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»Das Inhaltliche lebt. Das Geld lebt nicht«

Yadegar Asisi über seine immersiven Panorama-Welten

Von Anke Westphal


Mit sei­nen monu­men­ta­len Pan­ora­men erschafft Yade­gar Asi­si immersi­ve Wel­ten, die Geschich­te, Natur und Kunst spür­bar machen. Im Inter­view mit »Spra­che für die Form« spricht er über das Pan­ora­ma als Medi­um – dar­über, wie es Men­schen nicht nur visu­ell, son­dern auch inhalt­lich berührt. Es geht um künst­le­ri­sche Frei­heit, his­to­ri­sche Authen­ti­zi­tät und dar­um, wie sehr per­sön­li­che Erfah­run­gen sei­ne Arbeit prä­gen. »Sozia­le Intel­li­genz ist das ein­zi­ge was uns stark macht«, sagt der Archi­tekt und Künstler.

»Das Zeich­nen ist ein Instru­ment fürs Leben« – für Asi­si ist Kunst untrenn­bar mit der eige­nen Bio­gra­fie ver­bun­den. Geprägt von sei­ner Ver­gan­gen­heit erzählt er, wel­che Pro­zes­se und Erleb­nis­se ihn zu sei­nem heu­ti­gen Aus­druck geführt haben und befin­det: »Rhe­to­rik ist Gestaltung.«

Anmer­kung der Redak­ti­on: Aus tech­ni­schen Grün­den muss­ten wir das Inter­view auf zwei Hör­da­tei­en verteilen.

Teil 1:

Teil 2:

 

Essay

Über die Vielfalt der Erkenntnisformen

Für einen toleranten Pluralismus

Charles Per­cy Snow hat (1959) die The­se vom Gegen­satz zwi­schen geis­tes­wis­sen­schaft­lich-lite­ra­ri­scher Kul­tur und natur­wis­sen­schaft­lich-tech­ni­scher Kul­tur ver­tre­ten. Snow zufol­ge haben die­se bei­den Kul­tu­ren so unter­schied­li­che Denk­wei­sen ent­wi­ckelt, dass eine Ver­stän­di­gung zwi­schen ihnen nicht mehr mög­lich sei.[1] Die von Snow beschrie­be­ne und beklag­te Kluft hat teil­wei­se zu einer wech­sel­sei­ti­gen Into­le­ranz geführt. Ich erin­ne­re mich an Dis­kus­sio­nen, in denen die einen als »geist­los« und die ande­ren als »nutz­los« klas­si­fi­ziert wur­den. Ich selbst stand schon als Stu­dent zwi­schen den Fron­ten, da ich an der Uni­ver­si­tät Müns­ter nicht nur Phi­lo­so­phie und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft stu­dier­te, son­dern auch Vor­le­sun­gen zur mathe­ma­ti­schen Logik besuch­te. Der Gang vom Ger­ma­nis­ti­schen Insti­tut im Süden von Müns­ter zum Insti­tut für mathe­ma­ti­sche Logik und Grund­la­gen­for­schung im Nor­den von Müns­ter kam mir wie das Über­schrei­ten einer Sprach­gren­ze vor. Wie kön­nen wir mit sol­chen Gren­zen umge­hen? Sie las­sen sich jeden­falls nicht dadurch über­win­den, dass man eine Ein­heits­wis­sen­schaft pro­pa­giert und alle Gebie­te über den­sel­ben metho­di­schen Leis­ten schlägt. Die unter­schied­li­chen Erkennt­nis­for­men, die sich in unter­schied­li­chen Dar­stel­lungs­for­men nie­der­schla­gen, sind schließ­lich in der Sache begrün­det. Den Kon­flikt zwi­schen den bei­den Kul­tu­ren habe ich auch in mir selbst aus­ge­tra­gen. Zuge­spitzt hat er sich für mich in dem Gegen­satz zwi­schen logi­scher Prä­zi­si­on und lite­ra­ri­scher Prä­gnanz als zwei unter­schied­li­chen For­men der Genauigkeit.

Die­ses Vor­trags­ma­nu­skript wird ver­su­chen, die ange­spro­che­ne Kluft zu über­brü­cken und die mit die­ser Kluft ein­her­ge­hen­de Into­le­ranz im Rah­men eines Plu­ra­lis­mus unter­schied­li­cher Erkennt­nis­for­men zu über­win­den. Der wesent­li­che Schritt dabei ist der Nach­weis, dass Erkennt­nis­leis­tun­gen nicht auf die Wis­sen­schaf­ten beschränkt blei­ben, son­dern auch in ande­ren Gebie­ten erbracht wer­den. Ins­be­son­de­re Lite­ra­tur und Kunst haben eige­ne Erkennt­nis­for­men ent­wi­ckelt. Der hier ver­tre­te­ne tole­ran­te Plu­ra­lis­mus ver­steht sich nicht als Rela­ti­vis­mus, son­dern als Kom­ple­men­ta­ris­mus in dem Sin­ne, dass die unter­schied­li­chen Wei­sen der Erkennt­nis sich wech­sel­sei­tig ergän­zen. Exem­pla­risch ent­wi­ckeln wer­de ich die­sen Gedan­ken anhand eines Ver­gleichs zwi­schen wis­sen­schaft­li­cher und dich­te­ri­scher Erkenntnis.

Eine Kluft zwi­schen den bei­den Kulturen?

Vor­aus­zu­schi­cken ist, dass die beklag­te Kluft zwi­schen den zwei Kul­tu­ren – zumin­dest im Deut­schen – nicht recht auf­geht, ist doch die Mathe­ma­tik im Grun­de eine Wis­sen­schaft des Geis­tes schlecht­hin und ist ande­rer­seits die Psy­cho­lo­gie, die es ihrer Bezeich­nung nach mit dem Geist zu tun hat, auf dem bes­ten Wege, zu einer mathe­ma­ti­schen Natur­wis­sen­schaft zu wer­den. Die angel­säch­si­sche Gegen­über­stel­lung von huma­ni­ties und sci­en­ces erscheint da schon sinn­vol­ler. Eine Geis­teswis­sen­schaft – mit Beto­nung auf »Wis­sen­schaft« – ist im angel­säch­si­schen Sprach­raum schon aus ter­mi­no­lo­gi­schen Grün­den nicht vor­ge­se­hen. Mein Uni­ver­si­täts­leh­rer in neue­rer deut­scher Lite­ra­tur­ge­schich­te, Wolf­gang Prei­sen­danz, gab die­ser Sicht inso­fern Recht, als er metho­do­lo­gi­schen Dis­kus­sio­nen um den Wis­sen­schafts­an­spruch der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft aus­wich, indem er erklär­te, sein Fach­ge­biet sei nicht Lite­ra­turwis­sen­schaft, son­dern Lite­ra­turkun­de. Nun, wie weit oder wie eng wir den Begriff der Wis­sen­schaft auch fas­sen mögen, nicht zu über­se­hen ist, dass es unter­schied­li­che Kul­tu­ren der Dar­stel­lung gibt.

Aus­zu­ge­hen ist nicht von streng getrenn­ten, also dis­junk­ten Dar­stel­lungs- und ent­spre­chen­den Erkennt­nis­for­men. Viel­mehr gibt es – wie im Farb­kreis zwi­schen den Kom­ple­men­tär­far­ben (zum Bei­spiel Gelb und Blau) – durch­aus Über­gän­ge und damit Misch­for­men. Gera­de in mei­nem eige­nen Gebiet, der Phi­lo­so­phie, tut sich eine gro­ße Span­ne zwi­schen logi­schen und lite­ra­ri­schen Dar­stel­lungs­for­men auf. So ist Robert Musils Der Mann ohne Eigen­schaf­ten sei­ner Form nach ein lite­ra­ri­sches Werk, steht aber mit sei­nen inhalt­li­chen Refle­xio­nen auf der Schwel­le zur Phi­lo­so­phie, und Lud­wig Witt­gen­steins Trac­ta­tus logi­co-phi­lo­so­phi­cus ist sei­nem Inhalt nach vor allem ein logi­sches Werk, bedient sich aber gezielt der lite­ra­ri­schen Form des Aphorismus.

Das gan­ze Spek­trum mög­li­cher Dar­stel­lungs­for­men abzu­schrei­ten, ist hier nicht der Raum. Wie bereits ange­kün­digt, beschrän­ke ich mich auf einen Ver­gleich der am wei­tes­ten aus­ein­an­der lie­gen­den For­men der Erkennt­nis – der wis­sen­schaft­li­chen und der dich­te­ri­schen. Um den Ver­gleich nicht zu schwie­rig zu gestal­ten, belas­se ich es bei der Gegen­über­stel­lung von wis­sen­schaft­lich-behaup­ten­der und fik­tio­nal-erzäh­len­der Rede, also bei dem klas­si­schen Gegen­satz zwi­schen Logos und Mythos. Was am Bei­spiel der erzäh­len­den Lite­ra­tur erkun­det wird, lässt sich aber auch ana­log auf die lyri­sche und dra­ma­ti­sche Lite­ra­tur übertragen.

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»Überzeugen ist nicht nur Struktur, Logik, Ordnung …«

Thomas Susanka über Wissenschaftskommunikation

Von Amelie Kreß


Tho­mas Sus­an­ka beant­wor­tet im Inter­view Fra­gen zum The­ma Rhe­to­rik und Design. Dabei erläu­tert er die Anwend­bar­keit der Rhe­to­rik auf gestal­te­ri­sche Pro­zes­se und war­um rhe­to­ri­sche Metho­den der Schlüs­sel zu einem erfolg­rei­chen Design sind. So stellt er fest: »Eine Reh­to­rik des Designs ist ganz in den Kern der Rhe­to­rik eingeschrieben.

Im zwei­ten Teil des Inter­views steht die Wis­sen­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on im Fokus. Tho­mas Sus­an­ka erzählt von den Chan­cen und Her­aus­for­de­run­gen, die sich bei der Gestal­tung wis­sen­schaft­li­cher Inhal­te erge­ben. Das The­ma »Gestal­tung von Wis­sen­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on« wer­de in den nächs­ten Jah­ren noch mehr Bedeu­tung gewin­nen, wodurch sich auch für Gestal­ter neue Arbeits­fel­der auf­tun würden.

 

Essay

Gerüchte im »Kulturkampf«

Wie moderne Populisten auf die Popkultur zurückgreifen

Das Spiel mit Pop­kul­tur ist im Feld medi­al ver­mit­tel­ter Pro­pa­gan­da nicht neu – und viel­leicht ist es nicht zuletzt genau des­we­gen so gefähr­lich. Paul Watz­la­wick nann­te es das Spiel mit »Kon­fu­sio­nen«, mit Unru­he aus­lö­sen­den Bot­schaf­ten und Nach­rich­ten –, die es schaf­fen, Men­schen gründ­lich durch­ein­an­der zu brin­gen. Es wer­den so lan­ge ver­wir­ren­de und fal­sche Behaup­tun­gen auf­ge­stellt bis die Men­schen nach irgend­ei­ner logi­schen Erklä­rung suchen, nach einer Ord­nung, die ihnen zu ver­ste­hen hilft, was sie gera­de sehen und hören. Wenn etwa lan­ge genug behaup­tet wird, die Demo­kra­tie wer­de gera­de heim­lich abge­schafft, kann es pas­sie­ren, dass die Zuhö­rer nach Anzei­chen suchen, ob die Behaup­tung mög­li­cher­wei­se stimmt. Wenn man lan­ge genug ver­mit­telt bekommt, die eige­ne Spra­che und Kul­tur wer­den von gehei­men Mäch­ten im Hin­ter­grund abge­schafft, kann jeder eng­li­sche Begriff in einem öffent­li­chen Gespräch zum Hin­weis wer­den: Es scheint etwas dran zu sein am gro­ßen Kul­tur­kampf. »Die soge­nann­te Wirk­lich­keit ist das Ergeb­nis von Kom­mu­ni­ka­ti­on«, mein­te Paul Watz­la­wick[1]. Er gab sei­nen Lesern schon im letz­ten Jahr­hun­dert beein­dru­cken­de Ein­bli­cke in die Trick­kis­te der Popu­lis­ten. In ihre Fähig­keit, durch das Streu­en von Nach­rich­ten, lite­ra­ri­schen Schnip­seln und rau­nen­den Anspie­lun­gen erst Unord­nung zu stif­ten, um dann dem irri­tier­ten Publi­kum die Erleich­te­rung einer schein­bar wie­der­ge­fun­de­nen Ord­nung zu verschaffen.

Anhand eines beun­ru­hi­gen­den Bei­spiels aus Frank­reich aus dem Jahr 1969 zeigt Watz­la­wick auf, wie in Zei­ten der Ver­un­si­che­rung alte dis­kri­mi­nie­ren­de Erzäh­lun­gen in einer Gesell­schaft nach oben stei­gen kön­nen. Watz­la­wick bezieht sich hier auf eine heu­te lei­der etwas in Ver­ges­sen­heit gera­te­ne Stu­die des fran­zö­si­schen Sozio­lo­gen Edgar Mor­in und sei­nes Teams.[2] Im Mai 1969 befand sich Frank­reich in einem Zustand inne­rer Unru­he und poli­ti­scher Insta­bi­li­tät. Der erfolg­rei­che Prä­si­dent und Kriegs­held Gene­ral de Gaul­le erlitt wäh­rend eines Refe­ren­dums eine Nie­der­la­ge und zog sich zunächst auf sein Land­gut nach Colom­bey-les-Deux-Egli­ses zurück. Für den 1. Juni wur­den Neu­wah­len aus­ge­ru­fen. In die­ser Zeit kam ein Gerücht in der Stadt Orlé­ans auf: Damen­mo­de­ge­schäf­te und Bou­ti­quen sei­en angeb­lich in Mäd­chen­han­del ver­wi­ckelt. In den Umklei­de­ka­bi­nen wür­den Mäd­chen über­wäl­tigt und betäubt. Man wür­de sie in Kel­lern gefan­gen hal­ten und dann nach Über­see ent­füh­ren und ver­ge­wal­ti­gen. Bereits 28 jun­ge Frau­en wür­den in der Stadt vermisst.

Schließ­lich nah­men die Gerüch­te immer mehr zu. Gegen Juden gerich­te­te Ritu­al­mor­der­zäh­lun­gen tauch­ten wie­der auf; die jüdi­sche Gemein­de bekam Angst und wand­te sich an die Poli­zei. »Als das Gerücht sich aus­brei­te­te und immer spe­zi­fi­scher wur­de, kamen zwei bemer­kens­wer­te Ein­zel­hei­ten ans Licht: Ers­tens ver­kauf­ten die betref­fen­den Mode­lä­den die neu­en Mini­rö­cke und stan­den damit für die pro­vin­zi­el­le Men­ta­li­tät im Zwie­licht einer beson­de­ren Ero­tik; zwei­tens nahm das Gerücht einen aus­ge­spro­chen anti­se­mi­ti­schen Cha­rak­ter an. Das uralte The­ma des Ritu­al­mords tauch­te auf und begann die Run­de zu machen. Am 30. Mai hat­te die Besorg­nis der jüdi­schen Gemein­de über die Ent­wick­lung der Din­ge einen Grad erreicht, der sie ver­an­laß­te, die Behör­den um Schutz­vor­keh­run­gen zu ersu­chen.«[3] Die Poli­zei unter­such­te den Fall und fand rasch her­aus, dass kei­ne ein­zi­ge Frau in Orlé­ans ver­misst wur­de. Die Fak­ten hat­ten aber gegen­über der Macht des geglaub­ten Gerüchts kaum eine Chan­ce. »Die Gefahr eines Pogroms war unleug­bar.«[4] Am Tag nach den Neu­wah­len und mit der Ver­kün­di­gung des Wahl­er­geb­nis­ses brach die Anspan­nung in sich zusam­men. Die Din­ge nor­ma­li­sier­ten sich wie­der. Der Sozio­lo­ge Edgar Mor­in erkann­te die Trag­wei­te des Gesche­hens und mach­te sich mit sei­nem For­scher­team auf den Weg, die Ereig­nis­se zu doku­men­tie­ren und zu unter­su­chen. Ob er wohl ahn­te, wie sym­pto­ma­tisch die Unru­he in Orlé­ans für ein Phä­no­men wer­den soll­te, dass auch über fünf­zig Jah­re spä­ter eine wach­sen­de Gefahr darstellt?

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»Erleben dürfen, nichts zu sehen«

Jean Baldo über seine Arbeit in einem Dunkelrestaurant

Von Annika Körber


»Im Dun­keln sind wir die, die hel­fen kön­nen«, erklärt Jean Bal­do, Mit­ar­bei­ter des Dun­kel­re­stau­rants »Blin­de Kuh« in Zürich. 

Das Dun­kel­re­stau­rant »Blin­de Kuh« in Zürich lädt sei­ne Gäs­te auf einen Restau­rant­be­such der beson­de­ren Art ein. Seit 1999 haben Men­schen hier die Mög­lich­keit, auf einen ihrer wich­tigs­ten Sin­ne zu ver­zich­ten – ihren Seh­sinn. In die­sem Restau­rant kön­nen sie die Spei­sen in völ­li­ger Dun­kel­heit genie­ßen und sich auf ihre ande­ren Sin­ne kon­zen­trie­ren. Das Ziel des Restau­rants ist es aber nicht nur, den Gäs­ten ein beson­de­res Erleb­nis zu bie­ten, son­dern auch den Dia­log zwi­schen sehen­den, seh­be­hin­der­ten und blin­den Men­schen zu för­dern, Arbeits­plät­ze für seh­be­hin­der­te und blin­de Men­schen zu schaf­fen und sich für deren Inter­es­sen einzusetzen. 

Im Inter­view gewährt der Schwei­zer nicht nur Ein­bli­cke hin­ter die Kulis­sen des Restau­rants, son­dern schil­dert auch die Sicht­wei­se der Gäs­te. Durch Anek­do­ten, die Bal­do wäh­rend sei­ner lang­jäh­ri­gen Arbeit in der »Blin­de Kuh« gesam­melt hat, erfährt der Zuhö­rer, wie es sich anfüh­len kann, Gast in dem Dun­kel­re­stau­rant zu sein. 

Anmer­kung der Redak­ti­on: Aus tech­ni­schen Grün­den muss­ten wir das Inter­view auf zwei Hör­da­tei­en verteilen.

Teil 1:

 
Teil 2:

 

Essay

Was macht eine Ausstellung interessant?

Über Kriterien und Kontexte

Das ist eine sehr inter­es­san­te Fra­ge: Was macht eine Aus­stel­lung inter­es­sant? Die Geschich­te des Wor­tes »inter­es­sant« reicht zurück bis zu den alten Römern und bedeu­tet ursprüng­lich: Scha­dens­er­satz, Vor­teil und Nut­zen, spä­ter auch: Auf­merk­sam­keit und Teil­nah­me.[1] Die Her­kunft aus der Spra­che des Han­dels und des Rechts klingt bis heu­te nach: Jemand kann ein inter­es­san­tes Ange­bot machen oder zu einer Inter­es­sen­ten­grup­pe gehö­ren. (Das eng­li­sche Wort für Zin­sen heißt – neben­bei bemerkt: »inte­rest«.) Unter dem Stich­wort »inter­es­sant« ver­zeich­net der »Duden« nicht weni­ger als 36 Wör­ter mit glei­cher oder ähn­li­cher Bedeu­tung. Die Grund­be­deu­tun­gen sind: »Inter­es­se erwe­ckend, erre­gend; geis­tig anzie­hend, fes­selnd« und »Erfolg, Vor­teil ver­spre­chend«.[2]

Das Inter­es­san­te in der Wissenschaft

Aber nicht nur im All­tag und in der Wirt­schaft, auch in der Wis­sen­schaft dreht sich – fast – alles um das Inter­es­san­te. For­schung muss ori­gi­nell und rele­vant sein, aber unin­ter­es­sant darf sie auf kei­nen Fall sein. »So what?« … »Na und?« – das ist die denk­bar schlimms­te Reak­ti­on, die man auf For­schungs­er­geb­nis­se bekom­men kann. Für sei­ne eige­ne Dis­zi­plin hat ein Sozio­lo­ge sogar pro­vo­kant behaup­tet, es kom­me gar nicht so sehr dar­auf an, ob eine Theo­rie rich­tig oder falsch sei – Haupt­sa­che: inter­es­sant.[3] Und er hat einen gan­zen Kata­log von Merk­ma­len erstellt, wel­che Phä­no­me­ne an sich oder im Ver­hält­nis zu ande­ren inter­es­sant machen. Was alle die­se Aus­sa­gen gemein­sam haben: Was bis jetzt gegol­ten hat, ist in Wirk­lich­keit ganz anders …

Das Inter­es­san­te in der Kunst

Wich­ti­ger als in der Wis­sen­schaft ist das Inter­es­san­te nur noch in der Kunst – in der Gegen­warts­kunst, um genau zu sein.[4] Hier herrscht das Inter­es­san­te unum­schränkt – als Abwei­chung und Tra­di­ti­ons­bruch vor dem Hin­ter­grund des Kon­ven­tio­nel­len und Gewohn­ten: »Das Inter­es­san­te wird inter­es­sant durch die Art der Abwei­chung vom Durch­schnitt.«[5] Inter­es­sant­heit ist der Wesens­zug der Moder­ne. Der ein­zi­ge Nach­teil dabei – Inter­es­sant­heit ist auch zu einer »Aller­welts­ka­te­go­rie« gewor­den, »mit der sich eine bestimm­te Form der Zustim­mung und des Wohl­ge­fal­lens«[6] äußern lasse.

Am Ran­de: das Inter­es­san­te in Poe­tik und Ästhetik

Die Kar­rie­re des Begriffs in der Kunst­phi­lo­so­phie ist eine eige­ne – man kann ruhig sagen – höchst inter­es­san­te Geschich­te. In empha­ti­scher Bedeu­tung hat das Inter­es­san­te in einem his­to­ri­schen Moment – gegen Ende des 18. Jahr­hun­derts – eine ent­schei­den­de Rol­le gespielt,[7] als näm­lich die klas­sisch-idea­lis­ti­schen Vor­stel­lun­gen des Wah­ren und Schö­nen frag- und kri­tik­wür­dig wur­den. Bei Fried­rich Schle­gel, dem Theo­re­ti­ker der Roman­tik, wird das Inter­es­san­te zu einem »Schlüs­sel­be­griff der moder­nen Poe­sie«.[8] Schle­gel war es auch, der bemerk­te, dass es der »Gefahr der Abnut­zung« und dem »Zwang zur Selbst­über­bie­tung« unter­lie­ge, und damit impli­zit die Dyna­mik des moder­nen Kunst­markts vor­her­ge­se­hen hat.[9]

Vor nicht all­zu lan­ger Zeit hat eine Autorin ver­sucht, das Inter­es­san­te (inte­res­t­ing) – neben dem Hüb­schen (cute) und Schrä­gen (zany) – im Rück­griff auf den Theo­re­ti­ker der Roman­tik Fried­rich Schle­gel – als zen­tra­le ästhe­ti­sche Kate­go­rie der Gegen­wart neu zu for­cie­ren.[10]

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Der analogen Technik verbunden

Mart Klein ergänzt Handwerk durch digitale Technik

 

  • Buchlandschaft
    Buch­land­schaft
  • Digitales Glücksspiel
    Digi­ta­les Glücksspiel
  • Betriebsrat
    Betriebs­rat
  • Verkehrssicherheit
    Ver­kehrs­si­cher­heit
  • E-Auto
    E-Auto
  • Kapitalismus
    Kapi­ta­lis­mus
  • Wachstum
    Wachs­tum
  • Bundeswehr
    Bun­des­wehr
  • Menschenrechte
    Men­schen­rech­te
  • Der kleine Erdogan
    Der klei­ne Erdogan
  • Flüchtlingsschieber
    Flücht­lings­schie­ber
  • Macron versus Gelbwesten
    Macron ver­sus Gelbwesten
  • Show and Shine
    Show and Shine
  • Illustration illustriert
    Illus­tra­ti­on illustriert
  • Impeachment
    Impeach­ment
  • Lupenreiner Demokrat
    Lupen­rei­ner Demokrat
  • Transatlantik 1
    Trans­at­lan­tik 1
  • Transatlantik 2
    Trans­at­lan­tik 2
  • Unbesiegbare Merkel
    Unbe­sieg­ba­re Merkel
  • Merkel kippt
    Mer­kel kippt
  • SPD
    SPD
  • Zwangsehe
    Zwangs­ehe
  • Rolando
    Rolan­do

Mart Klein ist Illus­tra­tor aus Lei­den­schaft, das war er bereits zu Schul­zei­ten, bevor er an der FH Mainz stu­dier­te. Sei­ne poli­ti­schen Illus­tra­tio­nen erschei­nen regel­mä­ßig in Zei­tun­gen und Maga­zi­nen wie »Spie­gel«, »Han­dels­blatt«, »Play­boy«, »Wirt­schafts­wo­che«, »Cice­ro« oder »Stern«, zu sei­nen Kun­den zäh­len auch Unter­neh­men wie »Ede­ka«, »Luft­han­sa«, »Green­peace« oder »Audi«.

Der in Baden-Würt­tem­berg sess­haft gewor­de­ne Comic­zeich­ner ist nach wie vor der ana­lo­gen Tech­nik ver­bun­den, legt gro­ßen Wert auf Hand­werk und nutzt digi­ta­le Tech­ni­ken als ergän­zen­des Werk­zeug. Sein Fokus liegt auf optisch anspre­chen­den, inhalt­lich und fak­tisch kla­ren Illus­tra­tio­nen, die aber auch pro­vo­zie­ren sol­len. Klein wur­de mit Prei­sen ausgezeichnet.

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»… sich für ein Bild entscheiden«

Michael Calabrò über Bildsprache in der Fotografie

Von Marie Schneegaß


Micha­el Cala­b­rò ist frei­schaf­fen­der Foto­graf und lebt in Zürich. Er arbei­tet vor­wie­gend im Bereich »Por­träts und Repor­ta­gen« und ist – neben Cor­po­ra­te-Auf­trä­gen in sei­nem Hei­mat­land, der Schweiz – auch welt­weit mit sei­ner Kame­ra unter­wegs. Dabei begeg­ne­ten ihm beson­de­re Orte und Men­schen. Die Spann­wei­te der Moti­ve reicht von Auf­nah­men, die in Koope­ra­ti­on mit den UN in Kriegs­ge­bie­ten ent­stan­den, bis zum Lei­nen­tuch, das vor traum­haf­ter Land­schaft in der Abend­son­ne am Mit­tel­meer weht. 

Micha­el Cala­b­rò betont, wie wich­tig es sei, bewusst auf den Aus­lö­ser zu drü­cken. Bild und Foto­graf sei­en nie ganz zu tren­nen. Das Inter­view han­delt von der Lie­be zum Detail, von der Neu­gier­de und der Fra­ge, war­um Foto­gra­fie­ren manch­mal ist wie Gitar­re spielen.

 

Buchbesprechungen

»Die Produktivität von Schwarz«

James Fox über »Die Welt im Licht der Farbe«

»Die Welt im Licht der Far­be« von James Fox erschien 2023 und wur­de aus dem eng­li­schen Ori­gi­nal »The World accor­ding to color« von Domi­nik Fehr­mann über­setzt. Auf 344 Sei­ten schickt der Autor sei­ne Leser auf eine Rei­se durch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Pig­ment­far­ben und ihre Bedeu­tung für den Men­schen. Mit Lie­be zum Detail wid­met er sich in Kapi­teln von etwa 30 Sei­ten den sie­ben Pri­mär­far­ben nach Aris­to­te­les: Schwarz, Rot, Gelb, Blau, Weiß, Vio­lett und Grün.

Genau­so wie die Geschich­te des Uni­ver­sums beginnt auch die­se – mit Schwarz. Neben einer kur­zen Ein­füh­rung zur Wahr­neh­mung von Far­be durch das mensch­li­che Auge legt der Autor die geball­te Viel­falt von Schwarz dar. Wie es chan­giert zwi­schen der Ver­kör­pe­rung eines Ur-Dun­kels und dem Aus­druck von Schön­heit. Es dürf­te eini­ge Desi­gner also freu­en, dass ihr gelieb­tes Schwarz in die­sem Buch die ver­dien­te Aner­ken­nung erhält.

Von »Rot« als ers­tem Farb­roh­stoff, mit dem man sich in Höh­len­wän­den ver­ewig­te, han­gelt sich Fox ent­lang der Evo­lu­ti­on bis zur Poli­ti­sie­rung von »Grün« in der Gegen­wart. Auf dem Weg dort­hin zeigt er, wie Far­be und Sta­tus mit­ein­an­der ver­wo­ben sind: Wer im früh­zeit­li­chen Chi­na Rot trägt, ohne der ent­spre­chen­den sozia­len Schicht anzu­ge­hö­ren, ver­üb­te ein schwe­res Ver­bre­chen (S. 80). Gleich­zei­tig ver­än­dert sich auch der Preis von Far­ben. Wäh­rend sie zunächst als kost­ba­res Gut ein­ge­setzt wur­de, explo­diert die Welt bald vor bun­ten Ein­drü­cken mit der Ein­füh­rung syn­the­ti­scher Fär­be­mit­tel (S. 213).

Beim Lesen des Buchs ent­steht für jede Far­be ein Gefühl. Fox gibt ihnen eine eige­ne Iden­ti­tät, lässt sie in Wech­sel­wir­kung mit­ein­an­der tre­ten. Dabei geht der Autor auch auf die »Pro­duk­ti­vi­tät von Schwarz« ein (S. 50). In ihrer Natur liegt es bei­spiels­wei­se, Far­ben vor einem schwar­zen, also ver­meint­lich neu­tra­len, Hin­ter­grund Leben ein­zu­hau­chen und sie strah­len zu las­sen. Sol­che nütz­li­chen Infor­ma­tio­nen inner­halb kur­zer Aus­flü­ge in die Kunst­ge­schich­te oder in bio­gra­fi­sche Erzäh­lun­gen erleich­tern den Ein­stieg in jedes neue Kapitel.

»Die Welt im Licht der Far­be« ist kei­ne wis­sen­schaft­li­che Abhand­lung. Das Buch inspi­riert und lädt dazu ein, die eige­ne Umwelt ein biss­chen genau­er zu unter­su­chen. Ähn­lich wie der eif­ri­ge Schü­ler, dem wir die Far­be »Vio­lett« zu ver­dan­ken haben (S. 209), steckt hin­ter James Fox ein Far­ben­thu­si­ast, der mit sei­ner umfas­sen­den Recher­che ein ver­ständ­li­ches Gesamt­bild anfer­tigt, über die Ver­bin­dung zwi­schen Mensch und Farbe.

Buchbesprechungen

»Auf Dauer kreativ und ansprechend«

Jens Müller über die Vielfalt des Logos

Wer ger­ne Bil­der anschaut, ist hier genau rich­tig. 6000 Logos aus einer Zeit von 1940 bis 1980 zusam­men­ge­fasst in einem ein­zi­gen Buch. Mit die­ser umfas­sen­den Samm­lung wird das 2015 im Taschen Ver­lag erschie­ne­ne Buch »Logo Moder­nism« von Jens Mül­ler zur Inspi­ra­ti­ons­quel­le für Logo-Enthusiasten.

Neben der beein­dru­cken­den Samm­lung an Logos besticht das Buch vor allem durch sein Aus­se­hen. Mit einem For­mat von 24,6 x 37,2 cm und einem Gewicht von 3,5 Kilo­gramm gehört es defi­ni­tiv nicht zur leich­ten Lek­tü­re. Was der Leser even­tu­ell als unhand­lich und schwer emp­fin­det, ver­schafft den Inhal­ten jedoch genug Raum, um deren vol­le Wir­kung zu ent­fal­ten. Eine wei­te­re Beson­der­heit, die »Logo Moder­nism« von ande­ren Büchern unter­schei­det, ist, dass Mül­ler die Inhal­te nicht nur ein­spra­chig, son­dern drei­spra­chig auf Eng­lisch, Deutsch und Fran­zö­sisch präsentiert.

Inhalt­lich beschäf­tigt sich Mül­ler zunächst mit der Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Logos sowie der Fra­ge, wel­che Bedeu­tung Logos für die Ent­wick­lung einer Cor­po­ra­te Iden­ti­ty haben. Im wei­te­ren Ver­lauf des Buches fin­det der Leser einen Essay von R. Roger Reming­ton über die Moder­ne sowie Kom­men­ta­re und Erfah­rungs­be­rich­te ein­fluss­rei­cher Desi­gner aus der Logo-Sze­ne. Die­se Anmer­kun­gen ermög­li­chen dem Leser, ein tie­fe­res Ver­ständ­nis für die Mate­rie zu erhal­ten und einen rea­li­täts­na­hen Bezug her­zu­stel­len. Ein Zitat von Her­mann Zapf, das das Wesen von Logos umfas­send beschreibt, lau­tet so: »Logos sind die abs­trak­tes­te Form des Gra­fik­de­signs: das Bild und die Stär­ke einer Orga­ni­sa­ti­on oder Fir­ma, redu­ziert auf ein Sym­bol von all­ge­mei­nem, sofor­ti­gem Wie­der­erken­nungs­wert. Schlicht­heit gepaart mit Aus­drucks­kraft. Bis­wei­len steht ein Logo am Ende einer lan­gen Ent­wick­lung von der ers­ten Idee bis zur end­gül­ti­gen Aus­füh­rung.« (S. 347)

Nach­dem der Leser durch die Geschich­te des Logos an das The­ma her­an­ge­führt wur­de, beschäf­tigt sich Mül­ler mit ver­schie­de­nen Logo­ar­ten und unter­teilt die­se in drei über­ge­ord­ne­te Kate­go­rien – »Geo­me­trisch«, »Effekt« und »Typo­gra­fisch«. Die­se drei Über­ka­te­go­rien wer­den noch­mals in klei­ne­re Unter­ka­te­go­rien ein­ge­teilt, die neben unzäh­li­gen Logos bekann­ter Unter­neh­men auch rea­le Fall­bei­spie­le behan­deln. Anhand die­ser Bei­spie­le wird der theo­re­ti­sche Teil pra­xis­nah ergänzt und der Leser erfährt, wie die Logo- und CI-Ent­wick­lung rea­li­siert wird.

Ent­ge­gen der nahe­lie­gen­den Erwar­tung beinhal­tet das Buch trotz diver­ser Logo- und Fall­bei­spie­le kei­ne Anlei­tung zur Logo­ent­wick­lung. Viel­mehr dient es als Inspi­ra­ti­ons­quel­le und dazu, mehr Hin­ter­grund­wis­sen über die Geschich­te des Logos und des­sen gestal­te­ri­schen Merk­ma­le zu erhal­ten. Beson­ders span­nend zu sehen ist, wie vie­le Logos bis heu­te noch in ihrer ursprüng­li­chen oder ähn­li­chen Form von den Unter­neh­men ver­wen­det wer­den. Der Desi­gner Paul Ibou beschreibt die Wir­kung des Logos wie folgt: »Im Gegen­satz zu allen ande­ren gra­fi­schen Pro­duk­ten und Wer­be­tech­ni­ken, die letzt­lich recht kurz­le­big sind, besteht der Sinn eines Logos oder einer Bild­mar­ke eben genau nicht in einer sofor­ti­gen Wer­be­wirk­sam­keit. Ihr Zweck liegt viel­mehr dar­in, auf Dau­er krea­tiv und anspre­chend zu wir­ken.« (Ibou, Paul; S. 377) Mit die­ser Aus­sa­ge von Ibou möch­te der Autor Jens Mül­ler die Rele­vanz des Logos und somit auch des Buches hervorheben.