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»Die Rhetorisierung des Designs ist längst da«

Ulrich Heinen über Kunst, Gestaltung und Rhetorik

Von Christiane Seliger und Nenia Tiemeier


Begin­nend bei der Affekt­ma­le­rei eines Peter Paul Rubens aus dem 17. Jahr­hun­dert spannt Ulrich Hei­nen einen Bogen vom Desi­gner als kon­sum­ori­en­tier­ten Dienst­leis­ter bis hin zu des­sen eigent­li­cher Auf­ga­be als Cha­rak­ter-geben­der Gestal­ter mit gesell­schaft­li­cher Ver­ant­wor­tung. Dass die Rhe­to­rik dabei ganz wesent­lich ist, sei nicht verwunderlich.

Doch in Bezug auf die Design­rhe­to­rik als Wis­sen­schaft betont Hei­nen ganz beson­ders, dass die­se ohne Theo­re­ti­sie­rung nicht zu hal­ten sein wird.

Symposion »Affekte und ihre Wirkung« | Essay

Vorstellungsbilder und Affektwirkungen

Ihre Funktionsweise – neurophysiologisch beschrieben

Im Rah­men des Sym­po­si­ons »Affek­te und ihre Wir­kung«, das an der Fach­hoch­schu­le Kiel am 1. Mai 2015 ver­an­stal­tet wur­de, hielt Vik­to­ria Kir­juchi­na einen Vor­tag auf der Basis des fol­gen­den Essays.

Affekt­tech­ni­ken die­nen zur Ver­stär­kung der Über­zeu­gungs­kraft von Argu­men­ten. Als emo­ti­ons­er­we­cken­de und dadurch bemer­kens­wer­te Höhe­punk­te in einem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess ver­lei­hen Affekt­tech­ni­ken nicht nur den Aus­sa­gen Nach­druck, sie sind das mäch­tigs­te Über­zeu­gungs­mit­tel schlecht­hin. Der Begriff »Affekt« kann hier als Über­be­griff für diver­se Emo­ti­ons­phä­no­me­ne ver­stan­den wer­den. Aus der Neu­ro­phy­sio­lo­gie wis­sen wir, das Emo­tio­nen unser Ver­hal­ten auf beträcht­li­che Wei­se steu­ern und bei Ent­schei­dungs­pro­zes­sen eine zen­tra­le Rol­le spielen.

Laut den Emp­feh­lun­gen der Rhe­to­rik[1] scheint das Evo­zie­ren von inne­ren Bil­dern beim Publi­kum ein Schlüs­sel­ele­ment von Affekt­tech­ni­ken zu sein. Wel­cher Zusam­men­hang besteht zwi­schen dem Ein­satz von inne­ren Vor­stel­lungs­bil­dern und der Emo­tio­nen erwe­cken­den Wir­kung? Wor­aus bezie­hen die­se Pro­zes­se, die ein Ver­stär­ken des Argu­ments und das Umstim­men eines Publi­kums bewir­ken kön­nen, ihre Wirkkraft?

Affekt­tech­ni­ken und die Neurophysiologie

Das Vor­stel­lungs­bild wird im mensch­li­chen Gehirn im prä­fron­ta­len Cor­tex[2] evo­ziert. Im frü­hen visu­el­len Cor­tex[3] kommt es zur Wie­der­ho­lung der Ent­la­dungs­mus­ter, die beim tat­säch­li­chen Sehen eines Gegen­stan­des ent­stan­den sind, wenn wir uns den­sel­ben Gegen­stand ima­gi­nie­ren. Nur wird ein Sach­ver­halt nicht im dekla­ra­ti­ven Sin­ne klar vor Augen gese­hen, es ist eher eine appro­xi­ma­ti­ve Reprä­sen­ta­ti­on des vor­ge­stell­ten Gegen­stan­des, die durch Kom­bi­na­tio­nen von unter­schied­li­chen Objek­ten und Umstän­den sur­rea­le Sujets mög­lich macht.[4] Wel­che Rol­le spie­len hier­bei die Emo­tio­nen? Kön­nen die­se durch inne­re Bil­der akti­viert werden?

In den dar­stel­len­den Küns­ten ist der Zusam­men­hang zwi­schen der Arbeit mit inne­ren Bil­dern und dem Aus­lö­sen von Gefüh­len beim Publi­kum durch den Ein­satz der Sta­nis­law­ski-Strasberg-Tech­nik gege­ben. Die Tech­nik ver­mit­telt ein In-Kon­takt-tre­ten mit eige­nen Emo­tio­nen über die Ima­gi­na­ti­on von Vor­stel­lun­gen. Unver­öf­fent­lich­te neu­ro­phy­sio­lo­gi­sche Unter­su­chun­gen der For­scher­grup­pe TRACE (Trans­mis­si­ons in Rhe­to­rics, Arts and Cul­tu­ral Evo­lu­ti­on) in den Jah­ren 2002 bis 2007 haben erge­ben, dass Schau­spie­ler, die die Sta­nis­law­ski-Strasberg-Tech­nik anwen­den, die Emo­tio­nen nicht spie­len, son­dern wirk­lich erle­ben. Die Akti­vie­rung des orbi­t­o­fron­ta­len Cor­tex[5] zeigt das an. Die Amyg­da­la[6] ist, als aus­füh­ren­des Organ, eben­falls aktiv.

Emo­tio­nen steu­ern unser Ver­hal­ten, zum einen über ein evo­lu­tiv rudi­men­tä­res Sys­tem, das allen Säu­gern zuei­gen ist. Die­ses erlaubt uns, ohne das Hin­zu­schal­ten der Bewusst­seins­pro­zes­se, mit über­le­bens­si­chern­dem Ver­hal­ten auf unse­re Umwelt zu reagieren.

Bezeich­nend für das mensch­li­che Gehirn ist ein zwei­tes, wesent­lich kom­ple­xer auf­ge­bau­tes Sys­tem der Emo­ti­ons­ver­ar­bei­tung, das wie ein zwei­tes Stock­werk auf dem ers­te­ren auf­ge­baut ist. Emo­tio­nen wer­den als Emp­fin­dun­gen kör­per­lich erlebt. Nur durch Kör­per­emp­fin­dun­gen, wie bei­spiels­wei­se einem flau­en Gefühl in der Bauch­ge­gend, einem Zusam­men­zie­hen der Keh­le oder Gän­se­haut, wird einem Indi­vi­du­um klar, wel­che Emo­tio­nen gera­de durch­lebt wer­den. Das ermög­licht eine bewuss­te Ver­ar­bei­tung von Emo­tio­nen und das Hin­zu­zie­hen von Kogni­ti­ons­pro­zes­sen, d. h. die Mög­lich­keit über unse­re emo­tio­na­len Reak­tio­nen zu reflek­tie­ren und gege­be­nen­falls die­se intel­lek­tu­ell zu über­den­ken.[7] Der orbi­t­o­fron­ta­le Cor­tex ist für die­sen Pro­zess von zen­tra­ler Bedeutung.

  1. [1] Quin­ti­lia­nus, Mar­cus Fabi­us: Aus­bil­dung des Red­ners. Zwölf Bücher. Darm­stadt: WBG (Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft), 2011. 6. Buch, 2. Ein­tei­lung und Erre­gung der Gefühls­wir­kun­gen. S. 697—714
  2. [2] Der prä­fron­ta­le Cor­tex ist ein der Teil des Fron­tal­lap­pens der Groß­hirn­rin­de, der sich an der Stirn­sei­te des Gehirns befin­det. Er emp­fängt sen­so­ri­sche Signa­le und ver­ar­bei­tet die­se unter Ein­be­zie­hung der Gedächt­nis­in­hal­te und der Berück­sich­ti­gung ihrer emo­tio­na­len Bewer­tung. Das bil­det die Grund­la­ge für den Zusam­men­hang zwi­schen prä­fron­ta­ler Hirn­ak­ti­vi­tät und der Hand­lungs­pla­nung. Die Funk­tio­nen prä­fron­ta­ler Hirn­struk­tu­ren sind maß­geb­lich für situa­ti­ons­an­ge­mes­se­ne Hand­lungs­kon­trol­le und der Ver­ar­bei­tung emo­tio­na­ler Prozesse. 
  3. [3] Der visu­el­le Cor­tex befin­det sich im hin­ters­ten Teil des Groß­hirns. Im pri­mä­ren visu­el­len Cor­tex wer­den die visu­el­len Infor­ma­tio­nen aus­schließ­lich abge­bil­det. Für das Inter­pre­tie­ren und Erken­nen des Gese­he­nen sind dann die höhe­ren visu­el­len Zen­tren zuständig. 
  4. [4] Dama­sio, Anto­nio: Des­car­tes’ Irr­tum. Füh­len, Den­ken und das mensch­li­che Gehirn. Mün­chen: dtv, 1997. S. 140—152
  5. [5] Der orbi­t­o­fron­ta­le Cor­tex, der vor­de­re Teil des prä­fron­ta­len Cor­tex, zählt zu den am wenigs­ten ver­stan­de­nen Hirn­re­gio­nen. Der orbi­t­o­fron­ta­le Cor­tex ist betei­ligt an Pro­zes­sen, wie der Reprä­sen­ta­ti­on unse­rer Hal­tung zu Wahr­ge­nom­me­nem, der Ent­schei­dungs­fin­dung und der Ver­ar­bei­tung von Erwartungshaltungen.(siehe: Krin­gel­bach, Mor­ten L.: The human orbi­t­o­fron­tal cor­tex: lin­king reward to hedo­nic expe­ri­ence. Natu­re Reviews | Neu­ro­sci­ence Vol. 6, 2005. 
  6. [6] Im rech­ten als auch im lin­ken Schlä­fen­lap­pen ist der Sitz der Amyg­da­la, die zum lim­bi­schen Sys­tem gezählt wird. Sie ist wesent­lich an der emo­tio­na­len Bewer­tung und Wie­der­erken­nung von Situa­tio­nen, spe­zi­ell der Detek­ti­on von Gefah­ren betei­ligt. Durch sie wer­den Wahr­neh­mun­gen der Umwelt ver­ar­bei­tet und eine vege­ta­ti­ve Reak­ti­on auf die­se eingeleitet. 
  7. [7] Dama­sio, Anto­nio: Des­car­tes’ Irr­tum. Füh­len, Den­ken und das mensch­li­che Gehirn. Mün­chen: dtv, 1997. S. 183ff. 

Symposion »Affekte und ihre Wirkung« | Vortrag

Wirkungsforschung und Rhetorik

Das Kleine mit dem Großen in Beziehung setzen

Im Rah­men des Sym­po­si­ons »Affek­te und ihre Wir­kung«, das an der Fach­hoch­schu­le Kiel am 1. Mai 2015 ver­an­stal­tet wur­de, trug Vol­ker Fried­rich das unten­ste­hen­de Manu­skript vor.

Hoch­ver­ehr­te Damen, wer­te Herren,

was ist davon zu hal­ten, wenn einer über Wir­kungs­for­schung in ­einer Run­de redet, in der sich meh­re­re, hoch­an­ge­se­he­ne Kol­le­gen bereits mit stren­ger Kri­tik an der Wir­kungs­for­schung her­vor­ge­tan haben? So man­chen von Ihnen dürf­te der Abschnitt im »Grund­riss der Rhe­to­rik« erin­ner­lich sein, in der über Wir­kungs­for­schung ­geschrie­ben wird. In dem Werk von Bernd Stein­brink und Gert ­Ueding wird Klaus Mer­ten zitiert: Es müs­se über­ra­schen, »daß nach fünf­zig Jah­ren Wir­kungs­for­schung die Sub­stanz gesi­cher­ter Erkennt­nis­se eher einer Kon­kurs­mas­se denn einem pro­spe­rie­ren­den wis­sen­schaft­li­chen Fun­dus gleicht«[1].

Unse­re Autoren nen­nen die­je­ni­gen Dis­zi­pli­nen, die Wor­te und ­Zei­chen auf ihre Wir­kun­gen hin erfor­schen: Kommunikations­forschung, Medi­en­wis­sen­schaft, Wir­kungs- und Motiv­for­schung, ­Publi­zis­tik-Wis­sen­schaft[2] – all die­se und ande­re der­ar­ti­ge ­Dis­zi­pli­nen sind, so möch­te ich sagen, ent­lau­fe­ne Kin­der der ­Rhe­to­rik. Gert Ueding und Bernd Stein­brink stel­len fest: ­»theo­re­ti­sche Dif­fe­ren­ziert­heit, Pro­blem­be­wußt­sein, metho­di­scher und tech­ni­scher Rang der anti­ken Rhe­to­rik über­tref­fen den ­Stan­dard der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft bei wei­tem, und allein im Bereich der empi­ri­schen Wir­kungs­for­schung (Laboratoriums­­experimente, Stu­dio- und Heim­tests, Inter­views oder Reprä­sen­ta­tiv­um­fra­gen usw.) ist es zu einer Aus­wei­tung und Dif­fe­ren­zie­rung der Metho­den gekom­men, die von der rhe­to­ri­schen Tra­di­ti­on weg­füh­ren – mit wel­chem Ergeb­nis, belegt aber das Anfangs­zi­tat.«[3] Das ist doch eine schön saf­ti­ge Abfuhr für die Wirkungsforschung.

Vor die­sem Hin­ter­grund, ver­ehr­te Damen, wer­te Her­ren, ver­set­zen Sie sich bit­te in mei­ne Lage: Ich möch­te Ihnen einen Ansatz in der Wir­kungs­for­schung vor­stel­len … Was ist davon zu hal­ten, wenn ­jemand in solch einer Run­de über »Wir­kungs­for­schung und ­Rhe­to­rik« spricht und von vorn­her­ein bekennt, dass er trotz die­ser Kri­tik ver­su­chen möch­te, die bei­den Begrif­fe zu ver­knüp­fen und das mit Blick auf Affek­te? Sehen Sie mir bit­te den dras­ti­schen Ver­gleich nach: Hat das nicht etwas vom Gang ins Domi­na-Stu­dio? Nicht das ich mich damit aus­kenn­te, aber –

Was ist das eigent­lich für ein selt­sa­mer Ein­stieg in einen Vor­trag? Ent­spricht das der klas­si­schen Emp­feh­lung, sich zu Beginn um das Wohl­wol­len des Publi­kums zu bemü­hen, ihm zu schmei­cheln mit wohl­ge­setz­ten Wor­ten, es zu erhei­tern mit fei­nem Humor? Wenn das beab­sich­tigt war, kom­men dann Wir­kungs­ab­sicht und Wir­kung zur Deckung? Huch, schon sind wir mittemang.

Das Unbe­ha­gen an der Wirkungsforschung

Aber holen wir etwas wei­ter aus. Schau­en wir uns das Unbe­ha­gen an der Wir­kungs­for­schung etwas genau­er an, die­ses Unbe­ha­gen, das nicht allein von Gert Ueding und Bernd Stein­brink geäu­ßert wur­de, son­dern an ande­ren Stel­len auch zu fin­den ist, auf die ich jetzt nicht ein­ge­hen wer­de. Woher rührt also die­ses Unbehagen?

Buchbesprechung

»Bewusstes Handeln zur Herstellung sinnvoller Ordnung«

John A. Walkers Geschichte des Designs

Als John A. Wal­kers »Design­ge­schich­te« 1989 in Lon­don das ers­te Mal erschien, war die Design­ge­schich­te noch eine sehr jun­ge Dis­zi­plin. Die Fach­prak­ti­ker began­nen erst­mals, ihr eige­nes Han­deln gezielt in eine his­to­ri­sche Rich­tung zu unter­su­chen. Laut Wal­ker war der genaue For­schungs­ge­gen­stand dabei lei­der nicht ein­deu­tig. Sei­ner Mei­nung nach sei­en Design­ge­schich­te und die Geschich­te des Designs zwei ver­schie­de­ne Din­ge. Design­ge­schich­te soll eine neue wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­plin sein, die ver­sucht, Design als ein gesell­schaft­li­ches und his­to­ri­sches Phä­no­men zu beschrei­ben. Im Wesent­li­chen die­ne die Design­ge­schich­te dazu, »die Erfor­schung der Design­ent­wick­lung zu ver­tie­fen und zu unter­stüt­zen«. (S. 31) Sein Buch ist dabei die ers­te theo­re­ti­sche Abhand­lung über alle Theo­rien und Vor­ge­hens­wei­sen die­ser damals noch neu­en Thematik.

An das The­ma der Design­ge­schich­te wird der Leser Stück für Stück her­an­ge­führt. Die ers­ten Kapi­tel beschäf­ti­gen sich mit der his­to­ri­schen Ent­wick­lung des Designs aus der Kunst­ge­schich­te und beschreibt damit ein ers­tes For­schungs­ge­biet die­ser Fach­rich­tung. Anschlie­ßend geht Wal­ker auf die Rol­le des Desi­gners in der Gesell­schaft der neun­zi­ger Jah­re ein und stellt die Fra­ge, wie sehr Design und Hand­werk in Bezie­hung zuein­an­der ste­hen. Mit einer Beschrei­bung ver­schie­de­ner Pro­ble­me, mit denen Wis­sen­schaft­ler bei der Geschichts­schrei­bung zu kämp­fen haben, bringt er den Leser näher an das Teil­ge­biet der Geschich­te und somit näher an die Design­ge­schich­te her­an. Im aus­führ­lichs­ten, dem sieb­ten Kapi­tel erläu­tert er, wo die wis­sen­schaft­li­chen Ansät­ze in der Design­ge­schich­te lie­gen, und hebt dabei die Bedeu­tung der inter­dis­zi­pli­nä­ren For­schung her­vor. Die let­zen Kapi­tel befas­sen sich mit den Begrif­fen »Stil« und »Geschmack«. Dar­in bezieht sich der Autor weni­ger auf die wis­sen­schaft­li­chen Kri­te­ri­en der Design­ge­schich­te, dafür mehr auf ästhe­ti­sche Aspek­te im Design.

Das Buch »rich­tet sich an Stu­die­ren­de im letz­ten Jahr des Grund­stu­di­ums oder an Stu­die­ren­de, die sich auf die Magis­ter­prü­fung in Design­ge­schich­te vor­be­rei­ten« (S. 6). Mit­tels einer ein­fa­chen Spra­che schafft es der Autor, genau die­se Leu­te anzu­spre­chen, jedoch auf eine ande­re Art und Wei­se wie zunächst ver­mu­tet. Doch dazu gleich mehr. Jedes Unter­ka­pi­tel ist eine eige­ne kur­ze Abhand­lung, die immer ähn­lich struk­tu­riert ist. Der Autor schil­dert jeweils zu Beginn sei­ne Ansich­ten zum The­ma und nutzt anschlie­ßend zahl­rei­che Lite­ra­tur, um sei­ne Aus­füh­run­gen zu begrün­den, zu unter­mau­ern oder zu ver­an­schau­li­chen. Zum Ende eines jeden Absat­zes erzeugt er durch eine neue The­se den Über­gang zum kom­men­den (Unter-)Kapitel. So ste­hen die ein­zel­nen Kapi­tel zwar nicht völ­lig für sich, könn­ten aber auch als kur­ze Auf­sät­ze funktionieren.

Ein Buch, das anfäng­lich den Anschein mach­te, eine tro­cke­ne Abhand­lung über eine »neue« wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­plin im Design­be­reich zu sein, ent­puppt sich als durch­aus inter­es­sant und lehr­reich. Es zeigt – ohne Bil­der, aber in ein­fa­chen Wor­ten – was Design in sei­nen Grund­fes­ten ist, wo es her­kommt und was es aus­macht. Dabei lernt man nicht nur, was die Auf­ga­be eines Desi­gners heu­te ist, son­dern kann es anschlie­ßend auch in Wor­te fas­sen (vgl. S. 64–68).

Der Autor bedient sich der The­ma­tik »Design­ge­schich­te«, um eine gan­ze Dis­zi­plin zu erklä­ren und zu beschrei­ben. Dabei geht er erst spät auf das eigent­li­che Kern­the­ma ein. Er schafft eine Grund­la­ge beim Leser, in dem er alle wich­ti­gen Teil­aspek­te vor­her erklärt, und lässt dabei ein ziem­lich genau­es und detail­lier­tes Bild des Design-Begriffs und Beruf­felds ent­ste­hen. Wal­ker schreibt unter ande­rem: »Design ist bewuss­tes Han­deln zur Her­stel­lung sinn­vol­ler Ord­nung« (S. 44) und nimmt damit direk­ten Bezug auf die Hal­tung künf­ti­ger Gestal­ter Gene­ra­tio­nen. Des­halb ist die­ses Buch gera­de für Stu­den­ten und Neu­lin­ge im Design ein guter Rat­ge­ber. Es ver­sucht, die Geschich­te des Designs zu ord­nen, und geht dabei auf die ver­schie­de­nen Arten und Teil­ge­bie­te der Dis­zi­plin ein. Wenn man das Buch gele­sen hat, hat man jeden­falls begrif­fen, wie weit­grei­fend Design sein kann, wo sich Kunst, Design und Hand­werk tref­fen und war­um Design schon seit vie­len Jah­ren ein so wich­ti­ger Bestand­teil unse­rer Gesell­schaft ist.

Mythen des Alltags

»Olympia«

Eine besondere Schreibmaschine

Wo fin­det man sie noch, die guten, alten Din­ge? Gegen­stän­de mit Cha­ris­ma und einer Qua­li­tät, die sie von Dau­er sein lässt? Lei­der ver­schwin­den sie meist still und lei­se aus unse­rem Welt­bild. Sei es nun der Gewöh­nung oder dem Lauf der Zeit geschul­det. Doch eini­ge blei­ben uns als Design­klas­si­ker im Geden­ken oder wer­den zu Mythen des All­tags. Die Iko­ne, von der berich­tet wird, ist die Schreib­ma­schi­ne »Olym­pia«.

Olym­pia, weib­lich, kommt aus dem Grie­chi­schen und lei­tet sich vom Berg Olymp ab. Viel­leicht hat dort Hephais­tos selbst die­se Schreib­ma­schi­ne geschmie­det, bei ihrem Gewicht und ihrer archai­schen Aura könn­te man das fast anneh­men. Den­noch besitzt die Schreib­ma­schi­ne eine ele­gan­te Fein­me­cha­nik aus fili­gra­nen Tas­ten und einer Viel­zahl leicht­gän­gi­ger Hebel. Schein­bar mühe­los gelingt ein Spa­gat zwi­schen Stär­ke und Sen­si­bi­li­tät. Einen Feh­ler bei ihrer Bedie­nung zu bege­hen, muss der Benut­zer kaum fürch­ten. Sel­ten hat eine all­täg­li­che Maschi­ne so leicht durch ihr unent­weg­tes Tip­pen mit einem fei­nen »Bing« am Ende jeder Zei­le der­art hei­me­li­ge Stim­mung erzeu­gen kön­nen. Sub­til führt die­se Geräusch­ku­lis­se zu einer Stär­kung der Kon­zen­tra­ti­on und einer Arbeits­at­mo­sphä­re, die es ermög­licht, leicht in die Tätig­keit des Schrei­bens zu versinken.

Einst war sie fast in jedem Haus­halt und Büro anzu­tref­fen und unab­ding­bar, wenn es um das Ver­fas­sen jed­we­der Tex­te ging. Die ein­zi­ge Aus­nah­me stell­ten natür­lich Lie­bes­brie­fe dar. Aber bei allem, was in einer ein­heit­li­chen Form ver­fasst wer­den muss­te, war man auf eine Schreib­ma­schi­ne ange­wie­sen. Doch waren ihre Schrift­stü­cke kei­nes­wegs uni­form. Bei jedem ein­zel­nen Gerät konn­te ein indi­vi­du­el­ler Fin­ger­ab­druck oder, bes­ser gesagt, Tas­ten­ab­druck fest­ge­stellt wer­den. So war es nach einer Straf­tat durch­aus sinn­voll, die z. B. für den Erpres­ser­brief benut­ze Maschi­ne ver­schwin­den zu las­sen, da Kri­mi­no­lo­gen ein Schrift­stück exakt sei­nem Ursprungs­ge­rät zuord­nen konnten.

Der jün­ge­ren Gene­ra­ti­on ist die­ses Stück Indus­trie­ge­schich­te nur noch aus Über­lie­fe­run­gen der Eltern und Groß­el­tern bekannt. So hat die Schreib­ma­schi­ne ihre Epo­che schon mehr oder weni­ger hin­ter sich. Vie­le Begrif­fe aus ihrer Nut­zung haben sich aller­dings bis heu­te im Sprach­ge­brauch erhal­ten. Auch wenn sich bei »copy and pas­te« (Aus­schnei­den und Ein­fü­gen) fast nie­mand mehr vor Augen hält, dass man damals tat­säch­lich foto­ko­pier­te Zei­len aus­ge­schnit­ten und auf Doku­men­te geklebt hat. War­um sind die Tas­ten der Smart­phone-Tas­ta­tur nicht ein­fach alpha­be­tisch ange­ord­net? Ist »qwertz« über­haupt noch eine sinn­vol­le Anord­nung, wo doch bei digi­ta­len Anwen­dun­gen Fin­ger gar kei­ne Hebel mehr verkanten?

Wenn­gleich die klas­si­sche Schreib­ma­schi­ne in der Anwen­dung ihrem Cou­sin, dem Com­pu­ter, wei­chen muss­te, so ist sie den­noch nicht abge­schrie­ben. Viel­mehr geschieht mit ihr, was vie­len Klas­si­kern pas­siert. Die Fas­zi­na­ti­on bleibt bestehen, und so fin­det man auf moder­nen Ver­kaufspor­ta­len häu­fig im Vin­ta­ge­be­reich die eine oder ande­re intak­te »Olym­pia« für meh­re­re hun­dert Euro wie­der. Die­ses ästhe­ti­sche Relikt ist Zeu­gin einer Zeit, in der Maschi­nen noch nach­voll­zieh­bar waren und Ver­trau­en genos­sen. Das Kla­ckern einer »Olympia«-Schreibmaschine ist noch nicht ver­stummt. Sie steht in einem klei­nen Büro in Fran­ken und leis­tet seit mehr als 50 Jah­ren täg­lich ihren Dienst. Ob sie noch lan­ge funk­tio­nie­ren wird? Ja, dar­auf kann man tippen.

Mythen des Alltags

Das Falzbein

Eine knochenharte Arbeit

Flach, ein Ende spitz, das ande­re rund, mit glat­ter Ober­flä­che und voll­kom­men weiß, hebt es sich von den ande­ren Werk­zeu­gen auf dem Schreib­tisch ab, viel genutzt und immer griff­be­reit. Ein Werk­zeug der Papier­ver­ar­bei­tung, manch­mal auch der Leder­ver­ar­bei­tung, mit dem sau­ber – in jeder Hin­sicht – gear­bei­tet wer­den kann. 

Meis­tens und im klas­si­schen Sin­ne ist das Falz­bein aus einem Stück Rin­der­bein­kno­chen gefer­tigt, frü­her auch aus Wal­kno­chen oder sogar Elfen­bein. Kno­chen als Mate­ri­al eig­net sich beson­ders, zumin­dest wenn man das Falz­bein im tra­di­tio­nel­len Sin­ne nut­zen möch­te, da selbst Leim leicht abge­wa­schen wer­den kann. Inzwi­schen ent­ste­hen jedoch in der Mas­sen­pro­duk­ti­on Falz­bei­ne aus Holz, Kunst­stoff und ande­ren Mate­ria­li­en. Im asia­ti­schen Raum kommt Bam­bus oft zum Ein­satz. Grö­ße und Form der Falz­bei­ne vari­ie­ren eben­falls. So gibt es klei­ne­re, grö­ße­re, grö­ße­re mit zwei Run­dun­gen, schmä­le­re (soge­nann­te Leder­falz­bei­ne), gebo­ge­ne (genannt Bana­nen­falz­bein oder Satt­ler­falz­bein) und vie­le wei­te­re, um jeden poten­ti­el­len Besit­zer zu überzeugen. 

Das Falz­bein ist ver­mut­lich so alt wie die Buch­bin­de­kunst. So wur­de das Falz­bein schon im Früh­mit­tel­al­ter von den Buch­schrei­bern ver­wandt, um Zei­len und Rän­der zu zie­hen, die auch auf der Rück­sei­te des Per­ga­ments zu sehen waren, damit die geschrie­ben Zei­len sich deck­ten.[1] Es gibt zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten, das Falz­bein in der Ver­ar­bei­tung von Papier zu nut­zen. Ernst Wil­helm Gre­ve, Buch­bin­der und Papp­ar­bei­ter, zeigt in sei­nem Buch »Hand- und Lehr­buch der Buch­bin­de- und Fut­teral­ma­che­kunst«[2] zahl­rei­che Ein­satz­mög­lich­kei­ten. »Gieb sorg­fäl­tig auf Run­zeln und ein­ge­schla­ge­ne Ecken acht, und strei­che ihn mit den fla­chen Hän­den oder einem Falz­bein gehö­rig aus« [3], steht zum Bei­spiel in der Anlei­tung zum Umgang mit einem Titel­bo­gen. Der tra­di­tio­nel­le Gebrauch des Falz­beins bezieht sich wohl jedoch, wie der Name schon sagt, auf das Fal­zen von Papier. Dazu wird mit dem spit­zen Ende ent­lang eines Line­als eine Ril­le in das Papier gezo­gen. Das Papier lässt sich dadurch an die­ser Stel­le leicht fal­ten. Zieht man nun die gera­de Kan­te oder das run­de Ende des Falz­beins unter leich­tem Druck dar­über, ent­steht ein sau­be­rer und schar­fer Falz, wie er ohne Werk­zeug nicht mög­lich wäre. Das abge­run­de­te Ende des Falz­beins wird haupt­säch­lich zum Glatt­strei­chen von Papier ver­wen­det. Auf Grund die­ser sau­be­ren Falt­tech­nik fin­det das Falz­bein oft Ver­wen­dung unter Origamikünstlern.

Doch nur die wenigs­ten Men­schen besit­zen ein Falz­bein – nur die wenigs­ten wis­sen über­haupt, was ein Falz­bein ist oder wozu es genutzt wird. Bedarf es über­haupt der Exem­pla­re aus der Mas­sen­pro­duk­ti­on? Greift der­je­ni­ge, der weiß, wozu es dient, zu einem Falz­bein aus Kunst­stoff, das sich unter Druck ver­biegt und mit sei­ner Plas­tik­naht das Papier zerkratzt? 

Wer bereits ein knö­cher­nes Falz­bein besitzt, weiß, es ist unent­behr­lich. Ein Werk­zeug, das zum Ein­satz kommt, wenn die Hän­de und Fin­ger nicht die nöti­gen Vor­aus­set­zun­gen mit­brin­gen, nicht leis­ten kön­nen, was erfor­dert wird. Ein Werk­zeug, leicht zu hand­ha­ben, das das geschätz­te Pro­dukt nicht beschä­digt. So wird das Falz­bein sei­nem Besit­zer schnell ein treu­er Freund und durch sei­ne knö­cher­ne Bestän­dig­keit ein lebens­lan­ger Begleiter.

Symposion »Affekte und ihre Wirkung« | Essay

Affektenlehre und orektische Filmanalyse

Versuch einer Konjektur

Im Rah­men des Sym­po­si­ons »Affek­te und ihre Wir­kung«, das an der Fach­hoch­schu­le Kiel am 1. Mai 2015 ver­an­stal­tet wur­de, hielt Mat­thi­as Bau­er einen Vor­tag auf der Basis des fol­gen­den Essays.

Lan­ge Zeit wur­de im Film mehr eine Jahr­markts­at­trak­ti­on als eine Kunst, mehr eine Mas­sen­wa­re als ein Erkennt­nis­mit­tel gese­hen. Als Reak­ti­on auf die­se Gering­schät­zung hat die Film­theo­rie der letz­ten 40, 50 Jah­re eini­gen Begriffs­auf­wand dar­auf ver­wen­det, dem beweg­ten Bild eine epis­te­mo­lo­gi­sche Funk­ti­on zuzu­schrei­ben, ja sogar zu behaup­ten, erst mit der Kine­ma­to­gra­fie sei es mög­lich gewor­den, die Welt als das zu den­ken, was sie doch eigent­lich sei, eine Art »Meta­film« der dau­er­haf­ten Ver­wand­lung, der schöp­fe­ri­schen Evo­lu­ti­on.[1] Obwohl Gil­les Deleu­ze, der die­se auf Hen­ri Berg­son zurück­ge­hen­de Sicht­wei­se im wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs durch­ge­setzt hat, auch vom »Affekt­bild«[2] spricht, nei­gen die For­sche­rin­nen und For­scher, die ihm fol­gen, mehr­heit­lich doch dazu, aus der sieb­ten Kunst ein Refle­xi­ons­me­di­um der Zeit zu machen und Aus­schau nach »Kris­tall­bil­dern«[3] zu hal­ten, die es, genau genom­men, nicht auf der Lein­wand oder auf dem Bild­schirm, son­dern nur im Bewusst­sein der Zuschau­er gibt – unter der Vor­aus­set­zung, dass sie den Film mit den Augen des fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen betrach­ten.[4] Aus­ge­blen­det wird dabei sowohl die älte­re Theo­rie des Films als auch die kul­tu­rel­le Pra­xis, die kei­nes­wegs nur in ihrer popu­lä­ren Form wesent­lich durch affek­ti­ve Momen­te bestimmt wird. Tat­säch­lich ist es dem Film gelun­gen, die rein aka­de­mi­sche Gegen­über­stel­lung von Emp­fin­den und Den­ken, Erregt-Wer­den und Bewusst-Sein pro­duk­tiv zu unter­lau­fen. Einem Film zu fol­gen, heißt kon­jekt­u­ra­le Auf­fas­sungs­ak­te an der Schnitt­stel­le von Bild- und Ton­ver­lauf zu voll­zie­hen und im Wech­sel­spiel von Dar­stel­lung und Vor­stel­lung, von Beob­ach­tung und Ein­bil­dung Bedeu­tungs­ge­hal­te zu ent­wi­ckeln, die weder von ihrer sinn­li­chen Gestalt noch von der spe­zi­fi­schen Fär­bung abse­hen kön­nen, auf die es der orek­ti­schen Film­ana­ly­se ankommt. Sie inter­es­siert sich vor allem für die rekur­si­ve Syn­the­se von Per­zep­ti­on, Affek­ti­on und Kognition.

Das klingt kom­pli­ziert, wird aber ein­sich­tig, sobald man den Grund­be­griff der Ore­xie ver­stan­den hat. Wir kön­nen uns sei­ne Bedeu­tung von einem Adjek­tiv ablei­ten, das noch heu­te in Gebrauch ist. Man sagt, jemand sein anorek­tisch, wenn er kei­nen Antrieb, kei­nen Appe­tit, kei­ne Lebens­geis­ter und kei­ne Bedürf­nis­se ver­spürt. Eine orek­ti­sche Film­ana­ly­se ist dem­zu­fol­ge eine, die Rück­sicht auf Bedürf­nis­se und Antrie­be, Wün­sche und Ängs­te nimmt, die Hand­lungs­im­pul­se und Affekt­be­trä­ge kennt, die sich akku­mu­lie­ren und jener eigen­ar­ti­gen Ener­gie­um­wand­lung unter­zie­hen las­sen, auf die bereits die anti­ke Rhe­to­rik und Poe­tik abge­ho­ben hat­te, bevor die moder­ne Ästhe­tik und Psy­cho­lo­gie auf sie zurück­ge­kom­men ist. Ob wir mit Nietz­sche von »Trans­fi­gu­ra­ti­on«[5] oder mit Freud von »Sub­li­ma­ti­on«[6], mit Pla­ton von »Eros«[7] oder mit Aris­to­te­les von »Kathar­sis«[8] spre­chen – wir wis­sen selbst dann, wenn uns Aus­drü­cke wie »Ver­klä­rung« oder »Erhe­bung« suspekt sind, ein­fach des­halb, weil wir es an uns selbst bemer­ken, sehr wohl, dass alle Kunst eine inne­re Ver­wand­lung aus­löst. Kunst berührt, spricht an und bringt »dunk­le Kräf­te« ins Spiel[9] – also sol­che, die ver­wor­ren oder vor­be­wusst sind. Wich­tig ist dabei zum einen der Objekt- oder Welt­be­zug, zum ande­ren aber die Erreg­bar­keit des Sub­jekts durch sinn­li­che Ein­drü­cke und Gefüh­le. Dies vor­aus­ge­setzt, gelangt man zu einer phä­no­me­no­lo­gi­schen Beschrei­bung, wie der fol­gen­den, die von Bern­hard Wal­den­fels stammt und sich kei­nes­wegs auf das Kunst­er­leb­nis beschränkt:

  1. [1] »Das mate­ri­el­le Uni­ver­sum, die Ebe­ne der Imma­nenz, ist die auto­ma­ti­sche Anord­nung der Bewe­gungs­bil­der. Dar­aus ergibt sich ein unge­wöhn­li­cher Vor­sprung Berg­sons: Er sieht das Uni­ver­sum als Film an sich, als Meta-Film (…).« Deleu­ze, Gil­les: Das Bewe­gungs-Bild. Kino 1. Über­setzt von Ulrich Chris­ti­ans und Ulri­ke Bokel­mann. Frank­furt am Main 1997. S. 88. 
  2. [2] vgl. Deleu­ze, Das Bewe­gungs-Bild, S. 96 f. 
  3. [3] vgl. Deleu­ze, Gil­les: Das Zeit-Bild. Kino 2. Über­setzt von Klaus Eng­lert. Frank­furt am Main 1997. S. 96 f. Eben­dort wird das Kris­tall­bild bestimmt als unteil­ba­re »Ein­heit eines aktu­el­len und ›sei­nes‹ vir­tu­el­len Bil­des.« (S. 108) 
  4. [4] Genau bese­hen, sind dies nicht die Augen, mit denen man die Welt sieht, jeden­falls schreibt Deleu­ze: »Das Kris­tall­bild war nicht die Zeit, doch man sieht sie im Kris­tall. Im Kris­tall gewahrt man die unab­läs­si­ge Grün­dung der Zeit, die achro­no­lo­gi­sche Zeit, den Kro­nos – nicht aber Chro­nos. Es ist das nicht-orga­ni­sche Leben, das die Welt umschließt. Und der Visio­när, der Sehen­de, ist der­je­ni­ge, der in den Kris­tall schaut und dabei des Ursprungs der Zeit als Tren­nung, als Spal­tung gewahrt wird.« Deleu­ze, Zeit-Bild, S. 112. Mit andern Wor­ten: Inso­fern das Kris­tall­bild die Grün­dung der Zeit offen­bart, kann es kein Gegen­stand der sinn­li­chen Wahr­neh­mung sein. Es zeigt sich, den pla­to­ni­schen Ideen ver­gleich­bar, nur in einer Art Wesensschau. 
  5. [5] Nietz­sche erläu­tert die­sen Begriff im 4. Abschnitt sei­ner Abhand­lung »Die Geburt der Tra­gö­die aus dem Geis­te der Musik« an einem Gemäl­de von Raf­fa­el. Vgl. Nietz­sche, Fried­rich: Sämt­li­che Wer­ke. Kri­ti­sche Stu­di­en­aus­ga­be in 15 Bän­den. Hrsg. v. Gior­gio Col­li und Mazz­i­no Mon­ti­na­ri. Bd. 2. Mün­chen 1980. S. 39. 
  6. [6] »Die Kul­tur­his­to­ri­ker schei­nen einig in der Annah­me, daß durch sol­che Ablen­kung sexu­el­ler Trieb­kräf­te von sexu­el­len Zie­len und Hin­len­kung auf neue Zie­le, ein Pro­zeß, der den Namen ›Sub­li­mie­rung‹ ver­dient, mäch­ti­ge Kom­po­nen­ten für alle kul­tu­rel­len Leis­tun­gen gewon­nen wer­den«, heißt es bei Freud, Sig­mund: Drei Abhand­lun­gen zur Sexu­al­theo­rie. Ein­lei­tung Hel­mut Rei­che. Frank­furt am Main 1998. S. 80 f. 
  7. [7] Im Sym­po­si­on wird Eros bestimmt als »Ver­lan­gen nach Zeu­gung im Schö­nen«, aber auch als »Ver­lan­gen des Sterb­li­chen nach Unsterb­lich­keit«. Vgl. Pla­ton: Wer­ke in acht Bän­den. Grie­chisch und Deutsch. Hrsg. v. Gun­ther Eig­ler. 3. Bd. Phai­don – Das Gast­mahl – Kra­ty­los. Deut­sche Über­set­zung von Fried­rich Schlei­er­ma­cher. Darm­stadt 1990. S. 329 und S. 333. 
  8. [8] vgl. Aris­to­te­les: Poe­tik. Grie­chisch / Deutsch. Über­setzt u. hrsg. v. Man­fred Fuhr­mann. Stutt­gart 1991. S. 33 und 4143. Hier geht es um die Erre­gung (und Abfuhr) von ele­os und phobos. 
  9. [9] vgl. mit Blick auf Leib­niz und Baum­gar­ten: Men­ke, Chris­toph: Kraft. Ein Grund­be­griff ästhe­ti­scher Anthro­po­lo­gie. Frank­furt am Main 2008. S. 27 und S. 45. 

Buchbesprechung

»Werbung ist eine rhetorische Praxis«

Isabelle Lehn untersucht die »Rhetorik der Werbung«

Die Ver­wandt­schaft zwi­schen Rhe­to­rik und Wer­bung ist nicht weit her­ge­holt. Schließ­lich beschäf­tigt sich die Rhe­to­rik seit jeher mit der Fra­ge: Wie kön­nen Men­schen in der Kom­mu­ni­ka­ti­on erfolg­reich sein und wie kön­nen sie ande­re über­zeu­gen? [1] Genau da liegt die Über­schnei­dung. Auch Wer­be­tex­ter und -gestal­ter wol­len über­zeu­gen. Ver­birgt sich also hin­ter der Wer­bung eine rhe­to­ri­sche Systematik?

Isa­bel­le Lehn beant­wor­tet die Fra­ge mit »ja«. Die Autorin, die all­ge­mei­ne Rhe­to­rik, Eth­no­lo­gie und Erzie­hungs­wis­sen­schaft in Tübin­gen und Lei­ces­ter stu­diert hat, hat mit dem vor­lie­gen­den Band 2010 an der Uni­ver­si­tät Tübin­gen pro­mo­viert. Lehn unter­sucht dar­in den Bezug von klas­si­scher Rhe­to­rik zu moder­ner Wer­bung. Aus ihrer Arbeit geht deut­lich her­vor, dass Wer­bung nach den Regeln der klas­si­schen Rhe­to­rik spielt. Lehns Erkennt­nis hat dabei nicht nur theo­re­ti­schen Gehalt, sie lässt sich viel­mehr pro­duk­tiv anwen­den. Wer Wer­bung macht, kann sich in Kon­zep­ti­on, Gestal­tung und Prä­sen­ta­ti­on der Instru­men­te der klas­si­schen Rhe­to­rik bedie­nen und bekommt dafür eine recht genaue Anleitung.

Rhe­to­rik teilt die »Kunst der Rede« in fünf Schrit­te: inven­tio (Auf­fin­den aller nöti­gen Argu­men­te und Mate­ria­li­en), dis­po­si­tio (Glie­de­rung der Rede), elo­cu­tio (sprach­lich-sti­lis­ti­sche Pro­duk­ti­on), memo­ria (Ein­prä­gen der Rede ins Gedächt­nis), actio (Ver­wirk­li­chung der Rede). Die­se fünf Schrit­te kön­nen im Wesent­li­chen auf den Ent­ste­hungs­pro­zess der Wer­bung über­tra­gen wer­den – was Lehn in ihrem Buch auch tut. Wei­te­re grund­sätz­li­che Instru­men­te der Rhe­to­rik sind Ange­mes­sen­heit (aptum), güns­ti­ger Zeit­punkt (kai­ros) und rhe­to­ri­sche Über­zeu­gungs­mit­tel (logos, ethos und pathos). Bei die­sen drei Begrif­fen dreht sich alles um die Über­zeu­gung, dem grund­le­gen­den Ziel der Werbung.

Logos, Ethos und Pathos sind Tech­ni­ken, die an Ver­nunft, Glaub­wür­dig­keit oder Emo­tio­nen appel­lie­ren und somit die Wer­bung wirk­sam machen. Isa­bel­le Lehn bezieht sich regel­mä­ßig auf die­se Begrif­fe und bringt sie mit Wer­bung in Zusammenhang.

Lehns Ziel ist es, eine rhe­to­ri­sche Wer­be­theo­rie zu ver­fas­sen. Doch um über­haupt eine Theo­rie auf­bau­en zu kön­nen, greift sie zum einen alle rele­van­ten his­to­ri­schen Grund­la­gen auf, zum ande­ren bedient sich Lehn des Wis­sens von Nach­bar­dis­zi­pli­nen, die sich mit Wer­bung beschäf­ti­gen. Zu den his­to­ri­schen Grund­la­gen zäh­len anti­ke Rhe­to­rik-Theo­rien, zeit­ge­nös­si­sche Rhe­to­rik­for­schung, die »Tübin­ger Rhe­to­rik«, die »Nou­vel­le Rhé­to­ri­que« und die ame­ri­ka­ni­sche »New Rhe­to­rik«. Dis­zi­pli­nen, aus denen Lehn ihr Wer­be-Wis­sen schöpft, sind Wer­be­leh­re, Wer­be­for­schung und Werbewirkungsforschung.

Die Arbeit setzt ihren inhalt­li­chen Schwer­punkt auf den Bereich der Wer­be­kon­zep­ti­on, also auf die Unter­su­chung der drei Über­zeu­gungs­mit­tel Logos, Ethos und Pathos. Auf Basis der Ana­ly­se-Ergeb­nis­se erar­bei­tet Lehn Gestal­tungs- und Wir­kungs­prin­zi­pi­en. Das Buch ist jedoch kein How-To-Do-Rat­ge­ber. Die Rhe­to­rik lie­fert Aus­sa­gen dar­über, wel­che Über­zeu­gungs- und Wer­be­tech­ni­ken »wahr­schein­lich wirk­sam [sind] – und wel­che nicht« (S. 109). Lehn betont, dass Rhe­to­rik »nie­mals siche­re Erfolgs­pro­gno­sen« (S. 110) lie­fert, son­dern nur »Wahr­schein­lich­keits­aus­sa­gen zu Wer­be­ef­fek­ten« (S. 110) ermög­licht. Statt einer Bedie­nungs­an­lei­tung für Wer­be­agen­tu­ren erwar­tet den Leser eine aus­führ­li­che Ana­ly­se sowie eine his­to­ri­sche und wis­sen­schaft­li­che Bestands­auf­nah­me des The­mas. Lehns Unter­su­chung glie­dert sich dabei in zwei Tei­le. Der ers­te Teil befasst sich mit theo­re­ti­schen Grund­la­gen und dem aktu­el­len For­schungs­stand. Im zwei­ten Teil legt Isa­bel­le Lehn ihre eige­ne For­schung und ihre Ergeb­nis­se dar.

Zunächst gibt sie eine Über­sicht über ihr Vor­ha­ben, fasst ihre Gedan­ken und Über­le­gun­gen zusam­men. Dabei beruft sie sich auf Rhe­to­ri­ker und Wis­sen­schaft­ler wie Cice­ro, Gert Ueding oder Gui Bon­sie­pe. Dann erfolgt eine Zusam­men­fas­sung des­sen, was bis zum Jahr 2009 zu dem The­ma »rhe­to­ri­sche Wer­be­for­schung« her­aus­ge­fun­den wur­de. Lehn gibt eine For­schungs­über­sicht über die Dis­zi­pli­nen der Wer­be­leh­re, Wer­be­for­schung und Wer­be­wir­kungs­for­schung. Und sie zeigt, dass es ein gro­ßes For­schungs­de­fi­zit im Bereich der Wer­ber­he­to­rik gibt.

Schließ­lich wird der Begriff »Wer­bung« geklärt. Die Wer­be­zie­le wer­den aus­führ­lich auf­ge­führt. Es wird dar­ge­legt, wel­che Vor­aus­set­zun­gen Wer­bung braucht und wel­che Anfor­de­run­gen und Bedin­gun­gen der Markt an Wer­bung stellt. Lehn dis­ku­tiert in die­sem Zuge das Ethos-Pro­blem der Wer­bung, die Crux der Glaub­wür­dig­keit. Sie zeigt, dass weder das natio­na­le Wer­be­recht der EU, noch der »Deut­sche Wer­be­rat« als frei­wil­li­ge Selbst­kon­trol­le das Pro­blem gänz­lich lösen kann. Als Lösungs­an­satz bie­tet Lehn die vier Ethos-Tech­ni­ken an, um Glaub­wür­dig­keit und Ver­trau­en beim Betrach­ter her­vor­zu­ru­fen. Eben­so tra­ge ein guter Ruf des wer­be­trei­ben­den Unter­neh­mens dazu bei, die Ver­trau­ens­wür­dig­keit zu steigern.

Für ihre Ana­ly­sen unter­sucht Lehn nicht nur das Bild, son­dern auch die Text-Bild-Inter­ak­ti­on von Anzei­gen. Lehn betont, dass, wer eine rhe­to­ri­sche Wer­be­theo­rie auf­stel­len möch­te, sich zwangs­läu­fig mit Bild­theo­rie, Bild-Text-Theo­rie und Medi­en­theo­rie beschäf­ti­gen muss. Und sie beschäf­tigt sich fünf Kapi­tel lang mit den fünf rhe­to­ri­schen Arbeits­schrit­ten, die auf die Situa­ti­on der Wer­bung über­tra­gen und ange­passt werden.

Die inven­tio sei so ana­log zur Wer­be­kon­zep­ti­on zu ver­ste­hen, es geht also um die Per­sua­si­ons­stra­te­gie. Der zen­tra­le Über­zeu­gungs­weg und die ange­mes­se­nen Argu­men­te sol­len dabei fest­ge­legt wer­den. Beim nächs­ten Schritt, der dis­po­si­tio, gehe es pri­mär um die Struk­tu­rie­rung der Wer­be­an­zei­ge, das heißt um die funk­tio­na­le Anord­nung der Inhal­te im Text- und Bild­auf­bau. Im fol­gen­den befasst sich Lehn mit der elo­cu­tio, sprich den rhe­to­ri­schen Stil­prin­zi­pi­en in der Text- und Bild­ge­stal­tung. Die ent­schei­den­den Begrif­fe hier sind aptum (Ange­mes­sen­heit), puri­tas (Sprach­rich­tig­keit), per­spi­cui­tas (Deut­lich­keit), bre­vi­tas (Ver­mei­dung alles Über­flüs­si­gen) und orna­tus (Schmuck­mit­tel). In Kapi­tel sie­ben, das sich mit der memo­ria aus­ein­an­der­setzt, wer­den die Mne­mo­tech­ni­ken der Wer­bung vor­ge­stellt. Schließ­lich stellt sie die Pha­se der actio vor, die Stra­te­gien der Wer­be­prä­sen­ta­ti­on wiedergibt.

Isa­bel­le Lehns Ziel, eine rhe­to­ri­sche Wer­be­theo­rie auf­zu­bau­en, ist gelun­gen. Bei aller Gründ­lich­keit liest sich ihre »Rhe­to­rik der Wer­bung« flüs­sig – ganz der Dis­zi­plin ent­spre­chend. Bedau­er­lich ist aller­dings, dass im Buch kei­ner­lei Anschau­ungs­ma­te­ri­al abge­druckt ist. Die Wer­be­an­zei­gen, die Lehn als Ana­ly­se­ge­gen­stän­de benutzt, kön­nen zwar online abge­ru­fen wer­den, doch wer möch­te ger­ne wäh­rend des Lesens par­al­lel in digi­ta­len Doku­men­ten stö­bern? Eine wei­te­re Schwä­che ist, dass weder ein Stich­wort­ver­zeich­nis, noch ein Wör­ter­le­xi­kon für die latei­ni­schen Begriff ange­legt wur­de – Ein­stei­ger kön­nen so durch­aus Mühe haben.

Wer sich aber schon ein­mal mit design­rhe­to­ri­schen Tex­ten befasst hat, erkennt, dass Lehn inter­es­san­te – auf Wer­bung bezo­ge­ne – Aspek­te her­aus­ge­fil­tert und bestehen­de Theo­rien mit­ein­an­der ver­knüpft hat. Somit schafft sie Bezü­ge und, was noch wich­ti­ger ist, ein ein­heit­li­ches Bild einer rhe­to­ri­schen Wer­be­theo­rie. Wie beginnt das ers­te Kapi­tel ihres Buches: »Wer­bung ist eine rhe­to­ri­sche Pra­xis.« (S. 11)

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