Buchbesprechung
»Unser Verstand ist ein großartiges Werkzeug«
Leander Greitemann über Alltags-Vernebelungen
Wie funktionieren eigentlich unsere Gedanken? Kann man seine eigene Wahrnehmung positiv beeinflussen? An diesen und vielen weiteren Fragen entlang steuert Leander Greitemann in seinem Buch »Unfog your mind« auf die Freiheit der Gedanken zu. Er schreibt: »Unser Verstand ist ein großartiges Werkzeug, das uns hilft, Berge zu versetzen. Und wenn wir schon eine Realität im Kopf erzeugen, dann doch eine positive, die uns hilft, Gutes zu bewirken.« (S. 52)
Das Ziel »Unfog your mind« steht stets im Mittelpunkt und soll dem Leser bei täglichen Herausforderungen den Alltag »entnebeln«. »Wenn wir etwas tun, das außerhalb unserer Gewohnheiten liegt, etwas wagen, das uns ein bisschen kitzelt, dann findet das eigentliche Leben statt!« (S. 57), befindet der Autor. Greitemann hat mit seinem Buch kein reines Sachbuch geschaffen, dass ausschließlich informiert, sondern bietet eine Mischung aus Informationen und eigenen Erfahrungen, die durch wissenschaftliche Kenntnisse fundiert werden und den Leser nach jedem neuen Gedankengang auf ein kleines Selbstexperiment einladen. Ein Beispiel eines Experiments ist das Notieren von seinen eigenen Gedanken, die innerhalb von wenigen Minuten durch den Kopf schießen. Dies soll Greitemanns Leser erkennen lassen, dass Gedanken auf den unterschiedlichsten Ebenen erscheinen. Sein Schreibstil ist umgangssprachlich und »locker«. »Schon erstaunlich, was da alles in so kurzer Zeit Minuten [sic] hochkommt, oder? Wir haben in etwa 70000 Gedanken pro Tag. Das ist so, als ob du durch ein großes Fußballstadion gehst und dir von jeder Person einen Gedanken anhörst.« (S. 16)
Das Kapitel 13 ist überschrieben mit: »Mindfog und Bluebird. Über dem Himmel ist blauer Nebel.« Auf 13 Seiten geht Greitemann auf die düsteren Gedanken unseres Alltags ein. »Die Ursachen für akuten Mindfog sind zwar vielseitig, lassen sich jedoch immer nur in zwei Kategorien einteilen: Verarbeitung der Vergangenheit oder Projektion in die Zunkuft.« (S. 128) Er definiert den »Mindfog« (deutsch: vernebelte Gedanken) als Spekulationen und Mutmaßungen. Vielmehr aber sollte die Verbindung zum jetzigen Moment wieder hergestellt werden, sobald unser eigener Gedankennebel zum Vorschein tritt.
Besonders das mit »Wenn das Glas halb leer sehen schon die halbe Miete ist« betitelte Kapitel 17 beinhaltet für Designer einen wichtigen Aspekt. Denn fern von der Haltung »Das Glas ist halb voll, bedeutet Optimismus« enthält dieses Glas weniger Platz für neue Meinungen und erzeugt Voreingenommenheit gegenüber anderen Sichtweisen – ebenfalls gegenüber potenziellen Kunden und Partnern in der Arbeitswelt. Denn »Kreativität entsteht nicht, wenn wir im alten Wasser rühren« (S. 173). Manchmal hilft ein »Das haben wir schon immer so gemacht« (S. 173) eben nicht weiter. Greitemanns Empfehlung: Betätigt man seinen »Reset—Knopf«, lässt sich das eigene Glas mit neuer Flüssigkeit füllen.
Diese und weitere Ideen werden auf 212 professionell gestaltete Seiten in 20 Kapiteln entfaltet. Jedes Kapitel beschreibt eine andere Thematik, so muss das Buch nicht zwingend chronologisch gelesen werden, sondern es können einzelne Kapitel unabhängig voneinander gelesen werden. Sie beschäftigen sich mit Themen wie der Gedankenfreiheit, der bewussten Fokussierung auf den Weg und nicht auf das Ziel, dem Gemeinschaftsgefühl und dessen Einsatz, dem Perspektivenwechsel für neue Ansichten, dem bewussten »Ja-und-Nein«-sagen, Kommunikationsregeln und vielem mehr.
So bietet Leander Greitemann mit »Unfog your mind« eine für jedermann leicht erschließbare Lektüre an – »jedermann« wäre jeder, der seinen Geist von täglichen Marotten und Ausreden gegenüber sich selbst entnebeln und alltägliche Denkweisen in Frage stellen möchte. Gleichzeitig spricht der Band mit seiner einzigartigen Buch-Haptik Gestaltungs-Fanatiker an. Als Inspiration für seine Arbeit zieht Greitemann das Buch von Franz Berzbach »Die Kunst ein kreatives Leben zu führen« heran, es wird jedoch nicht zum Verständnis für »Unfog your mind« vorausgesetzt. Zum Abschluss seines Buches führt Greitemann acht Quellen an, die er ergänzend zum Lesen empfiehlt. Eine kleine Kritik am Rande: Leander Greitemann kratzt mit seinen Ausführungen bei einer Kapitellänge zwischen 5 bis 13 Seiten leider oft nur an der Oberfläche. Hier wäre Tiefgang ab und zu gerne gesehen – vielleicht kommt er in künftigen Auflagen und zudem noch mehr Inhalt, der den Leser zusätzlich zur Gestaltung des Buchs in den Bann schlägt.
Buchbesprechung
»… engagiert und authentisch wirken«
18 Essays verknüpfen digital und analog
Die Begriffe »Handwerk« und «Design« stehen in einem ambivalenten Verhältnis zueinander. Beides sind Begriffe, deren Bedeutung und Definition sich nicht in einen kompakten Satz pressen lassen. Dennoch – man spürt, dass beide Begriffe irgendwie miteinander verwoben sind. Dieses Spannungsverhältnis besser einordnen zu können, das verspricht man sich durch das Buch »seriell – individuell. Handwerkliches im Design«, herausgegeben von Gerda Breuer und Christopher Oestereich. 18 Essays verschiedener Autoren werden in dem Sammelband zusammengebunden, sie geben einen Überblick zur Entwicklung von Handwerk und Design und setzen diese Begriffe in einen gesellschaftlichen Zusammenhang.
Der Sammelband startet mit dem Aufsatz »Das Handwerk als Produktions- und Arbeitsstil. Widerstand, Koexistenz und Konvergenz zur Industriekultur« von Dagmar Steffen. Die Entwicklung von Handwerk und seinem Gegenspieler, der Industrie, wird hier unter dem Designaspekt historisch eingeordnet – von der Arts-and-Crafts-Bewegung bis hin zu den aktuellen Digital Crafts.
Auch die folgenden Texte im Themenblock »Handwerk und Design – Die Entwicklung« bemühen sich um die Einordnung und Eingrenzung der Begrifflichkeiten. Der Aufsatz von Verena Kuni »Gib mir fünf. Begriffe zu Handwerk, Design und DIY« kommt mit fünf Begriffen aus dem angesprochenen Spannungsverhältnis daher: Analogital, Instruktion, Nachhaltigkeit, Open Source und Zusammenarbeit. Verena Kuni schafft es, den Raum zwischen Design und Handwerk zu definieren, und schildert inspirierende Beobachtungen, in denen man sich als Gestalter oft wiederfindet. Besonders die Fokussierung auf einen Prozess und nicht auf ein »Endprodukt« ist ein spannendes und vielversprechendes Konzept für junge Gestalter. Neben den theoretischen Gedankengängen von Kuni klingen konkrete Methoden und Ideen für einen neuen, anderen Gestaltungsprozess an.
Auch der darauf folgende Essay von Mònica Gaspar »Craft in its Gaseous State« ist für jungen Gestalter sehr aufschlussreich. Gaspar beschäftigt sich ebenfalls mit der Fokussierung auf den Prozess und vermittelt Handwerk als eine Perspektive für Designer: »Handwerk dient Designern dabei auch als rhetorisches Werkzeug der Aneignung, mit dessen Hilfe sie individuelle und kollektive Handlungen ausloten.« (S. 129) Der Aspekt der Rollenfindung ist dabei zentral, da durch den Prozess einer Recherche der Ausdruck und eine kritische Reflexion aufeinandertreffen.
Die weiteren Essays des Themenfeldes »Positionen – Handwerkliches im Design heute« befassen sich mit dem Handwerk als Experimentierfeld, mit Materialität, Methoden und interdisziplinären Arbeiten in unterschiedlichen Designdisziplinen. Der Essay »Die Rhetorik des Selbstgemachten im Grafikdesign« von Annina Schneller versucht die Anziehungskraft von handgemachten Kommunikationsmittel zu greifen und zu erklären; damit meint Schneller, ambivalent zum Handwerk, das Laienhafte. Sie unterscheidet dabei Handwerklichkeit, im Sinne von handwerklichem Können, von Amateurgestaltung. Dabei stellt Schneller die These in den Raum, dass Amateurgestaltung nicht zwingend schlechter sein muss – »sie kann durch ihre selbstgemachte Erscheinung engagiert und authentisch wirken und gerade hierdurch ihren Zweck erfüllen« (S. 194). Eine Aussage, von der man sich zunächst provoziert, beinahe angegriffen fühlt. Jedoch werden imperfekte Stilmittel im Grafikdesign tatsächlich oft genutzt, um ein persönliches oder authentisches Design zu erhalten.
Das nächste Kapitel Handwerk, Design und Gesellschaft« beschäftigt sich in drei Essays mit dem DIY-Trend (Do it yourself), mit Konsumkritik und Nachhaltigkeit. Besonders der Essay von Dirk Hohnsträter hilft zu verstehen, warum wir uns von handwerklich hergestellten Produkten angezogen fühlen und was das mit Individualität zu tun hat.
Durch die vielen Autoren wird in dem Buch ein großes Spektrum an Gedanken, Erkenntnissen und Beobachtungen vermittelt. Das Lesen und Einordnen der Informationen wird durch die verschiedenen Auffassungen von Design und Handwerk der Autoren erschwert. Dadurch sind die Abgrenzungen unklar, und es ist erforderlich, zwischen den Zeilen zu lesen. Die Kurzbiografien der Autoren, die hinten im Buch gesammelt zu finden sind, können jedoch dabei helfen. Will ein Kommunikationsdesigner die Erkenntnisse des Buches auf seine Disziplin anwenden, muss er umdenken. Viele Autoren beziehen sich auf Produktdesign, die Erkenntnisse lassen sich aber auch auf Kommunikationsdesign übertragen. Die vielfältige Lektüre lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn einige lose Fäden zurückbleiben. Wer Interesse an Prozessen und Methoden hat, dem bietet das Buch interessante Antworten, und es wirft spannende Fragen auf.
Illustrationen
IlloKonstanz, Vol. 2
International renommierte Illustratoren bei Festival
Brian Rea
Brian Rea macht Zeichnungen und Gemälde für Bücher, Zeitschriften, Wandbilder, Mode- und Filmprojekte auf der ganzen Welt. Seine Arbeiten wurden in Paris, New York, Los Angeles, Mexico City und sowie in der Fundació Joan Miro in Barcelona ausgestellt. Er ist Adjunct Associate Professor am Art Center College of Design und Mitglied der Alliance Graphique Internationale und wird von der CMay Gallery in Los Angeles vertreten. Sein erstes selbst verfasstes Buch »Death Wins a Goldfish« wurde für den Eisner Award nominiert. Rea lebt mit seiner Familie in Stockholm.
Monika Aichele
Die Illustratorin Monika Aichele ist Professorin für Kommunikationsdesign an der Hochschule Mainz. Sie ist Mitglied folgender Vereinigungen: Society of Illustrators, American Illustration, Art Directors Club. Gemeinsam mit Stefan Sagmeister hat Aichele für das »Six cities festival« in Schottland überdimensionale aufblasbare Affen gestaltet, die anschließend um die Welt gingen. Ausstellungen in New York, Hamburg, Barcelona, Rom, Paris, Shanghai, Mailand etc. Als Illustratorin ist Monika Aichele regelmäßig für die New York Times und das Frieze Magazine tätig.
Marcos Chin
Illustrationen von Marcos Chin finden sich nicht nur in Magazinen, Tageszeitungen und in der Werbung, sondern auch auf Stoffen, Wänden, Modekatalogen. Der mehrfach international ausgezeichnete Künstler arbeitet für Kunden wie Starbucks, Apple, Honda, Rolling Stone, The New Yorker oder die New York Times. Außerdem lehrt Chin Illustration an der School of Visual Arts in New York.
Christoph Niemann
Christoph Niemann ist Künstler, Autor, Animator. Seine Arbeiten zieren regelmäßig die Titelseiten des New Yorker, des National Geographic und des New York Times Magazine. Mehrere Retrospektiven wurden seinem Schaffen gewidmet, immer wieder steht sein Name für spektakuläre Kreativität: Niemann hat Skizzen des City-Marathons von New York gezeichnet, während er selbst mitgelaufen ist und für den New Yorker die erste Titelseite in »Augmented Reality« entworfen. Kunden sind unter anderem Hermès, Google und das Museum of Modern Art in New York. Zahlreiche Mitgliedschaften. 2010 wurde Niemann in die Hall of Fame des Art Directors Club aufgenommen.
Essay
Die Frage nach der Wahrheit im Kriege
Über die philosophischen Wurzeln aktueller Fragen
1 Einleitung
1.1 Wahrheit als Opfer?
Die Wahrheit sei das erste Opfer im Krieg – so die gängige Formel all derer, die sich in der Vorphase des Ausbruchs eines Krieges für seine Verhinderung aussprechen. Die Frage nach der Wahrheit im Kriege zu stellen, scheint nach diesem Diktum vergebliche Mühe zu sein, denn sie bleibt wohl schon im Vorfeld der vorbereitenden Propaganda auf der Strecke. Warum also diese Frage nochmals stellen?
Philosophie heißt – nach C. F. von Weizsäcker – weiterfragen; hartnäckig weiterfragen, möchte ich hinzufügen. Genau dieses Weiterfragen deckt bei Selbstverständlichkeiten, gerade, wenn sie moralisch daherkommen, überraschende Unklarheiten auf und das Klären von Begriffen ist ja das Geschäft der Philosophie.
Beginnen wir mit dem erwähnten, moralisch gemeinten Satz, dass die Wahrheit das erste Opfer des Krieges sei. Diese Redeweise bemüht die unfragliche Verwendung des Begriffs »Opfer«. Neben den Kriegsopfern kennen wir Unfall- und Katastrophenopfer, Opfer einer wirtschaftlichen oder politischen Entwicklung, wir reden von sinnlosen Opfern, und benutzen den Begriff auch als Verb: es seien völlig unnötig ganze Armeen geopfert worden.
Bei dieser Verwendung des Opferbegriffes fällt sofort eine Ungleichzeitigkeit auf, der wir uns eher fragend nähern: Gibt es sinnvolle Opfer, z. B. aus militärischer Sicht? Sind Opfer immer unschuldig? Wer opfert und was wird geopfert? Wie wird ein Mensch zum Opfer? Werden wir also kurz analytisch und etymologisch.
»Opfern« ist ein dreistelliges[1] Verb. Irgendeine Person opfert einer anderen Entität, die meist als Subjekt angesehen werden kann, irgend etwas. Dieses Etwas, der Gegenstand des Opferns, das eigentliche Opfer, geht in die Verfügungsgewalt des Empfängers über, zu seinem Gebrauch, Genuss oder wie auch immer. Der Opfernde gibt als Verzichtsleistung das Opfer aus seinem Verfügungs- oder Schutzbereich dahin. Für diesen Akt wird der Opfernde seine Gründe haben – früher wollte man Götter, Tyrannen und Mächtige besänftigen und für die eigenen Zwecke gnädig stimmen. Diese vereinfachte Vorstellung des Opfers stimmt in etwa mit dem alltäglichen Begriff überein; Differenzen ergeben sich im Laufe der Begriffsgeschichte freilich bei der Funktion des Opferns und der Motivation, überhaupt zu opfern.[2]
Nun ist das Erstellen, Kompilieren und Benutzen von Mythen eine erste, wenngleich narrative Form von rationalisierender Rekonstruktion naturgebundener wie sozialer Erfahrungen – der Mythos ist die notwendige Vorstufe des Logos. In der Wissenschaft gibt es niemanden, dem man opfern könnte. Es gibt nur noch schlechte Metaphern wie: man habe sein Leben oder seine Freizeit oder sein Privatleben für die Wissenschaft geopfert. Was geopfert wird, das Opfer, ist also etwas, was ungern, nur zu einem eben anderen Preis hergegeben wird und es bedeutet für den Opfernden immer einen spürbaren Verlust – sonst wäre es eben kein Opfer. Die Gegenleistung bleibt ein offenes Versprechen – trifft sie nicht ein, spricht man von einem vergeblichen, ja sinnlosen Opfer. Ein gewisser Tauschcharakter, auch wenn dieser Tausch anderen Regeln folgen mag als beim Tausch auf dem Markt, ist in der nicht-mythologischen Metapher doch noch erkennbar.
Essay
»Wenn Du Frieden willst …«
Wie der Ukraine-Krieg das pazifistische Denken verändert
In den letzten Wochen hat der Begriff »Zeitenwende« sein Schattendasein in der esoterischen und völkischen Schmuddelecke abgestreift; er ist – nicht zuletzt durch seine Verwendung durch den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz – zu einer Bezeichnung für den Abschied von einer regelbasierten Weltordnung (Herfried Münkler) avanciert. Damit ist allerdings zugleich auch eine Abkehr von der Abkehr gemeint: Der labile Friedenszustand zwischen 1945 und 1989 war durch ein »Gleichgewicht des Schreckens« definiert, das seinerseits durch ein permanentes – auch atomares – Wettrüsten aufrecht erhalten wurde. Seit der Aufhebung dieses Gleichgewichts durch den Zerfall des als »Ostblock« bezeichneten Imperiums der um die Sowjetunion gescharten Staaten des Warschauer Paktes hatten wir in den westlichen Demokratien uns in der trügerischen Hoffnung gewiegt, eine permanente multilaterale Abrüstung stelle eine erfolgreiche Abkehr von dem bilateralen Gleichgewicht des Schreckens dar. Schon damals waren allerdings kritische Stimmen laut geworden, die davor warnten, dass der damit verbundene »Verlust des Feindbildes« eine destabilisierende Wirkung haben könnte, und die zahlreichen bewaffneten Konflikte seit 1989, auch an den Rändern Europas, an denen nach G. Konrad »der Wahnsinn kichert«, hätten uns das auch eindrücklich bestätigen können, wenn wir nur darauf gehört hätten. Spätestens jetzt aber erleben wir in der besagten Zeitenwende die Abkehr von dieser Abkehr. Und wir beginnen zu ahnen, dass der von Putin mit fadenscheinigen »fake news« buchstäblich vom Zaun gebrochene Ukrainekrieg nicht bloss Ausgeburt eines paranoiden nationalistischen Diktatorengehirns sein, sondern einer »geopolitischen Neuordnungsidee« folgen könnte. Vor diesem Hintergrund taucht hinter den ebenso verzweifelten wie berechtigten Minimalforderungen nach einem Waffenstillstand die bange Frage auf, wie denn das Verhältnis von Krieg und Frieden nach 2022 zu denken ist. Anders: ob eine politische Option, die primär am Frieden orientiert ist und die oft als »Pazifismus« bezeichnet wird, überhaupt noch eine Berechtigung hat.
Von unserer Logik in die Irre geführt
Nun geht, wer heute einem recht verstandenen Pazifismus das Wort reden will, »einen schweren Gang«, um es mit den Worten des Landsknechtsführers Georg von Frundsberg angesichts von Martin Luthers Auftritt vor dem Reichstag zu Worms 1521 zu sagen. Bei dem Versuch, den Pazifismus neu zu denken, gilt es nämlich, zuallererst ein mächtiges Hindernis zu überwinden, das unser Denken »hinter unserem Rücken« prägt: unsere Logik. Gemeint sind damit die impliziten Selbstverständlichkeiten unseres Denkens, und hier vordringlich eine der wichtigsten logischen Grundoperationen, die der Negation. Zwar wissen wir theoretisch, dass es einen gewichtigen Unterschied zwischen Kontradiktion und Kontrareität gibt, anders und weniger technisch ausgedrückt: dass es zu jedem A mehr als nur ein Non-A gibt. Aber in unserer impliziten Logik reduzieren wir intuitiv das eine auf das andere: Was für die logischen Werte »wahr« und »falsch« gilt, wird auf alles übertragen. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich, was nicht gut ist, ist böse. Und das geht auch auf der nächsten Anwendungsstufe der Negation weiter, so dass die Negation der Negation – ähnlich wie in der Mathematik Minus mal Minus Plus ergibt – die erste Negation wieder aufhebt. Auf unseren Fall angewendet: Die derzeit erforderliche Abkehr von der Abkehr des Wettrüstens scheint nur einen Weg zu kennen: den Rückkehr zum Wettrüsten.
Überwältigt von der Flut grauenvoller Zerstörungsbilder, die jedenfalls uns im Westen täglich überschwemmen, tendieren wir zu dieser Konsequenz. Aber schon ein einfacher Gedanke zeigt, dass das nicht zutrifft: Selbst wenn der gegenwärtige Kriegszustand durch einen Waffenstillstand unterbrochen und irgendwann einmal sogar durch einen Friedensschluss beendet würde, wäre der erreichte »Frieden« nicht derselbe wie der vor dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022. Zu viel ist in der Zwischenzeit geschehen, zu viel ist zerstört, zu viele Menschen sind getötet oder vertrieben worden, als dass wir uns den Frieden, um den es hier geht, einfach nur als eine Wiederherstellung des status quo ante denken könnten.
Essay
Über die Zumutbarkeit der Wahrheit
Beim Jahreswechsel 2021/2022 in Corona Zeiten verfasst
Einige Zitate vorab:
Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen aus.
Gotthold Ephraim Lessing, 1777
Die Wahrheit führt in vielen Fällen zum politischen Tod.
Minister Karl Lauterbach, Anfang 2022
Vom Wahrsagen lässt sich leben, aber nicht vom Wahrheit sagen.
Es ist unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemanden den Bart zu versengen.
Georg Christoph Lichtenberg in seinen »Sudelbüchern« im späten 18. Jahrhundert
Wahrheit meint die Übereinstimmung zwischen dem Wissen eines erkennenden Subjektes und dem Seienden.
laut Wikipedia 2022
Wahrheit – im logischen Sinn die Übereinstimmung unserer Gedanken mit sich selbst und mit den allgemeinen Gesetzen des Denkens oder mit dessen Gegenständen, dem Sein.
Meyers Konversationslexikon 1890
Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien und Anthropomorphismen.[1]
Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind.
Friedrich Nietzsche, 1872, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne
Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.
Heinrich von Kleist, 1811
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.
Ingeborg Bachmann, 1959
Wissenschaft ist die Suche nach der Wahrheit – nicht ein Spiel, in dem man seinen Gegner zu besiegen versucht.
Linus Pauling, 1954
Ein persönlicher Prolog
Der Aufklärer Voltaire[2] meinte im 18. Jahrhundert, die unbestreitbare Wahrheit für das Dasein bestehe darin, dass es so etwas wie die beste Welt-, Staats- und Gesellschaftsordnung nicht gibt. Wenn politisch aktive Menschen nun für unerreichbare Ideale kämpfen, werde ihnen gegenüber Toleranz im Denken notwendig. Der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker meinte im 20. Jahrhundert, die unbestreitbare Wahrheit für die Wissenschaft bestehe darin, dass sie die Geheimnisse der Welt nicht aufdecken und nur vertiefen kann. Es gibt die eine korrekte Antwort auf Fragen ebenso wenig wie die beste Ordnung im Leben. Wenn Menschen nun eine korrekt wirkende und ihnen richtig erscheinende Erklärung von irdischen Dingen und ihren Abläufen präsentieren, sollte man ihrem Anspruch mit historisch-kritischer Gelassenheit begegnen. Die bittere Wahrheit ist leider, dass der aktuelle Stand der Allgemeinbildung hierzulande diese Einstellung nahezu unmöglich macht und verhindert.
Das Streben nach Wissen
Menschen streben von Natur aus nach Wissen, wie sie alle wissen und wie Aristoteles im ersten Satz seiner »Metaphysik« Jahrhunderte vor Christi Geburt geschrieben hat. Ihm zufolge verhalten sich Menschen so, weil sie Freude an der Wahrnehmung der Welt haben – im griechischen Original steht »aisthesis«. Es geht bei der wahrlich sinnvollen Tätigkeit der Sinne um das Wahre, was in der deutschen Sprache auch als erste Silbe im Begriff des Wahrnehmens zum Ausdruck kommt. Menschen versuchen, mit Hilfe dieser von Natur aus gegebenen ästhetischen Fähigkeit die Wahrheit zu schauen, die sie nach erfolgter sinnlicher Erfahrung ihrem Wissen zufügen wollen, wobei allen Menschen bekannt sein wird, dass es bei dieser Umsetzung aufzupassen gilt. Einige geben sich aufrichtige Mühe, die mit ihrem Wissen verbundene Wahrheit zu erfassen, wie Lessing anmerkt, während er 1777 »Über den Beweis des Geistes und der Kraft« nachdenkt (was eine paulinische Formulierung aus dem Korintherbrief aufgreift). Man würde den großen Mann dazu gerne fragen, ob es tatsächlich so ist, dass Menschen bei ihrer Suche nach Erkenntnissen versuchen, im Wortsinn »hinter die Wahrheit zu kommen«, wie es bei dem Schöpfer von »Nathan der Weise« heißt? Sind Menschen bei ihrem Suchen nach ihr nicht die ganze Zeit schon dort? Die Menschen rennen doch hinter der Wahrheit her, wie der Volksmund sagt. Oder verhält sich die Sache mit der Wahrheit in Wahrheit gerade andersherum, nämlich so, wie Robert Musil es im frühen 20. Jahrhundert gesehen und in seinem Roman »Mann ohne Eigenschaften« beschrieben hat?
Musil zufolge leben seine Zeitgenossen erstmals in einem wissenschaftlichen Zeitalter, und sie unterliegen seitdem und über den heutigen Tag hinaus einem Zwang zum Wissen. »Man kann nicht nicht wissen wollen«, wie es Musil formuliert. Viele leiden unter einer »Trunksucht am Tatsächlichen«, wie der »Mann ohne Eigenschaften« verkündet«, der befürchtet, dass im bürgerlichen Leben dadurch etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Denn wenn das Wissen zur Leidenschaft wird, dann ist es »gar nicht richtig, dass der Forscher der Wahrheit nachstellt«, und dann gilt vielmehr das Umgekehrte, und das heißt, die Wahrheit »stellt ihm nach«, wie im Roman ausdrücklich festgestellt wird, und jetzt kann sich jeder oder jede fragen, was seine oder ihre Sicht auf die Wahrheit zu erkennen gibt. Lockt sie die Menschen oder jagt sie die Menschen und treibt uns nun vor sich her? Und wenn sie die Jägerin ist, wo will die Wahrheit die gejagten Menschen zuletzt stellen, um ihnen die Chance zu geben, ihr ins Gesicht zu schauen?
- [1] Eine Metonymie setzt ein Wort für ein anderes. Wer Schiller liest, will sagen, dass er oder sie einen Text von Schiller liest, und wer Kreml sagt, meint meistens kein Gebäude, sondern die russische Regierung. Wer die Wahrheit durch die Blume sagt, benutzt eine Metapher, aber das ist kein Schnee von gestern, sondern der Schnee vom vergangenen Jahr. Und anthropomorph kann man sagen, dass Zellen davon träumen, zwei Zellen zu werden.
- [2] Von Voltaire stammt der Satz: »Ärzte schütten Medikamente, von denen sie wenig wissen, zur Heilung von Krankheiten, von denen sie noch weniger wissen, in Menschen, von denen sie gar nichts wissen.« Das ist die Wahrheit.
Essay
Rhetorik der Autorität – autoritäre Rhetorik?
Zur Ambivalenz politischer Kommunikation
»Ich mache Ihnen ein Angebot, dass Sie nicht ablehnen können.« Diesen Satz sagt der Mafia-Boss Don Corleone im Film »Der Pate« zu Geschäftspartnern – in aller Freundlichkeit und Klarheit. Vollkommen klar ist, was passiert, wenn man ein Angebot des Paten ablehnt, er ist die Autorität, sein Angebot lässt sich nicht ablehnen, jedenfalls nicht ohne Risiko für Leib und Leben.– Dieser Essay hingegen macht ein Angebot, das ein Leser ablehnen kann, er trägt ihm lediglich Gedanken und fünf Thesen dazu an, wie Autorität und Rhetorik miteinander verbunden sind; dieses Angebot kann abgelehnt und kritisiert werden, in Gänze oder in Teilen – der Autor dieses Essays ist weder Autorität noch Pate, niemandem droht ein Ungemach.
»Rhetorik« wird in diesen Zeilen als philosophische Disziplin im Sinne einer grundlegenden und der ältesten Kommunikationswissenschaft und Argumentationstheorie aufgefasst. Zum Verhältnis von Rhetorik und Autorität, zu der Frage, ob eine Rhetorik der Autorität bereits einer autoritären Rhetorik entspricht und wie sich das in einer Ambivalenz politischer Kommunikation niederschlägt, nehmen die folgenden Thesen Stellung, die im Anschluss ausführlicher diskutiert werden:
• Mit den klassischen Kommunikationsmodellen der Rhetorik lässt sich nach wie vor ein strukturelles Verständnis für politische Autorität entwickeln, allerdings müssen diese Modelle im Detail an Veränderungen der Zeit angepasst werden.
• Nach diesen klassischen Kommunikationsmodellen ist die Grundlage für eine dauerhafte Persuasion dadurch zu legen, dass Pathos und Ethos dem Logos dienen, dauerhafte Überzeugung also nicht ohne plausible Sachargumente zu haben ist. Autorität wird dabei vornehmlich durch das Ethos des Politikers und Redners verkörpert, Autorität und Ethos stehen aber in Wechselwirkung mit dem Pathos, das der Politiker anspricht und wie er das tut, und mit der Plausibilität seiner Argumente und wie er sie vorbringt.
• Die heutigen politischen Diskurse scheinen diesem klassischen Kommunikationsmodellen der Rhetorik nicht mehr voll zu entsprechen. Sachargumente scheinen an Bedeutung zu verlieren, Ethos- und Pathos-Appelle zum Selbstzweck medialer Inszenierungen zu werden.
• Die Autorität scheint sich zu verschieben: Bislang wurde sie als Wahrhaftigkeit dem Politiker zugesprochen, der mit Affekterregung (Pathos) und Vertrauens- und Glaubwürdigkeit (Ethos) die Herzen der Menschen für Sachargumente (Logos) öffnete und sie überzeugend und plausibel vortrug. Voraussetzung dafür war, dass die Bürger in einer Demokratie ausreichend informiert und demokratisch gebildet sind, um sich kritisch mit den Argumenten und ihrer Darbietung auseinanderzusetzen und um zum Beispiel ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen oder ihre Plausibilität in der Sache, also objektiv zu bewerten.
• Inzwischen scheint diese Auseinandersetzung nicht mehr an kritisches Vermögen angebunden zu werden. Die Autorität des Politikers gründet vielmehr auf seiner (und seiner Apparate) Fähigkeit, in den Medien kurzfristig Affekte zu erregen und Ethos-Inszenierungen in kurzer Taktung und hoher Intensität (Stilhöhe) zu platzieren. Die Autorität der Politik wird dabei an sich verworfen: Eine oft erfolgreich verfolgte Kommunikationsstrategie weist im öffentlichen Diskurs politische Autorität demjenigen zu, der behauptet, der Politik, dem politischem System und der politischen Klasse fernzustehen, durch sie nicht »kontaminiert« zu sein. Diese Strategie behauptet im Kern, dass wir demjenigen politische Autorität zubilligen sollen, der apolitisch ist. Die Strategie gründet letztlich auf der Verächtlichmachung von Politik und politischer Autorität.
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»Ein schon längst rege befahrener Grenzverkehr«
Florian Arnold über Design und Philosophie
Unser Berufs- und Alltagsleben sei zunehmend an Designentscheidungen gekoppelt, die wiederum Einfluss auf unsere praktischen Möglichkeiten nehmen, so Florian Arnold. Deshalb seien gestalterische Herausforderungen auf einer elementaren Ebene mit philosophischen Grundfragen verbunden: Wie wollen wir leben? Was ist ein gutes Leben überhaupt? Wie lässt es sich herstellen? Was sollen wir dafür tun?
»Jeder Designer reagiert auf irgendetwas, wenn er einen Entwurf vorlegt. Das explizit machen zu können, einerseits das Problem sauber benennen und andererseits Rechenschaft über die gewählte Lösung ablegen zu können, ist, denke ich, tatsächlich wesensverwandt mit genuin philosophischer Reflexion«, betont Arnold. Seiner Meinung nach wächst in einer zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft nicht nur die Verantwortung von DesignerInnen, sondern auch die Relevanz der Philosophie als professionelles Reflexionsmedium. Daher die Frage: »Warum nicht all das in eine Gestaltungspraxis übersetzen?«
Im Interview spricht er über designphilosophische Schnittstellen, die Designlehre und auch die Wichtigkeit, Philosophie und Design miteinander ins Gespräch zu bringen.
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»95 % unserer Entscheidungen unbewusst«
Gesa Lischka befasst sich mit Neuromarketing
»Was für eine gigantische Rolle diese unbewussten Entscheidungen spielen«, weiß Gesa Lischka, Expertin für Neuromarketing. Dass wir vermeintlich bewusst getroffene Entscheidungen doch oft nicht bewusst getroffen haben, verdeutlicht sie anhand von praktischen Übungen und betont: »Unser Bewusstsein bestimmt nicht unsere Handlungen, jedenfalls nicht immer.«
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»Man sieht mehr, wenn man mehr weiß«
Autor Frank Berzbach über das Arbeiten und Lernen
Analoge Medien wie Schallplatten, Füllfederhalter und Schreibmaschinen nutzt Frank Berzbach als Inspirationsquelle und Dramaturgie, er sei »Umgeben von Büchern und Schallplatten«. Im Interview erzählt er davon, wie Schreiben und Lesen sich gegenseitig bedingen, wie aus Ideen Bücher werden und warum das Arbeiten ohne Deadline für ihn viel besser funktioniert. Der Autor beschreibt seinen Schaffensprozess und gibt einen Einblick in seine Arbeitsabläufe. Eine Bedingung für gutes Schreiben sei: ungestört sein.
Das Lesen von zweitausend Jahren Kunstgeschichte, das Besuchen das Ausstellungen, das Sich-Vertiefen in Filmgeschichte konsumieren – all das hilft dem Autor, zu neuen Einsichten zu gelangen: »Es ist ein Luxus, sich Wissen erarbeiten zu können.«















