Mythen des Alltags

Die Sprühfarbe

Von Farbpartikeln und Ideen

Eini­ge von ihnen lie­gen seit meh­re­ren Mona­ten unbe­wegt in ihrer Rüs­tung und war­ten dar­auf, zum Ein­satz zu kom­men. Die Gestal­tung ihrer Rüs­tung ver­kör­pert Tra­di­ti­on und steht dar­über hin­aus für etwas Pro­fes­sio­nel­les, für eine qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Mar­ke. Unge­dul­dig war­ten sie auf ihren Zweck, zu einer gewis­sen Uhr­zeit und an einem bestimm­ten Ort zum Leben zu erwa­chen. Ihr Geist will wach­ge­schüt­telt wer­den. Wenn das geschieht, blei­ben sei­ne Ideen als Farb­par­ti­kel über meh­re­re Jah­re hin­weg sicher am Leben.

Zie­hen Sprüh­do­sen es vor, meh­re­re Jah­re hin­weg unbe­wegt lie­gen zu blei­ben, ihren Geist ein­schla­fen zu las­sen? Wohl kaum, es ver­kürz­te ihre Lebens­zeit, sie wirk­ten alt, ros­tig und geis­tig nicht mehr fit. Vor dem Ein­satz wol­len die tau­send Ideen­teil­chen vor­her gut durch­ge­schüt­telt wer­den, so wer­den sie zu einer kräf­ti­gen Mischung, die das Herz pochen lässt. Das Ven­til öff­net sich, ihr Geist kann sei­nem Zweck in die Augen schau­en. Falls die­ser Auf­takt nicht klappt, han­delt es sich um eine Kreis­lauf­stö­rung. Mit Gewalt käme man dann nicht weit, sie könn­ten so ihre Beru­fung nicht erfüllen.

Von ihren Erzeu­gern wer­den sie sehr geliebt – ihren far­bi­gen Zau­ber haben sie vom Vater, der Che­mie­in­dus­trie, die Mut­ter ist das Produktdesign.

An einem son­ni­gen Tag gehen vie­le von ihnen über die Laden­the­ke. Für eini­ge schlägt nun die Mil­li­se­kun­de der Wahr­heit. Ihre Ideen wer­den in die Atmo­sphä­re gesprüht und errei­chen den Höhe­punkt ihres Lebens: Licht­be­stän­dig­keit für die nächs­ten 17 Jah­re, kle­be­fest auf allen Unter­grün­den und wet­ter­fest. Kunst­lieb­ha­ber bekom­men Gesprächs­stoff, Fla­neu­re bli­cken auf.

Mit den Ideen ihrer Art­ge­nos­sen sind sie far­bi­ge Bün­de ein­ge­gan­gen – und haben ihr Ziel erreicht: erstar­ren bis zum Tod.

Tagungsbericht

Von den alten Griechen bis zum Game Design

Über das erste Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik

Kön­nen Bil­der argu­men­tie­ren? Was kann man sich bei den Sophis­ten abschau­en? Und lässt sich die Rhe­to­rik als Basis­theo­rie in den Gestal­tungs­un­ter­richt an Schu­len imple­men­tie­ren? Sol­chen Fra­gen stell­ten sich die Teil­neh­mer des »ers­ten Ber­ner Arbeits­tref­fens zur visu­el­len Rhe­to­rik«. Prof. Dr. phil. Arne Scheu­er­mann, Lei­ter des For­schungs­schwer­punkts Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign an der Hoch­schu­le der Küns­te Bern, und sei­ne Kol­le­gin Anni­na Schnel­ler hat­ten 13 Rhe­to­rik­spe­zia­lis­ten in die Schwei­zer Haupt­stadt gebe­ten – mit dem Ziel, For­scher und Dozen­ten zu ver­net­zen (s. Scheu­er­manns und Schnel­ler Ein­füh­rung zur Tagung). Zwei Tage lang ging man in Klau­sur – und ver­ab­schie­de­te sich schließ­lich um vie­le Aspek­te berei­chert. Wie kraft­voll die Rhe­to­rik über Jahr­hun­der­te zum einen den Schaf­fens­pro­zess und zum ande­ren die Rezep­ti­on von Kunst beein­flusst und beschrie­ben hat, wur­de in der Viel­stim­mig­keit der Bei­trä­ge deut­lich. Deut­lich wur­de aber auch, dass für eine wei­te­re und enge­re Ver­bin­dung von Theo­rie und gestal­te­ri­scher Pra­xis noch man­che Hür­de genom­men wer­den muss – und dass es rhe­to­ri­scher Kom­pe­ten­zen bedarf, um mit den kom­ple­xen Ver­zah­nun­gen von Bild und Text in moder­nen Medi­en und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men umge­hen zu können.

Einen Vor­trags­tag und einen Work­shop­tag hat­ten die Ver­an­stal­ter vor­ge­se­hen und den Haupt­re­fe­ren­ten jeweils einen Co-Refe­ren­ten zur Sei­te gestellt. In Rede und Gegen­re­de eröff­ne­ten sich so von Beginn an inspi­rie­ren­de Spannungsfelder.

[Die Namen der Refe­ren­ten sind im fol­gen­den Bericht unter den Kapi­tel­über­schrif­ten ange­führt und kur­siv gesetzt; soweit sie ihren Vor­trag für »Spra­che für die Form« zu einem Essay aus­ge­ar­bei­tet haben, sind die­se Essays mit einem Klick auf den Namen und selbst­ver­ständ­lich auch in der Rubrik »Essays« abrufbar.]

1 Grund­pro­ble­me

1.1 Die Evi­denz des Visu­el­len als Argument?
Prof. Dr. phil. Vol­ker Fried­rich, Hoch­schu­le Konstanz
Sil­ke Vet­ter-Schult­heiß, M. A., Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Darmstadt

»Taugt die Evi­denz des Visu­el­len als Argu­ment?«, das war die Aus­gangs­fra­ge von Dr. Vol­ker Fried­rich von der Hoch­schu­le Kon­stanz, eine bild­rhe­to­ri­sche Gret­chen­fra­ge sozu­sa­gen, die der Pro­fes­sor für Schrei­ben und Rhe­to­rik vor den Hin­ter­grund eines Zwei­fels dar­an stell­te, dass Bil­der unkom­men­tiert als Begrün­dung im Zuge einer Argu­men­ta­ti­on her­an­ge­zo­gen wer­den könn­ten. Viel­mehr ver­stär­ke das Visu­el­le die sprach­li­che Aus­sa­ge und umge­kehrt. Die Wir­kung bei­der sei aber unter­schied­lich: »Das Visu­el­le appel­liert nicht pri­mär an den Logos, wohl aber an Ethos und Pathos«, so Fried­rich. Der Her­aus­ge­ber von »Spra­che für die Form« sprach sich letzt­lich für eine gründ­li­che­re Unter­su­chung der Wech­sel­wir­kung von Bild und Text aus.

Fried­richs Co-Refe­ren­tin Sil­ke Vet­ter-Schult­heiß von der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Darm­stadt demons­trier­te an den ers­ten Auf­nah­men der Erde vom Welt­all aus, wie Bil­der ihrer Ansicht nach in Argu­men­ta­tio­nen funk­tio­nie­ren kön­nen – näm­lich als »Beweis«, als »Kon­struk­ti­on von Wirk­lich­keit«, letzt­lich als Hand­lungs­an­reiz. »Bil­der zei­gen etwas«, so Vet­ter-Schult­heiß im Hin­blick auf die Evi­denz-Fra­ge – und gege­be­nen­falls ver­ste­he das der Betrach­ter auch ohne Worte.

Buchbesprechung

»Das Schicksal (…) entscheidet sich in der Sprache«

Klaus Krippendorff wagt »Die semantische Wende«

Die Aus­ein­an­der­set­zung um eine umfas­sen­de Theo­rie des Designs kenn­zeich­ne­te das Inter­es­se von Klaus Krip­pen­dorff, dem welt­weit ange­se­he­nen Kyber­ne­ti­ker und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler mit einer Pro­fes­sur an der Annen­berg School for Com­mu­ni­ca­ti­on in den USA, bereits zu Zei­ten als die­ser noch Abschluss-Stu­dent an der Ulmer Hoch­schu­le in den 1960er Jah­ren war. In »Die seman­ti­sche Wen­de«, dem zunächst 2006 auf Eng­lisch, spä­ter auf Japa­nisch und Chi­ne­sisch und 2012 in deut­scher Spra­che im Birk­häu­ser Ver­lag erschie­ne­nen Kom­pen­di­um hat Krip­pen­dorff sei­ne Jahr­zehn­te lan­gen theo­re­ti­schen Bemü­hen zum The­ma einer Design­theo­rie und Pro­dukt­se­man­tik zusam­men­ge­führt. Die deut­sche Über­set­zung des 400 Sei­ten umfas­sen­den Opus hat der Leser in ers­ter Linie Ralf Michel zu ver­dan­ken, dem Her­aus­ge­ber der Publi­ka­ti­on in der von Michel kon­zi­pier­ten Rei­he »Schrif­ten zu Gestaltung«.

Was will »Die seman­ti­sche Wen­de«? Hier ist der Titel Pro­gramm, denn das Buch will nichts Gerin­ge­res als eine grund­le­gen­de Ver­än­de­rung in der Ent­wick­lung des Designs initi­ie­ren – einen Para­dig­men­wech­sel. Es will zu einer Umge­stal­tung ermu­ti­gen, indem es ers­tens durch das Auf­zei­gen der Grund­kon­zep­te eines men­schen­be­zo­ge­nen Designs die Gren­zen des Designs neu bestimmt (Kapi­tel 2), indem es zwei­tens im Rah­men die­ser Kon­zep­te neue Ansät­ze zur Seman­tik von Arte­fak­ten bereit­stellt (Kapi­tel 3—6) und indem es drit­tens kom­mu­ni­zier­ba­re und anwend­ba­re Metho­den hier­zu ent­wi­ckelt. Letz­ter Aspekt mün­det in einem undog­ma­ti­schen Wis­sen­schafts­ent­wurf für das Design und des­sen ver­ant­wor­tungs­ori­en­tier­te und leben­di­ge Dis­kur­se (Kapi­tel 7). Die beson­de­re Auf­merk­sam­keit gilt dabei immer den Begrif­fen Bedeu­tung und Men­schen­be­zo­gen­heit, das wech­sel­sei­ti­ge Ver­hält­nis die­ser Begrif­fe ist in dem fol­gen­den, für das Buch zen­tra­len Axi­om begrün­det: »Men­schen kön­nen die phy­si­ka­li­schen Eigen­schaf­ten von Din­gen weder sehen noch auf sie reagie­ren. Sie han­deln stets in Über­ein­stim­mung mit dem, was die Din­ge für sie bedeu­ten.« (vgl. S. 75)

Im Fol­gen­den wer­de ich die bereits erwähn­ten Kapi­tel (2—7) etwas näher beleuch­ten, sie bil­den den Kern der Theo­rie für das Design, die man ob der man­nig­fal­ti­gen Ein­bin­dung phi­lo­so­phi­scher Kon­zep­te und Ideen, aber auch wegen der durch­aus ana­ly­ti­schen Struk­tur schon fast selbst als eine Phi­lo­so­phie des Designs bezeich­nen könn­te. Zunächst möch­te ich jedoch dar­auf hin­wei­sen, dass das Werk aus ins­ge­samt neun Kapi­teln besteht und sowohl das ers­te als auch das ach­te und letz­te Kapi­tel selbst­ver­ständ­lich nicht unwe­sent­lich für ein all­um­fas­sen­des Ver­ste­hen der The­ma­tik sind. In die­sen Abschnit­ten geht es zu einem gro­ßen Teil um in metho­do­lo­gi­scher Hin­sicht not­wen­di­ge Demar­ka­tio­nen und Distan­zie­run­gen wie etwa um die Los­lö­sung von einer rei­nen indus­tri­el­len, tech­no­lo­gie­ge­trie­be­nen Design­dis­zi­plin als Aus­gangs­ba­sis für die zen­tra­len Erläu­te­run­gen zum human-cen­te­red design oder aber um die Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen der seman­ti­schen Wen­de im Design und ande­ren teil­wei­se damit in Ver­bin­dung gebrach­ten Dis­zi­pli­nen, allen vor­an etwa der Semio­tik. Die­se bleibt nach Krip­pen­dorff bei­spiels­wei­se in einem epis­te­mi­schen Dua­lis­mus gefan­gen, auf des­sen Grund­la­ge sie den Men­schen in sei­ner Viel­falt als Gestal­ter sei­ner eige­nen Welt nicht ange­mes­sen in den Blick bekommt. Kapi­tel neun schließt letzt­lich mit einer Rück­kopp­lung an die Zeit der Ulmer Hoch­schu­le und fragt nach mög­li­chen Wur­zeln des vor­ge­leg­ten Kon­zepts in den Ansät­zen ihrer Hauptakteure.

 

Einführung zur Tagung

Das erste Berner Arbeitstreffen zur visuellen Rhetorik

Das Ziel: Forscher und Dozenten zu vernetzen

Die Rhe­to­rik als jahr­tau­sen­de­al­te Leh­re und Pra­xis der erfolg­rei­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on erlebt seit eini­gen Jah­ren wie­der ver­mehrt Auf­merk­sam­keit. Man rea­li­siert zuneh­mend, dass die »alten Leh­ren« auch Wis­sen für die »neu­en Medi­en« bereit­hal­ten. Ins­be­son­de­re dass auch Bil­der und Design unter rhe­to­ri­schem Blick­win­kel ana­ly­siert wer­den kön­nen – und damit: geziel­ter in der Gestal­tung ein­ge­setzt wer­den kön­nen –, ist diver­sen Kunst­his­to­ri­kern, Design­theo­re­ti­ke­rin­nen, Phi­lo­so­phen und Bild­wis­sen­schaft­le­rin­nen nicht ent­gan­gen. Den­noch fehl­te bis­lang eine soli­de Ver­net­zung zwi­schen die­sen For­schen­den und Dozie­ren­den der visu­el­len Rhe­to­rik. Nahe­zu inexis­tent war zudem der Aus­tausch zwi­schen Gestal­tungs­prak­ti­kern und -theo­re­ti­kern. Es war uns des­halb schon seit län­ge­rem ein Anlie­gen, Ver­tre­ter der an ver­schie­de­nen Orten ent­stan­de­nen For­schungs- und Lehr­be­rei­che an einen Tisch zusammenzubringen.

Das ers­te Ber­ner Arbeits­tref­fen zur visu­el­len Rhe­to­rik vom 23. bis 25. Janu­ar 2014 an der Hoch­schu­le der Küns­te Bern (HKB) ver­sam­mel­te erst­mals wich­ti­ge Stim­men der Dis­zi­plin im deutsch­spra­chi­gen aka­de­mi­schen Dis­kurs zu einer gemein­sa­men Bestands­auf­nah­me und bot gleich­zei­tig dem For­schungs­nach­wuchs eine Platt­form, sich aktiv in die Dis­kus­si­on ein­zu­brin­gen. In sie­ben Blö­cken, bestehend aus Refe­rat, Co-Refe­rat und Dis­kus­si­on, wur­den Fra­gen nach der Ver­bin­dung von Gestal­tung und Rhe­to­rik erör­tert: Sind die Zusam­men­hän­ge auf der Makro­ebe­ne zu fin­den – dort, wo Theo­rie und Pra­xis mit­ein­an­der durch Regel­wer­ke und Reflek­ti­on ver­bun­den sind? Oder sind téchnē, Design­pro­zes­se und gestal­te­te Objek­te grund­sätz­lich rhe­to­risch ver­fasst? Wie sind visu­el­le »Argu­men­te« zu beschrei­ben? Wel­che visu­el­len »Figu­ren« gibt es, und wie spie­len Form und Inhalt, Wort und Bild zusam­men? Wie sind Phä­no­me­ne wie etwa die Bewe­gung oder die Vir­tua­li­tät von Bil­dern zu bestim­men? Dabei ging es nicht um die Prä­sen­ta­ti­on von fix­fer­ti­gen Theo­rien, son­dern um gegen­sei­ti­ge Anre­gung und gemein­sa­mes Weiterdenken.

Anhand von Bei­spie­len aus der Gestal­tungs­pra­xis wur­de zudem in einem Work­shop mit Agnès Lau­be gemein­sam mit Dozen­ten aus dem Bache­lor­stu­di­en­gang »Visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on« und dem Mas­ter­stu­di­en­gang »Com­mu­ni­ca­ti­on Design« an der HKB zu »Text-Bild-Bezie­hun­gen« der Bogen von der For­schung zur Leh­re, von der Theo­rie zur Pra­xis im Design geschlagen.

Als beson­ders frucht­bar für die Dis­kus­si­on erwies sich das For­mat des Arbeits­tref­fens in einer bewusst klein gehal­te­nen und unhier­ar­chisch for­mier­ten Grup­pe, in der alle – pro­fi­lier­te Wis­sen­schaft­ler wie wis­sen­schaft­li­cher Nach­wuchs – glei­cher­ma­ßen aktiv ein­ge­bun­den waren. Auch im Aus­tausch zwi­schen Wis­sen­schaft­lern und Prak­ti­ke­rin­nen wur­de teil­wei­se erst­ma­lig der Nut­zen und die Not­wen­dig­keit erkannt, sich der visu­el­len Rhe­to­rik sowohl von der Sei­te der Pra­xis als auch der­je­ni­gen der Theo­rie her anzu­nä­hern. Um die­se Ver­bin­dung her­zu­stel­len – so eines der Ergeb­nis­se unse­rer Tagung – dür­fen jedoch die rhe­to­ri­schen Begrif­fe nicht mehr im aus­schlie­ßen­den Fach­jar­gon ange­wen­det wer­den, son­dern müs­sen in all­ge­mein ver­ständ­li­chen Wor­ten erläu­tert und in Ver­bin­dung zum exis­tie­ren­den Gestal­tungs­vo­ka­bu­lar gebracht wer­den. Hilf­reich war hier­für auch, einen Über­blick zu gewin­nen, an wel­chen Schu­len und Hoch­schu­len im Bereich der visu­el­len Rhe­to­rik heu­te über­haupt unter­rich­tet wird.

Die posi­ti­ve Reso­nanz aller Teil­neh­men­den bestä­tig­te das Bedürf­nis nach und die Freu­de am gemein­sa­men Aus­tausch. Wir sind froh über das geglück­te Arbeits­tref­fen und freu­en uns schon jetzt auf eine bal­di­ge Fortsetzung.

Buchbesprechung

»Dieses Vorgehen ist falsch«

Eine Psychologie für Designer hilft, Kreativität auszuhalten

»Geh in Dei­ner Arbeit auf, nicht unter.« Jac­ques Tati

Krea­ti­vi­täts­tech­ni­ken nach Sieg­fried Prei­ser (S. 23), To-Do-Lis­ten nach der »Eisen­hower-Metho­de« (a. a. O., S. 56), »Kon­flikt­ma­nage­ment« nach Fried­rich Glasl (S. 74), »Hand­werks­zeug für bes­se­re Kom­mu­ni­ka­ti­on« des Psy­cho­lo­gen Frie­de­mann Schulz von Thun (S. 66 und S. 122ff.), wich­ti­ge Hin­wei­se zum Zeit­ma­nage­ment (S. 61) oder prak­ti­sche Tipps, sich vor Stress zu schüt­zen (S. 162) – der Psy­cho­lo­ge und Autor Frank Berz­bach hat mit »Krea­ti­vi­tät aus­hal­ten. Psy­cho­lo­gie für Desi­gner« aus zahl­rei­chen Fach­pu­bli­ka­tio­nen und Rat­ge­bern die für Desi­gner rele­van­ten Inhal­te zusam­men­ge­tra­gen und und so ein unver­zicht­ba­res Nach­schla­ge­werk geschaf­fen. Dar­in fin­den sich, auf das Wesent­li­che redu­ziert, die ent­schei­den­den Hin­wei­se, wie man zu einem erfolg­rei­che­ren und gesün­de­ren Krea­tiv­all­tag gelan­gen kann.

Zwar mögen einem vie­le Din­ge bekannt vor­kom­men, den­noch ist es etwas ganz ande­res, sie in all ihren Aus­wir­kun­gen psy­cho­lo­gisch belegt zu sehen. Man wird sich sei­ner eige­nen Arbeits­wei­se wie­der bewusst oder nimmt viel­leicht bereits Gewuss­tes erns­ter, um dann die zahl­rei­chen prak­ti­schen Hand­lungs­an­wei­sun­gen und Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge aktiv umzu­set­zen, anstatt in sei­ner all­täg­li­chen Arbeits­welt unre­flek­tiert gefan­gen zu bleiben.

Der Autor erläu­tert zum Bei­spiel die effek­tivs­te Grup­pen­grö­ße auf­grund von For­schungs­er­geb­nis­sen (S. 79) oder auch, war­um Schul­stun­den genau 45 Minu­ten lang sind, da »eine hohe Kon­zen­tra­ti­on nicht län­ger als etwa 40 Minu­ten am Stück« (S. 44) halt­bar sei. Des­halb sol­le jede Stun­de bewusst eine klei­ne Pau­se ein­legt wer­den. Somit erschei­nen Akti­vi­tä­ten wie das Sich-einen-Kaf­fee-holen oder Nur-kurz-bei-Face­book-gucken als logi­sche und unver­meid­ba­re Kon­se­quen­zen. Gute Rah­men­be­din­gun­gen, Gelas­sen­heit, der Wech­sel von Kon­zen­tra­ti­on und Los­las­sen sei­en das, wor­auf geach­tet wer­den muss.

Essay

Taugt die Evidenz des Visuellen als Argument?

Zehn Thesen als Plädoyer dafür, genauer hinzuschauen

Lie­ße sich eine Bun­des­tags­de­bat­te über Steu­er­fra­gen ohne Wor­te, in Bil­dern füh­ren? Die Fra­ge wird wohl nie­mand ernst­haft mit »ja« beant­wor­ten. Wer in der Dis­kus­si­on über visu­el­le Rhe­to­rik der Bedeu­tung der Bil­der gerecht wer­den möch­te, soll­te die Bedeu­tung der Wor­te wür­di­gen. Bil­der wie Wor­te leis­ten viel, man­ches ähn­lich, man­ches unter­schied­lich, man­ches gemein­sam bes­ser als allein. Dies gilt es genau zu betrach­ten und dabei das von­ein­an­der zu schei­den, was zu schei­den mög­lich ist. So weit, so schön – der Haken an die­sen Gedan­ken ist, dass sie Fra­gen auf­wer­fen, zu denen unzäh­li­ge Abhand­lun­gen bereits Biblio­the­ken fül­len. In ver­schie­de­nen Publi­ka­tio­nen gera­de der letz­ten Jah­re fin­den sich Aus­füh­run­gen dar­über, dass oder wie Bil­der als Argu­men­te und Grün­de genutzt wer­den könn­ten, und dabei wer­den ganz unter­schied­li­che Aspek­te ins Feld geführt.[1]

Im Fol­gen­den möch­te ich einen Aspekt auf­grei­fen, der kei­nes­falls die gesam­te Dis­kus­si­on abbil­det, aber einen Begriff unter­sucht, der in der Dis­kus­si­on über visu­el­le und Bild­rhe­to­rik von Bedeu­tung ist. Oft wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Evi­denz des Visu­el­len ja direkt spre­che, direk­ter als Wor­te – die Unmit­tel­bar­keit des bild­lich Dar­ge­stell­ten ver­mitt­le sich klar, ein­fach und deut­lich. Ja und nein, mir scheint, man soll­te etwas genau­er hin­schau­en. Es gibt Bil­der, die dem nicht ent­spre­chen, weil sie – gewollt oder unge­wollt – ver­rät­selt sind und gedeu­tet wer­den müs­sen (schö­ne Bei­spie­le dafür fin­den wir in der Rubrik »Illus­tra­tio­nen« in den Foto­gra­fien von Valen­tin Wormbs); und es gibt durch­aus Wor­te, die Klar­heit schaf­fen. Zum ande­ren ist die unmit­tel­ba­re Wir­kung, die Bil­der auf uns aus­üben kön­nen, gera­de wegen ihrer Unmit­tel­bar­keit nicht so klar, deut­lich, ver­ständ­lich, wie wir mei­nen. Gegen den Gedan­ken, die Evi­denz des Visu­el­len tau­ge als Argu­ment, tra­ge ich mit den zehn fol­gen­den The­sen Ein­wän­de vor. Soll­ten sie grei­fen, dann blie­be gleich­wohl die span­nen­de Fra­gen offen, wie eine Argu­men­ta­ti­ons­leh­re des Visu­el­len ange­gan­gen, wie von der visu­el­len Rhe­to­rik ent­wi­ckelt wer­den könnte.

Buchbesprechung

»Logik ist die Struktur der Sprache«

Bertrand Russells Wahrheitssuche als Comic

»Logi­co­mix« ist eine span­nen­de, phan­ta­sie­voll und detail­liert aus­ge­schmück­ter Bio­gra­fie des Logi­kers Bert­rand Rus­sell, die die Grund­la­gen der Mathe­ma­tik und Logik eben­so anschau­lich ver­mit­telt wie die emo­tio­na­len Zustän­de der Wis­sen­schaft­ler hin­ter die­ser Geschichte.

Ent­ste­hungs­ort des Comics ist Athen – der Ort, an dem die Wis­sen­schaft ihren Ursprung hat, der Wir­kungs­ort von Aris­to­te­les, dem ers­ten gro­ßen Sys­te­ma­ti­ker. Die Autoren Apos­to­los Doxia­dis und Chris­tos H. Papa­di­mi­triou schu­fen mit »Logi­co­mix. Eine epi­sche Suche nach der Wahr­heit« eine Geschich­te, die nach den Grund­la­gen der Mathe­ma­tik sucht. Der Comic wird sei­nem Unter­ti­tel gerecht, wobei sich »episch« weni­ger auf die fach­li­chen Aspek­te von Logik und Mathe­ma­tik bezieht, son­dern mehr auf die lebens­lan­ge Suche des Prot­ago­nis­ten Bert­rand Rus­sell nach gesi­cher­tem Wis­sen. In die­se Suche ist die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der gra­fi­schen Novel­le selbst ein­ge­bun­den. Drei Hand­lungs­ebe­nen sor­gen für Abwechs­lung, stel­len Bezü­ge her und machen aus einer Bio­gra­fie eine span­nungs­rei­che Geschichte.

Rus­sells Erin­ne­run­gen an seine Kindheit

Rus­sells Erin­ne­run­gen an sei­ne Kindheit

Der Leser wird in der Rah­men­hand­lung an der Ent­ste­hung des Comics und den inhalt­lich rele­van­ten Ent­schei­dun­gen der Autoren betei­ligt. Dabei stel­len Sze­nen, in denen in die »rea­le Welt« der Autoren gewech­selt wird, für den Ver­lauf der Geschich­te stra­te­gisch wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen dar, in die­se Sze­nen wird die eigent­li­che Hand­lung ein­ge­bet­tet. So tritt der Prot­ago­nist Bert­rand Rus­sell mit sei­nem Vor­trag »Die Rol­le der Logik im mensch­li­chen Ver­hal­ten« in Akti­on. Die­ser Vor­trag soll die Fra­ge klä­ren, ob die USA dem zwei­ten Welt­krieg bei­tre­ten sol­len oder nicht. Wel­che Ent­schei­dung wäre ver­nünf­tig? Rus­sell ver­sucht Hil­fe­stel­lung zu geben anhand der Schil­de­rung sei­nes eige­nen Lebens­wegs, der von der Suche nach Wahr­heit und gesi­cher­tem Wis­sen gekenn­zeich­net ist. Sein auto­bio­gra­fi­scher Vor­trag spie­gelt die Suche nach gesi­cher­tem Wis­sen und bil­det eine wei­te­re Handlungsebene.

Die gra­fi­sche Novel­le behan­delt nicht nur das »Wie« von Logik und Mathe­ma­tik wie­der, son­dern auch das »War­um«. Die ste­ti­ge Suche nach Wahr­heit, das Rin­gen um Erkennt­nis und gesi­cher­tes Wis­sen ist Rus­sells Antrieb, sich ein Leben lang mit Inten­si­tät und Dis­zi­plin der Wis­sen­schaft zu wid­men. Dabei lie­gen Genie und Wahn­sinn nah bei­ein­an­der. An Logos und Pathos des Lesers wird appel­liert: Das Emo­tio­na­le lässt sich nicht strikt vom Wis­sen­schaft­li­chen tren­nen. Der Comic schil­dert das Auf und Ab, die Nie­der­la­gen und Neu­an­fän­ge, die den Wer­ken vor­aus­ge­hen. Im Fokus des Comics ste­hen pri­mär die Men­schen hin­ter den Theo­rien. Trotz aller Bemü­hun­gen um Logik und Ratio­na­li­tät wer­den auch die genia­len Köp­fe von Emo­tio­nen gesteu­ert. Die nicht ratio­na­len Zustän­de der Wis­sen­schaft­ler sind teil­wei­se Schlüs­sel­mo­men­te für die Ent­wick­lung ihrer Theo­rien. Die erzäh­le­ri­sche Schil­de­rung von Rus­sells Lebens­weg ist gleich­zei­tig die epi­sche Suche nach den Grund­la­gen der Mathe­ma­tik und Logik. In all dem wird immer wie­der die Fra­ge gestellt, ob Logik nun ein Teil des mensch­li­chen Ver­hal­tens ist oder nicht. Ja, meint Lud­wig Witt­gen­stein: »Logik ist die Struk­tur der Spra­che, sie ist ein­ge­bet­tet wie Monier­ei­sen, die ein Gebäu­de stüt­zen.« (S. 258) Wie steht Bert­rand Rus­sell dazu? Wer die­se Fra­ge beant­wor­tet haben will, muss den Comic lesen.

Essay

Argumenten auf der Spur

Über Logik und Sinnerzeugung des Visuellen

In wel­cher Ver­bin­dung ste­hen Visu­el­les und Rhe­to­rik, wenn von einer »Visu­el­len Rhe­to­rik« die Rede ist? Kann das Visu­el­le rhe­to­risch sein und das Rhe­to­ri­sche visu­ell? Besitzt das Visu­el­le eine eige­ne Rhe­to­rik oder unter­stützt es ledig­lich die sprach­li­che? Das Fazit der Dis­kus­si­on über »Die Evi­denz des Visu­el­len als Argu­ment« lau­te­te: Eine Mög­lich­keit, sich die­sem Pro­blem zu nähern, besteht dar­in, den Begriff des Argu­ments näher in Augen­schein zu nehmen.

Zuerst stellt sich die Fra­ge nach den Spe­zi­fi­ka des Visu­el­len. Der Kunst­his­to­ri­ker Gott­fried Boehm bringt des­sen Anders­ar­tig­keit gegen­über der Spra­che prä­zi­se zum Aus­druck: »Die Macht des Bil­des bedeu­tet: zu sehen geben, die Augen zu öff­nen. Kurz­um: zu zei­gen[1] Vol­ker Fried­rich, Her­aus­ge­ber von »Spra­che für die Form«, beschreibt die­se grö­ße­re Unmit­tel­bar­keit in ande­ren Wor­ten: Für ihn »spricht sich [das Visu­el­le] nicht aus, son­dern spricht an«[2], es eröff­net damit meist einen wei­te­ren Inter­pre­ta­ti­ons­raum als es der Spra­che gege­ben ist.

Doch bedingt die­se Direkt­heit auch eine »eige­ne Wei­se der Sinn­erzeu­gung«[3], und wenn ja, auf wel­che Art und Wei­se? Dafür soll zunächst geklärt wer­den, ob Bil­dern eine eige­ne Logik zukommt.

Logik ist tra­di­tio­nell »als Teil­ge­biet der Phi­lo­so­phie an for­ma­le Aus­drü­cke und Regeln gebun­den, die Bil­dern gera­de nicht eigen sind«[4]. Ein weit gefass­ter Logik­be­griff könn­te hier wei­ter­hel­fen. Gott­fried Boehm defi­niert »Visu­el­le Logik« als »kon­sis­ten­te Erzeu­gung von Sinn aus genu­in bild­ne­ri­schen Mit­teln«[5]. Sie ver­fährt zwar nicht prä­di­ka­tiv und rich­tet sich nicht nach dem sprach­li­chen Auf­bau, so der Kunst­his­to­ri­ker; sie erfolgt über die Wahr­neh­mung. Den­noch kön­nen Teil­aspek­te eines eng gefass­ten Logik­be­griffs für eine »Visu­el­le Logik« in Anschlag gebracht wer­den, argu­men­tie­ren die Tech­nik­his­to­ri­ke­rin Mar­ti­na Heß­ler und der Medi­en­wis­sen­schaft­ler Die­ter Mersch: Das Visu­el­le kann argu­men­tie­ren oder bewei­sen. Die­se Sicht­wei­se, die dem Visu­el­len eine eige­ne Logik zuschreibt, geht daher auch davon aus, dass die­sem eine eige­ne »epis­te­mi­sche Struk­tur« inne­wohnt. Dies meint »ein Struk­tu­rel­les, das als eine Ord­nung des Zei­gens aus­buch­sta­biert wird, wobei wie­der­um der Begriff der ›Ord­nung‹ auf eine Gren­ze ver­weist, die dem Bild­li­chen beson­de­re Fähig­kei­ten sowohl zuspricht als auch abspricht«[6]. Das Visu­el­le, als Teil des Erkennt­nis­pro­zes­ses ver­stan­den, formt, ord­net und erzeugt dem­nach Wis­sen; gleich­zei­tig kom­mu­ni­ziert es die­ses auch.[7]

 

Buchbesprechung

»Was also geht in unseren Köpfen vor?«

Was Designer wissen sollten, um richtig zu manipulieren

Eine Samm­lung über »100 Din­ge, die jeder Desi­gner über Men­schen wis­sen muss« – so ist das Buch beti­telt, und das beschreibt es genau. Es wer­den 100 Stu­di­en, Fak­ten und Theo­rien zum mensch­li­chen Ver­hal­ten aus den ver­schie­dens­ten wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­pli­nen prä­sen­tiert – zusam­men­ge­tra­gen von Sus­an M. Wein­schenk. Über­spitzt aus­ge­drückt: Hier lernt man das Hand­werk zum rich­ti­gen Mani­pu­lie­ren (Wein­schenks neu­es­tes Buch heißt neben­bei erwähnt: “How to get peo­p­le to do stuff”). Die Autorin nennt es aber in ihrer Ein­lei­tung »die Psy­cho­lo­gie der Gestal­tung« (S. XI), obwohl die 100 Din­ge weit mehr Berei­che umfas­sen als nur Psychologie.

Wein­schenk gehört, wie sie selbst sagt, zu den »merk­wür­di­gen Per­so­nen, die ger­ne For­schungs­er­geb­nis­se lesen« (S. XI). In die­sem Buch hat die pro­mo­vier­te Psy­cho­lo­gin ihr gesam­mel­tes Wis­sen über Erkennt­nis­se aus der Psy­cho­lo­gie, Neu­ro­lo­gie, Sozio­lo­gie und Bio­lo­gie zusam­men­ge­fasst und erklärt, wie man sie nut­zen kann, um bei Men­schen Reak­tio­nen aus­zu­lö­sen. Wenn man weiß, wie Men­schen funk­tio­nie­ren, dann kann man auch für sie gestal­ten – so die Theorie.

Tat­säch­lich lie­fert »100 Din­ge« eine wis­sen­schaft­li­che Unter­maue­rung für all die gestal­te­ri­schen Regeln, die man sonst viel­leicht mit der Erfah­rung und durch die Beschäf­ti­gung mit Design und der Ziel­grup­pe lernt. Häu­fig weiß man aber nicht, wie sie sich begrün­den. Im Buch wird zum Bei­spiel erläu­tert, wel­che Zei­len­län­ge am schnells­ten und ange­nehms­ten les­bar ist. Man hat viel­leicht schon mal von der Faust­re­gel gehört, nicht mehr als 70 Zei­chen in eine Zei­le zu set­zen. Da könn­te es man­chen viel­leicht noch über­ra­schen, dass kur­ze Zei­len vom Leser offen­bar zwar als ange­neh­mer emp­fun­den wer­den, lan­ge aber trotz­dem schnel­ler gele­sen wer­den. Nach der Lek­tü­re weiß man, was die Grün­de sind. Es hat mit den »Sak­ka­den« und »Fix­a­tio­nen« zu tun. Nie gehört? Dafür gibt es Sus­an Wein­schenk, die ohne viel »Fach­chi­ne­sisch« erklärt, was die­se bio­lo­gi­schen Begrif­fe genau mit Gestal­tung zu tun haben. Im Buch spie­gelt sich nach mei­nem Ein­druck deut­lich wie­der, dass die Autorin aus den Berei­chen »Web­de­sign« und »User Expe­ri­ence« kommt; inso­fern eig­net sich die Lek­tü­re eher für Web­de­si­gner als für ande­re Gestal­ter. Vie­le der »100 Din­ge« bezie­hen sich vor allem auf inter­ak­ti­ves Design. Ande­re Berei­che, wie bei­spiels­wei­se Print­ge­stal­tung, wer­den eher ver­nach­läs­sigt. In ihrem ers­ten Buch »Neu­ro Web Design. What makes them click« beschäf­tigt sich Wein­schenk eben­falls mit die­ser The­ma­tik – nur dass der Titel es in dem Fall ganz ein­deu­tig kommuniziert.

»100 Din­ge die jeder Desi­gner über Men­schen wis­sen muss« ist in zehn Kapi­tel unter­teilt, die erklä­ren, wie Men­schen sehen, lesen, erin­nern, den­ken, sich kon­zen­trie­ren, füh­len und ent­schei­den. Außer­dem gibt es Kapi­tel, die sich damit beschäf­ti­gen, dass wir Feh­ler machen, dass wir »sozia­le Tie­re« sind und was uns moti­viert. Alles dies Berei­che, die für den Desi­gner eine bedeu­ten­de Rol­le spie­len. Jedes der 100 Din­ge wird kurz, meist mit Hil­fe von Bei­spie­len, erläu­tert und oft mit Hin­ter­grund­wis­sen oder wei­ter­füh­ren­der Lite­ra­tur ergänzt. Außer­dem hat die Autorin jedem Punkt ein Fazit bei­gefügt, das den direk­ten Über­trag ins Design lie­fert. So macht sie es dem Leser viel­fach leich­ter, den direk­ten Zusam­men­hang zwi­schen Design und ande­ren wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­pli­nen herzustellen.

Essay

Die Schnittstellen

Rhetorik und Eidolopoietik im klassischen System

1 Vor­über­le­gun­gen

Als Tübin­ger For­scher um Gert Ueding in den 1990er Jah­ren began­nen, das moder­ne Wis­sen zur rhe­to­ri­schen Dis­zi­plin im »His­to­ri­schen Wör­ter­buch der Rhe­to­rik« (1992–2012) zu bün­deln, ver­stan­den sie sich vor allem als Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler. Lem­ma­ta, die Brü­cken von der Rhe­to­rik zu den Bild­me­di­en schla­gen, nahm das »His­to­ri­sche Wör­ter­buch« daher nur weni­ge auf. So zeigt etwa der im zwei­ten Band erschie­ne­ne Arti­kel »Bild, Bild­lich­keit« exem­pla­risch, wie bei einem zen­tra­len Begriff der Ideen- und Kul­tur­ge­schich­te kaum mehr als eine knap­pe Begriffs­ge­schich­te, in die­sem Fall von eikon und ima­go, mit eini­gen rhe­to­ri­schen Text­be­le­gen gebo­ten wird.[1] Es ist offen­sicht­lich, dass sich so kaum struk­tu­rel­le Gemein­sam­kei­ten zwi­schen Rhe­to­rik und den Küns­ten auf­de­cken lie­ßen, son­dern dass nur eini­ge weni­ge Bild­kon­zep­te in den Blick tra­ten, die mit rhe­to­ri­schen Aspek­ten auf­war­ten kön­nen. Wenn die Autoren sich zum Bei­spiel mit dem wich­ti­gen Male­rei­trak­tat Leon Bat­tis­ta Alber­tis befas­sen, so suchen sie nur nach rhe­to­ri­schen Ein­flüs­sen auf Ein­zel­pas­sa­gen anstatt sich mit der Rhe­to­ri­zi­tät von Alber­tis Bild­be­griff aus­ein­an­der­zu­set­zen.[2]

20 Jah­re spä­ter kon­zi­piert der­sel­be Her­aus­ge­ber für den­sel­ben Ver­lag eine neue Rei­he von »Hand­bü­chern zur Rhe­to­rik«, die nun sys­te­ma­tisch ange­legt sind.– Und die zuvor ver­nach­läs­sig­te Ver­bin­dung zwi­schen Rhe­to­rik und Kunst gewinnt beträcht­lich an Ter­rain: Die Bän­de zur Rhe­to­rik der Anti­ke und der Medi­en geben mehr­fach auch den Küns­ten Raum, ganz zu schwei­gen vom Ein­zel­band »Rhe­to­rik und Bil­den­de Kunst«, der eben­die­ser Ver­bin­dung eine his­to­ri­sche Per­spek­ti­ve von der Anti­ke bis in die Moder­ne eröff­net.[3] Was war in der Zwi­schen­zeit gesche­hen? Nach der Fall­stu­die des Semio­lo­gen Roland Bar­thes »Rhé­to­ri­que de l’image«[4] wur­de das The­ma erst­mals in Tübin­gen im Jahr 2002 inter­dis­zi­pli­när ange­gan­gen. Das ers­te und vor­erst letz­te Mal ver­such­ten Kunst­wis­sen­schaft­ler, Phi­lo­so­phen, Rhe­to­ri­ker und Phi­lo­lo­gen ihre Wege zur Bild­rhe­to­rik im inter­dis­zi­pli­nä­ren Dia­log zusam­men­zu­füh­ren.[5] Rück­bli­ckend kann man kon­sta­tie­ren, dass die­ser Auf­bruch zur Bild­rhe­to­rik zwi­schen­zeit­lich von einer ande­ren geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Wel­le über­rollt wur­de, näm­lich dem »ico­nic turn«. Die­je­ni­gen, die zuvor an der Rhe­to­ri­zi­tät des Bil­des wie an der bil­der­zeu­gen­den Kraft der Rede ein For­schungs­in­ter­es­se gezeigt hat­ten, wand­ten sich nun ganz dem Bild zu. Die­se Bewe­gung ging so weit, dass ein genu­in rhe­to­ri­sches Phä­no­men wie der Sprech­akt nun auch für den Bild­dis­kurs rekla­miert wird – ich spre­che von Horst Bre­de­kamps »Bild­akt«.[6]

2 Das anti­ke Techne-Konzept

Was kann die klas­si­sche Rhe­to­rik zu unse­ren moder­nen Fra­gen an das Bild bei­tra­gen? Zur Unter­su­chung die­ser Fra­ge möch­te ich in der Sophis­tik des 5. Jahr­hun­derts anset­zen und einen uni­ver­sel­len Denk­an­satz in den Blick neh­men, der mir als Aus­gangs­punkt einer visu­el­len Rhe­to­rik frucht­bar erscheint. Dort ist ein Kon­zept zu loka­li­sie­ren, dem sowohl die Rede- wie auch die Kunst­pro­duk­ti­on fol­gen, die soge­nann­te »vor­pla­to­ni­sche Theo­rie von der Tech­ne«.[7] Die von Felix Hei­ni­mann erschlos­se­ne Theo­rie ist nicht auf die Klas­sik beschränkt, son­dern wur­de in ver­schie­de­nen Pha­sen der Anti­ke immer wie­der aktua­li­siert, nicht zuletzt in der Zwei­ten Sophis­tik der Kai­ser­zeit. Über­lie­fe­rungs­ge­schicht­lich ist die Zwei­te Sophis­tik wie­der­um das Nadelör, durch das, um im Bild zu blei­ben, die Kame­le der anti­ken Kunst­theo­rie und der Rhe­to­rik in die Neu­zeit trans­fe­riert wor­den sind.

Hei­ni­mann hat­te sei­ner­zeit, 1961, vier Kenn­zei­chen her­aus­ge­ar­bei­tet, die die Tech­ne in der Sophis­tik zu erfül­len hat:[8]
1. sie hat das Ziel, Nütz­li­ches zu schaffen;
2. sie hat eine spe­zi­fi­sche Leis­tung, ergon (z. B. Medi­zin: Gesundheit);
3. das Wis­sen ihres Sach­ver­stän­di­gen dient nur dem ergon;
4. sie ist lehrbar.

Wen­den wir die­se Kri­te­ri­en auf die Rhe­to­rik und die Küns­te an, so wäre davon aus­zu­ge­hen, dass Reden und Bil­der von all­ge­mei­nem Nut­zen sind.

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