Illustrationen
Eisige Bilder
Ausstellung in Köln und Paris zur Eishockey-WM
Die Eishockey-Weltmeisterschaft findet vom 5. bis zum 21. Mai statt, die Spiele werden in Köln und Paris ausgetragen. Vier Illustratoren gingen aufs Eis, ohne Schläger, aber mit dem Stift, und schauten dem Puck hinterher. Was dem Kanadier Gary Taxali, dem Franzosen Pierre Ferrero, dem Deutschen Thomas Fuchs und dem Deutschfranzosen Thilo Rothacker dabei einfiel, wird an den Spielorten ausgestellt: im Deutschen Sport- und Olympiamuseum in Köln und im Palais Omnisports de Paris-Bercy. Jeweils drei Illustrationen haben die Künstler »Sprache für die Form« zur Verfügung gestellt, mehr zu sehen gibt es in den Ausstellungen.
Filmbesprechung
»Die Zeit für Gerechtigkeit ist immer!«
»The Great Debaters« – ein Film über die Kraft der Argumente
Marshall, Texas 1935. Am Wiley College gründet Professor Melvin B. Tolson, gespielt von Denzel Washington, einen Debattierclub, für den er vier Studenten auswählt. Zum Team gehören: der bereits debattier-erfahrene Hamilton Burgess (Jermain Williams), der erst 14-Jährige Pastorensohn James Farmer Junior (Denzel Whitaker), Draufgänger Henry Lowe (Nate Parker) sowie die erste Frau auf diesem Gebiet, Samantha Booke. Sie alle verbindet ihre schwarze Hautfarbe und ihre Leidenschaft für Worte. Unter der Regie von Tolson schaffen es die vier, mehrere Debattierwettbewerbe gegen andere farbige Collegeteams zu gewinnen. Als sie schließlich gegen das erste weiße Debattierteam antreten sollen, scheint alles möglich.
Doch das Doppelleben ihres Professors soll der Gruppe zum Verhängnis werden. Tolson engagiert sich gegen die Rassentrennung und vor allem gegen den Rassenhass. Diese politischen Umtriebe bringen nicht nur ihn, sondern auch sein Debattierteam in Gefahr. Burgess verlässt aufgrund Tolsons politischer Ansichten die Gruppe. Auch die Staatsmacht bedrängt ihn zusehends. Als er festgenommen wird, halten er und die drei übrigen Studenten zwar zusammen, doch von diesem Moment an hagelt es Duellabsagen von zahlreichen Wettbewerbern. Trotzdem geben sie nicht auf. Nicht umsonst meint Tolson: »Debattieren ist ein knochenharter Sport, ein Wettkampf.« [1] Die Studenten steigern sich von Wettbewerb zu Wettbewerb und setzen ihre Argumente immer gezielter ein. Schließlich kommt es zum finalen Duell: Wiley College gegen Harvard.
Denzel Washington spielte nicht nur eine der Hauptrollen, sondern führte bei dem US-amerikanischen Filmdrama »The Great Debaters – Die Macht der Worte« aus dem Jahr 2007 auch Regie. Das Drehbuch schrieb Robert Eisele. Es beruht auf einer wahren Begebenheit. Die beiden erzählen die Geschichte vor allem aus der Perspektive des Jüngsten, James Farmer Junior. Durch ihn erlebt der Zuschauer Höhepunkte und Tiefschläge. Eine gewisse Distanz bleibt jedoch und verhindert, dass der Film zu pathetisch wird. Denn es geht um nicht weniger als die großen Themen Menschlichkeit und Gerechtigkeit.
Die »Story« ist durchaus mit einem Sportdrama um den unausweichlichen Aufstieg eines Underdogteams zu vergleichen. Die Protagonisten müssen Rassenvorurteile überwinden und ihren Glauben an sich und das Team entwickeln und stärken. Dabei wird deutlich, dass eindrucksvolle Ziele klare Botschaften brauchen. Das Wiley-Team darf beispielsweise immer die politisch korrekten Argumentationen ausführen (ziviler Ungehorsam, Segregation an Bildungseinrichtungen). Trotzdem versinkt Denzel Washington nicht in Klischees, sondern plädiert eindrucksvoll für Gerechtigkeit, Gleichheit, Menschlichkeit und Bildung. Zu Beginn des Films lässt er den Geistlichen Dr. James Farmer diese Haltung zusammenfassen: »Ich glaube, wir haben in diesem Land ein großes Privileg, denn wir haben die wichtigste Aufgabe in Amerika: die Bildung unserer Jugend. […] Bildung ist der einzige Weg. Der einzige Weg aus der Unwissenheit […].« [2] Musikalisch unterlegt wird die Handlung mit atmosphärischem Blues, Jazz und Gospel. Auch akustisch bleibt der Film also in seiner Zeit.
Abgesehen von den erwähnten Kleinigkeiten, hat es diese mitreißende und glaubwürdige Geschichtsverarbeitung der Rassentrennung und -diskriminierung in den USA verdient, weltweit in den Kinos gezeigt zu werden. Wer hierzulande mitfiebern möchte, kann sich den Film allerdings nur auf DVD und Blu-Ray ansehen.
Abschließend lässt sich die Botschaft des Filmes am besten durch ein Zitat von Samantha Booke zusammenfassen: »[…] [M]ein Kontrahent sagt, heute ist noch nicht der Tag für Weiße und Farbige auf’s gleiche College zu gehen, den gleichen Campus zu teilen, im selben Klassenzimmer zu sitzen. Würden Sie mir freundlicherweise mitteilen wann dieser Tag kommen wird? Kommt er schon morgen? Oder erst nächste Woche? In 100 Jahren? Nie?! Nein, die Zeit für Gerechtigkeit, die Zeit für Freiheit und die Zeit für Gleichheit ist immer! Ist immer, genau jetzt!« [3]
Essay
Pluralismus ja – aber wie kann man mit Terroristen reden?
Eine Analyse von Werten und Argumenten
Cum principia negante non est disputandum[1]
1 Vorrede
Wird über »Werte« diskutiert, hören wir diesen Begriff zusammen mit Spezifikationen wie: »unsere Werte«, »westliche Werte«, »Werte einer europäischen Leitkultur« oder gar »christliche Werte« etc. Dieser spezifizierende Gebrauch unterstellt, dass es auch noch andere Werte, also nicht-europäische, nicht-christliche, nicht-westliche Werte gebe und sich die »Anderen«, wer immer sie auch sein mögen, nicht an unser Werte, sondern an andere Werte halten würden.
Wenn man danach fragt, welches denn diese Werte explizit sind, dann beginnt das Stottern, und oft wird nach einem gewissen Zögern das genannt, was eigentlich Tugenden sind, also verhaltenssteuernde Vorstellungen für bestimmte Handlungsweisen.
An dieser Stelle soll keine Ethikeinführung erfolgen, aber Tugenden und Werte muss man schon auseinander halten. Fleiß, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ordentlichkeit sind höchstens Tugenden, vielleicht sogar typisch deutsche, aber noch keine Werte. Man spricht gelegentlich sogar von Sekundärtugenden. Aristoteles hat in seiner »Nikomachischen Ethik« den Tugenden viel Raum in seinem Denken gegeben, er begriff Tugenden als Haltungen, die sich in der Mitte zwischen zwei extremen Haltungen oder Handlungsweisen anordnen lassen. So liegt die Tapferkeit zwischen Tollkühnheit und Feigheit, die Mäßigung ist die Mitte zwischen Wollust und Stumpfheit, und der Großzügige ist weder ein Verschwender noch ein Geizhals.[2]
Individualität, Wissen, Religion, Bildung, Identität, Pressefreiheit, Scham, soziales Engagement, Würde, Autonomie, Subsidiarität, Freiheit, Pluralismus, Asylrecht und offene Gesellschaft – sind das nun Werte oder Tugenden?
Wir sprechen über Werte. Die klassische Quelle der Entstehung von Wertevorstellungen sind: Erfahrung von Bedürfnissen, religiös offenbarten Vorstellungen, Bestimmungen einer philosophischen Anthropologie, Theorien über Evolution und Gesellschaft, Geschichte und Politik und seit der modernen Ethik im 20. Jahrhundert Einsichten, die sich in Diskursen als zustimmungsfähig erweisen. Aus der Vielfalt dieser Quellen lässt sich auch die Vielfalt der Begründungen für Werte erschließen. Sie sind so vielfältig wie die Philosophie selbst.
Es geht um Pluralismus. Wenn der Begriff »Pluralismus« als ein Wert begriffen werden soll, muss er in ein System von Werten eingeordnet werden können. Nun kann man explizite Wertesysteme nicht allzu häufig in der Literatur finden, weil eine »materiale Wertethik«[3], wie Max Scheler sie nannte, auf massive Kritik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gestoßen ist und sich danach kaum mehr ein Philosoph getraut hat, Wertesysteme vorzuschlagen.
Es mussten schon die interdisziplinären Herausforderungen des philosophischen Nachdenkens über Technik sein, dass sich ein Gremium aus Philosophen und Ingenieuren ermutigt sah, zum Zwecke der Technikbewertung ein Wertesystem vorzuschlagen, das als Werteoktogon in die Literatur eingegangen ist. Es sind dies explizit (kursiv gesetzt, in nicht wertender Reihenfolge):[4]
• Wirtschaftlichkeit – dies impliziert Vorstellungen von Gewinn, Wachstum und Eigentum,
• Gemeinwohl umfasst sowohl öffentliche und wirtschaftliche Wohlfahrt wie Rechtsstaatlichkeit,
• Qualität des gesellschaftlichen Lebens impliziert die Werte Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Menschenrechte, weltanschauliche Neutralität und damit Pluralismus,
• Zuverlässigkeit von Technik, Organisation und Strukturen ermöglichen die Werte der sittlichen Konventionalität und Solidarität,
• Sicherheit[5] impliziert Unversehrtheit,
• Gesundheit umfasst Anrechte auf Hilfe und Versorgung und ermöglicht eine entsprechende Solidargemeinschaft,
• Umweltschutz als Wert konkretisiert sich im Wert der Nachhaltigkeit,
• Entfaltung persönlicher Lebensqualität impliziert bürgerliche Freiheiten und Rechte, sowie die bekannten komsumtiven Freiheiten und Rechte.
Hinzu kamen in einer späteren Diskussion[6]
• Fehlerfreundlichkeit ermöglicht die Reversibilität von Entscheidungen, von Novellierung von Gesetzen, Rücknahme von Technologien bis hin zum Gedanken der Resozialisierung,
• Stabilität der Bedingungen des Handelns verweist gesellschaftlich auf demokratische Verfassung, Gewaltenteilung und Gewaltmonopol des Staates.
Die Diskussionen drehen sich meist nicht um diese Werte, die als erstrebenswerte Leitvorstellungen allgemein als zustimmungsfähig angesehen werden, sondern um die Prioritäten: Welcher dieser Wert steht in einem Wertesystem an oberster Stelle? Alle die genannten Werte[7] stehen in konfliktärem Verhältnis zueinander – die gleichzeitige Erfüllung aller Anforderungen, die sich aus den Werten ergeben, ist nicht möglich. Also muss man Prioritäre setzen – wie es so schön heißt. Die Frage ist jedoch, ob diese Prioritätensetzung konstant bleiben muss. Die persönliche Lebenserfahrung legt nahe, dass man mit 20 Jahren andere Prioritäten in seinem Wertesystem setzt als dies mit 60 Jahren der Fall ist.
Der Wert Pluralismus bezieht sich, wenn man ihn gesellschaftlich deutet, auf die friedlich gelebte Koexistenz verschiedener Lebensstile, Bekenntnisse und kultureller Spezifika in ein und derselben Gesellschaft. Eine solche Gesellschaft könnte man auch offene Gesellschaft nennen. Walther Zimmerli hat mit seinem »Dissensermöglichungs-pluralismus«, einen etwas sperrigen Begriff eingeführt, der sich darauf bezieht, dass man sich nur dann einig sein kann, uneins zu sein, wenn man das Sich-nicht-einig-sein gegenseitig aushalten kann. Damit wird dieser Pluralismus, der Verschiedenheit bewusst macht, eine der notwendigen Bedingungen, um in offenen Gesellschaften kommunizieren verantwortlich handeln zu können (Zimmerli 1994). Unnötig zu sagen, dass diese Bedingung im politische Tagesgeschäft zuweilen schwierig zu erfüllen ist. Noch unnötiger zusagen, dass der Begriff des Pluralismus an seine Grenzen stößt bei der mittlerweile alltäglichen Bedrohung durch den Terrorismus als einer Form der globalen politischen, religiösen und zweifelsohne auch wirtschaftlichen Auseinandersetzung.
So traurig das Thema auch sein mag – Philosophie hat die Aufgabe, solche Grenzen auszuloten. Dies soll als Anregung versucht werden. Der Titel unterstellt, dass es vielleicht zwingende Argumente gegenüber Terroristen und damit – angenommener Weise – gegen fundamentalistisches Denken geben könnte.[8] Wir könnten auch fragen, ob Argumente überhaupt Terroristen zu beeindrucken vermögen. Die allgemeine Ansicht dürfte lauten: Nein.[9]
Das Thema soll in drei Schritten entfaltet werden. Erstens müssen wir uns fragen, wie wir Pluralismus als möglich denken können, wenn man unsere »Interessen« betrachtet, also die der Bewohner eines Industriestaates. Dann analysieren wir die relativierende Parole: »Dein Terrorist – mein Freiheitskämpfer.« Sie wird sich als falsch erweisen, besonders dann, wenn wir die Gründe des Terrorismus von den Gründen der Terroristen als Personen unterscheiden. Unter Gründen sind hier nicht die Ursachen, sondern die Begründungsfiguren und Motive gemeint, die von den terroristischen Gruppen einerseits und den Terroristen als Einzelperson verwendet werden. Drittens werden an diesen Gründen mögliche Argumente ansetzen müssen – es geht letztlich um die Bedingungen, unter denen eine Kommunikation mit Terroristen in Gang kommen könnte.
- [1] »Mit jemanden, der keine Prinzipien hat, kann man nicht diskutieren.« Scholastischer Merkspruch, der sinngemäß auf Thomas von Aquin zurückgeht; vgl. Thomas von Aquin: Summa Theologiae, I. Questio 1, art 8, 1; in Thomas (1985), S. 15.
- [2] vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik, II Buch, 1107a ff. Weiter Diskussion in Buch III. Vgl. Aristoteles (1983), S.46 und 54 ff. Sogenannte heutige bürgerliche Tugenden sind beispielsweise: Ordnung, Sparsamkeit, Reinlichkeit, Pünktlichkeit, Höflichkeit, Fleiß. Philosophische Tugenden sind eher: Fleiß, Tapferkeit, Besonnenheit, Gelassenheit, Bescheidenheit, Wahrhaftigkeit, Treue, Vertrauen, Gerechtigkeit. »Unbürgerliche« Tugenden, die seit den 68er Jahren eine gewisse Wertschätzung erlangt haben, sind z. B. Unmittelbarkeit, Ursprünglichkeit, Lebendigkeit, Unbedingtheit, ggf. Spontaneität etc.
- [3] Max Scheler (1954) unterschied zwischen Wertkreisen des Angenehmen, des Edlen, der Schönheit, des Rechts, der Erkenntnis der Wahrheit und des Heiligen. Für Scheler war die Emotionalität vorgängig. Nach Scheler kann die hierarchische Ordnung der Werte als Prioritätsrelation auf den Werten a priori erkannt werden (cf. Scheler 1954, Vol. 2, p. 10).
- [4] gl. VDI-Richtlinie »Technikbewertung« (1991).
- [5] Wobei der deutsche Begriff »Sicherheit« den angelsächsischen Unterschied von »security« (Bemühen um Schadensfreiheiten durch äußere Einflüsse) und »safety« als Schutz vor einem zu isolierenden, schädigen Objekt oder Ereignis) nicht explizit wiedergibt.
- [6] vgl. Kornwachs, Niemeier (1991)
- [7] denen man durchaus noch andere hinzugesellen könnte wie: Leben, Ehre, Ruhm, Wahrheit, Liebe, Vertrauen, Schönheit.
- [8] Schleichert (2001) hat schon früh den Versuch unternommen, fundamentalistische Argumentationsweisen zu typisieren und geht dabei von der klassischen Rhetoriklehre aus. Der vorliegende Beitrag konnte Schleicherts Buch leider nicht mehr berücksichtigen.
- [9] Die Grundlage zu diesem Beitrag entstand noch vor der Terrorattacke in Paris am 13. November 2015. Sie geht auf einen Vortrag zurück, der auf einem Festkolloquium zu Ehren von Prof. Walther Ch. Zimmerli am 5. Mai 2015 an der Humboldt-Universität gehalten wurde. Der vorliegende Text ist eine Überarbeitung und orientiert sich an einem Vortrag in Konstanz vom 13. Juni 2016.
2. Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik | Überblick
Rhetorische Zugänge zum Terror
Tagung über die Wirkungsdimensionen des Schreckens
Zunächst scheinen sich die Idee und die Konzepte der Rhetorik und ihrer Legitimation auf der einen Seite und die Wirklichkeit des Terrors auf der anderen Seite diametral entgegenzustehen. Von der Rhetorik als antiker techne sprechen wir in Kontexten des Überzeugens und damit insbesondere von der Argumentation auf der Ebene des Logos, vom Ideal des vir bonus[1] auf der Ebene des Ethos und von einer angemessenen Affekterzeugung auf der Ebene des Pathos. Die Rhetorik als Kunst, in allem das möglichweise Überzeugende zu entdecken[2], zu formulieren und im Interesse der vertretenen Standpunkte zu nutzen, befasst sich deshalb auch und vor allem mit den Möglichkeiten und Strategien der Identifikation[3] eines Redners mit seinem Publikum. Ausgehend von dem, was der Hörer schon weiß und will[4], wird er im Sinne der rhetorischen Intervention für die Sichtweisen und Meinungen des Redners geöffnet und idealerweise von diesen auch langanhaltend überzeugt. Gewalt, sei sie nun tatsächlich ausgeübt oder nur angedroht, steht in dieser Bestimmung den rhetorischen Kategorien ebenso entgegen wie jede Macht, die den mitunter mühsamen Weg rhetorischer Überwindung[5] nicht gehen muss, weil sie schon selbst evident ist. Wer mit Gewalt oder Macht seine Interessen durchsetzen kann, der bedarf keiner strategischen Planung eines Rhetors. Bleibt also die Frage: Was am Terror, an der gezielten Verbreitung von Schrecken zur Durchsetzung eigener politischer Ziele, ist eigentlich dann rhetorisch? Und eng mit dieser Frage ist die Frage verbunden, ob man dem Terror, wenn er denn rhetorisch fundiert sein sollte, nicht auch gezielt rhetorisch begegnen kann; eine Frage, die angesichts der heutigen terroristischen Bedrohungslage in vielen Teilen der Welt an Bedeutung gewinnt.
Stellen wir also zunächst die Frage nach den rhetorischen Bedingungen der Möglichkeit von Terror. Führt man sich vor Augen, dass Terror nicht allein eine Ereigniskategorie darstellt, also beispielsweise eine Reihe konkreter Ereignisse wie Anschläge umfasst, sondern eher als eine Wirkungsdimension aufzufassen ist, eben als der gezielte Einsatz von Schrecken, Angst oder gar Panik, so wird klar: Auch eine solche Wirkung kann mehr oder weniger überzeugend hervorgebracht werden. Zugespitzt ist der Anschlag, wenngleich eine Tragödie, womöglich nicht der Kern der terroristischen Kommunikation, sondern erst die durch den Anschlag und seine mediale Verbreitung, Bewertung und insbesondere auch Bebilderung hervorgerufene Bedrohungslage.[6] Von dieser Warte aus ergibt es Sinn, nach der visuellen Rhetorik des Terrors zu fragen, denn dieser Schrecken ist immer auch ein mediales und damit ein rhetorisches Erzeugnis.
Das »2. Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik« widmet sich dem Thema »Terror und Legitimation« von drei Seiten. Zum einen wird versucht, die rhetorischen Dimensionen des Terrors zunächst losgelöst von einem konkreten, aktuellen Bezug aufzuzeigen. So untersucht Nadja J. Koch mit ihrem Vortrag »Das totale Bild« Strategien der visuellen Überwältigung in der Antike. Sie stellt Gewaltszenen vor, die nicht selten den mannigfaltigen Kämpfen der Heroen, Giganten und Götter entsprangen, und entwickelt hieraus Fragen zum Ethos, zu pathetischen Überzeugungsmitteln und zur Weckung von Aufmerksamkeit. Bernd Steinbrink setzt mit seinem Beitrag ebenso in der Antike an und analysiert die »Rhetorik des Terrors« in sprachlichem Bezug.
Ein zweiter Themenbereich wendet sich der konkreten Auseinandersetzung mit rhetorischen Aspekten des zeitgenössischen jihadistischen Terrorismus zu. Dass auch die Rhetorik des Terrors auf Authentizität angewiesen ist – eine durchaus übereinstimmende Haltung der Teilnehmenden des Arbeitskreises – thematisiert Annina Schneller in Bezug zu einem konkreten Mittel der Authentizitätserzeugung, der Ästhetik des Selbstgemachten und auch Unprofessionellen. Unter diesem Blickwinkel werden in ihrem Vortrag »Imperfektion als rhetorisches Mittel der Authentizitätserzeugung« auch Handyvideos, die für den IS werben sollen, untersucht, und sie kann zeigen, dass gerade für deren rhetorischer Erfolg, die Ästhetik der Imperfektion entscheidend ist. Sophie Heins untersucht in ihrem Beitrag die »Visuelle Legitimation des National Counterterrorism Center« in den USA. Sie analysiert hierfür die Website, das Video »Inside NCTC«, den »Counterterrorism Calender« und den »Counterterrorism Guide« des NCTC hinsichtlich der Frage nach der rhetorischen Situation, dem Zielpublikum und in diesem Hinblick eben auch und besonders der Ausgestaltung dieser Seiten. Ein ähnliches Feld bearbeitet auch Matthias Tratz, der sich in seinem Beitrag visuellen Gemeinsamkeiten von terroristischen Vereinigungen und den Institutionen zu ihrer Bekämpfung widmet. Im Nebeneinander affektstarker Bilder wird deutlich, dass die Frage nach der bildhaften Erwiderung auf Terrorismus mehrschichtig ist: Will man in derselben visuellen Rhetorik antworten wie die Gruppen, die man bekämpfen will? Schließlich nehmen Arne Scheuermann und Arthur Beifuss das Magazin Dabiq unter die Lupe. In ihrem Vortrag Zur Visuellen Rhetorik des sogenannten IS – das Magazin Dabiq problematisieren sie die Rolle dieses Magazins als Teil der Rekrutierungskommunikation, Medienarbeit und Kommunikationspolitik des IS. Durch eine rhetorische Designanalyse des Editorial Designs ermitteln sie, welche vermuteten Wirkziele sich in der Gestaltung des Magazins realisieren und welche kontraintentionalen Gestaltungselemente auszumachen sind. Im weitere Kontext der Fragestellung gehen sie abermals auch der Frage nach den impliziten Zielgruppen der Publikationen nach.
Eine dritte Gruppe von Vorträgen ließe sich womöglich unter der Rubrik Terror und Ästhetisierung zusammenfassen. Thomas Susanka widmete seinen Vortrag »Terror zwischen Ästhetisierung und visueller Eloquenz bei James Nachtwey« eben dem Kriegsfotografen, der in seinen Bildern Terror und Schrecken aus internationalen Kriegs- und Krisengebieten zeigt. Die künstlerische Qualität seiner Bilder wird Nachtwey dabei von außen auch zum Vorwurf gemacht, steht die formalästhetische Ausgestaltung seiner Bilder (insbesondere in der Komposition) doch im krassen Widerspruch zu den schrecklichen Inhalten. Solche »Verstöße« gegen das Decorum, gegen die Grenze der Angemessenheit, sind dabei zugleich auch Teil des Reizes seiner Bilder und mit Sicherheit wohl auch ein Grund für die diesen Bildern entgegengebrachte Aufmerksamkeit. In durchaus vergleichbarer Weise geht es auch im Beitrag von Pierre Smolarski um die Grenzen der Angemessenheit. Er untersucht in »Populärkultur und Wirtschaftsterrorismus – der Fall Varoufakis« die mediale Berichterstattung in der Banken-, Finanz- und Griechenlandkrise 2015. Insbesondere zeigt sich in der massenmedialen Auseinandersetzung und Zuspitzung von Internet-Memen ein Aspekt, der dann in der popkulturellen Übertreibung visuelle Blüten treibt: Die Finanzkrise erscheint als Duell zwischen Superhelden und Superschurken zugespitzt auf ein »Death-Match« der Finanzminister Varoufakis und Schäuble. Thomas Nehrlich schließt mit »Dunkler Ritter oder strahlender Retter. Die Visualität von Superhelden zwischen Terror und Antiterror« gleichermaßen an das Superheldenthema an, wie er auch die Grundlage für einen Bezug zum ersten Vortrag von Nadja Koch über die antiken Heroen herstellt. Nehrlich arbeitet dabei heraus, dass das Erscheinungsbild von Superhelden (Kostüm, Maske, Statur, Haarfarbe, Tiersymboliken etc.) grundsätzlich einer Legitimationslogik folgt, die auf der unterschiedlichen Zielsetzung des jeweiligen Helden beruht. Die Gestalt derjenigen Superhelden, die sich als Beschützer der zivilen Bevölkerung und Wahrer des Guten verstehen, will Vertrauen erwecken und Schutz signalisieren (z. B. Superman, Captain America). Es handelt sich um ethosfokussierte Gestaltung. Superhelden hingegen, die sich mit dem Kampf gegen das Böse und die Verbrecherjagd identifizieren, wollen mit ihrem Aussehen Furcht und Schrecken verbreiten (z.B. Batman, Beast, Black Panther, Black Widow, Blade). Ihre Gestaltung ist pathosfokussiert. Auf der Ebene des Logos zielen erstere auf Sichtbarkeit, Lesbarkeit und Eindeutigkeit ab, letztere auf Vermummung, Rätselhaftigkeit und Uneindeutigkeit.
Das 2. Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik hat gezeigt, dass die Perspektive der Rhetorik gut geeignet ist, Phänomenen und Wirkweisen des Terrors und seinen Legitimationen nachzugehen – auf eine Art, die sich nicht mit vorschnellen Bewertungen zufrieden gibt. Über die visuellen Erscheinungsweisen, Verhandlungs- und Verbreitungsmodi von Terrorismus und Terror hinaus kann der Terror selbst als rhetorisch wirksamer Kommunikationsakt verstanden werden. Mit diesem Ergebnis scheint uns ein wichtiges Forschungsfeld geöffnet, das hoffentlich in seiner weiteren Bearbeitung nicht nur im Befund verbleibt, sondern auch Möglichkeiten aufzeigt, sich klug und rhetorisch informiert dem Terror entgegenzustellen.
[Anmerkung der Redaktion: Einige der oben angeführten Vorträge wurden für vorliegende 10. Ausgabe von »Sprache für die Form« zu Essays ausgearbeitet.]
- [1] Cicero: De Oratore.
- [2] vgl. Aristoteles: Rhetorik. I.2, 1355 b26.
- [3] vgl. Burke, Kenneth: A Rhetoric of Motives. Berkeley 1969.
- [4] Vgl. Eco, Umberto: Einführung in die Semiotik. München 2002. S. 184.
- [5] vgl. Knape, Joachim: Persuasion und Kommunikation. In: Kopperschmidt, Josef (Hg.): Rhetorische Anthropologie. Studien zum Homo rhetoricus. München 2000. S. 171—181.
- [6] Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler spricht in diesem Kontext von der ›heroischen Gelassenheit‹ als wesentlichem Mittel, diesem Aspekt des Terror zu begegnen. Vgl. etwa: https://www.welt.de/print-welt/article681504/Heroische-Gelassenheit.html
2. Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik | Essay
Propaganda des Terrors – missbrauchte Rhetorik
Über ideologische Wirklichkeitswahrnehmung
Hannah Arendt kommentierte 1961 den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem. Ihre Berichte veröffentlichte sie sodann in ihrem Buch »Eichmann in Jerusalem«, das den Untertitel die »Banalität des Bösen« [1] trug. Während des Prozesses hatte sich Eichmann stets darauf berufen, dass er nur ein Rädchen im Getriebe des Nationalsozialismus gewesen sei, Befehle von oben ausgeführt und gesetzestreu entsprechend den damaligen Umständen gehandelt habe. Er war der Buchhalter des Grauens und des Terrors, der Befehle ausführte, bei dem sich Grauen in Zahlen verwandelte, der sich keiner Schuld bewusst wurde und sich selbst hinter der Pflichterfüllung vorgegebener Ziele verbarg. Nun kann das Böse nie banal sein, es kann sich aber, und das ist wohl von Hannah Ahrendt gemeint, hinter der Maske des Selbstverständlichen und des als normal Empfundenen verbergen.
Wenn wir eine »Rhetorik« des Terrors untersuchen wollen, so darf sich diese nicht allein auf eine sprachliche Analyse beziehen, denn die äußeren Umstände prägen den semantischen Gehalt der Worte, prägen das Konnotat, das sich nicht vom Denotat trennen lässt, aber durch das äußere Aptum wesentlich bestimmt ist. Auch ist zu beachten, dass wir, ähnlich wie Manfred Fuhrmann zur nationalsozialistischen Propaganda bemerkte, wohl besser von »sogenannter Rhetorik«[2] sprechen sollten. Dolf Sternberger bemerkt in seinem »Wörterbuch des Unmenschen«: »Wörter sind nicht unschuldig, können es nicht sein, sondern die Schuld der Sprecher wächst der Sprache selber zu, fleischt sich ihr gleichsam ein.«[3] Terror und Grauen muss sich nicht in einer affektreichen Sprache ausdrücken, sondern kann sich sehr wohl hinter harmlosen, fast banalen erscheinenden Worten, ja auch hinter unverdächtigen Zahlen verbergen. Mittel der Affekterregung, des Ethos und des Pathos, aus emotional aufgeladenen Wörtern können sich mit einer scheinbar rationalen Argumentation verbinden.
Das Erfolgsrezept der nationalsozialistischen Propaganda lag nicht unwesentlich darin, dass gezielt auf eine ideologische Wirklichkeitswahrnehmung hingearbeitet wurde. Schon die Bezeichnungen »tausendjähriges« und »drittes« Reich implizieren chiliastische Erlösungsvorstellungen, die historisch zumindest bis zum wirkungsmächtigen Joachim di Fiore zurückzuführen sind. Wobei auch religiöse Implikationen wirksam werden, die sich auch in quasi liturgisch durchgeführten Propaganda-Veranstaltungen dokumentieren, beispielsweise in Goebbels bekannter Rede zum totalen Krieg.
Quasireligiöse Erlösungsvorstellungen vom tausendjährigen Reich zielen auf die Vernichtung der Bedrohung eines vermeintlichen Feindes, der zugleich für das Unheil in der Welt verantwortlich gemacht werden kann – in diesem Fall die unterstellte jüdische Weltverschwörung, auch unterstützt durch gefälschte Dokumente, wie die »Protokolle der Weisen von Zion«, die selbst heute noch in rechtsradikalen Kreisen, moslemischen Ländern und bei Verschwörungstheoretikern als echt angesehen werden, obwohl die Fälschung vielfach wissenschaftlich erwiesen ist.
Das so geschaffene Feindbild hat die Funktion der Identitätsstiftung, Solidarisierung, Emotionalisierung und Legitimation. Es führt wiederum zu einem dualistischen Weltbild, das streng zwischen Gut und Böse unterscheidet, dem »Wir« der Volksgenossen und dem außerhalb stehenden Feind, bei den Nazis auf der einen Seite dem Arier und auf der anderen dem rassisch angeblich Minderwertigen. Das »Wir« wird durch einen Bezugspunkt vertreten, im Nationalsozialimus durch den »Führer« und seine Entourage. Die durch diese vertretenen vermeintlich höheren Werte der Volksgemeinschaft versetzen die Einzelnen in ein Anweisungen und Befehle zu deren Durchsetzung vollziehendes Glied der Gemeinschaft, das den vermeintlichen Feind ausgrenzt und entmenschlicht. Selbst barbarische Akte an den Ausgegrenzten lassen sich so auf Zahlen reduzieren, wobei, wie es Horkheimer und Adorno in ihrer »Dialektik der Aufklärung«[4] konstatierten, vermeintliche Rationalität in Irrationalität umschlägt. Erst vor diesem Hintergrund, den Gegebenheiten des »äußeren Aptum«, kann eine Sprache des Unmenschen zur Wirkung gelangen.
Wenn aktuell von Terror gesprochen wird, so ist damit zumeist der islamische oder islamistische Terror gemeint. Wir denken an die fürchterlichen Morde, Exekutionen, die leidenden Vergewaltigungsopfer, an unmenschliche Selbstdarsteller, die zwischen abgeschnitten Köpfen posieren und die uns diese Bilder der Barbarei nebst zynischen Bemerkungen noch demonstrativ im Internet präsentieren. Wie kann es sein, dass diese schrecklichen Bilder und Aufrufe Gehör finden, dass junge Menschen aufbrechen, der Zivilisation entfliehen, um sich in Kriegsgebieten jenen Barbaren anzuschließen und es ihnen gleich zu tun? Wie entsteht die Wirkung der Worte und Bilder des Terrors?
- [1] Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München, Zürich 1986. (Erweiterte Taschenbuchauflage; 1. Auflage 1964)
- [2] Fuhrmann, Manfred: Rhetorik und öffentliche Rede. Über die Ursachen des Verfalls der Rhetorik im ausgehenden 18. Jahrhundert, Konstanz 1983. S. 24.
- [3] Sternberger, Dolf; Storz, Gerhard; Süskind, Wilhelm E.: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Neue, erweiterte Ausgabe mit Zeugnissen des Streites über die Sprachkritik. Hamburg, Düsseldorf 1968. S. 12.
- [4] Horkheimer, Max, Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophie Fragmente. Frankfurt am Main 1978 (46.—50 Tsd.).
Buchbesprechung
»Marken sind auch nur Menschen«
Andreas Freitag präsentiert Einsichten ohne Floskeln
Dass der Hermann Schmidt Verlag hochwertig produzierte Bücher herausgibt, ist hinlänglich bekannt. »Von Marken und Menschen – Arbeit, Führung und das gute Leben« von Andreas Freitag ist da keine Ausnahme. Bereits der Umschlag überzeugt haptisch, und spätestens wenn der Leser einen Blick in Freitags Erstlingswerk wirft und das hochqualitative Naturpapier erfühlt, dürfte es – zumindest optisch – um ihn geschehen sein.
Bereits die Einleitung mit den handgezeichneten Illustrationen und der direkten Fragestellung an den Leser lässt ahnen, dass es sich bei »Von Marken und Menschen« nicht um ein klassisches Fachbuch oder gar einen Marketingratgeber handelt. Freundlicherweise warnt der Autor auch persönlich vor möglichen Missverständnissen: »(…) dies ist kein Buch über Markenführung. Überhaupt ist es kein Fachbuch, das Ihnen Wissen vermitteln möchte, sondern höchstens ein Sachbuch, das sich um ein wenig Weisheit bemüht.« (S.13)
Andreas Freitag bemüht sich um eine möglichst einfache und schlüssige Struktur, um Lesbarkeit und Verständlichkeit auch für fachfremde Leser zu maximieren. Und dies gelingt ihm ohne Zweifel. Daraus ergibt sich eine erfrischend unkomplizierte Sicht auf Marken und Führung, auf Menschen und Miteinander im Arbeitsalltag. Trotz des nicht allzu komplexen Schreibstils bietet Freitag interessante Fakten und ungewöhnliche Sichtweisen, die das Werk auch für eine fachlich geprägte Zielgruppe lohnend werden lassen.
Das Buch ist in drei wesentliche Teile gegliedert: »Marken«, »Menschen« und »Marken und Menschen«. Die Trennung dazwischen gelingt dem Autor jedoch nicht immer. Daher hat man als Leser hier und da das Gefühl, dass sich Freitag mit seinen Aussagen im Kreis dreht und Inhalte wiederholt. Vielleicht aber ist das genau der Tatsache geschuldet, auf die Freitag hinaus will, nämlich dass »Marken eben auch nur Menschen sind« (S.53). Dem Lesefluss tut das allerdings keinen Abbruch.
Das erste Drittel der Lektüre handelt, wie der Name bereits vermuten lässt, vornehmlich von Marken und deren Stellung in der Gesellschaft. Freitag untermauert seine Thesen anhand vieler aktueller und bekannter Beispiele. Es gelingt ihm treffend, auf Sinn und Unsinn hinter so manch bekannter Marke hinzuweisen, ohne dabei allzu subjektiv zu werden.
Im zweiten Teil behandelt der Autor neben klassischer Markenführung die Wirkung von Marken auf Kunden, Mitarbeiter und Unbeteiligte. Auch hier tragen wieder namhafte Beispiele wie die Deutsche Bahn, Telekom, Lufthansa und Siemens dazu bei, dass man sich schnell in den Schilderungen von Freitag wiederfindet und sich selbst zum Text positionieren kann.
Während sich die ersten zwei Drittel von »Von Marken und Menschen« um Definition und Differenzierung bemühen, liest sich das letzte Drittel des Buches am ehesten wie ein Ratgeber, in dem der Autor stichpunktartig auf wichtige Fragestellungen in arbeitsalltäglichen Situationen eingeht und diese übersichtlich ausformuliert. Dabei hat Freitag vom Mitarbeiter über den Bewerber, vom Unternehmer bis zum Journalisten hilfreiche Tipps parat, wie mit dem Thema »Marken« umgegangen werden kann.
Freitag gelingt es alles in allem treffend, auch fachfremden Lesern einen Einblick in die Welt der Marken zu geben, ohne sich dabei hinter Marketingfloskeln und Fachwörtern zu verstecken. Seine kritisch-hinterfragende Vorgehensweise und seine oft beinahe schon philosophischen Denkansätze runden diese kurzweilige Lektüre ab.
Buchbesprechung
“White must be called a design concept”
Kenya Hara designt Design
Weiß, Haptik, Wahrnehmung mit allen Sinnen – das sind Hauptthemen, mit denen sich das Buch »Designing Design« befasst. Und es sind Kennzeichen des makellosen Stils, in dem der Autor selbst das Buch über seine Erfahrungen, Werke und Gedanken gestaltet hat. Vielschichtigkeit und Tiefe kommen in eleganter Schlichtheit sowohl inhaltlich als auch visuell zum Ausdruck. Die Übersetzung und Überarbeitung der original auf Japanisch verfassten Texte wurde 2007 vom Lars Müller Verlag einem englischsprachigen Publikum zugänglich gemacht und in der vorliegenden Ausgabe 2014 neu aufgelegt.
Kenya Hara, geboren 1958, ist Artdirector von Muji und für viele erfolgreiche Ausstellungen verantwortlich. Er lehrt Kommunikationsdesign an der Musashino Art University in Tokio und ist Repräsentant des Nippon Design Center Inc. Von ihm stammen Entwürfe für internationale Großveranstaltungen im asiatischen Raum, wie die Olympischen Spiele in Nagano oder die Expo 2005 in Aichi.
»Designing Design« ist in acht Kapitel unterteilt:
Re-Design
Alltägliches zu hinterfragen – dieser Gedanke steht hinter der gleichnamigen Ausstellung Haras und anderer namhafter japanischer Designer und Architekten. Welche Formen können Maccheroni annehmen und welche Wirkung und Konsequenzen hätte das? Toilettenpapier auf quadratischen Rollen aufgewickelt, sodass ein Widerstand beim Abrollen entsteht – wäre das nicht ökonomischer als runde Rollen, da platz- und ressourcensparender? Hara macht auf die kritische Seite der Gestaltung aufmerksam, denn »from the perspective of daily life, design passes criticism on civilisation.«(S. 28)
Haptic
Eine Lampe mit langen Haaren, Logos für Tast- und Geruchssinn, moosbewachsene Schuhe: Anhand von Beispielen einer weiteren Ausstellung geht Hara auf die unendlichen Möglichkeiten ein, die das Einbinden der Sensorik dem Gestalter bietet. Kritisch behauptet er, je technikorientierter die Menschheit werde, desto mehr verlöre sie ihre Fingerfertigkeiten. Kreative Entwürfe zum Entdecken der Welt durch haptische Eindrücke sollen Anreize geben, mit Design wieder auf Tuchfühlung zu gehen.
Senseware
Das Haptik-Thema wird weitergeführt. Es geht darum, Information mit allen Sinnen erfahrbar zu machen. Als Gestaltungsbeispiel präsentiert Hara Krankenhaus-Signaletik, die er für das Umeda Hospital in der Yamaguchi-Präfektur entwarf. Als Indikator für absolute Sauberkeit im Krankenhaus wurde die Beschilderung auf weiße Leinenbezüge gedruckt, die kissenartig, mit abgerundeten Ecken, Räume und Etage auszeichnen und waschbar sind. Dies wirkt dem sterilen Krankenhauscharakter auf freundliche Art entgegen und sendet gleichzeitig die gewünschte Botschaft der Reinheit. Weitere Praxisbeispiele sind das Programm für die Zeremonien der Olympischen Spiele in Nagano, Orientierungssysteme und visuelle Identitäten.
White
Hara fasst mit »White is not just a color. White must be called a design concept«(S. 213) seine philosophischen Ansätze über die Farbe Weiß zusammen. Weiß sei in der Welt und in der Gestaltung Ruhepol und Orientierung im Chaos. »Chaos is like the world and white is like a map, or a figurative representation. Mapping the world, or generating figurative representations, is graphic design« (S. 221), formuliert er die umfassende Bedeutung die die (Nicht-)Farbe für ihn hat.
Muji
Selbst wenn der Name Kenya Hara in der westlichen Hemisphäre kaum jemandem etwas sagt, so findet sich seine Arbeit doch zunehmend in Europas und Amerikas Städten wieder. Muji, das Label, das keines sein will, wird seit Jahren von ihm als Artdirector geprägt. Hara schreibt über die Vision Mujis der Einfachheit, der Genügsamkeit und der befreienden Leere.
Viewing the World from the Top of Asia
Das Kapitel befasst sich mit Gedanken zur japanischen Kultur und Entwicklung im Design. »Even in Asia, the intentional simplicity of the Japanese culture and the tension generated by an object placed all alone in an empty space are unique« (S. 306), schreibt er und stellt die These auf, dass diese Entwicklung der Reduktion als Gegenstrom zur ornamentalen Ästhetik kontinentaler Kulturen entstanden sein könnte. Er gibt interessante Einblicke in die Sicht, die er als Japaner auf das eigene Land und auf die Welt hat.
Exformation
Haras Theorie, dass wir Bekanntes besser verstehen, wenn wir es uns unbekannt machen, stellt er anhand von experimentellen Feldversuchen seiner Studenten vor. Wissen sei nicht das Ende des Denkprozesses, sondern nichts weiter als ein Einstieg in den solchen. Wie beim Redesign-Projekt, wird auch in diesem Kapitel der Blick auf den Alltag gelenkt und es kommt zu ungewöhnlichen Ansichten, die die Kreativität und das Denken anregen. Exformation ist sein Wort für das Gegenstück zur Information, die uns Unbekanntes bekannter macht.
What is Design?
Im letzten Kapitel stellt er eine eigene Designtheorie im designhistorischen Zusammenhang auf, die seine zuvor geschilderten Ansichten aufgreift.
Die englische Übersetzung liest sich flüssig, wodurch der Zugang zu Haras Gedankenwelt nicht schwerfällt. Dieser Zugang wird zusätzlich durch viele einprägsame visuelle und sprachliche Bildern vereinfacht. Im erzählerischen Stil, einschließlich direkter Ansprachen und rhetorischer Fragen, unterhält Hara den Leser. Wohltuend positiv wertschätzt er seine Kollegen und Studenten, deren Arbeit und Ansichten. Die eigene Arbeit erklärt er ausführlich, klar, mit einer Mischung aus Bescheidenheit und gerechtfertigtem Selbstbewusstsein.
Und das Buch an sich ist ein Kleinod. Kenya Hara, der auch die Artdirektion der Neuauflage innehatte, hat jeder Seite, jedem Bild und jedem Wort eine berührende Ästhetik gegeben. Die verschiedenen hochwertigen weißen Papiere verleiten den Leser dazu, die Nase wortwörtlich ins Buch zu stecken und den angenehmen Geruch zusammen mit dem schmeichelnden Tasterlebnis aufzunehmen. Hara ist bei der Gestaltung seiner Linie voll und ganz treu geblieben.
Designer ziehen häufig Grenzen. Zwischen Grafik- und Industriedesign, zwischen Design und Kunst… Obwohl er selbst die Unterscheidung anspricht, scheint es bei Kenya Haras Arbeit keine solchen Grenzen zu geben. Er ist ein Gestalter, dessen Werke alles vereinen. Sein Design hat seinen Ursprung nicht in einer Disziplin, sondern in der Philosophie. Die Aussage »Verbalizing design is another act of design« (S. 19), zeigt deutlich, dass er davon auch sein Schaffen als Autor nicht ausschließt.
In der Leere sieht er eine große Kraft und ein Hauptmerkmal für japanische Ästhetik. Die Wirkkraft des leeren Gefäß – »the power of the empty vessel«(S. 325) – taucht immer wieder als Symbol in Bildern und als Metapher in seinen Überlegungen auf. »It can accommodate the impression of every individual«(S. 242) – sie könne sich den Vorstellungen und Assoziationen jedes Individuums anpassen und so mit dem gefüllt werden, was dem Betrachter vorschwebt.
Das Buch wird jeden Kreativen begeistern und bietet auch für interessierte Nicht-Gestalter ein Leseerlebnis. Es entführt nach Fernost und zeichnet ein beeindruckendes Bild zeitgenössischen japanischen Designs. Die Gedankengänge sind tiefsinnig und nachvollziehbar. Jedes Thema beinhaltet zwei Ebenen, einmal die der Designer und ihrer Gestaltungsprobleme und dann eine globale Ebene, auf der Hara auch die Konsumgesellschaft, Umweltausbeutung oder Tendenzen in der verbalen Kommunikation kritisiert. In »Designing Design« geht es um viel mehr als Design. Es geht um Wege, die Welt zu sehen, wahrzunehmen und mitzugestalten. Es geht darum, dass wir entscheiden müssen, wie es mit unserem Planeten weitergeht. Es geht aber auch um die kleinen Dinge, den Alltag, die Besinnung auf das Wesentliche und auf sich selbst.
2. Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik | Essay
Visuell-rhetorische Mittel im Anti-Terror-Kampf
Über das Design von Sicherheitsbehörden
Das National Counterterrorism Center ist eine US-amerikanische Regierungsorganisation und hat seinen Hauptsitz in Washington DC. Es wurde 2004 als Antwort auf die Anschläge des 11. Septembers gegründet. Die Hauptaufgabe des NCTC besteht darin, Informationen von den verschiedenen Geheimdiensten zu sammeln, zu analysieren und allen Geheimdienstbehörden zur Verfügung zu stellen. Der Director des National Counterterrorism Centers fasst die Aufgabe folgendermaßen zusammen: “Simply put, NCTC brings people—and information—together in a way that did not happen prior to September 10, 2001.”[1]
Das NCTC ist dem Office of the Director of National Intelligence unterstellt. Der Leiter des National Counterterrorism Centers berichtet direkt an den amerikanischen Präsidenten und an den Director of National Intelligence (DNI).[2]
Die rhetorische Situation des NCTC
Nach Bitzer[3] bilden ein dringendes Bedürfnis, das Publikum bzw. die Rezipienten, die mit der rhetorischen Maßnahme beeinflusst werden sollen, und die Grenzen und Hemmnisse zusammen die rhetorische Situation. Im Falle des NCTC liegt das dringende Bedürfnis darin, den Terrorismus gegen US-Personen und Eigentum zu verhindern. Das Publikum bzw. die Rezipienten sind die Bevölkerung und Mitarbeiter staatlicher Einrichtungen wie Geheimdienste, Polizei, Militär, Strafverfolgung und Sicherheitsdienste. Die Grenzen und Hemmnisse der rhetorischen Situation liegen darin, dass Terroristen im Geheimen operieren und versuchen ihre Anschlagsplanungen zu verschleiern, wodurch es schwierig ist, an Informationen zu kommen. Die Informationsbeschaffung wird außerdem durch Menschenrechte, wie das Recht auf Freiheit oder das Recht auf Privatsphäre, begrenzt. Die Verhinderung von Anschlägen kann nur gelingen, wenn Planungen vorher aufgedeckt bzw. Terrorverdächtige identifiziert und festgenommen werden, so dass sie keine Anschläge mehr planen und durchführen können.
Die Maßnahme, die das NCTC als angemessene Antwort auf diese rhetorische Situation ergriffen hat, ist Folgende: Die Bevölkerung sowie Geheimdienst- und Regierungsmitarbeiter werden informiert, und es wird an sie appelliert, Informationen zu melden. So gibt es im Kalender und im »Online Guide« Informationen zu Methoden und Taktiken von Terroristen und zu Terrorgruppen. Außerdem wird das »Rewards for Justice Program« vorgestellt, und es werden Steckbriefe mutmaßlicher Terroristen veröffentlicht. An die Bevölkerung wird appelliert, Informationen über mutmaßliche Terroristen und mögliche geplante Taten zu melden. Wichtige Informationen werden dann mit Geld belohnt.
Im Folgenden gehe ich genauer auf die visuelle Rhetorik der konkreten Umsetzung dieser Antwort ein.
Die visuelle Legitimation des NCTC
Für die Analyse zur visuellen Legitimation habe ich mir die über die Website verfügbaren Medien in Bezug auf die Wirkziele, Topoi und deren gestalterische Umsetzung angesehen: Die Website »nctc.gov« (Abb. 1) mit dem Inside NCTC Video, den Counterterrorism Online Guide (Abb. 2), das ist eine Unterseite der NCTC-Website, und den Counterterrorism Calendar 2016 (Abb. 3). Dieser ist als Print-Kalender gedacht und kann als Pdf-Datei von der Website heruntergeladen werden. Der Kalender wird 2017 von dem Online Guide abgelöst, so dass die 2016er Ausgabe die letzte Ausgabe ist.

Abbildung 1: National Counterterrorism Center Website Screenshot, https://www.nctc.gov, Stand 18.5.2016.

Abbildung 2: Counter Terrorism Guide Website Screenshot, https://www.nctc.gov/site/index.html, Stand: 18.5.2016.

Abbildung 3: Counterterrorism Calendar 2016, Titel, Hg. National Counterterrorism Center.
2. Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik | Essay
Imperfektion kann Authentizität erzeugen
Per Arglosigkeit zur Glaubwürdigkeit
Die Glaubwürdigkeit des Redners ist seit Alters her ein wichtiger Aspekt des rhetorischen Überzeugens – und auch der Legitimation dessen, wovon man sein Publikum überzeugen will. Um glaubwürdig zu wirken, sollten der Redner und das, wofür er einsteht, echt wirken. Mit der dissimulatio artis stellt die klassische Rhetorik eine Strategie bereit, dem Publikum Authentizität zu suggerieren. Neben dem wichtigsten Ziel der Meisterschaft und Vollendung der Redekunst, lehrt die Rhetorik, wie man trotz aller Geschliffenheit die Nähe zum Publikum und den spontanen, natürlichen Ausdruck nicht verliert. Denn je ausgefeilter eine Rede erscheint und je versierter eine Person vorträgt, desto mehr Distanz schafft sie gleichzeitig zu ihren Zuhörern und desto weniger ist vielleicht von ihrer Persönlichkeit noch sichtbar.
Ähnliches lässt sich im Bereich der visuellen Kommunikation feststellen: Je elaborierter ein grafisches Produkt ist, je professioneller es gestaltet ist, je perfekter ein Corporate Design umgesetzt wurde, desto unpersönlicher und weniger authentisch kann es dadurch einem Betrachter erscheinen.
Ich möchte im Folgenden drei Thesen aus der antiken Rhetorik herausdestillieren, die uns nahelegen, dass Glaubwürdigkeit und Authentizität auch – oder gerade – aus der Imperfektion heraus bewirkt werden können. Zum Schluss folgen einige Überlegungen dazu, wie sich die aufgestellten Thesen auf die Analyse der visuellen Kommunikation terroristischer Gruppierungen anwenden lassen könnten – und wo Deutungsgrenzen erreicht werden.
1. Ohne Allüren: Das Ethos der Bescheidenheit
Das A und O des rhetorischen Überzeugens ist die captatio benevolentiae. Ohne das Wohlwollen des Publikums haben wir als Redner bereits verloren. Persuasion findet nicht nur auf der Ebene der Argumentation und der schönen Worte statt, sondern hängt wesentlich von der Wahrnehmung ab, die die Zuhörer von einem Redner erhalten. Wie aber können sich Redner in das rechte Licht rücken? Eine Strategie kann es sein, durch einen selbstbewussten Auftritt, imposante Posen und geschliffene Worte das Ansehen des Publikums zu gewinnen.
Schon die antike Rhetorik gibt aber zu bedenken, dass Glaubwürdigkeit, Sympathie und Vertrauen manchmal gerade durch das gegenteilige Vorgehen zu erlangen sind: Bescheiden und integer solle man dem Publikum vielmehr erscheinen. Schon Aristoteles ergänzte die Forderung, glaubwürdig zu erscheinen, durch folgenden Zusatz: »Den Anständigen glauben wir nämlich eher und schneller.«[1] Auch Quintilian warnt deshalb vor dem »Großtun mit der eigenen Person« und ganz besonders vor dem »Prahlen« mit der eigenen Beredsamkeit.[2] Wer arrogant und überheblich wirkt, riskiere, beim Publikum auf Widerwillen oder gar Hass zu stoßen.[3]
Auch bei Cicero finden wir Stellen, die nicht nur zu Bescheidenheit und Zurückhaltung im Auftritt raten, sondern sogar empfehlen, mit sichtbarer Schüchternheit und Beschämung aufzutreten.[4] Der Verzicht auf Allüren gelte dabei sogar für Redner, die sich sicher fühlen und gewandt vorzutragen wissen.[5] Das antike Bescheidenheits-Ethos steht damit im Kontrast zum Ideal des stets souverän, eloquent und sicher auftretenden Redners. Ein Zwiespalt, den wir heute noch kennen: Was überzeugt mehr: »Understatement« oder Großspurigkeit?
Als besonders bescheiden galt schon in der Antike die natürliche Art, in der die gewöhnlichen Menschen aus dem Volk sprechen, Leute also, die keinerlei rhetorische Vorbildung genossen haben. Denn diese Menschen, so Cicero, sprechen so schlicht und einfach, dass »nichts den Eindruck von Schaustellung oder Nachahmung erweckt«[6]. Das Unprätentiöse kann also manchmal überzeugender sein – und für die Authentizität des Redners bürgen.
In der visuellen Kommunikation könnte der Anschein von Bescheidenheit und Zurückhaltung beispielsweise dadurch provoziert werden, dass anstatt eines gebundenen Hochglanzprospekts eine einfache, geheftete Broschüre aus Recyclingpapier gewählt wird. Gegen das Bescheidenheits-Ethos spricht jedoch, dass allzu schmucklose Redeauftritte oder qualitativ minderwertige Gestaltungsmittel den Redner oder die Absenderin unprofessionell, inkompetent oder unseriös wirken lassen könnten. Ungeschliffenheit vermindert im Allgemeinen auch den Eindruck von Macht und Einfluss des Absenders.
Buchbesprechung
»Studieren Sie nicht«
Paul Ardens Aphorismen: mit und ohne Humor
Zu neuem Denken fordert Paul Arden in »Egal, was du denkst, denk das Gegenteil« seine Leser auf. Das 144 Seiten dünne Buch des Designers, der als Legende der britischen Werbeszene galt, beschäftigt sich mit kreativem Denken – und zwar in Form einer Aphorismen-Sammlung. Da nahezu jede Doppelseite mit einer Illustration versehen ist und auch die Schrift groß und prägnant gehalten wurde, kann das Werk eigentlich in einer halben Stunde gelesen werden. Das macht das Buch zu einem guten Begleiter auf Reisen mit vielen Umstiegen. Aber auch eine Lektüre in Auszügen ist möglich. Die Kapitel sind kurz, die Texte kurzweilig.
Die eigens für dieses Buch zusammengetragenen Illustrationen, teilweise von namhaften Designern, unterstreichen Ardens Statements und sorgen für ästhetischen Zugewinn. Doch mancherorts wirken sie ein wenig platt, zum Beispiel auf der Doppelseite, die sich dem Studium widmet: Während der 23-Jährige Student mit seinem Fahrrad über die linke Hälfte der Seite fährt, kann sich der 23-jährige Berufstätige rechts natürlich schon den eigenen Porsche leisten. Das ist weder humorvoll noch richtig.
Bei der Covergestaltung wurden optisch dagegen keine Mühen gescheut. Im minimalistischen Schwarz-Weiß präsentiert sich das Büchlein, das im deutschen Bastei Lübbe Verlag veröffentlicht wurde. Es passt diesbezüglich perfekt zu den vorangegangenen Werken des 2008 verstorbenen Autors.
Die Hülle ist hübsch anzuschauen. Der Inhalt enttäuscht den Leser ein wenig. Die Reihenfolge der Sinnsprüche scheint willkürlich. Dabei basieren die Texte teilweise auf historischen Ereignissen wie die Anekdote von Vivienne Westwoods erstem, gescheiterten Laden. Oder sie erzählen von Ardens persönlichen Erfahrungen in der Kreativagentur Saatchi & Saatchi. Obwohl jeder Gedanke eigenständig dargestellt wird, dreht sich Paul Arden oft im Kreis. So kann man die Kapitel über Unvernunft auf Seite 42 und 44 in etwa zwei Sätzen zusammenfassen. Fast ist man versucht zu sagen: Der Titel des Buches sagt alles. Doch das allein ist auch nicht wenig. Denn die Statements fordern humorvoll auf, das eigene Denken zu hinterfragen. Setzt man diese Eigenleistung voraus, sind die Sätze mehr als bloße Wiederholungen der einschlägigen Erfolgsliteratur.
Am Ende bleibt der Leser zwiespältig. Manchmal möchte man Paul Arden schlichtweg widersprechen. »Wenn sie nicht die Zulassungsvoraussetzung oder genügend Geld haben, um eine Universität zu besuchen, gehen Sie einfach hin (…) Irgendwann wird man Sie akzeptieren, weil Sie dazugehören.« (S. 118) Das mag vielleicht früher einmal funktioniert haben. Wer heutzutage studiert, weiß, wie absurd diese Vorstellung ist. Nach Beherzigung dieses Tipps wird man trotzdem auf keiner Prüfungsliste auftauchen und erfolgreich an Vorlesungen teilnehmen können.
Ardens Buch ist sicherlich etwas für Werber – und für junge Erwachsene, die er mit Aussagen konfrontiert, über die es sich doch nachzudenken lohnt: »Also studieren Sie nicht, es sei denn, Ihr Studienfach liegt Ihnen wirklich am Herzen.« (S. 111) Als Zierde im Bücherregal eignet es sich allemal.











