Illustrationen

Plakat und Art

Ein Spiel von Text und Bild

Sei­ne Arbei­ten ste­hen in unter­schied­li­chen For­ma­ten für den meist öffent­li­chen Raum zur Ver­fü­gung. Uwe Göbel nennt sie »PLAKARTIVE Poe­sie«, sie spie­len mit Schrift und Bild­mo­ti­ven und deren Wech­sel­wir­kun­gen, Spra­che wird beim Wort genom­men und vor Augen geführt. In Bie­le­feld, wo Prof. Göbel lehrt, hat er mehr­fach unter dem Titel »PLAKARTIVE« mit inter­na­tio­na­len Künst­lern in einer Stra­ßen­kunst­ak­ti­on Groß­for­ma­te aus­ge­stellt. Eini­ge sei­ner Arbei­ten zeigt nun »Spra­che für die Form«.

Mythen des Alltags

Das Typometer

Über eine aussterbende Art

Gibt es noch Orte, wo es genutzt, gar gebraucht wird? Oder gibt es bereits ein Muse­um, das eine Samm­lung aus­stellt – zeit­ge­mäß nach den Cre­dos der Muse­ums­päd­ago­gik dar­ge­bo­ten und mit vir­tu­el­len Anfass-Schein­erleb­nis­sen garniert?

Der Autor die­ser Zei­len wird sei­ne bei­den Exem­pla­re die­sem Muse­um nicht hin­ter­las­sen. Das güns­ti­ge­re der bei­den Model­le hat eine Far­be ange­nom­men wie die Glä­ser einer hell­braun­gel­bro­ten Son­nen­bril­le und ist ein Beglei­ter seit Jahr­zehn­ten. Das fei­ne­re ist noch unge­trübt, gut durch­sich­tig, klar. Auch bie­ten bei­de Model­le Unter­schied­li­ches zu mes­sen an. Als Line­al sind sie bei­de gut zu nutzen …

Ob als durch­sich­ti­ges oder ver­gilb­tes Kunst­stoff-Meter­maß oder in sei­nen älte­ren, aus Blei­satz-Zei­ten stam­men­den Vari­an­ten aus Neu­sil­ber, Mes­sing oder Stahl – sie alle haben anschei­nend aus­ge­dient, Gra­fik­stu­den­ten wis­sen sel­ten noch, was es mit die­sem Mess­in­stru­ment auf sich hat­te, dass damit Schrift­gra­de fest­zu­stel­len waren, Kegel­hö­hen, Zei­len­län­gen und der Durch­schuss, auch Ras­ter­wei­ten und Lini­en­stär­ken zeig­ten moder­ne­re an. Oder dass sie dem Redak­teur dazu dien­ten, abzu­zäh­len, was den Zei­len­schin­dern, die er für sein Blatt schuf­ten ließ, zu bezah­len sei, indem er sie an die Spal­ten anleg­te, die Zei­len zähl­te und Sum­men bil­de­te, die dann mit Zei­len­geld – meist jäm­mer­lich – ent­gol­ten wurden.

Mit dem klar­sich­ti­gen Stul­le-Modell wird ab und an in Semi­na­ren gewinkt, den Stu­den­ten melan­cho­lisch gepre­digt, wie wich­tig das Instru­ment sei, auch für sie – obgleich ihre digi­ta­le Welt schon längst kei­ne Ver­wen­dung mehr dafür weiß. Der Pre­di­ger fühlt sich in sol­chen Momen­ten alt, aus der Zeit gefal­len. Aber es macht ihm nichts mehr aus, er fällt gern. Viel­leicht fin­det er für den frei­en Fall aus der Zeit ja die rich­ti­ge Maß­ein­heit auf einem sei­ner Beglei­ter für lan­ge und ver­gan­ge­ne Zei­ten, den Typometern.

Aber die Beglei­ter sind still gewor­den … Der Mensch sei das Maß aller Din­ge, lehr­te der Rhe­to­ri­ker Prot­agoras. Das Maß aller Typo­gra­fie ist das Typo­me­ter – gewe­sen? In der Typo­gra­fie ste­cken die grie­chi­schen Begrif­fe »typoi« und »gra­pho«, »Spu­ren« und »ein­rit­zen«; der Typo­graf hin­ter­lässt also Spu­ren. Das Typo­me­ter hat die­se Spu­ren ver­mes­sen. Der Wan­del der Zeit nimmt den Spu­ren das Maß.

Book Review

Drop a word in the ocean of meaning”

Robert Bringhurst charts language

What are the dif­fe­ren­ces bet­ween spo­ken and writ­ten lan­guage? What can the­se dif­fe­ren­ces tell us about human com­mu­ni­ca­ti­on and under­stan­ding? How has typo­gra­phy and design chan­ged writ­ten lan­guage? Robert Bringhurst’s book “The Solid Form of Lan­guage, an Essay on Wri­ting and Mea­ning” was writ­ten in 2002 for an antho­lo­gy on lan­guage cul­tu­re and type and repu­blished by the Gas­pe­reau Press in 2004. Bring­hurst descri­bes hims­elf as a poet, lin­gu­ist and typo­grapher – in short someone with a wide inte­rest in lan­guage. He has writ­ten “The Ele­ments of Typo­gra­phic Style” and has published books on nati­ve Ame­ri­can poets, writ­ten about the inter­pre­ta­ti­on of renais­sance ita­li­an pain­tings[1]. To round out his impres­si­ve list of abili­ties, Bring­hurst speaks, reads and wri­tes in a ran­ge of lan­guages. His poe­tic natu­re is clear right from the start: “Drop a word in the oce­an of mea­ning and con­cen­tric ripp­les from. […] To catch the mea­ning of the words is not to catch the ripp­les that they cau­se; it is to catch the inter­ac­tion of tho­se ripp­les. This is what it means to lis­ten; this is what it means to read. It is incre­di­bly com­plex, yet humans do it every day, and often laugh and weep at the same time.” (p. 9) This poe­tic begin­ning and the ele­gant pocket for­mat set the sce­ne for a brief intellec­tu­al jour­ney into writ­ten language.

From this poe­tic inde­ed almost visu­al begin­ning Bring­hurst takes his rea­ders on a breathl­ess trip through a histo­ry of writ­ten lan­guages and their deve­lo­p­ment, the uni­que­ness and fun­da­men­tal dif­fe­ren­ces bet­ween writ­ten and spo­ken lan­guage. Bring­hurst wri­tes: “Start­ing from scratch, with no impor­ted models, peo­p­le have made the shift from oral to lite­ra­te cul­tu­re at least three times … In Meso­po­ta­mia, about 5,000 years ago, in nor­t­hern Chi­na about 4,500 years ago, and in Gua­ta­ma­la and sou­thern Mexi­co about 2,000 years ago, humans crea­ted a script and a scri­bal cul­tu­re, appar­ent­ly wit­hout impor­ted models of any kind.” (p. 14) The­se ear­ly sys­tems were all ori­gi­nal­ly pic­tu­re-based or drawn. After a pre­cise defi­ni­ti­on of wri­ting (to dif­fe­ren­tia­te it from dra­wing) the four points lis­ted here are dis­cus­sed in grea­ter detail. “(1) Wri­ting is abs­tract. […] (2) A wri­ting sys­tem is codi­fied. It con­sists of a repea­ting set of sym­bols […] (3) The­se sym­bols are defi­ned in terms of some­thing else. […] (4) The sys­tem is sty­li­sti­cal­ly as well as sym­bo­li­cal­ly self-con­tai­ned.” (p. 16f) He covers a small sel­ec­tion of scripts inclu­ding: basic chi­ne­se glyphs, latin, ara­bic, kore­an and nati­ve ame­ri­can wri­ting sys­tems as well as dis­cus­sing their sty­li­stic heri­ta­ges. Bring­hurst dif­fe­ren­tia­tes the spo­ken lan­guages as evol­ved and evol­ving, and writ­ten lan­guage as inven­ted and trai­ned (p. 12–13). This link in writ­ten lan­guage to “reli­gious or poli­ti­cal aut­ho­ri­ty” (p. 24) makes scripts emblems of cul­tures and belief sys­tems, and like belief sys­tems con­nec­ted with reli­gi­ons and empires often rigo­rous­ly spread.

Bring­hurst also looks at the evo­lu­ti­on of our wes­tern euro­pean ways of wri­ting, and how typo­gra­phic style extends the ori­gi­nal boun­da­ries of our lan­guage. His cen­tral exam­p­le (p. 45–47) is “Leo­nard Fuchs’s bota­ni­cal work De His­to­ria stir­pi­um, first published by the Basel prin­ter Micha­el Isen­grin in 1542.” (p. 44) The mixing of scripts (whe­ther more cal­li­gra­phic or con­s­truc­ted) in a sin­gle sen­tence is now com­mon, inde­ed this review is full of chan­ges from roman to ita­lic and back. So much so that we often fail to read its signi­fi­can­ce: a chan­ge in voice or tona­li­ty. In this way aspects of spo­ken lan­guage has slow­ly trans­fer­red to wri­ting. Bring­hurst also empha­si­zes that the use of other typo­gra­phic styl­es indi­ca­te shifts in con­tent. The­se ide­as were revo­lu­tio­na­ry in the Renais­sance and chan­ged how we wri­te and read today.

Buchbesprechung

»Design als autonome akademische Disziplin konturieren«

Claudia Mareis sieht Design als Wissenskultur

Wel­chen Bezug hat das Design zu Wis­sen­schaft und For­schung? Die­ser Fra­ge geht Clau­dia Mareis in ihrer Dis­ser­ta­ti­on auf den Grund, die 2011 unter dem Titel »Design als Wis­sens­kul­tur – Inter­fe­ren­zen zwi­schen Design- und Wis­sens­dis­kur­sen seit 1960« als Buch erschie­nen ist. Mareis greift dabei design­spe­zi­fi­sche und dis­zi­pli­nen­über­grei­fen­de Dis­kur­se auf, um zu unter­su­chen, wie sich die Design­wis­sen­schaft ent­wi­ckelt hat und auf wel­che Wei­se sich die Gren­zen von Design­for­schung, Kunst und Wis­sen­schaft über­la­gern. Sie will Klar­heit schaf­fen, es geht ihr dar­um, das Design »als auto­no­me aka­de­mi­sche Dis­zi­plin zu kon­tu­rie­ren« (S. 10).

Die Schwei­ze­rin Clau­dia Mareis beschäf­tigt sich mit Design sowohl in der Theo­rie als auch in der Pra­xis. Sie ist Design- und Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin und arbei­tet dabei selbst noch als Gestal­te­rin. An der Hoch­schu­le für Gestal­tung und Kunst FHNW Basel, ist Mareis seit Beginn des Jah­res 2013 Pro­fes­so­rin für Design­theo­rie und -for­schung. Zudem lei­tet sie dort das Insti­tut Expe­ri­men­tel­le Design- und Medi­en­kul­tu­ren. Neben der Vor­stands­mit­glied­schaft in der Deut­schen Gesell­schaft für Design­theo­rie und -for­schung (DGTF) ist Mareis Mit­glied im Board of Inter­na­tio­nal Rese­arch in Design (BIRD) des Birkhäuser-Verlags.

Ihr Buch folgt einem schlüs­si­gen Auf­bau: Ein­lei­tend stellt die Autorin die »Design­for­schung im his­to­ri­schen Kon­text« (S. 23 ff.) vor und ermög­licht dem Leser dadurch einen Ein­stieg in die The­ma­tik. Dabei geht sie vor allem auf die »Design Methods Move­ment« der 60er-Jah­re ein, einer inter­dis­zi­pli­nä­ren Bewe­gung zur Sys­te­ma­ti­sie­rung von Design, von der sowohl die Design­aus­bil­dung als auch die Design­pra­xis pro­fi­tie­ren soll­ten. Außer­dem beleuch­tet sie die suk­zes­si­ve Insti­tu­tio­na­li­sie­rung von Design­for­schung an Kunsthochschulen.

Vom All­ge­mei­nen zum Kon­kre­ten: Wie sich das Selbst­ver­ständ­nis von Desi­gnern im Lau­fe der Zeit ver­än­dert hat, the­ma­ti­siert Mareis anhand von Bei­spie­len im zwei­ten Kapi­tel ihres Buches »Design­auf­fas­sun­gen vom Ein­heits­kunst­werk zum Reflec­ti­ve Practitioner«(S. 87 ff.).

Damit ist die Grund­la­ge gelegt, um ele­men­ta­re Fra­gen zu stel­len: Im drit­ten Kapi­tel »Vom Wis­sen im Design und sei­nen dis­kur­si­ven Leit­mo­ti­ven« (S.175 ff.) geht es um Begrif­fe, Kon­zep­te und Ideen, die bis­her in der Design­theo­rie und -for­schung als selbst­ver­ständ­lich ange­se­hen wur­den. Wie Erkennt­nis­se in Design und Wis­sen­schaft gene­riert und defi­niert wer­den, unter­sucht Mareis dabei anhand von meh­re­ren Leit­mo­ti­ven. Und schließ­lich geht sie über die Gren­zen des Designs hin­aus. Im vier­ten Kapi­tel, »Inter­fe­ren­zen und Grenz­zie­hun­gen zwi­schen Design, Kunst und Wis­sen­schaft« (S. 385 ff.), unter­sucht Mareis, ob sich beim Erkennt­nis­ge­winn Über­schnei­dun­gen zwi­schen Design, Kunst und Wis­sen­schaft aus­ma­chen lassen.

Durch die Ver­net­zung his­to­ri­scher Dis­kur­se gelingt es Mareis, dem Leser den gegen­wär­ti­gen Stand der Design­for­schung ver­ständ­li­cher zu machen. Zudem geht aus ihren Unter­su­chun­gen her­vor, wie unter­schied­li­che his­to­ri­sche Posi­tio­nen, auch aus ande­ren Dis­zi­pli­nen, den heu­ti­gen Dis­kurs über »Design als Wis­sens­kul­tur« prägen.

Aller­dings hat die dif­fe­ren­zier­te Her­an­ge­hens­wei­se der Autorin ihren Preis: Sie for­dert vol­le Kon­zen­tra­ti­on. Die­ses Buch ist kei­ne Bett­lek­tü­re, aber loh­nend für Desi­gner mit Inter­es­se an Forschung.

Buchbesprechung

»Sich mit einer Vielzahl von Faktoren zu beschäftigen«

Jan Filek aktualisiert das Wissen über Lesbarkeit

»Wer Klein­buch­sta­ben spa­tio­niert, schän­det auch Scha­fe,« wuss­te Fre­de­ric Gou­dy. Ob das tat­säch­lich stimmt, wis­sen wir nicht. Zu Typo­gra­fie und Les­bar­keit gibt es mehr zu sagen, vie­les wur­de bereits fest­ge­hal­ten und hat bis heu­te Bestand. Aller­dings kur­sie­ren auch Vor­stel­lun­gen durch die Köp­fe der Gestal­ter, die nicht – oder nicht mehr – rich­tig sind. Mit solch gefähr­li­chem Halb­wis­sen möch­te Jan Filek mit sei­ner Diplom­ar­beit »Read/ability – Typo­gra­fie und Les­bar­keit« auf­räu­men: »Les­bar­keit zu unter­su­chen bedeu­tet, sich mit einer Viel­zahl von Fak­to­ren zu beschäf­ti­gen: der Form der Zei­chen, den Abstän­den zwi­schen Buch­sta­ben, Wör­tern oder Zei­len, der makro­ty­po­gra­fi­schen Struk­tur sowie der Form des Inhalts und, lei­der viel zu häu­fig uner­wähnt, dem Leser, sei­ner Lese­mo­ti­va­ti­on und den Gren­zen sei­ner Fähig­kei­ten.« Dazu hat Jan Filek bereits bekann­tes Wis­sen mit Erkennt­nis­sen der For­schung aus den letz­ten Jah­ren aktua­li­siert. Ent­stan­den ist ein Buch, das sich mit sei­nen ca. 200 Sei­ten pri­mär an jun­ge Gestal­ter richtet.

Jan Filek hat an der Fach­hoch­schu­le Düs­sel­dorf und am Bir­ming­ham Insti­tu­te of Art and Design stu­diert. Im Stu­di­en­gang Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign leg­te er sei­ne Schwer­punk­te auf Cor­po­ra­te Design und Typo­gra­fie. Wäh­rend sei­nes Stu­di­ums absol­vier­te er Prak­ti­ka bei »Fac­tor Design« in Ham­burg und im »Büro Übe­le« in Stutt­gart. Der Diplom-Desi­gner aus Düs­sel­dorf arbei­tet heu­te frei­be­ruf­lich für Agen­tu­ren, Design­bü­ros und Privatkunden.

Sein Buch steht ein Vor­wort von Andre­as Übe­le vor­an. Das gan­ze Werk ent­stand in vie­len Gesprä­chen über Inhalt und Form mit dem Gestal­ter aus Stutt­gart. Die Arbeit ist in drei Kapi­tel – »Lesen«, »For­schen«, «Gestal­ten« – auf­ge­teilt, die den Leser von neu­ro­lo­gi­schen Eigen­hei­ten bis hin zu direk­ten Emp­feh­lun­gen für eine bes­se­re Typo­gra­fie und Les­bar­keit füh­ren. Filek beruft sich dabei auf Stan­dard­wer­ke wie »Detail­ty­po­gra­fie« von Fors­s­man und De Jong, Gerard Ungers »Wie man’s liest«, Spie­ker­manns »Über­schrift« und rei­chert die­se mit aktu­el­len Erkennt­nis­sen zur Les­bar­keit aus der For­schung unter­schied­li­cher Dis­zi­pli­nen an. »Read/ability« ist ein Werk über die Grund­la­gen der Les­bar­keit, es ist leicht zu lesen, denn es wur­de sorg­fäl­tig dar­auf geach­tet, alle The­men in einer ein­fa­chen und ver­ständ­li­chen Spra­che zu beschrei­ben. Dar­über hin­aus sind die Text­blö­cke sehr kurz gehal­ten, was der Aus­führ­lich­keit zwar nicht dient, jedoch auch nicht dar­an hin­dert, die zen­tra­len Aus­sa­gen zu vermitteln.

Im ers­ten Kapi­tel »Lesen« beschreibt Filek, wie unser Gehirn beim Lesen arbei­tet, wel­che Effek­te auf­tre­ten und was es dadurch bei der Gestal­tung und beim Set­zen von Schrift zu beach­ten gilt. Das Kapi­tel beginnt des­halb mit dem Unter­ka­pi­tel »Das Auge«. Hier geht Filek kurz auf bio­lo­gi­sche Aspek­te ein – wie Rei­ze beim Lesen ins Gehirn gelan­gen und wel­che Tücken es dabei gibt. Über den »Tun­nel­blick« und »Augen­sprün­ge« gelangt er zügig zu den Prin­zi­pi­en, wie Buch­sta­ben erkannt und ver­ar­bei­tet wer­den. Es han­delt sich um Wis­sen, das zwar vie­len jun­gen Gestal­tern bekannt, aber oft­mals nicht bewusst ist. Es wer­den Grund­la­gen ver­deut­licht, die jeder ken­nen soll­te, der einen pro­fes­sio­nel­len Umgang mit Typo­gra­fie sucht.

Im zwei­ten Kapi­tel »For­schen« gibt Filek einen Ein­blick in Ein­fluss­fak­to­ren und Metho­den, die bei der Erfor­schung von Les­bar­keit bedeu­tend sind. Er zeigt auf, wel­che Pro­ble­me bei den unter­schied­li­chen Metho­den auf­tre­ten und wie ver­sucht wur­de, sie zu lösen. Es ist ein kur­zes Kapi­tel, das jedoch einen Ein­blick in einen Bereich gibt, mit dem sich jun­ge Gestal­ter oft­mals nicht genug aus­ein­an­der­set­zen. Filek beschreibt Erkennt­nis­se aus ande­ren Dis­zi­pli­nen, ohne unnö­ti­ges Fach­vo­ka­bu­lar zu ver­wen­den. Einen Ein­blick in Stu­di­en zu erlan­gen, ist oft­mals nicht leicht für einen Fach­frem­den. Die­se Hür­de nimmt Filek dem Gestal­ter durch sei­ne Aus­füh­run­gen in ver­ständ­li­cher Spra­che. Bis zur Sei­te 93 erreicht der Leser dadurch ein tie­fe­res Ver­ständ­nis für den Lese­pro­zess und des­sen Einflussfaktoren.

Im drit­ten und letz­ten Kapi­tel »Gestal­ten« beschreibt Filek auf ca. 80 Sei­ten die ein­zel­nen Para­me­ter, die dem Typo­gra­fen zur Ver­fü­gung ste­hen. Von der X-Höhe, dem Buch­sta­ben­ab­stand und den Wort­zwi­schen­räu­men, dem Zei­len­ab­stand und der Schrift­grö­ße, der Satz­art und dem Strich­stär­ken­kon­trast bis hin zur Schrift­wahl und der Sprach­an­pas­sung sam­melt er wert­vol­les Wis­sen von erfah­re­nen Typo­gra­fen und rei­chert die­se mit Erkennt­nis­sen aus ande­ren Dis­zi­pli­nen und Stu­di­en an. Dabei wird der Hand­buch-Cha­rak­ter sei­ner Arbeit beson­ders deut­lich. Das Kapi­tel beinhal­tet Emp­feh­lun­gen, Hand­lungs­an­wei­sun­gen und Maß­stä­be, an denen sich der jun­ge Gestal­ter ori­en­tie­ren und aus­pro­bie­ren kann. Alles in allem ver­mit­telt die­se Arbeit viel wert­vol­les Wis­sen. Beson­ders jun­gen Gestal­tern und Typo­gra­fie-Inter­es­sier­ten kann es emp­foh­len werden.

Jan Filek und dem »Niggli Ver­lag« möch­te man zuru­fen: »Bit­te mehr davon! Las­sen Sie sich nicht beir­ren von all den Bil­der­bü­chern.« Denn Schrif­ten wie die­se – Schrif­ten mit Sub­stanz – sind die zukünf­ti­ge Grund­la­ge unse­res Schaf­fens und auch die Grund­la­ge unse­rer Akzep­tanz in der Gesell­schaft. Denn nur wenn wir ver­ste­hen und beson­ders wenn wir beschrei­ben kön­nen, was unse­re Arbeit aus­macht, kön­nen wir unse­ren Auf­trag­ge­bern und unse­rer Dis­zi­plin gerecht wer­den. Das fängt mit den fei­nen Details der Typo­gra­fie an und endet in der gro­ßen Sym­pho­nie der Ele­men­te. Denn durch alle Tei­le und Berei­che muss die Ange­mes­sen­heit zwi­schen Gestal­tung und Auf­ga­be spür­bar sein. »Read/ability« von Jan Filek leis­tet einen Bei­trag dazu.

Essay

Kunst oder Design?

Zur Abgrenzungsproblematik bei ästhetischen Artefakten

Im Fol­gen­den wer­de ich mich der Fra­ge zuwen­den, wie Design und Kunst bzw. Design- und Kunst­ar­te­fak­te von­ein­an­der zu unter­schei­den sind. Zur Dis­po­si­ti­on steht dabei ins­be­son­de­re ein Kri­te­ri­um der Unter­scheid­bar­keit, das der Funk­tio­na­li­tät. Einer weit ver­brei­te­ten Mei­nung zufol­ge, besteht der Unter­schied zwi­schen Design und Kunst näm­lich in ers­ter Linie dar­in, dass Design einer bestimm­ten Zweck­erfül­lung unter­liegt, der sich die ver­meint­lich auto­no­me Kunst ent­zieht. Design­ar­te­fak­te sol­len sich die­ser »Funk­ti­ons­the­se« zufol­ge nicht wie Kunst­ob­jek­te an äußer­li­chen, ästhe­ti­schen Gesichts­punk­ten allei­ne, son­dern ins­be­son­de­re hin­sicht­lich ihrer prak­ti­schen Funk­tio­nen in ästhe­ti­scher Hin­sicht bemes­sen las­sen. Sicher­lich haben die Ent­wick­lun­gen der letz­ten sechs Deka­den in der Kunst und im Design zu einer der­ar­ti­gen Annä­he­rung bei­der Sei­ten und Auf­lö­sung ihrer ver­meint­lich spe­zi­el­len Kate­go­rien geführt, dass auch die Funk­tio­na­li­tät des Designs als ihr Allein­stel­lungs­merk­mal nicht ohne Kri­tik geblie­ben ist. Den­noch darf fest­ge­stellt wer­den, dass selbst in Fach­krei­sen, wenn es um Fra­gen der Unter­schei­dung bei­der Arte­fakt-Berei­che geht, immer wie­der auf die Kate­go­rie der Funk­tio­na­li­tät im Design ange­spielt wird. Ich möch­te mit die­sem Essay ver­su­chen zu erhel­len, wie­so Funk­tio­na­li­tät im Design zwar ein rele­van­tes Kri­te­ri­um ist, die­ses als Unter­schei­dungs­merk­mal im Zusam­men­hang der Bewer­tung ästhe­tisch bedeut­sa­mer Arte­fak­te jedoch nicht hin­reicht. Ich wer­de daher zei­gen, dass die Kunst neben einer Viel­zahl an Funk­tio­nen auch sol­che in der für das Design bean­spruch­ten Art und Wei­se umfasst, was es mir wei­ter­hin ermög­licht, die ursprüng­li­che Fra­ge nach dem Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­mal als eine sol­che nach dem Unter­schied im bei­der­seits zur Anwen­dung kom­men­den Funk­ti­ons­be­griff zu stellen.

1 Kunst und Design als ästhe­tisch bedeut­sa­me Arte­fak­te: Die Rol­le semio­ti­scher Sys­te­me und des kunst­äs­the­ti­schen Werts

Ich möch­te mei­ne Aus­füh­rung zunächst mit der Fra­ge begin­nen, was Kunst- und Design­ar­te­fak­te eigent­lich sind und wor­in even­tu­el­le Gemein­sam­kei­ten bestehen könn­ten. Aus­ge­hend hier­von wird es mög­lich, den Kern­aspekt hin­sicht­lich ihrer bei­der Funk­tio­na­li­tä­ten mit Blick auf die Rol­le semio­ti­scher Sys­te­me am Iden­ti­fi­zie­rungs­pro­zess bereits ansatz­wei­se vor­skiz­zie­ren zu können.

Kunst- und Design­ob­jek­te sind bei­des vom Men­schen ent­wor­fe­ne und pro­du­zier­te Arte­fak­te, die es hin­sicht­lich ihrer Gene­se also zunächst von natür­li­chen Enti­tä­ten wie Bäu­men und Son­nen­un­ter­gän­gen zu unter­schei­den gilt. Wei­ter­hin sind sie bei­de in ästhe­ti­scher Hin­sicht bedeut­sa­me Arte­fak­te. Grund­sätz­lich kön­nen sämt­li­che Objekt­be­rei­che vom Men­schen in ästhe­ti­scher Hin­sicht erfah­ren wer­den, des­halb sind selbst­ver­ständ­lich auch natür­li­che Enti­tä­ten und selbst noch so ein­fa­che, tech­ni­sche Gebrauchs­uten­si­li­en wie Auto­rei­fen und Mixer unter ästhe­ti­schen Gesichts­punk­ten wahr­nehm­bar. Das aller­dings macht sie noch lan­ge nicht in ästhe­ti­scher Hin­sicht für uns bedeut­sam. Kunst- und Design­ar­te­fak­te dür­fen in die­sem Sin­ne als ein »Son­der­fall« auf­ge­fasst wer­den. Das Beson­de­re ist der Iden­ti­fi­zie­rungs­pro­zess von Kunst- und Design­ge­gen­stän­den als ästhe­tisch bedeut­sa­me Arte­fak­te. Um ein Arte­fakt näm­lich als ein in ästhe­ti­scher Hin­sicht rele­van­tes Objekt, also als ein Kunst- bzw. Design­ob­jekt, zu iden­ti­fi­zie­ren, muss man auf bestimm­te ästhe­ti­sche Zei­chen­sys­te­me zurück­grei­fen. Kunst- und Design­ob­jek­te las­sen sich dem­nach als Zei­chen ver­ste­hen, und zwar als sol­che, die bestimm­te ästhe­ti­sche Merk­ma­le tra­gen, wel­che sich im Rück­griff auf die Zei­chen­sys­te­me als rele­vant her­aus­stel­len las­sen. Sol­che Merk­ma­le kön­nen bei­spiels­wei­se Aspek­te der Form­ge­bung, der Ober­flä­chen­be­hand­lung, der Mate­ri­al­ver­ar­bei­tung, des Farb­auf­trags oder der Rah­mung usw. betref­fen. Was in der spe­zi­el­len Debat­te um die Dif­fe­ren­zie­rung von Kunst und Design hin­sicht­lich der Rol­le semio­ti­scher Sys­te­me im Iden­ti­fi­zie­rungs­pro­zess häu­fig nicht expli­zit gemacht wird, ist, dass sich die Kate­go­ri­sie­rung von ästhe­tisch bedeut­sa­men Gegen­stän­den als Design- oder Kunst­ge­gen­stän­de nicht mit der Fest­stel­lung der­ar­ti­ger ästhe­ti­scher Merk­ma­le ergibt. Um einen Gegen­stand als Kunst oder Design im Rück­griff auf semio­ti­sche Sys­te­me zu erschlie­ßen und zu bewer­ten, bedarf es der Eru­ie­rung des kunst­äs­the­ti­schen Gehalts oder Werts des jewei­li­gen Arte­fakts[1]. Der kunst­äs­the­ti­sche Wert von Design­ar­te­fak­ten, aber eben auch von Kunst­ge­gen­stän­den, ergibt sich in die­sem Zusam­men­hang aus dem Ver­hält­nis des am ästhe­ti­schen Merk­mal zu Tage tre­ten­den künst­le­ri­schen Aus­drucks zu ande­ren nicht äußer­li­chen Aspek­ten, das sind im Spe­zi­el­len die Funk­tio­nen des jewei­li­gen Wert­trä­gers.[2]

Essay

Rhetorische Hinweise für technische Redakteure

Über das Verfassen von Gebrauchsanleitungen

Als ich den Ver­kaufs­lei­ter einer Küchen­ab­tei­lung bat, mir eine Gebrauchs­an­lei­tung für einen Induk­ti­ons­herd mit­zu­brin­gen und am bes­ten – aus Zwe­cken der Illus­tra­ti­on – eine nicht so gute, war sei­ne lako­ni­sche Ant­wort: »Die sind alle schlecht«, außer­dem wür­de sie eh kein Ver­brau­cher lesen, wer wol­le schon 15 Sei­ten Sicher­heits­hin­wei­se stu­die­ren – aber das müs­se halt sein. Daher kön­ne ich auch ein­fach die von mei­nem eige­nen Herd nehmen.

Das ist für tech­ni­sche Redak­teu­re – als deren End­pro­dukt die Gebrauchs­an­lei­tung bei der Ent­wick­lung eines Pro­duk­tes steht und die gera­de des­halb schon in der Pha­se der Pro­dukt­ent­wick­lung dar­an gear­bei­tet haben – eine depri­mie­ren­de, aber auch aus­sa­ge­kräf­ti­ge Aus­sa­ge, weil sie wich­ti­ge Signa­le gibt:
1. Dass die Sicher­heits­hin­wei­se sein müs­sen, sieht jeder ein, sie sind not­wen­dig, erschwe­ren aber die Les­bar­keit des Textes.
2. Nicht ein­mal ein Ver­kaufs­lei­ter, der das Pro­dukt ver­kau­fen will und aus der Arbeit der Redak­teu­re doch Argu­men­te für den Ver­kauf zie­hen könn­te, hat ein posi­ti­ves Ver­hält­nis zu sol­chen Tex­ten. Aus sei­ner Erfah­rung mit den Kun­den weiß er zudem, dass sie Anlei­tun­gen nicht lesen wol­len, da sie die­sen von vorn­her­ein kri­tisch gegen­über ste­hen. Und auch wenn die »tekom« [1] den Ver­brau­chern in ihren Tipps »Erken­nen Sie eine gute Gebrauchs­an­wei­sung« rät, den Kauf von Pro­duk­ten zu ver­wei­gern, wenn Gebrauchs- oder Mon­tag­an­lei­tung nicht ver­ständ­lich sei­en, scheint dies im Ver­kauf nie­man­den ernst­haft zu beun­ru­hi­gen. Dar­aus lässt sich die Schluss­fol­ge­rung zie­hen, dass dar­auf wenig geach­tet wird, selbst wenn die Unzu­frie­den­heit mit den Anlei­tun­gen latent vor­han­den ist.
3. Auch Benut­zer eines Induk­ti­ons­her­des erin­nern sich nicht an die Gebrauchs­an­lei­tung, selbst wenn es sich um Rhe­to­ri­ke­rin­nen handelt.

Erst der Anlass, mich mit den Auf­ga­ben von tech­ni­schen Redak­teu­ren und Redak­teu­rin­nen zu beschäf­ti­gen, führ­te zur Lek­tü­re der Gebrauchs­an­wei­sung mei­nes Induk­ti­ons­her­des und auf Grund­la­ge der Lek­tü­re zur Fest­stel­lung, dass es sich hier­bei um sehr kla­re und deut­li­che Anwei­sun­gen han­delt. Auch wür­de ich sagen, dass Hin­wei­se der »tekom«[2] durch­aus erfüllt sind wie etwa:
• Die deut­sche Fas­sung muss schnell zu fin­den sein
• Die Spra­che soll­te auf Anhieb ver­ständ­lich sein
• Sicher­heits­hin­wei­se sol­len ein­fach und her­vor­ge­ho­ben sein
• Abbil­dun­gen sol­len den Text bereichern
• For­mat, Druck­qua­li­tät und Papier müs­sen stim­men etc.

Was stört dann? War­um wird eine sol­che Anlei­tung dann nicht als gut und nütz­lich gewer­tet? Oder phi­lo­so­phisch gefragt: Was fehlt, damit sie als sol­che durch Gebrauch aner­kannt wird?

Ange­deu­tet wird dies durch den leicht ver­ständ­li­chen Satz auf S. 28 mei­ner Anlei­tung, auf der die Funk­tio­nen des Her­des erklärt wer­den. Ers­ter Satz ist die unbe­zwei­fel­ba­re Tat­sa­che, dass der Herd, um zu funk­tio­nie­ren, ein­ge­schal­tet sein muss. Wer hät­te das gedacht? Ihr mög­li­cher Ein­wand, aber dies müs­se doch gesagt wer­den, stimmt zwar, aber in Zei­ten einer Tech­nik, die den Anspruch erhebt, intui­tiv begreif­bar zu sein, erin­nert mich der Satz genau daran.

Essay

Sachen machen – Artefakt und Sprache

Wie wir handeln, indem wir sprechen

1 Ein­lei­tung

Wenn es um Kraft und Macht der Wor­te geht, dann ist es klug, auf deren Wir­kun­gen zu ach­ten. In der Tat – wir kön­nen mit Wor­ten Effek­te aus­lö­sen, wir han­deln, indem wir spre­chen und uns äußern. Die bei­den ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phen John L. Aus­tin und John R. Sear­le nann­ten dies »Sprech­ak­te«. Sie haben aus­führ­lich unter­sucht, wel­che Vor­aus­set­zun­gen und Aus­wir­kun­gen unse­re Hand­lun­gen haben, die wir mit­tels des gespro­che­nen Wor­tes durch­füh­ren. Doch es geht noch wei­ter: Wir kön­nen mit Beschrei­bun­gen und Anwei­sun­gen, sprich: Pro­gram­men und Bedie­nungs- oder Kon­struk­ti­ons­an­lei­tun­gen, »Sachen machen«. Wie kommt das?

2 Gram­ma­tik reicht nicht aus

Mein Fach­ge­biet ist Tech­nik­phi­lo­so­phie – wir Tech­nik­phi­lo­so­phen stel­len phi­lo­so­phi­sche Fra­gen im Hin­blick auf die Tech­nik, aber wir lösen kei­ne tech­ni­schen Pro­ble­me. Wir fra­gen nach der Tech­nik, ihren Bedin­gun­gen und Mög­lich­kei­ten, wir stel­len die Fra­ge nach dem tech­ni­schen Wis­sen, wie es struk­tu­riert ist, und wir stel­len auch ethi­sche Fra­gen. Aber um die­se Fra­ge soll es hier nicht gehen. Ich möch­te an die Tech­nik eine der phi­lo­so­phi­schen Fra­gen stel­len, die erst im 20. Jahr­hun­dert auf­ge­grif­fen wur­de: Es ist die Fra­ge nach der Spra­che. Gott­fried Her­der ist schon im 19. Jahr­hun­dert für sei­ne sprach­phi­lo­so­phi­schen Ansät­ze bekannt gewor­den – er woll­te wis­sen, wie Spra­che ent­stan­den ist, und was sie für den Men­schen bedeu­tet. Spra­chen­for­scher des 19. Jahr­hun­derts fin­gen an, die Gram­ma­ti­ken und den Wort­schatz von unter­schied­li­chen Spra­chen zu ver­glei­chen, es war auch die hohe Zeit der Deut­schen Alt­phi­lo­lo­gie, die damals noch Welt­gel­tung besaß. Damals mein­te man noch, dass man aus der Struk­tur der Spra­che etwas dar­über ler­nen könn­te, wie die Welt beschaf­fen sei.

Die Fra­ge nach der inne­ren Struk­tur der Spra­che (also der mathe­ma­tisch beschreib­ba­ren Struk­tur von Syn­tax, Seman­tik und Prag­ma­tik) und ihrer sozia­len, sprich: hand­lungs­theo­re­ti­schen Dimen­si­on ist jedoch erst im 20. Jahr­hun­dert gestellt wor­den. Sie begann zunächst mit den Ansät­zen der Semio­tik, der Zei­chen­theo­rie. Semio­ti­ker wie Charles San­ders Peirce oder Charles Mor­ris haben hier bahn­bre­chen­de Arbei­ten geleis­tet, im Deut­schen Sprach­raum wären die Namen Max Ben­se und Roland Pos­ner zu nen­nen. Man glaub­te zunächst, dass die Bedeu­tung an sich in einem Zei­chen ste­cke und hoff­te, aus der Ana­ly­se von Zei­chen die Bedeu­tung von Zei­chen erschlie­ßen zu kön­nen – also das, was sie mei­nen und wor­auf sie ver­wei­sen. Damit glaub­te man, der Macht der Wor­te auf die Spur zu kom­men. Die­sen For­schungs­zweig gibt es immer noch – aber er führt ein unspek­ta­ku­lä­res, eher orchi­deen­haf­tes aka­de­mi­sches Dasein.

Die Sprach­for­schung ging ande­re Wege. Neben der ver­glei­chen­den Sprach­for­schung, die unter­schied­li­che Spra­chen ver­glich, ergab sich in den 50er Jah­ren eine für Phi­lo­lo­gen unge­wöhn­li­che Ant­wort, näm­lich durch die Auto­ma­ten­theo­rie, die ihren Ursprung in der Elek­tro­tech­nik hat­te. Theo­re­ti­schen Vor­ar­bei­ten hat­ten Noam Chom­sky[1], einen Sprach­wis­sen­schaft­ler am MIT (Mas­sa­chu­setts Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy), der über maschi­nel­le Über­set­zun­gen arbei­te­te, auf die Idee gebracht, dass Auto­ma­ten, die Zei­chen­si­gna­le emp­fan­gen und ent­spre­chend dar­auf reagie­ren, mathe­ma­tisch ähn­lich beschrie­ben wer­den kön­nen wie die inne­re Struk­tur zwi­schen den Zei­chen – also Bezie­hun­gen, die bestimm­ten, wel­che Kom­bi­na­tio­nen von Zei­chen oder Wör­tern in wel­cher Rei­gen­fol­ge erlaubt waren und wel­che nicht. Die­se inne­re Struk­tur zwi­schen den Zei­chen nann­te Chom­sky eine Gram­ma­tik, und er fand her­aus, dass nicht nur Pro­gram­mier­spra­chen eine mathe­ma­tisch ein­fach ver­blüf­fen­de Struk­tur haben, näm­lich als Regeln, wie kor­rek­te Pro­gram­mier­an­wei­sun­gen zu for­mu­lie­ren sind, son­dern auch, dass ähn­li­che Regeln für natür­li­che Spra­chen gefun­den und ange­ge­ben wer­den kön­nen. Aller­dings gab es da noch die berüch­tig­ten Aus­nah­men – die jeder kennt, wenn er eine Fremd­spra­che ler­nen möchte.

Bericht

»Unconference«: Designforscher trafen sich am Bodensee

Standesgemäß unkonventionell tagte die DGTF

Die Orga­ni­sa­to­ren Axel Vogel­sang und Bri­an Swit­zer hat­ten ein Tagungs­for­mat gewählt, bei dem sich nicht alles im Vor­aus pla­nen lässt. Die »Uncon­fe­rence Design Rese­arch« an der Kon­stan­zer Hoch­schu­le bot so zwar auch den Auf­tritt von vier Vor­trags­red­nern – ein Groß­teil der ver­an­schlag­ten Zeit blieb aber für »Uncon­fe­rence Ses­si­ons«, deren The­men noch spon­tan im Audi­to­ri­um ein­ge­reicht wer­den konn­ten. Das For­mat steht für Leben­dig­keit und enga­gier­te Dis­kus­sio­nen, aller­dings um den Preis der inhalt­li­chen Struk­tur. Dem Risi­ko der Belie­big­keit hat­ten die Ver­an­stal­ter eini­ges ent­ge­gen­ge­setzt: Ganz kon­kret hat­te man Fra­gen und The­men for­mu­liert, die in den Ses­si­ons zur Spra­che kom­men soll­ten. Und mit einer illus­tren Gäs­te­lis­te für das Red­ner­pult waren inter­es­san­te Impul­se garantiert.

Key­notes wei­sen den Blick über die Grenzen

Prof. Dr. Jan Gulliksen
Vier renom­mier­te Refe­ren­ten aus drei Län­dern berich­te­ten, wie sich Design­for­schung an ihren Stand­or­ten eta­bliert und wie sie selbst arbei­ten: Prof. Dr. Jan Gul­lik­sen vom KTH Roy­al Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy in Stock­holm schil­der­te im Vor­trag »Design – Action – Impact – The Things we do for love« wie eine gestal­te­ri­sche Her­an­ge­hens­wei­se gera­de in Fra­gen der »Usa­bi­li­ty« Arbeits­pro­zes­se und Ergeb­nis­se ver­bes­sern kann.

Prof. Dr. Rachel Cooper
Den Maß­stä­ben für För­der­pro­gram­me in der Design­for­schung wid­me­te sich Prof. Dr. Rachel Coo­per vom Insti­tu­te for the Con­tem­po­ra­ry Arts in Lan­cas­ter. »Mea­su­ring Design Rese­arch – the UK approach« war der Titel ihres Vor­trags. Coo­per berich­tet aus ers­ter Hand: Sie gehört zu dem Exper­ten­kreis, der in Groß­bri­tan­ni­en Pro­jek­te bewer­tet und dadurch an der Mit­tel­ver­ga­be betei­ligt ist. Beein­dru­ckend ist allei­ne die Men­ge des­sen, was über ihren Schreib­tisch geht; wie die Refe­ren­tin ein­räumt, lässt sich des­halb unter Umstän­den nicht immer jedem Pro­jekt gerecht werden.

Dr. Emma Jefferies
Eben­falls aus Groß­bri­tan­ni­en ange­reist war Dr. Emma Jef­fe­ries, die in For­schungs­fra­gen inter­na­tio­nal unter­wegs ist. Jef­fe­ries unter­sucht Design­pro­zes­se in unter­schied­li­chen Län­dern und geht dabei weit über Euro­pa hin­aus: Part­ner­agen­tu­ren in Indi­en und Bra­si­li­en gehö­ren zu ihren Ansprech­part­nern, für die Recher­che zu ihrem Buch »Design Tran­si­ti­ons« hat sie 16 Län­der bereist und Agen­tu­ren vor Ort besucht.

Prof. Lys­i­an­ne Léchot-Hirt
Spe­zia­lis­tin für den Stand der Design­for­schung in der Schweiz ist Prof. Lys­i­an­ne Léchot-Hirt, Deka­nin der Hau­te Éco­le d’Art et de Design Genè­ve (HEAD), die ihren gan­zen Vor­trag unter eine pro­vo­kan­te Fra­ge stell­te: »Is the­re some­thing like Swiss Design Rese­arch?« Und weil es die natür­lich gibt, stell­te Léchot-Hirt nach einer Bestands­auf­nah­me aus ihrer Sicht dar, wohin die Rei­se künf­tig gehen sol­le: Pro­mo­tio­nen ermög­li­chen, Stan­dards for­mu­lie­ren und dadurch die Mög­lich­kei­ten der Ein­fluss­nah­me ver­grö­ßern, so lässt sich das Fazit der Design­for­sche­rin zusammenfassen.

Design­for­schung – ein wei­tes Feld: Ses­si­ons zei­gen Vielfalt

Ein Man­gel an The­men herrscht nicht: Ästhe­ti­sche Fra­gen; prak­ti­sche Erwä­gun­gen; Dis­kus­sio­nen über Rah­men­be­din­gun­gen von For­schungs­ak­ti­vi­tä­ten; Kon­zep­ti­on eines For­schungs­ma­ga­zins; Reflek­ti­on über Design-Didak­tik und vie­les mehr – das Spek­trum der »Uncon­fe­rence Ses­si­ons«, die über das gan­ze Gebäu­de der Kon­stan­zer Stu­di­en­gän­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign ver­teilt waren, war denk­bar weit. Man­che nutz­ten die Okto­ber­son­ne am See­rhein, um drau­ßen zu bespre­chen, wie sich Desi­gner in die Gestal­tung des »Inter­nets der Din­ge« ein­brin­gen kön­nen. Ande­re grif­fen zu Pap­pe, Filz und Kleb­stoff und mach­ten ihre Argu­men­te, wie Team­work am bes­ten funk­tio­nie­ren kann, drei­di­men­sio­nal sichtbar.

Die Viel­falt zu ord­nen wäre ein erzwun­ge­nes Unter­fan­gen und wür­de sowohl dem Charme der Ver­an­stal­tung als auch den Mög­lich­kei­ten der Design­for­schung nicht gerecht. Trends las­sen sich den­noch aus­ma­chen – oder Fra­gen, die die For­scher­ge­mein­de beson­ders umzu­trei­ben schei­nen: Da ist der Brü­cken­schlag zur Pra­xis, der Umgang mit neu­en Tech­no­lo­gien, letzt­lich aber auch die Bereit­stel­lung von Wis­sen, auf das Design­for­scher zugrei­fen können.

20 Bil­der, 20 Sekun­den pro Bild

Drit­te Säu­le im Tagungs­ge­sche­hen war eine Rei­he von Vor­trä­gen im Pecha-Kucha-For­mat. Eine Gale­rie der For­schungs­pro­jek­te sozu­sa­gen, nicht auf end­los lan­ge Prä­sen­ta­tio­nen gedehnt, son­dern in Kür­ze sum­miert, von der Alters­vor­sor­ge bis zum Bauhaus.

Zuga­be: Design promoviert

For­schung braucht For­scher – das gilt gera­de im Design, wo Pro­mo­tio­nen oft nur auf Umwe­gen zu errei­chen sind. Das Kol­lo­qui­um »Design pro­mo­viert« fin­det im Nach­gang an die Tagun­gen der DGTF statt. Pro­mo­ven­den haben dabei die Mög­lich­keit, den Stand ihrer Arbei­ten zu prä­sen­tie­ren und sich aus­zu­tau­schen. Deut­lich wur­de in Kon­stanz, dass Gestal­tung nicht nur auf dem Weg ist, sich wis­sen­schaft­lich zu eta­blie­ren und dass die Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler design­spe­zi­fi­sche Metho­den und Argu­men­ta­tio­nen entwickeln.

Tagungsankündigung

»Philosophical Perspectives on Design«

In Freiburg wird es um eine interdisziplinäre Sicht gehen

Die Ver­knüp­fung von Phi­lo­so­phie und Design nimmt sich die Tagung »Phi­lo­so­phi­cal Per­spec­ti­ves on Design« vor, die am 16. und 17. Janu­ar 2015 in Frei­burg im Breis­gau an der Hoch­schu­le für Kunst, Design und Musik ablau­fen wird.

Arte­fak­te des Designs umge­ben den Men­schen, for­men sei­ne Umwelt, ja, mitt­ler­wei­le sogar sei­nen Kör­per. Heut­zu­ta­ge gibt es kaum mehr einen Zwei­fel dar­an, dass das Design das Leben des Men­schen in höchs­tem Maße durch­dringt. Ange­sichts des­sen erscheint es nur kon­se­quent dar­über nach­zu­den­ken, was Design an sich eigent­lich ist. Der Bedarf einer Ver­wis­sen­schaft­li­chung des Designs steigt ange­sichts der tech­ni­schen, öko­no­mi­schen und auch kul­tu­rel­len Ent­wick­lun­gen zuneh­mend, wäh­rend aller­dings die bis­he­ri­ge Design­for­schung einen star­ken Fokus auf die stra­te­gi­sche Nutz­bar­ma­chung von gene­rier­tem Design­wis­sen und dabei auf die Opti­mie­rung von kon­kre­ten Design­pro­zes­sen in der Pra­xis legt, bleibt die rele­van­te Fra­ge nach dem eigent­li­chen Wesen und der Natur des Designs vor allem auch in Abgren­zung zu ande­ren Lebens­be­rei­chen wie jenen der Wis­sen­schaf­ten, der Tech­nik oder der Küns­te lei­der eher hin­ter­grün­dig. Es ver­wun­dert daher nicht, dass sich gera­de in jün­ge­rer Geschich­te ins­be­son­de­re im eng­lisch­spra­chi­gen Raum unter dem Begriff einer »Phi­lo­so­phie des Designs« eine Bewe­gung aus­formt, deren kon­kre­te Ziel­set­zun­gen sowie Nutz­bar­ma­chung zwar, ob der Jugend die­ser Bewe­gung, noch nicht genau benannt wer­den kann, deren zen­tra­les Anlie­gen jedoch dar­in besteht, die onto­lo­gi­schen und epis­te­mo­lo­gi­schen Grund­la­gen des Designs und der Design­ar­te­fak­te im Spe­zi­el­len zu erfor­schen und dar­auf auf­merk­sam zu machen, dass gera­de Refle­xio­nen phi­lo­so­phi­scher Art für die Design­pra­xis nutz­bar gemacht wer­den könnten.

Die Tagung will erst­mals im deutsch­spra­chi­gen Raum an die Über­le­gun­gen aus dem Umfeld der Phi­lo­so­phie des Designs anknüp­fen. In der inter­dis­zi­pli­nä­ren Tagung wer­den design­theo­re­ti­sche und phi­lo­so­phi­sche Posi­tio­nen zu einem Dia­log ein­ge­la­den. Es geht um die Fra­ge, in wel­cher Hin­sicht die Phi­lo­so­phie mit ihrer klä­ren­den Metho­dik und mit ihren inhalt­li­chen Zugän­gen einen rele­van­ten Bei­trag für die theo­re­ti­sche Erschlie­ßung und das Ver­ständ­nis der Dis­zi­plin Design leis­tet, wel­che Schnitt­stel­len es zwi­schen den bei­den Dis­zi­pli­nen gibt und wel­che Impul­se sowie Per­spek­ti­ven aus den inhalt­li­chen Quer­ver­bin­dun­gen bei­der­seits gewon­nen wer­den kön­nen. In die­sem Zusam­men­hang ist es auch das Ziel der Tagung, Auf­schlüs­se über die Auf­ga­ben, Zie­le und den Nut­zen einer Phi­lo­so­phie des Designs zusammenzutragen.

Die Tagung soll Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler eben­so anspre­chen wie eta­blier­te Wis­sen­schaft­ler; die Teil­nah­me von Design­theo­re­ti­kern, ins­be­son­de­re auch von Design-prak­ti­kern ist aus­drück­lich erwünscht. Die Tagungs­spra­che ist Deutsch und Eng­lisch. Die Tagung ist öffent­lich, um Anmel­dung zur Teil­nah­me wird jedoch gebe­ten unter der E-Post: dissel@hkdm.de

Nähe­re Infor­ma­tio­nen zur Tagung sowie zu Teil­nah­me- und Vor­trags­mög­lich­kei­ten: http://www.hkdm.de/hkdm/philosophische-tagung/