Illustrationen

Mit Leichtigkeit durch drei Dimensionen

Annika Lischke baut eine Welt aus Papier

  • Annika Lischke: Antilope.
    Anni­ka Lisch­ke: Antilope.
  • Annika Lischke: Auto.
    Anni­ka Lisch­ke: Auto.
  • Annika Lischke: Blumen.
    Anni­ka Lisch­ke: Blumen.
  • Annika Lischke: Buch und Wein.
    Anni­ka Lisch­ke: Buch und Wein.
  • Annika Lischke: David.
    Anni­ka Lisch­ke: David.
  • Annika Lischke: Elefant.
    Anni­ka Lisch­ke: Elefant.
  • Annika Lischke: Figur.
    Anni­ka Lisch­ke: Figur.
  • Annika Lischke: Früchte.
    Anni­ka Lisch­ke: Früchte.
  • Annika Lischke: Hund.
    Anni­ka Lisch­ke: Hund.
  • Annika Lischke: Kuh.
    Anni­ka Lisch­ke: Kuh.
  • Annika Lischke: Pferd.
    Anni­ka Lisch­ke: Pferd.
  • Annika Lischke: Schmetterling.
    Anni­ka Lisch­ke: Schmetterling.
  • Annika Lischke: Vogel.
    Anni­ka Lisch­ke: Vogel.

 

Anni­ka Lisch­ke über­schrei­tet fest­ge­leg­te Gren­zen zwi­schen ver­schie­de­nen Dis­zi­pli­nen, ana­lo­gen und digi­ta­len Medi­en sowie kon­tras­tie­ren­den Dimen­sio­nen wie groß und klein oder 2D und 3D. Ihre Arbei­ten sind in renom­mier­ten Maga­zi­nen wie der »Vogue«, dem »ZEIT Maga­zin« und »Tush« zu fin­den. Die von ihr geschaf­fe­nen Objek­te spie­geln die viel­fäl­ti­ge und leich­te Sei­te der Rea­li­tät wider. Anni­kas »Gene­rous Objects« hand­ha­ben die Kom­ple­xi­tät der Welt spie­le­risch, ähn­lich einem Plu­ri­ver­sum, in dem tau­sen­de Ideen neben­ein­an­der exis­tie­ren. Sie setzt glän­zen­de Frag­men­te aus Mode­ma­ga­zi­nen zu leich­ten, drei­di­men­sio­na­len Papier­ob­jek­ten zusam­men. Trotz ihrer offen­sicht­li­chen Papier­kon­struk­ti­on neh­men die Objek­te stän­dig neue For­men an und laden zur tän­ze­ri­schen Wahr­neh­mung ein. Sie bie­ten aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln neue Per­spek­ti­ven, sowohl auf sich selbst als auch auf die Betrach­ter. Lisch­kes Objek­te wir­ken wie groß­zü­gi­ge Ges­ten, die einen Raum der Mög­lich­kei­ten schaf­fen, um die sich stän­dig ver­än­dern­de Welt zu erkunden.

Essay

Hamas – Terrorpropaganda im Wandel

Visuell-rhetorische Strategien wurden neu aufgestellt

Die Hamas hat einen Angriff auf Isra­el gestar­tet, der in der Geschich­te des Lan­des bis­her ein­ma­lig ist. Doch der Ter­ror der Paläs­ti­nen­ser­or­ga­ni­sa­ti­on beschränkt sich nicht nur auf phy­si­sche Gewalt: Hin­ter den Angrif­fen steckt eine per­fi­de Pro­pa­gan­da­stra­te­gie, die mit den Mecha­nis­men der sozia­len Medi­en spielt – und die sich in den letz­ten Jah­ren auf über­ra­schen­de Wei­se gewan­delt hat. Auch mit der neu­en Tak­tik schaf­fen es die Isla­mis­ten, aus­ge­rech­net ein links-pro­gres­si­ves west­li­ches Publi­kum erfolg­reich zu manipulieren.

Seit dem Holo­caust wur­den nicht mehr so vie­le Juden an einem Tag ermor­det wie am 7. Okto­ber 2023. Selbst für die Maß­stä­be Isra­els, eines von regel­mä­ßi­gen Angriffs­krie­gen geschüt­tel­ten Staa­tes, ist die Bru­ta­li­tät, mit der die Hamas zuschlug, bei­spiel­los. Nicht nur die Zahl der Opfer scho­ckiert, son­dern auch die Art und Wei­se, wie die Ter­ro­ris­ten vor­gin­gen: 1400 Men­schen wur­den ermor­det, 260 davon star­ben bei einem Mas­sa­ker auf einem Tech­no-Fes­ti­val, über 240 Zivi­lis­ten wur­den als Gei­seln genom­men, Frau­en und Kin­der öffent­lich ver­ge­wal­tigt, die Lei­chen geschän­det und in Para­den durch die Stra­ßen Gazas gezo­gen, Babys ent­haup­tet, Men­schen bei leben­di­gem Leib ver­brannt und Vide­os der Taten online gestellt.[1] Es ist vor allem die­se lüs­ter­ne media­le Zur­schau­stel­lung der Ver­bre­chen, die einen Bruch in der bis­he­ri­gen Selbst­in­sze­nie­rung der Hamas mar­kiert: Noch bis zum letz­ten Gaza-Krieg 2021 ver­such­te sich die Orga­ni­sa­ti­on trotz ihrer offen­sicht­li­chen Ter­ror­ak­te als Anwalt der Unter­drück­ten dar­zu­stel­len. Auf den eng­lisch­spra­chi­gen social-media-Kanä­len und Web­sites der Isla­mis­ten domi­nier­te eine Bild­rhe­to­rik und Wort­wahl, die das Bild einer schein­bar seriö­sen poli­ti­schen Par­tei zeich­ne­te, die das Leid der paläs­ti­nen­si­schen Bevöl­ke­rung doku­men­tier­te und zu mil­dern such­te. So ver­such­te die Hamas, sich die Soli­da­ri­tät einer dis­kri­mi­nie­rungs­sen­si­blen Öffent­lich­keit und damit auch finan­zi­el­le Unter­stüt­zung durch NGOs und staat­li­che Hilfs­gel­der zu sichern. Die­ser Fokus auf die Ethos-Ebe­ne hat sich mit dem aktu­el­len Angriff jäh ins Gegen­teil ver­kehrt: Anstatt das Image von men­schen­freund­li­chen Frei­heits­kämp­fern zu ver­mit­teln, inves­tiert die Hamas nun gro­ße Arbeit in die media­le Ver­brei­tung ihrer Gräu­el­ta­ten. Wie kam es zu die­sem Wandel?

Wir sind die Guten: Wie die Hamas einst um Ver­trau­en warb

Ein Blick zurück: In der Anfang 2018 abge­schlos­se­nen Arbeit »Ver­trau­en Sie uns – Wir sind Ter­ro­ris­ten!«[2] wur­de die Medi­enstra­te­gie der Hamas ana­ly­siert. Dafür wur­den meh­re­re Mona­te lang alle social-media-Kanä­le der Orga­ni­sa­ti­on, ihrer Tocht­er­or­ga­ni­sa­tio­nen, ihrer Nach­rich­ten­agen­tu­ren und Fern­seh­sen­der sowie die dazu­ge­hö­ri­gen exter­nen Web­sites beob­ach­tet, das gepos­te­te Bild­ma­te­ri­al gesam­melt und die Unter­schie­de zwi­schen den Kanä­len ver­gli­chen. Das Ergeb­nis in Kurz­form: Die Pro­pa­gan­da der Hamas ziel­te zum dama­li­gen Zeit­punkt dar­auf ab, das Publi­kum schritt­wei­se zu radi­ka­li­sie­ren. Erst soll­te bei einer brei­ten Öffent­lich­keit durch emo­tio­na­le Rhe­to­rik Empa­thie für das paläs­ti­nen­si­sche Volk erzeugt, anschlie­ßend die Hamas als legi­ti­mer, ver­trau­ens­wür­di­ger Ver­tre­ter der Paläs­ti­nen­ser prä­sen­tiert und erst im drit­ten Schritt der bewaff­ne­te Kampf gegen Isra­el als logi­scher Schluss aus den vor­he­ri­gen Punk­ten prä­sen­tiert wer­den. Anders als in der aktu­el­len Situa­ti­on durf­te paläs­ti­nen­si­sche Gewalt gegen Isra­el einem brei­ten, inter­na­tio­na­len Publi­kum nicht gezeigt wer­den; Paläs­ti­nen­ser soll­ten zunächst nur als Opfer, nie als Täter dar­ge­stellt wer­den, um Sym­pa­thie zu wecken. Tei­le die­ser Tak­tik nutzt die Hamas noch immer, ande­re hat sie radi­kal verworfen.

Die Vor­ge­hens­wei­se der Stu­die sah wie folgt aus: Alle Bil­der, die die Pro­pa­gan­da­ab­tei­lung der Hamas im unter­such­ten Zeit­raum online pos­te­te, wur­den gesam­melt und nach Kanä­len geord­net. Häu­fig wie­der­keh­ren­de Moti­ve wur­den mit Namen ver­se­hen (zum Bei­spiel »Hamas-Demons­tra­ti­on« oder »glo­ri­fi­zier­te Mär­ty­rer­dar­stel­lung«) und gezählt. Anschlie­ßend wur­de aus­ge­wer­tet, auf wel­chem Kanal wel­che Bild­mo­ti­ve wie oft vor­ka­men: So kam das Motiv »ver­letz­tes paläs­ti­nen­si­sches Kind« auf man­chen Kanä­len häu­fi­ger vor als das Motiv »Hamas-Poli­ti­ker bei Kon­fe­renz oder Staats­be­such«, das Motiv »bewaff­ne­ter Ter­ror­kämp­fer« kam auf man­chen Kanä­len gar nicht vor, auf ande­ren wie­der­um sehr häu­fig. Auch die Unter­schie­de in den bild­li­chen Dar­stel­lun­gen von Israe­lis und Paläs­ti­nen­sern wur­den mit­ein­an­der ver­gli­chen; dabei wur­de unter­sucht, in wel­chen Rol­len, Iden­ti­tä­ten und Situa­tio­nen die bei­den Per­so­nen­grup­pen jeweils gezeigt wur­den – und wie sich die­se Dar­stel­lun­gen von Kanal zu Kanal unter­schie­den. Zum Schluss wur­den die Ergeb­nis­se sta­tis­tisch aus­ge­wer­tet, um her­aus­zu­fin­den, ob unter­schied­li­che Kanä­le unter­schied­li­che Zie­le ver­folg­ten – und ob dahin­ter ein Sys­tem steckte.

In den Ergeb­nis­sen ließ sich ein drei­stu­fi­ger Radi­ka­li­sie­rungs­plan erken­nen[3]: Auf der ers­ten Stu­fe wur­den unwis­sen­de social-media-Nut­zer von unver­däch­tig erschei­nen­den Accounts abge­holt. Eng­lisch­spra­chi­ge Nach­rich­ten­sei­ten, auf denen der Name »Hamas« nicht auf­tauch­te, pos­te­ten Bil­der und News, die auf die Emo­tio­nen der Nut­zer abziel­ten: Fotos von ver­letz­ten paläs­ti­nen­si­schen Kin­dern, auf­ge­lös­ten Demos in der West­bank, fest­ge­nom­me­nen paläs­ti­nen­si­schen Jugend­li­chen sowie Fami­li­en, die ein­an­der nach der Frei­las­sung aus israe­li­schen Gefäng­nis­sen wie­der in die Arme schlos­sen (s. Abb. 1).

Abbildung 1: Das Hamas-geführte Palestine Info Center nutzte oft Bilder von leidenden palästinensischen Kindern, um Israel als Aggressor darzustellen.

Abbil­dung 1: Das Hamas-geführ­te Pal­es­ti­ne Info Cen­ter nutz­te oft Bil­der von lei­den­den paläs­ti­nen­si­schen Kin­dern, um Isra­el als Aggres­sor darzustellen.

Buchbesprechung

»Im Streitfall liegen unsere Instinkte daneben«

Tali Sharot: Unsere Meinungen sind alles andere als objektiv

Von Bettina Schröm


Wer an die rei­ne Ver­nunft glaubt, wird bei der Lek­tü­re man­che Krö­te schlu­cken müs­sen. Neu­ro­wis­sen­schaft­le­rin Tali Sharot erläu­tert in ihrem Buch »Die Mei­nung der ande­ren. Wie sie unser Den­ken und Han­deln bestimmt – und wie wir sie beein­flus­sen«, wie sehr wir von Gefüh­len getrie­ben wer­den. Die Autorin greift für ihre Rück­schlüs­se auf zahl­rei­che Stu­di­en und Ver­su­che zurück, erzählt plau­si­bel anhand von Bei­spie­len und mensch­li­chen Erfah­run­gen. Da sind zum Bei­spiel Impf­geg­ner, die sich auch durch die Andro­hung erns­ter gesund­heit­li­cher Gefahr nicht zur Imp­fung über­re­den las­sen; Foot­ball-Teams, deren Erfolgs­se­rie abbricht und deren Moral schwin­det; Ehe­paa­re, die sich nicht auf einen Wohn­ort eini­gen kön­nen. Alles Situa­tio­nen, die jeder Leser nach­voll­zie­hen kann und in denen sich die Fra­gen stel­len: Wie über­zeu­gen wir ande­re? Wie wer­den wir überzeugt? 

Um die­se Fra­gen zu beant­wor­ten, blickt Sharot in das Kör­per­teil, in dem sich alle unse­re Wün­sche, Träu­me, Ängs­te, Zie­le und Über­le­gun­gen abspie­len: das mensch­li­che Gehirn. Ein rät­sel­haf­tes Organ, das ganz offen­bar dem sach­li­chen Argu­ment nur dann etwas abge­win­nen kann, wenn es in unse­ren Kram passt. Denn Sharot kon­sta­tiert, »dass Fak­ten und Logik lei­der Got­tes nicht die wirk­sams­ten Mit­tel sind, wenn es dar­um geht, an Mei­nun­gen zu rüt­teln«. Oder kurz: »Im Streit­fall lie­gen unse­re Instink­te dane­ben.« (S. 23) Haben wir uns näm­lich erst ein­mal auf eine Mei­nung ein­ge­schos­sen, suchen wir instink­tiv nach Bestä­ti­gung, so die Autorin. Da hel­fe dann auch ein Mehr an Infor­ma­tio­nen und Daten nicht, die wir blitz­schnell danach fil­tern, was uns bestä­tigt – um den Rest dann ein­fach unter den Tisch fal­len zu lassen.

Sharots Ana­ly­se mischt bio­lo­gi­sche Erkennt­nis mit psy­cho­lo­gi­schen Phä­no­me­nen, um zu beschrei­ben, was man immer geahnt hat: Men­schen sind beein­fluss­ba­rer als man denkt – aller­dings nicht von Fak­ten, son­dern von Gefüh­len. Face­book-Nut­zer, denen ver­mehrt posi­ti­ve Nach­rich­ten gezeigt wer­den, pos­ten selbst posi­ti­ve­re Mit­tei­lun­gen als sol­che, die mit nega­ti­ven News ver­sorgt wer­den (ja, das hat Face­book im Jahr 2012 ganz offen­bar an über 500 000 Nut­zern aus­pro­biert …). Online-Bewer­tun­gen wer­den enorm vom aller­ers­ten Kom­men­tar beein­flusst. Münd­li­che Feed­back-Run­den enden ver­däch­tig oft ein­stim­mig. Und auch ein­ge­bil­de­te Krank­hei­ten kön­nen anste­ckend sein.

Im Buch geht es um Angst, Kon­trol­le, Stress­emp­fin­den und sozia­les Ler­nen. Immer wird den Kapi­teln eine Sze­ne vor­an­ge­stellt, die den Unter­su­chungs­ge­gen­stand ins rich­ti­ge Leben holt und am Fall­bei­spiel zeigt, was uns zu wel­chen Hand­lun­gen (oder zur Taten­lo­sig­keit) bewegt. Den­noch sind wir den unbe­wuss­ten Abläu­fen in unse­rem Ober­stüb­chen nicht hilf­los aus­ge­lie­fert. Sharot emp­fiehlt die Erkennt­nis­se zu nut­zen – zum einen, um sich der eige­nen Gefühls­welt bewusst zu wer­den und ihr zumin­dest zu miss­trau­en. Und zum ande­ren, um – natür­lich – ande­re zu beein­flus­sen. Men­schen han­deln, wenn sie belohnt wer­den, wenn es gelingt, ein gemein­sa­mes Ziel zu for­mu­lie­ren, wenn sie das Gefühl haben, selbst die Kon­trol­le über ihr Tun zu haben. Soweit in Kür­ze. Und als Aus­weg aus den Fil­ter-Bubbles emp­fiehlt die Pro­fes­so­rin Din­ge, die man gar nicht oft genau sagen kann: Anony­mi­tät im Netz wah­ren, die Such­his­to­rie aus­schal­ten – und vor allem auch Men­schen in sozia­len Medi­en fol­gen, die man respek­tiert, obwohl sie eine ande­re Mei­nung ver­tre­ten als man selbst.

Hördatei

»… dass es mehr und mehr systematisch geworden ist«

Uwe Brückner über Entwicklungen der Szenografie

Von Lisa Klatt


Uwe Brück­ner ist Archi­tekt, Büh­nen­bil­der, Aus­stel­lungs­de­si­gner und Grün­der des »Stu­dio Uwe Brück­ner« und Mit­grün­der des »Ate­lier Brück­ner«. Er lehrt als Pro­fes­sor für Szen­o­gra­fie an der Hoch­schu­le für Gestal­tung und Kunst in Basel. Im Inter­view spricht über die Ent­wick­lung der Szen­o­gra­fie, über die Kom­bi­na­ti­on aus Archi­tek­tur und Büh­nen­bild sowie über Kon­zept- und Strategieentwicklung.

(Das Inter­view wur­de per Video­kon­fe­renz geführt, die Ton­qua­li­tät ist dem­entspre­chend nicht die Bes­te – wir bit­ten Hörer und den Inter­view­part­ner um Nachsicht.)

 

Essay

Der ideale Redner

Differenziertes Betrachten, Reflexion und Diskurs

Wie stellt sich das Bild eines idea­len Red­ners in heu­ti­ger Zeit dar? Gibt es einen solch idea­len Red­ner heu­te noch? Das ist ange­sichts einer sich ver­än­dern­den Rol­le in einer Medi­en­ge­sell­schaft eher frag­lich. Bedenkt man, dass ihn frü­he­ren Zei­ten das per­sön­li­che Auf­tre­ten, der Ruf, das Erschei­nungs­bild und die Elo­quenz wesent­li­che Wir­kungs­ele­men­te des Red­ners waren, die für das Publi­kum oft unmit­tel­bar wahr­nehm­bar waren, so sind es in der heu­ti­gen Zeit durch diver­se Medi­en gepräg­ten Zeit sehr viel­fäl­ti­ge Fak­to­ren, die auf das wahr­ge­nom­me­ne Bild einer Per­son und ihre Rede wir­ken kön­nen. In Zei­ten, in denen die Rhe­to­rik ent­stand und ihre Blü­te erleb­te, war es in Grie­chen­land der zen­tra­le Kult­platz einer Gemein­de, die Ago­ra, auf der Reden gehal­ten wur­den, in Rom waren das Forum und der Senat die Wir­kungs­stät­te des Red­ners. Die Rede muss­te unmit­tel­bar auf die Anwe­sen­den wir­ken. Die Per­son des Red­ners, sein Ver­hal­ten wur­den von den Rezi­pi­en­ten in der jewei­li­gen Situa­ti­on direkt erlebt, er war bei den Zuhö­rern bekannt.

Schon Aris­to­te­les schrieb in sei­ner »Rhe­to­rik«: »Von den Über­zeu­gungs­mit­teln, die durch die Rede zustan­de gebracht wer­den, gibt es drei For­men: Die ers­ten näm­lich lie­gen im Cha­rak­ter des Red­ners, die zwei­ten dar­in, den Zuhö­rer in einen bestimm­ten Zustand zu ver­set­zen, die drit­ten in dem Argu­ment selbst, durch das Bewei­sen oder das schein­ba­re Bewei­sen. Durch den Cha­rak­ter also (erfolgt die Über­zeu­gung), wenn die Rede so gehal­ten wird, dass sie den Red­ner glaub­wür­dig macht; denn wir glau­ben den Tugend­haf­ten in höhe­rem Maße und schnel­ler – und zwar im All­ge­mei­nen bei jeder Sache, voll­ends aber bei sol­chen Fäl­len, in denen es nichts Genau­es, son­dern gegen­tei­li­ge Mei­nun­gen gibt.«[1] Aris­to­te­les sieht den Cha­rak­ter und die Per­sön­lich­keit des Red­ners also als sehr zen­tral für die Wir­kung der Rede an, aber er muss die Rede in einer Wei­se hal­ten, dass sein Cha­rak­ter in ihr zum Aus­druck kommt, denn nur so wirkt sie authen­tisch und macht sie glaub­wür­dig. »(V)ielmehr ver­fügt der Cha­rak­ter bei­na­he sozu­sa­gen über den wich­tigs­ten Aspekt der Über­zeu­gung.«[2] Aller­dings müs­sen die drei von Aris­to­te­les genann­ten Wir­kungs­ele­men­te eine schlüs­si­ge Ver­bin­dung ein­ge­hen. Dabei muss der Red­ner den güns­ti­gen Moment ergrei­fen, den Kai­ros erken­nen, um die Zuhö­rer für sei­ne Sache zu gewinnen.

Die Maß­stä­be, die in der Anti­ke an die Per­son des idea­len Red­ners gelegt wur­den, sind sehr hoch und nicht ohne Grund beti­tel­te Cice­ro sei­ne wich­tigs­ten Bücher, »Vom Red­ner« und »Der Red­ner«. Er for­dert: »Bei dem Red­ner hin­ge­gen muss man den Scharf­sinn der Dia­lek­ti­ker, die Gedan­ken der Phi­lo­so­phen, die Wor­te fast der Dich­ter, das Gedächt­nis der Rechts­ge­lehr­ten, die Stim­me der Tra­gö­di­en­spie­ler, das Gebär­den­spiel bei­na­he der größ­ten Schau­spie­ler for­dern. Aus die­sem Grund lässt sich unter den Men­schen nichts sel­te­ner fin­den als ein voll­ende­ter Red­ner. Denn wäh­rend in ande­ren Küns­ten schon ein­zel­ne Geschick­lich­kei­ten, die ein Künst­ler sich in einem ein­zel­nen Fach nur in mäßi­gem Grad ange­eig­net hat, Bei­fall fin­den, so kön­nen sie bei dem Red­ner nur dann Anspruch auf Bei­fall machen, wenn sie sich alle in höchs­ter Voll­kom­men­heit in ihm ver­ei­nigt fin­den.«[3]

Hördatei

»Das Auge entscheidet schlussendlich«

Roland Stieger über Gestaltung von und mit Schrift

Von Corinna Gratzl


Etwas Pas­sen­des – eine pas­sen­de Spra­che – zu fin­den, sei immer das Inter­es­san­te an einem Design­pro­zess, so der typo­gra­phi­sche Gestal­ter Roland Stie­ger. Aber »wenn alles per­fekt ist, dann wirkt es irgend­wie wie­der lang­wei­lig«. Er fin­det, was den Men­schen im Ver­gleich zur künst­li­chen Intel­li­genz aus­macht, sei der Fehler. 

»Ich bin von heu­te, aber ich habe auch Tra­di­ti­on.« Im Inter­view äußert Roland Stie­ger, wie er die Zukunft der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on ein­schätzt, und erläu­tert sei­ne Fas­zi­na­ti­on für die Typo­gra­phie sowie Ein­flüs­se, durch die sei­ne Arbeit geprägt wur­de. Bei »TGG« in St. Gal­len in der Schweiz pfle­ge er eine »Kul­tur des Aus­tauschs«. Stie­ger hat den »Kun­den ger­ne im Pro­zess dabei« – er emp­fin­det den Kon­takt mit Auf­trag­ge­bern als »Reso­nanz­raum«. Sei­ne Design­agen­tur ver­su­che, »dem Inhalt eine mög­lichst gute Büh­ne zu bau­en« und gleich­zei­tig »immer wie­der einen über­ra­schen­den Moment zu kreieren«.

Im Inter­view gibt der Typo­graph Ein­bli­cke aus sei­nen mitt­ler­wei­le 35 Jah­ren Berufs­er­fah­rung und wirft die Fra­ge auf: »Wes­halb gön­nen wir uns nicht mehr Zeit für uns, in der wir Sachen machen, die uns aus­schließ­lich Freu­de bereiten?« 

 

Mythen des Alltags

Kalender

Von den Sternen in die Hand

Die Welt stand nie still. Nicht heu­te und nicht für die Ägyp­ter und Baby­lo­ni­er vor über 4000 Jah­ren. Min­des­tens so lan­ge hat die Mensch­heit ver­sucht, Halt im Fluss der Zeit zu finden.

Wis­sen über den Jah­res­zy­klus ist für jede Zivi­li­sa­ti­on unab­ding­bar. Sie gibt seit Jahr­tau­sen­den Auf­schluss über Pflanz- und Ern­te­zei­ten, die Migra­ti­on von Tie­ren oder den anste­hen­den Win­ter. Schon seit der Anti­ke wird der Tag-Nacht-Zyklus in 24 Stun­den geteilt. Grund ist hier die Zähl­wei­se in der sume­ri­schen Keil­schrift, die im Gegen­satz zum heu­te gebräuch­li­chen Zeh­ner­sys­tem ein Sech­zi­ger­sys­tem ver­wen­de­te, das von den Astro­no­men Baby­lons über­nom­men wur­de. Der sume­ri­schen Keil­schrift ist auch zu ver­dan­ken, dass wir eine vol­le Umrun­dung in 360 Grad mes­sen. Aus Baby­lon wur­de die­ser Stan­dard in die gan­ze Welt getra­gen. Die zwölf Ein­hei­ten wur­den damals auf einer ein­fa­chen Son­nen­uhr mar­kiert, sodass sich das Län­gen­ver­hält­nis von Tag- und Nacht­stun­den abhän­gig von der jewei­li­gen Jah­res­zeit verschob.

Die vom Mond­zy­klus abge­lei­te­ten Mona­te hat­ten sich eben­falls, in den meis­ten Kul­tu­ren, schon früh eta­bliert. Die exak­te Dau­er eines Monats vari­ier­te, hielt sich aber an den unge­fäh­ren Richt­wert des Mond­zy­klus von 29,5 Tagen.

In den meis­ten Kul­tu­ren begann die Grup­pie­rung von Tagen, anhand von unter­schied­li­chen Gesichts­punk­ten, in eine kür­ze­re Ein­heit. Die­se ähnel­te am ehes­ten der Woche. Oft waren die­se von Markt­zy­klen bestimmt oder reli­gi­ös ver­an­kert. Die Ägyp­ter zum Bei­spiel pfleg­ten eine 10-Tage-Woche und das anti­ke Rom eine 8-Tage-Woche. Als die frü­he Chris­ten­heit dann die 7-Tage-Woche des Juden­tums über­nahm, wur­de die­se lang­sam aber sicher zum Welt­stan­dard.[1]

Den Mond­zy­klen gegen­über steht jedoch die Ver­tei­lung der Jah­res­zei­ten. Die­se sind schließ­lich kein Mond­phä­no­men, son­dern hän­gen von der Bahn der Erde um die Son­ne ab. Wäh­rend anti­ke Kul­tu­ren, abhän­gig von ihrer Lage, ver­schie­de­ne Jah­res­zei­ten zähl­ten, erge­ben alle akku­ra­ten Beob­ach­tun­gen der Son­ne ein Jahr mit etwa 365 Tagen.[2] Auch die­se Rela­ti­on war bereits in der Anti­ke bekannt. Schon die Ägyp­ter sahen alle vier Jah­re einen Schalt­tag vor.[3]

Die ers­te Ver­wen­dung der Bezeich­nung »Kalen­der«, für die Samm­lung von Zeit­ein­hei­ten ver­dan­ken wir den Geld­lei­hern des römi­schen Rei­ches. Das »Calen­da­ri­um« war ein Schuld­buch, in dem die soge­nann­ten Kalen­dae, die ers­ten Tage der Mona­te des römi­schen Kalen­ders, ver­zeich­net waren. An die­sen Tagen wur­den Anlei­hen ver­ge­ben und Schul­den ein­ge­for­dert.[4] Die­ser Kalen­der hat­te – im Gegen­satz zu dem heu­te ver­brei­te­ten gre­go­ria­ni­schen Kalen­der – erst zehn, spä­ter sogar drei­zehn Mona­te, inklu­si­ve eines Schalt­mo­nats. Und er sah, wie bereits beschrie­ben, eine 8-Tage-Woche vor. Die Mona­te Sep­tem­ber bis Dezem­ber sind nach den römi­schen Zah­len Sie­ben bis Zehn benannt. Juli und August – zunächst Quin­ti­lis und Sex­ti­lis, also Fünf und Sechs – wur­den zu Ehren des ers­ten römi­schen Kai­sers Augus­tus und sei­nes Zieh­va­ters Iuli­us Cae­sar umbe­nannt. Pas­sen­der­wei­se trifft der Geburts­na­me des Augus­tus – Gai­us Octa­vi­us, der Ach­te – hier bei der Zähl­wei­se von Ianus, dem Janu­ar, auf­wärts genau den ach­ten Monat.[5]

Mit der Ein­füh­rung mecha­ni­scher Uhren im 13. Jahr­hun­dert, wur­de das Ein­hal­ten einer kon­stan­ten Län­ge für die Stun­de mach­bar.[6] Spä­ter erfolg­te der Bau gro­ßer Kalen­der­uh­ren, die in und an öffent­li­chen Gebäu­den ange­bracht wur­den. Im 16. Jahr­hun­dert ver­ord­ne­te die Kir­che unter Papst Gre­gor XIII eine Kalen­der­form, die dem Kalen­der zum ers­ten Mal die bis heu­te über­dau­ern­de Form gab.[7]

Der Kalen­der der, mit dem Wis­sen über die Jah­res­zei­ten, über­le­bens­wich­tig war, bleibt bis heu­te zen­tral für die Zivi­li­sa­ti­on. Geburts­ta­ge, Fei­er­ta­ge, Schul­fe­ri­en, Trau­er­ta­ge und Beer­di­gun­gen. Alles hat in einem Kalen­der sei­nen Platz. Und das schon seit Jahrtausenden.

Mit dem Berufs­all­tag gibt es eine Viel­zahl von Ter­mi­nen, die der Vor­mer­kung in einem Kalen­der bedür­fen. Noch vor weni­gen Jah­ren war der gebun­de­ne Taschen­ka­len­der nicht weg­zu­den­ken. Dün­ne Sei­ten, gebun­den in einem Buch, das jedes Jahr erneu­ert wird und nicht nur als Gedächt­nis­stüt­ze und Pla­nungs­hil­fe dient, son­dern auch als stil­les Doku­ment ver­gan­ge­ner Erleb­nis­se. Bran­chen- und milieu­ab­hän­gig haben sich rund um den Jah­res-, Wochen- und Tages­pla­ner eige­ne Sub­kul­tu­ren gebil­det. Kal­li­gra­fie, Sti­cker und Pas­tell­far­ben in selbst­ge­schrie­be­nen Spal­ten, Kugel­schrei­ber auf gelb­li­chem Papier oder Edding auf einem Wand­ka­len­der. So ist der Füll­grad des eige­nen Kalen­ders ein Sta­tus­sym­bol und der Ein­fluss über die Ter­mi­ne ein Macht­fak­tor, wäh­rend das ordent­li­che Füh­ren des­sel­ben eige­ner, ein­ge­spiel­ter Zere­mo­nien bedarf und einen gan­zen Berufs­zweig gebo­ren hat. Der Wer­be­ka­len­der bleibt eine belieb­te Maß­nah­me in der Mar­ken­bil­dung. Bis heu­te hän­gen in Gara­gen welt­weit Kalen­der, deren Papier längst ver­gilbt, wäh­rend ande­re sorg­fäl­tig in einer Kis­te im Kel­ler auf­be­wahrt wer­den. Nach wie vor sind Foto­ka­lender belieb­te Weih­nachts- und Geburts­tags­ge­schen­ke – ger­ne auch mit eige­nen Urlaubs­fo­tos. So wer­den aus die­sen Kalen­dern über die Zeit kost­ba­re Erin­ne­run­gen, durch die Bil­der, die schö­nen Anläs­se und ihre Posi­ti­on als Kunst­wer­ke an den Wän­den der Lebensräume.

Jah­res­zei­ten, Mona­te und das Uhren-Lesen gehö­ren zu den ers­ten Din­gen, die in der for­ma­len Bil­dung erwor­ben wer­den. Sie sind fun­da­men­ta­le Bau­stei­ne für das Ver­ständ­nis von Zeit, der Geschich­te und der Welt, die den Men­schen umgibt. Von Stein­krei­sen über Wand­ma­le­rei­en, Schul­den­bü­cher und Uhr­wer­ke bis zu Taschen­ka­len­dern und Soft­ware-Lösun­gen von heu­te hat der Umgang mit dem Kalen­der sich ste­tig mit der Tech­nik sei­ner Zeit wei­ter­ent­wi­ckelt. Er ist für den All­tag so grund­le­gend wie lesen, schrei­ben und rech­nen. Und im Gegen­satz zu die­sen Kul­tur­tech­ni­ken tei­len sich den gre­go­ria­ni­schen Kalen­der, zumin­dest in säku­la­ren Din­gen, fast alle Völ­ker der Welt.

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