a­li­mus durch den »Füh­rer« und sei­ne Entou­ra­ge. Die durch die­se ver­tre­te­nen ver­meint­lich höhe­ren Wer­te der Volks­ge­mein­schaft ver­set­zen die Ein­zel­nen in ein Anwei­sun­gen und Befeh­le zu deren Durch­set­zung voll­zie­hen­des Glied der Gemein­schaft, das den ver­meint­li­chen Feind aus­grenzt und ent­mensch­licht. Selbst bar­ba­ri­sche Akte an den Aus­ge­grenz­ten las­sen sich so auf Zah­len redu­zie­ren, wobei, wie es Hork­hei­mer und Ador­no in ihrer »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«[4] kon­sta­tier­ten, ver­meint­li­che Ratio­na­li­tät in Irra­tio­na­li­tät umschlägt. Erst vor die­sem Hin­ter­grund, den Gege­ben­hei­ten des »äuße­ren Aptum«, kann eine Spra­che des Unmen­schen zur Wir­kung gelangen.

Wenn aktu­ell von Ter­ror gespro­chen wird, so ist damit zumeist der isla­mi­sche oder isla­mis­ti­sche Ter­ror gemeint. Wir den­ken an die fürch­ter­li­chen Mor­de, Exe­ku­tio­nen, die lei­den­den Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fer, an unmensch­li­che Selbst­dar­stel­ler, die zwi­schen abge­schnit­ten Köp­fen posie­ren und die uns die­se Bil­der der Bar­ba­rei nebst zyni­schen Bemer­kun­gen noch demons­tra­tiv im Inter­net prä­sen­tie­ren. Wie kann es sein, dass die­se schreck­li­chen Bil­der und Auf­ru­fe Gehör fin­den, dass jun­ge Men­schen auf­bre­chen, der Zivi­li­sa­ti­on ent­flie­hen, um sich in Kriegs­ge­bie­ten jenen Bar­ba­ren anzu­schlie­ßen und es ihnen gleich zu tun? Wie ent­steht die Wir­kung der Wor­te und Bil­der des Terrors?

Buchbesprechung

»Marken sind auch nur Menschen«

Andreas Freitag präsentiert Einsichten ohne Floskeln

Dass der Her­mann Schmidt Ver­lag hoch­wer­tig pro­du­zier­te Bücher her­aus­gibt, ist hin­läng­lich bekannt. »Von Mar­ken und Men­schen – Arbeit, Füh­rung und das gute Leben« von Andre­as Frei­tag ist da kei­ne Aus­nah­me. Bereits der Umschlag über­zeugt hap­tisch, und spä­tes­tens wenn der Leser einen Blick in Frei­tags Erst­lings­werk wirft und das hoch­qua­li­ta­ti­ve Natur­pa­pier erfühlt, dürf­te es – zumin­dest optisch – um ihn gesche­hen sein.

Bereits die Ein­lei­tung mit den hand­ge­zeich­ne­ten Illus­tra­tio­nen und der direk­ten Fra­ge­stel­lung an den Leser lässt ahnen, dass es sich bei »Von Mar­ken und Men­schen« nicht um ein klas­si­sches Fach­buch oder gar einen Mar­ke­ting­rat­ge­ber han­delt. Freund­li­cher­wei­se warnt der Autor auch per­sön­lich vor mög­li­chen Miss­ver­ständ­nis­sen: »(…) dies ist kein Buch über Mar­ken­füh­rung. Über­haupt ist es kein Fach­buch, das Ihnen Wis­sen ver­mit­teln möch­te, son­dern höchs­tens ein Sach­buch, das sich um ein wenig Weis­heit bemüht.« (S.13)

Andre­as Frei­tag bemüht sich um eine mög­lichst ein­fa­che und schlüs­si­ge Struk­tur, um Les­bar­keit und Ver­ständ­lich­keit auch für fach­frem­de Leser zu maxi­mie­ren. Und dies gelingt ihm ohne Zwei­fel. Dar­aus ergibt sich eine erfri­schend unkom­pli­zier­te Sicht auf Mar­ken und Füh­rung, auf Men­schen und Mit­ein­an­der im Arbeits­all­tag. Trotz des nicht all­zu kom­ple­xen Schreib­stils bie­tet Frei­tag inter­es­san­te Fak­ten und unge­wöhn­li­che Sicht­wei­sen, die das Werk auch für eine fach­lich gepräg­te Ziel­grup­pe loh­nend wer­den lassen.

Das Buch ist in drei wesent­li­che Tei­le geglie­dert: »Mar­ken«, »Men­schen« und »Mar­ken und Men­schen«. Die Tren­nung dazwi­schen gelingt dem Autor jedoch nicht immer. Daher hat man als Leser hier und da das Gefühl, dass sich Frei­tag mit sei­nen Aus­sa­gen im Kreis dreht und Inhal­te wie­der­holt. Viel­leicht aber ist das genau der Tat­sa­che geschul­det, auf die Frei­tag hin­aus will, näm­lich dass »Mar­ken eben auch nur Men­schen sind« (S.53). Dem Lese­fluss tut das aller­dings kei­nen Abbruch.

Das ers­te Drit­tel der Lek­tü­re han­delt, wie der Name bereits ver­mu­ten lässt, vor­nehm­lich von Mar­ken und deren Stel­lung in der Gesell­schaft. Frei­tag unter­mau­ert sei­ne The­sen anhand vie­ler aktu­el­ler und bekann­ter Bei­spie­le. Es gelingt ihm tref­fend, auf Sinn und Unsinn hin­ter so manch bekann­ter Mar­ke hin­zu­wei­sen, ohne dabei all­zu sub­jek­tiv zu werden.

Im zwei­ten Teil behan­delt der Autor neben klas­si­scher Mar­ken­füh­rung die Wir­kung von Mar­ken auf Kun­den, Mit­ar­bei­ter und Unbe­tei­lig­te. Auch hier tra­gen wie­der nam­haf­te Bei­spie­le wie die Deut­sche Bahn, Tele­kom, Luft­han­sa und Sie­mens dazu bei, dass man sich schnell in den Schil­de­run­gen von Frei­tag wie­der­fin­det und sich selbst zum Text posi­tio­nie­ren kann.

Wäh­rend sich die ers­ten zwei Drit­tel von »Von Mar­ken und Men­schen« um Defi­ni­ti­on und Dif­fe­ren­zie­rung bemü­hen, liest sich das letz­te Drit­tel des Buches am ehes­ten wie ein Rat­ge­ber, in dem der Autor stich­punkt­ar­tig auf wich­ti­ge Fra­ge­stel­lun­gen in arbeits­all­täg­li­chen Situa­tio­nen ein­geht und die­se über­sicht­lich aus­for­mu­liert. Dabei hat Frei­tag vom Mit­ar­bei­ter über den Bewer­ber, vom Unter­neh­mer bis zum Jour­na­lis­ten hilf­rei­che Tipps parat, wie mit dem The­ma »Mar­ken« umge­gan­gen wer­den kann.

Frei­tag gelingt es alles in allem tref­fend, auch fach­frem­den Lesern einen Ein­blick in die Welt der Mar­ken zu geben, ohne sich dabei hin­ter Mar­ke­ting­flos­keln und Fach­wör­tern zu ver­ste­cken. Sei­ne kri­tisch-hin­ter­fra­gen­de Vor­ge­hens­wei­se und sei­ne oft bei­na­he schon phi­lo­so­phi­schen Denk­an­sät­ze run­den die­se kurz­wei­li­ge Lek­tü­re ab.

Buchbesprechung

White must be called a design concept”

Kenya Hara designt Design

Weiß, Hap­tik, Wahr­neh­mung mit allen Sin­nen – das sind Haupt­the­men, mit denen sich das Buch »Desig­ning Design« befasst. Und es sind Kenn­zei­chen des makel­lo­sen Stils, in dem der Autor selbst das Buch über sei­ne Erfah­run­gen, Wer­ke und Gedan­ken gestal­tet hat. Viel­schich­tig­keit und Tie­fe kom­men in ele­gan­ter Schlicht­heit sowohl inhalt­lich als auch visu­ell zum Aus­druck. Die Über­set­zung und Über­ar­bei­tung der ori­gi­nal auf Japa­nisch ver­fass­ten Tex­te wur­de 2007 vom Lars Mül­ler Ver­lag einem eng­lisch­spra­chi­gen Publi­kum zugäng­lich gemacht und in der vor­lie­gen­den Aus­ga­be 2014 neu aufgelegt.

Kenya Hara, gebo­ren 1958, ist Art­di­rec­tor von Muji und für vie­le erfolg­rei­che Aus­stel­lun­gen ver­ant­wort­lich. Er lehrt Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign an der Mus­ashi­no Art Uni­ver­si­ty in Tokio und ist Reprä­sen­tant des Nip­pon Design Cen­ter Inc. Von ihm stam­men Ent­wür­fe für inter­na­tio­na­le Groß­ver­an­stal­tun­gen im asia­ti­schen Raum, wie die Olym­pi­schen Spie­le in Naga­no oder die Expo 2005 in Aichi.

»Desig­ning Design« ist in acht Kapi­tel unterteilt: 

Re-Design
All­täg­li­ches zu hin­ter­fra­gen – die­ser Gedan­ke steht hin­ter der gleich­na­mi­gen Aus­stel­lung Haras und ande­rer nam­haf­ter japa­ni­scher Desi­gner und Archi­tek­ten. Wel­che For­men kön­nen Mac­che­ro­ni anneh­men und wel­che Wir­kung und Kon­se­quen­zen hät­te das? Toi­let­ten­pa­pier auf qua­dra­ti­schen Rol­len auf­ge­wi­ckelt, sodass ein Wider­stand beim Abrol­len ent­steht – wäre das nicht öko­no­mi­scher als run­de Rol­len, da platz- und res­sour­cen­spa­ren­der? Hara macht auf die kri­ti­sche Sei­te der Gestal­tung auf­merk­sam, denn »from the per­spec­ti­ve of dai­ly life, design pas­ses cri­ti­cism on civilisation.«(S. 28)

Hap­tic
Eine Lam­pe mit lan­gen Haa­ren, Logos für Tast- und Geruchs­sinn, moos­be­wach­se­ne Schu­he: Anhand von Bei­spie­len einer wei­te­ren Aus­stel­lung geht Hara auf die unend­li­chen Mög­lich­kei­ten ein, die das Ein­bin­den der Sen­so­rik dem Gestal­ter bie­tet. Kri­tisch behaup­tet er, je tech­nik­ori­en­tier­ter die Mensch­heit wer­de, des­to mehr ver­lö­re sie ihre Fin­ger­fer­tig­kei­ten. Krea­ti­ve Ent­wür­fe zum Ent­de­cken der Welt durch hap­ti­sche Ein­drü­cke sol­len Anrei­ze geben, mit Design wie­der auf Tuch­füh­lung zu gehen.

Sen­se­wa­re
Das Hap­tik-The­ma wird wei­ter­ge­führt. Es geht dar­um, Infor­ma­ti­on mit allen Sin­nen erfahr­bar zu machen. Als Gestal­tungs­bei­spiel prä­sen­tiert Hara Kran­ken­haus-Signa­le­tik, die er für das Umeda Hos­pi­tal in der Yama­guchi-Prä­fek­tur ent­warf. Als Indi­ka­tor für abso­lu­te Sau­ber­keit im Kran­ken­haus wur­de die Beschil­de­rung auf wei­ße Lei­nen­be­zü­ge gedruckt, die kis­sen­ar­tig, mit abge­run­de­ten Ecken, Räu­me und Eta­ge aus­zeich­nen und wasch­bar sind. Dies wirkt dem ste­ri­len Kran­ken­haus­cha­rak­ter auf freund­li­che Art ent­ge­gen und sen­det gleich­zei­tig die gewünsch­te Bot­schaft der Rein­heit. Wei­te­re Pra­xis­bei­spie­le sind das Pro­gramm für die Zere­mo­nien der Olym­pi­schen Spie­le in Naga­no, Ori­en­tie­rungs­sys­te­me und visu­el­le Identitäten.

White
Hara fasst mit »White is not just a color. White must be cal­led a design concept«(S. 213) sei­ne phi­lo­so­phi­schen Ansät­ze über die Far­be Weiß zusam­men. Weiß sei in der Welt und in der Gestal­tung Ruhe­pol und Ori­en­tie­rung im Cha­os. »Cha­os is like the world and white is like a map, or a figu­ra­ti­ve repre­sen­ta­ti­on. Map­ping the world, or gene­ra­ting figu­ra­ti­ve repre­sen­ta­ti­ons, is gra­phic design« (S. 221), for­mu­liert er die umfas­sen­de Bedeu­tung die die (Nicht-)Farbe für ihn hat.

Muji
Selbst wenn der Name Kenya Hara in der west­li­chen Hemi­sphä­re kaum jeman­dem etwas sagt, so fin­det sich sei­ne Arbeit doch zuneh­mend in Euro­pas und Ame­ri­kas Städ­ten wie­der. Muji, das Label, das kei­nes sein will, wird seit Jah­ren von ihm als Art­di­rec­tor geprägt. Hara schreibt über die Visi­on Mujis der Ein­fach­heit, der Genüg­sam­keit und der befrei­en­den Leere.

Vie­w­ing the World from the Top of Asia
Das Kapi­tel befasst sich mit Gedan­ken zur japa­ni­schen Kul­tur und Ent­wick­lung im Design. »Even in Asia, the inten­tio­nal sim­pli­ci­ty of the Japa­ne­se cul­tu­re and the ten­si­on gene­ra­ted by an object pla­ced all alo­ne in an emp­ty space are uni­que« (S. 306), schreibt er und stellt die The­se auf, dass die­se Ent­wick­lung der Reduk­ti­on als Gegen­strom zur orna­men­ta­len Ästhe­tik kon­ti­nen­ta­ler Kul­tu­ren ent­stan­den sein könn­te. Er gibt inter­es­san­te Ein­bli­cke in die Sicht, die er als Japa­ner auf das eige­ne Land und auf die Welt hat.

Exfor­ma­ti­on
Haras Theo­rie, dass wir Bekann­tes bes­ser ver­ste­hen, wenn wir es uns unbe­kannt machen, stellt er anhand von expe­ri­men­tel­len Feld­ver­su­chen sei­ner Stu­den­ten vor. Wis­sen sei nicht das Ende des Denk­pro­zes­ses, son­dern nichts wei­ter als ein Ein­stieg in den sol­chen. Wie beim Rede­sign-Pro­jekt, wird auch in die­sem Kapi­tel der Blick auf den All­tag gelenkt und es kommt zu unge­wöhn­li­chen Ansich­ten, die die Krea­ti­vi­tät und das Den­ken anre­gen. Exfor­ma­ti­on ist sein Wort für das Gegen­stück zur Infor­ma­ti­on, die uns Unbe­kann­tes bekann­ter macht.

What is Design? 
Im letz­ten Kapi­tel stellt er eine eige­ne Design­theo­rie im design­his­to­ri­schen Zusam­men­hang auf, die sei­ne zuvor geschil­der­ten Ansich­ten aufgreift. 

Die eng­li­sche Über­set­zung liest sich flüs­sig, wodurch der Zugang zu Haras Gedan­ken­welt nicht schwer­fällt. Die­ser Zugang wird zusätz­lich durch vie­le ein­präg­sa­me visu­el­le und sprach­li­che Bil­dern ver­ein­facht. Im erzäh­le­ri­schen Stil, ein­schließ­lich direk­ter Anspra­chen und rhe­to­ri­scher Fra­gen, unter­hält Hara den Leser. Wohl­tu­end posi­tiv wert­schätzt er sei­ne Kol­le­gen und Stu­den­ten, deren Arbeit und Ansich­ten. Die eige­ne Arbeit erklärt er aus­führ­lich, klar, mit einer Mischung aus Beschei­den­heit und gerecht­fer­tig­tem Selbstbewusstsein.

Und das Buch an sich ist ein Klein­od. Kenya Hara, der auch die Art­di­rek­ti­on der Neu­auf­la­ge inne­hat­te, hat jeder Sei­te, jedem Bild und jedem Wort eine berüh­ren­de Ästhe­tik gege­ben. Die ver­schie­de­nen hoch­wer­ti­gen wei­ßen Papie­re ver­lei­ten den Leser dazu, die Nase wort­wört­lich ins Buch zu ste­cken und den ange­neh­men Geruch zusam­men mit dem schmei­cheln­den Tas­t­er­leb­nis auf­zu­neh­men. Hara ist bei der Gestal­tung sei­ner Linie voll und ganz treu geblieben.

Desi­gner zie­hen häu­fig Gren­zen. Zwi­schen Gra­fik- und Indus­trie­de­sign, zwi­schen Design und Kunst… Obwohl er selbst die Unter­schei­dung anspricht, scheint es bei Kenya Haras Arbeit kei­ne sol­chen Gren­zen zu geben. Er ist ein Gestal­ter, des­sen Wer­ke alles ver­ei­nen. Sein Design hat sei­nen Ursprung nicht in einer Dis­zi­plin, son­dern in der Phi­lo­so­phie. Die Aus­sa­ge »Ver­ba­li­zing design is ano­ther act of design« (S. 19), zeigt deut­lich, dass er davon auch sein Schaf­fen als Autor nicht ausschließt. 

In der Lee­re sieht er eine gro­ße Kraft und ein Haupt­merk­mal für japa­ni­sche Ästhe­tik. Die Wirk­kraft des lee­ren Gefäß – »the power of the emp­ty vessel«(S. 325) – taucht immer wie­der als Sym­bol in Bil­dern und als Meta­pher in sei­nen Über­le­gun­gen auf. »It can accom­mo­da­te the impres­si­on of every individual«(S. 242) – sie kön­ne sich den Vor­stel­lun­gen und Asso­zia­tio­nen jedes Indi­vi­du­ums anpas­sen und so mit dem gefüllt wer­den, was dem Betrach­ter vorschwebt. 

Das Buch wird jeden Krea­ti­ven begeis­tern und bie­tet auch für inter­es­sier­te Nicht-Gestal­ter ein Lese­er­leb­nis. Es ent­führt nach Fern­ost und zeich­net ein beein­dru­cken­des Bild zeit­ge­nös­si­schen japa­ni­schen Designs. Die Gedan­ken­gän­ge sind tief­sin­nig und nach­voll­zieh­bar. Jedes The­ma beinhal­tet zwei Ebe­nen, ein­mal die der Desi­gner und ihrer Gestal­tungs­pro­ble­me und dann eine glo­ba­le Ebe­ne, auf der Hara auch die Kon­sum­ge­sell­schaft, Umwelt­aus­beu­tung oder Ten­den­zen in der ver­ba­len Kom­mu­ni­ka­ti­on kri­ti­siert. In »Desig­ning Design« geht es um viel mehr als Design. Es geht um Wege, die Welt zu sehen, wahr­zu­neh­men und mit­zu­ge­stal­ten. Es geht dar­um, dass wir ent­schei­den müs­sen, wie es mit unse­rem Pla­ne­ten wei­ter­geht. Es geht aber auch um die klei­nen Din­ge, den All­tag, die Besin­nung auf das Wesent­li­che und auf sich selbst. 

2. Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik | Essay

Visuell-rhetorische Mittel im Anti-Terror-Kampf

Über das Design von Sicherheitsbehörden

Das Natio­nal Coun­ter­ter­ro­rism Cen­ter ist eine US-ame­ri­ka­ni­sche Regie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on und hat sei­nen Haupt­sitz in Washing­ton DC. Es wur­de 2004 als Ant­wort auf die Anschlä­ge des 11. Sep­tem­bers gegrün­det. Die Haupt­auf­ga­be des NCTC besteht dar­in, Infor­ma­tio­nen von den ver­schie­de­nen Geheim­diens­ten zu sam­meln, zu ana­ly­sie­ren und allen Geheim­dienst­be­hör­den zur Ver­fü­gung zu stel­len. Der Direc­tor des Natio­nal Coun­ter­ter­ro­rism Cen­ters fasst die Auf­ga­be fol­gen­der­ma­ßen zusam­men: “Sim­ply put, NCTC brings people—and information—together in a way that did not hap­pen pri­or to Sep­tem­ber 10, 2001.”[1]

Das NCTC ist dem Office of the Direc­tor of Natio­nal Intel­li­gence unter­stellt. Der Lei­ter des Natio­nal Coun­ter­ter­ro­rism Cen­ters berich­tet direkt an den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten und an den Direc­tor of Natio­nal Intel­li­gence (DNI).[2]

Die rhe­to­ri­sche Situa­ti­on des NCTC

Nach Bit­zer[3] bil­den ein drin­gen­des Bedürf­nis, das Publi­kum bzw. die Rezi­pi­en­ten, die mit der rhe­to­ri­schen Maß­nah­me beein­flusst wer­den sol­len, und die Gren­zen und Hemm­nis­se zusam­men die rhe­to­ri­sche Situa­ti­on. Im Fal­le des NCTC liegt das drin­gen­de Bedürf­nis dar­in, den Ter­ro­ris­mus gegen US-Per­so­nen und Eigen­tum zu ver­hin­dern. Das Publi­kum bzw. die Rezi­pi­en­ten sind die Bevöl­ke­rung und Mit­ar­bei­ter staat­li­cher Ein­rich­tun­gen wie Geheim­diens­te, Poli­zei, Mili­tär, Straf­ver­fol­gung und Sicher­heits­diens­te. Die Gren­zen und Hemm­nis­se der rhe­to­ri­schen Situa­ti­on lie­gen dar­in, dass Ter­ro­ris­ten im Gehei­men ope­rie­ren und ver­su­chen ihre Anschlags­pla­nun­gen zu ver­schlei­ern, wodurch es schwie­rig ist, an Infor­ma­tio­nen zu kom­men. Die Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung wird außer­dem durch Men­schen­rech­te, wie das Recht auf Frei­heit oder das Recht auf Pri­vat­sphä­re, begrenzt. Die Ver­hin­de­rung von Anschlä­gen kann nur gelin­gen, wenn Pla­nun­gen vor­her auf­ge­deckt bzw. Ter­ror­ver­däch­ti­ge iden­ti­fi­ziert und fest­ge­nom­men wer­den, so dass sie kei­ne Anschlä­ge mehr pla­nen und durch­füh­ren können.

Die Maß­nah­me, die das NCTC als ange­mes­se­ne Ant­wort auf die­se rhe­to­ri­sche Situa­ti­on ergrif­fen hat, ist Fol­gen­de: Die Bevöl­ke­rung sowie Geheim­dienst- und Regie­rungs­mit­ar­bei­ter wer­den infor­miert, und es wird an sie appel­liert, Infor­ma­tio­nen zu mel­den. So gibt es im Kalen­der und im »Online Gui­de« Infor­ma­tio­nen zu Metho­den und Tak­ti­ken von Ter­ro­ris­ten und zu Ter­ror­grup­pen. Außer­dem wird das »Rewards for Jus­ti­ce Pro­gram« vor­ge­stellt, und es wer­den Steck­brie­fe mut­maß­li­cher Ter­ro­ris­ten ver­öf­fent­licht. An die Bevöl­ke­rung wird appel­liert, Infor­ma­tio­nen über mut­maß­li­che Ter­ro­ris­ten und mög­li­che geplan­te Taten zu mel­den. Wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen wer­den dann mit Geld belohnt.

Im Fol­gen­den gehe ich genau­er auf die visu­el­le Rhe­to­rik der kon­kre­ten Umset­zung die­ser Ant­wort ein.

Die visu­el­le Legi­ti­ma­ti­on des NCTC

Für die Ana­ly­se zur visu­el­len Legi­ti­ma­ti­on habe ich mir die über die Web­site ver­füg­ba­ren Medi­en in Bezug auf die Wirk­zie­le, Topoi und deren gestal­te­ri­sche Umset­zung ange­se­hen: Die Web­site »nctc.gov« (Abb. 1) mit dem Insi­de NCTC Video, den Coun­ter­ter­ro­rism Online Gui­de (Abb. 2), das ist eine Unter­sei­te der NCTC-Web­site, und den Coun­ter­ter­ro­rism Calen­dar 2016 (Abb. 3). Die­ser ist als Print-Kalen­der gedacht und kann als Pdf-Datei von der Web­site her­un­ter­ge­la­den wer­den. Der Kalen­der wird 2017 von dem Online Gui­de abge­löst, so dass die 2016er Aus­ga­be die letz­te Aus­ga­be ist.

Abbildung 1: National Counterterrorism Center Website Screenshot, https://www.nctc.gov, Stand 18.5.2016.

Abbil­dung 1: Natio­nal Coun­ter­ter­ro­rism Cen­ter Web­site Screen­shot, https://www.nctc.gov, Stand 18.5.2016.

Abbildung 2: Counter Terrorism Guide Website Screenshot, https://www.nctc.gov/site/index.html, Stand: 18.5.2016.

Abbil­dung 2: Coun­ter Ter­ro­rism Gui­de Web­site Screen­shot, https://www.nctc.gov/site/index.html, Stand: 18.5.2016.

Abbildung 3: Counterterrorism Calendar 2016, Titel, Hg. National Counterterrorism Center.

Abbil­dung 3: Coun­ter­ter­ro­rism Calen­dar 2016, Titel, Hg. Natio­nal Coun­ter­ter­ro­rism Center.

2. Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik | Essay

Imperfektion kann Authentizität erzeugen

Per Arglosigkeit zur Glaubwürdigkeit

Die Glaub­wür­dig­keit des Red­ners ist seit Alters her ein wich­ti­ger Aspekt des rhe­to­ri­schen Über­zeu­gens – und auch der Legi­ti­ma­ti­on des­sen, wovon man sein Publi­kum über­zeu­gen will. Um glaub­wür­dig zu wir­ken, soll­ten der Red­ner und das, wofür er ein­steht, echt wir­ken. Mit der dis­si­mu­la­tio artis stellt die klas­si­sche Rhe­to­rik eine Stra­te­gie bereit, dem Publi­kum Authen­ti­zi­tät zu sug­ge­rie­ren. Neben dem wich­tigs­ten Ziel der Meis­ter­schaft und Voll­endung der Rede­kunst, lehrt die Rhe­to­rik, wie man trotz aller Geschlif­fen­heit die Nähe zum Publi­kum und den spon­ta­nen, natür­li­chen Aus­druck nicht ver­liert. Denn je aus­ge­feil­ter eine Rede erscheint und je ver­sier­ter eine Per­son vor­trägt, des­to mehr Distanz schafft sie gleich­zei­tig zu ihren Zuhö­rern und des­to weni­ger ist viel­leicht von ihrer Per­sön­lich­keit noch sichtbar.

Ähn­li­ches lässt sich im Bereich der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on fest­stel­len: Je ela­bo­rier­ter ein gra­fi­sches Pro­dukt ist, je pro­fes­sio­nel­ler es gestal­tet ist, je per­fek­ter ein Cor­po­ra­te Design umge­setzt wur­de, des­to unper­sön­li­cher und weni­ger authen­tisch kann es dadurch einem Betrach­ter erscheinen.

Ich möch­te im Fol­gen­den drei The­sen aus der anti­ken Rhe­to­rik her­aus­de­stil­lie­ren, die uns nahe­le­gen, dass Glaub­wür­dig­keit und Authen­ti­zi­tät auch – oder gera­de – aus der Imper­fek­ti­on her­aus bewirkt wer­den kön­nen. Zum Schluss fol­gen eini­ge Über­le­gun­gen dazu, wie sich die auf­ge­stell­ten The­sen auf die Ana­ly­se der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on ter­ro­ris­ti­scher Grup­pie­run­gen anwen­den las­sen könn­ten – und wo Deu­tungs­gren­zen erreicht werden.

1. Ohne Allü­ren: Das Ethos der Bescheidenheit

Das A und O des rhe­to­ri­schen Über­zeu­gens ist die capt­a­tio bene­vo­len­tiae. Ohne das Wohl­wol­len des Publi­kums haben wir als Red­ner bereits ver­lo­ren. Per­sua­si­on fin­det nicht nur auf der Ebe­ne der Argu­men­ta­ti­on und der schö­nen Wor­te statt, son­dern hängt wesent­lich von der Wahr­neh­mung ab, die die Zuhö­rer von einem Red­ner erhal­ten. Wie aber kön­nen sich Red­ner in das rech­te Licht rücken? Eine Stra­te­gie kann es sein, durch einen selbst­be­wuss­ten Auf­tritt, impo­san­te Posen und geschlif­fe­ne Wor­te das Anse­hen des Publi­kums zu gewinnen.

Schon die anti­ke Rhe­to­rik gibt aber zu beden­ken, dass Glaub­wür­dig­keit, Sym­pa­thie und Ver­trau­en manch­mal gera­de durch das gegen­tei­li­ge Vor­ge­hen zu erlan­gen sind: Beschei­den und inte­ger sol­le man dem Publi­kum viel­mehr erschei­nen. Schon Aris­to­te­les ergänz­te die For­de­rung, glaub­wür­dig zu erschei­nen, durch fol­gen­den Zusatz: »Den Anstän­di­gen glau­ben wir näm­lich eher und schnel­ler.«[1] Auch Quin­ti­li­an warnt des­halb vor dem »Groß­tun mit der eige­nen Per­son« und ganz beson­ders vor dem »Prah­len« mit der eige­nen Bered­sam­keit.[2] Wer arro­gant und über­heb­lich wirkt, ris­kie­re, beim Publi­kum auf Wider­wil­len oder gar Hass zu sto­ßen.[3]

Auch bei Cice­ro fin­den wir Stel­len, die nicht nur zu Beschei­den­heit und Zurück­hal­tung im Auf­tritt raten, son­dern sogar emp­feh­len, mit sicht­ba­rer Schüch­tern­heit und Beschä­mung auf­zu­tre­ten.[4] Der Ver­zicht auf Allü­ren gel­te dabei sogar für Red­ner, die sich sicher füh­len und gewandt vor­zu­tra­gen wis­sen.[5] Das anti­ke Beschei­den­heits-Ethos steht damit im Kon­trast zum Ide­al des stets sou­ve­rän, elo­quent und sicher auf­tre­ten­den Red­ners. Ein Zwie­spalt, den wir heu­te noch ken­nen: Was über­zeugt mehr: »Under­state­ment« oder Großspurigkeit?

Als beson­ders beschei­den galt schon in der Anti­ke die natür­li­che Art, in der die gewöhn­li­chen Men­schen aus dem Volk spre­chen, Leu­te also, die kei­ner­lei rhe­to­ri­sche Vor­bil­dung genos­sen haben. Denn die­se Men­schen, so Cice­ro, spre­chen so schlicht und ein­fach, dass »nichts den Ein­druck von Schau­stel­lung oder Nach­ah­mung erweckt«[6]. Das Unprä­ten­tiö­se kann also manch­mal über­zeu­gen­der sein – und für die Authen­ti­zi­tät des Red­ners bürgen.

In der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on könn­te der Anschein von Beschei­den­heit und Zurück­hal­tung bei­spiels­wei­se dadurch pro­vo­ziert wer­den, dass anstatt eines gebun­de­nen Hoch­glanz­pro­spekts eine ein­fa­che, gehef­te­te Bro­schü­re aus Recy­cling­pa­pier gewählt wird. Gegen das Beschei­den­heits-Ethos spricht jedoch, dass all­zu schmuck­lo­se Rede­auf­trit­te oder qua­li­ta­tiv min­der­wer­ti­ge Gestal­tungs­mit­tel den Red­ner oder die Absen­de­rin unpro­fes­sio­nell, inkom­pe­tent oder unse­ri­ös wir­ken las­sen könn­ten. Unge­schlif­fen­heit ver­min­dert im All­ge­mei­nen auch den Ein­druck von Macht und Ein­fluss des Absenders.

Buchbesprechung

»Studieren Sie nicht«

Paul Ardens Aphorismen: mit und ohne Humor

Zu neu­em Den­ken for­dert Paul Arden in »Egal, was du denkst, denk das Gegen­teil« sei­ne Leser auf. Das 144 Sei­ten dün­ne Buch des Desi­gners, der als Legen­de der bri­ti­schen Wer­be­sze­ne galt, beschäf­tigt sich mit krea­ti­vem Den­ken – und zwar in Form einer Apho­ris­men-Samm­lung. Da nahe­zu jede Dop­pel­sei­te mit einer Illus­tra­ti­on ver­se­hen ist und auch die Schrift groß und prä­gnant gehal­ten wur­de, kann das Werk eigent­lich in einer hal­ben Stun­de gele­sen wer­den. Das macht das Buch zu einem guten Beglei­ter auf Rei­sen mit vie­len Umstie­gen. Aber auch eine Lek­tü­re in Aus­zü­gen ist mög­lich. Die Kapi­tel sind kurz, die Tex­te kurzweilig. 

Die eigens für die­ses Buch zusam­men­ge­tra­ge­nen Illus­tra­tio­nen, teil­wei­se von nam­haf­ten Desi­gnern, unter­strei­chen Ardens State­ments und sor­gen für ästhe­ti­schen Zuge­winn. Doch man­cher­orts wir­ken sie ein wenig platt, zum Bei­spiel auf der Dop­pel­sei­te, die sich dem Stu­di­um wid­met: Wäh­rend der 23-Jäh­ri­ge Stu­dent mit sei­nem Fahr­rad über die lin­ke Hälf­te der Sei­te fährt, kann sich der 23-jäh­ri­ge Berufs­tä­ti­ge rechts natür­lich schon den eige­nen Por­sche leis­ten. Das ist weder humor­voll noch richtig.

Bei der Cover­ge­stal­tung wur­den optisch dage­gen kei­ne Mühen gescheut. Im mini­ma­lis­ti­schen Schwarz-Weiß prä­sen­tiert sich das Büch­lein, das im deut­schen Bas­tei Lüb­be Ver­lag ver­öf­fent­licht wur­de. Es passt dies­be­züg­lich per­fekt zu den vor­an­ge­gan­ge­nen Wer­ken des 2008 ver­stor­be­nen Autors.

Die Hül­le ist hübsch anzu­schau­en. Der Inhalt ent­täuscht den Leser ein wenig. Die Rei­hen­fol­ge der Sinn­sprü­che scheint will­kür­lich. Dabei basie­ren die Tex­te teil­wei­se auf his­to­ri­schen Ereig­nis­sen wie die Anek­do­te von Vivi­en­ne West­woods ers­tem, geschei­ter­ten Laden. Oder sie erzäh­len von Ardens per­sön­li­chen Erfah­run­gen in der Krea­tiv­agen­tur Saat­chi & Saat­chi. Obwohl jeder Gedan­ke eigen­stän­dig dar­ge­stellt wird, dreht sich Paul Arden oft im Kreis. So kann man die Kapi­tel über Unver­nunft auf Sei­te 42 und 44 in etwa zwei Sät­zen zusam­men­fas­sen. Fast ist man ver­sucht zu sagen: Der Titel des Buches sagt alles. Doch das allein ist auch nicht wenig. Denn die State­ments for­dern humor­voll auf, das eige­ne Den­ken zu hin­ter­fra­gen. Setzt man die­se Eigen­leis­tung vor­aus, sind die Sät­ze mehr als blo­ße Wie­der­ho­lun­gen der ein­schlä­gi­gen Erfolgsliteratur.

Am Ende bleibt der Leser zwie­späl­tig. Manch­mal möch­te man Paul Arden schlicht­weg wider­spre­chen. »Wenn sie nicht die Zulas­sungs­vor­aus­set­zung oder genü­gend Geld haben, um eine Uni­ver­si­tät zu besu­chen, gehen Sie ein­fach hin (…) Irgend­wann wird man Sie akzep­tie­ren, weil Sie dazu­ge­hö­ren.« (S. 118) Das mag viel­leicht frü­her ein­mal funk­tio­niert haben. Wer heut­zu­ta­ge stu­diert, weiß, wie absurd die­se Vor­stel­lung ist. Nach Beher­zi­gung die­ses Tipps wird man trotz­dem auf kei­ner Prü­fungs­lis­te auf­tau­chen und erfolg­reich an Vor­le­sun­gen teil­neh­men können. 

Ardens Buch ist sicher­lich etwas für Wer­ber – und für jun­ge Erwach­se­ne, die er mit Aus­sa­gen kon­fron­tiert, über die es sich doch nach­zu­den­ken lohnt: »Also stu­die­ren Sie nicht, es sei denn, Ihr Stu­di­en­fach liegt Ihnen wirk­lich am Her­zen.« (S. 111) Als Zier­de im Bücher­re­gal eig­net es sich allemal.

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