Mythen des Alltags
Die Sprühfarbe
Von Farbpartikeln und Ideen
Einige von ihnen liegen seit mehreren Monaten unbewegt in ihrer Rüstung und warten darauf, zum Einsatz zu kommen. Die Gestaltung ihrer Rüstung verkörpert Tradition und steht darüber hinaus für etwas Professionelles, für eine qualitativ hochwertige Marke. Ungeduldig warten sie auf ihren Zweck, zu einer gewissen Uhrzeit und an einem bestimmten Ort zum Leben zu erwachen. Ihr Geist will wachgeschüttelt werden. Wenn das geschieht, bleiben seine Ideen als Farbpartikel über mehrere Jahre hinweg sicher am Leben.
Ziehen Sprühdosen es vor, mehrere Jahre hinweg unbewegt liegen zu bleiben, ihren Geist einschlafen zu lassen? Wohl kaum, es verkürzte ihre Lebenszeit, sie wirkten alt, rostig und geistig nicht mehr fit. Vor dem Einsatz wollen die tausend Ideenteilchen vorher gut durchgeschüttelt werden, so werden sie zu einer kräftigen Mischung, die das Herz pochen lässt. Das Ventil öffnet sich, ihr Geist kann seinem Zweck in die Augen schauen. Falls dieser Auftakt nicht klappt, handelt es sich um eine Kreislaufstörung. Mit Gewalt käme man dann nicht weit, sie könnten so ihre Berufung nicht erfüllen.
Von ihren Erzeugern werden sie sehr geliebt – ihren farbigen Zauber haben sie vom Vater, der Chemieindustrie, die Mutter ist das Produktdesign.
An einem sonnigen Tag gehen viele von ihnen über die Ladentheke. Für einige schlägt nun die Millisekunde der Wahrheit. Ihre Ideen werden in die Atmosphäre gesprüht und erreichen den Höhepunkt ihres Lebens: Lichtbeständigkeit für die nächsten 17 Jahre, klebefest auf allen Untergründen und wetterfest. Kunstliebhaber bekommen Gesprächsstoff, Flaneure blicken auf.
Mit den Ideen ihrer Artgenossen sind sie farbige Bünde eingegangen – und haben ihr Ziel erreicht: erstarren bis zum Tod.
Tagungsbericht
Von den alten Griechen bis zum Game Design
Über das erste Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik
Können Bilder argumentieren? Was kann man sich bei den Sophisten abschauen? Und lässt sich die Rhetorik als Basistheorie in den Gestaltungsunterricht an Schulen implementieren? Solchen Fragen stellten sich die Teilnehmer des »ersten Berner Arbeitstreffens zur visuellen Rhetorik«. Prof. Dr. phil. Arne Scheuermann, Leiter des Forschungsschwerpunkts Kommunikationsdesign an der Hochschule der Künste Bern, und seine Kollegin Annina Schneller hatten 13 Rhetorikspezialisten in die Schweizer Hauptstadt gebeten – mit dem Ziel, Forscher und Dozenten zu vernetzen (s. Scheuermanns und Schneller Einführung zur Tagung). Zwei Tage lang ging man in Klausur – und verabschiedete sich schließlich um viele Aspekte bereichert. Wie kraftvoll die Rhetorik über Jahrhunderte zum einen den Schaffensprozess und zum anderen die Rezeption von Kunst beeinflusst und beschrieben hat, wurde in der Vielstimmigkeit der Beiträge deutlich. Deutlich wurde aber auch, dass für eine weitere und engere Verbindung von Theorie und gestalterischer Praxis noch manche Hürde genommen werden muss – und dass es rhetorischer Kompetenzen bedarf, um mit den komplexen Verzahnungen von Bild und Text in modernen Medien und Kommunikationsformen umgehen zu können.
Einen Vortragstag und einen Workshoptag hatten die Veranstalter vorgesehen und den Hauptreferenten jeweils einen Co-Referenten zur Seite gestellt. In Rede und Gegenrede eröffneten sich so von Beginn an inspirierende Spannungsfelder.
[Die Namen der Referenten sind im folgenden Bericht unter den Kapitelüberschriften angeführt und kursiv gesetzt; soweit sie ihren Vortrag für »Sprache für die Form« zu einem Essay ausgearbeitet haben, sind diese Essays mit einem Klick auf den Namen und selbstverständlich auch in der Rubrik »Essays« abrufbar.]
1 Grundprobleme
1.1 Die Evidenz des Visuellen als Argument?
Prof. Dr. phil. Volker Friedrich, Hochschule Konstanz
Silke Vetter-Schultheiß, M. A., Technische Universität Darmstadt
»Taugt die Evidenz des Visuellen als Argument?«, das war die Ausgangsfrage von Dr. Volker Friedrich von der Hochschule Konstanz, eine bildrhetorische Gretchenfrage sozusagen, die der Professor für Schreiben und Rhetorik vor den Hintergrund eines Zweifels daran stellte, dass Bilder unkommentiert als Begründung im Zuge einer Argumentation herangezogen werden könnten. Vielmehr verstärke das Visuelle die sprachliche Aussage und umgekehrt. Die Wirkung beider sei aber unterschiedlich: »Das Visuelle appelliert nicht primär an den Logos, wohl aber an Ethos und Pathos«, so Friedrich. Der Herausgeber von »Sprache für die Form« sprach sich letztlich für eine gründlichere Untersuchung der Wechselwirkung von Bild und Text aus.
Friedrichs Co-Referentin Silke Vetter-Schultheiß von der Technischen Universität Darmstadt demonstrierte an den ersten Aufnahmen der Erde vom Weltall aus, wie Bilder ihrer Ansicht nach in Argumentationen funktionieren können – nämlich als »Beweis«, als »Konstruktion von Wirklichkeit«, letztlich als Handlungsanreiz. »Bilder zeigen etwas«, so Vetter-Schultheiß im Hinblick auf die Evidenz-Frage – und gegebenenfalls verstehe das der Betrachter auch ohne Worte.
Buchbesprechung
»Das Schicksal (…) entscheidet sich in der Sprache«
Klaus Krippendorff wagt »Die semantische Wende«
Die Auseinandersetzung um eine umfassende Theorie des Designs kennzeichnete das Interesse von Klaus Krippendorff, dem weltweit angesehenen Kybernetiker und Kommunikationswissenschaftler mit einer Professur an der Annenberg School for Communication in den USA, bereits zu Zeiten als dieser noch Abschluss-Student an der Ulmer Hochschule in den 1960er Jahren war. In »Die semantische Wende«, dem zunächst 2006 auf Englisch, später auf Japanisch und Chinesisch und 2012 in deutscher Sprache im Birkhäuser Verlag erschienenen Kompendium hat Krippendorff seine Jahrzehnte langen theoretischen Bemühen zum Thema einer Designtheorie und Produktsemantik zusammengeführt. Die deutsche Übersetzung des 400 Seiten umfassenden Opus hat der Leser in erster Linie Ralf Michel zu verdanken, dem Herausgeber der Publikation in der von Michel konzipierten Reihe »Schriften zu Gestaltung«.
Was will »Die semantische Wende«? Hier ist der Titel Programm, denn das Buch will nichts Geringeres als eine grundlegende Veränderung in der Entwicklung des Designs initiieren – einen Paradigmenwechsel. Es will zu einer Umgestaltung ermutigen, indem es erstens durch das Aufzeigen der Grundkonzepte eines menschenbezogenen Designs die Grenzen des Designs neu bestimmt (Kapitel 2), indem es zweitens im Rahmen dieser Konzepte neue Ansätze zur Semantik von Artefakten bereitstellt (Kapitel 3—6) und indem es drittens kommunizierbare und anwendbare Methoden hierzu entwickelt. Letzter Aspekt mündet in einem undogmatischen Wissenschaftsentwurf für das Design und dessen verantwortungsorientierte und lebendige Diskurse (Kapitel 7). Die besondere Aufmerksamkeit gilt dabei immer den Begriffen Bedeutung und Menschenbezogenheit, das wechselseitige Verhältnis dieser Begriffe ist in dem folgenden, für das Buch zentralen Axiom begründet: »Menschen können die physikalischen Eigenschaften von Dingen weder sehen noch auf sie reagieren. Sie handeln stets in Übereinstimmung mit dem, was die Dinge für sie bedeuten.« (vgl. S. 75)
Im Folgenden werde ich die bereits erwähnten Kapitel (2—7) etwas näher beleuchten, sie bilden den Kern der Theorie für das Design, die man ob der mannigfaltigen Einbindung philosophischer Konzepte und Ideen, aber auch wegen der durchaus analytischen Struktur schon fast selbst als eine Philosophie des Designs bezeichnen könnte. Zunächst möchte ich jedoch darauf hinweisen, dass das Werk aus insgesamt neun Kapiteln besteht und sowohl das erste als auch das achte und letzte Kapitel selbstverständlich nicht unwesentlich für ein allumfassendes Verstehen der Thematik sind. In diesen Abschnitten geht es zu einem großen Teil um in methodologischer Hinsicht notwendige Demarkationen und Distanzierungen wie etwa um die Loslösung von einer reinen industriellen, technologiegetriebenen Designdisziplin als Ausgangsbasis für die zentralen Erläuterungen zum human-centered design oder aber um die Differenzierung zwischen der semantischen Wende im Design und anderen teilweise damit in Verbindung gebrachten Disziplinen, allen voran etwa der Semiotik. Diese bleibt nach Krippendorff beispielsweise in einem epistemischen Dualismus gefangen, auf dessen Grundlage sie den Menschen in seiner Vielfalt als Gestalter seiner eigenen Welt nicht angemessen in den Blick bekommt. Kapitel neun schließt letztlich mit einer Rückkopplung an die Zeit der Ulmer Hochschule und fragt nach möglichen Wurzeln des vorgelegten Konzepts in den Ansätzen ihrer Hauptakteure.
Einführung zur Tagung
Das erste Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik
Das Ziel: Forscher und Dozenten zu vernetzen
Die Rhetorik als jahrtausendealte Lehre und Praxis der erfolgreichen Kommunikation erlebt seit einigen Jahren wieder vermehrt Aufmerksamkeit. Man realisiert zunehmend, dass die »alten Lehren« auch Wissen für die »neuen Medien« bereithalten. Insbesondere dass auch Bilder und Design unter rhetorischem Blickwinkel analysiert werden können – und damit: gezielter in der Gestaltung eingesetzt werden können –, ist diversen Kunsthistorikern, Designtheoretikerinnen, Philosophen und Bildwissenschaftlerinnen nicht entgangen. Dennoch fehlte bislang eine solide Vernetzung zwischen diesen Forschenden und Dozierenden der visuellen Rhetorik. Nahezu inexistent war zudem der Austausch zwischen Gestaltungspraktikern und -theoretikern. Es war uns deshalb schon seit längerem ein Anliegen, Vertreter der an verschiedenen Orten entstandenen Forschungs- und Lehrbereiche an einen Tisch zusammenzubringen.
Das erste Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik vom 23. bis 25. Januar 2014 an der Hochschule der Künste Bern (HKB) versammelte erstmals wichtige Stimmen der Disziplin im deutschsprachigen akademischen Diskurs zu einer gemeinsamen Bestandsaufnahme und bot gleichzeitig dem Forschungsnachwuchs eine Plattform, sich aktiv in die Diskussion einzubringen. In sieben Blöcken, bestehend aus Referat, Co-Referat und Diskussion, wurden Fragen nach der Verbindung von Gestaltung und Rhetorik erörtert: Sind die Zusammenhänge auf der Makroebene zu finden – dort, wo Theorie und Praxis miteinander durch Regelwerke und Reflektion verbunden sind? Oder sind téchnē, Designprozesse und gestaltete Objekte grundsätzlich rhetorisch verfasst? Wie sind visuelle »Argumente« zu beschreiben? Welche visuellen »Figuren« gibt es, und wie spielen Form und Inhalt, Wort und Bild zusammen? Wie sind Phänomene wie etwa die Bewegung oder die Virtualität von Bildern zu bestimmen? Dabei ging es nicht um die Präsentation von fixfertigen Theorien, sondern um gegenseitige Anregung und gemeinsames Weiterdenken.
Anhand von Beispielen aus der Gestaltungspraxis wurde zudem in einem Workshop mit Agnès Laube gemeinsam mit Dozenten aus dem Bachelorstudiengang »Visuelle Kommunikation« und dem Masterstudiengang »Communication Design« an der HKB zu »Text-Bild-Beziehungen« der Bogen von der Forschung zur Lehre, von der Theorie zur Praxis im Design geschlagen.
Als besonders fruchtbar für die Diskussion erwies sich das Format des Arbeitstreffens in einer bewusst klein gehaltenen und unhierarchisch formierten Gruppe, in der alle – profilierte Wissenschaftler wie wissenschaftlicher Nachwuchs – gleichermaßen aktiv eingebunden waren. Auch im Austausch zwischen Wissenschaftlern und Praktikerinnen wurde teilweise erstmalig der Nutzen und die Notwendigkeit erkannt, sich der visuellen Rhetorik sowohl von der Seite der Praxis als auch derjenigen der Theorie her anzunähern. Um diese Verbindung herzustellen – so eines der Ergebnisse unserer Tagung – dürfen jedoch die rhetorischen Begriffe nicht mehr im ausschließenden Fachjargon angewendet werden, sondern müssen in allgemein verständlichen Worten erläutert und in Verbindung zum existierenden Gestaltungsvokabular gebracht werden. Hilfreich war hierfür auch, einen Überblick zu gewinnen, an welchen Schulen und Hochschulen im Bereich der visuellen Rhetorik heute überhaupt unterrichtet wird.
Die positive Resonanz aller Teilnehmenden bestätigte das Bedürfnis nach und die Freude am gemeinsamen Austausch. Wir sind froh über das geglückte Arbeitstreffen und freuen uns schon jetzt auf eine baldige Fortsetzung.
Buchbesprechung
»Dieses Vorgehen ist falsch«
Eine Psychologie für Designer hilft, Kreativität auszuhalten
»Geh in Deiner Arbeit auf, nicht unter.« Jacques Tati
Kreativitätstechniken nach Siegfried Preiser (S. 23), To-Do-Listen nach der »Eisenhower-Methode« (a. a. O., S. 56), »Konfliktmanagement« nach Friedrich Glasl (S. 74), »Handwerkszeug für bessere Kommunikation« des Psychologen Friedemann Schulz von Thun (S. 66 und S. 122ff.), wichtige Hinweise zum Zeitmanagement (S. 61) oder praktische Tipps, sich vor Stress zu schützen (S. 162) – der Psychologe und Autor Frank Berzbach hat mit »Kreativität aushalten. Psychologie für Designer« aus zahlreichen Fachpublikationen und Ratgebern die für Designer relevanten Inhalte zusammengetragen und und so ein unverzichtbares Nachschlagewerk geschaffen. Darin finden sich, auf das Wesentliche reduziert, die entscheidenden Hinweise, wie man zu einem erfolgreicheren und gesünderen Kreativalltag gelangen kann.
Zwar mögen einem viele Dinge bekannt vorkommen, dennoch ist es etwas ganz anderes, sie in all ihren Auswirkungen psychologisch belegt zu sehen. Man wird sich seiner eigenen Arbeitsweise wieder bewusst oder nimmt vielleicht bereits Gewusstes ernster, um dann die zahlreichen praktischen Handlungsanweisungen und Verbesserungsvorschläge aktiv umzusetzen, anstatt in seiner alltäglichen Arbeitswelt unreflektiert gefangen zu bleiben.
Der Autor erläutert zum Beispiel die effektivste Gruppengröße aufgrund von Forschungsergebnissen (S. 79) oder auch, warum Schulstunden genau 45 Minuten lang sind, da »eine hohe Konzentration nicht länger als etwa 40 Minuten am Stück« (S. 44) haltbar sei. Deshalb solle jede Stunde bewusst eine kleine Pause einlegt werden. Somit erscheinen Aktivitäten wie das Sich-einen-Kaffee-holen oder Nur-kurz-bei-Facebook-gucken als logische und unvermeidbare Konsequenzen. Gute Rahmenbedingungen, Gelassenheit, der Wechsel von Konzentration und Loslassen seien das, worauf geachtet werden muss.
Essay
Taugt die Evidenz des Visuellen als Argument?
Zehn Thesen als Plädoyer dafür, genauer hinzuschauen
Ließe sich eine Bundestagsdebatte über Steuerfragen ohne Worte, in Bildern führen? Die Frage wird wohl niemand ernsthaft mit »ja« beantworten. Wer in der Diskussion über visuelle Rhetorik der Bedeutung der Bilder gerecht werden möchte, sollte die Bedeutung der Worte würdigen. Bilder wie Worte leisten viel, manches ähnlich, manches unterschiedlich, manches gemeinsam besser als allein. Dies gilt es genau zu betrachten und dabei das voneinander zu scheiden, was zu scheiden möglich ist. So weit, so schön – der Haken an diesen Gedanken ist, dass sie Fragen aufwerfen, zu denen unzählige Abhandlungen bereits Bibliotheken füllen. In verschiedenen Publikationen gerade der letzten Jahre finden sich Ausführungen darüber, dass oder wie Bilder als Argumente und Gründe genutzt werden könnten, und dabei werden ganz unterschiedliche Aspekte ins Feld geführt.[1]
Im Folgenden möchte ich einen Aspekt aufgreifen, der keinesfalls die gesamte Diskussion abbildet, aber einen Begriff untersucht, der in der Diskussion über visuelle und Bildrhetorik von Bedeutung ist. Oft wird darauf hingewiesen, dass die Evidenz des Visuellen ja direkt spreche, direkter als Worte – die Unmittelbarkeit des bildlich Dargestellten vermittle sich klar, einfach und deutlich. Ja und nein, mir scheint, man sollte etwas genauer hinschauen. Es gibt Bilder, die dem nicht entsprechen, weil sie – gewollt oder ungewollt – verrätselt sind und gedeutet werden müssen (schöne Beispiele dafür finden wir in der Rubrik »Illustrationen« in den Fotografien von Valentin Wormbs); und es gibt durchaus Worte, die Klarheit schaffen. Zum anderen ist die unmittelbare Wirkung, die Bilder auf uns ausüben können, gerade wegen ihrer Unmittelbarkeit nicht so klar, deutlich, verständlich, wie wir meinen. Gegen den Gedanken, die Evidenz des Visuellen tauge als Argument, trage ich mit den zehn folgenden Thesen Einwände vor. Sollten sie greifen, dann bliebe gleichwohl die spannende Fragen offen, wie eine Argumentationslehre des Visuellen angegangen, wie von der visuellen Rhetorik entwickelt werden könnte.
Buchbesprechung
»Logik ist die Struktur der Sprache«
Bertrand Russells Wahrheitssuche als Comic
»Logicomix« ist eine spannende, phantasievoll und detailliert ausgeschmückter Biografie des Logikers Bertrand Russell, die die Grundlagen der Mathematik und Logik ebenso anschaulich vermittelt wie die emotionalen Zustände der Wissenschaftler hinter dieser Geschichte.
Entstehungsort des Comics ist Athen – der Ort, an dem die Wissenschaft ihren Ursprung hat, der Wirkungsort von Aristoteles, dem ersten großen Systematiker. Die Autoren Apostolos Doxiadis und Christos H. Papadimitriou schufen mit »Logicomix. Eine epische Suche nach der Wahrheit« eine Geschichte, die nach den Grundlagen der Mathematik sucht. Der Comic wird seinem Untertitel gerecht, wobei sich »episch« weniger auf die fachlichen Aspekte von Logik und Mathematik bezieht, sondern mehr auf die lebenslange Suche des Protagonisten Bertrand Russell nach gesichertem Wissen. In diese Suche ist die Entstehungsgeschichte der grafischen Novelle selbst eingebunden. Drei Handlungsebenen sorgen für Abwechslung, stellen Bezüge her und machen aus einer Biografie eine spannungsreiche Geschichte.
Russells Erinnerungen an seine Kindheit
Der Leser wird in der Rahmenhandlung an der Entstehung des Comics und den inhaltlich relevanten Entscheidungen der Autoren beteiligt. Dabei stellen Szenen, in denen in die »reale Welt« der Autoren gewechselt wird, für den Verlauf der Geschichte strategisch wichtige Entscheidungen dar, in diese Szenen wird die eigentliche Handlung eingebettet. So tritt der Protagonist Bertrand Russell mit seinem Vortrag »Die Rolle der Logik im menschlichen Verhalten« in Aktion. Dieser Vortrag soll die Frage klären, ob die USA dem zweiten Weltkrieg beitreten sollen oder nicht. Welche Entscheidung wäre vernünftig? Russell versucht Hilfestellung zu geben anhand der Schilderung seines eigenen Lebenswegs, der von der Suche nach Wahrheit und gesichertem Wissen gekennzeichnet ist. Sein autobiografischer Vortrag spiegelt die Suche nach gesichertem Wissen und bildet eine weitere Handlungsebene.
Die grafische Novelle behandelt nicht nur das »Wie« von Logik und Mathematik wieder, sondern auch das »Warum«. Die stetige Suche nach Wahrheit, das Ringen um Erkenntnis und gesichertes Wissen ist Russells Antrieb, sich ein Leben lang mit Intensität und Disziplin der Wissenschaft zu widmen. Dabei liegen Genie und Wahnsinn nah beieinander. An Logos und Pathos des Lesers wird appelliert: Das Emotionale lässt sich nicht strikt vom Wissenschaftlichen trennen. Der Comic schildert das Auf und Ab, die Niederlagen und Neuanfänge, die den Werken vorausgehen. Im Fokus des Comics stehen primär die Menschen hinter den Theorien. Trotz aller Bemühungen um Logik und Rationalität werden auch die genialen Köpfe von Emotionen gesteuert. Die nicht rationalen Zustände der Wissenschaftler sind teilweise Schlüsselmomente für die Entwicklung ihrer Theorien. Die erzählerische Schilderung von Russells Lebensweg ist gleichzeitig die epische Suche nach den Grundlagen der Mathematik und Logik. In all dem wird immer wieder die Frage gestellt, ob Logik nun ein Teil des menschlichen Verhaltens ist oder nicht. Ja, meint Ludwig Wittgenstein: »Logik ist die Struktur der Sprache, sie ist eingebettet wie Moniereisen, die ein Gebäude stützen.« (S. 258) Wie steht Bertrand Russell dazu? Wer diese Frage beantwortet haben will, muss den Comic lesen.
Essay
Argumenten auf der Spur
Über Logik und Sinnerzeugung des Visuellen
In welcher Verbindung stehen Visuelles und Rhetorik, wenn von einer »Visuellen Rhetorik« die Rede ist? Kann das Visuelle rhetorisch sein und das Rhetorische visuell? Besitzt das Visuelle eine eigene Rhetorik oder unterstützt es lediglich die sprachliche? Das Fazit der Diskussion über »Die Evidenz des Visuellen als Argument« lautete: Eine Möglichkeit, sich diesem Problem zu nähern, besteht darin, den Begriff des Arguments näher in Augenschein zu nehmen.
Zuerst stellt sich die Frage nach den Spezifika des Visuellen. Der Kunsthistoriker Gottfried Boehm bringt dessen Andersartigkeit gegenüber der Sprache präzise zum Ausdruck: »Die Macht des Bildes bedeutet: zu sehen geben, die Augen zu öffnen. Kurzum: zu zeigen.«[1] Volker Friedrich, Herausgeber von »Sprache für die Form«, beschreibt diese größere Unmittelbarkeit in anderen Worten: Für ihn »spricht sich [das Visuelle] nicht aus, sondern spricht an«[2], es eröffnet damit meist einen weiteren Interpretationsraum als es der Sprache gegeben ist.
Doch bedingt diese Direktheit auch eine »eigene Weise der Sinnerzeugung«[3], und wenn ja, auf welche Art und Weise? Dafür soll zunächst geklärt werden, ob Bildern eine eigene Logik zukommt.
Logik ist traditionell »als Teilgebiet der Philosophie an formale Ausdrücke und Regeln gebunden, die Bildern gerade nicht eigen sind«[4]. Ein weit gefasster Logikbegriff könnte hier weiterhelfen. Gottfried Boehm definiert »Visuelle Logik« als »konsistente Erzeugung von Sinn aus genuin bildnerischen Mitteln«[5]. Sie verfährt zwar nicht prädikativ und richtet sich nicht nach dem sprachlichen Aufbau, so der Kunsthistoriker; sie erfolgt über die Wahrnehmung. Dennoch können Teilaspekte eines eng gefassten Logikbegriffs für eine »Visuelle Logik« in Anschlag gebracht werden, argumentieren die Technikhistorikerin Martina Heßler und der Medienwissenschaftler Dieter Mersch: Das Visuelle kann argumentieren oder beweisen. Diese Sichtweise, die dem Visuellen eine eigene Logik zuschreibt, geht daher auch davon aus, dass diesem eine eigene »epistemische Struktur« innewohnt. Dies meint »ein Strukturelles, das als eine Ordnung des Zeigens ausbuchstabiert wird, wobei wiederum der Begriff der ›Ordnung‹ auf eine Grenze verweist, die dem Bildlichen besondere Fähigkeiten sowohl zuspricht als auch abspricht«[6]. Das Visuelle, als Teil des Erkenntnisprozesses verstanden, formt, ordnet und erzeugt demnach Wissen; gleichzeitig kommuniziert es dieses auch.[7]
- [1] Boehm, Gottfried: Wie Bilder Sinn erzeugen. Berlin 2007. S. 39 (Hervorhebung im Original).
- [2] 2. Friedrich, Volker: Taugt die Evidenz des Visuellen als Argument? In: ders. (Hg.): Sprache für die Form – Forum für Design und Rhetorik. Ausgabe Nr. 4, Frühjahr 2014. https://www.designrhetorik.de/?page_id=4390.
- [3] Heßler, Martina; Mersch, Dieter: Bildlogik oder Was heißt visuelles Denken? In: dieselben (Hg.): Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. Bielefeld 2009. S. 8—62. Hier: S. 9.
- [4] ebd.
- [5] Boehm, a. a. O., S. 34.
- [6] Heßler; Mersch; a. a. O., S. 10 (Hervorhebung im Original).
- [7] vgl. a. a. O., S. 11.
Buchbesprechung
»Was also geht in unseren Köpfen vor?«
Was Designer wissen sollten, um richtig zu manipulieren
Eine Sammlung über »100 Dinge, die jeder Designer über Menschen wissen muss« – so ist das Buch betitelt, und das beschreibt es genau. Es werden 100 Studien, Fakten und Theorien zum menschlichen Verhalten aus den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen präsentiert – zusammengetragen von Susan M. Weinschenk. Überspitzt ausgedrückt: Hier lernt man das Handwerk zum richtigen Manipulieren (Weinschenks neuestes Buch heißt nebenbei erwähnt: “How to get people to do stuff”). Die Autorin nennt es aber in ihrer Einleitung »die Psychologie der Gestaltung« (S. XI), obwohl die 100 Dinge weit mehr Bereiche umfassen als nur Psychologie.
Weinschenk gehört, wie sie selbst sagt, zu den »merkwürdigen Personen, die gerne Forschungsergebnisse lesen« (S. XI). In diesem Buch hat die promovierte Psychologin ihr gesammeltes Wissen über Erkenntnisse aus der Psychologie, Neurologie, Soziologie und Biologie zusammengefasst und erklärt, wie man sie nutzen kann, um bei Menschen Reaktionen auszulösen. Wenn man weiß, wie Menschen funktionieren, dann kann man auch für sie gestalten – so die Theorie.
Tatsächlich liefert »100 Dinge« eine wissenschaftliche Untermauerung für all die gestalterischen Regeln, die man sonst vielleicht mit der Erfahrung und durch die Beschäftigung mit Design und der Zielgruppe lernt. Häufig weiß man aber nicht, wie sie sich begründen. Im Buch wird zum Beispiel erläutert, welche Zeilenlänge am schnellsten und angenehmsten lesbar ist. Man hat vielleicht schon mal von der Faustregel gehört, nicht mehr als 70 Zeichen in eine Zeile zu setzen. Da könnte es manchen vielleicht noch überraschen, dass kurze Zeilen vom Leser offenbar zwar als angenehmer empfunden werden, lange aber trotzdem schneller gelesen werden. Nach der Lektüre weiß man, was die Gründe sind. Es hat mit den »Sakkaden« und »Fixationen« zu tun. Nie gehört? Dafür gibt es Susan Weinschenk, die ohne viel »Fachchinesisch« erklärt, was diese biologischen Begriffe genau mit Gestaltung zu tun haben. Im Buch spiegelt sich nach meinem Eindruck deutlich wieder, dass die Autorin aus den Bereichen »Webdesign« und »User Experience« kommt; insofern eignet sich die Lektüre eher für Webdesigner als für andere Gestalter. Viele der »100 Dinge« beziehen sich vor allem auf interaktives Design. Andere Bereiche, wie beispielsweise Printgestaltung, werden eher vernachlässigt. In ihrem ersten Buch »Neuro Web Design. What makes them click« beschäftigt sich Weinschenk ebenfalls mit dieser Thematik – nur dass der Titel es in dem Fall ganz eindeutig kommuniziert.
»100 Dinge die jeder Designer über Menschen wissen muss« ist in zehn Kapitel unterteilt, die erklären, wie Menschen sehen, lesen, erinnern, denken, sich konzentrieren, fühlen und entscheiden. Außerdem gibt es Kapitel, die sich damit beschäftigen, dass wir Fehler machen, dass wir »soziale Tiere« sind und was uns motiviert. Alles dies Bereiche, die für den Designer eine bedeutende Rolle spielen. Jedes der 100 Dinge wird kurz, meist mit Hilfe von Beispielen, erläutert und oft mit Hintergrundwissen oder weiterführender Literatur ergänzt. Außerdem hat die Autorin jedem Punkt ein Fazit beigefügt, das den direkten Übertrag ins Design liefert. So macht sie es dem Leser vielfach leichter, den direkten Zusammenhang zwischen Design und anderen wissenschaftlichen Disziplinen herzustellen.
Essay
Die Schnittstellen
Rhetorik und Eidolopoietik im klassischen System
1 Vorüberlegungen
Als Tübinger Forscher um Gert Ueding in den 1990er Jahren begannen, das moderne Wissen zur rhetorischen Disziplin im »Historischen Wörterbuch der Rhetorik« (1992–2012) zu bündeln, verstanden sie sich vor allem als Literaturwissenschaftler. Lemmata, die Brücken von der Rhetorik zu den Bildmedien schlagen, nahm das »Historische Wörterbuch« daher nur wenige auf. So zeigt etwa der im zweiten Band erschienene Artikel »Bild, Bildlichkeit« exemplarisch, wie bei einem zentralen Begriff der Ideen- und Kulturgeschichte kaum mehr als eine knappe Begriffsgeschichte, in diesem Fall von eikon und imago, mit einigen rhetorischen Textbelegen geboten wird.[1] Es ist offensichtlich, dass sich so kaum strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen Rhetorik und den Künsten aufdecken ließen, sondern dass nur einige wenige Bildkonzepte in den Blick traten, die mit rhetorischen Aspekten aufwarten können. Wenn die Autoren sich zum Beispiel mit dem wichtigen Malereitraktat Leon Battista Albertis befassen, so suchen sie nur nach rhetorischen Einflüssen auf Einzelpassagen anstatt sich mit der Rhetorizität von Albertis Bildbegriff auseinanderzusetzen.[2]
20 Jahre später konzipiert derselbe Herausgeber für denselben Verlag eine neue Reihe von »Handbüchern zur Rhetorik«, die nun systematisch angelegt sind.– Und die zuvor vernachlässigte Verbindung zwischen Rhetorik und Kunst gewinnt beträchtlich an Terrain: Die Bände zur Rhetorik der Antike und der Medien geben mehrfach auch den Künsten Raum, ganz zu schweigen vom Einzelband »Rhetorik und Bildende Kunst«, der ebendieser Verbindung eine historische Perspektive von der Antike bis in die Moderne eröffnet.[3] Was war in der Zwischenzeit geschehen? Nach der Fallstudie des Semiologen Roland Barthes »Rhétorique de l’image«[4] wurde das Thema erstmals in Tübingen im Jahr 2002 interdisziplinär angegangen. Das erste und vorerst letzte Mal versuchten Kunstwissenschaftler, Philosophen, Rhetoriker und Philologen ihre Wege zur Bildrhetorik im interdisziplinären Dialog zusammenzuführen.[5] Rückblickend kann man konstatieren, dass dieser Aufbruch zur Bildrhetorik zwischenzeitlich von einer anderen geisteswissenschaftlichen Welle überrollt wurde, nämlich dem »iconic turn«. Diejenigen, die zuvor an der Rhetorizität des Bildes wie an der bilderzeugenden Kraft der Rede ein Forschungsinteresse gezeigt hatten, wandten sich nun ganz dem Bild zu. Diese Bewegung ging so weit, dass ein genuin rhetorisches Phänomen wie der Sprechakt nun auch für den Bilddiskurs reklamiert wird – ich spreche von Horst Bredekamps »Bildakt«.[6]
2 Das antike Techne-Konzept
Was kann die klassische Rhetorik zu unseren modernen Fragen an das Bild beitragen? Zur Untersuchung dieser Frage möchte ich in der Sophistik des 5. Jahrhunderts ansetzen und einen universellen Denkansatz in den Blick nehmen, der mir als Ausgangspunkt einer visuellen Rhetorik fruchtbar erscheint. Dort ist ein Konzept zu lokalisieren, dem sowohl die Rede- wie auch die Kunstproduktion folgen, die sogenannte »vorplatonische Theorie von der Techne«.[7] Die von Felix Heinimann erschlossene Theorie ist nicht auf die Klassik beschränkt, sondern wurde in verschiedenen Phasen der Antike immer wieder aktualisiert, nicht zuletzt in der Zweiten Sophistik der Kaiserzeit. Überlieferungsgeschichtlich ist die Zweite Sophistik wiederum das Nadelör, durch das, um im Bild zu bleiben, die Kamele der antiken Kunsttheorie und der Rhetorik in die Neuzeit transferiert worden sind.
Heinimann hatte seinerzeit, 1961, vier Kennzeichen herausgearbeitet, die die Techne in der Sophistik zu erfüllen hat:[8]
1. sie hat das Ziel, Nützliches zu schaffen;
2. sie hat eine spezifische Leistung, ergon (z. B. Medizin: Gesundheit);
3. das Wissen ihres Sachverständigen dient nur dem ergon;
4. sie ist lehrbar.
Wenden wir diese Kriterien auf die Rhetorik und die Künste an, so wäre davon auszugehen, dass Reden und Bilder von allgemeinem Nutzen sind.
- [1] Asmuth, Bernhard; Redaktion; Barrasch, Moshe: Bild, Bildlichkeit. In: Ueding, Gert (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. BD 2. Tübingen 1994. Sp. 10—29.
- [2] a. a. O., Sp. 25. Grundlegend jetzt die Edition Alberti (2000).
- [3] s. demnächst Ueding, Gert (Hg.): Handbücher zur Rhetorik. Berlin, New York.
- [4] Barthes (1964).
- [5] Knape (2007). Bald nach dem Tübinger Colloquium gab W. Brassat einen thematisch verwandten, kunstwissenschaftlich ausgerichteten Sammelband heraus: Brassat (2005).
- [6] Bredekamp (2010).
- [7] Heinimann (1961).
- [8] Heinimann (1961) 105 f.