Mythen des Alltags

Selfie-Stick

Wenn Teleskopstab-Akrobaten fotografieren

»Ent­schul­di­gung, könn­ten Sie bit­te ein Foto von uns machen?« – die­se Fra­ge hört man immer sel­te­ner, denn statt­des­sen grei­fen Frei­zeit­fo­to­gra­fen heu­te eman­zi­piert zum Selfie-Stick.

Nach sei­ner Erfin­dung und Markt­ein­füh­rung unter dem Namen »Quik­pod« wur­de der Sel­fie-Stick 2014 im Time Maga­zi­ne unter die 25 bes­ten Erfin­dun­gen des Jah­res gewählt.[1] Eben­falls 2014 schos­sen die Goog­le-Such­an­fra­gen nach dem Such­be­griff »Sel­fie-Stick« welt­weit in die Höhe.[2]

Das spie­gelt sich in der Rea­li­tät wider: Immer öfter sind in der Öffent­lich­keit Men­schen mit einem Sel­fie-Stick zu sehen. Das Prin­zip dabei ist sim­pel: Der Sel­fie-Stick ist ein aus­fahr­ba­rer Tele­skop­stab, an des­sen einem Ende sich ein gum­mier­ter Griff, am ande­ren Ende eine Hal­te­rung für Smart­phones befin­det. Der Stab wird zu einem ver­län­ger­ten Arm und erlaubt dabei einen höhe­ren Win­kel und damit ande­re Per­spek­ti­ven. Das ermög­licht auch Auf­nah­men von meh­re­ren Per­so­nen oder das Ein­be­zie­hen der Umgebung.

Einen Vor­läu­fer einer sol­chen Armer­wei­te­rung zum Foto­gra­fie­ren prä­sen­tier­te die Fir­ma »Minol­ta« schon 1983 mit ihrer paten­tier­ten Tele­s­kop­ver­län­ge­rung für Kame­ras[3] Mitt­ler­wei­le hat der Tele­skop­stock jedoch eini­ges an Raf­fi­nes­se hin­zu­ge­won­nen. Der Aus­lö­ser der Han­dy­ka­me­ra kann bei den mit­tel- und höher­prei­si­gen Model­len bei­spiels­wei­se mit­tels Blue­tooth oder direkt am Griff des Stabs betä­tigt wer­den. Das erspart ein läs­ti­ges Ein­stel­len des Selbst­aus­lö­sers an der Hand­ka­me­ra und ganz neben­bei auch noch das weni­ge biss­chen sozia­le Inter­ak­ti­on, das nötig gewe­sen wäre, hät­te man einen Pas­san­ten um die per­fek­te Insze­nie­rung bit­ten müs­sen. Der Sel­fie-Stab macht uns unab­hän­gig. Das macht ihn beson­ders bei Tou­ris­ten zu einer unver­zicht­ba­ren Erwei­te­rung der Ich-Zone. Kaum ein Stadt­bum­mel, in dem man nicht einen Sel­fie-Stick-Knip­ser ent­deckt und ihn bei sei­nen zahl­rei­chen »Schnapp­schüs­sen« amü­siert beob­ach­ten könn­te. Kaum eine Innen­stadt, in der man sich nicht durch die­ses gespon­ne­ne Netz aus Tele­skop­stä­ben und ange­strengt in ihre Smart­phones grin­sen­den Men­schen manö­vrie­ren müsste.

Die Sel­fie-Stick-Manie geht mitt­ler­wei­le so weit, dass sich vie­le gro­ße Muse­en, Frei­zeit­parks und Sport­ver­ei­ne gezwun­gen sehen, Maß­nah­men zu ergrei­fen. Das Sicher­heits­ri­si­ko sei schlicht­weg zu groß. Die Staat­li­chen Muse­en Ber­lin zum Bei­spiel ord­ne­ten den Tele­skop­stab als »sperrige[n] und scharfkantige[n] Gegen­stand« ein, der sowohl Besu­cher, wie auch Aus­stel­lungs­stü­cke gefähr­de.[4]

Das boo­men­de Sich-selbst-Foto­gra­fie­ren ist jedoch kei­nes­wegs bloß Aus­druck einer neu­en Selbst­ver­liebt­heit, son­dern viel­mehr eine Ver­ge­wis­se­rung sei­ner Selbst, ein Zei­chen von Iden­ti­täts­be­wusst­sein, ein Her­aus­he­ben des Indi­vi­du­ums aus der Mas­se. Das Sel­fie kann als eine zeit­ge­nös­si­sche Form der Kom­mu­ni­ka­ti­on gese­hen wer­den – der Sel­fie-Stick ist dabei ein hilf­rei­ches Werk­zeug hin zur Pro­fes­sio­na­li­sie­rung des Selbst­por­träts und dem Erhalt der Kon­trol­le über die Dar­stel­lung des Ichs.

Den­noch emp­fin­det man­cher die­se Flut an meist belang­lo­sen Selbst­dar­stel­lun­gen als befremd­lich. Das scham­lo­se, öffent­li­che Posie­ren mit dem Sel­fie-Stick wirkt bei­na­he so, als sei es irrele­vant, wel­chen Ein­druck man in der rea­len Welt hin­ter­las­se. Viel wich­ti­ger sei die, ohne­hin bes­ser kon­trol­lier­ba­re, Insze­nie­rung und Plat­zie­rung des Ichs in der vir­tu­el­len Welt. Der Sel­fie-Stick för­dert die­se Ver­schie­bung von Rea­li­tät zu Vir­tua­li­tät nicht nur in Bezug auf die Per­sön­lich­keits­dar­stel­lung. Auch die sozia­le Kom­mu­ni­ka­ti­on und Inter­ak­ti­on ver­la­gert sich immer wei­ter in den vir­tu­el­len Raum. »Gefällt dir die­ses Foto? Kom­men­tar hinzufügen …«

Illustrationen

Amsterdamer Stadtszenen

Stefan Schmid war mit dem Skizzenbuch unterwegs

 
Ams­ter­dam – über­all Was­ser, Brü­cken, klei­ne Boo­te, gro­ße Schif­fe, 400 Jah­re alte schö­ne Häu­ser, beein­dru­cken­de moder­ne Archi­tek­tur, unzäh­li­ge Rad­fah­rer, noch mehr Tou­ris­ten, Märk­te, Dei­che, Schleu­sen, auf­ge­schlos­se­ne Men­schen. Prof. Ste­fan Schmid aus dem Stu­di­en­gang Media­pu­bli­shing der Hoch­schu­le der Medi­en (HdM) ver­brach­te sein For­schungs­se­mes­ter an der Hoch­schu­le von Ams­ter­dam. Neben­bei war er immer wie­der mit einem Skiz­zen­buch unter­wegs, um Sze­nen die­ser Stadt festzuhalten.

Die Blei­stift­skiz­zen und Bunt­stift­zeich­nun­gen zei­gen inter­es­san­te Orte, Situa­tio­nen oder atmo­sphä­ri­sche Ein­drü­cke: Zeich­nen als eine Mög­lich­keit, das Gese­he­ne und Erleb­te inten­siv ken­nen­zu­ler­nen. Eine Aus­wahl der im Som­mer 2019 ent­stan­de­nen Zeich­nun­gen wur­de an der Hoch­schu­le der Medi­en als ver­grö­ßer­te Dru­cke ausgestellt.

Essay

Methoden der Designwirkungsforschung

Ein Projekt mit angehenden ­Kommunikationsdesignern

1 Ein Pro­jekt der Designwirkungforschung

Müs­sen sich Gestal­ter »allein« auf ihre guten Rie­cher, auf Erfah­rung und auf Fach­wis­sen ver­las­sen? Oder lie­ße sich vor­her­sa­gen, ob ihre Gestal­tun­gen die beab­sich­tig­ten Wir­kun­gen her­vor­ru­fen und das im Nach­gang auch über­prü­fen? Die­se Fra­gen zie­len auf das, was in ande­ren Dis­zi­pli­nen »Wir­kungs­for­schung« genannt wird und was im Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign noch wenig eta­bliert ist, weder hin­sicht­lich einer theo­re­ti­schen Fun­die­rung noch hin­sicht­lich eines Metho­den­re­per­toires. Für eine Design­wir­kungs­for­schung lie­ße sich man­ches von benach­bar­ten Dis­zi­pli­nen abschau­en und auf das Design über­tra­gen, z. B. Ansät­ze und Metho­den der Medi­en- oder der Wer­be­wir­kungs­for­schung, wie sie von Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Medi­en­wis­sen­schaft­lern betrie­ben wer­den. Unge­ach­tet des­sen soll­ten für eine Design­wir­kungs­for­schung aber auch dis­zi­plin­spe­zi­fi­sche Metho­den ent­wi­ckelt wer­den, mit denen sich Wir­kungs­ab­sich­ten, Gestal­tungs­mit­tel und die erziel­ten Wir­kun­gen von Design­ar­te­fak­ten sowie die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen die­sen Ele­men­ten erfor­schen lassen.

Von die­sen Über­le­gun­gen gin­gen wir aus, als wir im Mas­ter­stu­di­en­gang »Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign« der Hoch­schu­le Kon­stanz ein Pro­jekt­mo­dul star­te­ten, mit denen die jun­gen Desi­gner an For­schung und Wis­sen­schaft in ihrer Dis­zi­plin her­an­ge­führt wer­den und sich mit Metho­den der Wir­kungs­for­schung über visu­el­le Design­ar­te­fak­te befas­sen soll­ten. Am Bei­spiel von Wahl­pla­ka­ten, die in der Bun­des­tags­wahl 2017 zum Ein­satz kamen, stell­ten wir unse­ren Stu­den­ten fol­gen­de Aufgabe:
Ent­wi­ckeln Sie Metho­den, mit denen die Wir­kung der Gestal­tung von Wahl­pla­ka­ten unter­sucht wer­den kann. Mit wel­chen Gestal­tungs­ele­men­ten und Stil­mit­teln wird Wie­der­ken­nung und Memo­rier­bar­keit bewirkt, wie Auf­merk­sam­keit erzwun­gen, Unter­scheid­bar­keit her­bei­ge­führt? Mit wel­chen Metho­den kann das geprüft werden?
Die Semi­nar­teil­neh­mer soll­ten dazu Expe­ri­men­te ent­wi­ckeln, umset­zen, aus­wer­ten, ver­bes­sern und wei­ter­ent­wi­ckeln – also am Aus­bau des Metho­den­re­per­toires einer Design­wir­kungs­for­schung arbei­ten und Erfah­run­gen mit wis­sen­schaft­li­chen Arbeits­wei­sen sammeln.

Für uns als Dozen­ten war die­ses Pro­jekt­mo­dul selbst ein Expe­ri­ment mit nicht vor­her­seh­ba­rem Aus­gang. Wür­de es uns gelin­gen, den Stu­den­ten das nöti­ge theo­re­ti­sche, wis­sen­schaft­li­che und empi­ri­sche Rüst­zeug zu ver­mit­teln, damit sie tat­säch­lich brauch­ba­re Metho­den der Design­wir­kungs­for­schung ent­wi­ckeln könn­ten? Was gehör­te zu die­sem Rüst­zeug? Und könn­ten wir Stu­den­ten eines gestal­te­ri­schen Faches Freu­de am wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten und For­schen vermitteln?

Um die­sen Ansprü­chen gerecht zu wer­den, woll­ten wir unser bei­der per­sön­li­che Kennt­nis­se und unser spe­zi­fi­sches Wis­sen auf die Waag­scha­le legen. Bri­an Swit­zer ist Pro­fes­sor für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign und ein inter­na­tio­nal täti­ger Gestal­ter, geschult in »human cen­te­red design« und »design thin­king« und erfah­ren im Umgang mit »design methods« und deren Ein­satz in kom­ple­xen Design­pro­jek­ten, ein Exper­te für Infor­ma­ti­ons­auf­be­rei­tung und Daten­vi­sua­li­sie­rung. Vol­ker Fried­rich lehrt Schrei­ben und Rhe­to­rik, ist Phi­lo­soph, ent­wi­ckelt für das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign eine Wis­sen­schafts­theo­rie auf phi­lo­so­phi­scher Basis, die ver­knüpft wird mit einer prag­ma­ti­schen, auf der Rhe­to­rik auf­bau­en­den Design­theo­rie; zudem ist er mit Metho­den empi­ri­scher Sozi­al­wis­sen­schaft vertraut.

Essay

Elemente, Paradigmen, Medien

Bausteine für ein Nachdenken über Technik

In die­sem Bei­trag soll für eine spe­zi­fi­sche Betrach­tungs­wei­se der Tech­nik gewor­ben wer­den. Es geht um die Fra­ge: Wie kann Tech­nik gedacht und über Tech­nik nach­ge­dacht wer­den? Und natür­lich damit ver­bun­den: Wie kann über Tech­nik gespro­chen wer­den?[1] Dabei geht es mir nicht um ein mög­lichst all­ge­mei­nes Tech­nik­ver­ständ­nis, etwa im Sin­ne eines umfas­sen­den sozio­tech­ni­schen Sys­tems[2], son­dern um Tech­nik, wie sie in ein­zel­nen Arte­fak­ten und Pro­zes­sen rea­li­siert ist[3]; allein in die­sem Sin­ne wird im Fol­gen­den der Begriff »Tech­nik« gebraucht. Dies ist eine bewuss­te Ein­schrän­kung. Ich möch­te nicht bestrei­ten, dass ein­zel­ne Tech­ni­ken immer in grö­ße­re sys­te­mi­sche Zusam­men­hän­ge ein­ge­bun­den sind und mit diver­sen öko­no­mi­schen, poli­ti­schen und sozia­len Fak­to­ren wech­sel­wir­ken. Ent­spre­chend wird im wei­te­ren Ver­lauf die­se Wech­sel­wir­kung unwei­ger­lich am Ran­de berührt.

Für die ange­streb­te Betrach­tungs­wei­se wer­den ver­schie­de­ne Theo­rie-Bau­stei­ne zusam­men­ge­tra­gen. Die­se Bau­stei­ne sind – je mit Blick auf die Tech­nik – »Auf­bau aus Ele­men­ten«, »Prä­gung durch Para­dig­men« und »Gestal­tung in Medi­en«. Die genann­ten Bau­stei­ne sind selbst nicht neu und an diver­sen Stel­len in der Lite­ra­tur zu fin­den, wie ich exem­pla­risch zei­gen wer­de. Aller­dings wer­den die­se Aspek­te meist ein­sei­tig ins Feld geführt, was die resul­tie­ren­den Tech­nik­kon­zep­tio­nen min­des­tens unvoll­stän­dig macht. Im Fol­gen­den wer­den die genann­ten Bau­stei­ne nach­ein­an­der vor­ge­stellt und kri­tisch dis­ku­tiert sowie am Ende zu einem Gesamt­bild zusam­men­ge­führt. Zuletzt wird dafür argu­men­tiert, dass das Den­ken in der genann­ten Tri­as diver­se theo­re­ti­sche und prak­ti­sche Vor­tei­le mit sich bringt.

Bau­stein 1: Auf­bau aus Elementen

Kon­kre­te tech­ni­sche Arte­fak­te und Pro­zes­se sind immer aus ver­schie­de­nen Ele­men­ten auf­ge­baut. Betrach­ten wir zuerst ein­fa­che tech­ni­sche Gegen­stän­de in der Form mecha­ni­scher Vor­rich­tun­gen. Bereits anti­ke Autoren stell­ten fest, dass sich ihre mecha­ni­schen Tech­ni­ken auf »ein­fa­che Maschi­nen« oder »Basis­me­cha­nis­men« zurück­füh­ren las­sen[4]. Je nach Quel­le sind die­se ein­fa­chen Maschi­nen z. B. Seil bzw. Stab (ändert den Angriffs­punkt einer Kraft), Rol­le (Ändert die Rich­tung einer Kraft) und schie­fe Ebe­ne bzw. Keil (ändert Betrag und Rich­tung einer Kraft). Eine Schrau­be ent­stün­de damit aus der Kom­bi­na­ti­on aus einem Stab und einer schie­fen Ebe­ne, wobei die schie­fe Ebe­ne als um den Stab gewi­ckelt ver­stan­den wer­den kann. Die Idee von ein­zel­nen Basis­me­cha­nis­men spiel­te über die Jahr­hun­der­te eine wich­ti­ge Rol­le in der Leh­re der Tech­nik­wis­sen­schaf­ten. So wur­de z. B. im 19. Jahr­hun­dert Chris­to­pher Pol­hems Modell­samm­lung und sei­ne Idee eines damit dar­ge­stell­ten »mecha­ni­schen Alpha­bets« bekannt[5]. Noch heu­te hören alle Maschi­nen­bau­stu­den­ten Vor­le­sun­gen zum The­ma »Maschi­nen­ele­men­te«[6], ein Feld in dem die ent­spre­chen­den mate­ri­el­len Ele­men­te wie auch die zuge­hö­ri­gen Berech­nungs- und Aus­le­gungs­me­tho­den gelehrt wer­den. Ein Stan­dard­werk in der Ver­fah­rens­tech­nik trägt den Titel Ele­men­te des Appa­ra­te­bau­es[7]. Auch ver­fü­gen aktu­el­le CAD-Pro­gram­me[8] fast aus­nahms­los über einen part- und einen assem­bly-Modus, wobei im ers­ten Ein­zel­tei­le kon­stru­iert und im zwei­ten Modus die­se zu einer Gesamt­kon­struk­ti­on zusam­men­ge­setzt werden.

Inter­es­san­ter­wei­se lässt sich die­se Auf­tei­lung in Ele­men­te auf unter­schied­li­chen Ebe­nen durch­füh­ren. Eine Pum­pe zum För­dern von Flüs­sig­kei­ten ist bspw. aus Gehäu­se­tei­len, Schrau­ben, Dich­tun­gen, einer Wel­le und einem Rotor auf­ge­baut. Die­se Pum­pe kann ihrer­seits jedoch wie­der Teil einer tech­ni­schen Anla­ge sein, z. B. im Rah­men eines ver­fah­rens­tech­ni­schen Pro­zes­ses, in dem sie mit Rohr­lei­tun­gen und Kes­seln – also wei­te­ren Ele­men­ten – kom­bi­niert wird. Die betref­fen­de Anla­ge kann aber­mals Teil eines grö­ße­ren Zusam­men­hangs sein, etwa eines Anla­gen­ver­bun­des[9].

Wei­ter­hin ist zu beach­ten, dass neue tech­ni­sche Arte­fak­te nicht nur im Bereich des Mecha­ni­schen aus vor­her bereits exis­tie­ren­den Ele­men­ten zusam­men­ge­setzt sind; dies gilt eben­so für elek­tro­ni­sche Tech­ni­ken. Die Ele­men­te hier­bei sind bspw. Lei­ter­bah­nen, Wider­stän­de, Tran­sis­to­ren und Dioden. Jedoch nicht immer lie­gen die betei­lig­ten Ele­men­te in einer solch dis­kre­ten, klar abgrenz­ba­ren Form vor. Ich wür­de etwa auch bei phar­ma­zeu­ti­schen Pro­duk­ten von tech­ni­schen Arte­fak­ten spre­chen[10]. Denkt man an eine Kopf­schmerz-Tablet­te, lie­fern die Inhalts­stof­fe eine mög­li­che Ein­tei­lung in Ele­men­te, also z. B. der Wirk­stoff Aspi­rin (che­misch Ace­tyl­sa­li­cyl­säu­re) wie auch wei­te­re Hilfs­stof­fe (z. B. Cel­lu­lo­se, Lac­to­se oder Stär­ke), die zusam­men zu einer Tablet­te ver­presst wer­den. Für man­che Pro­dukt­grup­pen sind sogar die zuläs­si­gen Ele­men­te gesetz­lich vor­ge­schrie­ben. Typisch hier­für ist das deut­sche Rein­heits­ge­bot, wel­ches die Zuta­ten fest­legt, die beim Bier­brau­en zum Ein­satz kom­men dürfen.

Mythen des Alltags

Das Profilbild

Über die »Selfies der Seele«

Pro­vo­kant, geheim­nis­voll, ober­fläch­lich, intim, tief­grün­dig oder schlicht eine anony­me, graue Sil­hou­et­te – das Pro­fil­bild hat vie­le Gesichter.

Fast jeder von uns wird tag­täg­lich bewusst oder unbe­wusst mit den Facet­ten die­ses expres­si­ven Aus­drucks­mit­tels der Gegen­wart kon­fron­tiert. Ein Minia­tur-Por­trät, das im digi­ta­len Sozi­al­um­gang an die Stel­le der eige­nen Per­son tritt, scheint einen fes­ten Platz in der Kom­mu­ni­ka­ti­on unse­rer Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft erlangt zu haben. Die Anony­mi­tät des Inter­nets bie­tet jedem Nut­zer die Mög­lich­keit sich sei­ne eige­ne, ganz per­sön­li­che Mas­ke auf­zu­set­zen - der all­täg­li­che Online-Kar­ne­val. Oder sind die klei­nen Bild­chen viel­leicht doch mehr, als nur ein amü­san­ter Aus­wuchs der Digitalisierung?

Scrollt man am eige­nen Smart­phone durch die Chat-Über­sicht sei­ner What’s-App-Kontaktliste, gewinnt man schnell den Ein­druck durch die per­sön­lichs­ten Lebens­mo­men­te sei­ner engs­ten und weni­ger engen sozia­len Kon­tak­te stö­bern zu kön­nen - eine Ansamm­lung von Kühl­schrank­bil­dern, Pass­fo­tos, Post­kar­ten­mo­ti­ven, Fami­li­en­por­träts und Sedcard-Shoots. Alles frei zugäng­lich und wil­lent­lich von den Urhe­bern plat­ziert, zusam­men­ge­fasst unter dem neu­deut­schen Begriff des »Pro­fil­bilds«. Die ursprüng­li­che Bedeu­tung des Wor­tes aus dem fran­zö­si­schen »pro­fil«, was so viel heißt wie »Sei­ten­an­sicht« oder »Schat­ten­riss«, scheint dabei längst über­wun­den. Es geht nicht mehr dar­um, die per­sön­li­che Erschei­nung sche­men­haft zu umrei­ßen, um die Zuord­nung von Inhal­ten im Netz zu erleich­tern, als viel­mehr dar­um, ein ein­deu­ti­ges, indi­vi­du­el­les State­ment zur eige­nen Per­son, ja zur eige­nen Exis­tenz zu set­zen - sich im digi­ta­len Umfeld wort­wört­lich zu pro­fi­lie­ren. Dem eige­nen, all­zu aus­tausch­bar ober­fläch­li­chen Dasein eine cha­rak­te­ris­ti­sche Anmu­tung, ein Pro­fil, zu ver­lei­hen - das scheint der Anspruch an den moder­nen Social-Media-Nut­zer zu sein. In der krea­ti­ven Umset­zung die­ses Pro­fi­lie­rungs­pro­zes­ses schei­nen sich aller­dings sehr unter­schied­li­che Her­an­ge­hens­wei­sen ent­wi­ckelt zu haben. Bei nähe­rer Betrach­tung sind vier ver­schie­de­ne Typen von Pro­fil­bild-Nut­zer­grup­pen auszumachen.

Da wäre zum einen die Grup­pe der semi-pro­fes­sio­nel­len Selbst­dar­stel­ler, deren Mit­glie­der vor­wie­gend qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Por­trät-Foto­gra­fien als Pro­fil­bild favo­ri­sie­ren. Meist wird das eige­ne Gesicht mit dezent lei­dend ver­zerr­tem Blick zur Kame­ra insze­niert. Alter­na­tiv kann auch ein hip­pes Ganz­kör­per-Por­trät in gestellt läs­si­ger Geh­po­se und gewollt spon­ta­nem Snapshot-Cha­rak­ter zum Ein­satz kom­men. In jedem Fall muss es ästhe­tisch ein­wand­frei sein. Inspi­riert von der Mode­fo­to­gra­fie wird das eige­ne sozia­le Umfeld dafür oft als Hob­by-Foto­gra­fen miss­braucht. Die Selbst­dar­stel­ler ver­mit­teln mit ihren Moti­ven Über­le­gen­heit, Stär­ke und Selbstbewusstsein.

Die Roman­ti­ker hin­ge­gen set­zen eher auf emo­tio­na­le Tie­fe und phi­lo­so­phisch anmu­ten­de Melan­cho­lie in ihren Bil­dern. Das klas­si­sche Motiv die­ser Nut­zer­grup­pe ist der nach­denk­li­che Blick in die Fer­ne. Auf­ge­nom­men von der Sei­te oder ger­ne auch von hin­ten, zeigt sich der Nut­zer gedan­ken­ver­sun­ken mit unschar­fem Blick in die Wei­ten einer meist para­die­sisch anmu­ten­den Urlaubs­land­schaft – vor­zugs­wei­se bei Son­nen­auf­gang oder -unter­gang und mit aus­rei­chend Gegen­licht um das mär­chen­haf­te Stim­mungs­bild durch gold­gel­be Licht­ef­fek­te per­fekt zu machen. Roman­ti­ker ver­mit­teln mit ihren Bil­dern ger­ne die eige­ne Tief­grün­dig­keit und ihre erstre­bens­wert viel­schich­ti­ge, phi­lo­so­phi­sche Sicht auf die Welt.

Die drit­te Nut­zer­grup­pe, die Grup­pe der Mit­tei­lungs­be­dürf­ti­gen, zeich­net sich vor allem durch häu­fig wech­seln­de Pro­fil­bil­der aus. Der Fokus liegt dabei weni­ger auf der eige­nen per­sön­li­chen Erschei­nung, als viel­mehr auf den unzäh­li­gen neu­en Errun­gen­schaf­ten in den schein­bar über­durch­schnitt­lich ereig­nis­rei­chen Leben die­ser Nut­zer. Ob aktu­el­le Par­ty­bil­der mit den neu­en bes­ten Freun­den, ein Sel­fie mit der gelieb­ten Haus­kat­ze, der letz­te Besuch im Ster­ne­re­stau­rant oder Acti­on­auf­nah­men von diver­sen Out­door-Akti­vi­tä­ten – alles wird aus­sa­ge­kräf­tig im Pro­fil­bild dar­ge­stellt. Die Mit­tei­lungs­be­dürf­ti­gen legen den Fokus auf die Ver­mitt­lung eines vor Krea­ti­vi­tät spru­deln­den, erfüll­ten Lebens, das jedem Betrach­ter erstre­bens­wert erschei­nen soll. Einen aner­ken­nen­de Kom­men­tar zu ihren Bil­dern neh­men sie meis­tens dan­kend entgegen.

Die Phan­to­me fal­len als vier­te und letz­te Nut­zer­grup­pe etwas aus der Rei­he, da sie der vor­ge­se­he­nen Ver­wen­dung des Pro­fil­bil­des aktiv ent­ge­gen­wir­ken. Sie grei­fen meist ent­we­der auf völ­lig zusam­men­hangs­lo­se Moti­ve zurück oder ver­zich­ten gar voll­stän­dig auf ein Pro­fil­bild. Ihnen geht es vor­ran­gig dar­um, sich selbst eben gera­de nicht zu zei­gen. Dies kann aus ver­schie­de­nen Moti­va­tio­nen her­aus gesche­hen. Sei es über­mä­ßi­ger Anspruch an die eige­ne Erschei­nung, gene­rel­le Unsi­cher­heit, das Bedürf­nis, sich gegen den Main­stream zu stel­len, oder aber bewuss­ter Pro­test gegen die gesell­schaft­li­chen Kon­ven­tio­nen. Da man bekann­ter­ma­ßen nicht nicht kom­mu­ni­zie­ren kann, ver­mit­teln auch die Ange­hö­ri­gen die­ser Nut­zer­grup­pe mit der Wahl oder Nicht-Wahl ihres Pro­fil­bil­des mehr über ihre Per­son, als ihnen lieb oder bewusst sein mag.

Fakt ist: Pro­fil­bil­der schei­nen wohl einen höhe­ren sozia­len Stel­len­wert erreicht zu haben als uns gemein­hin bewusst sein mag. In gewis­ser Wei­se wer­den sie zum digi­ta­len Spie­gel der See­le. Die Wir­kung der vie­len sub­ti­len Signa­le, die die klei­nen Bild­chen kom­mu­ni­zie­ren, ist dabei oft weit­rei­chen­der, als man zunächst anneh­men wür­de. Ob man will oder nicht – aktua­li­siert man sein Pro­fil­bild, wird unver­züg­lich das gesam­te sozia­le Umfeld zu pro­fes­sio­nel­len Kunst­kri­ti­kern, Semio­ti­kern und Psy­cho­ana­ly­ti­kern. Jedes Detail des neu­en Bil­des wird kri­tisch beäugt, beur­teilt und gege­be­nen­falls kom­men­tiert: »Mit sei­ner Ex hat­te der aber nie ’n Pär­chen-Bild drin …«, »Auf dei­nem alten Pro­fil­bild hast du aber so hübsch gelä­chelt«, »Hat die ‘nen Freund oder is’ das ihr Bruder?«.

Es scheint also, als ob uns die­ser Pro­zess der Pro­fil­bild­wahl zu einer nie dage­we­se­nen bewuss­ten Defi­ni­ti­on der eige­nen Per­son for­ciert. Nun kön­nen wir direk­ten Ein­fluss auf unse­ren ers­ten Ein­druck neh­men und müs­sen uns dafür wohl oder übel mit unse­rer eige­nen Iden­ti­tät oder zumin­dest der eige­nen Erschei­nung befas­sen. Zei­ge ich mich allein oder in Gesell­schaft? Zei­ge ich mich fröh­lich oder seri­ös? Wer bin ich, und wer will ich sein?

Der Ver­such, unse­rem eige­nen Dasein damit Pro­fil zu ver­lei­hen, scheint aller­dings oft im Gegen­teil, in einer unge­woll­ten Ober­fläch­lich­keit zu resul­tie­ren. Dem ursprüng­li­chen Wort­stamm zufol­ge (pro­fil von lat. filum, »Faden«) hängt unse­re wah­re Per­sön­lich­keit dabei wohl am sei­de­nen Faden.

Buchbesprechung

»Schönheit = Funktion = Wahrheit«

Sagmeister & Walsh über die Gestaltung der Zukunft

Mat­tiert, in einem Schu­ber ein­ge­fasst, mit gepräg­ten, gra­fi­schen Ele­men­ten und einem sil­ber­nen Farb­schnitt prä­sen­tiert sich das neue Werk von Sag­meis­ter und Walsh dem Leser. Nimmt man das par­ti­ell, uv-lackier­te Buch aus dem Schu­ber her­aus, hält man eine 278-sei­ti­ge, faden­ge­hef­te­te Bro­schur in den Hän­den, der es eben­so im Inne­ren nicht an opti­scher Zurück­hal­tung mangelt.

»Schön­heit ist das Quan­tum Mensch­lich­keit, das unser Leben bes­ser macht.« Ste­fan Sag­meis­ter und Jes­si­ca Walsh sind der Mei­nung, dass das Bewusst­sein für Schön­heit essen­ti­ell für das Zusam­men­le­ben unse­rer Gemein­schaft ist. Zu Beginn des Buches geben sie einen Ein­blick in ver­schie­de­ne Defi­ni­tio­nen von Schön­heit. So kann Schön­heit zum Bei­spiel mathe­ma­tisch, phi­lo­so­phisch oder gar wis­sen­schaft­lich erklärt wer­den. Das dar­auf­fol­gen­de Kapi­tel »Eine kur­ze Geschich­te der Schön­heit« zeigt, dass in Kon­zep­ten aus den Berei­chen Archi­tek­tur, Gra­fik- und Pro­dukt­de­sign, Mode, Stadt­pla­nung oder Kunst der Begriff der Schön­heit schon immer eine wich­ti­ge Rol­le ein­ge­nom­men hat. Wie erle­ben wir Schön­heit? Die­se Fra­ge ver­su­chen die Autoren mit­tels des Kon­sen­ses der brei­ten Mas­se, im wei­te­ren Ver­lauf des Buches, zu beant­wor­ten. Sag­meis­ter rief schon im Vor­feld der Ver­öf­fent­li­chung auf Insta­gram zu diver­sen Umfra­gen auf, um so her­aus­zu­fin­den wel­che Cola-Dose, wel­cher Rei­se­pass oder wel­che Bank­no­te als am schöns­ten emp­fun­den wird. Es resul­tiert, dass Schön­heit nicht im Auge des Betrach­ters liegt, son­dern durch­aus ein ähn­li­ches Schön­heits­emp­fin­den inner­halb der befrag­ten Per­so­nen vor­zu­fin­den ist. Auf­bau­end auf sie­ben Kapi­teln prä­sen­tier­ter Schön­heit endet die­ses Pro­jekt mit einem Mani­fest. Wer ein fer­ti­ges Schlüs­sel­kon­zept für Schön­heit erwar­tet hat, wird wohl eher ent­täuscht. Hier geht es nicht dar­um, Schön­heit zu defi­nie­ren. Das Mani­fest appel­liert an die Eigen­in­itia­ti­ve eines jeden Ein­zel­nen, durch eige­ne Leis­tung die Erkennt­nis­se die­ses Buches im All­tag umzu­set­zen um so Zweck­mä­ßig­keit und Pas­si­vi­tät entgegenzuwirken.

Mit dem Ver­such, die­ses Buch mit fünf Schrift­schnit­ten deko­ra­tiv zu gestal­ten, kommt an man­chen Stel­len lei­der die Les­bar­keit zu kurz. Durch immer wie­der ein­ge­scho­be­ne Sei­ten vol­ler Gra­fi­ken und Bil­der wird der Lese­fluss unter­bro­chen. Am Ende fragt man sich, ob man die­ses Buch ernst­haft als Ide­al­bild von Schön­heit sehen kann.

Für knapp 40 Euro erhält man mit »Beau­ty« eine unter­halt­sa­me Lek­tü­re, die sich als Fun­da­ment für einen semi-phi­lo­so­phi­schen Dis­kurs über Schön­heit, wäh­rend eines Grill­abends unter Freun­den eig­net. Sag­meis­ter und Walsh’s Werk ist kei­nes­falls als wis­sen­schaft­lich unter­mau­er­tes Werk zu betrach­ten. Die Kom­bi­na­ti­on aus kurz­wei­li­gen Tex­ten und einer gro­ßen Zahl an Bil­dern und Gra­fi­ken lädt dazu ein, die­ses Buch in ein paar Stun­den durch­zu­blät­tern. Schön.

Mythen des Alltags

Food Porn – wessen Auge isst mit?

Über das Fotografieren von Mahlzeiten

»Moment, noch nicht anfan­gen zu essen. Ich muss erst noch ein Foto machen und das in mei­ne Insta­gram-Sto­ry laden.« Heut­zu­ta­ge ist das ein ganz nor­ma­ler Satz am Tisch. Bevor das mühe­voll gekoch­te Essen ver­zehrt wer­den darf, muss es erst noch für die Ewig­keit auf Smart­phones, Insta­gram-Pro­fi­len und Clouds der nam­haf­ten Social-Media-Unter­neh­men fest­ge­hal­ten werden. 

Das stun­den­lan­ge, kunst­vol­le Anrich­ten von hip­pen Mahl­zei­ten, wie Avo­ca­do-Toast oder einer »Healt­hy Bowl« wird nicht für das eige­ne Auge getan. Nein, Big Brot­her is wat­ching you: Damit sind die zahl­rei­chen Insta­gram-, Snap­chat- und Face­book-Fol­lower gemeint. Je mehr Like-Anga­ben der Bei­trag erhält, des­to bes­ser fühlt man sich – als sei man der König der Küche. Was zählt, ist das Aus­se­hen der Mahl­zeit, weni­ger, ob es spä­ter auch wirk­lich mundet. 

Woher kommt die­ser Drang zum Doku­men­tie­ren von Spei­sen? Gewiss, unse­re Urvor­fah­ren haben mit stol­zer Brust ihrem Rudel den selbst­er­leg­ten Bison prä­sen­tiert – die ein oder ande­re Höh­len­ma­le­rei erleg­ter Tie­re belegt das. Aber das Wand­ge­mäl­de wur­de sicher­lich nicht vor dem Essen ange­fer­tigt, und das erleg­te Tier wur­de auch nicht mühe­voll dra­piert und insze­niert. Es scheint also einen Ruf nach Auf­merk­sam­keit in unse­rer glo­ba­li­sier­ten Welt zu geben.

Inzwi­schen errei­chen Bei­trä­ge auf Insta­gram mit dem Hash­tag #food, #food­porn und #food­sta­gram Ver­lin­kun­gen in Mil­lio­nen­hö­he. Tuto­ri­als, die zei­gen, wie man das stil­voll insze­nier­te Mahl am Bes­ten belich­tet und in Sze­ne setzt, bekommt man mitt­ler­wei­le von meh­re­ren Super­markt­gi­gan­ten oder Lie­fer­diens­ten gra­tis unter die Nase gerie­ben. Ob man es glaubt oder nicht – in New York besteht sogar die Mög­lich­keit, einen Kurs zum The­ma »pro­fes­sio­nell Essen foto­gra­fie­ren« an einer der pro­mi­nen­tes­ten Koch­schu­len zu besu­chen.[1]

Essen hat mit Genuss zu tun. Wie­so müs­sen wir dann war­ten, bis Mil­lio­nen ande­re Men­schen da drau­ßen das Kunst­werk gese­hen haben, bevor wir selbst zugrei­fen dür­fen? Brau­chen wir jetzt auch schon bei dem Grund­be­dürf­nis der Nah­rungs­auf­nah­me Bestä­ti­gung und Lob? Ist ein Gespräch mit unse­rem mensch­li­chen Gegen­über aus Fleisch und Blut plötz­lich weni­ger wert als das Schmei­cheln unse­res Smart­phones und das Ergöt­zen über jedes ein­zel­ne Like? 

Dabei soll­ten wir uns eigent­lich dar­an erfreu­en, dass wir noch sozia­le Kon­tak­te außer­halb der Social-Media-Welt besit­zen. In die­sem Sin­ne: Das Auge ger­ne mal vom Smart­phone und vom kunst­voll insze­nier­ten Mahl heben, um sein Gegen­über anzu­lä­cheln. Denn das Auge kann mehr als bloß mitessen.

Buchbesprechung

»Ideen zur Selbstvermarktung«

Damian Gerbaulet über Kommunikationsdesign als Marke

»Wer nicht ein­zig­ar­tig ist, ist aus­tausch­bar das gilt auch und ins­be­son­de­re für uns Desi­gner.« (S. 77) Mit die­sem Stich­wort zu Ende sei­nes Fach­bu­ches »Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign als Mar­ke« macht Dami­an Ger­bau­let klar, wor­um es ihm in sei­nem kom­pak­ten, 112-sei­ti­gen Werk aus 2011 geht: um die Ent­wick­lung eines Gestal­ters hin zu einer Mar­ke. Damit wäre auch schon ein­mal die Ziel­grup­pe geklärt: Gestal­ter im Bereich Kommunikationsdesign.

Der Ein­band des vom Nor­man Beck­mann Ver­lag her­aus­ge­ge­be­nen Buchs mit einem glän­zen­den Lack­auf­trag und Beti­telung in Ger­bau­lets eige­ner Hand­schrift lässt vie­le Men­schen mit Sinn für Gestal­tung in Buch­hand­lun­gen zugrei­fen. Dami­an Ger­bau­let bie­tet eine gute Über­sicht inner­halb des Buchs, denn er glie­dert die­se kom­ple­xen und abs­trak­ten The­men in meh­re­re Tei­le, in denen er dann ver­sucht, den Lesern das jewei­li­ge The­ma ober­fläch­lich nahe­zu­le­gen. Ger­bau­let ver­folgt die Absicht, den Lesern neue Per­spek­ti­ven auf bestehen­de Kon­zep­te und Stra­te­gien im Design- und Mar­ken­sek­tor zu lie­fern. Er galop­piert dabei über die geschicht­li­che Ent­wick­lung von Mar­ken mit pro­mi­nen­ten Bei­spie­len wie Hen­kel, Alli­anz und Dr. Oet­ker. Er grast das The­ma »Ent­wick­lung zur Copo­ra­te Iden­ti­ty« in einer klei­nen Sei­ten­an­zahl ab und reißt die die Begrif­fe »Wer­bung, Bran­ding und Sam­mel­kar­ten« an. Im fol­gen­den Ver­lauf spricht Ger­bau­let erst­mals direkt über das eigent­li­che The­ma des Buchs, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign als Mar­ke, und setzt hier­bei sei­nen Fokus auf die Kleinst­be­trie­be der Bran­che. Auf ein paar Sei­ten gibt Dami­an Ger­bau­let Rat­schlä­ge zur Mar­ken­ent­wick­lung aus eige­ner Erfahrung. 

Um sei­ne The­sen zu begrün­den, hängt er am Ende sei­nes Buchs noch meh­re­re geführ­te Inter­views mit nam­haf­ten Per­sön­lich­kei­ten der Bran­che an, mit denen er über Kun­den­ge­win­nung und Design als Mar­ke plau­dert. Da wäre zum einen Ste­fan Sag­meis­ter, der Ger­bau­elts Fra­gen gedul­dig beant­wor­tet. Oder Kurt Wei­de­mann, der dem Autor eben­falls Aus­kunft gibt. Das schwa­che Vor­wort von Hol­ger Jung (Jung von Matt) mag man­che Leser gleich auf der ers­ten Sei­te abschre­cken. Den­noch lohnt es sich, dran­zu­blei­ben und sich durch die eigent­lich kom­ple­xen Fra­ge­stel­lun­gen durch­zu­ar­bei­ten. Dami­an Ger­bau­let mag nicht alles aus den Gebie­ten Mar­ken­ent­wick­lung in Ver­bin­dung mit Design auf­ge­grif­fen und aus­for­mu­liert haben, den­noch bie­tet sein schma­les Werk einen guten ers­ten Ein­blick in die Mate­rie. Die hand­schrift­li­chen Ergän­zun­gen auf den Buch­sei­ten schei­nen das zu unter­strei­chen, was Ger­bau­let in sei­nem Text aus­drü­cken möch­te: Indi­vi­dua­li­tät, Ein­zig­ar­tig­keit. Die Tat­sa­che, dass Ger­bau­let jedoch sehr oft im Buch sei­ne etwas unle­ser­li­che Hand­schrift ein­setzt und auch Mar­kie­run­gen inner­halb von Tex­ten dem Leser vor­gibt, mag man­chem Gestal­ter die Haa­re zu Ber­ge ste­hen las­sen. Eben­falls der Lay­out­mix und das stel­len­wei­se ver­zwei­fel­te Suchen nach Sei­ten­zah­len, die sich oft in Gra­fi­ken an den unter­schied­lichs­ten Stel­len ver­ste­cken, muss man mögen …

»Ziel soll­te es sein, als bes­te ver­füg­ba­re Wahl auf dem Markt wahr­ge­nom­men zu wer­den.« (S. 70) Dami­an Ger­bau­let stellt hohe Anfor­de­run­gen an Gestal­ter. Als Gestal­ter soll­te man kei­ne zu hohen Anfor­de­run­gen an sein Fach­buch stel­len. Möch­te man einen nicht tie­fer gehen­den Ein­druck von der Bran­che erhal­ten, eig­net sich die­ses Buch gut. Aber womög­lich gibt es Gestal­ter, die mehr Tief­gang wünschen.

Buchbesprechung

»Die Welt ist ein großes Fest der Farben«

Kenya Hara taucht ein in die Tiefen von Weiß

Was ist eigent­lich Weiß? Wann ist etwas weiß? Und wie steht Weiß in Rela­ti­on zu Ästhe­tik und Kom­mu­ni­ka­ti­on in unse­rer Gesell­schaft? Kenya Hara nimmt den Leser in sei­nem Buch mit auf eine Rei­se in die phy­si­ka­li­sche, phi­lo­so­phi­sche und kul­tu­rel­le Mani­fes­ta­ti­on von Weiß und deckt Schritt für Schritt die bedeu­tungs­schwe­re Lebens­phi­lo­so­phie hin­ter die­sem Wort auf. »Weiß«, das ist kein Buch über Far­be, es geht viel­mehr um das Ergrün­den von Weiß und der tie­fer grei­fen­den Bezie­hung von Weiß zu »Lee­re«.

Das Buch, geschrie­ben vom japa­ni­schen Desi­gner, Pro­fes­sor und Art Direc­tor Kenya Hara (*1958), ist, ent­spre­chend dem Titel, in schlich­tem Weiß gehal­ten und wur­de 2010 vom Lars Mül­ler Ver­lag publi­ziert. Die 86 Sei­ten wur­den von Ani­ta Brock­mann aus dem Japa­ni­schen ins Deut­sche über­setzt. In vier Kapi­teln tas­tet sich der Autor Schritt für Schritt an die Ergrün­dung von Weiß her­an und lässt den Leser durch einen poe­ti­schen und male­ri­schen Schreib­stil ganz nah am die­sem Pro­zess teilhaben. 

In »Die Ent­de­ckung von Weiß« fokus­siert sich Hara auf die phy­si­ka­li­schen Eigen­schaf­ten von Weiß und damit ein­her­ge­hend ihre phi­lo­so­phi­sche Deu­tung. Eigent­lich als »Nicht­far­be« defi­niert, hat der Begriff in der tra­di­tio­nel­len japa­ni­schen Farb­leh­re sei­nen Ursprung in dem Wort »shi­ro­shi«, das für Klar­heit und Voll­kom­men­heit steht. Dadurch hebe sich Weiß ganz klar vom »Cha­os«, also allen Far­ben die­ser Erde, ab. Es schwebt per Defi­ni­ti­on über allem ande­ren. Der Ver­fas­ser beschreibt Weiß als die ursprüng­li­che Form von Leben bezie­hungs­wei­se Infor­ma­ti­on, die aus dem Cha­os ent­steht. Jeg­li­ches Weiß, das wir hier auf der Erde wahr­neh­men, ist »unrein und kon­ta­mi­niert« und ledig­lich eine Illu­si­on. Somit steht Weiß für pures Leben und sym­bo­li­siert den von jedem Wesen ange­streb­ten Zustand. 

Papier ist Weiß. Es ist ein Medi­um, das die Krea­ti­vi­tät sti­mu­liert und Impul­se zur Kom­mu­ni­ka­ti­on gibt. Folg­lich ist Papier mate­ria­li­sier­te Klar­heit und ragt aus dem Cha­os her­aus. Mit die­ser Schluss­fol­ge­rung baut der Autor im zwei­ten Kapi­tel »Papier« auf dem vor­he­ri­gen Kapi­tel auf. Er taucht zusam­men mit dem Leser in die Ursprün­ge der Papier­her­stel­lung und Typo­gra­fie ein und defi­niert das Geheim­nis einer har­mo­ni­schen Kom­po­si­ti­on aus bei­den Kom­po­nen­ten. »Buch­sta­ben haben im Kon­trast zu dem Weiß, das sie umgibt, als Objek­te eine eigen­stän­di­ge Schön­heit ent­wi­ckelt, die sich tief­schwarz in das Papier geprägt hat.« (S.39) Auf nah­ba­re und sym­pa­thi­sche Art und Wei­se beschreibt Kenya Hara in die­sen Pas­sa­gen auch sei­ne per­sön­li­che Aus­ein­an­der­set­zung als Desi­gner mit Papier. 

»Ein Zustand, in dem nichts ist, bie­tet die Mög­lich­keit, ihn mit irgend­et­was zu fül­len.« (S.45) Das Prin­zip der »Lee­re«, ein Zustand in dem nichts ist, erläu­tert der Autor facet­ten­reich im drit­ten Kapi­tel, genannt »der lee­re Raum«. Er stellt die Nicht­far­be »Weiß« gleich dem Begriff des »Nicht-Seins« und ver­weist gleich­zei­tig auf das enor­me Poten­ti­al, die­se »Lee­re« zu fül­len. Anschau­lich demons­triert Hara den »lee­ren Raum« anhand von reli­giö­sen Bau­ten des japa­ni­schen Schin­to­is­mus, er gibt Bei­spie­le aus der japa­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kul­tur des »Nicht Sagen« und ana­ly­siert die Aus­drucks­kraft von Sym­bo­len, die letzt­end­lich auch nur mit »lee­ren Gefä­ßen« gleich­zu­set­zen sind, die man mit allen erdenk­li­chen Bedeu­tun­gen fül­len kann (vgl. S.56). Am Exem­pel der schlich­ten japa­ni­schen Tee­ze­re­mo­nie lei­tet Kaya schließ­lich zum Begriff der Ästhe­tik in Bezug auf Design über. Durch lite­ra­ri­sche Stil­mit­tel, wie etwa Meta­pher und Ver­gleich, wird das Wir­ken von Schlicht­heit, Ein­fach­heit und Reduk­ti­on auf gelun­ge­ne Gestal­tung erläutert.

»Hin zu Weiß« – auf den letz­ten zehn Sei­ten führt der Autor auch Weiß zur Voll­endung. Der Schlüs­sel zu Weiß, so sagt er, liegt weni­ger im Wis­sen als viel­mehr im Ver­ste­hen von Din­gen. »Wis­sen (…) lähmt unser Bewusst­sein und lässt es im Sumpf der Erkennt­nis ver­sin­ken. Ver­ste­hen bedeu­tet, aus die­sem Sumpf ein Bewusst­sein her­aus­zie­hen (…)« (S. 83) Der Leser wird dafür sen­si­bi­li­siert, dass Weiß nicht ein­fach da ist. Es bedarf Zeit, Pfle­ge und Geduld, sich Weiß zu nähern. Es ist, so Hara, ein Pro­zess der nach Voll­endung strebt, und viel­leicht bringt allei­ne die­se Erkennt­nis den Leser des Buches dem Ver­ständ­nis von Weiß ein Stück­chen näher. 

Mit Weiß hat Kenya Hara eine anspruchs­vol­le Lek­tü­re geschaf­fen, die nicht nur Desi­gner von den ers­ten Sät­zen an in den Bann zieht. Der Band ist Wis­sens­ver­mitt­ler, zugleich aber auch mit »Weiß­raum« gespick­ter Impuls­ge­ber, um beim Lesen inne­zu­hal­ten und zu hin­ter­fra­gen. Hara sen­si­bi­li­siert für den Umgang mit Weiß und regt dazu an, den ganz per­sön­li­chen Blick auf die Welt zu ändern. Weiß – ein Buch, das auch in der deut­schen Fas­sung voll­kom­men über­zeu­gen kann.

Hördatei

You still have to have the critical thinking”

Adam Cutler über Menschen und Maschinen

Von Robin Auer


Wie wer­den künst­li­che Intel­li­gen­zen unser Leben berei­chern und ver­än­dern? Wie unter­schei­det sich die Arbeit mit künst­li­chen Intel­li­gen­zen von klas­si­schen Design­auf­ga­ben und wel­che Grund­sät­ze müs­sen dabei beach­tet wer­den? Adam Cut­ler ist »Com­pu­ter Rela­ti­onship Exper­te« bei IBM und beschäf­tigt sich mit dem Zusam­men­spiel der mensch­li­chen Natur und künst­li­cher Intel­li­genz. Gemein­sam mit sei­nem Team geht er der Fra­ge nach, wie Men­schen Bezie­hun­gen unter­ein­an­der auf­bau­en, und ver­sucht, die­ses Kon­zept auf die Bezie­hung zwi­schen Mensch und Maschi­ne zu übertragen.

»Spra­che für die Form« besuch­te Adam Cut­ler bei IBM Design in Aus­tin, um über den Wan­del der Design­bran­che zu spre­chen. Dabei ging es um die Zusam­men­hän­ge von Design, Wer­bung, Sta­tis­tik und Psy­cho­lo­gie. Zudem ging es um die Digi­ta­li­sie­rung im Design, um künst­li­che Intel­li­genz und dar­um, wie ein Welt­kon­zern mit die­sen The­men umgeht.

 

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