Illustrationen
Mit Leichtigkeit durch drei Dimensionen
Annika Lischke baut eine Welt aus Papier
Annika Lischke überschreitet festgelegte Grenzen zwischen verschiedenen Disziplinen, analogen und digitalen Medien sowie kontrastierenden Dimensionen wie groß und klein oder 2D und 3D. Ihre Arbeiten sind in renommierten Magazinen wie der »Vogue«, dem »ZEIT Magazin« und »Tush« zu finden. Die von ihr geschaffenen Objekte spiegeln die vielfältige und leichte Seite der Realität wider. Annikas »Generous Objects« handhaben die Komplexität der Welt spielerisch, ähnlich einem Pluriversum, in dem tausende Ideen nebeneinander existieren. Sie setzt glänzende Fragmente aus Modemagazinen zu leichten, dreidimensionalen Papierobjekten zusammen. Trotz ihrer offensichtlichen Papierkonstruktion nehmen die Objekte ständig neue Formen an und laden zur tänzerischen Wahrnehmung ein. Sie bieten aus verschiedenen Blickwinkeln neue Perspektiven, sowohl auf sich selbst als auch auf die Betrachter. Lischkes Objekte wirken wie großzügige Gesten, die einen Raum der Möglichkeiten schaffen, um die sich ständig verändernde Welt zu erkunden.
Essay
Hamas – Terrorpropaganda im Wandel
Visuell-rhetorische Strategien wurden neu aufgestellt
Die Hamas hat einen Angriff auf Israel gestartet, der in der Geschichte des Landes bisher einmalig ist. Doch der Terror der Palästinenserorganisation beschränkt sich nicht nur auf physische Gewalt: Hinter den Angriffen steckt eine perfide Propagandastrategie, die mit den Mechanismen der sozialen Medien spielt – und die sich in den letzten Jahren auf überraschende Weise gewandelt hat. Auch mit der neuen Taktik schaffen es die Islamisten, ausgerechnet ein links-progressives westliches Publikum erfolgreich zu manipulieren.
Seit dem Holocaust wurden nicht mehr so viele Juden an einem Tag ermordet wie am 7. Oktober 2023. Selbst für die Maßstäbe Israels, eines von regelmäßigen Angriffskriegen geschüttelten Staates, ist die Brutalität, mit der die Hamas zuschlug, beispiellos. Nicht nur die Zahl der Opfer schockiert, sondern auch die Art und Weise, wie die Terroristen vorgingen: 1400 Menschen wurden ermordet, 260 davon starben bei einem Massaker auf einem Techno-Festival, über 240 Zivilisten wurden als Geiseln genommen, Frauen und Kinder öffentlich vergewaltigt, die Leichen geschändet und in Paraden durch die Straßen Gazas gezogen, Babys enthauptet, Menschen bei lebendigem Leib verbrannt und Videos der Taten online gestellt.[1] Es ist vor allem diese lüsterne mediale Zurschaustellung der Verbrechen, die einen Bruch in der bisherigen Selbstinszenierung der Hamas markiert: Noch bis zum letzten Gaza-Krieg 2021 versuchte sich die Organisation trotz ihrer offensichtlichen Terrorakte als Anwalt der Unterdrückten darzustellen. Auf den englischsprachigen social-media-Kanälen und Websites der Islamisten dominierte eine Bildrhetorik und Wortwahl, die das Bild einer scheinbar seriösen politischen Partei zeichnete, die das Leid der palästinensischen Bevölkerung dokumentierte und zu mildern suchte. So versuchte die Hamas, sich die Solidarität einer diskriminierungssensiblen Öffentlichkeit und damit auch finanzielle Unterstützung durch NGOs und staatliche Hilfsgelder zu sichern. Dieser Fokus auf die Ethos-Ebene hat sich mit dem aktuellen Angriff jäh ins Gegenteil verkehrt: Anstatt das Image von menschenfreundlichen Freiheitskämpfern zu vermitteln, investiert die Hamas nun große Arbeit in die mediale Verbreitung ihrer Gräueltaten. Wie kam es zu diesem Wandel?
Wir sind die Guten: Wie die Hamas einst um Vertrauen warb
Ein Blick zurück: In der Anfang 2018 abgeschlossenen Arbeit »Vertrauen Sie uns – Wir sind Terroristen!«[2] wurde die Medienstrategie der Hamas analysiert. Dafür wurden mehrere Monate lang alle social-media-Kanäle der Organisation, ihrer Tochterorganisationen, ihrer Nachrichtenagenturen und Fernsehsender sowie die dazugehörigen externen Websites beobachtet, das gepostete Bildmaterial gesammelt und die Unterschiede zwischen den Kanälen verglichen. Das Ergebnis in Kurzform: Die Propaganda der Hamas zielte zum damaligen Zeitpunkt darauf ab, das Publikum schrittweise zu radikalisieren. Erst sollte bei einer breiten Öffentlichkeit durch emotionale Rhetorik Empathie für das palästinensische Volk erzeugt, anschließend die Hamas als legitimer, vertrauenswürdiger Vertreter der Palästinenser präsentiert und erst im dritten Schritt der bewaffnete Kampf gegen Israel als logischer Schluss aus den vorherigen Punkten präsentiert werden. Anders als in der aktuellen Situation durfte palästinensische Gewalt gegen Israel einem breiten, internationalen Publikum nicht gezeigt werden; Palästinenser sollten zunächst nur als Opfer, nie als Täter dargestellt werden, um Sympathie zu wecken. Teile dieser Taktik nutzt die Hamas noch immer, andere hat sie radikal verworfen.
Die Vorgehensweise der Studie sah wie folgt aus: Alle Bilder, die die Propagandaabteilung der Hamas im untersuchten Zeitraum online postete, wurden gesammelt und nach Kanälen geordnet. Häufig wiederkehrende Motive wurden mit Namen versehen (zum Beispiel »Hamas-Demonstration« oder »glorifizierte Märtyrerdarstellung«) und gezählt. Anschließend wurde ausgewertet, auf welchem Kanal welche Bildmotive wie oft vorkamen: So kam das Motiv »verletztes palästinensisches Kind« auf manchen Kanälen häufiger vor als das Motiv »Hamas-Politiker bei Konferenz oder Staatsbesuch«, das Motiv »bewaffneter Terrorkämpfer« kam auf manchen Kanälen gar nicht vor, auf anderen wiederum sehr häufig. Auch die Unterschiede in den bildlichen Darstellungen von Israelis und Palästinensern wurden miteinander verglichen; dabei wurde untersucht, in welchen Rollen, Identitäten und Situationen die beiden Personengruppen jeweils gezeigt wurden – und wie sich diese Darstellungen von Kanal zu Kanal unterschieden. Zum Schluss wurden die Ergebnisse statistisch ausgewertet, um herauszufinden, ob unterschiedliche Kanäle unterschiedliche Ziele verfolgten – und ob dahinter ein System steckte.
In den Ergebnissen ließ sich ein dreistufiger Radikalisierungsplan erkennen[3]: Auf der ersten Stufe wurden unwissende social-media-Nutzer von unverdächtig erscheinenden Accounts abgeholt. Englischsprachige Nachrichtenseiten, auf denen der Name »Hamas« nicht auftauchte, posteten Bilder und News, die auf die Emotionen der Nutzer abzielten: Fotos von verletzten palästinensischen Kindern, aufgelösten Demos in der Westbank, festgenommenen palästinensischen Jugendlichen sowie Familien, die einander nach der Freilassung aus israelischen Gefängnissen wieder in die Arme schlossen (s. Abb. 1).

Abbildung 1: Das Hamas-geführte Palestine Info Center nutzte oft Bilder von leidenden palästinensischen Kindern, um Israel als Aggressor darzustellen.
- [1] o. A.: What is Known About Israeli Hostages Taken by Hamas. In: Website des American Jewish Committee, https://www.ajc.org/news/what-is-known-about-israeli-hostages-taken-by-hamas; 1.11.2023, Abrufdatum 6.11.2023.
Danan, Deborah: »The Holocaust, all over again«: The Supernova festival massacre, in survivors’ words. In: Website von The Times of Israel, https://www.timesofisrael.com/the-holocaust-all-over-again-the-supernova-festival-massacre-in-survivors-words/; 12.10.2023, Abrufdatum 6.11.2023.
Ermagan, Nive: Schänden, Foltern, Entblößen. Hamas-Terror: Frauenkörper als Schlachtfeld. In: Website des ZDF, https://www.zdf.de/nachrichten/politik/hamas-vergewaltigung-kriegswaffe-frauen-israel-100.html; 2.11.2023, Abrufdatum 6.11.2023.
Joffe, Tzvi: Photos of babies being burnt, decapitated confirmed. In: Website von The Jerusalem Post, https://www.jpost.com/breaking-news/article-767951; 12.10.2023, Abrufdatum 6.11.2023. - [2] Herrmann, Philipp: Vertrauen Sie uns – wir sind Terroristen! Eine Analyse der Propaganda der Hamas. Unveröffentlichte Studienarbeit, Hochschule Konstanz 2018.
- [3] Herrmann, Philipp: Vertrauen Sie uns – wir sind Terroristen! Eine Analyse der Propaganda der Hamas. Unveröffentlichte Studienarbeit, Hochschule Konstanz 2018. S. 18.
Buchbesprechung
»Im Streitfall liegen unsere Instinkte daneben«
Tali Sharot: Unsere Meinungen sind alles andere als objektiv
Wer an die reine Vernunft glaubt, wird bei der Lektüre manche Kröte schlucken müssen. Neurowissenschaftlerin Tali Sharot erläutert in ihrem Buch »Die Meinung der anderen. Wie sie unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir sie beeinflussen«, wie sehr wir von Gefühlen getrieben werden. Die Autorin greift für ihre Rückschlüsse auf zahlreiche Studien und Versuche zurück, erzählt plausibel anhand von Beispielen und menschlichen Erfahrungen. Da sind zum Beispiel Impfgegner, die sich auch durch die Androhung ernster gesundheitlicher Gefahr nicht zur Impfung überreden lassen; Football-Teams, deren Erfolgsserie abbricht und deren Moral schwindet; Ehepaare, die sich nicht auf einen Wohnort einigen können. Alles Situationen, die jeder Leser nachvollziehen kann und in denen sich die Fragen stellen: Wie überzeugen wir andere? Wie werden wir überzeugt?
Um diese Fragen zu beantworten, blickt Sharot in das Körperteil, in dem sich alle unsere Wünsche, Träume, Ängste, Ziele und Überlegungen abspielen: das menschliche Gehirn. Ein rätselhaftes Organ, das ganz offenbar dem sachlichen Argument nur dann etwas abgewinnen kann, wenn es in unseren Kram passt. Denn Sharot konstatiert, »dass Fakten und Logik leider Gottes nicht die wirksamsten Mittel sind, wenn es darum geht, an Meinungen zu rütteln«. Oder kurz: »Im Streitfall liegen unsere Instinkte daneben.« (S. 23) Haben wir uns nämlich erst einmal auf eine Meinung eingeschossen, suchen wir instinktiv nach Bestätigung, so die Autorin. Da helfe dann auch ein Mehr an Informationen und Daten nicht, die wir blitzschnell danach filtern, was uns bestätigt – um den Rest dann einfach unter den Tisch fallen zu lassen.
Sharots Analyse mischt biologische Erkenntnis mit psychologischen Phänomenen, um zu beschreiben, was man immer geahnt hat: Menschen sind beeinflussbarer als man denkt – allerdings nicht von Fakten, sondern von Gefühlen. Facebook-Nutzer, denen vermehrt positive Nachrichten gezeigt werden, posten selbst positivere Mitteilungen als solche, die mit negativen News versorgt werden (ja, das hat Facebook im Jahr 2012 ganz offenbar an über 500 000 Nutzern ausprobiert …). Online-Bewertungen werden enorm vom allerersten Kommentar beeinflusst. Mündliche Feedback-Runden enden verdächtig oft einstimmig. Und auch eingebildete Krankheiten können ansteckend sein.
Im Buch geht es um Angst, Kontrolle, Stressempfinden und soziales Lernen. Immer wird den Kapiteln eine Szene vorangestellt, die den Untersuchungsgegenstand ins richtige Leben holt und am Fallbeispiel zeigt, was uns zu welchen Handlungen (oder zur Tatenlosigkeit) bewegt. Dennoch sind wir den unbewussten Abläufen in unserem Oberstübchen nicht hilflos ausgeliefert. Sharot empfiehlt die Erkenntnisse zu nutzen – zum einen, um sich der eigenen Gefühlswelt bewusst zu werden und ihr zumindest zu misstrauen. Und zum anderen, um – natürlich – andere zu beeinflussen. Menschen handeln, wenn sie belohnt werden, wenn es gelingt, ein gemeinsames Ziel zu formulieren, wenn sie das Gefühl haben, selbst die Kontrolle über ihr Tun zu haben. Soweit in Kürze. Und als Ausweg aus den Filter-Bubbles empfiehlt die Professorin Dinge, die man gar nicht oft genau sagen kann: Anonymität im Netz wahren, die Suchhistorie ausschalten – und vor allem auch Menschen in sozialen Medien folgen, die man respektiert, obwohl sie eine andere Meinung vertreten als man selbst.
Hördatei
»… dass es mehr und mehr systematisch geworden ist«
Uwe Brückner über Entwicklungen der Szenografie
Uwe Brückner ist Architekt, Bühnenbilder, Ausstellungsdesigner und Gründer des »Studio Uwe Brückner« und Mitgründer des »Atelier Brückner«. Er lehrt als Professor für Szenografie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. Im Interview spricht über die Entwicklung der Szenografie, über die Kombination aus Architektur und Bühnenbild sowie über Konzept- und Strategieentwicklung.
(Das Interview wurde per Videokonferenz geführt, die Tonqualität ist dementsprechend nicht die Beste – wir bitten Hörer und den Interviewpartner um Nachsicht.)
Essay
Der ideale Redner
Differenziertes Betrachten, Reflexion und Diskurs
Wie stellt sich das Bild eines idealen Redners in heutiger Zeit dar? Gibt es einen solch idealen Redner heute noch? Das ist angesichts einer sich verändernden Rolle in einer Mediengesellschaft eher fraglich. Bedenkt man, dass ihn früheren Zeiten das persönliche Auftreten, der Ruf, das Erscheinungsbild und die Eloquenz wesentliche Wirkungselemente des Redners waren, die für das Publikum oft unmittelbar wahrnehmbar waren, so sind es in der heutigen Zeit durch diverse Medien geprägten Zeit sehr vielfältige Faktoren, die auf das wahrgenommene Bild einer Person und ihre Rede wirken können. In Zeiten, in denen die Rhetorik entstand und ihre Blüte erlebte, war es in Griechenland der zentrale Kultplatz einer Gemeinde, die Agora, auf der Reden gehalten wurden, in Rom waren das Forum und der Senat die Wirkungsstätte des Redners. Die Rede musste unmittelbar auf die Anwesenden wirken. Die Person des Redners, sein Verhalten wurden von den Rezipienten in der jeweiligen Situation direkt erlebt, er war bei den Zuhörern bekannt.
Schon Aristoteles schrieb in seiner »Rhetorik«: »Von den Überzeugungsmitteln, die durch die Rede zustande gebracht werden, gibt es drei Formen: Die ersten nämlich liegen im Charakter des Redners, die zweiten darin, den Zuhörer in einen bestimmten Zustand zu versetzen, die dritten in dem Argument selbst, durch das Beweisen oder das scheinbare Beweisen. Durch den Charakter also (erfolgt die Überzeugung), wenn die Rede so gehalten wird, dass sie den Redner glaubwürdig macht; denn wir glauben den Tugendhaften in höherem Maße und schneller – und zwar im Allgemeinen bei jeder Sache, vollends aber bei solchen Fällen, in denen es nichts Genaues, sondern gegenteilige Meinungen gibt.«[1] Aristoteles sieht den Charakter und die Persönlichkeit des Redners also als sehr zentral für die Wirkung der Rede an, aber er muss die Rede in einer Weise halten, dass sein Charakter in ihr zum Ausdruck kommt, denn nur so wirkt sie authentisch und macht sie glaubwürdig. »(V)ielmehr verfügt der Charakter beinahe sozusagen über den wichtigsten Aspekt der Überzeugung.«[2] Allerdings müssen die drei von Aristoteles genannten Wirkungselemente eine schlüssige Verbindung eingehen. Dabei muss der Redner den günstigen Moment ergreifen, den Kairos erkennen, um die Zuhörer für seine Sache zu gewinnen.
Die Maßstäbe, die in der Antike an die Person des idealen Redners gelegt wurden, sind sehr hoch und nicht ohne Grund betitelte Cicero seine wichtigsten Bücher, »Vom Redner« und »Der Redner«. Er fordert: »Bei dem Redner hingegen muss man den Scharfsinn der Dialektiker, die Gedanken der Philosophen, die Worte fast der Dichter, das Gedächtnis der Rechtsgelehrten, die Stimme der Tragödienspieler, das Gebärdenspiel beinahe der größten Schauspieler fordern. Aus diesem Grund lässt sich unter den Menschen nichts seltener finden als ein vollendeter Redner. Denn während in anderen Künsten schon einzelne Geschicklichkeiten, die ein Künstler sich in einem einzelnen Fach nur in mäßigem Grad angeeignet hat, Beifall finden, so können sie bei dem Redner nur dann Anspruch auf Beifall machen, wenn sie sich alle in höchster Vollkommenheit in ihm vereinigt finden.«[3]
Hördatei
»Das Auge entscheidet schlussendlich«
Roland Stieger über Gestaltung von und mit Schrift
Etwas Passendes – eine passende Sprache – zu finden, sei immer das Interessante an einem Designprozess, so der typographische Gestalter Roland Stieger. Aber »wenn alles perfekt ist, dann wirkt es irgendwie wieder langweilig«. Er findet, was den Menschen im Vergleich zur künstlichen Intelligenz ausmacht, sei der Fehler.
»Ich bin von heute, aber ich habe auch Tradition.« Im Interview äußert Roland Stieger, wie er die Zukunft der visuellen Kommunikation einschätzt, und erläutert seine Faszination für die Typographie sowie Einflüsse, durch die seine Arbeit geprägt wurde. Bei »TGG« in St. Gallen in der Schweiz pflege er eine »Kultur des Austauschs«. Stieger hat den »Kunden gerne im Prozess dabei« – er empfindet den Kontakt mit Auftraggebern als »Resonanzraum«. Seine Designagentur versuche, »dem Inhalt eine möglichst gute Bühne zu bauen« und gleichzeitig »immer wieder einen überraschenden Moment zu kreieren«.
Im Interview gibt der Typograph Einblicke aus seinen mittlerweile 35 Jahren Berufserfahrung und wirft die Frage auf: »Weshalb gönnen wir uns nicht mehr Zeit für uns, in der wir Sachen machen, die uns ausschließlich Freude bereiten?«
Mythen des Alltags
Kalender
Von den Sternen in die Hand
Die Welt stand nie still. Nicht heute und nicht für die Ägypter und Babylonier vor über 4000 Jahren. Mindestens so lange hat die Menschheit versucht, Halt im Fluss der Zeit zu finden.
Wissen über den Jahreszyklus ist für jede Zivilisation unabdingbar. Sie gibt seit Jahrtausenden Aufschluss über Pflanz- und Erntezeiten, die Migration von Tieren oder den anstehenden Winter. Schon seit der Antike wird der Tag-Nacht-Zyklus in 24 Stunden geteilt. Grund ist hier die Zählweise in der sumerischen Keilschrift, die im Gegensatz zum heute gebräuchlichen Zehnersystem ein Sechzigersystem verwendete, das von den Astronomen Babylons übernommen wurde. Der sumerischen Keilschrift ist auch zu verdanken, dass wir eine volle Umrundung in 360 Grad messen. Aus Babylon wurde dieser Standard in die ganze Welt getragen. Die zwölf Einheiten wurden damals auf einer einfachen Sonnenuhr markiert, sodass sich das Längenverhältnis von Tag- und Nachtstunden abhängig von der jeweiligen Jahreszeit verschob.
Die vom Mondzyklus abgeleiteten Monate hatten sich ebenfalls, in den meisten Kulturen, schon früh etabliert. Die exakte Dauer eines Monats variierte, hielt sich aber an den ungefähren Richtwert des Mondzyklus von 29,5 Tagen.
In den meisten Kulturen begann die Gruppierung von Tagen, anhand von unterschiedlichen Gesichtspunkten, in eine kürzere Einheit. Diese ähnelte am ehesten der Woche. Oft waren diese von Marktzyklen bestimmt oder religiös verankert. Die Ägypter zum Beispiel pflegten eine 10-Tage-Woche und das antike Rom eine 8-Tage-Woche. Als die frühe Christenheit dann die 7-Tage-Woche des Judentums übernahm, wurde diese langsam aber sicher zum Weltstandard.[1]
Den Mondzyklen gegenüber steht jedoch die Verteilung der Jahreszeiten. Diese sind schließlich kein Mondphänomen, sondern hängen von der Bahn der Erde um die Sonne ab. Während antike Kulturen, abhängig von ihrer Lage, verschiedene Jahreszeiten zählten, ergeben alle akkuraten Beobachtungen der Sonne ein Jahr mit etwa 365 Tagen.[2] Auch diese Relation war bereits in der Antike bekannt. Schon die Ägypter sahen alle vier Jahre einen Schalttag vor.[3]
Die erste Verwendung der Bezeichnung »Kalender«, für die Sammlung von Zeiteinheiten verdanken wir den Geldleihern des römischen Reiches. Das »Calendarium« war ein Schuldbuch, in dem die sogenannten Kalendae, die ersten Tage der Monate des römischen Kalenders, verzeichnet waren. An diesen Tagen wurden Anleihen vergeben und Schulden eingefordert.[4] Dieser Kalender hatte – im Gegensatz zu dem heute verbreiteten gregorianischen Kalender – erst zehn, später sogar dreizehn Monate, inklusive eines Schaltmonats. Und er sah, wie bereits beschrieben, eine 8-Tage-Woche vor. Die Monate September bis Dezember sind nach den römischen Zahlen Sieben bis Zehn benannt. Juli und August – zunächst Quintilis und Sextilis, also Fünf und Sechs – wurden zu Ehren des ersten römischen Kaisers Augustus und seines Ziehvaters Iulius Caesar umbenannt. Passenderweise trifft der Geburtsname des Augustus – Gaius Octavius, der Achte – hier bei der Zählweise von Ianus, dem Januar, aufwärts genau den achten Monat.[5]
Mit der Einführung mechanischer Uhren im 13. Jahrhundert, wurde das Einhalten einer konstanten Länge für die Stunde machbar.[6] Später erfolgte der Bau großer Kalenderuhren, die in und an öffentlichen Gebäuden angebracht wurden. Im 16. Jahrhundert verordnete die Kirche unter Papst Gregor XIII eine Kalenderform, die dem Kalender zum ersten Mal die bis heute überdauernde Form gab.[7]
Der Kalender der, mit dem Wissen über die Jahreszeiten, überlebenswichtig war, bleibt bis heute zentral für die Zivilisation. Geburtstage, Feiertage, Schulferien, Trauertage und Beerdigungen. Alles hat in einem Kalender seinen Platz. Und das schon seit Jahrtausenden.
Mit dem Berufsalltag gibt es eine Vielzahl von Terminen, die der Vormerkung in einem Kalender bedürfen. Noch vor wenigen Jahren war der gebundene Taschenkalender nicht wegzudenken. Dünne Seiten, gebunden in einem Buch, das jedes Jahr erneuert wird und nicht nur als Gedächtnisstütze und Planungshilfe dient, sondern auch als stilles Dokument vergangener Erlebnisse. Branchen- und milieuabhängig haben sich rund um den Jahres-, Wochen- und Tagesplaner eigene Subkulturen gebildet. Kalligrafie, Sticker und Pastellfarben in selbstgeschriebenen Spalten, Kugelschreiber auf gelblichem Papier oder Edding auf einem Wandkalender. So ist der Füllgrad des eigenen Kalenders ein Statussymbol und der Einfluss über die Termine ein Machtfaktor, während das ordentliche Führen desselben eigener, eingespielter Zeremonien bedarf und einen ganzen Berufszweig geboren hat. Der Werbekalender bleibt eine beliebte Maßnahme in der Markenbildung. Bis heute hängen in Garagen weltweit Kalender, deren Papier längst vergilbt, während andere sorgfältig in einer Kiste im Keller aufbewahrt werden. Nach wie vor sind Fotokalender beliebte Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke – gerne auch mit eigenen Urlaubsfotos. So werden aus diesen Kalendern über die Zeit kostbare Erinnerungen, durch die Bilder, die schönen Anlässe und ihre Position als Kunstwerke an den Wänden der Lebensräume.
Jahreszeiten, Monate und das Uhren-Lesen gehören zu den ersten Dingen, die in der formalen Bildung erworben werden. Sie sind fundamentale Bausteine für das Verständnis von Zeit, der Geschichte und der Welt, die den Menschen umgibt. Von Steinkreisen über Wandmalereien, Schuldenbücher und Uhrwerke bis zu Taschenkalendern und Software-Lösungen von heute hat der Umgang mit dem Kalender sich stetig mit der Technik seiner Zeit weiterentwickelt. Er ist für den Alltag so grundlegend wie lesen, schreiben und rechnen. Und im Gegensatz zu diesen Kulturtechniken teilen sich den gregorianischen Kalender, zumindest in säkularen Dingen, fast alle Völker der Welt.
- [1] s. Schmidt, John D.; Lin, Chao; Bickerman, E. J.; Ronan, Colin Alistair; Wiesenberg, E. J.; Ziadeh, Nicola Abdo; Proskouriakoff, Tatiana; Buitenen, J.A.B. van: calendar. In Encyclopaedia Britannica. URL: https://www.britannica.com/science/calendar#ref59342 (Stand: 8.2.2023).
- [2] a. a. O., URL: https://www.britannica.com/science/calendar/Time-determination-by-stars-Sun-and-Moon (Stand: 8.2.2023).
- [3] a. a. O., URL: https://www.britannica.com/science/calendar/Time-determination-by-stars-Sun-and-Moon#ref59345 (Stand: 8.2.2023).
- [4] s. »Kalendarium« auf Duden online. URL: https://www.duden.de/node/63917/revision/697830 (Stand: 8.2.2023).
- [5] s. Die Redakteure der Encyclopaedia Britannica: Roman republican calendar. In: Encyclopaedia Britannica. URL: https://www.britannica.com/science/Roman-republican-calendar (Stand: 8.2.2023).
- [6] s. Schmidt, John D.; Lin, Chao; Bickerman, E. J.; Ronan, Colin Alistair; Wiesenberg, E. J.; Ziadeh, Nicola Abdo; Proskouriakoff, Tatiana; Buitenen, J. A. B. van: calendar. In: Encyclopaedia Britannica. URL: https://www.britannica.com/science/calendar#ref59342 (Stand: 8.2.2023).
- [7] s. Die Redakteure der Encyclopaedia Britannica: Gregorian Calendar. In: Encyclopaedia Britannica. URL: https://www.britannica.com/science/Gregorian-calendar (Stand: 8.2.2023).












