Hördatei
»Das Inhaltliche lebt. Das Geld lebt nicht«
Yadegar Asisi über seine immersiven Panorama-Welten
Mit seinen monumentalen Panoramen erschafft Yadegar Asisi immersive Welten, die Geschichte, Natur und Kunst spürbar machen. Im Interview mit »Sprache für die Form« spricht er über das Panorama als Medium – darüber, wie es Menschen nicht nur visuell, sondern auch inhaltlich berührt. Es geht um künstlerische Freiheit, historische Authentizität und darum, wie sehr persönliche Erfahrungen seine Arbeit prägen. »Soziale Intelligenz ist das einzige was uns stark macht«, sagt der Architekt und Künstler.
»Das Zeichnen ist ein Instrument fürs Leben« – für Asisi ist Kunst untrennbar mit der eigenen Biografie verbunden. Geprägt von seiner Vergangenheit erzählt er, welche Prozesse und Erlebnisse ihn zu seinem heutigen Ausdruck geführt haben und befindet: »Rhetorik ist Gestaltung.«
Anmerkung der Redaktion: Aus technischen Gründen mussten wir das Interview auf zwei Hördateien verteilen.
Teil 1:
Teil 2:
Essay
Über die Vielfalt der Erkenntnisformen
Für einen toleranten Pluralismus
Charles Percy Snow hat (1959) die These vom Gegensatz zwischen geisteswissenschaftlich-literarischer Kultur und naturwissenschaftlich-technischer Kultur vertreten. Snow zufolge haben diese beiden Kulturen so unterschiedliche Denkweisen entwickelt, dass eine Verständigung zwischen ihnen nicht mehr möglich sei.[1] Die von Snow beschriebene und beklagte Kluft hat teilweise zu einer wechselseitigen Intoleranz geführt. Ich erinnere mich an Diskussionen, in denen die einen als »geistlos« und die anderen als »nutzlos« klassifiziert wurden. Ich selbst stand schon als Student zwischen den Fronten, da ich an der Universität Münster nicht nur Philosophie und Literaturwissenschaft studierte, sondern auch Vorlesungen zur mathematischen Logik besuchte. Der Gang vom Germanistischen Institut im Süden von Münster zum Institut für mathematische Logik und Grundlagenforschung im Norden von Münster kam mir wie das Überschreiten einer Sprachgrenze vor. Wie können wir mit solchen Grenzen umgehen? Sie lassen sich jedenfalls nicht dadurch überwinden, dass man eine Einheitswissenschaft propagiert und alle Gebiete über denselben methodischen Leisten schlägt. Die unterschiedlichen Erkenntnisformen, die sich in unterschiedlichen Darstellungsformen niederschlagen, sind schließlich in der Sache begründet. Den Konflikt zwischen den beiden Kulturen habe ich auch in mir selbst ausgetragen. Zugespitzt hat er sich für mich in dem Gegensatz zwischen logischer Präzision und literarischer Prägnanz als zwei unterschiedlichen Formen der Genauigkeit.
Dieses Vortragsmanuskript wird versuchen, die angesprochene Kluft zu überbrücken und die mit dieser Kluft einhergehende Intoleranz im Rahmen eines Pluralismus unterschiedlicher Erkenntnisformen zu überwinden. Der wesentliche Schritt dabei ist der Nachweis, dass Erkenntnisleistungen nicht auf die Wissenschaften beschränkt bleiben, sondern auch in anderen Gebieten erbracht werden. Insbesondere Literatur und Kunst haben eigene Erkenntnisformen entwickelt. Der hier vertretene tolerante Pluralismus versteht sich nicht als Relativismus, sondern als Komplementarismus in dem Sinne, dass die unterschiedlichen Weisen der Erkenntnis sich wechselseitig ergänzen. Exemplarisch entwickeln werde ich diesen Gedanken anhand eines Vergleichs zwischen wissenschaftlicher und dichterischer Erkenntnis.
Eine Kluft zwischen den beiden Kulturen?
Vorauszuschicken ist, dass die beklagte Kluft zwischen den zwei Kulturen – zumindest im Deutschen – nicht recht aufgeht, ist doch die Mathematik im Grunde eine Wissenschaft des Geistes schlechthin und ist andererseits die Psychologie, die es ihrer Bezeichnung nach mit dem Geist zu tun hat, auf dem besten Wege, zu einer mathematischen Naturwissenschaft zu werden. Die angelsächsische Gegenüberstellung von humanities und sciences erscheint da schon sinnvoller. Eine Geisteswissenschaft – mit Betonung auf »Wissenschaft« – ist im angelsächsischen Sprachraum schon aus terminologischen Gründen nicht vorgesehen. Mein Universitätslehrer in neuerer deutscher Literaturgeschichte, Wolfgang Preisendanz, gab dieser Sicht insofern Recht, als er methodologischen Diskussionen um den Wissenschaftsanspruch der Literaturwissenschaft auswich, indem er erklärte, sein Fachgebiet sei nicht Literaturwissenschaft, sondern Literaturkunde. Nun, wie weit oder wie eng wir den Begriff der Wissenschaft auch fassen mögen, nicht zu übersehen ist, dass es unterschiedliche Kulturen der Darstellung gibt.
Auszugehen ist nicht von streng getrennten, also disjunkten Darstellungs- und entsprechenden Erkenntnisformen. Vielmehr gibt es – wie im Farbkreis zwischen den Komplementärfarben (zum Beispiel Gelb und Blau) – durchaus Übergänge und damit Mischformen. Gerade in meinem eigenen Gebiet, der Philosophie, tut sich eine große Spanne zwischen logischen und literarischen Darstellungsformen auf. So ist Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften seiner Form nach ein literarisches Werk, steht aber mit seinen inhaltlichen Reflexionen auf der Schwelle zur Philosophie, und Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus ist seinem Inhalt nach vor allem ein logisches Werk, bedient sich aber gezielt der literarischen Form des Aphorismus.
Das ganze Spektrum möglicher Darstellungsformen abzuschreiten, ist hier nicht der Raum. Wie bereits angekündigt, beschränke ich mich auf einen Vergleich der am weitesten auseinander liegenden Formen der Erkenntnis – der wissenschaftlichen und der dichterischen. Um den Vergleich nicht zu schwierig zu gestalten, belasse ich es bei der Gegenüberstellung von wissenschaftlich-behauptender und fiktional-erzählender Rede, also bei dem klassischen Gegensatz zwischen Logos und Mythos. Was am Beispiel der erzählenden Literatur erkundet wird, lässt sich aber auch analog auf die lyrische und dramatische Literatur übertragen.
Hördatei
»Überzeugen ist nicht nur Struktur, Logik, Ordnung …«
Thomas Susanka über Wissenschaftskommunikation
Thomas Susanka beantwortet im Interview Fragen zum Thema Rhetorik und Design. Dabei erläutert er die Anwendbarkeit der Rhetorik auf gestalterische Prozesse und warum rhetorische Methoden der Schlüssel zu einem erfolgreichen Design sind. So stellt er fest: »Eine Rehtorik des Designs ist ganz in den Kern der Rhetorik eingeschrieben.
Im zweiten Teil des Interviews steht die Wissenschaftskommunikation im Fokus. Thomas Susanka erzählt von den Chancen und Herausforderungen, die sich bei der Gestaltung wissenschaftlicher Inhalte ergeben. Das Thema »Gestaltung von Wissenschaftskommunikation« werde in den nächsten Jahren noch mehr Bedeutung gewinnen, wodurch sich auch für Gestalter neue Arbeitsfelder auftun würden.
Essay
Gerüchte im »Kulturkampf«
Wie moderne Populisten auf die Popkultur zurückgreifen
Das Spiel mit Popkultur ist im Feld medial vermittelter Propaganda nicht neu – und vielleicht ist es nicht zuletzt genau deswegen so gefährlich. Paul Watzlawick nannte es das Spiel mit »Konfusionen«, mit Unruhe auslösenden Botschaften und Nachrichten –, die es schaffen, Menschen gründlich durcheinander zu bringen. Es werden so lange verwirrende und falsche Behauptungen aufgestellt bis die Menschen nach irgendeiner logischen Erklärung suchen, nach einer Ordnung, die ihnen zu verstehen hilft, was sie gerade sehen und hören. Wenn etwa lange genug behauptet wird, die Demokratie werde gerade heimlich abgeschafft, kann es passieren, dass die Zuhörer nach Anzeichen suchen, ob die Behauptung möglicherweise stimmt. Wenn man lange genug vermittelt bekommt, die eigene Sprache und Kultur werden von geheimen Mächten im Hintergrund abgeschafft, kann jeder englische Begriff in einem öffentlichen Gespräch zum Hinweis werden: Es scheint etwas dran zu sein am großen Kulturkampf. »Die sogenannte Wirklichkeit ist das Ergebnis von Kommunikation«, meinte Paul Watzlawick[1]. Er gab seinen Lesern schon im letzten Jahrhundert beeindruckende Einblicke in die Trickkiste der Populisten. In ihre Fähigkeit, durch das Streuen von Nachrichten, literarischen Schnipseln und raunenden Anspielungen erst Unordnung zu stiften, um dann dem irritierten Publikum die Erleichterung einer scheinbar wiedergefundenen Ordnung zu verschaffen.
Anhand eines beunruhigenden Beispiels aus Frankreich aus dem Jahr 1969 zeigt Watzlawick auf, wie in Zeiten der Verunsicherung alte diskriminierende Erzählungen in einer Gesellschaft nach oben steigen können. Watzlawick bezieht sich hier auf eine heute leider etwas in Vergessenheit geratene Studie des französischen Soziologen Edgar Morin und seines Teams.[2] Im Mai 1969 befand sich Frankreich in einem Zustand innerer Unruhe und politischer Instabilität. Der erfolgreiche Präsident und Kriegsheld General de Gaulle erlitt während eines Referendums eine Niederlage und zog sich zunächst auf sein Landgut nach Colombey-les-Deux-Eglises zurück. Für den 1. Juni wurden Neuwahlen ausgerufen. In dieser Zeit kam ein Gerücht in der Stadt Orléans auf: Damenmodegeschäfte und Boutiquen seien angeblich in Mädchenhandel verwickelt. In den Umkleidekabinen würden Mädchen überwältigt und betäubt. Man würde sie in Kellern gefangen halten und dann nach Übersee entführen und vergewaltigen. Bereits 28 junge Frauen würden in der Stadt vermisst.
Schließlich nahmen die Gerüchte immer mehr zu. Gegen Juden gerichtete Ritualmorderzählungen tauchten wieder auf; die jüdische Gemeinde bekam Angst und wandte sich an die Polizei. »Als das Gerücht sich ausbreitete und immer spezifischer wurde, kamen zwei bemerkenswerte Einzelheiten ans Licht: Erstens verkauften die betreffenden Modeläden die neuen Miniröcke und standen damit für die provinzielle Mentalität im Zwielicht einer besonderen Erotik; zweitens nahm das Gerücht einen ausgesprochen antisemitischen Charakter an. Das uralte Thema des Ritualmords tauchte auf und begann die Runde zu machen. Am 30. Mai hatte die Besorgnis der jüdischen Gemeinde über die Entwicklung der Dinge einen Grad erreicht, der sie veranlaßte, die Behörden um Schutzvorkehrungen zu ersuchen.«[3] Die Polizei untersuchte den Fall und fand rasch heraus, dass keine einzige Frau in Orléans vermisst wurde. Die Fakten hatten aber gegenüber der Macht des geglaubten Gerüchts kaum eine Chance. »Die Gefahr eines Pogroms war unleugbar.«[4] Am Tag nach den Neuwahlen und mit der Verkündigung des Wahlergebnisses brach die Anspannung in sich zusammen. Die Dinge normalisierten sich wieder. Der Soziologe Edgar Morin erkannte die Tragweite des Geschehens und machte sich mit seinem Forscherteam auf den Weg, die Ereignisse zu dokumentieren und zu untersuchen. Ob er wohl ahnte, wie symptomatisch die Unruhe in Orléans für ein Phänomen werden sollte, dass auch über fünfzig Jahre später eine wachsende Gefahr darstellt?
Hördatei
»Erleben dürfen, nichts zu sehen«
Jean Baldo über seine Arbeit in einem Dunkelrestaurant
»Im Dunkeln sind wir die, die helfen können«, erklärt Jean Baldo, Mitarbeiter des Dunkelrestaurants »Blinde Kuh« in Zürich.
Das Dunkelrestaurant »Blinde Kuh« in Zürich lädt seine Gäste auf einen Restaurantbesuch der besonderen Art ein. Seit 1999 haben Menschen hier die Möglichkeit, auf einen ihrer wichtigsten Sinne zu verzichten – ihren Sehsinn. In diesem Restaurant können sie die Speisen in völliger Dunkelheit genießen und sich auf ihre anderen Sinne konzentrieren. Das Ziel des Restaurants ist es aber nicht nur, den Gästen ein besonderes Erlebnis zu bieten, sondern auch den Dialog zwischen sehenden, sehbehinderten und blinden Menschen zu fördern, Arbeitsplätze für sehbehinderte und blinde Menschen zu schaffen und sich für deren Interessen einzusetzen.
Im Interview gewährt der Schweizer nicht nur Einblicke hinter die Kulissen des Restaurants, sondern schildert auch die Sichtweise der Gäste. Durch Anekdoten, die Baldo während seiner langjährigen Arbeit in der »Blinde Kuh« gesammelt hat, erfährt der Zuhörer, wie es sich anfühlen kann, Gast in dem Dunkelrestaurant zu sein.
Anmerkung der Redaktion: Aus technischen Gründen mussten wir das Interview auf zwei Hördateien verteilen.
Teil 1:
Teil 2:
Essay
Was macht eine Ausstellung interessant?
Über Kriterien und Kontexte
Das ist eine sehr interessante Frage: Was macht eine Ausstellung interessant? Die Geschichte des Wortes »interessant« reicht zurück bis zu den alten Römern und bedeutet ursprünglich: Schadensersatz, Vorteil und Nutzen, später auch: Aufmerksamkeit und Teilnahme.[1] Die Herkunft aus der Sprache des Handels und des Rechts klingt bis heute nach: Jemand kann ein interessantes Angebot machen oder zu einer Interessentengruppe gehören. (Das englische Wort für Zinsen heißt – nebenbei bemerkt: »interest«.) Unter dem Stichwort »interessant« verzeichnet der »Duden« nicht weniger als 36 Wörter mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung. Die Grundbedeutungen sind: »Interesse erweckend, erregend; geistig anziehend, fesselnd« und »Erfolg, Vorteil versprechend«.[2]
Das Interessante in der Wissenschaft
Aber nicht nur im Alltag und in der Wirtschaft, auch in der Wissenschaft dreht sich – fast – alles um das Interessante. Forschung muss originell und relevant sein, aber uninteressant darf sie auf keinen Fall sein. »So what?« … »Na und?« – das ist die denkbar schlimmste Reaktion, die man auf Forschungsergebnisse bekommen kann. Für seine eigene Disziplin hat ein Soziologe sogar provokant behauptet, es komme gar nicht so sehr darauf an, ob eine Theorie richtig oder falsch sei – Hauptsache: interessant.[3] Und er hat einen ganzen Katalog von Merkmalen erstellt, welche Phänomene an sich oder im Verhältnis zu anderen interessant machen. Was alle diese Aussagen gemeinsam haben: Was bis jetzt gegolten hat, ist in Wirklichkeit ganz anders …
Das Interessante in der Kunst
Wichtiger als in der Wissenschaft ist das Interessante nur noch in der Kunst – in der Gegenwartskunst, um genau zu sein.[4] Hier herrscht das Interessante unumschränkt – als Abweichung und Traditionsbruch vor dem Hintergrund des Konventionellen und Gewohnten: »Das Interessante wird interessant durch die Art der Abweichung vom Durchschnitt.«[5] Interessantheit ist der Wesenszug der Moderne. Der einzige Nachteil dabei – Interessantheit ist auch zu einer »Allerweltskategorie« geworden, »mit der sich eine bestimmte Form der Zustimmung und des Wohlgefallens«[6] äußern lasse.
Am Rande: das Interessante in Poetik und Ästhetik
Die Karriere des Begriffs in der Kunstphilosophie ist eine eigene – man kann ruhig sagen – höchst interessante Geschichte. In emphatischer Bedeutung hat das Interessante in einem historischen Moment – gegen Ende des 18. Jahrhunderts – eine entscheidende Rolle gespielt,[7] als nämlich die klassisch-idealistischen Vorstellungen des Wahren und Schönen frag- und kritikwürdig wurden. Bei Friedrich Schlegel, dem Theoretiker der Romantik, wird das Interessante zu einem »Schlüsselbegriff der modernen Poesie«.[8] Schlegel war es auch, der bemerkte, dass es der »Gefahr der Abnutzung« und dem »Zwang zur Selbstüberbietung« unterliege, und damit implizit die Dynamik des modernen Kunstmarkts vorhergesehen hat.[9]
Vor nicht allzu langer Zeit hat eine Autorin versucht, das Interessante (interesting) – neben dem Hübschen (cute) und Schrägen (zany) – im Rückgriff auf den Theoretiker der Romantik Friedrich Schlegel – als zentrale ästhetische Kategorie der Gegenwart neu zu forcieren.[10]
- [1] Ostermann, Eberhard: Das Interessante als Element ästhetischer Authentizität. In: Berg, Jan; Hügel, Hans-Otto; Kurzenberger, Hajo (Hg.): Authentizität als Darstellung. Hildesheim 1997. S. 197—215. Neupublikation im Goethezeitportal: http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/epoche/ostermann_interessante.pdf (aufgerufen am 10. März 2024)
- [2] https://www.duden.de/rechtschreibung/interessant
- [3] Davis, Murray: That’s Interesting! Towards a Phenomenology of Sociology and a Sociology of Phenomenology Phil. Soc. Sci. 1 (1971), 309—344.
- [4] vgl. dazu Liessmann, Konrad Paul (2008): Ästhetische Empfindungen. Eine Einführung. Wien: facultas, S. 101—113.
- [5] ebd., S. 107.
- [6] ebd., S. 101.
- [7] vgl. Ostermann (Anmerkung 1) und Liessmann (Anmerkung 4)
- [8] Jauß, Hans Robert (1968) (Diskussionsbeitrag) In: Die nicht mehr schönen Künste. Grenzphänomene des Ästhetischen. Hrsg. von Hans Robert Jauß. München: Fink, S. 640.
- [9] Vgl. Zelle, Carsten (1995): Die doppelte Ästhetik der Moderne. Revisonen des Schönen von Boileau bis Nietzsche. Stuttgart / Weimar: Verlag J. B. Metzler, S. 253.
- [10] Ngai, Sianne: Our Aesthetic Categoies. Zany, Cute, Interesting, Cambridge (Mass.), London 2012.
Illustration
Der analogen Technik verbunden
Mart Klein ergänzt Handwerk durch digitale Technik
Mart Klein ist Illustrator aus Leidenschaft, das war er bereits zu Schulzeiten, bevor er an der FH Mainz studierte. Seine politischen Illustrationen erscheinen regelmäßig in Zeitungen und Magazinen wie »Spiegel«, »Handelsblatt«, »Playboy«, »Wirtschaftswoche«, »Cicero« oder »Stern«, zu seinen Kunden zählen auch Unternehmen wie »Edeka«, »Lufthansa«, »Greenpeace« oder »Audi«.
Der in Baden-Württemberg sesshaft gewordene Comiczeichner ist nach wie vor der analogen Technik verbunden, legt großen Wert auf Handwerk und nutzt digitale Techniken als ergänzendes Werkzeug. Sein Fokus liegt auf optisch ansprechenden, inhaltlich und faktisch klaren Illustrationen, die aber auch provozieren sollen. Klein wurde mit Preisen ausgezeichnet.
Hördatei
»… sich für ein Bild entscheiden«
Michael Calabrò über Bildsprache in der Fotografie
Michael Calabrò ist freischaffender Fotograf und lebt in Zürich. Er arbeitet vorwiegend im Bereich »Porträts und Reportagen« und ist – neben Corporate-Aufträgen in seinem Heimatland, der Schweiz – auch weltweit mit seiner Kamera unterwegs. Dabei begegneten ihm besondere Orte und Menschen. Die Spannweite der Motive reicht von Aufnahmen, die in Kooperation mit den UN in Kriegsgebieten entstanden, bis zum Leinentuch, das vor traumhafter Landschaft in der Abendsonne am Mittelmeer weht.
Michael Calabrò betont, wie wichtig es sei, bewusst auf den Auslöser zu drücken. Bild und Fotograf seien nie ganz zu trennen. Das Interview handelt von der Liebe zum Detail, von der Neugierde und der Frage, warum Fotografieren manchmal ist wie Gitarre spielen.
Buchbesprechungen
»Die Produktivität von Schwarz«
James Fox über »Die Welt im Licht der Farbe«
»Die Welt im Licht der Farbe« von James Fox erschien 2023 und wurde aus dem englischen Original »The World according to color« von Dominik Fehrmann übersetzt. Auf 344 Seiten schickt der Autor seine Leser auf eine Reise durch die Entstehungsgeschichte der Pigmentfarben und ihre Bedeutung für den Menschen. Mit Liebe zum Detail widmet er sich in Kapiteln von etwa 30 Seiten den sieben Primärfarben nach Aristoteles: Schwarz, Rot, Gelb, Blau, Weiß, Violett und Grün.
Genauso wie die Geschichte des Universums beginnt auch diese – mit Schwarz. Neben einer kurzen Einführung zur Wahrnehmung von Farbe durch das menschliche Auge legt der Autor die geballte Vielfalt von Schwarz dar. Wie es changiert zwischen der Verkörperung eines Ur-Dunkels und dem Ausdruck von Schönheit. Es dürfte einige Designer also freuen, dass ihr geliebtes Schwarz in diesem Buch die verdiente Anerkennung erhält.
Von »Rot« als erstem Farbrohstoff, mit dem man sich in Höhlenwänden verewigte, hangelt sich Fox entlang der Evolution bis zur Politisierung von »Grün« in der Gegenwart. Auf dem Weg dorthin zeigt er, wie Farbe und Status miteinander verwoben sind: Wer im frühzeitlichen China Rot trägt, ohne der entsprechenden sozialen Schicht anzugehören, verübte ein schweres Verbrechen (S. 80). Gleichzeitig verändert sich auch der Preis von Farben. Während sie zunächst als kostbares Gut eingesetzt wurde, explodiert die Welt bald vor bunten Eindrücken mit der Einführung synthetischer Färbemittel (S. 213).
Beim Lesen des Buchs entsteht für jede Farbe ein Gefühl. Fox gibt ihnen eine eigene Identität, lässt sie in Wechselwirkung miteinander treten. Dabei geht der Autor auch auf die »Produktivität von Schwarz« ein (S. 50). In ihrer Natur liegt es beispielsweise, Farben vor einem schwarzen, also vermeintlich neutralen, Hintergrund Leben einzuhauchen und sie strahlen zu lassen. Solche nützlichen Informationen innerhalb kurzer Ausflüge in die Kunstgeschichte oder in biografische Erzählungen erleichtern den Einstieg in jedes neue Kapitel.
»Die Welt im Licht der Farbe« ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Das Buch inspiriert und lädt dazu ein, die eigene Umwelt ein bisschen genauer zu untersuchen. Ähnlich wie der eifrige Schüler, dem wir die Farbe »Violett« zu verdanken haben (S. 209), steckt hinter James Fox ein Farbenthusiast, der mit seiner umfassenden Recherche ein verständliches Gesamtbild anfertigt, über die Verbindung zwischen Mensch und Farbe.
Buchbesprechungen
»Auf Dauer kreativ und ansprechend«
Jens Müller über die Vielfalt des Logos
Wer gerne Bilder anschaut, ist hier genau richtig. 6000 Logos aus einer Zeit von 1940 bis 1980 zusammengefasst in einem einzigen Buch. Mit dieser umfassenden Sammlung wird das 2015 im Taschen Verlag erschienene Buch »Logo Modernism« von Jens Müller zur Inspirationsquelle für Logo-Enthusiasten.
Neben der beeindruckenden Sammlung an Logos besticht das Buch vor allem durch sein Aussehen. Mit einem Format von 24,6 x 37,2 cm und einem Gewicht von 3,5 Kilogramm gehört es definitiv nicht zur leichten Lektüre. Was der Leser eventuell als unhandlich und schwer empfindet, verschafft den Inhalten jedoch genug Raum, um deren volle Wirkung zu entfalten. Eine weitere Besonderheit, die »Logo Modernism« von anderen Büchern unterscheidet, ist, dass Müller die Inhalte nicht nur einsprachig, sondern dreisprachig auf Englisch, Deutsch und Französisch präsentiert.
Inhaltlich beschäftigt sich Müller zunächst mit der Entstehungsgeschichte des Logos sowie der Frage, welche Bedeutung Logos für die Entwicklung einer Corporate Identity haben. Im weiteren Verlauf des Buches findet der Leser einen Essay von R. Roger Remington über die Moderne sowie Kommentare und Erfahrungsberichte einflussreicher Designer aus der Logo-Szene. Diese Anmerkungen ermöglichen dem Leser, ein tieferes Verständnis für die Materie zu erhalten und einen realitätsnahen Bezug herzustellen. Ein Zitat von Hermann Zapf, das das Wesen von Logos umfassend beschreibt, lautet so: »Logos sind die abstrakteste Form des Grafikdesigns: das Bild und die Stärke einer Organisation oder Firma, reduziert auf ein Symbol von allgemeinem, sofortigem Wiedererkennungswert. Schlichtheit gepaart mit Ausdruckskraft. Bisweilen steht ein Logo am Ende einer langen Entwicklung von der ersten Idee bis zur endgültigen Ausführung.« (S. 347)
Nachdem der Leser durch die Geschichte des Logos an das Thema herangeführt wurde, beschäftigt sich Müller mit verschiedenen Logoarten und unterteilt diese in drei übergeordnete Kategorien – »Geometrisch«, »Effekt« und »Typografisch«. Diese drei Überkategorien werden nochmals in kleinere Unterkategorien eingeteilt, die neben unzähligen Logos bekannter Unternehmen auch reale Fallbeispiele behandeln. Anhand dieser Beispiele wird der theoretische Teil praxisnah ergänzt und der Leser erfährt, wie die Logo- und CI-Entwicklung realisiert wird.
Entgegen der naheliegenden Erwartung beinhaltet das Buch trotz diverser Logo- und Fallbeispiele keine Anleitung zur Logoentwicklung. Vielmehr dient es als Inspirationsquelle und dazu, mehr Hintergrundwissen über die Geschichte des Logos und dessen gestalterischen Merkmale zu erhalten. Besonders spannend zu sehen ist, wie viele Logos bis heute noch in ihrer ursprünglichen oder ähnlichen Form von den Unternehmen verwendet werden. Der Designer Paul Ibou beschreibt die Wirkung des Logos wie folgt: »Im Gegensatz zu allen anderen grafischen Produkten und Werbetechniken, die letztlich recht kurzlebig sind, besteht der Sinn eines Logos oder einer Bildmarke eben genau nicht in einer sofortigen Werbewirksamkeit. Ihr Zweck liegt vielmehr darin, auf Dauer kreativ und ansprechend zu wirken.« (Ibou, Paul; S. 377) Mit dieser Aussage von Ibou möchte der Autor Jens Müller die Relevanz des Logos und somit auch des Buches hervorheben.






















