Buchbesprechung

»Unser Verstand ist ein großartiges Werkzeug«

Leander Greitemann über Alltags-Vernebelungen

Wie funk­tio­nie­ren eigent­lich unse­re Gedan­ken? Kann man sei­ne eige­ne Wahr­neh­mung posi­tiv beein­flus­sen? An die­sen und vie­len wei­te­ren Fra­gen ent­lang steu­ert Lean­der Grei­temann in sei­nem Buch »Unfog your mind« auf die Frei­heit der Gedan­ken zu. Er schreibt: »Unser Ver­stand ist ein groß­ar­ti­ges Werk­zeug, das uns hilft, Ber­ge zu ver­set­zen. Und wenn wir schon eine Rea­li­tät im Kopf erzeu­gen, dann doch eine posi­ti­ve, die uns hilft, Gutes zu bewir­ken.« (S. 52) 

Das Ziel »Unfog your mind« steht stets im Mit­tel­punkt und soll dem Leser bei täg­li­chen Her­aus­for­de­run­gen den All­tag »ent­ne­beln«. »Wenn wir etwas tun, das außer­halb unse­rer Gewohn­hei­ten liegt, etwas wagen, das uns ein biss­chen kit­zelt, dann fin­det das eigent­li­che Leben statt!« (S. 57), befin­det der Autor. Grei­temann hat mit sei­nem Buch kein rei­nes Sach­buch geschaf­fen, dass aus­schließ­lich infor­miert, son­dern bie­tet eine Mischung aus Infor­ma­tio­nen und eige­nen Erfah­run­gen, die durch wis­sen­schaft­li­che Kennt­nis­se fun­diert wer­den und den Leser nach jedem neu­en Gedan­ken­gang auf ein klei­nes Selbst­ex­pe­ri­ment ein­la­den. Ein Bei­spiel eines Expe­ri­ments ist das Notie­ren von sei­nen eige­nen Gedan­ken, die inner­halb von weni­gen Minu­ten durch den Kopf schie­ßen. Dies soll Grei­temanns Leser erken­nen las­sen, dass Gedan­ken auf den unter­schied­lichs­ten Ebe­nen erschei­nen. Sein Schreib­stil ist umgangs­sprach­lich und »locker«. »Schon erstaun­lich, was da alles in so kur­zer Zeit Minu­ten [sic] hoch­kommt, oder? Wir haben in etwa 70000 Gedan­ken pro Tag. Das ist so, als ob du durch ein gro­ßes Fuß­ball­sta­di­on gehst und dir von jeder Per­son einen Gedan­ken anhörst.« (S. 16)

Das Kapi­tel 13 ist über­schrie­ben mit: »Mind­fog und Blue­bird. Über dem Him­mel ist blau­er Nebel.« Auf 13 Sei­ten geht Grei­temann auf die düs­te­ren Gedan­ken unse­res All­tags ein. »Die Ursa­chen für aku­ten Mind­fog sind zwar viel­sei­tig, las­sen sich jedoch immer nur in zwei Kate­go­rien ein­tei­len: Ver­ar­bei­tung der Ver­gan­gen­heit oder Pro­jek­ti­on in die Zun­kuft.« (S. 128) Er defi­niert den »Mind­fog« (deutsch: ver­ne­bel­te Gedan­ken) als Spe­ku­la­tio­nen und Mut­ma­ßun­gen. Viel­mehr aber soll­te die Ver­bin­dung zum jet­zi­gen Moment wie­der her­ge­stellt wer­den, sobald unser eige­ner Gedan­ken­ne­bel zum Vor­schein tritt.

Beson­ders das mit »Wenn das Glas halb leer sehen schon die hal­be Mie­te ist« beti­tel­te Kapi­tel 17 beinhal­tet für Desi­gner einen wich­ti­gen Aspekt. Denn fern von der Hal­tung »Das Glas ist halb voll, bedeu­tet Opti­mis­mus« ent­hält die­ses Glas weni­ger Platz für neue Mei­nun­gen und erzeugt Vor­ein­ge­nom­men­heit gegen­über ande­ren Sicht­wei­sen – eben­falls gegen­über poten­zi­el­len Kun­den und Part­nern in der Arbeits­welt. Denn »Krea­ti­vi­tät ent­steht nicht, wenn wir im alten Was­ser rüh­ren« (S. 173). Manch­mal hilft ein »Das haben wir schon immer so gemacht« (S. 173) eben nicht wei­ter. Grei­temanns Emp­feh­lung: Betä­tigt man sei­nen »Reset—Knopf«, lässt sich das eige­ne Glas mit neu­er Flüs­sig­keit füllen.

Die­se und wei­te­re Ideen wer­den auf 212 pro­fes­sio­nell gestal­te­te Sei­ten in 20 Kapi­teln ent­fal­tet. Jedes Kapi­tel beschreibt eine ande­re The­ma­tik, so muss das Buch nicht zwin­gend chro­no­lo­gisch gele­sen wer­den, son­dern es kön­nen ein­zel­ne Kapi­tel unab­hän­gig von­ein­an­der gele­sen wer­den. Sie beschäf­ti­gen sich mit The­men wie der Gedan­ken­frei­heit, der bewuss­ten Fokus­sie­rung auf den Weg und nicht auf das Ziel, dem Gemein­schafts­ge­fühl und des­sen Ein­satz, dem Per­spek­ti­ven­wech­sel für neue Ansich­ten, dem bewuss­ten »Ja-und-Nein«-sagen, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­geln und vie­lem mehr.

So bie­tet Lean­der Grei­temann mit »Unfog your mind« eine für jeder­mann leicht erschließ­ba­re Lek­tü­re an – »jeder­mann« wäre jeder, der sei­nen Geist von täg­li­chen Marot­ten und Aus­re­den gegen­über sich selbst ent­ne­beln und all­täg­li­che Denk­wei­sen in Fra­ge stel­len möch­te. Gleich­zei­tig spricht der Band mit sei­ner ein­zig­ar­ti­gen Buch-Hap­tik Gestal­tungs-Fana­ti­ker an. Als Inspi­ra­ti­on für sei­ne Arbeit zieht Grei­temann das Buch von Franz Berz­bach »Die Kunst ein krea­ti­ves Leben zu füh­ren« her­an, es wird jedoch nicht zum Ver­ständ­nis für »Unfog your mind« vor­aus­ge­setzt. Zum Abschluss sei­nes Buches führt Grei­temann acht Quel­len an, die er ergän­zend zum Lesen emp­fiehlt. Eine klei­ne Kri­tik am Ran­de: Lean­der Grei­temann kratzt mit sei­nen Aus­füh­run­gen bei einer Kapi­tel­län­ge zwi­schen 5 bis 13 Sei­ten lei­der oft nur an der Ober­flä­che. Hier wäre Tief­gang ab und zu ger­ne gese­hen – viel­leicht kommt er in künf­ti­gen Auf­la­gen und zudem noch mehr Inhalt, der den Leser zusätz­lich zur Gestal­tung des Buchs in den Bann schlägt.

Buchbesprechung

»… engagiert und authentisch wirken«

18 Essays verknüpfen digital und analog

Die Begrif­fe »Hand­werk« und «Design« ste­hen in einem ambi­va­len­ten Ver­hält­nis zuein­an­der. Bei­des sind Begrif­fe, deren Bedeu­tung und Defi­ni­ti­on sich nicht in einen kom­pak­ten Satz pres­sen las­sen. Den­noch – man spürt, dass bei­de Begrif­fe irgend­wie mit­ein­an­der ver­wo­ben sind. Die­ses Span­nungs­ver­hält­nis bes­ser ein­ord­nen zu kön­nen, das ver­spricht man sich durch das Buch »seri­ell – indi­vi­du­ell. Hand­werk­li­ches im Design«, her­aus­ge­ge­ben von Ger­da Breu­er und Chris­to­pher Oes­te­reich. 18 Essays ver­schie­de­ner Autoren wer­den in dem Sam­mel­band zusam­men­ge­bun­den, sie geben einen Über­blick zur Ent­wick­lung von Hand­werk und Design und set­zen die­se Begrif­fe in einen gesell­schaft­li­chen Zusammenhang.

Der Sam­mel­band star­tet mit dem Auf­satz »Das Hand­werk als Pro­duk­ti­ons- und Arbeits­stil. Wider­stand, Koexis­tenz und Kon­ver­genz zur Indus­trie­kul­tur« von Dag­mar Stef­fen. Die Ent­wick­lung von Hand­werk und sei­nem Gegen­spie­ler, der Indus­trie, wird hier unter dem Desi­gnaspekt his­to­risch ein­ge­ord­net – von der Arts-and-Crafts-Bewe­gung bis hin zu den aktu­el­len Digi­tal Crafts. 

Auch die fol­gen­den Tex­te im The­men­block »Hand­werk und Design – Die Ent­wick­lung« bemü­hen sich um die Ein­ord­nung und Ein­gren­zung der Begriff­lich­kei­ten. Der Auf­satz von Vere­na Kuni »Gib mir fünf. Begrif­fe zu Hand­werk, Design und DIY« kommt mit fünf Begrif­fen aus dem ange­spro­che­nen Span­nungs­ver­hält­nis daher: Ana­lo­gi­tal, Instruk­ti­on, Nach­hal­tig­keit, Open Source und Zusam­men­ar­beit. Vere­na Kuni schafft es, den Raum zwi­schen Design und Hand­werk zu defi­nie­ren, und schil­dert inspi­rie­ren­de Beob­ach­tun­gen, in denen man sich als Gestal­ter oft wie­der­fin­det. Beson­ders die Fokus­sie­rung auf einen Pro­zess und nicht auf ein »End­pro­dukt« ist ein span­nen­des und viel­ver­spre­chen­des Kon­zept für jun­ge Gestal­ter. Neben den theo­re­ti­schen Gedan­ken­gän­gen von Kuni klin­gen kon­kre­te Metho­den und Ideen für einen neu­en, ande­ren Gestal­tungs­pro­zess an.

Auch der dar­auf fol­gen­de Essay von Mòni­ca Gas­par »Craft in its Gas­eous Sta­te« ist für jun­gen Gestal­ter sehr auf­schluss­reich. Gas­par beschäf­tigt sich eben­falls mit der Fokus­sie­rung auf den Pro­zess und ver­mit­telt Hand­werk als eine Per­spek­ti­ve für Desi­gner: »Hand­werk dient Desi­gnern dabei auch als rhe­to­ri­sches Werk­zeug der Aneig­nung, mit des­sen Hil­fe sie indi­vi­du­el­le und kol­lek­ti­ve Hand­lun­gen aus­lo­ten.« (S. 129) Der Aspekt der Rol­len­fin­dung ist dabei zen­tral, da durch den Pro­zess einer Recher­che der Aus­druck und eine kri­ti­sche Refle­xi­on aufeinandertreffen.

Die wei­te­ren Essays des The­men­fel­des »Posi­tio­nen – Hand­werk­li­ches im Design heu­te« befas­sen sich mit dem Hand­werk als Expe­ri­men­tier­feld, mit Mate­ria­li­tät, Metho­den und inter­dis­zi­pli­nä­ren Arbei­ten in unter­schied­li­chen Design­dis­zi­pli­nen. Der Essay »Die Rhe­to­rik des Selbst­ge­mach­ten im Gra­fik­de­sign« von Anni­na Schnel­ler ver­sucht die Anzie­hungs­kraft von hand­ge­mach­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel zu grei­fen und zu erklä­ren; damit meint Schnel­ler, ambi­va­lent zum Hand­werk, das Lai­en­haf­te. Sie unter­schei­det dabei Hand­werk­lich­keit, im Sin­ne von hand­werk­li­chem Kön­nen, von Ama­teur­ge­stal­tung. Dabei stellt Schnel­ler die The­se in den Raum, dass Ama­teur­ge­stal­tung nicht zwin­gend schlech­ter sein muss – »sie kann durch ihre selbst­ge­mach­te Erschei­nung enga­giert und authen­tisch wir­ken und gera­de hier­durch ihren Zweck erfül­len« (S. 194). Eine Aus­sa­ge, von der man sich zunächst pro­vo­ziert, bei­na­he ange­grif­fen fühlt. Jedoch wer­den imper­fek­te Stil­mit­tel im Gra­fik­de­sign tat­säch­lich oft genutzt, um ein per­sön­li­ches oder authen­ti­sches Design zu erhalten.

Das nächs­te Kapi­tel Hand­werk, Design und Gesell­schaft« beschäf­tigt sich in drei Essays mit dem DIY-Trend (Do it yours­elf), mit Kon­sum­kri­tik und Nach­hal­tig­keit. Beson­ders der Essay von Dirk Hohn­strä­ter hilft zu ver­ste­hen, war­um wir uns von hand­werk­lich her­ge­stell­ten Pro­duk­ten ange­zo­gen füh­len und was das mit Indi­vi­dua­li­tät zu tun hat.

Durch die vie­len Autoren wird in dem Buch ein gro­ßes Spek­trum an Gedan­ken, Erkennt­nis­sen und Beob­ach­tun­gen ver­mit­telt. Das Lesen und Ein­ord­nen der Infor­ma­tio­nen wird durch die ver­schie­de­nen Auf­fas­sun­gen von Design und Hand­werk der Autoren erschwert. Dadurch sind die Abgren­zun­gen unklar, und es ist erfor­der­lich, zwi­schen den Zei­len zu lesen. Die Kurz­bio­gra­fien der Autoren, die hin­ten im Buch gesam­melt zu fin­den sind, kön­nen jedoch dabei hel­fen. Will ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gner die Erkennt­nis­se des Buches auf sei­ne Dis­zi­plin anwen­den, muss er umden­ken. Vie­le Autoren bezie­hen sich auf Pro­dukt­de­sign, die Erkennt­nis­se las­sen sich aber auch auf Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign über­tra­gen. Die viel­fäl­ti­ge Lek­tü­re lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn eini­ge lose Fäden zurück­blei­ben. Wer Inter­es­se an Pro­zes­sen und Metho­den hat, dem bie­tet das Buch inter­es­san­te Ant­wor­ten, und es wirft span­nen­de Fra­gen auf.

Illustrationen

IlloKonstanz, Vol. 2

International renommierte Illustratoren bei Festival

  • © Brian Rea
    © Bri­an Rea
  • © Brian Rea
    © Bri­an Rea
  • © Brian Rea
    © Bri­an Rea
  • © Brian Rea
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  • © Monika Aichele
    © Moni­ka Aichele
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  • © Monika Aichele
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  • © Marcos Chin
    © Mar­cos Chin
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    © Mar­cos Chin
  • © Marcos Chin
    © Mar­cos Chin
  • © Marcos Chin
    © Mar­cos Chin
  • © Christoph Niemann
    © Chris­toph Niemann
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    © Chris­toph Niemann
  • © Christoph Niemann
    © Chris­toph Niemann
  • © Christoph Niemann
    © Chris­toph Niemann

 

Bri­an Rea
Bri­an Rea macht Zeich­nun­gen und Gemäl­de für Bücher, Zeit­schrif­ten, Wand­bil­der, Mode- und Film­pro­jek­te auf der gan­zen Welt. Sei­ne Arbei­ten wur­den in Paris, New York, Los Ange­les, Mexi­co City und sowie in der Fund­ació Joan Miro in Bar­ce­lo­na aus­ge­stellt. Er ist Adjunct Asso­cia­te Pro­fes­sor am Art Cen­ter Col­lege of Design und Mit­glied der Alli­ance Gra­phi­que Inter­na­tio­na­le und wird von der CMay Gal­lery in Los Ange­les ver­tre­ten. Sein ers­tes selbst ver­fass­tes Buch »Death Wins a Gold­fi­sh« wur­de für den Eis­ner Award nomi­niert. Rea lebt mit sei­ner Fami­lie in Stockholm.

Moni­ka Aichele
Die Illus­tra­to­rin Moni­ka Aiche­le ist Pro­fes­so­rin für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign an der Hoch­schu­le Mainz. Sie ist Mit­glied fol­gen­der Ver­ei­ni­gun­gen: Socie­ty of Illus­tra­tors, Ame­ri­can Illus­tra­ti­on, Art Direc­tors Club. Gemein­sam mit Ste­fan Sag­meis­ter hat Aiche­le für das »Six cities fes­ti­val« in Schott­land über­di­men­sio­na­le auf­blas­ba­re Affen gestal­tet, die anschlie­ßend um die Welt gin­gen. Aus­stel­lun­gen in New York, Ham­burg, Bar­ce­lo­na, Rom, Paris, Shang­hai, Mai­land etc. Als Illus­tra­to­rin ist Moni­ka Aiche­le regel­mä­ßig für die New York Times und das Frie­ze Maga­zi­ne tätig.

Mar­cos Chin
Illus­tra­tio­nen von Mar­cos Chin fin­den sich nicht nur in Maga­zi­nen, Tages­zei­tun­gen und in der Wer­bung, son­dern auch auf Stof­fen, Wän­den, Mode­ka­ta­lo­gen. Der mehr­fach inter­na­tio­nal aus­ge­zeich­ne­te Künst­ler arbei­tet für Kun­den wie Star­bucks, Apple, Hon­da, Rol­ling Stone, The New Yor­ker oder die New York Times. Außer­dem lehrt Chin Illus­tra­ti­on an der School of Visu­al Arts in New York.

Chris­toph Niemann
Chris­toph Nie­mann ist Künst­ler, Autor, Ani­ma­tor. Sei­ne Arbei­ten zie­ren regel­mä­ßig die Titel­sei­ten des New Yor­ker, des Natio­nal Geo­gra­phic und des New York Times Maga­zi­ne. Meh­re­re Retro­spek­ti­ven wur­den sei­nem Schaf­fen gewid­met, immer wie­der steht sein Name für spek­ta­ku­lä­re Krea­ti­vi­tät: Nie­mann hat Skiz­zen des City-Mara­thons von New York gezeich­net, wäh­rend er selbst mit­ge­lau­fen ist und für den New Yor­ker die ers­te Titel­sei­te in »Aug­men­ted Rea­li­ty« ent­wor­fen. Kun­den sind unter ande­rem Her­mès, Goog­le und das Muse­um of Modern Art in New York. Zahl­rei­che Mit­glied­schaf­ten. 2010 wur­de Nie­mann in die Hall of Fame des Art Direc­tors Club aufgenommen.

Essay

Die Frage nach der Wahrheit im Kriege

Über die philosophischen Wurzeln aktueller Fragen

1 Ein­lei­tung

1.1 Wahr­heit als Opfer?

Die Wahr­heit sei das ers­te Opfer im Krieg – so die gän­gi­ge For­mel all derer, die sich in der Vor­pha­se des Aus­bruchs eines Krie­ges für sei­ne Ver­hin­de­rung aus­spre­chen. Die Fra­ge nach der Wahr­heit im Krie­ge zu stel­len, scheint nach die­sem Dik­tum ver­geb­li­che Mühe zu sein, denn sie bleibt wohl schon im Vor­feld der vor­be­rei­ten­den Pro­pa­gan­da auf der Stre­cke. War­um also die­se Fra­ge noch­mals stellen?

Phi­lo­so­phie heißt – nach C. F. von Weiz­sä­cker – wei­ter­fra­gen; hart­nä­ckig wei­ter­fra­gen, möch­te ich hin­zu­fü­gen. Genau die­ses Wei­ter­fra­gen deckt bei Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, gera­de, wenn sie mora­lisch daher­kom­men, über­ra­schen­de Unklar­hei­ten auf und das Klä­ren von Begrif­fen ist ja das Geschäft der Philosophie.

Begin­nen wir mit dem erwähn­ten, mora­lisch gemein­ten Satz, dass die Wahr­heit das ers­te Opfer des Krie­ges sei. Die­se Rede­wei­se bemüht die unfrag­li­che Ver­wen­dung des Begriffs »Opfer«. Neben den Kriegs­op­fern ken­nen wir Unfall- und Kata­stro­phen­op­fer, Opfer einer wirt­schaft­li­chen oder poli­ti­schen Ent­wick­lung, wir reden von sinn­lo­sen Opfern, und benut­zen den Begriff auch als Verb: es sei­en völ­lig unnö­tig gan­ze Armeen geop­fert worden.

Bei die­ser Ver­wen­dung des Opfer­be­grif­fes fällt sofort eine Ungleich­zei­tig­keit auf, der wir uns eher fra­gend nähern: Gibt es sinn­vol­le Opfer, z. B. aus mili­tä­ri­scher Sicht? Sind Opfer immer unschul­dig? Wer opfert und was wird geop­fert? Wie wird ein Mensch zum Opfer? Wer­den wir also kurz ana­ly­tisch und etymologisch.

»Opfern« ist ein drei­stel­li­ges[1] Verb. Irgend­ei­ne Per­son opfert einer ande­ren Enti­tät, die meist als Sub­jekt ange­se­hen wer­den kann, irgend etwas. Die­ses Etwas, der Gegen­stand des Opferns, das eigent­li­che Opfer, geht in die Ver­fü­gungs­ge­walt des Emp­fän­gers über, zu sei­nem Gebrauch, Genuss oder wie auch immer. Der Opfern­de gibt als Ver­zichts­leis­tung das Opfer aus sei­nem Ver­fü­gungs- oder Schutz­be­reich dahin. Für die­sen Akt wird der Opfern­de sei­ne Grün­de haben – frü­her woll­te man Göt­ter, Tyran­nen und Mäch­ti­ge besänf­ti­gen und für die eige­nen Zwe­cke gnä­dig stim­men. Die­se ver­ein­fach­te Vor­stel­lung des Opfers stimmt in etwa mit dem all­täg­li­chen Begriff über­ein; Dif­fe­ren­zen erge­ben sich im Lau­fe der Begriffs­ge­schich­te frei­lich bei der Funk­ti­on des Opferns und der Moti­va­ti­on, über­haupt zu opfern.[2]

Nun ist das Erstel­len, Kom­pi­lie­ren und Benut­zen von Mythen eine ers­te, wenn­gleich nar­ra­ti­ve Form von ratio­na­li­sie­ren­der Rekon­struk­ti­on natur­ge­bun­de­ner wie sozia­ler Erfah­run­gen – der Mythos ist die not­wen­di­ge Vor­stu­fe des Logos. In der Wis­sen­schaft gibt es nie­man­den, dem man opfern könn­te. Es gibt nur noch schlech­te Meta­phern wie: man habe sein Leben oder sei­ne Frei­zeit oder sein Pri­vat­le­ben für die Wis­sen­schaft geop­fert. Was geop­fert wird, das Opfer, ist also etwas, was ungern, nur zu einem eben ande­ren Preis her­ge­ge­ben wird und es bedeu­tet für den Opfern­den immer einen spür­ba­ren Ver­lust – sonst wäre es eben kein Opfer. Die Gegen­leis­tung bleibt ein offe­nes Ver­spre­chen – trifft sie nicht ein, spricht man von einem ver­geb­li­chen, ja sinn­lo­sen Opfer. Ein gewis­ser Tausch­cha­rak­ter, auch wenn die­ser Tausch ande­ren Regeln fol­gen mag als beim Tausch auf dem Markt, ist in der nicht-mytho­lo­gi­schen Meta­pher doch noch erkennbar.

Essay

»Wenn Du Frieden willst …«

Wie der Ukraine-Krieg das pazifistische Denken verändert

In den letz­ten Wochen hat der Begriff »Zei­ten­wen­de« sein Schat­ten­da­sein in der eso­te­ri­schen und völ­ki­schen Schmud­del­ecke abge­streift; er ist – nicht zuletzt durch sei­ne Ver­wen­dung durch den deut­schen Bun­des­kanz­ler Olaf Scholz – zu einer Bezeich­nung für den Abschied von einer regel­ba­sier­ten Welt­ord­nung (Her­fried Mün­k­ler) avan­ciert. Damit ist aller­dings zugleich auch eine Abkehr von der Abkehr gemeint: Der labi­le Frie­dens­zu­stand zwi­schen 1945 und 1989 war durch ein »Gleich­ge­wicht des Schre­ckens« defi­niert, das sei­ner­seits durch ein per­ma­nen­tes – auch ato­ma­res – Wett­rüs­ten auf­recht erhal­ten wur­de. Seit der Auf­he­bung die­ses Gleich­ge­wichts durch den Zer­fall des als »Ost­block« bezeich­ne­ten Impe­ri­ums der um die Sowjet­uni­on geschar­ten Staa­ten des War­schau­er Pak­tes hat­ten wir in den west­li­chen Demo­kra­tien uns in der trü­ge­ri­schen Hoff­nung gewiegt, eine per­ma­nen­te mul­ti­la­te­ra­le Abrüs­tung stel­le eine erfolg­rei­che Abkehr von dem bila­te­ra­len Gleich­ge­wicht des Schre­ckens dar. Schon damals waren aller­dings kri­ti­sche Stim­men laut gewor­den, die davor warn­ten, dass der damit ver­bun­de­ne »Ver­lust des Feind­bil­des« eine desta­bi­li­sie­ren­de Wir­kung haben könn­te, und die zahl­rei­chen bewaff­ne­ten Kon­flik­te seit 1989, auch an den Rän­dern Euro­pas, an denen nach G. Kon­rad »der Wahn­sinn kichert«, hät­ten uns das auch ein­drück­lich bestä­ti­gen kön­nen, wenn wir nur dar­auf gehört hät­ten. Spä­tes­tens jetzt aber erle­ben wir in der besag­ten Zei­ten­wen­de die Abkehr von die­ser Abkehr. Und wir begin­nen zu ahnen, dass der von Putin mit faden­schei­ni­gen »fake news« buch­stäb­lich vom Zaun gebro­che­ne Ukrai­ne­krieg nicht bloss Aus­ge­burt eines para­no­iden natio­na­lis­ti­schen Dik­ta­to­ren­ge­hirns sein, son­dern einer »geo­po­li­ti­schen Neu­ord­nungs­idee« fol­gen könn­te. Vor die­sem Hin­ter­grund taucht hin­ter den eben­so ver­zwei­fel­ten wie berech­tig­ten Mini­mal­for­de­run­gen nach einem Waf­fen­still­stand die ban­ge Fra­ge auf, wie denn das Ver­hält­nis von Krieg und Frie­den nach 2022 zu den­ken ist. Anders: ob eine poli­ti­sche Opti­on, die pri­mär am Frie­den ori­en­tiert ist und die oft als »Pazi­fis­mus« bezeich­net wird, über­haupt noch eine Berech­ti­gung hat.

Von unse­rer Logik in die Irre geführt

Nun geht, wer heu­te einem recht ver­stan­de­nen Pazi­fis­mus das Wort reden will, »einen schwe­ren Gang«, um es mit den Wor­ten des Lands­knechts­füh­rers Georg von Frund­s­berg ange­sichts von Mar­tin Luthers Auf­tritt vor dem Reichs­tag zu Worms 1521 zu sagen. Bei dem Ver­such, den Pazi­fis­mus neu zu den­ken, gilt es näm­lich, zual­ler­erst ein mäch­ti­ges Hin­der­nis zu über­win­den, das unser Den­ken »hin­ter unse­rem Rücken« prägt: unse­re Logik. Gemeint sind damit die impli­zi­ten Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten unse­res Den­kens, und hier vor­dring­lich eine der wich­tigs­ten logi­schen Grund­ope­ra­tio­nen, die der Nega­ti­on. Zwar wis­sen wir theo­re­tisch, dass es einen gewich­ti­gen Unter­schied zwi­schen Kon­tra­dik­ti­on und Kon­t­ra­rei­tät gibt, anders und weni­ger tech­nisch aus­ge­drückt: dass es zu jedem A mehr als nur ein Non-A gibt. Aber in unse­rer impli­zi­ten Logik redu­zie­ren wir intui­tiv das eine auf das ande­re: Was für die logi­schen Wer­te »wahr« und »falsch« gilt, wird auf alles über­tra­gen. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich, was nicht gut ist, ist böse. Und das geht auch auf der nächs­ten Anwen­dungs­stu­fe der Nega­ti­on wei­ter, so dass die Nega­ti­on der Nega­ti­on – ähn­lich wie in der Mathe­ma­tik Minus mal Minus Plus ergibt – die ers­te Nega­ti­on wie­der auf­hebt. Auf unse­ren Fall ange­wen­det: Die der­zeit erfor­der­li­che Abkehr von der Abkehr des Wett­rüs­tens scheint nur einen Weg zu ken­nen: den Rück­kehr zum Wettrüsten.

Über­wäl­tigt von der Flut grau­en­vol­ler Zer­stö­rungs­bil­der, die jeden­falls uns im Wes­ten täg­lich über­schwem­men, ten­die­ren wir zu die­ser Kon­se­quenz. Aber schon ein ein­fa­cher Gedan­ke zeigt, dass das nicht  zutrifft: Selbst wenn der gegen­wär­ti­ge Kriegs­zu­stand durch einen Waf­fen­still­stand unter­bro­chen und irgend­wann ein­mal sogar durch einen Frie­dens­schluss been­det wür­de, wäre der erreich­te »Frie­den« nicht der­sel­be wie der vor dem rus­si­schen Über­fall auf die Ukrai­ne am 24. Febru­ar 2022. Zu viel ist in der Zwi­schen­zeit gesche­hen, zu viel ist zer­stört, zu vie­le Men­schen sind getö­tet oder ver­trie­ben wor­den, als dass wir uns den Frie­den, um den es hier geht, ein­fach nur als eine Wie­der­her­stel­lung des sta­tus quo ante den­ken könnten.

Essay

Über die Zumutbarkeit der Wahrheit

Beim Jahreswechsel 2021/2022 in Corona Zeiten verfasst

Eini­ge Zita­te vorab:

Nicht die Wahr­heit, in deren Besitz irgend­ein Mensch ist oder zu sein ver­mei­net, son­dern die auf­rich­ti­ge Mühe, die er ange­wandt hat, hin­ter die Wahr­heit zu kom­men, macht den Wert des Men­schen aus.
Gott­hold Ephra­im Les­sing, 1777

Die Wahr­heit führt in vie­len Fäl­len zum poli­ti­schen Tod.
Minis­ter Karl Lau­ter­bach, Anfang 2022

Vom Wahr­sa­gen lässt sich leben, aber nicht vom Wahr­heit sagen.
Es ist unmög­lich, die Fackel der Wahr­heit durch ein Gedrän­ge zu tra­gen, ohne jeman­den den Bart zu versengen.
Georg Chris­toph Lich­ten­berg in sei­nen »Sudel­bü­chern« im spä­ten 18. Jahrhundert

Wahr­heit meint die Über­ein­stim­mung zwi­schen dem Wis­sen eines erken­nen­den Sub­jek­tes und dem Seienden.
laut Wiki­pe­dia 2022  

Wahr­heit – im logi­schen Sinn die Über­ein­stim­mung unse­rer Gedan­ken mit sich selbst und mit den all­ge­mei­nen Geset­zen des Den­kens oder mit des­sen Gegen­stän­den, dem Sein.
Mey­ers Kon­ver­sa­ti­ons­le­xi­kon 1890

Was ist also Wahr­heit? Ein beweg­li­ches Heer von Meta­phern, Met­ony­mi­en und Anthro­po­mor­phis­men.[1]
Wahr­hei­ten sind Illu­sio­nen, von denen man ver­ges­sen hat, dass sie wel­che sind.
Fried­rich Nietz­sche, 1872, Über Wahr­heit und Lüge im außer­mo­ra­li­schen Sin­ne  

Die Wahr­heit ist, dass mir auf Erden nicht zu hel­fen war.
Hein­rich von Kleist, 1811

Die Wahr­heit ist dem Men­schen zumutbar.
Inge­borg Bach­mann, 1959

Wis­sen­schaft ist die Suche nach der Wahr­heit – nicht ein Spiel, in dem man sei­nen Geg­ner zu besie­gen versucht.
Linus Pau­ling, 1954

Ein per­sön­li­cher Prolog

Der Auf­klä­rer Vol­taire[2] mein­te im 18. Jahr­hun­dert, die unbe­streit­ba­re Wahr­heit für das Dasein bestehe dar­in, dass es so etwas wie die bes­te Welt-, Staats- und Gesell­schafts­ord­nung nicht gibt. Wenn poli­tisch akti­ve Men­schen nun für uner­reich­ba­re Idea­le kämp­fen, wer­de ihnen gegen­über Tole­ranz im Den­ken not­wen­dig. Der Phy­si­ker und Phi­lo­soph Carl Fried­rich von Weiz­sä­cker mein­te im 20. Jahr­hun­dert, die unbe­streit­ba­re Wahr­heit für die Wis­sen­schaft bestehe dar­in, dass sie die Geheim­nis­se der Welt nicht auf­de­cken und nur ver­tie­fen kann. Es gibt die eine kor­rek­te Ant­wort auf Fra­gen eben­so wenig wie die bes­te Ord­nung im Leben. Wenn Men­schen nun eine kor­rekt wir­ken­de und ihnen rich­tig erschei­nen­de Erklä­rung von irdi­schen Din­gen und ihren Abläu­fen prä­sen­tie­ren, soll­te man ihrem Anspruch mit his­to­risch-kri­ti­scher Gelas­sen­heit begeg­nen. Die bit­te­re Wahr­heit ist lei­der, dass der aktu­el­le Stand der All­ge­mein­bil­dung hier­zu­lan­de die­se Ein­stel­lung nahe­zu unmög­lich macht und verhindert.

Das Stre­ben nach Wissen

Men­schen stre­ben von Natur aus nach Wis­sen, wie sie alle wis­sen und wie Aris­to­te­les im ers­ten Satz sei­ner »Meta­phy­sik« Jahr­hun­der­te vor Chris­ti Geburt geschrie­ben hat. Ihm zufol­ge ver­hal­ten sich Men­schen so, weil sie Freu­de an der Wahr­neh­mung der Welt haben – im grie­chi­schen Ori­gi­nal steht »ais­the­sis«. Es geht bei der wahr­lich sinn­vol­len Tätig­keit der Sin­ne um das Wah­re, was in der deut­schen Spra­che auch als ers­te Sil­be im Begriff des Wahr­neh­mens zum Aus­druck kommt. Men­schen ver­su­chen, mit Hil­fe die­ser von Natur aus gege­be­nen ästhe­ti­schen Fähig­keit die Wahr­heit zu schau­en, die sie nach erfolg­ter sinn­li­cher Erfah­rung ihrem Wis­sen zufü­gen wol­len, wobei allen Men­schen bekannt sein wird, dass es bei die­ser Umset­zung auf­zu­pas­sen gilt. Eini­ge geben sich auf­rich­ti­ge Mühe, die mit ihrem Wis­sen ver­bun­de­ne Wahr­heit zu erfas­sen, wie Les­sing anmerkt, wäh­rend er 1777 »Über den Beweis des Geis­tes und der Kraft« nach­denkt (was eine pau­li­ni­sche For­mu­lie­rung aus dem Korin­ther­brief auf­greift). Man wür­de den gro­ßen Mann dazu ger­ne fra­gen, ob es tat­säch­lich so ist, dass Men­schen bei ihrer Suche nach Erkennt­nis­sen ver­su­chen, im Wort­sinn »hin­ter die Wahr­heit zu kom­men«, wie es bei dem Schöp­fer von »Nathan der Wei­se« heißt? Sind Men­schen bei ihrem Suchen nach ihr nicht die gan­ze Zeit schon dort? Die Men­schen ren­nen doch hin­ter der Wahr­heit her, wie der Volks­mund sagt. Oder ver­hält sich die Sache mit der Wahr­heit in Wahr­heit gera­de anders­her­um, näm­lich so, wie Robert Musil es im frü­hen 20. Jahr­hun­dert gese­hen und in sei­nem Roman »Mann ohne Eigen­schaf­ten« beschrie­ben hat?

Musil zufol­ge leben sei­ne Zeit­ge­nos­sen erst­mals in einem wis­sen­schaft­li­chen Zeit­al­ter, und sie unter­lie­gen seit­dem und über den heu­ti­gen Tag hin­aus einem Zwang zum Wis­sen. »Man kann nicht nicht wis­sen wol­len«, wie es Musil for­mu­liert. Vie­le lei­den unter einer »Trunk­sucht am Tat­säch­li­chen«, wie der »Mann ohne Eigen­schaf­ten« ver­kün­det«, der befürch­tet, dass im bür­ger­li­chen Leben dadurch etwas aus dem Gleich­ge­wicht gerät. Denn wenn das Wis­sen zur Lei­den­schaft wird, dann ist es »gar nicht rich­tig, dass der For­scher der Wahr­heit nach­stellt«, und dann gilt viel­mehr das Umge­kehr­te, und das heißt, die Wahr­heit »stellt ihm nach«, wie im Roman aus­drück­lich fest­ge­stellt wird, und jetzt kann sich jeder oder jede fra­gen, was sei­ne oder ihre Sicht auf die Wahr­heit zu erken­nen gibt. Lockt sie die Men­schen oder jagt sie die Men­schen und treibt uns nun vor sich her? Und wenn sie die Jäge­rin ist, wo will die Wahr­heit die gejag­ten Men­schen zuletzt stel­len, um ihnen die Chan­ce zu geben, ihr ins Gesicht zu schauen?

Essay

Rhetorik der Autorität – autoritäre Rhetorik?

Zur Ambivalenz politischer Kommunikation

»Ich mache Ihnen ein Ange­bot, dass Sie nicht ableh­nen kön­nen.« Die­sen Satz sagt der Mafia-Boss Don Cor­leo­ne im Film »Der Pate« zu Geschäfts­part­nern – in aller Freund­lich­keit und Klar­heit. Voll­kom­men klar ist, was pas­siert, wenn man ein Ange­bot des Paten ablehnt, er ist die Auto­ri­tät, sein Ange­bot lässt sich nicht ableh­nen, jeden­falls nicht ohne Risi­ko für Leib und Leben.– Die­ser Essay hin­ge­gen macht ein Ange­bot, das ein Leser ableh­nen kann, er trägt ihm ledig­lich Gedan­ken und fünf The­sen dazu an, wie Auto­ri­tät und Rhe­to­rik mit­ein­an­der ver­bun­den sind; die­ses Ange­bot kann abge­lehnt und kri­ti­siert wer­den, in Gän­ze oder in Tei­len – der Autor die­ses Essays ist weder Auto­ri­tät noch Pate, nie­man­dem droht ein Ungemach.

»Rhe­to­rik« wird in die­sen Zei­len als phi­lo­so­phi­sche Dis­zi­plin im Sin­ne einer grund­le­gen­den und der ältes­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft und Argu­men­ta­ti­ons­theo­rie auf­ge­fasst. Zum Ver­hält­nis von Rhe­to­rik und Auto­ri­tät, zu der Fra­ge, ob eine Rhe­to­rik der Auto­ri­tät bereits einer auto­ri­tä­ren Rhe­to­rik ent­spricht und wie sich das in einer Ambi­va­lenz poli­ti­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on nie­der­schlägt, neh­men die fol­gen­den The­sen Stel­lung, die im Anschluss aus­führ­li­cher dis­ku­tiert werden:
• Mit den klas­si­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­del­len der Rhe­to­rik lässt sich nach wie vor ein struk­tu­rel­les Ver­ständ­nis für poli­ti­sche Auto­ri­tät ent­wi­ckeln, aller­dings müs­sen die­se Model­le im Detail an Ver­än­de­run­gen der Zeit ange­passt werden.
• Nach die­sen klas­si­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­del­len ist die Grund­la­ge für eine ­dau­er­haf­te Per­sua­si­on dadurch zu legen, dass Pathos und Ethos dem Logos die­nen, dau­er­haf­te Über­zeu­gung also nicht ohne plau­si­ble Sach­ar­gu­men­te zu haben ist. Auto­ri­tät wird dabei vor­nehm­lich durch das Ethos des Poli­ti­kers und Red­ners ver­kör­pert, Auto­ri­tät und Ethos ste­hen aber in Wech­sel­wir­kung mit dem Pathos, das der Poli­ti­ker anspricht und wie er das tut, und mit der Plau­si­bi­li­tät sei­ner ­Argu­men­te und wie er sie vorbringt.
• Die heu­ti­gen poli­ti­schen Dis­kur­se schei­nen die­sem klas­si­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­del­len der Rhe­to­rik nicht mehr voll zu ent­spre­chen. Sach­ar­gu­men­te schei­nen an Bedeu­tung zu ver­lie­ren, Ethos- und Pathos-Appel­le zum Selbst­zweck media­ler Insze­nie­run­gen zu werden.
• Die Auto­ri­tät scheint sich zu ver­schie­ben: Bis­lang wur­de sie als Wahr­haf­tig­keit dem Poli­ti­ker zuge­spro­chen, der mit Affekt­er­re­gung (Pathos) und Ver­trau­ens- und Glaub­wür­dig­keit (Ethos) die Her­zen der Men­schen für Sach­ar­gu­men­te (Logos) ­öff­ne­te und sie über­zeu­gend und plau­si­bel vor­trug. Vor­aus­set­zung dafür war, dass die Bür­ger in einer Demo­kra­tie aus­rei­chend infor­miert und demo­kra­tisch gebil­det sind, um sich kri­tisch mit den Argu­men­ten und ihrer Dar­bie­tung auseinander­zusetzen und um zum Bei­spiel ihren Wahr­heits­ge­halt zu prü­fen oder ihre Plau­si­bi­li­tät in der Sache, also objek­tiv zu bewerten.
• Inzwi­schen scheint die­se Aus­ein­an­der­set­zung nicht mehr an kri­ti­sches Ver­mö­gen ange­bun­den zu wer­den. Die Auto­ri­tät des Poli­ti­kers grün­det viel­mehr auf sei­ner (und sei­ner Appa­ra­te) Fähig­keit, in den Medi­en kurz­fris­tig Affek­te zu erre­gen und Ethos-Insze­nie­run­gen in kur­zer Tak­tung und hoher Inten­si­tät (Stil­hö­he) zu plat­zie­ren. Die Auto­ri­tät der Poli­tik wird dabei an sich ver­wor­fen: Eine oft erfolg­reich ver­folg­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie weist im öffent­li­chen Dis­kurs poli­ti­sche Auto­ri­tät dem­je­ni­gen zu, der behaup­tet, der Poli­tik, dem poli­ti­schem Sys­tem und der ­poli­ti­schen Klas­se fern­zu­ste­hen, durch sie nicht »kon­ta­mi­niert« zu sein. Die­se ­Stra­te­gie behaup­tet im Kern, dass wir dem­je­ni­gen poli­ti­sche Auto­ri­tät zubil­li­gen sol­len, der apo­li­tisch ist. Die Stra­te­gie grün­det letzt­lich auf der Verächtlich­machung von Poli­tik und poli­ti­scher Autorität.

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»Ein schon längst rege befahrener Grenzverkehr«

Florian Arnold über Design und Philosophie

Von Yannick Marszalek


Unser Berufs- und All­tags­le­ben sei zuneh­mend an Design­ent­schei­dun­gen gekop­pelt, die wie­der­um Ein­fluss auf unse­re prak­ti­schen Mög­lich­kei­ten neh­men, so Flo­ri­an Arnold. Des­halb sei­en gestal­te­ri­sche Her­aus­for­de­run­gen auf einer ele­men­ta­ren Ebe­ne mit phi­lo­so­phi­schen Grund­fra­gen ver­bun­den: Wie wol­len wir leben? Was ist ein gutes Leben über­haupt? Wie lässt es sich her­stel­len? Was sol­len wir dafür tun? 

»Jeder Desi­gner reagiert auf irgend­et­was, wenn er einen Ent­wurf vor­legt. Das expli­zit machen zu kön­nen, einer­seits das Pro­blem sau­ber benen­nen und ande­rer­seits Rechen­schaft über die gewähl­te Lösung able­gen zu kön­nen, ist, den­ke ich, tat­säch­lich wesens­ver­wandt mit genu­in phi­lo­so­phi­scher Refle­xi­on«, betont Arnold. Sei­ner Mei­nung nach wächst in einer zuneh­mend kom­ple­xer wer­den­den Gesell­schaft nicht nur die Ver­ant­wor­tung von Desi­gne­rIn­nen, son­dern auch die Rele­vanz der Phi­lo­so­phie als pro­fes­sio­nel­les Refle­xi­ons­me­di­um. Daher die Fra­ge: »War­um nicht all das in eine Gestal­tungs­pra­xis übersetzen?«

Im Inter­view spricht er über design­phi­lo­so­phi­sche Schnitt­stel­len, die Design­leh­re und auch die Wich­tig­keit, Phi­lo­so­phie und Design mit­ein­an­der ins Gespräch zu bringen.

 

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»95 % unserer Entscheidungen unbewusst«

Gesa Lischka befasst sich mit Neuromarketing

Von Caroline Löbmann


»Was für eine gigan­ti­sche Rol­le die­se unbe­wuss­ten Ent­schei­dun­gen spie­len«, weiß Gesa Lisch­ka, Exper­tin für Neu­ro­mar­ke­ting. Dass wir ver­meint­lich bewusst getrof­fe­ne Ent­schei­dun­gen doch oft nicht bewusst getrof­fen haben, ver­deut­licht sie anhand von prak­ti­schen Übun­gen und betont: »Unser Bewusst­sein bestimmt nicht unse­re Hand­lun­gen, jeden­falls nicht immer.« 

 

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»Man sieht mehr, wenn man mehr weiß«

Autor Frank Berzbach über das Arbeiten und Lernen

Von Annette Lorenz


Ana­lo­ge Medi­en wie Schall­plat­ten, Füll­fe­der­hal­ter und Schreib­ma­schi­nen nutzt Frank Berz­bach als Inspi­ra­ti­ons­quel­le und Dra­ma­tur­gie, er sei »Umge­ben von Büchern und Schall­plat­ten«. Im Inter­view erzählt er davon, wie Schrei­ben und Lesen sich gegen­sei­tig bedin­gen, wie aus Ideen Bücher wer­den und war­um das Arbei­ten ohne Dead­line für ihn viel bes­ser funk­tio­niert. Der Autor beschreibt sei­nen Schaf­fens­pro­zess und gibt einen Ein­blick in sei­ne Arbeits­ab­läu­fe. Eine Bedin­gung für gutes Schrei­ben sei: unge­stört sein.

Das Lesen von zwei­tau­send Jah­ren Kunst­ge­schich­te, das Besu­chen das Aus­stel­lun­gen, das Sich-Ver­tie­fen in Film­ge­schich­te kon­su­mie­ren – all das hilft dem Autor, zu neu­en Ein­sich­ten zu gelan­gen: »Es ist ein Luxus, sich Wis­sen erar­bei­ten zu können.«

 

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