Tagung »text | text | text« | Essay

Die Bedeutung der Übergänge

Intertextualität in technischen Dokumentationen

Tech­ni­sche Doku­men­ta­tio­nen arbei­ten in außer­or­dent­li­chem Maße mit selbst oder fremd erstell­ten bild­li­chen Ele­men­ten bezie­hungs­wei­se Visua­li­sie­run­gen wie Gra­fi­ken, Tabel­len, Sche­ma­ta oder Bil­dern. Sie bil­den also ein spe­zi­fi­sches Gewe­be – tex­tus – aus frem­den oder eige­nen bild­li­chen Ele­men­ten und frem­dem und eige­nem Geschrie­be­nem. Ein inge­nieur­wis­sen­schaft­li­cher Text ist spe­zi­fisch inter­tex­tu­ell, da er einen Text hier­ar­chisch gleich­ge­stell­ter bild­li­cher und geschrie­be­ner, eige­ner oder frem­der Ele­men­te bezie­hungs­wei­se Inter­tex­te bil­det. [1] Jede Form von Inter­text bezie­hungs­wei­se Ele­ment gilt hier­bei als »Text«. [2]

Damit ein inge­nieur­wis­sen­schaft­li­cher Text sei­ne prag­ma­ti­sche Funk­ti­on erfüllt, muss er leicht nach­voll­zieh­bar sein. Wer einen tech­ni­schen Text schreibt, steht also vor einer dop­pel­ten Her­aus­for­de­rung: Ers­tens müs­sen bild­li­che und geschrie­be­ne Ele­men­te »ver­wo­ben« wer­den und zwei­tens soll die­ses »Gewo­be­ne« ein­fach ver­ständ­lich sein. Die­ser Bei­trag zeigt, dass beim Schrei­ben ein Infor­ma­ti­ons­ma­nage­ment benö­tigt wird, und er skiz­ziert zwei Vor­ge­hens­wei­sen für die Abfas­sung nach­voll­zieh­ba­rer tech­ni­scher Dokumentationen.

Vor­ge­hen und Untersuchung

In einer klein ange­leg­ten Stu­die mit 13 aus­ge­wähl­ten tech­ni­schen Berich­ten offen­bar­te sich, dass das Pro­blem der Nach­voll­zieh­bar­keit in ers­ter Linie bei den Über­gän­gen zwi­schen den ver­schie­de­nen Inter­tex­ten bezie­hungs­wei­se Infor­ma­ti­ons­ele­men­ten liegt. Unter­sucht wur­den Berich­te, die bezüg­lich ihrer Mach­art zwei Pole bil­den. Einer­seits sind dies Berich­te des Stu­di­en­gangs Ener­gie- und Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie (EIT) – in der Regel klas­si­sche tech­ni­sche Doku­men­ta­tio­nen –, ande­rer­seits Berich­te aus dem Stu­di­en­gang Ener­gie- und Umwelt­tech­nik (EUT). Dies sind häu­fig Mach­bar­keits­stu­di­en, die vie­le exter­ne Infor­ma­tio­nen zu eige­nen Stu­di­en und Argu­men­ta­tio­nen verbinden.

Ana­ly­siert wur­den die Über­gän­ge zwi­schen Eigen- und Fremd­ele­men­ten bezie­hungs­wei­se Eigen- und Eigen­ele­men­ten. Der Fokus lag also auf der Mach­art des Inter­tex­tu­el­len, bei­spiels­wei­se der Ein­bin­dung des klas­si­schen Fremd­zi­tats oder auch einer selbst­er­stell­ten Gra­fik. Dabei zeig­te sich, dass ins­be­son­de­re dann das Ver­ständ­nis für Lesen­de nicht gege­ben ist, wenn an die­sen Über­gän­gen die Ver­we­bung nicht statt­fin­det. Das bedeu­tet, dass für die Nach­voll­zieh­bar­keit von Inter­tex­tua­li­tät intra­tex­tu­el­le Ver­fah­ren mit­be­rück­sich­tigt wer­den müs­sen. [3]

Ein Bei­spiel (Abb. 1) aus einem Bericht im Stu­di­en­gang EUT zeigt die Pro­ble­ma­tik der man­gel­haf­ten Ver­we­bung von Informationselementen:


 
Abb. 1 Text­aus­schnitt aus FB_EUT_5_HS1516, S. 10. [4]

Ziel der zitier­ten Pas­sa­ge ist es, die gesetz­li­chen Grund­la­gen für ener­ge­ti­sche Sanie­run­gen dar­zu­le­gen. Die­se the­ma­ti­sche Ein­ord­nung (gleich nach dem Titel »Haupt­teil«) fehlt jedoch. Der Stu­dent lis­tet die wich­tigs­ten Para­gra­fen in einer Tabel­le auf, ohne die­se ein­zu­füh­ren. Danach zitiert er zen­tra­le Aus­schnit­te aus die­sen Geset­zen. Es zeigt sich: Die Ver­we­bung zwi­schen Tabel­le und geschrie­be­nem Text (inkl. Zitat) fin­det nicht – oder im letz­ten abge­bil­de­ten Teil nur bedingt – statt. Wozu die Tabel­le, wozu der geschrie­be­ne Text (Eigen­text und Zitat) dient? Die Rele­vanz der zitier­ten geschrie­be­nen Ele­men­te bleibt unklar, da der Text die frem­den Ele­men­te nicht expli­zit mit den eige­nen ver­bin­det. Obwohl der gesam­te Text­aus­schnitt inter­tex­tu­ell ist, resul­tiert dar­aus kein eige­ner Sinn ohne intra­tex­tu­el­le Handlung.

Die Rele­vanz der Ver­we­bung zeigt sich auch an einem wei­te­ren Bei­spiel (Abb. 2) aus einem Bericht des Stu­di­en­gangs EIT:


 

Abb. 2 Text­aus­schnitt aus FB_EIT_P3_HS15_T9, S. 8. Nach »Der Kurz­schluss­strom […]« folgt die Erläu­te­rung aller ande­ren Varia­blen der For­mel und anschlie­ßend ein Abschnitt mit ande­rem Thema.

Dia­gramm und For­mel sind vor­ge­ge­be­ne Fremd­ele­men­te als Aus­gangs­la­ge für das Pro­jekt, in dem ein Über­wa­chungs­ge­rät für Pho­to­vol­ta­ik­mo­du­le ent­wi­ckelt wer­den soll. Die Stu­die­ren­den gehen davon aus, dass die bei­den Ele­men­te selbst­er­klä­rend sind und daher kei­ne Ver­knüp­fung unter­ein­an­der und mit dem Eigen­text benötigen.

Nach­voll­zieh­bar­keit und Ver­ständ­lich­keit basie­ren dar­auf, dass die Infor­ma­tio­nen, die in bild­li­chen oder geschrie­be­nen frem­den (und eige­nen) Tex­ten ent­hal­ten sind, dar­ge­legt, kom­men­tiert und inter­pre­tiert wer­den. Die­se Pro­ble­ma­tik zeigt sich an allen für die­se Stu­die defi­nier­ten Übergängen:

»Text« – »Text«, in allen Vari­an­ten, dazu gehören:
• Geschrie­be­nes – Geschriebenes
• Geschrie­be­nes – Tabelle
• Geschrie­be­nes – Diagramm
• Geschrie­be­nes – Schemata
• Geschrie­be­nes – Bild

Die Pro­ble­ma­tik gilt auch für Über­gän­ge auf Text­ebe­ne, zwischen
• Titel – Kapitelanfang
• Kapi­tel – Kapitel
• Abschnitt – Abschnitt
• Satz – Satz

Schrei­ben­de in der Tech­nik ste­hen folg­lich vor der Auf­ga­be, alle Text­ele­men­te – Zita­te, Para­phra­sen, Gra­fi­ken, Tabel­len, Sche­ma­ta, Bil­der – dem Eigen­text ein­zu­ver­lei­ben bezie­hungs­wei­se mit die­sem zu ver­we­ben. Die eigent­li­che Ver­we­bung dient der Nach­voll­zieh­bar­keit und Ver­ständ­lich­keit der Dokumentation.

Schluss­fol­ge­run­gen

Wor­auf ist also bei der Her­stel­lung tech­ni­scher Doku­men­ta­tio­nen zu ach­ten? Es bie­ten sich zwei Ver­fah­ren an: Ers­tens: Damit die Ver­knüp­fung der ver­schie­de­nen geschrie­be­nen und visu­el­len Ele­men­te gelingt, emp­fiehlt es sich, als Kohä­si­ons­mit­tel oder Kon­nek­to­ren vor allem auch auf meta­kom­mu­ni­ka­ti­ve Ver­knüp­fungs­ele­men­te zurück­zu­grei­fen. Meta­kom­mu­ni­ka­ti­ve Vor- und Rück­ver­wei­se (wie zum Bei­spiel »in fol­gen­der Abbil­dung«) kön­nen einer­seits als »Text­be­ach­tungs­an­wei­sun­gen«, aber auch als »Text­ge­brauchs­an­wei­sun­gen« [5] fun­gie­ren und sind beson­ders in tech­ni­schen Berich­ten geeig­net, die pri­mär funk­tio­nal sind. Zwei­tens sind erklä­rend-argu­men­ta­ti­ve Ver­knüp­fungs­ele­men­te not­wen­dig. Inge­nieurs­be­rich­te ste­hen in einer Rei­he im Ent­wick­lungs­pro­zess. Damit das Dar­ge­leg­te nach­voll­zieh­bar und folg­lich ver­ständ­lich wird, ist es erfor­der­lich, die Inhal­te auch hin­sicht­lich ihrer Funk­ti­on zu ver­knüp­fen. Fol­gen­de Infor­ma­tio­nen müs­sen gege­ben sein: War­um ist was wie unter wel­chen Bedin­gun­gen gemacht wor­den? Dar­aus resul­tiert ein erklä­ren­der, argu­men­ta­ti­ver und dar­le­gen­der, also nach­voll­zieh­ba­rer Inge­nieurs­text. Die Ver­we­bung der ver­schie­de­nen Text­ele­men­te erfor­dert des­halb ein Infor­ma­ti­ons­ma­nage­ment, das sich in fol­gen­de Glei­chung über­füh­ren lässt:

erklä­rend-argu­men­ta­ti­ve Ebe­ne: War­um wird was unter wel­chen Bedin­gung gemacht und einbezogen?
+
meta­kom­mu­ni­ka­ti­ve Ebe­ne: Wie wer­den die Infor­ma­tio­nen ver­wo­ben? (Bezie­hung zwi­schen den Infor­ma­tio­nen, expli­zit geäußert)
+
doku­men­tie­ren­de Ebe­ne: Infor­ma­ti­ons­ele­men­te, tech­ni­sche Inhalte
=
nach­voll­zieh­ba­rer (also guter) Bericht

Ein hin­rei­chen­des Infor­ma­ti­ons­ma­nage­ment schafft die Aus­gangs­la­ge für gut ver­wo­be­ne Über­gän­ge zwi­schen »Tex­ten«. Erst dadurch wer­den (inhalt­li­che!) Zusam­men­hän­ge klar und tech­ni­sche Doku­men­ta­tio­nen verständlich.

Lite­ra­tur­ver­zeich­nis:

Berndt, Frau­ke; Ton­ger-Erk, Lily: Inter­tex­tua­li­tät. Eine Ein­füh­rung. Ber­lin 2013. (Grund­la­gen der Ger­ma­nis­tik 53)

Hau­sen­dorf, Hei­ko; Kes­sel­heim, Wolf­gang (2008): Text­lin­gu­is­tik fürs Examen. Göt­tin­gen 2008.

Mert­lit­sch, Car­men: Fünf funk­tio­na­le For­men der Inter­tex­tua­li­tät und ihre Ver­mitt­lung. Vor­trag am 10. Juni 2016 bei der Tagung »text | text | text« in Kon­stanz; unver­öf­fent­lich­tes Manuskript.

Anga­be zu zitier­ten tech­ni­schen Berichten

FB_EIT_P3_HS15_T9: PV-Modul Simu­la­tor. Nicht­pu­bli­zier­ter Fach­be­richt, SG EIT (FHNW), Pro­jekt 3, HS 2015. Win­disch 2015.

FB_EUT_5_HS1516: Ener­ge­ti­sche Ana­ly­se von ver­schie­de­nen Warm­was­ser-Wär­me­pum­pen im Real­be­trieb. Nicht­pu­bli­zier­ter Fach­be­richt SG EUT (FHNW), Pro­jekt 5, HS 2015. Win­disch 2015.

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Dürfen die das?

Normative Fragen an »VroniPlag Wiki«

Die Arbeits­wei­se auf Vro­ni­Plag Wiki wirft eine Rei­he nor­ma­ti­ver Fra­gen auf, an denen sich in wis­sen­schaft­li­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen wie in der Tages­pres­se immer wie­der Dis­kus­sio­nen ent­zün­den. Der fol­gen­de Text nimmt Stel­lung zu Fra­gen nach den Rech­ten der »Opfer«, nach der Legi­ti­ma­ti­on der Pla­gi­ats­su­cher und nach den Regeln, nach denen auf bei­spiels­wei­se Vro­ni­Plag Wiki Text­über­ein­stim­mun­gen als Pla­gia­te gekenn­zeich­net werden.

Ein­lei­tung

Wäh­rend der 2011 auf­kom­men­den Dis­kus­sio­nen um die Pla­gia­te in der Dis­ser­ta­ti­on des dama­li­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters zu Gut­ten­berg bil­de­te sich auf einer Wiki-Platt­form ein Forum, dass zunächst die­se Arbeit als in jeder Hin­sicht offe­nes Pro­jekt gründ­lich auf Pla­gia­te unter­such­te und letzt­lich auf eine Quo­te von 94,4 % der Sei­ten der Arbeit kam, die Text­über­nah­men ent­hiel­ten, die nicht den wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards ent­spre­chend als sol­che aus­ge­wie­sen waren.[1] Die damals ange­fan­ge­ne gemein­sa­me Arbeit setz­ten eini­ge der Betei­lig­ten fort auf der nach Vero­ni­ca Saß, der Toch­ter von Edmund Stoi­ber, benann­ten Platt­form Vro­ni­Plag Wiki[2], die bis heu­te unaus­ge­wie­se­ne Fremd­text­über­nah­men in 172 wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten aus prak­tisch allen Fach­rich­tun­gen doku­men­tiert hat (Stand: 7.6.2016). Obwohl nur ein klei­ner Teil die­ser doku­men­tier­ten Fäl­le Autoren[3] betraf, die als Poli­ti­ker oder in ande­rer Funk­ti­on in der Öffent­lich­keit stan­den, führ­te das immense Medi­en­echo auf die­se Fäl­le und der Drang zur Ver­tei­di­gung popu­lä­rer Funk­ti­ons­trä­ger dazu, dass die Arbeit von Vro­ni­Plag Wiki sowohl in der Tages­pres­se als auch in Fach­ver­öf­fent­li­chun­gen auf ver­schie­dens­te Arten in Fra­ge gestellt und die dort Betei­lig­ten in immer neu­en Varia­tio­nen her­ab­ge­wür­digt wur­den, ger­ne auch von Autoren, wel­che die Web­site von Vro­ni­Plag Wiki augen­schein­lich noch nie auf­ge­ru­fen hat­ten.[4] Der vor­lie­gen­de Text will zu eini­gen nor­ma­ti­ven Punk­ten Stel­lung neh­men, die in den ver­gan­ge­nen Pla­gi­ats­de­bat­ten immer wie­der ein­mal auf­ka­men. Die­se wer­den in drei Haupt­ka­te­go­rien gebün­delt: Fra­gen zu den Rech­ten derer, deren Arbei­ten unter vol­ler Anga­be von Autoren­na­me und Titel der Arbeit auf einer sol­chen Platt­form mit dem Vor­wurf des Pla­gi­ats in Zusam­men­hang gebracht wer­den (dür­fen?), Fra­gen rund um die Betei­lig­ten und ihre Legi­ti­ma­ti­on (die?), und Fra­gen zu den Regeln, nach denen eine sol­che Zuschrei­bung über­haupt vor­ge­nom­men wird (das?). Eigent­lich sind die­se Punk­te alle weder neu noch beson­ders ori­gi­nell. Da sie aber immer wie­der mit nur klei­nen Varia­tio­nen in die Debat­te ein­ge­bracht wer­den, besteht auch immer wie­der Anlass dazu, sich mit ihnen aus­ein­an­der zu setzen.

1 »Dür­fen?« Die Rech­te der Betroffenen

Eine Per­spek­ti­ve der Kri­tik an Vro­ni­Plag Wiki und ähn­li­chen Pro­jek­ten stellt auf die Rech­te derer ab, in deren wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten nicht pla­gi­ier­te Text­stel­len doku­men­tiert wer­den. Hier ist ger­ne die Rede von einem »Inter­net­pran­ger«, gegen den sich die Betrof­fe­nen nicht weh­ren könn­ten. Die­se wür­den in ihrer Ehre her­ab­ge­setzt, in ihren Per­sön­lich­keits­rech­ten ver­letzt.[5] Der Straf­recht­ler denkt dabei sofort an die Belei­di­gungs­tat­be­stän­de der §§ 185 ff. StGB. Bei die­sen wird zwi­schen Wert­ur­tei­len und Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen unter­schie­den – letz­te­re sind unab­hän­gig von poten­ti­el­len Ehr­ein­bu­ßen dann nicht straf­recht­lich rele­vant, wenn sie erweis­lich wahr sind, wie es § 186 StGB for­mu­liert. Vro­ni­Plag Wiki besteht ganz über­wie­gend aus der Doku­men­ta­ti­on von Text­über­ein­stim­mun­gen, die zei­len­ge­nau nach­voll­zo­gen wer­den kön­nen und die nach dem Vier­au­gen­prin­zip von min­des­tens zwei Betei­lig­ten dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob die Wie­der­ga­be den Vor­bil­dern exakt ent­spricht. Es geht also um die Dar­stel­lung von Tat­sa­chen, und deren Wahr­heits­ge­halt stellt letzt­lich nie­mand in Fra­ge. Zu die­sen Tat­sa­chen zäh­len auch die voll­stän­di­gen biblio­gra­fi­schen Anga­ben der unter­such­ten Arbeit (die ja ohne­hin öffent­lich zugäng­lich sind).[6] Über die­se hin­aus gibt es zudem gute Grün­de, auch die Gut­ach­ter zu benen­nen (deren Namen eben­falls öffent­lich zugäng­lich recher­chier­bar sind), vor allem wenn meh­re­re Arbei­ten der­sel­ben Gut­ach­ter betrof­fen sind, so dass aus der Zusam­men­schau der Arbei­ten auch Rück­schlüs­se auf Defi­zi­te bei der Betreu­ung und wis­sen­schaft­li­chen Anlei­tung der Dok­to­ran­den mög­lich wer­den.[7]

Sekun­där wird aus die­sen doku­men­tier­ten Tat­sa­chen die Fol­ge­rung abge­lei­tet, die Arbeit ent­hal­te Pla­gia­te in einem Umfang, der sie als Bei­trag zur Wis­sen­schaft zumin­dest in Fra­ge stellt. Die­se Fol­ge­rung beinhal­tet auch einen wer­ten­den Anteil[8], was sich schon dar­an zeigt, dass aus den doku­men­tier­ten Fak­ten an ver­schie­de­nen Hoch­schu­len auch prak­tisch sehr unter­schied­li­che Kon­se­quen­zen gezo­gen wer­den.[9] Aber die­se Wer­tung erfolgt nach einem an vie­len Stel­len nie­der­ge­leg­ten Regel­werk[10], ist also ein zwar auch nor­ma­ti­ver, aber nicht unbe­grün­de­ter Schluss.[11] Unter­schied­li­che Fol­ge­run­gen aus den Fak­ten deu­ten hier eher auf Unter­schie­de im Regel­ver­ständ­nis und sind damit ein legi­ti­mer Anknüp­fungs­punkt für wis­sen­schafts­in­ter­ne Debat­ten zu den Regeln und ihrer Aus­le­gung.[12]

Dies erkennt das deut­sche Straf­recht auch aus­drück­lich an, das in § 193 StGB ins­be­son­de­re tadeln­de Urtei­le über wis­sen­schaft­li­che Leis­tun­gen als sol­che von einer Straf­bar­keit wegen Belei­di­gung aus­nimmt (wenn es sich nicht um soge­nann­te For­mal­be­lei­di­gun­gen han­delt, die auf Vro­ni­Plag Wiki soweit ersicht­lich nicht vor­kom­men). Die­se Bewer­tung ist eben­so rich­tig wie auf ande­re Bewer­tungs­ebe­nen als das Straf­recht über­trag­bar: Wis­sen­schaft muss Kri­tik an ihren Ergeb­nis­sen in jeder Facet­te aus­hal­ten, am For­schungs­an­satz eben­so wie an den Arbeits­me­tho­den, denn nur durch sol­che Kri­tik kann die Qua­li­tät der Ergeb­nis­se sicher­ge­stellt werden.

  1. [1] http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/GuttenPlag_Wiki (Stand: 7.6.2016).
  2. [2] http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Home (Stand: 7.6.2016).
  3. [3] Die Ver­wen­dung des gene­ri­schen Mas­ku­li­nums erfolgt in die­sem Text allein aus Grün­den der Les­bar­keit. Ange­spro­chen und gemeint sind damit grund­sätz­lich immer alle Men­schen, gleich wel­chen bio­lo­gi­schen oder sozia­len Geschlechts. 
  4. [4] v. Münch, Ingo; Man­kow­ski, Peter: Pro­mo­ti­on. Tübin­gen 2013(4). S. 190 ff.; Wein­gart, Peter: Nun auch: Skan­da­li­sie­rung in der Wis­sen­schaft. In: Gegen­wor­te, Heft 292013, S. 79 (80 f.); sie­he auch Brügg­mann, Mathi­as; Bran­den­burg, Gero: Chat­zi­markakis am Pla­gi­ats-Pran­ger. In: Han­dels­blatt vom 20.6.2011, http://t1p.de/Brueggmann-Brandenburg-Handelsblatt-20110620 (Stand: 7.6.2016), oder Heid­böh­mer, Cars­ten: Das Jahr des Schwarms. In: stern.de vom 13.12.2011, http://t1p.de/Heidboehmer-stern-20111213 (Stand: 7.6.2016); sehr aus­drück­lich Plin­ge, Wal­ter: Vro­ni­Plag Wiki: Ret­ter der Wis­sen­schaft oder poli­ti­sche Stim­mungs­ma­cher?. In: Page­wizz vom 8.7.2011, http://t1p.de/Plinge-Pagewizz-20110708 (Stand: 7.6.2016).
  5. [5] Sie­he etwa Holz­hau­er, Ste­fan: Recht­lich bedenk­lich: Der Pla­gi­atspran­ger auf Face­book. In: phantanews.de vom 16.2.2016, http://t1p.de/Holzhauer-Phantanews-20160216 (Stand: 7.6.2016).
  6. [6] In der Regel zumin­dest über die Deut­sche Natio­nal­bi­blio­thek, http://www.dnb.de, (Stand: 7.6.2016).
  7. [7] Viru­lent wur­de dies im ver­gan­ge­nen Jahr in Müns­ter, wo ein Dok­tor­va­ter meh­re­rer pla­gi­ats­be­trof­fe­ner Dis­ser­ta­tio­nen sank­tio­niert wur­de, sie­he Zafar, Hei­ke: Uni kün­digt Kon­se­quen­zen für Dok­tor­va­ter an. In: deutschlandfunk.de vom 22.10.2015, http://t1p.de/Zafar-DLF-20151022 (Stand: 7.6.2015).
  8. [8] Wes­we­gen das Land­ge­richt Ham­burg, Zeit­schrift für Urhe­ber- und Medi­en­recht 2011, S. 679 (682), auch aus­führt: »Der Vor­wurf der zitat­lo­sen Über­nah­me von Gedan­ken ist – gera­de im wis­sen­schaft­li­chen Bereich – in hohem Maße geeig­net, das Anse­hen und die Repu­ta­ti­on des Betrof­fe­nen zu schä­di­gen. Der Vor­wurf ist in hohem Maße ehren­rüh­rig. Ein Betrof­fe­ner muss aber einen sol­chen Vor­wurf nur hin­neh­men, wenn es auch hin­rei­chen­de tat­säch­li­che Anknüp­fungs­punk­te hier­für gibt, andern­falls könn­te der Vor­wurf der zitat­lo­sen Über­nah­me von Grund­ge­dan­ken (der letzt­lich nichts ande­res ist als der Vor­wurf des Pla­gi­ats) belie­big ohne jede Begrün­dung gegen jeden erho­ben wer­den, der wis­sen­schaft­lich publiziert.« 
  9. [9] Sie­he dazu etwa Basak, Denis; Reiß, Marc; Schim­mel, Roland: Wis­sen­schaft­lich­keit der Rechts­wis­sen­schaft? Über­le­gun­gen zum Umgang mit Pla­gia­ten in rechts­wis­sen­schaft­li­chen Publi­ka­tio­nen und Prü­fungs­ar­bei­ten. In: Rechts­wis­sen­schaft 2014, S. 277 (285 ff. und 298 ff.). 
  10. [10] Sie­he dazu Basak, Denis; Gußen, Lars; Köchel, Manu­el; Reiß, Marc; Schim­mel, Roland; Schli­wa, Cris­ti­ne: Wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten (Pla­gia­te) als Pro­blem der Hoch­schul­leh­re für ange­hen­de Juris­tin­nen und Juris­ten. In: Zeit­schrift für Didak­tik der Rechts­wis­sen­schaft 2015, S. 263 (265, Fn. 10), mit einer umfang­rei­chen Lis­te ver­schie­de­ner Regel­wer­ke zu guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis im aka­de­mi­schen Betrieb in Deutschland. 
  11. [11] So auch das Land­ge­richt Frank­furt am Main, Urteil vom 5.12.2013, Az. 2-03 O 2613, Par. 43 ff. 
  12. [12] Als Bei­spiel für eine dis­zi­pli­nä­re Dis­kus­si­on sol­cher Fra­gen mag das Wiki »Wie zitie­ren Juris­ten?« die­nen: http://de.wzj.wikia.com/wiki/Wie_zitieren_Juristen (Stand: 7.6.2016).

Nachruf

Ein Gestalter – in allem

Zum Tod von Vilim Vasata

In einem unse­rer letz­ten Tele­fo­na­te, eini­ge Tage zuvor war das Atten­tat auf die Redak­ti­on von »Char­lie Heb­do« ver­übt wor­den, waren wir uns einig: Die Welt gerät aus den Fugen, und wir wer­den uns nur weh­ren kön­nen gegen den Irr­sinn, gegen die Fein­de der Ver­nunft und der offe­nen Gesell­schaft, wenn wir bereit sind, Zusam­men­hän­ge zu ver­ste­hen. Und, das hob Vilim Vasa­ta her­vor, das gel­te auch für sei­nen Berufs­tand, für die Gestal­ter, das müss­ten die Stu­di­en, die Pro­fes­so­ren berück­sich­ti­gen und leben, es gehe nach wie vor um den gebil­de­ten Men­schen, den auf­ge­klär­ten, dem müss­ten sich auch die Desi­gner stellen.

Das Gespräch hall­te lan­ge in mir nach, tut es bis heu­te. Denn ich ahne, dass die­se Idee vom gebil­de­ten Gestal­ter, so rich­tig sie ist, kaum mehr eine Rol­le spielt. Mei­ne Gene­ra­ti­on – kann sie von sich behaup­ten, die­ser Idee gerecht zu wer­den, sie zu leben, vor­zu­le­ben, wei­ter­zu­ge­ben? So einer wie er, der leb­te das, durch und durch. Den konn­te nie­mand im Ver­dacht haben, ein Ober­flä­chen­po­lie­rer zu sein, der nicht unter die Ober­flä­che zu schau­en wüsste. 

Als Freun­de und ich, jung, Mit­te 20, das ers­te Mal bei ihm prä­sen­tier­ten, ein neu­es Repor­ta­ge­ma­ga­zin, für das wir Unter­stüt­zer such­ten, da flo­gen die Bezü­ge nur so durch den Raum, nicht nur auf die aktu­el­le und inter­na­tio­na­le Maga­zin­sze­ne, son­dern quer durch die Geis­tes­ge­schich­te. Erst viel spä­ter wur­de mir klar, wie viel die loben­den Wor­te bedeu­te­ten, die wir, dosiert, zu hören beka­men, und wie unbe­stech­lich das Urteil war zu dem Teil, der uns nicht gelun­gen war: »von des Gedan­kens Bläs­se ange­krän­kelt«, lei­se vor­ge­tra­gen, unan­fecht­bar – es scha­det nicht bei der Urteils­fin­dung, Shake­speare gele­sen zu haben. 

»Krea­ti­vi­tät ist die Über­win­dung der Gleich­gül­tig­keit.« Das sag­te er 2009 in einer Rede vor jun­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gnern (nach­zu­le­sen hier: festrede_prof_vilim_vasata), frisch geba­cke­ne Bache­lor und Mas­ter of Arts. Ohne eine Hal­tung ist die­ser Beruf nicht zu stem­men, jeden­falls nicht so, das irgend­et­was blei­ben könn­te von einem ohne­hin flüch­ti­gen Gewer­be in einer so schnell­le­bi­gen Welt.

Meri­ten sam­mel­te er in die­sem Gewer­be wie kaum ein zwei­ter, eine Kar­rie­re, die ihn inter­na­tio­nal zu einem der füh­ren­den Desi­gner und Agen­tur­chefs wer­den ließ. Aus der mit Jür­gen Scholz und Gün­ther Gah­ren gegrün­de­ten Agen­tur »Team« wur­de BBDO, er war in Deutsch­land als Krea­tiv­chef ihr Motor des Erfolgs eben­so wie im Vor­stand des welt­wei­ten Netz­wer­kes. Und er schuf in der Wer­bung und Mar­ken­füh­rung so eini­ges, was lan­ge blieb, womög­lich noch lan­ge im Gedächt­nis bleibt: Er ließ den »Audi quat­tro« die Ski­schan­ze hin­auf­fah­ren, nann­te das »Vor­sprung durch Tech­nik«, wuss­te den Rat »Man neh­me Dr. Oet­ker«, ließ vie­le »mei­len­weit für eine Camel« gehen, erfand den »Kra­wat­ten­muf­fel« und gab unse­rer »Zukunft ein Zuhau­se«. Er schrieb, auch das in eige­nem Ton, meh­re­re Bücher, dar­un­ter sei­ne »per­sön­li­chen Geschich­ten aus einem erstaun­li­chen Gewer­be«, die er 2010 »Gauk­ler, Gam­bler und Gestal­ter« beti­tel­te. Der Band dürf­te jedem, der sich für Zusam­men­hän­ge, Hin­ter­grün­de, Tie­fen­schich­ten die­ses Metiers inter­es­siert, Auf­klä­rung bie­ten, auch weil sie, die Auf­klä­rung sich aus vie­len Anek­do­ten eines rei­chen Lebens entwickelt.

Indes war die­ses Leben, das 1930 in Zagreb begann, nicht »nur« das eines Wer­be-Exper­ten, nicht »nur« das eines Uni­ver­si­täts­pro­fes­sors für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign, als der er in Essen wirk­te, nicht »nur« das eines der Grün­der­vä­ter des »Art Direc­tors Club« und nicht »nur« das eines Prä­si­den­ten des »Gesamt­ver­ban­des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­agen­tu­ren GWA«, nicht »nur« das eines Man­nes, der tief in der Wirt­schaft ver­an­kert war und vie­len Mar­ken mit sei­nem Geschick und Geschmack ein Bild gab, nicht »nur« das eines Man­nes der vie­len Aus­zeich­nun­gen und Preise.

An einem Abend erzähl­te er mir, was ihm, dem Freund der japa­ni­schen Kul­tur, die höchs­te Aus­zeich­nung war in sei­nem Leben. (Ich gebe die Geschich­te aus dem Gedächt­nis wie­der und bit­te um Nach­sicht, soll­te ich mir nicht alle Details kor­rekt gemerkt haben, der Kern stimmt.) Vasa­ta sei ein­mal in Tokio zusam­men­ge­bracht wor­den mit einem Alt­meis­ter japa­ni­scher Kal­li­gra­fie. Die­ser Künst­ler und der Desi­gner hät­ten sich gut ver­stan­den, und dazu wird der Respekt des Euro­pä­ers vor, sei­ne Bewun­de­rung der japa­ni­schen Kul­tur bei­getra­gen haben, der Ver­such sich ihr anzu­nä­hern – und Annä­he­rung war ein zen­tra­ler Begriff für Vilim Vasa­ta. Der Alt­meis­ter, dem das nicht bekannt sein konn­te, habe irgend­wann gesagt, Vasa­ta kal­li­gra­fie­re auch, er wol­le des­sen Arbei­ten sehen. Nicht allein Beschei­den­heit ver­bot es, dar­auf ein­zu­ge­hen, aber der Japa­ner habe insis­tiert, bis er in Augen­schein neh­men konn­te, was Vilim Vasa­ta zu Papier gebracht hat­te. Der japa­ni­sche Meis­ter hat­te zu der Zeit den Auf­trag, in Tokio ein Muse­um für japa­ni­sche Kal­li­gra­fie auf­zu­bau­en. Und nun hän­ge dort, als ein­zi­ge Arbeit eines Nicht-Japa­ners, eine Kal­li­gra­fie von Vilim Vasa­ta – das sei die größ­te Aus­zeich­nung, die höchs­te Ehre in sei­nem Leben gewe­sen. Ja – man soll­te nicht ver­ges­sen, was wirk­lich wich­tig ist.

Wer im übri­gen Vilim Vasa­tas Lie­be zur japa­ni­schen Kul­tur ver­bun­den sehen möch­te mit sei­ner Fähig­keit, Bücher ästhe­tisch zu gestal­ten, der besor­ge sich den Band »Japan – Kul­tur des Essens« mit Foto­gra­fien von Rein­hart Wolf, 1987 erschie­nen, ein zeit­lo­ser, ästhe­ti­scher Genuss.

Vilim Vasa­ta wirk­te im wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat von »Spra­che für die Form« mit. Sein Essay »Du musst über­zeu­gend sein. Über ›Per­spec­ti­ve‹, Hal­tung und Cha­rak­ter des Gestal­ters« (ver­öf­fent­licht in der Früh­jahrs­aus­ga­be 2015, Nr. 6) endet mit den Sät­zen: »Zur Bil­dung gehö­ren die Hand, das Auge und der Ver­stand. Denn die Bil­dung ist ganz offen­bar eine Kunst.«

Kar­frei­tag schrieb er mir noch einen Brief, die ele­gan­te Hand­schrift zeig­te nur wenig von der Anstren­gung, die das Schrei­ben ihm berei­tet haben muss – alles war gestal­tet … Am 8. Juli 2016 ist ein gro­ßer Desi­gner mit einer Hal­tung, ist Vilim Vasa­ta gestorben.

Foto: Richard Unger

Foto: Richard Unger

Vortrag

»Alle Architekten sind Verbrecher«

Der Moralist Adolf Loos und das moderne Bauen

Die­ser Vor­trag wur­de im Stu­di­um gene­ra­le der Hoch­schu­le Kon­stanz gehal­ten in der Rei­he »Außen­sei­ter – Zukunfts­wei­ser«, die sich mit Köp­fen, die ihrer Zeit vor­aus waren, mit Visio­nä­ren in Wis­sen­schaft, Tech­nik, Phi­lo­so­phie, Kul­tur und Poli­tik. Die Loos-Zita­te sind zum Teil – sinn­ent­spre­chend – gekürzt und zusam­men­ge­faßt wiedergegeben.

Über Loos zu spre­chen fällt mir schwer, weil ich ihn – unge­schminkt gesagt – nicht mag: Loos als Per­son nicht (die­ses schein­bar dan­dy­haft Eli­tä­re) und sei­ne (auf den ers­ten Blick) sprö­de Archi­tek­tur auch nicht (so sehr). Dass ich mich trotz­dem mit ihm befas­se (das The­ma ist mir ja nicht vor­ge­ge­ben wor­den, son­dern ich habe es mir selbst gewählt) hat sei­nen Grund dar­in, dass ich von sei­ner über­ra­gen­den und blei­ben­den Bedeu­tung für die Wege zur moder­nen Archi­tek­tur über­zeugt bin, und weil eine sub­jek­ti­ve Abnei­gung (die ja auch gewis­ser­ma­ßen den Reiz des Ver­bo­te­nen in sich birgt) eine objek­ti­ve Betrach­tung nicht über­la­gern darf.

Erst spät in mei­nem Leben bin ich an Loos her­an­ge­kom­men. In mei­nem Stu­di­um an der Tech­ni­schen Hoch­schu­le in Karls­ru­he in den sech­zi­ger Jah­ren spiel­te er kaum eine Rol­le (eher gar kei­ne), und dass er bei uns zuhau­se (einer aus­ge­präg­ten Archi­tek­ten­fa­mi­lie) je genannt wor­den ist, dar­an kann ich mich nicht erin­nern, anders als an ande­re Namen der soge­nann­ten klas­si­schen Moder­ne wie Le Cor­bu­si­er, Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright, Bonatz, Gro­pi­us, Tes­senow oder Hans Scharoun, die durch die abon­nier­ten Zeit­schrif­ten (»Bau­welt«, »Bau­meis­ter«, »Bau­kunst und Werk­form«) hin­durch­geis­ter­ten und genü­gend The­men für elter­li­che und von mir mit­ge­hör­te Gesprä­che boten, allein: von Loos kei­ne Spur.

Erst am Ende mei­ne Stu­di­ums tauch­te er auf, rein zufäl­lig: »Bau­ge­schich­te II«, ein Fach, das für mich etwa gleich­be­deu­tend war wie »Dar­stel­len­de Geo­me­trie«, »Haus­tech­nik«, »Bau­recht« – mit­hin ent­behr­lich (aus mei­ner dama­li­gen Sicht). Aber eine Semi­nar­ar­beit muß­te trotz­dem gemacht wer­den: Schin­kel, Ber­lin, Altes Muse­um. Und in dem mäch­ti­gen Bücher­berg, der sich in der Lehr­stuhl­bi­blio­thek vor mir auf­türm­te, fand ich eine lie­gen­ge­blie­be­ne Kopie mit einer Grund­riss-Skiz­ze dar­auf und der Notiz: Loos, Hotel­ent­wurf, Wien – ein Grund­riss, der dem des Alten Muse­ums ver­wandt schien. Ein äußerst prak­ti­scher Zufall; das ließ sich ver­wer­ten: »Schin­kel und der Ein­fluß auf die Wie­ner Moder­ne«, »Loos und die Bedeu­tung der preu­ßi­schen Tra­di­ti­on unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung von irgend­et­was« oder so ähn­lich hoch­tra­gend, aber unter dem Hoch­tra­gen­den blieb doch ein unüber­seh­ba­rer Glanz des Adolf Loos’ im Gedächt­nis hängen.

Und außer­dem waren zu die­ser Zeit Juli­us Posen­ers »Vor­le­sun­gen zur Geschich­te der neu­en Archi­tek­tur« bei »arch+« (sei­ner­zeit eine pro­gres­si­ve Bau­zeit­schrift, so mehr oder weni­ger gegen den Strich, die von allen Stu­den­ten durch­ge­se­hen wur­de), in fünf Hef­ten her­aus­ge­kom­men (eine wah­re Fund­gru­be für die Erschlie­ßung des neu­en Bau­ens, der auch mein Vor­trag heu­te viel ver­dankt), die durch ihren locke­ren Ton die Wir­kung nicht ver­fehl­ten, und in die­sen Hef­ten war Loos allein mit drei Vor­le­sun­gen ver­tre­ten; und wenn ich auch die Tex­te wohl mehr über­flo­gen als wirk­lich gele­sen hat­te, so war Loos doch wie­der da.

Der ent­schei­den­de Impuls für das Nicht­ver­ges­sen war dann aber (ich glau­be, ich war schon Assis­tent am Karls­ru­her Insti­tut für Bau­ge­schich­te) ein Auf­tritt von Gre­te Schüt­te-Lihotz­ky, die mit weit über 90 Jah­ren einen von Geist, Humor und Esprit gera­de­zu sprü­hen­den Vor­trag über ihr Leben hielt und über Men­schen berich­te­te, die für uns damals längst unnah­bar im Pro­mi­nen­ten­him­mel ent­schwun­den waren – über den Archi­tek­ten Josef Hoff­mann, Oskar Kokosch­ka, Arnold Schön­berg, Karl Kraus – und eben auch über Adolf Loos, in des­sen Büro sie gear­bei­tet hat­te und den sie eben­so gut kann­te wie die ande­ren; Loos, der mir plötz­lich sehr lebens­nah wur­de (sozu­sa­gen vom Archi­tek­ten-Olymp auf den Erd­bo­den zurück­ge­holt), und der sich mir jetzt ganz anders dar­stell­te, als wenn man sich auf einen Bücher-Tro­cken­kurs beschrän­ken muß, und dar­um eben schein­bar dan­dy­haft eli­tär und schein­bar sprö­de Architektur.

Soweit mei­ne ganz per­sön­li­che Annä­he­rung an Loos, an sei­ne Archi­tek­tur und an sein Den­ken – die­ser Loos, der 1870 in Brünn gebo­ren wur­de, der also der­sel­ben Gene­ra­ti­on ange­hör­te wie Peter Beh­rens, Hans Poel­zig, sein Intim­feind Josef Hoff­mann, Hein­rich Tes­senow oder Frank Lloyd Wright – die­ser Loos, der die Ent­wick­lung der moder­nen Archi­tek­tur beson­ders durch sein Raum­plan-Kon­zept bis auf den heu­ti­gen Tag viel­leicht am nach­hal­tigs­ten vor­an­ge­trie­ben hat, von dem immer noch vie­le Archi­tek­tur-Ideen pro­fi­tie­ren (immer noch, wenn man bedenkt, dass Loos’ wich­tigs­te Bau­ten in den zwan­zi­ger Jah­ren des letz­te Jahr­hun­derts ent­stan­den sind), auch wenn sich man­che Archi­tek­ten der wah­ren Urhe­ber­schaft ihrer Gedan­ken viel­leicht gar nicht mehr bewusst sind.

Die Fol­gen die­ser Loos’schen Idee des Raum­pla­nes sind aus der neue­ren und auch aus der gegen­wär­ti­gen Archi­tek­tur nicht mehr weg­zu­den­ken, und so ist die­ser Raum­plan unter Archi­tek­ten (zumin­dest als Begriff) weit­ge­hend geläu­fig. Merk­wür­dig ist nur, dass der Urhe­ber die­ses Raum­pla­nes, dass der Name Loos weit­ge­hend geläu­fig ist (volks­tüm­lich sozu­sa­gen) aus ganz ande­ren Grün­den, und das ist eigent­lich gro­tesk. Volks­tüm­lich (und am meis­ten zitiert) ist eine schein­bar lächer­li­che Arbeit, man möch­te sie, wenn sie nicht so ernst gemeint gewe­sen wäre, fast absurd nen­nen, näm­lich sei­ne gera­de­zu post­kar­ten­be­kann­te dori­sche Säu­le (fast dorisch, denn der Sockel gehört ja zum Kanon des Dori­schen nicht dazu) – die dori­sche Säu­le, die Loos Anfang der zwan­zi­ger Jah­re als Wett­be­werbs­bei­trag für das Ver­wal­tungs­ge­bäu­de der »Chi­ca­go Tri­bu­ne« einreichte.

Und zum ande­ren ist er volks­tüm­lich gewor­den durch sei­ne äußerst aggres­si­ven und äußerst geist­rei­chen Schrif­ten. Und es ist wie­der­um eigent­lich gro­tesk, dass die am meis­ten zitier­te, »Orna­ment und Ver­bre­chen«, von fast kei­nem wirk­lich gele­sen wor­den ist und so häu­fig schon vom Titel her falsch zitiert wird, näm­lich: »Orna­ment ist Ver­bre­chen«, was zwar oft so schön in den Kram passt, aber von Loos so eben nicht gemeint ist.

Essay

Kreativitätstechniken als Topiken des Designs

Warum es Designern hilft, »Kreativität« theoretisch zu fassen

Ein­lei­tung

Krea­ti­vi­tät ist ein, wenn nicht gar, der Kern­be­griff in den Design­dis­zi­pli­nen. Krea­ti­vi­tät und Design zusam­men­zu­brin­gen, stellt dem­nach einen Gemein­platz dar, der hin­rei­chend zum Kli­schee ver­kom­men ist. Und obwohl Krea­ti­vi­tät ein Kern­be­griff im Design ist, schei­nen die Gestal­tungs­dis­zi­pli­nen wenig Mühe dar­auf zu ver­wen­den, die­sen Begriff zu bestim­men und gegen ver­wand­te Begrif­fe wie Inno­va­ti­on, Schön­heit oder Witz abzu­gren­zen. Dar­aus ergibt sich fol­gen­des Pro­blem: Für Desi­gner gehört das Fin­den von neu­en Lösun­gen und guten Ideen für über­zeu­gen­des Design zum täg­lich Brot. Unter dem Ver­dikt eines mit­hin empha­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis­ses als »krea­tiv« ste­hen Gestal­ter aller­dings oft­mals in einem zwie­späl­ti­gen Ver­hält­nis zu einer metho­di­schen Fin­dungs­leh­re. Auf der einen Sei­te wird die eige­ne Krea­ti­vi­tät betont, die angeb­lich nur eine Eige­ne sei, wenn nicht nur die gefun­de­nen Resul­ta­te neu sind, son­dern auch die Fin­dungs­we­ge, was eine metho­di­sche Anlei­tung als unkrea­tiv erschei­nen lässt; auf der ande­ren Sei­te stel­len Tech­ni­ken der Ideen- und kon­kret der Bild-, Text- und Motiv­fin­dung sowohl den Gegen­stand der Ver­mitt­lung an Design­hoch­schu­len dar als auch den Gegen­stand gern benutz­ter Rat­ge­ber­li­te­ra­tur und soge­nann­ter Look-Books. Wir kön­nen also kon­sta­tie­ren: Durch die Omni­prä­senz des Krea­ti­vi­täts­ge­bo­tes bei gleich­zei­ti­ger nahe­zu tota­ler Unter­be­stimmt­heit inner­halb der Design­dis­zi­pli­nen ent­steht der Ein­druck einer Unver­ein­bar­keit von Krea­ti­vi­tät und Tech­nik (im Sin­ne einer techné).

Um die­se ver­meint­li­che Unver­ein­bar­keit wird es im Wei­te­ren gehen und dabei ste­hen fol­gen­de Fra­gen im Mittelpunkt:
a) Was kann unter einer Krea­ti­vi­täts­tech­nik ver­stan­den wer­den? Die Ant­wort auf die­se Fra­ge wird vom Ver­ständ­nis des­sen, was als krea­tiv bezeich­net wird, abhän­gen. Dazu wer­den drei Bedeu­tun­gen von Krea­ti­vi­täts­tech­nik ent­wi­ckelt werden.
b) Wel­chen Bezug haben die­se Tech­ni­ken zur Rhe­to­rik? Hier wird es sowohl dar­um gehen, die Krea­ti­vi­täts­tech­ni­ken in das Theo­rie­ge­bäu­de der Rhe­to­rik ein­zu­bet­ten, als auch dar­um, die Fra­ge anzu­rei­ßen, wel­che ver­schie­de­ne Rol­len Krea­ti­vi­tät inner­halb der rhe­to­ri­schen Pra­xis zukom­men können.
c) Schließ­lich soll der Ver­such gemacht wer­den, kon­kre­te Arbei­ten zu Krea­ti­vi­täts­tech­ni­ken aus dem Bereich Design, in die hier zu tref­fen­den Unter­schei­dun­gen zu inte­grie­ren. Gibt es Bei­spie­le für die hier unter­schie­de­nen Krea­ti­vi­täts­tech­ni­ken aus den Designbereichen?

Rhe­to­ri­sche Bestim­mung der Kreativität

Zuerst soll hier der Fra­ge nach­ge­gan­gen wer­den, was über­haupt unter Krea­ti­vi­täts­tech­ni­ken ver­stan­den wer­den kann. Dabei wird eine Ant­wort auf die­se Fra­ge offen­sicht­lich stark davon abhän­gen, wie Krea­ti­vi­tät inner­halb der Rhe­to­rik bestimmt wer­den kann. Es wer­den dazu im Wei­te­ren zwei logisch von­ein­an­der unab­hän­gi­ge Kon­zep­te von Krea­ti­vi­tät vorgestellt:
1. Krea­ti­vi­tät als Zuschreibungspraxis
2. Krea­ti­vi­tät als Erkenntnisinstrument
Hin­zu kommt ein drit­tes genu­in rhe­to­ri­sches Krea­ti­vi­täts­ver­ständ­nis, des­sen krea­ti­ves Poten­ti­al auf der zwei­ten Bestim­mung (Krea­ti­vi­tät als Erkennt­nis­in­stru­ment) beruht.

Krea­ti­vi­tät als Zuschreibungspraxis

Schaut man sich Bestim­mun­gen des Krea­ti­vi­täts­be­grif­fes genau­er an, so fällt auf, dass Krea­ti­vi­tät zumeist bereits eine Publi­kums­ori­en­tiert­heit vor­aus­setzt. Preisers Bestim­mung der Krea­ti­vi­tät durch die Eigen­schaf­ten Neu­heit, Sinn­haf­tig­keit und Akzep­tanz inte­griert ins­be­son­de­re durch die Akzep­tan­zei­gen­schaft das Publi­kum maß­geb­lich zur Bestim­mung des Begrif­fes. Auch Kna­pes For­de­rung nach Taug­lich­keit[1] der Ergeb­nis­se des krea­ti­ven Pro­zes­ses geht in die­se Rich­tung und des­glei­chen Stern­bergs For­de­rung nach Uner­war­tet­heit der Ergeb­nis­se. Mat­thä­us bestimmt Krea­ti­vi­tät als eine sech­stel­li­ge Rela­ti­on: »Die im Rah­men R zum Pro­dukt P füh­ren­de Hand­lung H des Indi­vi­du­ums I wird vom Beur­tei­ler B im Hin­blick auf ein Sys­tem S von Erwar­tun­gen und Zwe­cken als krea­tiv ein­ge­stuft.« K(R,P,H,I,B,S). Vom rhe­to­ri­schen Stand­punkt aus scheint die Fra­ge, wel­che Rol­le Krea­ti­vi­tät in der Rhe­to­rik spielt, daher tri­vi­al bezie­hungs­wei­se bereits durch die Bestim­mung des Krea­ti­vi­täts­be­grif­fes vor­aus­ge­setzt. Denn wenn stets das Votum eines Publi­kums ent­schei­dend für Krea­ti­vi­tät ist, dann gehört Krea­ti­vi­tät kla­rer Wei­se in den Raum rhe­to­ri­scher Ver­mitt­lungs­pra­xis. Und wenn Krea­ti­vi­tät durch die Akzep­tanz der Rele­vanz einer neu­en Pro­blem­lö­sung durch ein Publi­kum bestimmt wird, dann wird Krea­ti­vi­tät schlicht­weg mit per­sua­si­vem Erfolg gleich­ge­setzt. Zudem macht gera­de Mat­thä­us sechs­stel­li­ge Rela­ti­on deut­lich, dass Krea­ti­vi­tät allein über das Publi­kum defi­niert ist und eben nicht über einen Eigen­schaft eines Indi­vi­du­ums oder Pro­duk­tes. Da Krea­ti­vi­tät hier immer als eine Zuschrei­bungs­pra­xis eines Publi­kums ver­stan­den wird – und eben nicht als eine Eigen­schaft eines Ora­tors – kann auch der sys­te­ma­ti­sche Ort inner­halb des Theo­rie­ge­bäu­des der Rhe­to­rik näher bestimmt wer­den, in wel­chem Krea­ti­vi­tät zum Tra­gen kommt. Als Zuschrei­bungs­pra­xis fällt Krea­ti­vi­tät ein­deu­tig in den Bereich des Ethos und eben nicht der Inven­tio. Da Krea­ti­vi­tät als Zuschrei­bungs­pra­xis kein Instru­ment, ins­be­son­de­re kein Erkennt­nis­in­stru­ment oder heu­ris­ti­sches Werk­zeug, dar­stellt, son­dern ein kon­kre­tes Über­zeu­gungs­mit­tel, spie­len zwar Über­le­gun­gen zur bes­se­ren Insze­nie­rung von Krea­ti­vi­tät eine wich­ti­ge Rol­le inner­halb der Inven­tio, nicht aber kann Krea­ti­vi­tät in die­sem Sta­di­um eine Rol­le spie­len. Wie soll­te sie auch? Wenn Krea­ti­vi­tät erst durch die Zuschrei­bung ent­lang bestimm­ter Akzep­tanz­be­din­gun­gen eines Publi­kums zustan­de kommt, steht sie dem Ora­tor in der Pha­se der Inven­tio – wenn die­ser bei­spiels­wei­se allein über sei­nem Schreib­tisch brü­tet – noch gar nicht zur Verfügung. 

Speech

What helps me step outside my solipsist mind

On days filled with gathering knowledge and learning

Die Rede unten hielt der Art-Direk­tor Hol­ger Wind­fuhr vor Absol­ven­ten der Stu­di­en­gän­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign der Hoch­schu­le Konstanz.

First off: con­gra­tu­la­ti­ons to the gra­dua­ting class of 2016!

I have a Ger­man name, but was born and rai­sed in the United Sta­tes. So I hope you will indul­ge my giving this talk in my mother ton­gue. I think you deser­ve a level of elo­quence that I can­not live up to in the Ger­man lan­guage. Plus: it makes me seem more intel­li­gent than I real­ly am.

When Jochen Räde­ker asked me if I would like to hold the com­mence­ment speech, I said yes wit­hout thin­king. Only after­wards did I think to mys­elf: “What in God’s name do you peo­p­le want to hear from me?” Then I recal­led a com­mence­ment speech by the gre­at aut­hor and phi­lo­so­pher David Fos­ter Wal­lace. His thoughts and per­spec­ti­ve real­ly reso­na­ted with me, and arti­cu­la­ted what, up to that point, I hadn’t been able to. So I deci­ded to adapt part of it. And as Pablo Picas­so said: “Good artists copy, gre­at artists ste­al.” Who am I to ques­ti­on Pablo?

Two young fish are swim­ming along and they hap­pen to meet an older fish swim­ming the other way. The older fish nods at them and says
“Mor­ning, boys. How’s the water?”
The two young fish swim on for a bit. Then one of them looks over at the other and asks
“What the hell is water?”

I’m not the wise old fish. The point of the fish sto­ry is mere­ly that the most obvious, important rea­li­ties are often the ones that are har­dest to see. Being tru­ly awa­re of what is around us.

You, like me when I finis­hed design school twen­ty-five years ago, lear­ned about typo­gra­phy, color theo­ry, prin­ting tech­ni­ques, html, design histo­ry, illus­tra­ti­on, pho­to­gra­phy, and much more. Your days, like mine, were fil­led with gathe­ring know­ledge and lear­ning how to think about design and lear­ning approa­ches to pro­blem-sol­ving. And you, like me, have enjoy­ed the sup­port of your par­ents, grand­par­ents, fri­ends and tea­chers in get­ting your education.

The grea­test cli­ché about edu­ca­ti­on is that it is not such much about fil­ling you up with know­ledge, but about tea­ching you how to think. But the cli­ché about tea­ching you how to think actual­ly goes much deeper. The real­ly signi­fi­cant edu­ca­ti­on in thin­king isn’t just about the capa­ci­ty to think, but also about lear­ning to exer­cise some con­trol over how and what you think, and con­scious­ly choo­sing what to think about. To real­ly ques­ti­on and con­front the often auto­ma­tic way we react to oppo­sing views, cri­ti­cism, annoyan­ces – and dai­ly life. To not get lost in abs­tract argu­ments insi­de our heads ins­tead of sim­ply pay­ing atten­ti­on to what is going on right in front of us, in the world around us. To not assu­me that ever­y­thing is being done spe­ci­fi­cal­ly to me, and for me or against my ideas.

It’s not about right or wrong. It’s a mat­ter of my choo­sing to make the effort of somehow get­ting free of my natu­ral default set­ting. Which is to be deep­ly self-cen­te­red and to see and inter­pret ever­y­thing through this lens of self. Becau­se if you can­not exer­cise this kind of con­scious choice in how and what to think about, you will be total­ly lost.

I can only tell you about my expe­ri­en­ces, and what I have found to be true for me. What helps me step out­side my solip­sist mind when I feel it beco­ming too small a space.

I grew up in a tru­ly mul­ti-cul­tu­ral sur­roun­ding. A uni­ver­si­ty town whe­re all sorts of natio­na­li­ties gra­vi­ta­ted. Japa­ne­se, Chi­ne­se, Iraqi, Ira­ni­an, Ger­man, French – even Swiss. The inte­rest in other cul­tures and their way of thin­king about the world has accom­pa­nied me ever sin­ce. I was con­fron­ted by all sorts of dif­fe­rent views – some­ti­mes dra­ma­ti­cal­ly dif­fe­rent opi­ni­ons on things I felt very stron­gly about. They chal­len­ged me to think about why I think the way I do.

Back then the Inter­net as we know it had not yet been born. The sin­gle big­gest repo­si­to­ry of know­ledge – but also of bull­shit – man­kind has ever known. It wasn’t as easy to get lost in the echo cham­bers of »Face­book« time­lines and spe­cial­ty blogs that sim­ply repeat back to me what I alre­a­dy belie­ve to be true.

Don’t get me wrong: I think the Inter­net and the Inter­net of Things is one of the grea­test deve­lo­p­ments for our pro­fes­si­on – on a socie­tal sca­le as well. It frees design from ador­ning paper pulp and film strips to beco­me tru­ly inter­ac­ti­ve and mul­ti­me­di­al on a glo­bal sca­le. It allows us to com­mu­ni­ca­te on an indi­vi­du­al level. The­re has never been a grea­ter oppor­tu­ni­ty for us. And I say this not in spi­te of but espe­ci­al­ly as a mem­ber of a publi­shing group.

But it takes tre­men­dous will to seek out artic­les and inter­act with peo­p­le who have oppo­sing views. To dis­co­ver how other cul­tures inter­pret what is hap­pe­ning in the world, on our con­ti­nent, in our coun­try. The Ame­ri­can view, the Eng­lish view, the French, Rus­si­an, Scan­di­na­vi­an, Chi­ne­se view; the intellec­tu­al Ger­man com­men­ta­ry – and even the less intellec­tu­al com­men­ta­ry. But I pro­mi­se you, it will be worth it. It’s a well­spring for your work, an end­less sup­p­ly of refe­ren­ces, jux­ta­po­si­ti­ons and ide­as to play with. The intellec­tu­al depth will shi­ne through.

Ano­ther thing I have found to be true for me: being trus­ted is ever­y­thing; espe­ci­al­ly in our pro­fes­si­on, whe­re our opi­ni­on isn’t based on a mathe­ma­ti­cal for­mu­la or sci­en­ti­fic method. Trust in our pro­fes­sio­nal inte­gri­ty is the one thing that makes the dif­fe­rence bet­ween being able to do gre­at or medio­cre work. Trust is what allows us to take risks. But ear­ning that trust also means being able to put yours­elf into someone else’s posi­ti­on and con­sider their cri­te­ria for good work. What they need it to do and how they need to com­mu­ni­ca­te with their audi­ence and who else they turn to in jud­ging the qua­li­ty of design. And who they need to impress, both insi­de and out­side the company.

Be curious. Not just about what new fonts are coming out, what the coo­le­st par­al­lax scrolls are or what new inde­pen­dent maga­zi­nes are being published. They are a means to an end. The end is what and how we want to com­mu­ni­ca­te. What audi­ence are we com­mu­ni­ca­ting to? The con­text in which we are com­mu­ni­ca­ting. The awa­re­ness of socie­tal shifts, bumps and grinds. Awa­re­ness of what and who is affec­ting socie­ty, and why. Awa­re­ness in not belie­ving the hype.

It is in essence about the real value of a real edu­ca­ti­on. It has almost not­hing to do with know­ledge, and ever­y­thing to do with simp­le awa­re­ness. Awa­re­ness of what is in plain sight all around us, all the time. That we have to keep redis­co­ve­ring and remin­ding our­sel­ves over and over:
»This is water.«
»This is water.«

I wish you all gre­at success.

Hördatei

»Design ist ein Werkzeug – kein Selbstzweck«

André Stauffer über die Anforderungen an Gestalter

Von Claudia Zech und Friederike Lorenz


»Bran­ding ist eine Art, die Rea­li­tät zu for­men«, sagt André Stauf­fer, Crea­ti­ve Direc­tor von Meta­De­sign Zürich. Der rich­ti­ge Umgang mit dem Werk­zeug »Design« sei daher von gro­ßer Bedeu­tung. Agen­tu­ren und Desi­gner trü­gen Ver­ant­wor­tung und soll­ten die­se ernst nehmen.

Was macht einen guten Desi­gner aus? Desi­gner sei­en Men­schen, die nicht alles kön­nen kön­nen, aber alles kön­nen wol­len. Das Ide­al­bild eines Desi­gners ist für André Stauf­fer der all­sei­tig gebil­de­te Mensch, der krea­tiv arbei­tet, schreibt, musi­ziert, Sport macht, liest und sich für alles inter­es­siert – ein Leo­nar­do da Vinci. 

Der Desi­gner spricht im Inter­view außer­dem über das, was ihn in sei­ner Lauf­bahn geprägt hat und ihm bei der Arbeit wich­tig ist, und dar­über, wo er die Chan­cen und Schwie­rig­kei­ten im Bran­ding sieht.

Mythen des Alltags

Das Klebeband

Dein Freund und Helfer

… und noch einen vier­ten Strei­fen für die lin­ke Ecke. Gut andrü­cken und voi­là, das Pos­ter hängt – schief. Ange­spannt pfrie­meln ner­vö­se Fin­ger die Ecken wie­der von der Wand, wor­un­ter nicht nur Papier und Kle­be­schicht lei­den, son­dern auch die Psy­che. Noch ein klei­nes Stück nach rechts dre­hen, dies­mal fes­ter andrü­cken und glatt­strei­chen. Das Atmen dabei nicht ver­ges­sen. End­lich stellt sich bei der Betrach­tung aus eini­ger Ent­fer­nung die erhoff­te Zufrie­den­heit ein. Gera­de alles zusam­men­ge­packt und dem Pla­kat den Rücken zuge­kehrt, lösen sich mit einem kalt­schnäu­zi­gen Plopp die obe­ren Ecken, und das Papier schält sich schmat­zend von der Wand. Eine gelas­se­ne Stim­me aus dem Off erhebt spöt­tisch den Zei­ge­fin­ger: »Da hat wohl jemand am fal­schen Ende gespart.« Maler­krepp und Pos­ter flat­tern raschelnd zu Boden.

Die Erfin­dung eini­ger Kle­be­fil­me haben wir genau sol­chen Unglü­cken zu ver­dan­ken. Bereits kurz vor Ende des 19. Jahr­hun­derts tüf­tel­te Oscar Tro­plo­witz an einem Heft­pflas­ter, das aller­dings die Haut reiz­te und zu stark haf­te­te – der alt­be­währ­te Tesa­film war erfun­den. Spen­cer Sil­ver such­te nach einem neu­en Super­kle­ber, der stär­ker als alle bekann­ten Kleb­stof­fe wer­den soll­te. Als Ergeb­nis sei­ner Bemü­hun­gen erhielt er aller­dings ledig­lich eine kleb­ri­ge Mas­se, die zwar auf allen Flä­chen haf­te­te, sich aber eben­so leicht wie­der ablö­sen lies. Sein Kol­le­ge Arthur Fry kam dar­auf zurück, als er sich über die wie­der­keh­ren­de Mise­re beim Lie­der­sin­gen in der Kir­che erzürn­te: Eine unge­schick­te Bewe­gung beim Auf­schla­gen und sämt­li­che Zet­tel flat­ter­ten zu Boden – die Post-its waren geboren.

Heu­te gibt es mehr als 900 ver­schie­de­ne Kle­be­bän­der auf dem Markt. Berech­tigt, denn Kle­be­band ist ein ech­tes Uni­ver­sal-Genie, und wer sich etwas Zeit nimmt, die ver­schie­de­nen Sor­ten ken­nen­zu­ler­nen, dem eröff­nen sich völ­lig neue Mög­lich­kei­ten im Alltag.

Ers­te Bekannt­schaft mit der Wun­der­rol­le machen die meis­ten im Kin­des­al­ter, beim Anbrin­gen von bun­ten Fens­ter­bil­dern und beim Bas­teln. Teen­ager nut­zen den strei­fen­för­mi­gen Kle­ber, um ihr Zim­mer mit den neu­es­ten Pos­tern aus der »Bra­vo« zu tape­zie­ren und streng gehei­me Lie­bes­brie­fe sicher zu ver­schlie­ßen. Vor allem pro­vi­so­ri­sche Repa­ra­tur­diens­te leis­tet uns das Band in jeder Lebens­la­ge, sei es beim gesplit­ter­ten Han­dy-Dis­play oder beim zer­bro­che­nen Bril­len­bü­gel. In Har­ry Pot­ters Fall reicht an die­ser Stel­le auch ein ein­fa­ches »Ocu­lus repa­ro!«. Ambi­tio­nier­te Heim­wer­ker kom­men nicht zu kurz, wenn es dar­um geht, beim Malern Fens­ter- und Tür­rah­men abzu­kle­ben, Boden­be­lä­ge, Spie­gel und Dampf­sperr­fo­li­en zu befes­ti­gen und dem lecken­den Rohr­werk den Aus­gang zu ver­sper­ren. Büh­nen­ar­bei­ter fixie­ren ihre Kabel, Schau­spie­ler ihren Stand­punkt, Sport­ler ihre Mus­keln, Ärz­te ihre Kathe­ter, Spu­ren­si­che­rer ihre Tat­or­te, Zeich­ner ihre Skiz­zen, Desi­gner ihre Ent­wür­fe, Ver­sand­händ­ler ihre Waren, Buch­bin­der ihre Buch­rü­cken, Mas­ken­bild­ner ihre Perü­cken und Feti­schis­ten ihre Liebs­ten. Sogar in die Kunst hat das kleb­ri­ge Band bereits Ein­zug gehal­ten: Ob als eigen­stän­di­ges Gestal­tungs­ma­te­ri­al, Por­trait auf Lein­wand, Instal­la­ti­on, in Tanz-Per­for­man­ces, zur Raum­ge­stal­tung – der soge­nann­ten Tape Art sind kei­ne Gren­zen gesetzt. Und spä­tes­tens seit Mac­Gy­ver, der immer eine Rol­le im Gepäck hat, wis­sen wir: Mit Kle­be­band lässt sich sogar die Welt retten.

Bevor wir also mit Washi-Tape das Loch in der Motor­hau­be fli­cken oder mit Pan­zer­tape die Lider straf­fen, soll­ten wir Trä­ger­ma­te­ri­al, Kleb­stoff-Typ und auch den zu ver­kle­ben­den Unter­grund genau­er unter die Lupe neh­men. Es lohnt sich.

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»Die Welt ist komplizierter«

Michaela Karl über eine doch nicht so unpolitische Generation

Von Didem Gezginci und Eva Hillemeyr


Seit den 1968er Jah­ren habe sich viel in der poli­ti­schen Rhe­to­rik getan. Man muss­te frü­her gut vor­be­rei­tet sein. Die Sprech­wei­se war kom­pli­ziert, die Sät­ze län­ger. Visu­el­le Unter­stüt­zung gab es nicht. Heu­te sei die Sprech­wei­se ein­fa­cher, ver­ständ­li­cher, schlicht kür­zer. Manch­mal stel­le sie sich vor, wie Rudi Dutsch­ke heut­zu­ta­ge auf Twit­ter schrei­ben wür­de, amü­siert sich Dr. Michae­la Karl im Gespräch. 

Neben den heu­ti­gen Stu­den­ten, die wohl gar nicht so unpo­li­tisch sei­en, wie ihr Ruf ver­mu­ten las­se, könn­ten sich auch die Krea­ti­ven ver­mehrt in die Poli­tik ein­brin­gen. Krea­ti­ve, egal ob Lite­ra­ten oder Desi­gner, könn­ten in der nicht unbe­dingt von Visio­nä­ren gepräg­ten Poli­tik neue Denk­an­sät­ze liefern.

Für gerin­ge Wahl­teil­nah­men hat Michae­la Karl aller­dings kein Ver­ständ­nis. Gera­de Frau­en soll­ten von ihrem Wahl­recht Gebrauch machen, denn ihr Geschlecht hat in der Geschich­te für die­ses Grund­recht gekämpft.

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»Es gibt keinen Text, nur Texterscheinungsformen«

Stefan Soltek über die Kunst im geschriebenen Wort

Von Sandra Rudolph und Mareike Riemann


Für Ste­fan Sol­tek, Lei­ter des Kling­spor-Muse­ums in Offen­bach, ist die Hand­schrift kei­ne nost­al­gi­sche Übung, son­dern eine Abbil­dung inne­rer Pro­zes­se. Wer mit einem kur­ven­den Stift über eine Flä­che fährt, der betrei­be Selbst­fin­dung. Sol­tek gibt zu beden­ken, dass Typo­gra­fie des­halb mehr sein kön­ne als eine ver­ba­li­sier­te Mit­tei­lung, näm­lich ein Aus­drucks­mit­tel für Empfindungen. 

Im Inter­view spricht Sol­tek dar­über, wel­chen kul­tu­rel­len Stel­len­wert die Schrift in ihren ver­schie­de­nen Erschei­nungs­for­men hat, und stellt Über­le­gun­gen dar­über an, was blie­be, wenn die Schrift verschwindet.

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