Ausstellung
»Writing Pictures« im öffentlichen Raum
Die Bielefelder »Plakartive« zeigt große Formate
In Bielefeld verändert Kunst das Stadtbild – zumindest in der Mindener Straße. Dort sind bis zum 10. September 2015 im Rahmen der »Plakartive« große Formate zu sehen. Die von Uwe Göbel von der Fachhochschule Bielefeld als Biennale konzipierte Ausstellung nutzt vorhandene und zusätzlich aufgestellte Plakatwerbeflächen als Bildträger, um etwas Neues sichtbar zu machen. Göbel: »Kunst auf der Plakatwand durchbricht die gewohnte Wahrnehmung von Werbebotschaften im Straßenbild. Die Kunst trifft ohne die räumliche Begrenzung von Museen und Galerien direkt auf den Betrachter und öffnet der Werbefläche mit ganz anderen Bildern und Botschaften eine neue Dimension.«
Zwei der Texte, die im Katalog zur »Plakartive« erscheinen sind, veröffentlichen wir in dieser Ausgabe von »Sprache für die Form«, die Essays »Schreib Bilder Writing Pictures« und »Kunst : Jetzt = Bewusst-Sein-Kunst«, beide aus der Feder des Künstlers und Philosophen Gerhard Johann Lischka.
Essay
Schreib Bilder Writing Pictures
Beitrag I aus dem Katalog zur »Plakartive 2015«
Schreiben ist festhalten, fixieren, vorschreiben. Aus einer Tätigkeit, aus Geschichten und Ideen wird in einem Medium eine Abstraktion sichtbar und je nach dem lesbar. In welcher Form das auch sei: Für den Schreibenden und den Lesenden muss eine beide vereinigende Mitte als Übereinkunft getroffen worden sein. Wie viele sich diesem Code und dessen Aufzeichnungsformen anschließen und ihn gebrauchen, gestaltet Völker, Nationen ja den gesamten globalen Zeichenfluss als erdumspannende Kommunikation.
Dabei gibt es noch über den entsprechenden Daten die diese in einen größeren Kontext stellenden Meta-Daten, die Zusammenhänge und Richtlinien sichtbar und verstehbar machen. Diese Ebene hat meistens mit Verwaltung, Organisation und Macht zu tun, was heißt, dass sie die Ökonomie, die Politik, den Glauben und die Künste so darstellen, wie es die gesellschaftlichen Übereinkünfte gestatten.
Wenn Schamanen auf weißen Tüchern BuchenStäbe durcheinander schüttelten und dazu geheimnisvoll raunten und den Sinn der Konstellationen zu eruieren versuchten, so wurden aus diesen Ritualen Elemente geformt, die frei kombinierbar als RunenSchrift allgemein verständlich wurden. Sind wir heutzutage global vernetzt mit digitalen Codes, die Bild, Text und Ton von überall her überall hin in Sekundenschnelle verschicken lassen, ersehen wir zwar die Botschaft, wie sie aber zustande kommt, ist eine Black Box, wie nur den »Schreibern« im alten Ägypten und den »Schriftgelehrten« im Mittelalter vertraut. Hier wird ersichtlich, dass die Basis der »Schrift«, die allen zugeeignet ist, die in der entsprechenden Gemeinschaft vertraute Muttersprache ist, die von der Mutter implantierten Töne, die langsam vertraut zum eigenen Sprechen führen.
Und je mehr wir uns an Wörtern und deren Bedeutung aneignen, desto raffinierter wird unser WissensSchatz und unsere Fähigkeit im spielerischen Umgang mit Texten, Tönen und Bildern. Haben wir nun sogar die Möglichkeit, unilaterale Kommunikationswege in ein riesiges Netz kollateraler Bezüge zu erweitern und den Austausch von Ideen multimedial in Echtzeit um die Welt zu schicken, sind wir zu atopischen Knoten in von Strom generierten Energieknäueln geworden. Sie sind direkt an unser Selbst angedockt und generieren die fast unzähligen Selfies einer unaufhörlichen Massenkommunikation.
In diesen Knäueln werden die klassische HandSchrift, das Buch, das Theater, Film und TV digital zu einer audiovisuellen ZeichenSprache, die dermassen komplex und disponibel ist, dass sich endlos Hybride bilden, welche klare Zuordnungen in einer ständig sich verändernden EnergieBündelung performativer Art aufscheinen lassen.
Die Zeichen im Performativ werden – wie könnte es anders sein – aus einer gewissen Stabilität ins Instabile getrieben. Sie gehen Kombinationen ein, die sich der Geschwindigkeit ihrer Wahrnehmung anpassen und sogar die Beschleunigung evozieren. Folgen wir beim Lesen der Reihenfolge der Buchstaben, was eine gewisse Zeit benötigt, sehen und hören wir durch die elektronisch funktionierenden Displays ihrer Disponibilität entsprechend eine auf uns einstürmende Bild-, Text- und Ton-Variabilität, welche die üblicherweise längeren Textpassagen zwar bedient, Bild und Ton überflügeln diese aber bei weitem.
Wir sind im Videostadium und genießen dessen ErsatzRealität, die unsere Wirklichkeit in ihrer Instantaneität zudem noch dank vieler Tricks und Gags so normal aussehen lässt. Denken wir nur an das Spiegelstadium, das uns die Gegenwart fixieren lässt. Im Videostadium erstürmen alle technischen Gadgets unsere Aufmerksamkeit. Und wir bestimmen instantan wie die jeweilige Viabilität aussieht, welche Einstellung uns besser gefällt und wie lange wir in welchem Bewusstseinszustand welchen Zeichen folgen.
So gesehen sind wir im Bann der HyperRealität, was aber nicht bedeutet, dass wir nicht Unterscheidungen treffen können, durch welche die Medien zu unseren Gunsten funktionieren. Es ist die Kunst, die uns wie in den Alten Medien ebenso in den Neuen Medien die Fähigkeit zur Differenzierung und anderen Akzentuierungen bereitstellt, um die Zeichen der Zeit sowohl zu erkennen als auch zu gestalten. Dabei bündelt sich die Kunst wie zu einem Blitz der Erkenntnis, zu einem von Interesse gefüllten Wohlgefallen oder Erschrecken, das ähnlich einer Hypnose während kurzer oder längerer Zeit den Rezipienten mit der Kunst so verbindet, dass er zum Produzenten der von der Kunst beabsichtigten Idee, Wirkung wird: demnach eine ideale Verbindung herstellt. Ob es sich dabei um Musik handelt, die
uns ja geradezu unterschwellig gefangen nimmt und in Schwingungen versetzt. Ob es Bilder und Räume sind, die uns in sie hineinziehen. Oder schließlich Texte und Ideen, die unsere Gedanken so beflügeln, dass wir in einer Homöostase des Verstehens, Erstaunens und Wohlbefindens Glücksgefühle empfinden.
Bezogen auf Schreib Bilder soll das bedeuten: Wenn wir Worte hören, die unerhört tönen. Wenn wir Texte lesen, die ein Universum an Vorstellungen beschwören. Wenn wir Bilder nicht gesehener Imagination als Erweiterungen unserer Einbildungskraft erörtern. Wenn uns die versammelten Künste für Momente in unseren Vorstellungen utopischer Gegenwärtigkeit begegnen und bestätigen. Dann kann man sagen Mind the Art. Suche und finde die Kunst, die wir in ihrem Kern als verbindendes Element der Erkenntnis empfinden, dass die Zeiten sich als Jetzt konkretisieren. Im Zeichen der Auflösung und Schaffung des Selbst als von der Gesellschaft ermöglichte Alterität.
Essay
Kunst : Jetzt = Bewusst-Sein-Kunst
Beitrag II aus dem Katalog zur »Plakartive 2015«
Bewusstsein braucht Zeit, denn es ist ein ständiges Bewusstwerden. Es sind Entscheidungen, die wir immer wieder modifizieren, unseren Lebenslagen anpassen. Wobei es sich um Selbst- wie um Fremdbestimmungen handelt: was nach unserem Willen ist oder uns nicht genehm, wenn nicht gar zuwider ist.
Dieser Prozess betrifft primär unser körperliches Wohlbefinden. Doch wie wirkt sich die dauernd sich verändernde Bewusstseins-Lage auf unseren Geist und die Psyche, unser ganzheitliches Körperbild aus?
Das zu beantworten ist schwierig. Es reizt uns aber dennoch, über den Gewinn von Bewusstseins-Erweiterungen, die man ja nur individuell erfahren kann, nachzudenken. Und wir bemerken, dass es zunächst unterschiedliche Bewusstseins-Horizonte gibt, die es zu erweitern gilt.
Dabei ist der interessanteste, nie abschliessbare und definitiv diskutierbare Horizont die Kunst. Auf die Geschichte bezogen, werden wir uns verhältnismässig schnell über als Kunst akzeptierte Werke verständigen. Was aber gegenwärtig Kunst ist, darüber kann ein endloser Diskurs mit Anerkennung und Kritik geführt werden.
Auch unser eigenes Urteil konnten oder mussten wir dabei revidieren, die sich durchsetzenden Meinungen waren zu überzeugend. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass diese auch wiederum modifiziert werden, wenn nicht gar widerlegt. Das Gegenwarts-Kunst-Projekt ist und bleibt offen, gerade weil es hinterfragbar ist.
Hördatei
»Ein Zweck jenseits aller Zwecke«
Horst Bredekamp über Kunst und Design
Prof. Dr. Horst Bredekamp leitet an der Humboldt-Universität Berlin das Exzellenzcluster »Bild Wissen Gestaltung«, in dem Forscher aus mehr als 25 Disziplinen zusammenarbeiten. Der Kunsthistoriker gibt Einblick in das interdisziplinäre Labor und stellt anhand von Beispielen dar, welche Brandbreite die Arbeit in diesem interdisziplinären Labor hat, in dem Natur- und Geisteswissenschaftler zusammenwirken.
»Zur Originalität gehört unabdingbar die Selbstdistanz, die Distanz zur eigenen Zeit und zum eigenen Umfeld als fundamentale unabdingbare Voraussetzung«, erklärt Bredekamp. Im Interview hebt er hervor, wie zentral für die Qualität im Design auch das intensive Studium seiner Geschichte ist.
Hördatei
»Die Störstelle ist der Mensch«
Francesca Vidal über die »Rhetorik des Virtuellen«
Francesca Vidal spricht darüber, dass die konkrete Virtualität heutzutage in alle Bereiche unseres Lebens eingreift, und erinnert sich gern daran zurück, dass sie ihre Magisterarbeit noch auf einer Schreibmaschine schreiben durfte. Digital gegen analog – im Interview mit Francesca Vidal geht es um die Virtualisierung der Welt und den davon geprägten Alltag, um Wandel und Anpassung, Be- und Entlastungen.
Die habilitierte Kulturwissenschaftlerin geht zudem auf die Verwandtschaft zwischen Rhetorik und Design ein; beiden gehe es um Wirkungen, die gezielt herbeigeführt werden sollen. Die Prinzipien der Rhetorik seien auf die Gestaltung übertragbar. Der Gestalter wolle eingreifen und tue das nicht um des Schmucks willen, sondern weil er Wirkungsziele verfolge.
Hördatei
»Bilder sprechen zwar nicht, aber sie handeln«
Klaas Huizing über Medien und ihre Wirkungen
Werden wir »elektronisch gedopt«? Diese Frage stellt sich Klaas Huizing. Er plädiert für eine Entdämonisierung der Bilder und untersucht, wie im Medium des Bildes selbst über die Gefahren und Chancen der Bilder nachgedacht werden kann. So spricht Klaas Huizing im Interview über die Verantwortung der Medienethik und wie wir uns vor dem Rausch der Medien und Bilder schützen können.
Jedes Medium könne Suchtverhalten auslösen. Der Autor, Theologe und Philosoph zeigt indes, dass es bei einer bewussten Auseinandersetzung mit Medien nicht zu einem »Bildstau im Kopf« kommen muss. Huizing befindet: »Auch die Designer sollten lernen, dass Bilder nicht nur Oberfläche sind.«
Hördatei
»Infografiken werden multimodaler«
Für Wibke Weber hat Design mit Sprache und Text zu tun
Wibke Weber hat jahrelang als Journalistin für Hörfunk und Online-Medien gearbeitet. Dabei konnte sie aus ihrer wissenschaftlichen Ausbildung wichtige Erfahrungen für ihre spätere theoretische und praktische Arbeit mitnehmen. Heute forscht sie an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften und beschäftigt sich unter anderem mit den Themen Bildsemiotik, Informationsvisualisierung und Visual Storytelling. Sie betont, dass Attraktivität, Verständlichkeit und ein relevantes Thema eine gute Infografik ausmachen.
Wibke Weber spricht im Interview über rhetorische Mittel, die im Bereich der Datenvisualisierung eingesetzt werden, und über ihre Erfahrungen als Gastprofessorin an der Nanyang Technological University in Singapur.
Essay
Du musst überzeugend sein
Über »Perspective«, Haltung und Charakter des Gestalters
»Sprache für die Form« hat Vilim Vasata eine Liste mit Fragen vorgelegt, auf die er mit einem Essay antwortet, in seinem Sprachduktus, der das Gestalter-Alter-ego direkt anspricht. In der Folge, kursiv gesetzt, zuerst die Fragen, dann, im regulären Schnitt, Vilim Vasatas Reaktion darauf.
• Herr Vasata, mehr als ein halbes Jahrhundert wirken Sie in Deutschland und international als Gestalter und gaben zudem als Professor für Kommunikationsdesign Ihr Wissen weiter. Lassen wir den technischen Fortschritt einmal außer Acht: Was sehen Sie als die wesentliche Veränderung in der Gestaltung über diese Zeit hinweg an?
• Hat sich die Rolle des Gestalters gewandelt?
• Welche gesellschaftliche Rolle spielt Gestaltung?
• Wie sollten die Hochschulen angehende Gestalter auf diese Rolle vorbereiten?
• Wissenschaftliche Methoden werden zunehmend in der Arbeitswelt und der Wirtschaft eingesetzt. Hat das Auswirkungen auf die Arbeit der Designer? Bekommen Designforschung, Designwissenschaft, Designtheorie einen größeren Stellenwert für Denken, Methoden und Praxis des Gestalters?
• Binnen der letzten ein, zwei Jahrzehnte hat die Hirnforschung sich zu eine Leitwissenschaft etabliert. Gehen solche Entwicklungen den Gestalter etwas an?
• Gestalter arbeiten stark mit Assoziationen, sie spielen im Kreationsprozess, zur Ideengewinnung und bei der Formgebung eine wichtige Rolle. Was muss hinzukommen?
• »Das Design der Kommunikation ist das Bild eines Dialogs. Es ist die Architektur des Dialogs, den wir alle miteinander führen.« Das sagten Sie in einem Vortrag und führten aus, das Design der Kommunikation habe »die Aufgabe, in den Prozessen unserer Verständigung die Form, den Stil und den Anstand zu bestimmen«. Die Rhetorik galt seit der Antike als eine der wichtigsten Bildungsinstitutionen, in der Form und Stil sehr wohl eine ethische Dimension besaßen. Muss derjenige nicht über eine besondere Bildung verfügen, der Kommunikation gestalten will?
• Design sei nichts als Sprache, zitierten Sie Keith Haring in Ihrer Autobiographie. Zur Sprache zählen in dieser Auffassung also nicht allein die Verbalsprache, sondern auch Zeichen und Bilder. Lässt sich das eine, die Wörter, vom anderen, die Bilder, trennen? Oder muss der Gestalter mit beidem arbeiten?
• »Die Sprache ist Rhetorik«, sagte Nietzsche. Was bedeutete das für den Gestalter?
• Neben Fachkenntnissen und gestalterischem Potential: Was sollte ein junger Mensch, der Design studiert, für den Beruf als Gestalter mitbringen?
• In Ihrer langen und erfolgreichen Laufbahn haben Sie sich vielerlei gestalterischer Hausforderungen angenommen und sind mit vielen Auszeichnungen und Preisen ausgezeichnet worden. Welcher Auftrag war Ihnen der liebste, welche Auszeichnung bedeutet Ihnen am meisten?
• Welchen Auftrag bekämen Sie gerne noch?
Wenn sich dir also diese Frage der Fragen stellt, was sich nach Jahrzehnten der schweißtreibenden Arbeit des Kumpels im Schacht, im Wesentlichen, also wohl überdeutlich, verändert hat, so entsteht in mir als Erstes ein Gefühl von Verlust.
Verlust von Bedeutung, Verlust wohl auch des Glaubens an die im Einfachsten große Idee. Ich beantworte die Frage: Ich sehe heutzutage kaum anderes als die Kleinteiligkeit. Das Rasterdenken der Markt-Managements gegen großen Instinkt. Was sehe ich? Charts gegen Stift. Paul Klee: “A line is a dot which went for a walk.” Einmal am Ziel, da war’s gezeichnete Poesie.
Ich sehe nun diesen Verlust aller Übersicht.
Symposion »Affekte und ihre Wirkung« | Essay
Wie Gefühle angesprochen werden
Eine Einführung in die rhetorische Affektenlehre
Im Rahmen des Symposions »Affekte und ihre Wirkung«, das an der Fachhochschule Kiel am 1. Mai 2015 veranstaltet wurde, hielt der Organisator der Tagung, Bernd Steinbrink, einen Vortag auf der Basis des folgenden Essays.
Die Affektenlehre hat eine lange Tradition. Affekte, so hatten bereits die frühen Rhetoriker der Vorsokratik erkannt, übten bedeutenden Einfluss auf Richter, Entscheidungsträger und deren Urteile aus. Allerdings war die Lehre von den Affekten in der voraristotelischen Zeit wenig systematisch. In der Rhetorik gab es die Theorie von die Redeteilen, die später als »partes orationis« bezeichnet wurden. Den verschiedenen Redeteilen – Einleitung, Hauptteil, Schluss – waren unterschiedliche Aufgaben zugeteilt, der Schluss sollte die Richter auch emotional erreichen. Aristoteles verband die Lehre von den Redeteilen in seiner Rhetorik mit den Produktionsstadien der Rede, den späteren officia orationis: der inventio (der rednerischen Erfindung und Recherche), der dispositio und elocutio (wobei die später von Rhetorikern behandelten Aspekte memoria und actio bzw. pronuntiatio von ihm nicht berücksichtigt wurden). Zwar diskutiert Aristoteles die Affekte auch ausführlich im 3. Buch seiner Rhetorik im Zusammenhang mit dem Redeschluss, doch stellen sie für ihn Überzeugungsmittel, pisteis, dar, die neben der rationalen Argumentation von Belang sind: »Angemessenheit [prepon] wird der Stil haben, wenn er Pathos und Ethos vermitteln kann, und das analog dem zugrunde liegenden Sachverhalt.«[1] Die Ausdrücke Pathos und Ethos stehen bei Aristoteles für die Begriffe Affekt und Charakter.
Die Ausführlichkeit, mit der Aristoteles in seiner Rhetorik die Affekte behandelt und damit zum Begründer der rhetorischen Affektenlehre wird, mag auf Platon zurückgehen. Der lehnte die Affektwirkung in seiner »Politeia«, der Schrift vom Staat, zwar weitgehend ab. »Wir fürchten für unsere Wehrmänner, daß sie uns eben nicht durch diesen Schauder aufgelöster und weichlicher werden als billig.«[2] An anderer Stelle fordert er für die Musik eine Auswahl zugelassener Tonarten, denn die »(i)onische (…) und die lydische werden schlaff genannt«[3] und bewirkten Weichlichkeit. Auf der anderen Seite fordert Platon in seiner Schrift »Phaidros« für den Redner, er solle sich mit den psychologischen Ursachen befassen, die für die Wirkung der Rede maßgeblich sind.[4] Und genau das macht Aristoteles. Bei ihm steht der Begriff »Pathos« für Affekte, er führt zusammenfassend verschiedene an, nachdem er zuvor diskutiert hatte, wie sie erweckt werden: Mitleid, Entrüstung, Zorn, Hass, Neid, Eifer, Furcht, Begierde, Freude, Freundschaft, Sehnsucht und feindselige Haltung. [5] Wenn klar ist, »wenn Art und Bedeutung der Fakten feststehen, schürt man die Emotionen des Hörers. Diese sind Mitleid, Entrüstung, Zorn, Haß, Neid, Eifersucht und Streitlust«.[6]
Es wäre nun leicht, einen Sprung zur modernen Affektforschung zu machen, beispielsweise zu Paul Ekman. Der in der Wissenschaft nicht unumstrittene Forscher unterscheidet sieben sogenannte Basisemotionen: Fröhlichkeit, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung. Er findet und untersucht sie vor allem im mimischen Ausdruck. Doch zwischen Aristoteles und der modernen Forschung liegen diverse Entwicklungen und Diskussionen, in denen es immer wieder um Affekte und ihre Wirkung geht, wobei die grundlegenden Affekte unterschiedlich benannt werden. Zurück also zu Aristoteles.
Aristoteles unterscheidet vom Pathos, den »eigentlichen« Affekten, den Begriff »Ethos«. »Was die Glaubwürdigkeit betrifft, kommt es sehr darauf an, (…) daß der Redner einen bestimmten Eindruck hinterläßt, daß die Zuhörer den Eindruck gewinnen, die Stimmung des Redners, die er vermittelt, spräche sie in irgendeiner Weise an (…). Daß Redner selbst glaubwürdig sind, dafür gibt es drei Gründe (…): Es sind dies Einsicht, Tugend und Wohlwollen.«[7] Nun bezeichnet Aristoteles Ethos nicht als eine Spielart der milderen, sanften Affekte, bei ihm bezeichnet es den Charakter und das damit verbundene Image des Redners, das allerdings auch auf die Stimmung der Zuhörer wirkt. Eine spätere Interpretation im Sinne milderer Affekte, zum Teil durch Cicero und später durch Quintilian, ist daher allerdings naheliegend. Auch ist daraus zu lesen: Ein Redner, der überzeugen will, muss selber überzeugend sein und die Affekte, die er beim Publikum hervorrufen will, selbst leben. Insofern verbindet sich die Person des Redners in der Praxis mit den Affekten, die er hervorrufen will. Wie wesentlich die Person des Redners für den Überzeugungsprozess ist, zeigt sich schon darin, dass der wohl bekannteste Rhetor der Römer, Cicero, seine beiden wichtigsten Schriften zum Thema »Vom Redner (de oratore)« und »Der Redner (orator)« nannte. Die Überzeugungskraft von Personen zeigt sich übrigens in heutiger Zeit auch in der Werbung: Wir kennen die Chefwerbung und die Prominentenwerbung, bei denen jeweils das Ansehen der Person als Überzeugungsgrund angeführt wird.
- [1] Aristoteles: Rhetorik. Übers. u. hrsg. v. Gernot Krapinger. Stuttgart: Reclam, 2007. 1408a.
- [2] Platon: Politeia. In: Sämtliche Werke 3. Übers. v. Friedrich Schleiermacher mit der Stephanus Numerierung. Hamburg: Rowohlt, 1958. 387c.
- [3] a. a. O., 398e.
- [4] vgl. Platon: Phaidros, a. a. O., 271b.
- [5] Arist. Rhet. 1377b ff.
- [6] Aristoteles, a. a. O., 1419b.
- [7] A. a. O., 1377b
Symposion »Affekte und ihre Wirkung« | Vortrag
Rede mit Gefühl
Über Irrationalismus und Rhetorik
Im Rahmen des Symposions »Affekte und ihre Wirkung«, das an der Fachhochschule Kiel am 1. Mai 2015 veranstaltet wurde, trug Gert Ueding das untenstehende Manuskript vor.
Sehr geehrte Damen und Herren,
als die Götter sterbliche Wesen aus Erde und Feuer schufen, erhielten Prometheus und Epimetheus bekanntlich den Auftrag, »sie auszustatten und jeder einzelnen Art angemessene Fähigkeiten zu verleihen«. Epimetheus, der diese Aufgabe für sich reservierte, verlor den Überblick: Als er an den Menschen kam, war schon alles weggegeben, und wenn nicht Prometheus den spektakulären Diebstahl des Feuers aus der Werkstatt des Hephaistos und die Übertragung von Weisheit und Kunstfertigkeit Athenas auf die Menschen begangen hätte, wäre von den schwachen Zweibeinern bald nicht mehr viel übrig geblieben. So aber nutzten sie alsbald ihre Fähigkeiten zum Wohnungsbau, zur Ernährungsbeschaffung und vor allem zur Erfindung der Sprache. Um sich vor den wilden Tieren zu schützen, gründeten sie Städte, aber vor der eigenen Zwietracht waren sie dadurch nicht in Sicherheit gebracht, so dass Zeus einschreiten musste, Hermes zu ihnen hinunter schickte und ihnen durch diesen seinen geflügelten Boten Díke und Aidós überbringen ließ. Wobei Diké die Einsicht in die göttliche Gerechtigkeit und das Rechtswesen meint, Aidós aber eine Vielfalt von Bedeutungen umfasst, wie Ehrfurcht, Mitleid, Scheu, Feingefühl, Scham oder Rücksicht und andere dieser Art mehr.
Ich bin sicher, dass Sie trotz der argen Verkürzung in meinen Worten die Erzählung wiedererkannt haben; sie geistert auf verschlungenen Wegen durch die europäische Geistesgeschichte, und ich habe sie an den Anfang meiner Überlegungen gesetzt, weil sie in bildlicher Form unserem Thema sehr nahe rückt. Auch ihr Ursprung ist für uns nicht unwichtig: Sie stammt von dem großen Weisheitslehrer und Redner Protagoras. Platon überliefert sie in dem gleichnamigen Dialog, und die Forschung ist sich darin einig, dass er sie seinem ungeliebten Protagonisten und Konkurrenten nicht bloß in den Mund gelegt hat, sondern dass sie wirklich von Protagoras stammt.
Nun mögen Sie sich fragen, was diese mythologische Kulturentstehungstheorie in dem Zusammenhang meines und unseres Themas zu suchen hat! Die Antwort führt uns in Richtung des anthropologischen Gehalts, der in Protagoras’ Erzählung vom Prozess der Zivilisation steckt. Wobei wir nicht vergessen dürfen, dass ihr Urheber ein höchst angesehener prominenter Rhetor war. Geboren um 480 im etwas abgelegenen thrakischen Abdera, kannte er doch durch viele lange und weite Reisen die Welt, hatte die Verfassung von Thurioi, einer griechischen Stadtkolonie im Auftrage Athens ausgearbeitet, war mit Perikles und Euripides befreundet, und der erste konsequente Aufklärer der Weltgeschichte. Er machte das menschliche Wissen zum Maßstab allen Wissens, trat damit freilich den Göttern zu nahe, wurde der Asebie angeklagt, verurteilt und kam auf dem Wege in die Verbannung um, seine Werke verbrannten die in vielem gar nicht vorbildlichen Athener auf ihrem Marktplatz.
Aus dem wenigen, was uns überliefert ist, können wir immerhin entnehmen, dass seine Rhetoriktheorie ersichtlich auf das Gespräch angelegt war. Er entwickelte die Formen des Streitgesprächs, erfand die Topik, begründete den literarischen Dialog und das Lehrgespräch. Es ist also nicht leichtfertig, wenn wir vermuten, dass auch sein anthropologisches Paradigma etwas mit seiner rhetorischen Profession und Philosophie zu tun hat. Tatsächlich wurde das auch schon gesehen, und zwar von Hans Blumenberg in seinem folgenreichen Essay »Anthropologische Annäherung an die Rhetorik«. Darin ist eine der Hauptthesen, dass aller Rhetorik die Auffassung vom Menschen als einem »von der Natur im Stich gelassenen Mängelwesen« zugrunde liegt. »Der Mensch als das arme Wesen bedarf der Rhetorik (…), die ihn mit seinem Mangel an Wahrheit fertig werden läßt.«












