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Die Bedeutung der Übergänge
Intertextualität in technischen Dokumentationen
Technische Dokumentationen arbeiten in außerordentlichem Maße mit selbst oder fremd erstellten bildlichen Elementen beziehungsweise Visualisierungen wie Grafiken, Tabellen, Schemata oder Bildern. Sie bilden also ein spezifisches Gewebe – textus – aus fremden oder eigenen bildlichen Elementen und fremdem und eigenem Geschriebenem. Ein ingenieurwissenschaftlicher Text ist spezifisch intertextuell, da er einen Text hierarchisch gleichgestellter bildlicher und geschriebener, eigener oder fremder Elemente beziehungsweise Intertexte bildet. [1] Jede Form von Intertext beziehungsweise Element gilt hierbei als »Text«. [2]
Damit ein ingenieurwissenschaftlicher Text seine pragmatische Funktion erfüllt, muss er leicht nachvollziehbar sein. Wer einen technischen Text schreibt, steht also vor einer doppelten Herausforderung: Erstens müssen bildliche und geschriebene Elemente »verwoben« werden und zweitens soll dieses »Gewobene« einfach verständlich sein. Dieser Beitrag zeigt, dass beim Schreiben ein Informationsmanagement benötigt wird, und er skizziert zwei Vorgehensweisen für die Abfassung nachvollziehbarer technischer Dokumentationen.
Vorgehen und Untersuchung
In einer klein angelegten Studie mit 13 ausgewählten technischen Berichten offenbarte sich, dass das Problem der Nachvollziehbarkeit in erster Linie bei den Übergängen zwischen den verschiedenen Intertexten beziehungsweise Informationselementen liegt. Untersucht wurden Berichte, die bezüglich ihrer Machart zwei Pole bilden. Einerseits sind dies Berichte des Studiengangs Energie- und Informationstechnologie (EIT) – in der Regel klassische technische Dokumentationen –, andererseits Berichte aus dem Studiengang Energie- und Umwelttechnik (EUT). Dies sind häufig Machbarkeitsstudien, die viele externe Informationen zu eigenen Studien und Argumentationen verbinden.
Analysiert wurden die Übergänge zwischen Eigen- und Fremdelementen beziehungsweise Eigen- und Eigenelementen. Der Fokus lag also auf der Machart des Intertextuellen, beispielsweise der Einbindung des klassischen Fremdzitats oder auch einer selbsterstellten Grafik. Dabei zeigte sich, dass insbesondere dann das Verständnis für Lesende nicht gegeben ist, wenn an diesen Übergängen die Verwebung nicht stattfindet. Das bedeutet, dass für die Nachvollziehbarkeit von Intertextualität intratextuelle Verfahren mitberücksichtigt werden müssen. [3]
Ein Beispiel (Abb. 1) aus einem Bericht im Studiengang EUT zeigt die Problematik der mangelhaften Verwebung von Informationselementen:
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Abb. 1 Textausschnitt aus FB_EUT_5_HS1516, S. 10. [4]
Ziel der zitierten Passage ist es, die gesetzlichen Grundlagen für energetische Sanierungen darzulegen. Diese thematische Einordnung (gleich nach dem Titel »Hauptteil«) fehlt jedoch. Der Student listet die wichtigsten Paragrafen in einer Tabelle auf, ohne diese einzuführen. Danach zitiert er zentrale Ausschnitte aus diesen Gesetzen. Es zeigt sich: Die Verwebung zwischen Tabelle und geschriebenem Text (inkl. Zitat) findet nicht – oder im letzten abgebildeten Teil nur bedingt – statt. Wozu die Tabelle, wozu der geschriebene Text (Eigentext und Zitat) dient? Die Relevanz der zitierten geschriebenen Elemente bleibt unklar, da der Text die fremden Elemente nicht explizit mit den eigenen verbindet. Obwohl der gesamte Textausschnitt intertextuell ist, resultiert daraus kein eigener Sinn ohne intratextuelle Handlung.
Die Relevanz der Verwebung zeigt sich auch an einem weiteren Beispiel (Abb. 2) aus einem Bericht des Studiengangs EIT:
Abb. 2 Textausschnitt aus FB_EIT_P3_HS15_T9, S. 8. Nach »Der Kurzschlussstrom […]« folgt die Erläuterung aller anderen Variablen der Formel und anschließend ein Abschnitt mit anderem Thema.
Diagramm und Formel sind vorgegebene Fremdelemente als Ausgangslage für das Projekt, in dem ein Überwachungsgerät für Photovoltaikmodule entwickelt werden soll. Die Studierenden gehen davon aus, dass die beiden Elemente selbsterklärend sind und daher keine Verknüpfung untereinander und mit dem Eigentext benötigen.
Nachvollziehbarkeit und Verständlichkeit basieren darauf, dass die Informationen, die in bildlichen oder geschriebenen fremden (und eigenen) Texten enthalten sind, dargelegt, kommentiert und interpretiert werden. Diese Problematik zeigt sich an allen für diese Studie definierten Übergängen:
»Text« – »Text«, in allen Varianten, dazu gehören:
• Geschriebenes – Geschriebenes
• Geschriebenes – Tabelle
• Geschriebenes – Diagramm
• Geschriebenes – Schemata
• Geschriebenes – Bild
Die Problematik gilt auch für Übergänge auf Textebene, zwischen
• Titel – Kapitelanfang
• Kapitel – Kapitel
• Abschnitt – Abschnitt
• Satz – Satz
Schreibende in der Technik stehen folglich vor der Aufgabe, alle Textelemente – Zitate, Paraphrasen, Grafiken, Tabellen, Schemata, Bilder – dem Eigentext einzuverleiben beziehungsweise mit diesem zu verweben. Die eigentliche Verwebung dient der Nachvollziehbarkeit und Verständlichkeit der Dokumentation.
Schlussfolgerungen
Worauf ist also bei der Herstellung technischer Dokumentationen zu achten? Es bieten sich zwei Verfahren an: Erstens: Damit die Verknüpfung der verschiedenen geschriebenen und visuellen Elemente gelingt, empfiehlt es sich, als Kohäsionsmittel oder Konnektoren vor allem auch auf metakommunikative Verknüpfungselemente zurückzugreifen. Metakommunikative Vor- und Rückverweise (wie zum Beispiel »in folgender Abbildung«) können einerseits als »Textbeachtungsanweisungen«, aber auch als »Textgebrauchsanweisungen« [5] fungieren und sind besonders in technischen Berichten geeignet, die primär funktional sind. Zweitens sind erklärend-argumentative Verknüpfungselemente notwendig. Ingenieursberichte stehen in einer Reihe im Entwicklungsprozess. Damit das Dargelegte nachvollziehbar und folglich verständlich wird, ist es erforderlich, die Inhalte auch hinsichtlich ihrer Funktion zu verknüpfen. Folgende Informationen müssen gegeben sein: Warum ist was wie unter welchen Bedingungen gemacht worden? Daraus resultiert ein erklärender, argumentativer und darlegender, also nachvollziehbarer Ingenieurstext. Die Verwebung der verschiedenen Textelemente erfordert deshalb ein Informationsmanagement, das sich in folgende Gleichung überführen lässt:
erklärend-argumentative Ebene: Warum wird was unter welchen Bedingung gemacht und einbezogen?
+
metakommunikative Ebene: Wie werden die Informationen verwoben? (Beziehung zwischen den Informationen, explizit geäußert)
+
dokumentierende Ebene: Informationselemente, technische Inhalte
=
nachvollziehbarer (also guter) Bericht
Ein hinreichendes Informationsmanagement schafft die Ausgangslage für gut verwobene Übergänge zwischen »Texten«. Erst dadurch werden (inhaltliche!) Zusammenhänge klar und technische Dokumentationen verständlich.
Literaturverzeichnis:
Berndt, Frauke; Tonger-Erk, Lily: Intertextualität. Eine Einführung. Berlin 2013. (Grundlagen der Germanistik 53)
Hausendorf, Heiko; Kesselheim, Wolfgang (2008): Textlinguistik fürs Examen. Göttingen 2008.
Mertlitsch, Carmen: Fünf funktionale Formen der Intertextualität und ihre Vermittlung. Vortrag am 10. Juni 2016 bei der Tagung »text | text | text« in Konstanz; unveröffentlichtes Manuskript.
Angabe zu zitierten technischen Berichten
FB_EIT_P3_HS15_T9: PV-Modul Simulator. Nichtpublizierter Fachbericht, SG EIT (FHNW), Projekt 3, HS 2015. Windisch 2015.
FB_EUT_5_HS1516: Energetische Analyse von verschiedenen Warmwasser-Wärmepumpen im Realbetrieb. Nichtpublizierter Fachbericht SG EUT (FHNW), Projekt 5, HS 2015. Windisch 2015.
- [1] Zu den fünf Formen fremder Elemente vgl. Formen der Textvernetzung bei Carmen Mertlitsch (Vortragsmansukript). Vorliegender Beitrag fasst zusätzlich fremde bildliche Intertexte als Element der Textvernetzung auf.
- [2] Vgl. Definition von Text von Berndt/Tonger-Erk 2013, S. 157
- [3] Zu Textualitätsmerkmalen vgl. Hausen-dorf/Kesselheim 2008, S. 23–31, insbesondere Ausführung zu Intertextualität und Intratextualität.
- [4] Die zitierten Berichte enthalten vertrauliche Informationen und werden deshalb anonymisiert zitiert.
- [5] Hausendorf/Kesselheim 2008, S. 79.
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Dürfen die das?
Normative Fragen an »VroniPlag Wiki«
Die Arbeitsweise auf VroniPlag Wiki wirft eine Reihe normativer Fragen auf, an denen sich in wissenschaftlichen Veröffentlichungen wie in der Tagespresse immer wieder Diskussionen entzünden. Der folgende Text nimmt Stellung zu Fragen nach den Rechten der »Opfer«, nach der Legitimation der Plagiatssucher und nach den Regeln, nach denen auf beispielsweise VroniPlag Wiki Textübereinstimmungen als Plagiate gekennzeichnet werden.
Einleitung
Während der 2011 aufkommenden Diskussionen um die Plagiate in der Dissertation des damaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg bildete sich auf einer Wiki-Plattform ein Forum, dass zunächst diese Arbeit als in jeder Hinsicht offenes Projekt gründlich auf Plagiate untersuchte und letztlich auf eine Quote von 94,4 % der Seiten der Arbeit kam, die Textübernahmen enthielten, die nicht den wissenschaftlichen Standards entsprechend als solche ausgewiesen waren.[1] Die damals angefangene gemeinsame Arbeit setzten einige der Beteiligten fort auf der nach Veronica Saß, der Tochter von Edmund Stoiber, benannten Plattform VroniPlag Wiki[2], die bis heute unausgewiesene Fremdtextübernahmen in 172 wissenschaftlichen Arbeiten aus praktisch allen Fachrichtungen dokumentiert hat (Stand: 7.6.2016). Obwohl nur ein kleiner Teil dieser dokumentierten Fälle Autoren[3] betraf, die als Politiker oder in anderer Funktion in der Öffentlichkeit standen, führte das immense Medienecho auf diese Fälle und der Drang zur Verteidigung populärer Funktionsträger dazu, dass die Arbeit von VroniPlag Wiki sowohl in der Tagespresse als auch in Fachveröffentlichungen auf verschiedenste Arten in Frage gestellt und die dort Beteiligten in immer neuen Variationen herabgewürdigt wurden, gerne auch von Autoren, welche die Website von VroniPlag Wiki augenscheinlich noch nie aufgerufen hatten.[4] Der vorliegende Text will zu einigen normativen Punkten Stellung nehmen, die in den vergangenen Plagiatsdebatten immer wieder einmal aufkamen. Diese werden in drei Hauptkategorien gebündelt: Fragen zu den Rechten derer, deren Arbeiten unter voller Angabe von Autorenname und Titel der Arbeit auf einer solchen Plattform mit dem Vorwurf des Plagiats in Zusammenhang gebracht werden (dürfen?), Fragen rund um die Beteiligten und ihre Legitimation (die?), und Fragen zu den Regeln, nach denen eine solche Zuschreibung überhaupt vorgenommen wird (das?). Eigentlich sind diese Punkte alle weder neu noch besonders originell. Da sie aber immer wieder mit nur kleinen Variationen in die Debatte eingebracht werden, besteht auch immer wieder Anlass dazu, sich mit ihnen auseinander zu setzen.
1 »Dürfen?« Die Rechte der Betroffenen
Eine Perspektive der Kritik an VroniPlag Wiki und ähnlichen Projekten stellt auf die Rechte derer ab, in deren wissenschaftlichen Arbeiten nicht plagiierte Textstellen dokumentiert werden. Hier ist gerne die Rede von einem »Internetpranger«, gegen den sich die Betroffenen nicht wehren könnten. Diese würden in ihrer Ehre herabgesetzt, in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt.[5] Der Strafrechtler denkt dabei sofort an die Beleidigungstatbestände der §§ 185 ff. StGB. Bei diesen wird zwischen Werturteilen und Tatsachenbehauptungen unterschieden – letztere sind unabhängig von potentiellen Ehreinbußen dann nicht strafrechtlich relevant, wenn sie erweislich wahr sind, wie es § 186 StGB formuliert. VroniPlag Wiki besteht ganz überwiegend aus der Dokumentation von Textübereinstimmungen, die zeilengenau nachvollzogen werden können und die nach dem Vieraugenprinzip von mindestens zwei Beteiligten daraufhin überprüft werden, ob die Wiedergabe den Vorbildern exakt entspricht. Es geht also um die Darstellung von Tatsachen, und deren Wahrheitsgehalt stellt letztlich niemand in Frage. Zu diesen Tatsachen zählen auch die vollständigen bibliografischen Angaben der untersuchten Arbeit (die ja ohnehin öffentlich zugänglich sind).[6] Über diese hinaus gibt es zudem gute Gründe, auch die Gutachter zu benennen (deren Namen ebenfalls öffentlich zugänglich recherchierbar sind), vor allem wenn mehrere Arbeiten derselben Gutachter betroffen sind, so dass aus der Zusammenschau der Arbeiten auch Rückschlüsse auf Defizite bei der Betreuung und wissenschaftlichen Anleitung der Doktoranden möglich werden.[7]
Sekundär wird aus diesen dokumentierten Tatsachen die Folgerung abgeleitet, die Arbeit enthalte Plagiate in einem Umfang, der sie als Beitrag zur Wissenschaft zumindest in Frage stellt. Diese Folgerung beinhaltet auch einen wertenden Anteil[8], was sich schon daran zeigt, dass aus den dokumentierten Fakten an verschiedenen Hochschulen auch praktisch sehr unterschiedliche Konsequenzen gezogen werden.[9] Aber diese Wertung erfolgt nach einem an vielen Stellen niedergelegten Regelwerk[10], ist also ein zwar auch normativer, aber nicht unbegründeter Schluss.[11] Unterschiedliche Folgerungen aus den Fakten deuten hier eher auf Unterschiede im Regelverständnis und sind damit ein legitimer Anknüpfungspunkt für wissenschaftsinterne Debatten zu den Regeln und ihrer Auslegung.[12]
Dies erkennt das deutsche Strafrecht auch ausdrücklich an, das in § 193 StGB insbesondere tadelnde Urteile über wissenschaftliche Leistungen als solche von einer Strafbarkeit wegen Beleidigung ausnimmt (wenn es sich nicht um sogenannte Formalbeleidigungen handelt, die auf VroniPlag Wiki soweit ersichtlich nicht vorkommen). Diese Bewertung ist ebenso richtig wie auf andere Bewertungsebenen als das Strafrecht übertragbar: Wissenschaft muss Kritik an ihren Ergebnissen in jeder Facette aushalten, am Forschungsansatz ebenso wie an den Arbeitsmethoden, denn nur durch solche Kritik kann die Qualität der Ergebnisse sichergestellt werden.
- [1] http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/GuttenPlag_Wiki (Stand: 7.6.2016).
- [2] http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Home (Stand: 7.6.2016).
- [3] Die Verwendung des generischen Maskulinums erfolgt in diesem Text allein aus Gründen der Lesbarkeit. Angesprochen und gemeint sind damit grundsätzlich immer alle Menschen, gleich welchen biologischen oder sozialen Geschlechts.
- [4] v. Münch, Ingo; Mankowski, Peter: Promotion. Tübingen 2013(4). S. 190 ff.; Weingart, Peter: Nun auch: Skandalisierung in der Wissenschaft. In: Gegenworte, Heft 29⁄2013, S. 79 (80 f.); siehe auch Brüggmann, Mathias; Brandenburg, Gero: Chatzimarkakis am Plagiats-Pranger. In: Handelsblatt vom 20.6.2011, http://t1p.de/Brueggmann-Brandenburg-Handelsblatt-20110620 (Stand: 7.6.2016), oder Heidböhmer, Carsten: Das Jahr des Schwarms. In: stern.de vom 13.12.2011, http://t1p.de/Heidboehmer-stern-20111213 (Stand: 7.6.2016); sehr ausdrücklich Plinge, Walter: VroniPlag Wiki: Retter der Wissenschaft oder politische Stimmungsmacher?. In: Pagewizz vom 8.7.2011, http://t1p.de/Plinge-Pagewizz-20110708 (Stand: 7.6.2016).
- [5] Siehe etwa Holzhauer, Stefan: Rechtlich bedenklich: Der Plagiatspranger auf Facebook. In: phantanews.de vom 16.2.2016, http://t1p.de/Holzhauer-Phantanews-20160216 (Stand: 7.6.2016).
- [6] In der Regel zumindest über die Deutsche Nationalbibliothek, http://www.dnb.de, (Stand: 7.6.2016).
- [7] Virulent wurde dies im vergangenen Jahr in Münster, wo ein Doktorvater mehrerer plagiatsbetroffener Dissertationen sanktioniert wurde, siehe Zafar, Heike: Uni kündigt Konsequenzen für Doktorvater an. In: deutschlandfunk.de vom 22.10.2015, http://t1p.de/Zafar-DLF-20151022 (Stand: 7.6.2015).
- [8] Weswegen das Landgericht Hamburg, Zeitschrift für Urheber- und Medienrecht 2011, S. 679 (682), auch ausführt: »Der Vorwurf der zitatlosen Übernahme von Gedanken ist – gerade im wissenschaftlichen Bereich – in hohem Maße geeignet, das Ansehen und die Reputation des Betroffenen zu schädigen. Der Vorwurf ist in hohem Maße ehrenrührig. Ein Betroffener muss aber einen solchen Vorwurf nur hinnehmen, wenn es auch hinreichende tatsächliche Anknüpfungspunkte hierfür gibt, andernfalls könnte der Vorwurf der zitatlosen Übernahme von Grundgedanken (der letztlich nichts anderes ist als der Vorwurf des Plagiats) beliebig ohne jede Begründung gegen jeden erhoben werden, der wissenschaftlich publiziert.«
- [9] Siehe dazu etwa Basak, Denis; Reiß, Marc; Schimmel, Roland: Wissenschaftlichkeit der Rechtswissenschaft? Überlegungen zum Umgang mit Plagiaten in rechtswissenschaftlichen Publikationen und Prüfungsarbeiten. In: Rechtswissenschaft 2014, S. 277 (285 ff. und 298 ff.).
- [10] Siehe dazu Basak, Denis; Gußen, Lars; Köchel, Manuel; Reiß, Marc; Schimmel, Roland; Schliwa, Cristine: Wissenschaftliches Fehlverhalten (Plagiate) als Problem der Hochschullehre für angehende Juristinnen und Juristen. In: Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft 2015, S. 263 (265, Fn. 10), mit einer umfangreichen Liste verschiedener Regelwerke zu guter wissenschaftlicher Praxis im akademischen Betrieb in Deutschland.
- [11] So auch das Landgericht Frankfurt am Main, Urteil vom 5.12.2013, Az. 2-03 O 26⁄13, Par. 43 ff.
- [12] Als Beispiel für eine disziplinäre Diskussion solcher Fragen mag das Wiki »Wie zitieren Juristen?« dienen: http://de.wzj.wikia.com/wiki/Wie_zitieren_Juristen (Stand: 7.6.2016).
Nachruf
Ein Gestalter – in allem
Zum Tod von Vilim Vasata
In einem unserer letzten Telefonate, einige Tage zuvor war das Attentat auf die Redaktion von »Charlie Hebdo« verübt worden, waren wir uns einig: Die Welt gerät aus den Fugen, und wir werden uns nur wehren können gegen den Irrsinn, gegen die Feinde der Vernunft und der offenen Gesellschaft, wenn wir bereit sind, Zusammenhänge zu verstehen. Und, das hob Vilim Vasata hervor, das gelte auch für seinen Berufstand, für die Gestalter, das müssten die Studien, die Professoren berücksichtigen und leben, es gehe nach wie vor um den gebildeten Menschen, den aufgeklärten, dem müssten sich auch die Designer stellen.
Das Gespräch hallte lange in mir nach, tut es bis heute. Denn ich ahne, dass diese Idee vom gebildeten Gestalter, so richtig sie ist, kaum mehr eine Rolle spielt. Meine Generation – kann sie von sich behaupten, dieser Idee gerecht zu werden, sie zu leben, vorzuleben, weiterzugeben? So einer wie er, der lebte das, durch und durch. Den konnte niemand im Verdacht haben, ein Oberflächenpolierer zu sein, der nicht unter die Oberfläche zu schauen wüsste.
Als Freunde und ich, jung, Mitte 20, das erste Mal bei ihm präsentierten, ein neues Reportagemagazin, für das wir Unterstützer suchten, da flogen die Bezüge nur so durch den Raum, nicht nur auf die aktuelle und internationale Magazinszene, sondern quer durch die Geistesgeschichte. Erst viel später wurde mir klar, wie viel die lobenden Worte bedeuteten, die wir, dosiert, zu hören bekamen, und wie unbestechlich das Urteil war zu dem Teil, der uns nicht gelungen war: »von des Gedankens Blässe angekränkelt«, leise vorgetragen, unanfechtbar – es schadet nicht bei der Urteilsfindung, Shakespeare gelesen zu haben.
»Kreativität ist die Überwindung der Gleichgültigkeit.« Das sagte er 2009 in einer Rede vor jungen Kommunikationsdesignern (nachzulesen hier: festrede_prof_vilim_vasata), frisch gebackene Bachelor und Master of Arts. Ohne eine Haltung ist dieser Beruf nicht zu stemmen, jedenfalls nicht so, das irgendetwas bleiben könnte von einem ohnehin flüchtigen Gewerbe in einer so schnelllebigen Welt.
Meriten sammelte er in diesem Gewerbe wie kaum ein zweiter, eine Karriere, die ihn international zu einem der führenden Designer und Agenturchefs werden ließ. Aus der mit Jürgen Scholz und Günther Gahren gegründeten Agentur »Team« wurde BBDO, er war in Deutschland als Kreativchef ihr Motor des Erfolgs ebenso wie im Vorstand des weltweiten Netzwerkes. Und er schuf in der Werbung und Markenführung so einiges, was lange blieb, womöglich noch lange im Gedächtnis bleibt: Er ließ den »Audi quattro« die Skischanze hinauffahren, nannte das »Vorsprung durch Technik«, wusste den Rat »Man nehme Dr. Oetker«, ließ viele »meilenweit für eine Camel« gehen, erfand den »Krawattenmuffel« und gab unserer »Zukunft ein Zuhause«. Er schrieb, auch das in eigenem Ton, mehrere Bücher, darunter seine »persönlichen Geschichten aus einem erstaunlichen Gewerbe«, die er 2010 »Gaukler, Gambler und Gestalter« betitelte. Der Band dürfte jedem, der sich für Zusammenhänge, Hintergründe, Tiefenschichten dieses Metiers interessiert, Aufklärung bieten, auch weil sie, die Aufklärung sich aus vielen Anekdoten eines reichen Lebens entwickelt.
Indes war dieses Leben, das 1930 in Zagreb begann, nicht »nur« das eines Werbe-Experten, nicht »nur« das eines Universitätsprofessors für Kommunikationsdesign, als der er in Essen wirkte, nicht »nur« das eines der Gründerväter des »Art Directors Club« und nicht »nur« das eines Präsidenten des »Gesamtverbandes Kommunikationsagenturen GWA«, nicht »nur« das eines Mannes, der tief in der Wirtschaft verankert war und vielen Marken mit seinem Geschick und Geschmack ein Bild gab, nicht »nur« das eines Mannes der vielen Auszeichnungen und Preise.
An einem Abend erzählte er mir, was ihm, dem Freund der japanischen Kultur, die höchste Auszeichnung war in seinem Leben. (Ich gebe die Geschichte aus dem Gedächtnis wieder und bitte um Nachsicht, sollte ich mir nicht alle Details korrekt gemerkt haben, der Kern stimmt.) Vasata sei einmal in Tokio zusammengebracht worden mit einem Altmeister japanischer Kalligrafie. Dieser Künstler und der Designer hätten sich gut verstanden, und dazu wird der Respekt des Europäers vor, seine Bewunderung der japanischen Kultur beigetragen haben, der Versuch sich ihr anzunähern – und Annäherung war ein zentraler Begriff für Vilim Vasata. Der Altmeister, dem das nicht bekannt sein konnte, habe irgendwann gesagt, Vasata kalligrafiere auch, er wolle dessen Arbeiten sehen. Nicht allein Bescheidenheit verbot es, darauf einzugehen, aber der Japaner habe insistiert, bis er in Augenschein nehmen konnte, was Vilim Vasata zu Papier gebracht hatte. Der japanische Meister hatte zu der Zeit den Auftrag, in Tokio ein Museum für japanische Kalligrafie aufzubauen. Und nun hänge dort, als einzige Arbeit eines Nicht-Japaners, eine Kalligrafie von Vilim Vasata – das sei die größte Auszeichnung, die höchste Ehre in seinem Leben gewesen. Ja – man sollte nicht vergessen, was wirklich wichtig ist.
Wer im übrigen Vilim Vasatas Liebe zur japanischen Kultur verbunden sehen möchte mit seiner Fähigkeit, Bücher ästhetisch zu gestalten, der besorge sich den Band »Japan – Kultur des Essens« mit Fotografien von Reinhart Wolf, 1987 erschienen, ein zeitloser, ästhetischer Genuss.
Vilim Vasata wirkte im wissenschaftlichen Beirat von »Sprache für die Form« mit. Sein Essay »Du musst überzeugend sein. Über ›Perspective‹, Haltung und Charakter des Gestalters« (veröffentlicht in der Frühjahrsausgabe 2015, Nr. 6) endet mit den Sätzen: »Zur Bildung gehören die Hand, das Auge und der Verstand. Denn die Bildung ist ganz offenbar eine Kunst.«
Karfreitag schrieb er mir noch einen Brief, die elegante Handschrift zeigte nur wenig von der Anstrengung, die das Schreiben ihm bereitet haben muss – alles war gestaltet … Am 8. Juli 2016 ist ein großer Designer mit einer Haltung, ist Vilim Vasata gestorben.
Vortrag
»Alle Architekten sind Verbrecher«
Der Moralist Adolf Loos und das moderne Bauen
Dieser Vortrag wurde im Studium generale der Hochschule Konstanz gehalten in der Reihe »Außenseiter – Zukunftsweiser«, die sich mit Köpfen, die ihrer Zeit voraus waren, mit Visionären in Wissenschaft, Technik, Philosophie, Kultur und Politik. Die Loos-Zitate sind zum Teil – sinnentsprechend – gekürzt und zusammengefaßt wiedergegeben.
Über Loos zu sprechen fällt mir schwer, weil ich ihn – ungeschminkt gesagt – nicht mag: Loos als Person nicht (dieses scheinbar dandyhaft Elitäre) und seine (auf den ersten Blick) spröde Architektur auch nicht (so sehr). Dass ich mich trotzdem mit ihm befasse (das Thema ist mir ja nicht vorgegeben worden, sondern ich habe es mir selbst gewählt) hat seinen Grund darin, dass ich von seiner überragenden und bleibenden Bedeutung für die Wege zur modernen Architektur überzeugt bin, und weil eine subjektive Abneigung (die ja auch gewissermaßen den Reiz des Verbotenen in sich birgt) eine objektive Betrachtung nicht überlagern darf.
Erst spät in meinem Leben bin ich an Loos herangekommen. In meinem Studium an der Technischen Hochschule in Karlsruhe in den sechziger Jahren spielte er kaum eine Rolle (eher gar keine), und dass er bei uns zuhause (einer ausgeprägten Architektenfamilie) je genannt worden ist, daran kann ich mich nicht erinnern, anders als an andere Namen der sogenannten klassischen Moderne wie Le Corbusier, Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright, Bonatz, Gropius, Tessenow oder Hans Scharoun, die durch die abonnierten Zeitschriften (»Bauwelt«, »Baumeister«, »Baukunst und Werkform«) hindurchgeisterten und genügend Themen für elterliche und von mir mitgehörte Gespräche boten, allein: von Loos keine Spur.
Erst am Ende meine Studiums tauchte er auf, rein zufällig: »Baugeschichte II«, ein Fach, das für mich etwa gleichbedeutend war wie »Darstellende Geometrie«, »Haustechnik«, »Baurecht« – mithin entbehrlich (aus meiner damaligen Sicht). Aber eine Seminararbeit mußte trotzdem gemacht werden: Schinkel, Berlin, Altes Museum. Und in dem mächtigen Bücherberg, der sich in der Lehrstuhlbibliothek vor mir auftürmte, fand ich eine liegengebliebene Kopie mit einer Grundriss-Skizze darauf und der Notiz: Loos, Hotelentwurf, Wien – ein Grundriss, der dem des Alten Museums verwandt schien. Ein äußerst praktischer Zufall; das ließ sich verwerten: »Schinkel und der Einfluß auf die Wiener Moderne«, »Loos und die Bedeutung der preußischen Tradition unter besonderer Berücksichtigung von irgendetwas« oder so ähnlich hochtragend, aber unter dem Hochtragenden blieb doch ein unübersehbarer Glanz des Adolf Loos’ im Gedächtnis hängen.
Und außerdem waren zu dieser Zeit Julius Poseners »Vorlesungen zur Geschichte der neuen Architektur« bei »arch+« (seinerzeit eine progressive Bauzeitschrift, so mehr oder weniger gegen den Strich, die von allen Studenten durchgesehen wurde), in fünf Heften herausgekommen (eine wahre Fundgrube für die Erschließung des neuen Bauens, der auch mein Vortrag heute viel verdankt), die durch ihren lockeren Ton die Wirkung nicht verfehlten, und in diesen Heften war Loos allein mit drei Vorlesungen vertreten; und wenn ich auch die Texte wohl mehr überflogen als wirklich gelesen hatte, so war Loos doch wieder da.
Der entscheidende Impuls für das Nichtvergessen war dann aber (ich glaube, ich war schon Assistent am Karlsruher Institut für Baugeschichte) ein Auftritt von Grete Schütte-Lihotzky, die mit weit über 90 Jahren einen von Geist, Humor und Esprit geradezu sprühenden Vortrag über ihr Leben hielt und über Menschen berichtete, die für uns damals längst unnahbar im Prominentenhimmel entschwunden waren – über den Architekten Josef Hoffmann, Oskar Kokoschka, Arnold Schönberg, Karl Kraus – und eben auch über Adolf Loos, in dessen Büro sie gearbeitet hatte und den sie ebenso gut kannte wie die anderen; Loos, der mir plötzlich sehr lebensnah wurde (sozusagen vom Architekten-Olymp auf den Erdboden zurückgeholt), und der sich mir jetzt ganz anders darstellte, als wenn man sich auf einen Bücher-Trockenkurs beschränken muß, und darum eben scheinbar dandyhaft elitär und scheinbar spröde Architektur.
Soweit meine ganz persönliche Annäherung an Loos, an seine Architektur und an sein Denken – dieser Loos, der 1870 in Brünn geboren wurde, der also derselben Generation angehörte wie Peter Behrens, Hans Poelzig, sein Intimfeind Josef Hoffmann, Heinrich Tessenow oder Frank Lloyd Wright – dieser Loos, der die Entwicklung der modernen Architektur besonders durch sein Raumplan-Konzept bis auf den heutigen Tag vielleicht am nachhaltigsten vorangetrieben hat, von dem immer noch viele Architektur-Ideen profitieren (immer noch, wenn man bedenkt, dass Loos’ wichtigste Bauten in den zwanziger Jahren des letzte Jahrhunderts entstanden sind), auch wenn sich manche Architekten der wahren Urheberschaft ihrer Gedanken vielleicht gar nicht mehr bewusst sind.
Die Folgen dieser Loos’schen Idee des Raumplanes sind aus der neueren und auch aus der gegenwärtigen Architektur nicht mehr wegzudenken, und so ist dieser Raumplan unter Architekten (zumindest als Begriff) weitgehend geläufig. Merkwürdig ist nur, dass der Urheber dieses Raumplanes, dass der Name Loos weitgehend geläufig ist (volkstümlich sozusagen) aus ganz anderen Gründen, und das ist eigentlich grotesk. Volkstümlich (und am meisten zitiert) ist eine scheinbar lächerliche Arbeit, man möchte sie, wenn sie nicht so ernst gemeint gewesen wäre, fast absurd nennen, nämlich seine geradezu postkartenbekannte dorische Säule (fast dorisch, denn der Sockel gehört ja zum Kanon des Dorischen nicht dazu) – die dorische Säule, die Loos Anfang der zwanziger Jahre als Wettbewerbsbeitrag für das Verwaltungsgebäude der »Chicago Tribune« einreichte.
Und zum anderen ist er volkstümlich geworden durch seine äußerst aggressiven und äußerst geistreichen Schriften. Und es ist wiederum eigentlich grotesk, dass die am meisten zitierte, »Ornament und Verbrechen«, von fast keinem wirklich gelesen worden ist und so häufig schon vom Titel her falsch zitiert wird, nämlich: »Ornament ist Verbrechen«, was zwar oft so schön in den Kram passt, aber von Loos so eben nicht gemeint ist.
Essay
Kreativitätstechniken als Topiken des Designs
Warum es Designern hilft, »Kreativität« theoretisch zu fassen
Einleitung
Kreativität ist ein, wenn nicht gar, der Kernbegriff in den Designdisziplinen. Kreativität und Design zusammenzubringen, stellt demnach einen Gemeinplatz dar, der hinreichend zum Klischee verkommen ist. Und obwohl Kreativität ein Kernbegriff im Design ist, scheinen die Gestaltungsdisziplinen wenig Mühe darauf zu verwenden, diesen Begriff zu bestimmen und gegen verwandte Begriffe wie Innovation, Schönheit oder Witz abzugrenzen. Daraus ergibt sich folgendes Problem: Für Designer gehört das Finden von neuen Lösungen und guten Ideen für überzeugendes Design zum täglich Brot. Unter dem Verdikt eines mithin emphatischen Selbstverständnisses als »kreativ« stehen Gestalter allerdings oftmals in einem zwiespältigen Verhältnis zu einer methodischen Findungslehre. Auf der einen Seite wird die eigene Kreativität betont, die angeblich nur eine Eigene sei, wenn nicht nur die gefundenen Resultate neu sind, sondern auch die Findungswege, was eine methodische Anleitung als unkreativ erscheinen lässt; auf der anderen Seite stellen Techniken der Ideen- und konkret der Bild-, Text- und Motivfindung sowohl den Gegenstand der Vermittlung an Designhochschulen dar als auch den Gegenstand gern benutzter Ratgeberliteratur und sogenannter Look-Books. Wir können also konstatieren: Durch die Omnipräsenz des Kreativitätsgebotes bei gleichzeitiger nahezu totaler Unterbestimmtheit innerhalb der Designdisziplinen entsteht der Eindruck einer Unvereinbarkeit von Kreativität und Technik (im Sinne einer techné).
Um diese vermeintliche Unvereinbarkeit wird es im Weiteren gehen und dabei stehen folgende Fragen im Mittelpunkt:
a) Was kann unter einer Kreativitätstechnik verstanden werden? Die Antwort auf diese Frage wird vom Verständnis dessen, was als kreativ bezeichnet wird, abhängen. Dazu werden drei Bedeutungen von Kreativitätstechnik entwickelt werden.
b) Welchen Bezug haben diese Techniken zur Rhetorik? Hier wird es sowohl darum gehen, die Kreativitätstechniken in das Theoriegebäude der Rhetorik einzubetten, als auch darum, die Frage anzureißen, welche verschiedene Rollen Kreativität innerhalb der rhetorischen Praxis zukommen können.
c) Schließlich soll der Versuch gemacht werden, konkrete Arbeiten zu Kreativitätstechniken aus dem Bereich Design, in die hier zu treffenden Unterscheidungen zu integrieren. Gibt es Beispiele für die hier unterschiedenen Kreativitätstechniken aus den Designbereichen?
Rhetorische Bestimmung der Kreativität
Zuerst soll hier der Frage nachgegangen werden, was überhaupt unter Kreativitätstechniken verstanden werden kann. Dabei wird eine Antwort auf diese Frage offensichtlich stark davon abhängen, wie Kreativität innerhalb der Rhetorik bestimmt werden kann. Es werden dazu im Weiteren zwei logisch voneinander unabhängige Konzepte von Kreativität vorgestellt:
1. Kreativität als Zuschreibungspraxis
2. Kreativität als Erkenntnisinstrument
Hinzu kommt ein drittes genuin rhetorisches Kreativitätsverständnis, dessen kreatives Potential auf der zweiten Bestimmung (Kreativität als Erkenntnisinstrument) beruht.
Kreativität als Zuschreibungspraxis
Schaut man sich Bestimmungen des Kreativitätsbegriffes genauer an, so fällt auf, dass Kreativität zumeist bereits eine Publikumsorientiertheit voraussetzt. Preisers Bestimmung der Kreativität durch die Eigenschaften Neuheit, Sinnhaftigkeit und Akzeptanz integriert insbesondere durch die Akzeptanzeigenschaft das Publikum maßgeblich zur Bestimmung des Begriffes. Auch Knapes Forderung nach Tauglichkeit[1] der Ergebnisse des kreativen Prozesses geht in diese Richtung und desgleichen Sternbergs Forderung nach Unerwartetheit der Ergebnisse. Matthäus bestimmt Kreativität als eine sechstellige Relation: »Die im Rahmen R zum Produkt P führende Handlung H des Individuums I wird vom Beurteiler B im Hinblick auf ein System S von Erwartungen und Zwecken als kreativ eingestuft.« K(R,P,H,I,B,S). Vom rhetorischen Standpunkt aus scheint die Frage, welche Rolle Kreativität in der Rhetorik spielt, daher trivial beziehungsweise bereits durch die Bestimmung des Kreativitätsbegriffes vorausgesetzt. Denn wenn stets das Votum eines Publikums entscheidend für Kreativität ist, dann gehört Kreativität klarer Weise in den Raum rhetorischer Vermittlungspraxis. Und wenn Kreativität durch die Akzeptanz der Relevanz einer neuen Problemlösung durch ein Publikum bestimmt wird, dann wird Kreativität schlichtweg mit persuasivem Erfolg gleichgesetzt. Zudem macht gerade Matthäus sechsstellige Relation deutlich, dass Kreativität allein über das Publikum definiert ist und eben nicht über einen Eigenschaft eines Individuums oder Produktes. Da Kreativität hier immer als eine Zuschreibungspraxis eines Publikums verstanden wird – und eben nicht als eine Eigenschaft eines Orators – kann auch der systematische Ort innerhalb des Theoriegebäudes der Rhetorik näher bestimmt werden, in welchem Kreativität zum Tragen kommt. Als Zuschreibungspraxis fällt Kreativität eindeutig in den Bereich des Ethos und eben nicht der Inventio. Da Kreativität als Zuschreibungspraxis kein Instrument, insbesondere kein Erkenntnisinstrument oder heuristisches Werkzeug, darstellt, sondern ein konkretes Überzeugungsmittel, spielen zwar Überlegungen zur besseren Inszenierung von Kreativität eine wichtige Rolle innerhalb der Inventio, nicht aber kann Kreativität in diesem Stadium eine Rolle spielen. Wie sollte sie auch? Wenn Kreativität erst durch die Zuschreibung entlang bestimmter Akzeptanzbedingungen eines Publikums zustande kommt, steht sie dem Orator in der Phase der Inventio – wenn dieser beispielsweise allein über seinem Schreibtisch brütet – noch gar nicht zur Verfügung.
Speech
What helps me step outside my solipsist mind
On days filled with gathering knowledge and learning
Die Rede unten hielt der Art-Direktor Holger Windfuhr vor Absolventen der Studiengänge Kommunikationsdesign der Hochschule Konstanz.
First off: congratulations to the graduating class of 2016!
I have a German name, but was born and raised in the United States. So I hope you will indulge my giving this talk in my mother tongue. I think you deserve a level of eloquence that I cannot live up to in the German language. Plus: it makes me seem more intelligent than I really am.
When Jochen Rädeker asked me if I would like to hold the commencement speech, I said yes without thinking. Only afterwards did I think to myself: “What in God’s name do you people want to hear from me?” Then I recalled a commencement speech by the great author and philosopher David Foster Wallace. His thoughts and perspective really resonated with me, and articulated what, up to that point, I hadn’t been able to. So I decided to adapt part of it. And as Pablo Picasso said: “Good artists copy, great artists steal.” Who am I to question Pablo?
Two young fish are swimming along and they happen to meet an older fish swimming the other way. The older fish nods at them and says
“Morning, boys. How’s the water?”
The two young fish swim on for a bit. Then one of them looks over at the other and asks
“What the hell is water?”
I’m not the wise old fish. The point of the fish story is merely that the most obvious, important realities are often the ones that are hardest to see. Being truly aware of what is around us.
You, like me when I finished design school twenty-five years ago, learned about typography, color theory, printing techniques, html, design history, illustration, photography, and much more. Your days, like mine, were filled with gathering knowledge and learning how to think about design and learning approaches to problem-solving. And you, like me, have enjoyed the support of your parents, grandparents, friends and teachers in getting your education.
The greatest cliché about education is that it is not such much about filling you up with knowledge, but about teaching you how to think. But the cliché about teaching you how to think actually goes much deeper. The really significant education in thinking isn’t just about the capacity to think, but also about learning to exercise some control over how and what you think, and consciously choosing what to think about. To really question and confront the often automatic way we react to opposing views, criticism, annoyances – and daily life. To not get lost in abstract arguments inside our heads instead of simply paying attention to what is going on right in front of us, in the world around us. To not assume that everything is being done specifically to me, and for me or against my ideas.
It’s not about right or wrong. It’s a matter of my choosing to make the effort of somehow getting free of my natural default setting. Which is to be deeply self-centered and to see and interpret everything through this lens of self. Because if you cannot exercise this kind of conscious choice in how and what to think about, you will be totally lost.
I can only tell you about my experiences, and what I have found to be true for me. What helps me step outside my solipsist mind when I feel it becoming too small a space.
I grew up in a truly multi-cultural surrounding. A university town where all sorts of nationalities gravitated. Japanese, Chinese, Iraqi, Iranian, German, French – even Swiss. The interest in other cultures and their way of thinking about the world has accompanied me ever since. I was confronted by all sorts of different views – sometimes dramatically different opinions on things I felt very strongly about. They challenged me to think about why I think the way I do.
Back then the Internet as we know it had not yet been born. The single biggest repository of knowledge – but also of bullshit – mankind has ever known. It wasn’t as easy to get lost in the echo chambers of »Facebook« timelines and specialty blogs that simply repeat back to me what I already believe to be true.
Don’t get me wrong: I think the Internet and the Internet of Things is one of the greatest developments for our profession – on a societal scale as well. It frees design from adorning paper pulp and film strips to become truly interactive and multimedial on a global scale. It allows us to communicate on an individual level. There has never been a greater opportunity for us. And I say this not in spite of but especially as a member of a publishing group.
But it takes tremendous will to seek out articles and interact with people who have opposing views. To discover how other cultures interpret what is happening in the world, on our continent, in our country. The American view, the English view, the French, Russian, Scandinavian, Chinese view; the intellectual German commentary – and even the less intellectual commentary. But I promise you, it will be worth it. It’s a wellspring for your work, an endless supply of references, juxtapositions and ideas to play with. The intellectual depth will shine through.
Another thing I have found to be true for me: being trusted is everything; especially in our profession, where our opinion isn’t based on a mathematical formula or scientific method. Trust in our professional integrity is the one thing that makes the difference between being able to do great or mediocre work. Trust is what allows us to take risks. But earning that trust also means being able to put yourself into someone else’s position and consider their criteria for good work. What they need it to do and how they need to communicate with their audience and who else they turn to in judging the quality of design. And who they need to impress, both inside and outside the company.
Be curious. Not just about what new fonts are coming out, what the coolest parallax scrolls are or what new independent magazines are being published. They are a means to an end. The end is what and how we want to communicate. What audience are we communicating to? The context in which we are communicating. The awareness of societal shifts, bumps and grinds. Awareness of what and who is affecting society, and why. Awareness in not believing the hype.
It is in essence about the real value of a real education. It has almost nothing to do with knowledge, and everything to do with simple awareness. Awareness of what is in plain sight all around us, all the time. That we have to keep rediscovering and reminding ourselves over and over:
»This is water.«
»This is water.«
I wish you all great success.
Hördatei
»Design ist ein Werkzeug – kein Selbstzweck«
André Stauffer über die Anforderungen an Gestalter
»Branding ist eine Art, die Realität zu formen«, sagt André Stauffer, Creative Director von MetaDesign Zürich. Der richtige Umgang mit dem Werkzeug »Design« sei daher von großer Bedeutung. Agenturen und Designer trügen Verantwortung und sollten diese ernst nehmen.
Was macht einen guten Designer aus? Designer seien Menschen, die nicht alles können können, aber alles können wollen. Das Idealbild eines Designers ist für André Stauffer der allseitig gebildete Mensch, der kreativ arbeitet, schreibt, musiziert, Sport macht, liest und sich für alles interessiert – ein Leonardo da Vinci.
Der Designer spricht im Interview außerdem über das, was ihn in seiner Laufbahn geprägt hat und ihm bei der Arbeit wichtig ist, und darüber, wo er die Chancen und Schwierigkeiten im Branding sieht.
Mythen des Alltags
Das Klebeband
Dein Freund und Helfer
… und noch einen vierten Streifen für die linke Ecke. Gut andrücken und voilà, das Poster hängt – schief. Angespannt pfriemeln nervöse Finger die Ecken wieder von der Wand, worunter nicht nur Papier und Klebeschicht leiden, sondern auch die Psyche. Noch ein kleines Stück nach rechts drehen, diesmal fester andrücken und glattstreichen. Das Atmen dabei nicht vergessen. Endlich stellt sich bei der Betrachtung aus einiger Entfernung die erhoffte Zufriedenheit ein. Gerade alles zusammengepackt und dem Plakat den Rücken zugekehrt, lösen sich mit einem kaltschnäuzigen Plopp die oberen Ecken, und das Papier schält sich schmatzend von der Wand. Eine gelassene Stimme aus dem Off erhebt spöttisch den Zeigefinger: »Da hat wohl jemand am falschen Ende gespart.« Malerkrepp und Poster flattern raschelnd zu Boden.
Die Erfindung einiger Klebefilme haben wir genau solchen Unglücken zu verdanken. Bereits kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts tüftelte Oscar Troplowitz an einem Heftpflaster, das allerdings die Haut reizte und zu stark haftete – der altbewährte Tesafilm war erfunden. Spencer Silver suchte nach einem neuen Superkleber, der stärker als alle bekannten Klebstoffe werden sollte. Als Ergebnis seiner Bemühungen erhielt er allerdings lediglich eine klebrige Masse, die zwar auf allen Flächen haftete, sich aber ebenso leicht wieder ablösen lies. Sein Kollege Arthur Fry kam darauf zurück, als er sich über die wiederkehrende Misere beim Liedersingen in der Kirche erzürnte: Eine ungeschickte Bewegung beim Aufschlagen und sämtliche Zettel flatterten zu Boden – die Post-its waren geboren.
Heute gibt es mehr als 900 verschiedene Klebebänder auf dem Markt. Berechtigt, denn Klebeband ist ein echtes Universal-Genie, und wer sich etwas Zeit nimmt, die verschiedenen Sorten kennenzulernen, dem eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten im Alltag.
Erste Bekanntschaft mit der Wunderrolle machen die meisten im Kindesalter, beim Anbringen von bunten Fensterbildern und beim Basteln. Teenager nutzen den streifenförmigen Kleber, um ihr Zimmer mit den neuesten Postern aus der »Bravo« zu tapezieren und streng geheime Liebesbriefe sicher zu verschließen. Vor allem provisorische Reparaturdienste leistet uns das Band in jeder Lebenslage, sei es beim gesplitterten Handy-Display oder beim zerbrochenen Brillenbügel. In Harry Potters Fall reicht an dieser Stelle auch ein einfaches »Oculus reparo!«. Ambitionierte Heimwerker kommen nicht zu kurz, wenn es darum geht, beim Malern Fenster- und Türrahmen abzukleben, Bodenbeläge, Spiegel und Dampfsperrfolien zu befestigen und dem leckenden Rohrwerk den Ausgang zu versperren. Bühnenarbeiter fixieren ihre Kabel, Schauspieler ihren Standpunkt, Sportler ihre Muskeln, Ärzte ihre Katheter, Spurensicherer ihre Tatorte, Zeichner ihre Skizzen, Designer ihre Entwürfe, Versandhändler ihre Waren, Buchbinder ihre Buchrücken, Maskenbildner ihre Perücken und Fetischisten ihre Liebsten. Sogar in die Kunst hat das klebrige Band bereits Einzug gehalten: Ob als eigenständiges Gestaltungsmaterial, Portrait auf Leinwand, Installation, in Tanz-Performances, zur Raumgestaltung – der sogenannten Tape Art sind keine Grenzen gesetzt. Und spätestens seit MacGyver, der immer eine Rolle im Gepäck hat, wissen wir: Mit Klebeband lässt sich sogar die Welt retten.
Bevor wir also mit Washi-Tape das Loch in der Motorhaube flicken oder mit Panzertape die Lider straffen, sollten wir Trägermaterial, Klebstoff-Typ und auch den zu verklebenden Untergrund genauer unter die Lupe nehmen. Es lohnt sich.
Hördatei
»Die Welt ist komplizierter«
Michaela Karl über eine doch nicht so unpolitische Generation
Seit den 1968er Jahren habe sich viel in der politischen Rhetorik getan. Man musste früher gut vorbereitet sein. Die Sprechweise war kompliziert, die Sätze länger. Visuelle Unterstützung gab es nicht. Heute sei die Sprechweise einfacher, verständlicher, schlicht kürzer. Manchmal stelle sie sich vor, wie Rudi Dutschke heutzutage auf Twitter schreiben würde, amüsiert sich Dr. Michaela Karl im Gespräch.
Neben den heutigen Studenten, die wohl gar nicht so unpolitisch seien, wie ihr Ruf vermuten lasse, könnten sich auch die Kreativen vermehrt in die Politik einbringen. Kreative, egal ob Literaten oder Designer, könnten in der nicht unbedingt von Visionären geprägten Politik neue Denkansätze liefern.
Für geringe Wahlteilnahmen hat Michaela Karl allerdings kein Verständnis. Gerade Frauen sollten von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, denn ihr Geschlecht hat in der Geschichte für dieses Grundrecht gekämpft.
Hördatei
»Es gibt keinen Text, nur Texterscheinungsformen«
Stefan Soltek über die Kunst im geschriebenen Wort
Für Stefan Soltek, Leiter des Klingspor-Museums in Offenbach, ist die Handschrift keine nostalgische Übung, sondern eine Abbildung innerer Prozesse. Wer mit einem kurvenden Stift über eine Fläche fährt, der betreibe Selbstfindung. Soltek gibt zu bedenken, dass Typografie deshalb mehr sein könne als eine verbalisierte Mitteilung, nämlich ein Ausdrucksmittel für Empfindungen.
Im Interview spricht Soltek darüber, welchen kulturellen Stellenwert die Schrift in ihren verschiedenen Erscheinungsformen hat, und stellt Überlegungen darüber an, was bliebe, wenn die Schrift verschwindet.
