Mythen des Alltags
Selfie-Stick
Wenn Teleskopstab-Akrobaten fotografieren
»Entschuldigung, könnten Sie bitte ein Foto von uns machen?« – diese Frage hört man immer seltener, denn stattdessen greifen Freizeitfotografen heute emanzipiert zum Selfie-Stick.
Nach seiner Erfindung und Markteinführung unter dem Namen »Quikpod« wurde der Selfie-Stick 2014 im Time Magazine unter die 25 besten Erfindungen des Jahres gewählt.[1] Ebenfalls 2014 schossen die Google-Suchanfragen nach dem Suchbegriff »Selfie-Stick« weltweit in die Höhe.[2]
Das spiegelt sich in der Realität wider: Immer öfter sind in der Öffentlichkeit Menschen mit einem Selfie-Stick zu sehen. Das Prinzip dabei ist simpel: Der Selfie-Stick ist ein ausfahrbarer Teleskopstab, an dessen einem Ende sich ein gummierter Griff, am anderen Ende eine Halterung für Smartphones befindet. Der Stab wird zu einem verlängerten Arm und erlaubt dabei einen höheren Winkel und damit andere Perspektiven. Das ermöglicht auch Aufnahmen von mehreren Personen oder das Einbeziehen der Umgebung.
Einen Vorläufer einer solchen Armerweiterung zum Fotografieren präsentierte die Firma »Minolta« schon 1983 mit ihrer patentierten Teleskopverlängerung für Kameras[3] Mittlerweile hat der Teleskopstock jedoch einiges an Raffinesse hinzugewonnen. Der Auslöser der Handykamera kann bei den mittel- und höherpreisigen Modellen beispielsweise mittels Bluetooth oder direkt am Griff des Stabs betätigt werden. Das erspart ein lästiges Einstellen des Selbstauslösers an der Handkamera und ganz nebenbei auch noch das wenige bisschen soziale Interaktion, das nötig gewesen wäre, hätte man einen Passanten um die perfekte Inszenierung bitten müssen. Der Selfie-Stab macht uns unabhängig. Das macht ihn besonders bei Touristen zu einer unverzichtbaren Erweiterung der Ich-Zone. Kaum ein Stadtbummel, in dem man nicht einen Selfie-Stick-Knipser entdeckt und ihn bei seinen zahlreichen »Schnappschüssen« amüsiert beobachten könnte. Kaum eine Innenstadt, in der man sich nicht durch dieses gesponnene Netz aus Teleskopstäben und angestrengt in ihre Smartphones grinsenden Menschen manövrieren müsste.
Die Selfie-Stick-Manie geht mittlerweile so weit, dass sich viele große Museen, Freizeitparks und Sportvereine gezwungen sehen, Maßnahmen zu ergreifen. Das Sicherheitsrisiko sei schlichtweg zu groß. Die Staatlichen Museen Berlin zum Beispiel ordneten den Teleskopstab als »sperrige[n] und scharfkantige[n] Gegenstand« ein, der sowohl Besucher, wie auch Ausstellungsstücke gefährde.[4]
Das boomende Sich-selbst-Fotografieren ist jedoch keineswegs bloß Ausdruck einer neuen Selbstverliebtheit, sondern vielmehr eine Vergewisserung seiner Selbst, ein Zeichen von Identitätsbewusstsein, ein Herausheben des Individuums aus der Masse. Das Selfie kann als eine zeitgenössische Form der Kommunikation gesehen werden – der Selfie-Stick ist dabei ein hilfreiches Werkzeug hin zur Professionalisierung des Selbstporträts und dem Erhalt der Kontrolle über die Darstellung des Ichs.
Dennoch empfindet mancher diese Flut an meist belanglosen Selbstdarstellungen als befremdlich. Das schamlose, öffentliche Posieren mit dem Selfie-Stick wirkt beinahe so, als sei es irrelevant, welchen Eindruck man in der realen Welt hinterlasse. Viel wichtiger sei die, ohnehin besser kontrollierbare, Inszenierung und Platzierung des Ichs in der virtuellen Welt. Der Selfie-Stick fördert diese Verschiebung von Realität zu Virtualität nicht nur in Bezug auf die Persönlichkeitsdarstellung. Auch die soziale Kommunikation und Interaktion verlagert sich immer weiter in den virtuellen Raum. »Gefällt dir dieses Foto? Kommentar hinzufügen …«
- [1] https://www.stern.de/digital/homeentertainment/selfie-stange--wayne-fromm-von-quikpod-ist-der-erfinder-des-selfie-stick-3472316.html, Stand: 8.7.2019.
- [2] https://trends.google.de/trends/explore?date=all&geo=DE&q=selfie%20stick, Stand: 8.7.2019.
- [3] https://patents.google.com/patent/US4530580, Stand: 8.7.2019.
- [4] https://www.monopol-magazin.de/selfie-sticks-vielen-deutschen-museen-verboten-0, Stand: 8.7.2019.
Illustrationen
Amsterdamer Stadtszenen
Stefan Schmid war mit dem Skizzenbuch unterwegs
Amsterdam – überall Wasser, Brücken, kleine Boote, große Schiffe, 400 Jahre alte schöne Häuser, beeindruckende moderne Architektur, unzählige Radfahrer, noch mehr Touristen, Märkte, Deiche, Schleusen, aufgeschlossene Menschen. Prof. Stefan Schmid aus dem Studiengang Mediapublishing der Hochschule der Medien (HdM) verbrachte sein Forschungssemester an der Hochschule von Amsterdam. Nebenbei war er immer wieder mit einem Skizzenbuch unterwegs, um Szenen dieser Stadt festzuhalten.
Die Bleistiftskizzen und Buntstiftzeichnungen zeigen interessante Orte, Situationen oder atmosphärische Eindrücke: Zeichnen als eine Möglichkeit, das Gesehene und Erlebte intensiv kennenzulernen. Eine Auswahl der im Sommer 2019 entstandenen Zeichnungen wurde an der Hochschule der Medien als vergrößerte Drucke ausgestellt.
Essay
Methoden der Designwirkungsforschung
Ein Projekt mit angehenden Kommunikationsdesignern
1 Ein Projekt der Designwirkungforschung
Müssen sich Gestalter »allein« auf ihre guten Riecher, auf Erfahrung und auf Fachwissen verlassen? Oder ließe sich vorhersagen, ob ihre Gestaltungen die beabsichtigten Wirkungen hervorrufen und das im Nachgang auch überprüfen? Diese Fragen zielen auf das, was in anderen Disziplinen »Wirkungsforschung« genannt wird und was im Kommunikationsdesign noch wenig etabliert ist, weder hinsichtlich einer theoretischen Fundierung noch hinsichtlich eines Methodenrepertoires. Für eine Designwirkungsforschung ließe sich manches von benachbarten Disziplinen abschauen und auf das Design übertragen, z. B. Ansätze und Methoden der Medien- oder der Werbewirkungsforschung, wie sie von Kommunikations- und Medienwissenschaftlern betrieben werden. Ungeachtet dessen sollten für eine Designwirkungsforschung aber auch disziplinspezifische Methoden entwickelt werden, mit denen sich Wirkungsabsichten, Gestaltungsmittel und die erzielten Wirkungen von Designartefakten sowie die Wechselwirkungen zwischen diesen Elementen erforschen lassen.
Von diesen Überlegungen gingen wir aus, als wir im Masterstudiengang »Kommunikationsdesign« der Hochschule Konstanz ein Projektmodul starteten, mit denen die jungen Designer an Forschung und Wissenschaft in ihrer Disziplin herangeführt werden und sich mit Methoden der Wirkungsforschung über visuelle Designartefakte befassen sollten. Am Beispiel von Wahlplakaten, die in der Bundestagswahl 2017 zum Einsatz kamen, stellten wir unseren Studenten folgende Aufgabe:
Entwickeln Sie Methoden, mit denen die Wirkung der Gestaltung von Wahlplakaten untersucht werden kann. Mit welchen Gestaltungselementen und Stilmitteln wird Wiederkennung und Memorierbarkeit bewirkt, wie Aufmerksamkeit erzwungen, Unterscheidbarkeit herbeigeführt? Mit welchen Methoden kann das geprüft werden?
Die Seminarteilnehmer sollten dazu Experimente entwickeln, umsetzen, auswerten, verbessern und weiterentwickeln – also am Ausbau des Methodenrepertoires einer Designwirkungsforschung arbeiten und Erfahrungen mit wissenschaftlichen Arbeitsweisen sammeln.
Für uns als Dozenten war dieses Projektmodul selbst ein Experiment mit nicht vorhersehbarem Ausgang. Würde es uns gelingen, den Studenten das nötige theoretische, wissenschaftliche und empirische Rüstzeug zu vermitteln, damit sie tatsächlich brauchbare Methoden der Designwirkungsforschung entwickeln könnten? Was gehörte zu diesem Rüstzeug? Und könnten wir Studenten eines gestalterischen Faches Freude am wissenschaftlichen Arbeiten und Forschen vermitteln?
Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, wollten wir unser beider persönliche Kenntnisse und unser spezifisches Wissen auf die Waagschale legen. Brian Switzer ist Professor für Kommunikationsdesign und ein international tätiger Gestalter, geschult in »human centered design« und »design thinking« und erfahren im Umgang mit »design methods« und deren Einsatz in komplexen Designprojekten, ein Experte für Informationsaufbereitung und Datenvisualisierung. Volker Friedrich lehrt Schreiben und Rhetorik, ist Philosoph, entwickelt für das Kommunikationsdesign eine Wissenschaftstheorie auf philosophischer Basis, die verknüpft wird mit einer pragmatischen, auf der Rhetorik aufbauenden Designtheorie; zudem ist er mit Methoden empirischer Sozialwissenschaft vertraut.
Essay
Elemente, Paradigmen, Medien
Bausteine für ein Nachdenken über Technik
In diesem Beitrag soll für eine spezifische Betrachtungsweise der Technik geworben werden. Es geht um die Frage: Wie kann Technik gedacht und über Technik nachgedacht werden? Und natürlich damit verbunden: Wie kann über Technik gesprochen werden?[1] Dabei geht es mir nicht um ein möglichst allgemeines Technikverständnis, etwa im Sinne eines umfassenden soziotechnischen Systems[2], sondern um Technik, wie sie in einzelnen Artefakten und Prozessen realisiert ist[3]; allein in diesem Sinne wird im Folgenden der Begriff »Technik« gebraucht. Dies ist eine bewusste Einschränkung. Ich möchte nicht bestreiten, dass einzelne Techniken immer in größere systemische Zusammenhänge eingebunden sind und mit diversen ökonomischen, politischen und sozialen Faktoren wechselwirken. Entsprechend wird im weiteren Verlauf diese Wechselwirkung unweigerlich am Rande berührt.
Für die angestrebte Betrachtungsweise werden verschiedene Theorie-Bausteine zusammengetragen. Diese Bausteine sind – je mit Blick auf die Technik – »Aufbau aus Elementen«, »Prägung durch Paradigmen« und »Gestaltung in Medien«. Die genannten Bausteine sind selbst nicht neu und an diversen Stellen in der Literatur zu finden, wie ich exemplarisch zeigen werde. Allerdings werden diese Aspekte meist einseitig ins Feld geführt, was die resultierenden Technikkonzeptionen mindestens unvollständig macht. Im Folgenden werden die genannten Bausteine nacheinander vorgestellt und kritisch diskutiert sowie am Ende zu einem Gesamtbild zusammengeführt. Zuletzt wird dafür argumentiert, dass das Denken in der genannten Trias diverse theoretische und praktische Vorteile mit sich bringt.
Baustein 1: Aufbau aus Elementen
Konkrete technische Artefakte und Prozesse sind immer aus verschiedenen Elementen aufgebaut. Betrachten wir zuerst einfache technische Gegenstände in der Form mechanischer Vorrichtungen. Bereits antike Autoren stellten fest, dass sich ihre mechanischen Techniken auf »einfache Maschinen« oder »Basismechanismen« zurückführen lassen[4]. Je nach Quelle sind diese einfachen Maschinen z. B. Seil bzw. Stab (ändert den Angriffspunkt einer Kraft), Rolle (Ändert die Richtung einer Kraft) und schiefe Ebene bzw. Keil (ändert Betrag und Richtung einer Kraft). Eine Schraube entstünde damit aus der Kombination aus einem Stab und einer schiefen Ebene, wobei die schiefe Ebene als um den Stab gewickelt verstanden werden kann. Die Idee von einzelnen Basismechanismen spielte über die Jahrhunderte eine wichtige Rolle in der Lehre der Technikwissenschaften. So wurde z. B. im 19. Jahrhundert Christopher Polhems Modellsammlung und seine Idee eines damit dargestellten »mechanischen Alphabets« bekannt[5]. Noch heute hören alle Maschinenbaustudenten Vorlesungen zum Thema »Maschinenelemente«[6], ein Feld in dem die entsprechenden materiellen Elemente wie auch die zugehörigen Berechnungs- und Auslegungsmethoden gelehrt werden. Ein Standardwerk in der Verfahrenstechnik trägt den Titel Elemente des Apparatebaues[7]. Auch verfügen aktuelle CAD-Programme[8] fast ausnahmslos über einen part- und einen assembly-Modus, wobei im ersten Einzelteile konstruiert und im zweiten Modus diese zu einer Gesamtkonstruktion zusammengesetzt werden.
Interessanterweise lässt sich diese Aufteilung in Elemente auf unterschiedlichen Ebenen durchführen. Eine Pumpe zum Fördern von Flüssigkeiten ist bspw. aus Gehäuseteilen, Schrauben, Dichtungen, einer Welle und einem Rotor aufgebaut. Diese Pumpe kann ihrerseits jedoch wieder Teil einer technischen Anlage sein, z. B. im Rahmen eines verfahrenstechnischen Prozesses, in dem sie mit Rohrleitungen und Kesseln – also weiteren Elementen – kombiniert wird. Die betreffende Anlage kann abermals Teil eines größeren Zusammenhangs sein, etwa eines Anlagenverbundes[9].
Weiterhin ist zu beachten, dass neue technische Artefakte nicht nur im Bereich des Mechanischen aus vorher bereits existierenden Elementen zusammengesetzt sind; dies gilt ebenso für elektronische Techniken. Die Elemente hierbei sind bspw. Leiterbahnen, Widerstände, Transistoren und Dioden. Jedoch nicht immer liegen die beteiligten Elemente in einer solch diskreten, klar abgrenzbaren Form vor. Ich würde etwa auch bei pharmazeutischen Produkten von technischen Artefakten sprechen[10]. Denkt man an eine Kopfschmerz-Tablette, liefern die Inhaltsstoffe eine mögliche Einteilung in Elemente, also z. B. der Wirkstoff Aspirin (chemisch Acetylsalicylsäure) wie auch weitere Hilfsstoffe (z. B. Cellulose, Lactose oder Stärke), die zusammen zu einer Tablette verpresst werden. Für manche Produktgruppen sind sogar die zulässigen Elemente gesetzlich vorgeschrieben. Typisch hierfür ist das deutsche Reinheitsgebot, welches die Zutaten festlegt, die beim Bierbrauen zum Einsatz kommen dürfen.
- [1] Dieser Text versteht sich damit auch als Beitrag zu einer Rhetorik der Technik; vgl. Friedrich, Volker: Zur Rhetorik der Technik. In: Sprache für die Form, Ausgabe Nr. 11, Herbst 2017. Online verfügbar unter: https://www.designrhetorik.de/zur-rhetorik-der-technik/
- [2] vgl. z. B. Ropohl, Günter: Allgemeine Technologie. Karlsruhe 2009.
- [3] Ich verstehe unter einem technischen Artefakt hier einen künstlich hervorgebrachten, materiellen Gegenstand mit funktionaler Ausrichtung. Durch technische Prozesse werden Artefakte produziert; Prozesse werden selbst unter Verwendung von Artefakten umgesetzt, z. B. Maschinen und Anlagen.
- [4] Usher, Abbot Payson: A History of Mechanical Invenstions. New York 1988. S. 120—122.
- [5] Ferguson, Eugene S.: Engineering and the Mind’s Eye. Cambridge/MA 1994. S. 137—142, 216 (Endnote 29).
- [6] vgl. z. B. Wittel, Herbert; Jannasch, Dieter; Voßiek, Joachim; Spura, Christian: Roloff/Matek Maschinenelemente. Wiesbaden 2017.
- [7] Titze, Hubert; Wilke, Hans-Peter: Elemente des Apparatebaues. Berlin 1992.
- [8] CAD = computer-aided design; die Abkürzung bezeichnet also Softwaresysteme zur Konstruktion am Computer.
- [9] Ropohl, Allgemeine Technologie, a. a. O., S. 122.
- [10] vgl. Anmerkung 3 oben.
Mythen des Alltags
Das Profilbild
Über die »Selfies der Seele«
Provokant, geheimnisvoll, oberflächlich, intim, tiefgründig oder schlicht eine anonyme, graue Silhouette – das Profilbild hat viele Gesichter.
Fast jeder von uns wird tagtäglich bewusst oder unbewusst mit den Facetten dieses expressiven Ausdrucksmittels der Gegenwart konfrontiert. Ein Miniatur-Porträt, das im digitalen Sozialumgang an die Stelle der eigenen Person tritt, scheint einen festen Platz in der Kommunikation unserer Informationsgesellschaft erlangt zu haben. Die Anonymität des Internets bietet jedem Nutzer die Möglichkeit sich seine eigene, ganz persönliche Maske aufzusetzen - der alltägliche Online-Karneval. Oder sind die kleinen Bildchen vielleicht doch mehr, als nur ein amüsanter Auswuchs der Digitalisierung?
Scrollt man am eigenen Smartphone durch die Chat-Übersicht seiner What’s-App-Kontaktliste, gewinnt man schnell den Eindruck durch die persönlichsten Lebensmomente seiner engsten und weniger engen sozialen Kontakte stöbern zu können - eine Ansammlung von Kühlschrankbildern, Passfotos, Postkartenmotiven, Familienporträts und Sedcard-Shoots. Alles frei zugänglich und willentlich von den Urhebern platziert, zusammengefasst unter dem neudeutschen Begriff des »Profilbilds«. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes aus dem französischen »profil«, was so viel heißt wie »Seitenansicht« oder »Schattenriss«, scheint dabei längst überwunden. Es geht nicht mehr darum, die persönliche Erscheinung schemenhaft zu umreißen, um die Zuordnung von Inhalten im Netz zu erleichtern, als vielmehr darum, ein eindeutiges, individuelles Statement zur eigenen Person, ja zur eigenen Existenz zu setzen - sich im digitalen Umfeld wortwörtlich zu profilieren. Dem eigenen, allzu austauschbar oberflächlichen Dasein eine charakteristische Anmutung, ein Profil, zu verleihen - das scheint der Anspruch an den modernen Social-Media-Nutzer zu sein. In der kreativen Umsetzung dieses Profilierungsprozesses scheinen sich allerdings sehr unterschiedliche Herangehensweisen entwickelt zu haben. Bei näherer Betrachtung sind vier verschiedene Typen von Profilbild-Nutzergruppen auszumachen.
Da wäre zum einen die Gruppe der semi-professionellen Selbstdarsteller, deren Mitglieder vorwiegend qualitativ hochwertige Porträt-Fotografien als Profilbild favorisieren. Meist wird das eigene Gesicht mit dezent leidend verzerrtem Blick zur Kamera inszeniert. Alternativ kann auch ein hippes Ganzkörper-Porträt in gestellt lässiger Gehpose und gewollt spontanem Snapshot-Charakter zum Einsatz kommen. In jedem Fall muss es ästhetisch einwandfrei sein. Inspiriert von der Modefotografie wird das eigene soziale Umfeld dafür oft als Hobby-Fotografen missbraucht. Die Selbstdarsteller vermitteln mit ihren Motiven Überlegenheit, Stärke und Selbstbewusstsein.
Die Romantiker hingegen setzen eher auf emotionale Tiefe und philosophisch anmutende Melancholie in ihren Bildern. Das klassische Motiv dieser Nutzergruppe ist der nachdenkliche Blick in die Ferne. Aufgenommen von der Seite oder gerne auch von hinten, zeigt sich der Nutzer gedankenversunken mit unscharfem Blick in die Weiten einer meist paradiesisch anmutenden Urlaubslandschaft – vorzugsweise bei Sonnenaufgang oder -untergang und mit ausreichend Gegenlicht um das märchenhafte Stimmungsbild durch goldgelbe Lichteffekte perfekt zu machen. Romantiker vermitteln mit ihren Bildern gerne die eigene Tiefgründigkeit und ihre erstrebenswert vielschichtige, philosophische Sicht auf die Welt.
Die dritte Nutzergruppe, die Gruppe der Mitteilungsbedürftigen, zeichnet sich vor allem durch häufig wechselnde Profilbilder aus. Der Fokus liegt dabei weniger auf der eigenen persönlichen Erscheinung, als vielmehr auf den unzähligen neuen Errungenschaften in den scheinbar überdurchschnittlich ereignisreichen Leben dieser Nutzer. Ob aktuelle Partybilder mit den neuen besten Freunden, ein Selfie mit der geliebten Hauskatze, der letzte Besuch im Sternerestaurant oder Actionaufnahmen von diversen Outdoor-Aktivitäten – alles wird aussagekräftig im Profilbild dargestellt. Die Mitteilungsbedürftigen legen den Fokus auf die Vermittlung eines vor Kreativität sprudelnden, erfüllten Lebens, das jedem Betrachter erstrebenswert erscheinen soll. Einen anerkennende Kommentar zu ihren Bildern nehmen sie meistens dankend entgegen.
Die Phantome fallen als vierte und letzte Nutzergruppe etwas aus der Reihe, da sie der vorgesehenen Verwendung des Profilbildes aktiv entgegenwirken. Sie greifen meist entweder auf völlig zusammenhangslose Motive zurück oder verzichten gar vollständig auf ein Profilbild. Ihnen geht es vorrangig darum, sich selbst eben gerade nicht zu zeigen. Dies kann aus verschiedenen Motivationen heraus geschehen. Sei es übermäßiger Anspruch an die eigene Erscheinung, generelle Unsicherheit, das Bedürfnis, sich gegen den Mainstream zu stellen, oder aber bewusster Protest gegen die gesellschaftlichen Konventionen. Da man bekanntermaßen nicht nicht kommunizieren kann, vermitteln auch die Angehörigen dieser Nutzergruppe mit der Wahl oder Nicht-Wahl ihres Profilbildes mehr über ihre Person, als ihnen lieb oder bewusst sein mag.
Fakt ist: Profilbilder scheinen wohl einen höheren sozialen Stellenwert erreicht zu haben als uns gemeinhin bewusst sein mag. In gewisser Weise werden sie zum digitalen Spiegel der Seele. Die Wirkung der vielen subtilen Signale, die die kleinen Bildchen kommunizieren, ist dabei oft weitreichender, als man zunächst annehmen würde. Ob man will oder nicht – aktualisiert man sein Profilbild, wird unverzüglich das gesamte soziale Umfeld zu professionellen Kunstkritikern, Semiotikern und Psychoanalytikern. Jedes Detail des neuen Bildes wird kritisch beäugt, beurteilt und gegebenenfalls kommentiert: »Mit seiner Ex hatte der aber nie ’n Pärchen-Bild drin …«, »Auf deinem alten Profilbild hast du aber so hübsch gelächelt«, »Hat die ‘nen Freund oder is’ das ihr Bruder?«.
Es scheint also, als ob uns dieser Prozess der Profilbildwahl zu einer nie dagewesenen bewussten Definition der eigenen Person forciert. Nun können wir direkten Einfluss auf unseren ersten Eindruck nehmen und müssen uns dafür wohl oder übel mit unserer eigenen Identität oder zumindest der eigenen Erscheinung befassen. Zeige ich mich allein oder in Gesellschaft? Zeige ich mich fröhlich oder seriös? Wer bin ich, und wer will ich sein?
Der Versuch, unserem eigenen Dasein damit Profil zu verleihen, scheint allerdings oft im Gegenteil, in einer ungewollten Oberflächlichkeit zu resultieren. Dem ursprünglichen Wortstamm zufolge (profil von lat. filum, »Faden«) hängt unsere wahre Persönlichkeit dabei wohl am seidenen Faden.
Buchbesprechung
»Schönheit = Funktion = Wahrheit«
Sagmeister & Walsh über die Gestaltung der Zukunft
Mattiert, in einem Schuber eingefasst, mit geprägten, grafischen Elementen und einem silbernen Farbschnitt präsentiert sich das neue Werk von Sagmeister und Walsh dem Leser. Nimmt man das partiell, uv-lackierte Buch aus dem Schuber heraus, hält man eine 278-seitige, fadengeheftete Broschur in den Händen, der es ebenso im Inneren nicht an optischer Zurückhaltung mangelt.
»Schönheit ist das Quantum Menschlichkeit, das unser Leben besser macht.« Stefan Sagmeister und Jessica Walsh sind der Meinung, dass das Bewusstsein für Schönheit essentiell für das Zusammenleben unserer Gemeinschaft ist. Zu Beginn des Buches geben sie einen Einblick in verschiedene Definitionen von Schönheit. So kann Schönheit zum Beispiel mathematisch, philosophisch oder gar wissenschaftlich erklärt werden. Das darauffolgende Kapitel »Eine kurze Geschichte der Schönheit« zeigt, dass in Konzepten aus den Bereichen Architektur, Grafik- und Produktdesign, Mode, Stadtplanung oder Kunst der Begriff der Schönheit schon immer eine wichtige Rolle eingenommen hat. Wie erleben wir Schönheit? Diese Frage versuchen die Autoren mittels des Konsenses der breiten Masse, im weiteren Verlauf des Buches, zu beantworten. Sagmeister rief schon im Vorfeld der Veröffentlichung auf Instagram zu diversen Umfragen auf, um so herauszufinden welche Cola-Dose, welcher Reisepass oder welche Banknote als am schönsten empfunden wird. Es resultiert, dass Schönheit nicht im Auge des Betrachters liegt, sondern durchaus ein ähnliches Schönheitsempfinden innerhalb der befragten Personen vorzufinden ist. Aufbauend auf sieben Kapiteln präsentierter Schönheit endet dieses Projekt mit einem Manifest. Wer ein fertiges Schlüsselkonzept für Schönheit erwartet hat, wird wohl eher enttäuscht. Hier geht es nicht darum, Schönheit zu definieren. Das Manifest appelliert an die Eigeninitiative eines jeden Einzelnen, durch eigene Leistung die Erkenntnisse dieses Buches im Alltag umzusetzen um so Zweckmäßigkeit und Passivität entgegenzuwirken.
Mit dem Versuch, dieses Buch mit fünf Schriftschnitten dekorativ zu gestalten, kommt an manchen Stellen leider die Lesbarkeit zu kurz. Durch immer wieder eingeschobene Seiten voller Grafiken und Bilder wird der Lesefluss unterbrochen. Am Ende fragt man sich, ob man dieses Buch ernsthaft als Idealbild von Schönheit sehen kann.
Für knapp 40 Euro erhält man mit »Beauty« eine unterhaltsame Lektüre, die sich als Fundament für einen semi-philosophischen Diskurs über Schönheit, während eines Grillabends unter Freunden eignet. Sagmeister und Walsh’s Werk ist keinesfalls als wissenschaftlich untermauertes Werk zu betrachten. Die Kombination aus kurzweiligen Texten und einer großen Zahl an Bildern und Grafiken lädt dazu ein, dieses Buch in ein paar Stunden durchzublättern. Schön.
Mythen des Alltags
Food Porn – wessen Auge isst mit?
Über das Fotografieren von Mahlzeiten
»Moment, noch nicht anfangen zu essen. Ich muss erst noch ein Foto machen und das in meine Instagram-Story laden.« Heutzutage ist das ein ganz normaler Satz am Tisch. Bevor das mühevoll gekochte Essen verzehrt werden darf, muss es erst noch für die Ewigkeit auf Smartphones, Instagram-Profilen und Clouds der namhaften Social-Media-Unternehmen festgehalten werden.
Das stundenlange, kunstvolle Anrichten von hippen Mahlzeiten, wie Avocado-Toast oder einer »Healthy Bowl« wird nicht für das eigene Auge getan. Nein, Big Brother is watching you: Damit sind die zahlreichen Instagram-, Snapchat- und Facebook-Follower gemeint. Je mehr Like-Angaben der Beitrag erhält, desto besser fühlt man sich – als sei man der König der Küche. Was zählt, ist das Aussehen der Mahlzeit, weniger, ob es später auch wirklich mundet.
Woher kommt dieser Drang zum Dokumentieren von Speisen? Gewiss, unsere Urvorfahren haben mit stolzer Brust ihrem Rudel den selbsterlegten Bison präsentiert – die ein oder andere Höhlenmalerei erlegter Tiere belegt das. Aber das Wandgemälde wurde sicherlich nicht vor dem Essen angefertigt, und das erlegte Tier wurde auch nicht mühevoll drapiert und inszeniert. Es scheint also einen Ruf nach Aufmerksamkeit in unserer globalisierten Welt zu geben.
Inzwischen erreichen Beiträge auf Instagram mit dem Hashtag #food, #foodporn und #foodstagram Verlinkungen in Millionenhöhe. Tutorials, die zeigen, wie man das stilvoll inszenierte Mahl am Besten belichtet und in Szene setzt, bekommt man mittlerweile von mehreren Supermarktgiganten oder Lieferdiensten gratis unter die Nase gerieben. Ob man es glaubt oder nicht – in New York besteht sogar die Möglichkeit, einen Kurs zum Thema »professionell Essen fotografieren« an einer der prominentesten Kochschulen zu besuchen.[1]
Essen hat mit Genuss zu tun. Wieso müssen wir dann warten, bis Millionen andere Menschen da draußen das Kunstwerk gesehen haben, bevor wir selbst zugreifen dürfen? Brauchen wir jetzt auch schon bei dem Grundbedürfnis der Nahrungsaufnahme Bestätigung und Lob? Ist ein Gespräch mit unserem menschlichen Gegenüber aus Fleisch und Blut plötzlich weniger wert als das Schmeicheln unseres Smartphones und das Ergötzen über jedes einzelne Like?
Dabei sollten wir uns eigentlich daran erfreuen, dass wir noch soziale Kontakte außerhalb der Social-Media-Welt besitzen. In diesem Sinne: Das Auge gerne mal vom Smartphone und vom kunstvoll inszenierten Mahl heben, um sein Gegenüber anzulächeln. Denn das Auge kann mehr als bloß mitessen.
Buchbesprechung
»Ideen zur Selbstvermarktung«
Damian Gerbaulet über Kommunikationsdesign als Marke
»Wer nicht einzigartig ist, ist austauschbar das gilt auch und insbesondere für uns Designer.« (S. 77) Mit diesem Stichwort zu Ende seines Fachbuches »Kommunikationsdesign als Marke« macht Damian Gerbaulet klar, worum es ihm in seinem kompakten, 112-seitigen Werk aus 2011 geht: um die Entwicklung eines Gestalters hin zu einer Marke. Damit wäre auch schon einmal die Zielgruppe geklärt: Gestalter im Bereich Kommunikationsdesign.
Der Einband des vom Norman Beckmann Verlag herausgegebenen Buchs mit einem glänzenden Lackauftrag und Betitelung in Gerbaulets eigener Handschrift lässt viele Menschen mit Sinn für Gestaltung in Buchhandlungen zugreifen. Damian Gerbaulet bietet eine gute Übersicht innerhalb des Buchs, denn er gliedert diese komplexen und abstrakten Themen in mehrere Teile, in denen er dann versucht, den Lesern das jeweilige Thema oberflächlich nahezulegen. Gerbaulet verfolgt die Absicht, den Lesern neue Perspektiven auf bestehende Konzepte und Strategien im Design- und Markensektor zu liefern. Er galoppiert dabei über die geschichtliche Entwicklung von Marken mit prominenten Beispielen wie Henkel, Allianz und Dr. Oetker. Er grast das Thema »Entwicklung zur Coporate Identity« in einer kleinen Seitenanzahl ab und reißt die die Begriffe »Werbung, Branding und Sammelkarten« an. Im folgenden Verlauf spricht Gerbaulet erstmals direkt über das eigentliche Thema des Buchs, Kommunikationsdesign als Marke, und setzt hierbei seinen Fokus auf die Kleinstbetriebe der Branche. Auf ein paar Seiten gibt Damian Gerbaulet Ratschläge zur Markenentwicklung aus eigener Erfahrung.
Um seine Thesen zu begründen, hängt er am Ende seines Buchs noch mehrere geführte Interviews mit namhaften Persönlichkeiten der Branche an, mit denen er über Kundengewinnung und Design als Marke plaudert. Da wäre zum einen Stefan Sagmeister, der Gerbauelts Fragen geduldig beantwortet. Oder Kurt Weidemann, der dem Autor ebenfalls Auskunft gibt. Das schwache Vorwort von Holger Jung (Jung von Matt) mag manche Leser gleich auf der ersten Seite abschrecken. Dennoch lohnt es sich, dranzubleiben und sich durch die eigentlich komplexen Fragestellungen durchzuarbeiten. Damian Gerbaulet mag nicht alles aus den Gebieten Markenentwicklung in Verbindung mit Design aufgegriffen und ausformuliert haben, dennoch bietet sein schmales Werk einen guten ersten Einblick in die Materie. Die handschriftlichen Ergänzungen auf den Buchseiten scheinen das zu unterstreichen, was Gerbaulet in seinem Text ausdrücken möchte: Individualität, Einzigartigkeit. Die Tatsache, dass Gerbaulet jedoch sehr oft im Buch seine etwas unleserliche Handschrift einsetzt und auch Markierungen innerhalb von Texten dem Leser vorgibt, mag manchem Gestalter die Haare zu Berge stehen lassen. Ebenfalls der Layoutmix und das stellenweise verzweifelte Suchen nach Seitenzahlen, die sich oft in Grafiken an den unterschiedlichsten Stellen verstecken, muss man mögen …
»Ziel sollte es sein, als beste verfügbare Wahl auf dem Markt wahrgenommen zu werden.« (S. 70) Damian Gerbaulet stellt hohe Anforderungen an Gestalter. Als Gestalter sollte man keine zu hohen Anforderungen an sein Fachbuch stellen. Möchte man einen nicht tiefer gehenden Eindruck von der Branche erhalten, eignet sich dieses Buch gut. Aber womöglich gibt es Gestalter, die mehr Tiefgang wünschen.
Buchbesprechung
»Die Welt ist ein großes Fest der Farben«
Kenya Hara taucht ein in die Tiefen von Weiß
Was ist eigentlich Weiß? Wann ist etwas weiß? Und wie steht Weiß in Relation zu Ästhetik und Kommunikation in unserer Gesellschaft? Kenya Hara nimmt den Leser in seinem Buch mit auf eine Reise in die physikalische, philosophische und kulturelle Manifestation von Weiß und deckt Schritt für Schritt die bedeutungsschwere Lebensphilosophie hinter diesem Wort auf. »Weiß«, das ist kein Buch über Farbe, es geht vielmehr um das Ergründen von Weiß und der tiefer greifenden Beziehung von Weiß zu »Leere«.
Das Buch, geschrieben vom japanischen Designer, Professor und Art Director Kenya Hara (*1958), ist, entsprechend dem Titel, in schlichtem Weiß gehalten und wurde 2010 vom Lars Müller Verlag publiziert. Die 86 Seiten wurden von Anita Brockmann aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt. In vier Kapiteln tastet sich der Autor Schritt für Schritt an die Ergründung von Weiß heran und lässt den Leser durch einen poetischen und malerischen Schreibstil ganz nah am diesem Prozess teilhaben.
In »Die Entdeckung von Weiß« fokussiert sich Hara auf die physikalischen Eigenschaften von Weiß und damit einhergehend ihre philosophische Deutung. Eigentlich als »Nichtfarbe« definiert, hat der Begriff in der traditionellen japanischen Farblehre seinen Ursprung in dem Wort »shiroshi«, das für Klarheit und Vollkommenheit steht. Dadurch hebe sich Weiß ganz klar vom »Chaos«, also allen Farben dieser Erde, ab. Es schwebt per Definition über allem anderen. Der Verfasser beschreibt Weiß als die ursprüngliche Form von Leben beziehungsweise Information, die aus dem Chaos entsteht. Jegliches Weiß, das wir hier auf der Erde wahrnehmen, ist »unrein und kontaminiert« und lediglich eine Illusion. Somit steht Weiß für pures Leben und symbolisiert den von jedem Wesen angestrebten Zustand.
Papier ist Weiß. Es ist ein Medium, das die Kreativität stimuliert und Impulse zur Kommunikation gibt. Folglich ist Papier materialisierte Klarheit und ragt aus dem Chaos heraus. Mit dieser Schlussfolgerung baut der Autor im zweiten Kapitel »Papier« auf dem vorherigen Kapitel auf. Er taucht zusammen mit dem Leser in die Ursprünge der Papierherstellung und Typografie ein und definiert das Geheimnis einer harmonischen Komposition aus beiden Komponenten. »Buchstaben haben im Kontrast zu dem Weiß, das sie umgibt, als Objekte eine eigenständige Schönheit entwickelt, die sich tiefschwarz in das Papier geprägt hat.« (S.39) Auf nahbare und sympathische Art und Weise beschreibt Kenya Hara in diesen Passagen auch seine persönliche Auseinandersetzung als Designer mit Papier.
»Ein Zustand, in dem nichts ist, bietet die Möglichkeit, ihn mit irgendetwas zu füllen.« (S.45) Das Prinzip der »Leere«, ein Zustand in dem nichts ist, erläutert der Autor facettenreich im dritten Kapitel, genannt »der leere Raum«. Er stellt die Nichtfarbe »Weiß« gleich dem Begriff des »Nicht-Seins« und verweist gleichzeitig auf das enorme Potential, diese »Leere« zu füllen. Anschaulich demonstriert Hara den »leeren Raum« anhand von religiösen Bauten des japanischen Schintoismus, er gibt Beispiele aus der japanischen Kommunikationskultur des »Nicht Sagen« und analysiert die Ausdruckskraft von Symbolen, die letztendlich auch nur mit »leeren Gefäßen« gleichzusetzen sind, die man mit allen erdenklichen Bedeutungen füllen kann (vgl. S.56). Am Exempel der schlichten japanischen Teezeremonie leitet Kaya schließlich zum Begriff der Ästhetik in Bezug auf Design über. Durch literarische Stilmittel, wie etwa Metapher und Vergleich, wird das Wirken von Schlichtheit, Einfachheit und Reduktion auf gelungene Gestaltung erläutert.
»Hin zu Weiß« – auf den letzten zehn Seiten führt der Autor auch Weiß zur Vollendung. Der Schlüssel zu Weiß, so sagt er, liegt weniger im Wissen als vielmehr im Verstehen von Dingen. »Wissen (…) lähmt unser Bewusstsein und lässt es im Sumpf der Erkenntnis versinken. Verstehen bedeutet, aus diesem Sumpf ein Bewusstsein herausziehen (…)« (S. 83) Der Leser wird dafür sensibilisiert, dass Weiß nicht einfach da ist. Es bedarf Zeit, Pflege und Geduld, sich Weiß zu nähern. Es ist, so Hara, ein Prozess der nach Vollendung strebt, und vielleicht bringt alleine diese Erkenntnis den Leser des Buches dem Verständnis von Weiß ein Stückchen näher.
Mit Weiß hat Kenya Hara eine anspruchsvolle Lektüre geschaffen, die nicht nur Designer von den ersten Sätzen an in den Bann zieht. Der Band ist Wissensvermittler, zugleich aber auch mit »Weißraum« gespickter Impulsgeber, um beim Lesen innezuhalten und zu hinterfragen. Hara sensibilisiert für den Umgang mit Weiß und regt dazu an, den ganz persönlichen Blick auf die Welt zu ändern. Weiß – ein Buch, das auch in der deutschen Fassung vollkommen überzeugen kann.
Hördatei
“You still have to have the critical thinking”
Adam Cutler über Menschen und Maschinen
Wie werden künstliche Intelligenzen unser Leben bereichern und verändern? Wie unterscheidet sich die Arbeit mit künstlichen Intelligenzen von klassischen Designaufgaben und welche Grundsätze müssen dabei beachtet werden? Adam Cutler ist »Computer Relationship Experte« bei IBM und beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel der menschlichen Natur und künstlicher Intelligenz. Gemeinsam mit seinem Team geht er der Frage nach, wie Menschen Beziehungen untereinander aufbauen, und versucht, dieses Konzept auf die Beziehung zwischen Mensch und Maschine zu übertragen.
»Sprache für die Form« besuchte Adam Cutler bei IBM Design in Austin, um über den Wandel der Designbranche zu sprechen. Dabei ging es um die Zusammenhänge von Design, Werbung, Statistik und Psychologie. Zudem ging es um die Digitalisierung im Design, um künstliche Intelligenz und darum, wie ein Weltkonzern mit diesen Themen umgeht.











